Keine Sorge, die Beter sterben nicht aus

9. Januar 2017 von redaktionguh  
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Zu einer Woche des Gebetes über Konfessionsgrenzen hinweg ruft die Weltweite Evangelische Allianz zum 171. Mal in der zweiten Januarwoche auf. Harald Krille sprach darüber mit Michael Eggert, Pfarrer der EKM und Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz.

Herr Eggert, man hatte in den vergangenen Jahren manchmal den Eindruck, dass die Allianzgebetswoche so eine Art Auslaufmodell ist und die letzten treuen Beter allmählich weg­sterben …
Eggert:
Ich kann Sie beruhigen: Die Angst, dass die Beter aussterben, ist unberechtigt. Denn Gott erweckt sich stets neue Beter. Das sehen wir auch in der Allianz im Bereich von Mitteldeutschland, den ich überblicke. So gibt es beispielsweise hier in Weimar wirklich sehr viele Menschen und Gruppen, die das Gebet für die Stadt und die Gemeinde Jesu auf dem Herzen haben. Ich habe selbst erlebt, wie ein koreanischer Dirigent, der Christ ist, das erste Mal nach Weimar kam, aus dem Bahnhof trat und sagte: »Ich fühle, dass diese Stadt voller Gebet ist.«

Grafik: G+H

Die 1846 in London gegründete Evangelische Allianz verstand sich von Anfang an als konfessions- und denominationsübergreifende Einigungsbewegung. Getragen wurde und wird sie von Einzelpersönlichkeiten aus verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften. Eines der wichtigsten Anliegen war von Beginn an das gemeinsame Gebet, zu dem bereits bei der Gründungsversammlung aufgerufen wurde. In mindestens 71 Orten der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sowie der anhaltischen Kirche treffen sich nach den Recherchen von »Glaube + Heimat« und der regionalen Allianzbeauftragten in der kommenden Woche Christen zum gemeinsamen Gebet. Sollte Ihr Ort nicht dabei sein, so liegt dies daran, dass er weder uns noch der Allianz bekannt war. Bitte melden Sie sich in diesem Fall in der Redaktion, Telefon: (0 36 43) 24 61-20. (Grafik: G+H)

Ich glaube, dass Gebet das entscheidende Fundament unseres Glaubens und Wirkens als Christen ist und dass deshalb auch die Allianzgebetswoche kein Auslaufmodell, sondern nach wie vor ein Zukunftsmodell ist. Es gibt meines Wissens keine andere christliche Veranstaltung, die seit 171 Jahren in dieser Weise jährlich stattfindet. Das ist einmalig und zeigt, dass hier der Kern unseres Glaubens verankert ist.

Nun ist Weimar eine größere Stadt mit internationalem Flair – aber wie sieht es in der Fläche aus?
Eggert:
Als Mitglied im Hauptvorstand der Allianz nehme ich am sogenannten »Kon-Takt-Programm« teil. Dabei geht es darum, Kontakt zu den örtlichen Allianzarbeiten in einem ganz bestimmten geografischen Bereich zu halten und sie nach Möglichkeit zu unterstützen. Und da habe ich herausgefunden, dass es den einen oder anderen Ort gibt, in dem es die Gebetswoche oder überhaupt die Allianzarbeit nicht mehr gibt, weil sie an einzelnen Familien oder Personen hing. Dafür hab ich aber andere aufgespürt, die wir bisher noch gar nicht im Blick hatten. Und dafür bin ich sehr dankbar. Die Allianzarbeit lebt, nicht nur in Weimar.

Wer trägt eigentlich die Gebetswoche in den Orten? Wer ist Allianz?
Eggert:
Die Allianz ist ja ein Netzwerk. Es gibt keine Mitgliedschaft. Es sind die, die das Gebet auf dem Herzen haben und denen die Einheit der Christen wichtig ist. In Thüringen ist es oft so, dass die Leiter oder Vorsitzenden der Landeskirchlichen Gemeinschaften in die Verantwortung eintreten und federführend sind. Aber einige Leiter sind auch in anderen Kirchen tätig. In Erfurt beispielsweise trägt der Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde die Verantwortung. Und es gibt ganz viele Ehrenamtliche, die etwa die Gebetswochen organisieren.

Der Name Evangelische Allianz klingt so, als ob nur Protestanten teilnehmen können.
Eggert:
Mitmachen kann jeder, der die Grundsätze der Allianzarbeit befürwortet. In vielen Orten in Deutschland arbeiten auch katholische Christen in der Allianzarbeit mit, kommt man zu Gebetsabenden in katholischen Gotteshäusern zusammen, so auch in Weimar seit einigen Jahren. Hier ist auch die einzige russisch-
orthodoxe Gemeinde Thüringens mit dabei. Zu den Abenden der Allianzgebetswoche können wir zwar nicht in die orthodoxe Kirche, weil der historische Friedhof, auf dem sie liegt, abends verschlossen wird. Aber der orthodoxe Priester beteiligt sich seit einigen Jahren an den Abenden. Und einmal im Jahr sind wir in unserer monatlichen Reihe »Gebet für Weimar« auch in der orthodoxen Kirche zu Gast.

Wie läuft so ein Gebetsabend konkret ab? Werden da Gebete verlesen oder muss jeder frei beten?
Eggert:
Ein Gebetsabend verläuft in der Regel so, dass es nach einer Begrüßung und möglicherweise dem Grußwort des Gastgebers meistens Musik gibt, einige Lieder gesungen werden oder sich auch Chöre beteiligen. Es folgen ein kurzes Wort, also eine Andacht zu dem jeweils vorgegebenen Thema sowie Informationen zu konkreten Gebetsanliegen.

Illustration: Balintseby/Freepik.com

Illustration: Balintseby/Freepik.com

Und dann gibt es die eigentliche Gebetszeit. Die wird vollkommen unterschiedlich gestaltet. In größeren Räumen und bei vielen Teilnehmern ist es in der Regel so, dass man kleine Gruppen bildet. Da ist dann auch Raum für das freie Gebet. Doch die Verantwortlichen haben auch die Freiheit, formulierte Gebete vorzutragen, und die Gemeinde betet dann in der Stille. Es gibt da keine festen Regeln. Es gibt nur die Regel, dass man das, was der Gastgeber oder der Verantwortliche tut, mit vollzieht.

Sie sprachen von thematischen Vorgaben, wer erstellt die?
Eggert:
Diese Vorgaben werden jedes Jahr von der Deutschen Evangelischen Allianz erarbeitet, in einem Begleitheft zusammengefasst und auf Anforderung an die Gebetsorte verschickt. So kann sich jeder schon vorher über die Themen der Abende und die Gebetsvorschläge informieren. Aber es steht auch frei, eigene Schwerpunkte einzubringen. Wenn wir beispielsweise im Weimarer Rathaus oder in der Stadtverwaltung sind, beten wir natürlich auch für die Stadt, selbst wenn es an diesem Abend nicht im Heft steht.

Was ist dieses Jahr thematischer Schwerpunkt?
Eggert:
Das Oberthema in diesem Jahr heißt »Einzigartig« und greift die vier »Sola« der Reformation auf: allein Christus, allein die Bibel, allein die Gnade und allein der Glaube. Die werden in den Mittelpunkt gerückt.

Wie fromm muss man sein, um zur Allianzgebetswoche zu gehen?
Eggert:
Fromm ist ein schwieriger Begriff, der ja meist sehr unterschiedlich gefüllt wird. Ich denke: Jeder, dem es ein Anliegen ist, vor Gott für die Welt, für seine Gemeinde und für die Einheit der Christen einzutreten, der sollte kommen. Es ist ja oft so, dass Mitglieder unserer Landeskirche das freie Gebet nicht so kennen. Deshalb: Jeder kann und soll an den Abenden so beten, wie es ihm selbst gemäß ist. Gern laut, aber ebenso gern im Stillen. Wichtig ist allein, dass wir nicht nur über das Gebet reden, sondern es auch tun.

Volksmusik und -kirche

19. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Er war der unbestrittene »King of the Kings« der DDR-Volksmusikszene: Herbert Roth wäre am 14. Dezember 90 Jahre alt geworden. Dank der Schallplatte und des DDR-Fernsehens bin ich mit ihm und seinen Liedern quasi aufgewachsen. Mein Vater war absoluter Volksmusik-Fan und der heute noch in meinem Besitz befindliche Stapel seiner Vinylscheiben bringt etliche Kilo auf die Waage. Für mich als 14-, 15-Jährigen war es vor allem peinlich, wenn aus unseren Fenstern wieder und wieder das »Rennsteiglied« oder »Kleines Haus am Wald« auf die Straße drang. Inzwischen kann ich die Lieder auf der Basis der »versöhnten Verschiedenheit« tolerieren.
Was freilich kaum jemand weiß: Der gefeierte Suhler Barde, der nicht nur Volkslieder komponierte und sang, sondern unter Pseudonym auch so manchen DDR-Schlager schuf, der Träger der »Ehrenmedaille der Nationalen Front« und des »Vaterländischen Verdienstordens der DDR« in Gold, war und blieb Zeit seines Lebens Mitglied der evangelischen Kirche, wie mir seine Tochter Karin Roth bestätigte. Und zahlte damit bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1983 auch so manches nette Sümmchen an Kirchensteuern.
Die Familie von Herbert Roth verließ allerdings nach seiner Beerdigung die Kirche. Der Anlass ist aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar: Weil die offizielle Trauerfeier in Anwesenheit von DDR-Oberen als »weltliche« Feier firmierte, verweigerte die Kirchengemeinde damals das von Roth ausdrücklich gewünschte Glockengeläut.
Wie sich manche Menschen an Musikstilen reiben, reiben sich andere an der Kirche. Das ist leider bis heute so. So erklärte erst jüngst ein prominentes Mitglied der EKM gegenüber der Landesbischöfin seinen Austritt (siehe Seite 5).

Harald Krille

Denk mal!

13. November 2016 von redaktionguh  
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Der Volkstrauertag ist in Deutschland ein staatlicher Gedenktag und gehört zu den sogenannten stillen Tagen. Er wird seit 1952 zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag begangen und erinnert an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen.«

So beschreibt die Internet-Enzyklopädie Wikipedia Sinn und Inhalt dieses Tages, den wir an diesem Sonntag begehen. Die unzähligen Toten zweier Weltkriege, an die auf vielen Denkmälern und Gedenktafeln im Lande auf Dorfplätzen, Friedhöfen und auch in Kirchen erinnert wird, sollen uns wahrlich eine Mahnung sein. Wie oft finden sich darauf Namensreihen von Geschwistern, nicht selten sogar von Vätern und Söhnen. Die gelegentliche Polemik gegen die »Kriegerdenkmäler« übersieht allzu schnell die Notwendigkeit solchen Erinnerns wie auch das legitime Bedürfnis nach dem würdigen Gedenken an die eigenen Familienangehörigen. Nichts gegen Denkmäler, solange sie uns zum Nachdenken herausfordern.

Problematisch wird es, wenn solche Denkmäler erneut zum Platz fragwürdiger Verherrlichung der Vergangenheit werden. Oder wenn ohne viel Überlegung in diesem Zusammenhang wieder vom »Ehrenmal« gesprochen wird. Nicht nur bei irgendwelchen rechten Gruppierungen, sondern beispielsweise auch im Veranstaltungsplan einer Kirchengemeinde in der Region Gera. Was, bitteschön, war ehrenvoll am Verrecken im Grabenkrieg vor Verdun, im Giftgasnebel vor Ypern? Was war ehrenvoll am Sturm der Wehrmacht durch Polen, Frankreich, Griechenland oder der Sowjetunion? Dabei braucht man noch nicht einmal nur an die Massaker zu denken, die, wie wir wissen, nicht nur von SS- und Polizeieinheiten in den besetzten Gebieten begangen wurden.

Deshalb: Ja zum Gedenken, nein zur Verehrung.

Harald Krille

Streit im Namen des Königs

24. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Bizarrer Konflikt: Im Bereich der EKM gibt es mittlerweile zwei Hilfsvereine, die sich auf den Namen des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf (1594–1632) berufen.

Die Geschichte: Es begann im 19. Jahrhundert in Sachsen und Hessen. Protestantische Christen wollten Glaubensgeschwistern helfen, die als Minderheiten in katholischen oder orthodoxen Ländern lebten. Bald entstanden hin und her Hilfsvereine, die sich auf den Namen des Schwedenkönigs Gustav Adolf bezogen. Man schuf eine gemeinsame Plattform in Leipzig, die seit 1948 als Gustav-Adolf-Werk (GAW) firmiert. Ost und West gingen in DDR-Zeiten notgedrungen getrennte Wege, hielten aber an der Gemeinschaft fest. 1992 gründete sich das gemeinsame GAW als Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) neu und nahm seinen alten Sitz in Leipzig ein.

In der Thüringer Kirche wie in der der Kirchenprovinz Sachsen gab es ebenfalls selbstständige Gustav-Adolf-Werke, die in den jeweiligen Landeskirchen die Hilfswerksidee vertraten, Spenden sammelten. Alles ging gut, bis sich 2009 die beiden Landeskirchen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zusammenschlossen.

Die Spitzen beider GAW-Vereine aus Thüringen und Sachen-Anhalt verhandelten miteinander, stellten die Weichen ebenfalls auf Zusammenschluss. Ein Verein mit zwei Untergruppen sollte entstehen. Doch im Thüringer Vorstand kam es zur Revolte. Man wollte die seit 150 Jahren bestehende Selbstständigkeit nicht aufgeben. Der Vorsitzende trat daraufhin zurück, ein neuer Vorstand formierte sich.

Der Konflikt: Vonseiten der Landeskirche entschied man administrativ. Ein neues GAW der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland wurde 2012 gegründet, das provinzsächsische Werk löste sich selbst auf. Den widerständigen Thüringern teilte man kurzerhand den kirchenamtlichen Beschluss zur Aufhebung des GAW der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen (GAW LKTh) mit. Doch die Verantwortlichen legten Widerspruch ein und beriefen sich darauf, dass sie auch als Werk der Kirche in DDR-Zeit ein selbstständiger Verein geblieben seien, der nur von der ordentlichen Mitgliederversammlung aufgelöst werden könne.

Die Eskalation: Die Kirchenleitung reagierte unter anderem mit Disziplinarverfahren gegen den Vorsitzenden, Pfarrer Johannes-Christian Burmeister, den Stellvertreter, Pfarrer Martin Michaelis, und zwei weitere Vorstandsmitglieder. Harte Vorwürfe standen im Raum: Schädigung des Ansehens der EKM, Amtsmissbrauch, Dienstsiegelmissbrauch. Michaelis musste wegen des Verfahrens unter anderem sein Amt als gewählter Vorsitzender der Pfarrervertretung der EKM ruhen lassen.

Die Rehabilitation: 2015 traf man sich vor dem Verwaltungsgericht der EKD in Hannover wieder. Dort holte sich die Landeskirche allerdings eine juristische Abfuhr. Am Ende schloss man einen Vergleich, dessen Kernsatz die aufmüpfigen Pfarrer bestätigte: »Die Beklagte (die EKM – d. Red.) erkennt an, dass das GAW LKTh als nichtrechtsfähiger Verein (…) außerhalb der Kirche fortbesteht. Dessen Name wird in ›Lutherischer Gustav-Adolf-Verein Thüringen‹ geändert.« Außerdem seien alle Disziplinarverfahren einzustellen, eingezogene Gegenstände und Unterlagen an den Verein zurückzugeben.

Die unterschiedlichen Sichten: Für das Gustav-Adolf-Werk der EKM ist ebenso wie für die Leipziger Zentrale klar, dass der neue alte Verein nichts mehr mit dem Gustav-Adolf-Werk zu tun hat. Er sei ein freier Hilfsverein außerhalb der Kirche, wie ihn jede Person gründen könne. »Schon der Name ist für uns ein Widerspruch in sich«, erklären der Hallenser Propst Johann Schneider als Vorsitzender des GAW der EKM sowie der Leipziger GAW-Generalsekretär Enno Haaks unisono. Unterstütze das Hilfswerk doch weltweit evangelische Gemeinden ohne Fokussierung auf die lutherische Fraktion. Der Lutherische Gustav-Adolf-Verein Thüringen freilich wird nicht müde, sich im Mitteilungsblatt des Thüringer Pfarrvereins als »das Original« in Sachen GAW darzustellen. Und: Als besonders bitter empfindet man die Tatsache, dass es vonseiten der Kirchenleitung bisher keine Entschuldigung gegenüber den betroffenen Pfarrern gegeben habe.

Die Folgen: Was unter dem Streit bis heute allerdings am meisten leidet, ist die Hilfe für die Minderheitengemeinden im Ausland. GAW-Vorsitzender Schneider hat es selbst schon erlebt, dass kirchliche Mitarbeiter vor dem Hintergrund der Konkurrenzsituation sagen: Lasst uns in Ruhe mit dem ganzen GAW.

Der Wunsch: Als Geistlicher hat Schneider allerdings noch ein anderes Anliegen: »Als Kirche, die das Wort von der Versöhnung predigt, müssen wir auch selbst Versöhnung leben.« Deshalb sei es Zeit für ein gemeinsames Gespräch jenseits aller rechtlichen Wertungen. Voraussetzung sei aber, »dass beide Seiten bereit sind, ihre eigene Wahrnehmung im Lichte des Evangeliums zu sehen«.

Harald Krille

Sola scriptura

16. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Wir haben eine neue Lutherbibel. Am 19. Oktober startet der Verkauf. Doch was dann? Zwar wurden allein von der evangelischen Deutschen Bibelgesellschaft im vergangenen Jahr 254 396 vollständige Bibeln verkauft. Aber nach einer Umfrage von Allensbach lesen ganze vier Prozent der Bevölkerung regelmäßig in ihr, weitere neun Prozent »hin und wieder«. Die übergroße Mehrheit liest sie nie. Die Bibel – der ungelesene Bestseller!

Nicht dass ich die neue Bearbeitung der Lutherbibel kritisieren will. Im Gegenteil. Warum aber, so frage ich mich, ist die Bibel nur ein kleiner Baustein im überbordend bunten Reigen der Aktivitäten rund um das Reformationsgedenken? Warum wird die neue Lutherbibel nicht wenigstens von einer Bibellese-Kampagne begleitet? Warum gibt es keine Bibellesepläne etwa nach dem Motto »Mit Martin Luther durch das Neue Testament«, mit kernigen Ein- und Ausführungen des Reformators zu den Bibelbüchern? Hat man am Ende gar Angst vor der Kraft der Bibel oder vor Luthers unbefangenem Zugang zur Heiligen Schrift?

Manchmal kann der Eindruck entstehen, die Bibel sei heutigen Menschen gar nicht mehr ohne den ganzen Rattenschwanz von Bibelkritik, Bibelwissenschaft und Theologenstreit zuzumuten. Dabei war doch der freie Zugang zum Wort Gottes für jedermann eines der Kernanliegen der Reformation. »Sola scriptura« – allein durch die Schrift sollte unser Glaube, unser moralisches Handeln und Werten geprägt sein. Deshalb übersetzte Luther sie in eine Sprache, die auch Lieschen Müller verstehen konnte. Eine ungeheure Demokratisierung: Nicht der Papst, nicht Bischöfe, Priester und Synoden haben zu entscheiden, wie die Bibel auszulegen ist. Gebt dem Volk die Bibel zurück – es ist höchste Zeit!

Harald Krille

Milch im Überfluss

29. September 2016 von redaktionguh  
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Erntedank: Wir haben Nahrungsmittel im Überfluss. Und das ist auch ein Problem, wie der Besuch bei einem Milchbauern zeigt.

Theodor Aue ist Bauer aus Leidenschaft. Seit seinem 18. Lebensjahr arbeitet der heute Vierzigjährige als Landwirt. Zunächst gemeinsam mit Eltern und Geschwistern auf einem 1994 neu eingerichteten Hof. 2009 ergab sich die Gelegenheit, eine Hofstatt im altmärkischen Schinne zu erwerben, einem Ortsteil der Gemeinde Bismark im Kirchenkreis Stendal. Gemeinsam mit seiner Frau Carla machte er sich als Milchbauer selbstständig.

Theodor Aue aus dem altmärkischen Schinne blickt verhalten optimistisch in die Zukunft: Die Milch seiner schwarzen und roten Holsteiner Kühe kann er künftig als zertifizierte Bio-Milch zu deutlich höheren Preisen verkaufen. Foto: Harald Krille

Theodor Aue aus dem altmärkischen Schinne blickt verhalten optimistisch in die Zukunft: Die Milch seiner schwarzen und roten Holsteiner Kühe kann er künftig als zertifizierte Bio-Milch zu deutlich höheren Preisen verkaufen. Foto: Harald Krille

Beim Gang durch seine Stallanlagen auf dem Gelände einer ehemaligen russischen Radarstation weist er auf ein Stück Land: »Hier sollte unser neues Wohnhaus entstehen. Die Baugenehmigung liegt vor, aber das Haus haben wir im vergangenen Jahr praktisch ›vermolken‹.«

Seit der nicht zuletzt vom Deutschen Bauernverband immer wieder geforderten Aufhebung der EU-weiten Milchquote im Frühjahr 2015 fiel der Milchpreis in ungeahnte Tiefen. Weniger als 24 Cent bekam im Juni dieses Jahres der Bauer für einen Liter.

Nun ist Aues Betrieb kein Kleinunternehmen. 450 Milchkühe, 150 Jungrinder sowie eigener Futteranbau auf 320 Hektar machen ihn im Landesmaßstab zu einem der größeren Betriebe. Die technische Ausstattung ist auf hohem Niveau. Dennoch: »2015 und 2016 sind die bisher schwersten Jahre meiner Existenz«, sagt der Landwirt. »Die Erlöse der Milchproduktion decken nicht mehr die Kosten.«

Theodor und Carla Aue hinter ihrer Kuh in den Nationalfarben, die vor ihrem Wohnhaus im Dorfe für "faire Milch" wirbt. Foto: Harald Krille

Theodor und Carla Aue hinter ihrer Kuh in den Nationalfarben, die vor ihrem Wohnhaus im Dorfe für "faire Milch" wirbt. Foto: Harald Krille

Überleben konnte der Betrieb mit seinen sieben Angestellten und derzeit zwei Auszubildenden nur durch Rückgriff auf Reserven. Und weil die Aues, schon immer auf Ressourcennutzung und Nachhaltigkeit bedacht, Energie erzeugen und verkaufen. Mit einer Biogasanlage, in der die eigene Gülle vergoren wird, sowie einer genossenschaftlich betriebenen Solaranlage produzieren sie Strom. Nicht nur für den eigenen Betrieb, sondern darüber hinaus genug für rund 1 300 Vier-Personen-Haushalte.

Aue ist Mitglied im Landesvorstand Sachsen-Anhalt des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter. Deshalb weiß er um die Dramatik der Entwicklung, nicht nur auf seinem eigenen Hof. In den vergangenen Jahren hätten im Schnitt zwei bis drei Prozent der Milchviehbetriebe aufgegeben. In diesem Jahr rechne der Verband in Sachsen-Anhalt damit, dass 15 bis 20 Prozent das Handtuch werfen.

Doch die Schuld an der Misere schiebt Aue nicht auf die Molkereien, Handelsketten oder Lebensmittelkonzerne. »Wir sind zu gut, wir produzieren einfach zu viel.« Die Lösung sieht er ebenfalls nicht in staatlichen Garantiepreisen für Milch. »Wir müssen durch verbindliche Absprachen und effektive Instrumente die Menge regulieren.« Dafür habe sein Verband konkrete Vorschläge erarbeitet.

Den Ansatz, nicht Milchmenge um jeden Preis zu erzeugen, verfolgt Aue selbst schon längst. Weil er seinen Kühen schon immer weniger Kraftfutter gibt, liefern sie im Jahresdurchschnitt nur 8 000 Liter Milch, statt der üblichen 9 000. Seine Kühe bleiben dafür länger gesund und leistungsfähig. Ihre »Gesamt-Lebensleistung« liegt deshalb weit über dem Durchschnitt.

»Das Wohl der Kuh ist uns wichtig«, lautet Aues Statement. Dazu gehört der unmittelbare Kontakt zu den Tieren. Weshalb es zwar einen modernen Karussell-Melkstand gibt, aber
keine Vollautomatisierung. »Mindestens zweimal am Tag kommt es so beim Melken zum direkten Kontakt zwischen Mensch und Tier.

Theodor und Carla Aue sind verhalten optimistisch. Sie haben ihren Betrieb in den vergangenen Monaten auf Bio-Milch umgestellt. »Das fiel uns nicht allzu schwer, weil wir rund 80 Prozent der Vorgaben bereits vorher eingehalten haben.« Ab 1. Oktober liefern sie zertifizierte Milch und erhalten dafür knapp 44 Cent pro Liter.

Dennoch: »Wir haben allen Grund, dankbar zu sein«, sagt der evangelische Christ Aue. Seit 65 Jahren kenne man in Europa keinen Hunger mehr. Dies gehöre zu den positiven Folgen der modernen Landwirtschaft und sollte – trotz aller Probleme – nicht in Vergessenheit geraten.

Harald Krille

Die Kirche als Dealer?

21. August 2016 von redaktionguh  
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Das Filmchen beginnt damit, dass ein leicht diabolisch aussehender Mann Jonas vorstellt: einen 24-jährigen Jungen, der mit seinem Smartphone in der Hand durch die Stadt läuft, keine Erfahrung mit Magie hat und dennoch in wenigen Augenblicken auf magische Art verschwinden wird. Sekunden später betritt Jonas, seinen Blick auf das Smartphone gerichtet, die Fahrbahn und wird von einem Auto erfasst. Zurück bleiben entsetzte, schreiende Passanten. Das alles ist so realistisch dargestellt, dass einem noch beim zweiten Anschauen das Blut in den Adern stockt.

Was im ersten Augenblick wie ein wüstes Horrorvideo anmutet, entpuppt sich im Abspann als ein Auftragswerk der Polizei im schweizerischen Lausanne. Sie will damit auf die zunehmenden Gefahren durch die allgegenwärtige Fixierung vor allem junger Menschen auf ihre Telekommunikationsgeräte aufmerksam machen. Und das scheint nur noch mit drastischen Bildern zu gelingen. (www.youtube.com/watch?v=P9UxWcZbGMQ)

Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer spricht inzwischen von der »Handysucht«, der in Deutschland bereits neun Prozent der 10- bis 19-Jährigen verfallen seien. In Südkorea seien es bereits 30 Prozent. Und nun sollen mit »Godspot« auch die Kirchen zum Surfparadies werden. Die Kirche quasi als Dealer für die Süchtigen?

Sicher: Das Rad der technischen Entwicklung lässt sich nicht zurückdrehen, auch nicht durch Verweigerung. Und der Zugang zu unzensierten Informationen ist ein hohes und wichtiges Gut. Dennoch stünde es den Kirchen gut an, wenn sie mindestens mit gleichem Elan für einen vernünftigen Umgang mit diesen neuen Medien werben würden. Vielleicht auch durch bewussten Verzicht.

Harald Krille

»Unser Herz an die Angel hängen«

25. Juli 2016 von redaktionguh  
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Gespräche über Gott und die Welt mit mitteldeutschen Kirchenvertretern in entspannter Atmosphäre. Harald Krille traf sich zum Auftakt dieser Reihe mit Kirchenpräsident Joachim Liebig (58) in einem Restaurant am Elbufer in Dessau-Roßlau. Sie sprachen über Kirche, Politik und Vorlieben.

Herr Kirchenpräsident, Ihre Begeisterung für Bärentatzen der Bäckerei Rose in Weimar hat sich in der Redaktion herumgesprochen. Wie begann Ihre Liebe zu diesem Gebäck?
Liebig:
In meiner früheren Gemeinde in Schaumburg-Lippe gab es einen selbstständigen Bäcker und Konditor. Der stellte wunderbare Schweinsohren und Bärentatzen her. Ich war der Meinung, es gäbe keine Bärentatzen vergleichbarer Qualität. Doch bei einem Besuch in der Redaktion von »Glaube und Heimat« in Weimar bin ich eines Besseren belehrt worden. Seitdem bin ich ein großer Fan der Bärentatzen des gegenüberliegenden Cafés.

Sie wurden 1958 in Hildesheim geboren, haben in Bethel und Hamburg studiert, aber schon vor der Wende ein Praktikum im Erzgebirge gemacht. Wie kam es dazu?
Liebig:
Die Verbindung nach Sachsen ist zunächst schon durch die Familiengeschichte bestimmt. Die Familie meines Vaters flüchtete zum Kriegsende, mein Großvater erfror unterwegs in Thüringen und wurde dort beigesetzt. Ein Teil der Familie ist dann auf dunklen Wegen bis Niedersachsen geraten, aber eine Reihe von Verwandten lebt bis heute in Zittau und Umgebung. Da gab es schon in meiner Kindheit Besuchsreisen in den Osten.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Im Vikariat war ich ein Jahr in Paris und bemühte mich anschließend, in den Partnerkirchenkreis nach Dippoldiswalde zu einem Praktikum zu kommen. Zur großen Überraschung war das auch möglich und so verbrachte ich einen langen Herbst und kurzen Winter in der Gemeinde Reinhardtsgrimma. Daraus sind Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten.

Stehen bei Ihnen zu Hause in der Weihnachtszeit auch Pyramide und Räuchermann?
Liebig:
Natürlich, das volle erzgebirgische Programm. Auch der Schwibbogen darf nicht fehlen.

Die kirchliche Situation in Ihrem Ost-Praktikum war sicher eine ganz andere als in Schaumburg-Lippe?
Liebig:
Ja, aber nicht im Sinne von frustrierend. Im Gegenteil, ich fand das wirklich hochinteressant, es hat mich richtig elektrisiert. Weil ich schon damals das Gefühl hatte, hier auf eine kirchliche Situation zu stoßen, die im Grunde auch im Westen bevorsteht.

Finden Sie die kirchliche Situation in Mitteldeutschland immer noch elektrisierend?
Liebig:
Sie ist nicht elektrisierend im Sinne von hocherfreulich. Das ist sie meines Erachtens im Augenblick nirgendwo in Westeuropa. Aber wir sind hier bei uns in Mitteldeutschland in besonderer Weise jeden Tag herausgefordert zu fragen: Wo wollen wir eigentlich hin, was wollen wir machen und wie muss Kirche in Zukunft aussehen? Was sind unsere Aufgaben als Kirche in unserer Gesellschaft? Diese existenziellen Anfragen finde ich in der Tat immer noch elektrisierend.

Haben Sie den Eindruck, dass es zumindest ansatzweise Antworten gibt?
Liebig:
Ja, die gibt es. Aber sie sind in mancherlei Hinsicht völlig anders als die Antworten, die im Augenblick im deutschen Protestantismus gegeben werden. Drei Beispiele: Die Neuorganisation von Kirche bei uns findet nicht durch missionarische Programme statt. Wie inzwischen missionstheologisch weithin bekannt, lassen sich Menschen nur für eine Sache interessieren, wenn man Auge in Auge, persönlich, eins zu eins mit ihnen spricht. Wenn wir Menschen erreichen wollen, müssen wir, salopp gesagt, unser Herz an die Angel hängen.
Zweitens müssen wir uns bei allen gewünschten Veränderungen auf sehr lange Zeiträume einrichten. Alle Programme, die sagen, wir wollen jetzt innerhalb von einer benennbaren Zahl von Jahren um so und so viel wachsen, sind völlig abwegig. Es geht hier um Generationen.
Sonne-web

Und das Dritte und vielleicht Entscheidende: Welche Art von Struktur und Organisationsform muss Kirche in diesem Zusammenhang gewinnen? Das ist im Moment noch offen. Dietrich Bonhoeffers Anspruch, dass Kirche immer Kirche für andere sein muss, werden wir nicht aufgeben. Aber ob es uns gelingen wird, tatsächlich in absehbarer Zeit volkskirchliche Strukturen in der Gesamtfläche zu behalten, da bin ich mehr im Zweifel denn je. Da brauchen wir neue Antworten, auch wie die Rollen des Ehrenamtes und der Hauptberufler im Verkündigungsdienst sowie der Verwaltungsmitarbeiter künftig aussehen sollen.

Theologen lernen im Studium, eine Sequenz von 30 Worten aus dem Alten Testament vier verschiedenen Quellen zuzuordnen. Aber lernen sie auch, das Herz an die Angel zu hängen?
Liebig:
Ich würde das nicht gegeneinanderstellen. Wenn jemand ins Pfarramt geht, muss er in der Lage sein, auf jeder Ebene auskunftsfähig zu sein. Und dazu gehört eine akademische Ausbildung. Aber es kann und darf nicht dabei bleiben. Als Hirte oder Hirtin der Gemeinde kommt die Frage: Welche Rolle spiele ich dabei? Und da galt leider über lange Zeit in der praktischen Theologie eher der Gedanke: Halten Sie sich selbst zurück, lassen Sie die Botschaft in den Mittelpunkt treten. Nur: Die Botschaft braucht immer Menschen, die damit identifizierbar sind. Und das hat dann Konsequenzen für das Berufsbild, bis hin zu der Frage der Arbeitszeit eines Pastors.

Unabhängig von den kirchlichen Problemen zeigen die Auseinandersetzungen um AfD und Pegida sowie die letzten Wahlen hier in Mitteldeutschland, welch tiefer Riss durch die Bevölkerung geht.
Liebig:
Ich muss mir selbst vorwerfen, dass ich seit Jahren diesen nun zutage tretenden Riss, wahrscheinlich sind es sogar mehrere Risse, unterschätzt habe. Ich muss konstatieren, dass eine gesellschaftliche Entwicklung stattgefunden hat, in der die Eliten, und dazu würde ich jetzt auch Kirche zählen, nicht wahrgenommen haben, dass eine signifikante Zahl von Menschen sich abgekoppelt hat von gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Flüchtlingsfrage war dann nur der Auslöser, nicht die Ursache.

Was bedeutet dies für die Kirchen?
Liebig:
Ganz prinzipiell sind wir Christenmenschen gerufen, die Versöhnung zu predigen. Nicht nur die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, sondern auch die Versöhnung zwischen den Menschen. Praktisch heißt das: Wo immer es geht, müssen wir ins Gespräch kommen, gerade auch mit denen, die sich abgekoppelt haben oder dabei sind, es zu tun. Ihnen müssen wir ein Gegenbild zeigen.

Bisher ist aber auch kirchlicherseits vor allem viel von Abgrenzung geredet worden.
Liebig:
Es muss sehr deutlich sein: Wir stehen für ein anderes Bild vom Menschen, für ein anderes Bild von Gesellschaft, als es von Pegida und der AfD vertreten wird. Wir stehen aber auch für eine Gesprächskultur, die sich eben nicht in Verweigerung äußert. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen solche Gesprächsforen in ihren Gemeinden anbieten. Das erfordert einen gewissen Mut, denn die Äußerungen, die auch ich immer wieder höre, sind ja oftmals nicht diskussionsfähig. Da gibt es eine immense Welle von Hass und eine auf keinen Fall kirchenspezifische Artikulationsweise. Aber wir müssen lernen, das auszuhalten und dem Vorgebrachten dann in ruhiger Freundlichkeit etwas entgegenzuhalten. Auch ich muss das erst lernen. Aber das geht. Es gibt natürlich Grenzen. Etwa, wenn jemand sich überhaupt nicht davon abbringen lässt, sich rassistisch oder menschenfeindlich zu äußern. Aber wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, wir reden einfach nicht mit denen.

Sommerlogo GuHWas heißt das konkret – kann in der anhaltischen Kirche auch ein AfD-Mitglied im Gemeindekirchenrat sein?
Liebig:
Die AfD ist hier im Augenblick eine demokratisch gewählte Partei. Und deswegen ist die Mitgliedschaft in der AfD noch kein Grund zu sagen: Der auf jeden Fall nicht. Aber jemand, der sich offensiv zur AfD hält, ist dann auch bei bestimmten Positionen begründungspflichtig. Da muss man schon sehr genau hinschauen, ob bestimmte Haltungen noch kompatibel zum Evangelium sind.

Gilt das Gleiche nicht auch bei Mitgliedern der Linkspartei?
Liebig:
Da gilt dasselbe Verfahren. Auch die Linkspartei ist eine demokratisch gewählte Partei, die jetzt ganz gewiss nicht dem Verdacht ausgesetzt ist, besonders kirchenfreundlich zu sein. Aber auch da würde ich sagen: Am Einzelfall ist zu entscheiden. Denn ich glaube, gerade Pauschalierungen sind eine falsche Reaktion, weil sie eine Sicherheit der Entscheidung suggerieren, die letztlich nicht besteht.

Sie werden in der Öffentlichkeit als ruhig und ausgleichend wahrgenommen. Was kann den Kirchenpräsident Anhalts richtig auf die Palme bringen?
Liebig:
Privat habe ich mich, seit unsere Kinder erwachsen sind, kaum mehr richtig aufgeregt. Vorher – nun, jeder der Kinder hat, weiß, was da alles so passieren kann.

Dienstlich ärgert mich zunehmend eine Verrechtlichung kirchlichen Dienstes. Und zwar nicht so sehr von den Juristen, sondern eine Berufshaltung, die sich darin erfreut zu sagen: Ich habe meine freien Tage und meinen geregelten Dienst und da passiert dann auch nichts. Ich bleib noch mal bei diesem Begriff, »das Herz an die Angel hängen«: Das kennt keinen Urlaub. Natürlich weiß ich um Überforderungsdiskussionen und Burnout-Situationen. Aber die Lösung für solche Fragen besteht nicht darin, den eigenen, im Grunde sehr freien Berufsalltag in dieser Weise zu strukturieren.

Was mich auch aufregt, ist eine immer wiederkehrende Selbstminimierung unserer Region. Ja, wir haben keine Dax-Konzerne in Sachsen-Anhalt. Aber daraus abzuleiten, dass wir irgendwie die abgehängte Region sind – das erzeugt bei mir wirklich richtigen Ärger. Da steigt mein Blutdruck, das nehme ich nicht hin. Ich kenne andere Regionen, die bei weitem nicht dieses historische Potenzial haben. Ich sehe in Sachsen-Anhalt vor allem die vielen Möglichkeiten.

Stimmt das Gerücht, dass Sie inzwischen Grundbesitzer in Anhalt geworden sind?
Liebig:
Ja das stimmt. Meine Frau und ich haben einen Bauplatz gekauft und werden im nächsten Jahr dann zu Bauherren mutieren. Jeder Pfarrer baut ja gerne. Ich hab jetzt schon eine klare Vorstellung, was alles schiefgehen kann, bin aber dennoch zuversichtlich, dass wir da weitestgehend verschont bleiben. Mal sehen.

Familientreffen mit Feuerwerk

27. Juni 2016 von redaktionguh  
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Gemeinschaftsbund: Thüringens Pietisten trafen sich in Bad Blankenburgs Stadthalle

Der Mann ist ein Energiebündel und zündet aus dem Rollstuhl heraus ein regelrechtes Feuerwerk. Josef Müller, einstiger Steuerberater und Multimillionär aus München, wurde im Gefängnis Christ. Dort saß er wegen Betrugs. Er weiß um die Verführung des Geldes. Seine Lebensgeschichte erschien vor einigen Jahren als Buch (»Ziemlich bester Schurke«). In Bad Blankenburg war er am vergangenen Sonntag Stargast des Jugend- und Gemeinschaftstages des Thüringer Gemeinschaftsbundes, einer Art jährlichem Familientreffen des innerkirchlichen Pietismus.

Energiebündel im Rollstuhl: Bestsellerautor Josef Müller zeigte in Bad Blankenburg, was es bedeutet, wenn jemandem »das Herz voll ist und der Mund übergeht«. Fotos: Harald Krille

Energiebündel im Rollstuhl: Bestsellerautor Josef Müller zeigte in Bad Blankenburg, was es bedeutet, wenn jemandem »das Herz voll ist und der Mund übergeht«. Foto: Harald Krille

Den rund 500 Teilnehmern aus dem Bereich der Landeskirchlichen Gemeinschaften schrieb Müller vor allem eines ins Herz: »Geld macht nicht glücklich«. Es nimmt im Gegenteil gefangen. »Weil Geld keinen Sättigungsgrad kennt«, wie er sagt. Und: »Zufriedenheit ist eine Entscheidung.«

Müller weiß, wovon er redet: 40 Millionen D-Mark als Grundausstattung auf dem Girokonto, Nobelkarossen, darunter ein weißer Rolls-Royce mit schwarzem Fahrer und ein schwarzer mit weißem Fahrer – »da fallst scho auf in München«. Doch als seine immer krummeren Geschäfte auffliegen, er im Gefängnis landet, erlebt er eine Begegnung mit Gott, die sein Leben von Grund auf verändert. Arm, aber glücklich sei er jetzt. Und er bezeugt, dass Gott gerade dann, wenn jemand ganz unten ist, einen Neuanfang schenkt.

Es war Müllers 333. öffentlicher Auftritt seit der Entlassung aus dem Gefängnis. Der seit seinem 17. Lebensjahr an den Rollstuhl Gefesselte machte Mut, die eigene Situation als Chance zu begreifen – das wurde von vielen Besuchern zum Ausdruck gebracht.

Ein herzliches Willkommen: Bläser des Auswahlposaunenchores spielten auch vor der architektonisch eindrucksvollen Stadthalle auf. Foto: Harald Krille

Ein herzliches Willkommen: Bläser des Auswahlposaunenchores spielten auch vor der architektonisch eindrucksvollen Stadthalle auf. Foto: Harald Krille

Umrahmt wurde das Treffen in der Bad Blankenburger Stadthalle von der Band der Landeskirchlichen Gemeinschaft Jena, dem Ensemble »Neue Töne« aus Pößneck und einem Auswahlposaunenchor des Thüringer Gemeinschaftsbundes; letztmalig geleitet von Ralf Splittgerber, langjähriger Musikreferent der Landeskirchlichen Gemeinschaften in Mitteldeutschland. Er wird in Kürze mit seiner Familie als Prediger der Stadtmission sowie Leiter einer Gemeindemusikschule in das pfälzische Pirmasens wechseln.

Harald Krille

Dumm gelaufen, Martin

13. Juni 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Warum ausgerechnet in Luthers Stammort das Denkmal des Reformators unsaniert bleibt

Luther ist »in«, und für Luther fließt derzeit scheinbar Geld ohne Ende. In Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 entstehen hin und her im Lande Luther-Pilgerwege, putzen sich Lutherorte heraus, werden die Denkmäler des Reformators auf Hochglanz poliert.

Hübsch herausgeputzt hat sich Luthers Stammort Möhra im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach. Nur das Standbild des Reformators muss auf eine gründliche Sanierung warten. Es steht nicht auf öffentlichem Grund und kann deshalb nicht vom Land gefördert werden, wie sich jetzt herausstellte. Foto: fotolia/Omiga

Hübsch herausgeputzt hat sich Luthers Stammort Möhra im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach. Nur das Standbild des Reformators muss auf eine gründliche Sanierung warten. Es steht nicht auf öffentlichem Grund und kann deshalb nicht vom Land gefördert werden, wie sich jetzt herausstellte. Foto: fotolia/Omiga

Doch ausgerechnet im Stammsitz von Luthers Familie, im westthüringischen Möhra, heute Teil der Einheitsgemeinde Moorgrund, will es mit dem Aufhübschen nicht so recht klappen. Zwar steht hier auf dem Platz, auf dem der Reformator am 4. Mai 1521 auf der Reise von Worms zurück nach Wittenberg gepredigt haben soll, seit 1861 ein überlebensgroßes Denkmal. Und dieses ist »sogar älter als das Eisenacher Denkmal«, wie Ortspfarrer Rudolf Mader mit Stolz berichtet. Es sei schon ein »Herzstück und Wahrzeichen des Ortes«, so der Pfarrer.

Gern würde es auch die politische Gemeinde im Blick auf 2017 einer Auffrischung unterziehen. Doch: Luther steht auf falschem Grund und Boden, weshalb es keine staatliche Förderung für die Sanierung geben kann, wie Bürgermeister Hannes Knott (CDU) kürzlich dem Gemeinderat mitteilen musste.

Was wie eine Behördenposse klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Zwar hat sich in den vergangenen Jahrzehnten die politische Gemeinde stets verantwortlich für die Pflege des Denkmals gezeigt. Nun aber stellte sich bei der Prüfung des Antrages auf Fördermittel in Höhe von 17 000 Euro heraus, dass die geschätzten zehn Quadratmeter rund um das Denkmal nicht zum kommunalen Besitz gehören. Im Grundbuch ist eine »Lutherstiftung Möhra« eingetragen.

Doch diese, so hat man inzwischen herausbekommen, hat bereits in der Inflationszeit der 1920er-Jahre ihr gesamtes Vermögen verloren und die Arbeit eingestellt. Einen Ansprechpartner oder eine Nachfolgeorganisation gibt es mithin nicht. Aber eben auch keine förmliche Auflösungsurkunde. Und so blieb der Eintrag im Grundbuch bestehen.

Zwar könnte die Gemeinde theoretisch neben ihrem geplanten Eigenanteil von 11 000 Euro auch die gesamten Kosten einer Denkmalsanierung tragen. Doch das will aus verständlichen Gründen keiner. »Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Lösung«, versichert Bürgermeister Knott im Gespräch mit der Kirchenzeitung. Sicher scheint allerdings, dass es keine schnelle Lösung geben kann.

Eine Möglichkeit, die Rechtslage zu ändern, wäre, gegen die Stiftung eine Zwangsvollstreckung einzuleiten, in deren Verlauf dann der Nachweis des Erlöschens der Stiftung amtlich erbracht wird. Doch ein solches Verfahren dauere erfahrungsgemäß zwei bis fünf Jahre, wie der Bürgermeister berichtet. Auch könnte das Amtsgericht einen Treuhänder für die Stiftung benennen, dem die Gemeinde dann zum marktüblichen Preis das Grundstück abkauft. Das Geld würde für eventuell doch noch vorhandene Nachfahren der Stiftung hinterlegt.

Wie auch immer: »Noch ist das Denkmal in relativ gutem Zustand. Deshalb orientieren wir uns in Sachen Sanierung auf das Jahr 2021, wenn sich zum 500. Mal Luthers Auftritt auf dem Reichstag zu Worms und seine Predigt in Möhra jährt«, so Knott.

Der zuständige Superintendent des Kirchenkreises Bad Salzungen-Dermbach, Ulrich Lieberknecht, sieht die ganze Frage völlig leidenschaftslos: Lutherdenkmäler seien eigentlich sowieso eine Unmöglichkeit. »Jedenfalls das Letzte, was Luther gewollt hätte«, ist er überzeugt.

Harald Krille

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