Wo kämen wir hin?

23. Juni 2018 von redaktionguh  
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Sie kennen vielleicht das Lied: »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern«. In abgewandelter Form: »Mit der AfD gibt es keine Gespräche!« oder »Mit dieser Partei gibt es keine Zusammenarbeit.«

Das Problem daran ist, dass Gruppen, die in der Öffentlichkeit so gebranntmarkt werden, um so enger zusammenstehen. Ja, dass sie sich in der Opferrolle sogar wohlfühlen und diese inszenieren. Und man darf nicht vergessen, dass die so gescholtene Partei mit 92 Sitzen die drittstärkste Fraktion im Deutschen Bundestag bildet. Das heißt, sie genießt mit ihren Parolen und vermeintlich einfachen Antworten die Sympathie eines erheblichen Bevölkerungsanteils. Es stimmt: Ein Riss geht durch die Gesellschaft.

Von dem Schweizer Pfarrer und Theologe Kurt Marti stammt der Aphorismus: »Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.« In Gera geht man seit einigen Monaten los, um zu sehen, wo man hinkommt, wenn man mit der AfD redet. In sieben Dialogforen werden mit Vertretern dieser Partei, deren Kritikern und sachkompetenten Experten politische Themenfelder der AfD aufgegriffen. Vor einigen Tagen lief der dritte Abend.

Wo man in Gera am Ende hinkommt, ist offen. Fakt ist: Es ist schwer auszuhalten, wenn etwa ein AfD-Politiker davon schwätzt, kriminelle oder gewaltbereite Ausländer ohne juristisches Federlesen in geschlossene Lager einzuliefern. So etwas gab es schon einmal in Deutschland. Es ist schwer auszuhalten, wenn man sich Fakten etwa zur Kriminalitätsentwicklung verweigert und lieber Ängste bestärkt. Dennoch, eins ist sicher: An solchen kritisch-moderierten Dialogformen führt auf Dauer kein Weg vorbei.

Harald Krille

Wie Phönix aus der Asche

21. Mai 2018 von redaktionguh  
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Walldorf an der Werra: Vor sechs Jahren zerstörten die Flammen die Kirche der Kirchenburg. Seitdem baut die Gemeinde sie neu auf.

Eines stellt Pfarrer Heinrich von Berlepsch gleich klar: »Über Geld und Termine reden wir nicht.« Statt dessen wolle man lieber »über Gott und über unseren Glauben reden«. Vielleicht steckt dahinter neben der löblichen Absicht, über Inhalte zu sprechen, auch die Erfahrung, dass Neid zuweilen als höchste Form der Anerkennung erfahrbar ist. Denn wer sich an die Bilder der rauchenden Trümmer der Kirchenburg in Walldorf an der Werra erinnert, die 2012 durch die Medien gingen, der ahnt, dass hier richtig viel Geld investiert wurde. Und noch immer wird: Denn abgeschlossen ist der Bau »unserer Kirche«, wie von Berlepsch betont, noch lange nicht.

»Unsere Kirche« ist für den Pfarrer nicht nur eine Floskel. Was heute und in Zukunft die Walldorfer Kirchenburg ausmacht, ist in einem langen Prozess zwischen Pfarrer, den Kirchenältesten, den Gemeindemitgliedern und den Bewohnern Walldorfs entstanden. Und natürlich in Gemeinschaft mit den Architekten, die sich auf diese Art eines »Bauens im Team« eingelassen haben.

Der Glaube, über den von Berlepsch gern reden möchte, wurde freilich auf eine harte Probe gestellt, als am 3. April 2012 die Flammen aus dem Kirchenschiff der gerade fünf Jahre zuvor vollständig sanierten Kirche schlugen. Von Berlepsch erinnert sich, wie er vor den Trümmern saß und die Frage stellte: »Warum hat Gott das zugelassen?« Seine zweite Frage war dann schon der erste Schritt in die Zukunft: »Was will Gott uns damit sagen?«

Für von Berlepsch war klar, dass die Kirche auf jeden Fall wieder aufgebaut werden muss. Auch wenn manche Formen im Blick auf Gemeindeaufbau im 21. Jahrhundert fragwürdig sind und neue Wege gesucht werden müssen: »Ohne Bindung an die Tradition gibt es auch keine Zukunft«, ist der Pfarrer überzeugt. Für ihn und die im wahrsten Sinn des Wortes weinend vor ihrer Kirche stehenden Gemeindemitglieder wurden ausgerechnet die Dohlen zum Sinnbild für Hoffnung und Neubeginn: Auch ihre Nester im Dachstuhl waren ein Raub der Flammen. Doch schon zwei Tage später fingen sie an, neues Geäst als Nistmaterial in die Trümmer zu tragen. »Seht«, sagte der Pfarrer seiner Gemeinde, »genauso wie die Dohlen machen wir es auch. Wir bauen wieder auf!« Und deshalb zeigt eines der neuen Buntglasfenster des Leipziger Künstlers Julian Plodek eine Dohle, die mit einem Zweig im Schnabel auf einem verkohlten Balken sitzt.

Kleinod über dem Werratal: Die Kirchenburg Walldorf bei Meiningen in Südthüringen erstand nach dem Brand im Jahr 2012 in ihrer ursprünglichen äußeren Form, aber in veränderter Innenausstattung. Fotos: Harald Krille

Kleinod über dem Werratal: Die Kirchenburg Walldorf bei Meiningen in Südthüringen erstand nach dem Brand im Jahr 2012 in ihrer ursprünglichen äußeren Form, aber in veränderter Innenausstattung. Fotos: Harald Krille

Überhaupt Tiere und Pflanzen: Sie haben seit jeher ihren Platz auf der Kirchenburg. Und so wurde auch beim Neuaufbau darauf geachtet, dass Dohlen ihre Nester bauen können, ein seit Jahren im Gemäuer lebender Bienenschwarm seinen Platz behalten hat, dass Nisthöhlen für Meisen und Kleiber, Fluglöcher für Fledermäuse und ein Nistplatz für Störche entstanden.

Vor allem aber soll die Kirche für Menschen offenstehen. Als Radwegekirche am Werra-Radweg, als Kinder- und Jugendkirchenburg für die junge Generation, die auf dem Areal Möglichkeiten für Zeltlager und sportliche Betätigung findet, für Gottesdienste und fröhliche Feste, für Begegnungen aller Art. »Das ist unser großes Thema: Begegnung. Wir wollen als Christen Menschen begegnen, auch denen, die mit Kirche vielleicht nichts am Hut haben«, so von Berlepsch. Denn Begegnung verwandelt Menschen – auch die, die schon zur Gemeinde gehören.

Eine Terminaussage lässt sich Pfarrer von Berlepsch dann doch noch abringen: Ab 1. Juli des kommenden Jahres sei er im Ruhestand. Und davor werde die Kirche offiziell wieder eingeweiht. Manches wird bis dahin vielleicht noch nicht komplett sein. Aber ein Altartisch und eine Christusfigur werden dann den Innenraum schmücken. Ein Bildhauer wird sie bis dahin gestalten. Entstehen sollen sie aus dem Holz der angekohlten Balken, die seit der Beräumung der Brandtrümmer auf der Kirchenburg lagern.

Harald Krille

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Rettet den Kindergarten

6. Mai 2018 von redaktionguh  
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Die Idee des Kindergartens verdankt die Welt dem Thüringer Pädagogen Friedrich Fröbel. Für seine 1840 in Bad Blankenburg eröffnete Einrichtung, in der die Trias von Bildung, Erziehung und Betreuung verwirklicht wurde, sah er im Garten als geschützten und gestalteten Lebensraum die passende Assoziation. So unterschiedlich die pädagogischen Konzepte bei der Betreuung von Kindern inzwischen auch sind, der Dreiklang von Bildung, Erziehung und Betreuung hat Gültigkeit bis heute. Und: In vielen Sprachen der Welt wurde neben dem Inhalt auch der Begriff Kindergarten wortwörtlich übernommen.

In seinem deutschen Ursprungsland allerdings gehört das Wort inzwischen zur aussterbenden Art. Im öffentlichen Sprachgebrauch, auch in Kirche und Diakonie, zunehmend verdrängt von dem technisch-bürokratischen Sammelbegriff Kindertageseinrichtung. Oder, noch schlimmer, vom Kürzel »Kita«.

Dass sich nun eine Kampagne des Thüringer Fröbel-Kreises zum Ziel gesetzt hat, das Wort Kindergarten wieder in den offiziellen Sprachgebrauch zurückzuholen, ist sicher mehr als löblich (siehe Seite 2), und trifft etwa auch bei den »Kita«-Fachberatern der Diakonie Mitteldeutschland und Sachsen durchaus auf Sympathie. Dennoch verweisen diese zu Recht darauf, dass der in den entsprechenden Gesetzestexten verwendete sperrige Begriff der Kindertageseinrichtung kaum ersetzt werden kann. Umfasst dieser doch neben dem Kindergarten für die Altersgruppe der Drei- bis Sechsjährigen auch die vorgelagerte Kinderkrippe, den Schulhort oder die Kindertagespflege.

Doch zumindest da, wo von einer Einrichtung für die entsprechende Altersgruppe die Rede ist, gilt: Wo Kindergarten drin ist, sollte auch Kindergarten draufstehen.

Harald Krille

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Die Zeit ist reif

4. Mai 2018 von redaktionguh  
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Ein Zwischenruf vom katholischen Magdeburger Bischof zum Streit um die vorsichtige Öffnung der Eucharistie für Protestanten.

Nachdem sieben deutsche Bischöfe sich nach der Verabschiedung einer Handreichung über die Möglichkeit einer vollen Teilnahme evangelischer Christen in einer konfessionsverbindenden Ehe an der katholischen Eucharistiefeier durch die Deutsche Bischofskonferenz an Rom mit der Bitte um Klärung gewandt haben, wird über manches spekuliert. Eine öffentliche Auseinandersetzung ist entbrannt, obwohl der Text noch gar nicht erschienen ist.

Gemeinsam unterwegs: Evangelische und katholische Pilger aus Mitteldeutschland haben sich am 22. April zur Ökumenischen Christus-Wallfahrt aus allen Himmels- richtungen auf den Weg zum Kloster Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen gemacht. Foto: Harald Krille

Gemeinsam unterwegs: Evangelische und katholische Pilger aus Mitteldeutschland haben sich am 22. April zur Ökumenischen Christus-Wallfahrt aus allen Himmelsrichtungen auf den Weg zum Kloster Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen gemacht. Foto: Harald Krille

Unsere Handreichung bewegt sich im Rahmen der theologischen und kirchenrechtlichen Möglichkeiten und geht vom Ökumenismusdekret des II. Vatikanischen Konzils (1964) und vom Kodex des Kanonischen Rechts (1983) aus. Vor diesem Hintergrund kann eine Bischofskonferenz oder sogar ein einzelner Bischof verantwortlich darüber urteilen, was außer Todesgefahr eine »andere schwere Notlage« ist, und welche Wege und Bedingungen für möglich gehalten werden, um im Einzelfall eine volle Mitfeier der Eucharistie zu eröffnen. Nichts anderes ist nun endlich geschehen. Da nicht überall auf der Welt die Bevölkerung konfessionell so gemischt ist wie in Deutschland und nur in wenigen Gegenden auf der Erde sich ein solches Gespür für die Herausforderungen der davon betroffenen Ehen entwickelt hat wie bei uns, erscheint es als sinnvoll und erlaubt, ja sogar als dringlich, nicht erst auf eine gesamtkirchliche Entscheidung zu warten, sondern die Initiative zu ergreifen, eine verantwortungsbewusste und angemessene Lösung vor Ort zu finden.

Bereits vor 20 Jahren beschäftigten sich verschiedene Bischofskonferenzen damit. Dabei ging es um kasuistische Reglungen: Zu Anlässen wie der eigenen Trauung oder der Erstkommunion der eigenen Kinder sah man den Kommunionempfang des evangelischen Ehepartners für erlaubt an, ansonsten nicht. Dies hielten die deutschen Bischöfe bereits damals nicht für überzeugend.

Neue Anregung brachten manche Äußerungen von Papst Johannes Paul II., die Bischofssynoden von 2014 und 2015 und die wiederholten Ermunterungen von Papst Franziskus. Hinzu kam, dass bei den ökumenischen Versöhnungsgottesdiensten anlässlich des 500. Reformationsgedenkens die Kommunionfrage in konfessionsverbindenden Ehen als ein brennendes Problem angesprochen wurde. So hat die Ökumenekommission eine Lösungsmöglichkeit erarbeitet, die der Deutschen Bischofskonferenz im Frühjahr 2017 vorlag.

Die Ökumenekommission wurde beauftragt, unter Einbeziehung der Glaubenskommission daran weiterzuarbeiten. Um dem gerecht zu werden und andere Theologen mitdenken zu lassen, war es erst jetzt möglich, eine Überarbeitung einzubringen. Wieder kam es zu einer engagierten Diskussion, bei der die Kritiker nichts Neues vorbrachten. Dabei hatte man den Eindruck, dass nicht die mühevolle Suche nach einer verantwortbaren seelsorgerlichen Lösung für Einzelne ihr Interesse bestimmte, sondern die grundsätzliche Befürchtung, damit nicht mehr wahrhaft katholisch zu sein.

Manche scheinen immer noch einem vorkonziliaren Kirchenbild verhaftet zu sein und die katholischen Prinzipien des Ökumenismus wenig verinnerlicht zu haben. Bei dem Text handelt es sich um eine »Pastorale Handreichung« und um keinen Lehrtext. Damit wird keine generelle Zulassung oder offene Einladung zum Kommunionempfang ausgesprochen. Geboten wird vielmehr eine Hilfestellung für Seelsorger, konfessionsverbindende Eheleute bei der persönlichen Gewissensentscheidung zu begleiten, nicht aber, ihnen diese abzunehmen.

Manchmal ist das Maß voll und die Zeit reif, darf man eine Lösung nicht weiter hinauszögern, muss – selbst wenn einige im Widerspruch verharren – eine gut begründete Entscheidung fallen. Dies ist jetzt geschehen. Eine einfache Lösung bietet die erarbeitete Handreichung nicht, aber eine, die im Einklang mit der Lehre der katholischen Kirche steht und Menschen helfen kann, die Freude am Glauben und an der Feier der Eucharistie zu vertiefen, die ökumenischen Beziehungen zu fördern und das Band der Ehe zu stärken. Eine solche Chance zu vertun, wäre makaber und beschämend.

Bischof Gerhard Feige

Der Gastautor ist Vorsitzender der Ökumenekommission der Katholischen Bischofskonferenz.

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Keine Sorge, die Beter sterben nicht aus

9. Januar 2017 von redaktionguh  
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Zu einer Woche des Gebetes über Konfessionsgrenzen hinweg ruft die Weltweite Evangelische Allianz zum 171. Mal in der zweiten Januarwoche auf. Harald Krille sprach darüber mit Michael Eggert, Pfarrer der EKM und Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz.

Herr Eggert, man hatte in den vergangenen Jahren manchmal den Eindruck, dass die Allianzgebetswoche so eine Art Auslaufmodell ist und die letzten treuen Beter allmählich weg­sterben …
Eggert:
Ich kann Sie beruhigen: Die Angst, dass die Beter aussterben, ist unberechtigt. Denn Gott erweckt sich stets neue Beter. Das sehen wir auch in der Allianz im Bereich von Mitteldeutschland, den ich überblicke. So gibt es beispielsweise hier in Weimar wirklich sehr viele Menschen und Gruppen, die das Gebet für die Stadt und die Gemeinde Jesu auf dem Herzen haben. Ich habe selbst erlebt, wie ein koreanischer Dirigent, der Christ ist, das erste Mal nach Weimar kam, aus dem Bahnhof trat und sagte: »Ich fühle, dass diese Stadt voller Gebet ist.«

Grafik: G+H

Die 1846 in London gegründete Evangelische Allianz verstand sich von Anfang an als konfessions- und denominationsübergreifende Einigungsbewegung. Getragen wurde und wird sie von Einzelpersönlichkeiten aus verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften. Eines der wichtigsten Anliegen war von Beginn an das gemeinsame Gebet, zu dem bereits bei der Gründungsversammlung aufgerufen wurde. In mindestens 71 Orten der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sowie der anhaltischen Kirche treffen sich nach den Recherchen von »Glaube + Heimat« und der regionalen Allianzbeauftragten in der kommenden Woche Christen zum gemeinsamen Gebet. Sollte Ihr Ort nicht dabei sein, so liegt dies daran, dass er weder uns noch der Allianz bekannt war. Bitte melden Sie sich in diesem Fall in der Redaktion, Telefon: (0 36 43) 24 61-20. (Grafik: G+H)

Ich glaube, dass Gebet das entscheidende Fundament unseres Glaubens und Wirkens als Christen ist und dass deshalb auch die Allianzgebetswoche kein Auslaufmodell, sondern nach wie vor ein Zukunftsmodell ist. Es gibt meines Wissens keine andere christliche Veranstaltung, die seit 171 Jahren in dieser Weise jährlich stattfindet. Das ist einmalig und zeigt, dass hier der Kern unseres Glaubens verankert ist.

Nun ist Weimar eine größere Stadt mit internationalem Flair – aber wie sieht es in der Fläche aus?
Eggert:
Als Mitglied im Hauptvorstand der Allianz nehme ich am sogenannten »Kon-Takt-Programm« teil. Dabei geht es darum, Kontakt zu den örtlichen Allianzarbeiten in einem ganz bestimmten geografischen Bereich zu halten und sie nach Möglichkeit zu unterstützen. Und da habe ich herausgefunden, dass es den einen oder anderen Ort gibt, in dem es die Gebetswoche oder überhaupt die Allianzarbeit nicht mehr gibt, weil sie an einzelnen Familien oder Personen hing. Dafür hab ich aber andere aufgespürt, die wir bisher noch gar nicht im Blick hatten. Und dafür bin ich sehr dankbar. Die Allianzarbeit lebt, nicht nur in Weimar.

Wer trägt eigentlich die Gebetswoche in den Orten? Wer ist Allianz?
Eggert:
Die Allianz ist ja ein Netzwerk. Es gibt keine Mitgliedschaft. Es sind die, die das Gebet auf dem Herzen haben und denen die Einheit der Christen wichtig ist. In Thüringen ist es oft so, dass die Leiter oder Vorsitzenden der Landeskirchlichen Gemeinschaften in die Verantwortung eintreten und federführend sind. Aber einige Leiter sind auch in anderen Kirchen tätig. In Erfurt beispielsweise trägt der Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde die Verantwortung. Und es gibt ganz viele Ehrenamtliche, die etwa die Gebetswochen organisieren.

Der Name Evangelische Allianz klingt so, als ob nur Protestanten teilnehmen können.
Eggert:
Mitmachen kann jeder, der die Grundsätze der Allianzarbeit befürwortet. In vielen Orten in Deutschland arbeiten auch katholische Christen in der Allianzarbeit mit, kommt man zu Gebetsabenden in katholischen Gotteshäusern zusammen, so auch in Weimar seit einigen Jahren. Hier ist auch die einzige russisch-
orthodoxe Gemeinde Thüringens mit dabei. Zu den Abenden der Allianzgebetswoche können wir zwar nicht in die orthodoxe Kirche, weil der historische Friedhof, auf dem sie liegt, abends verschlossen wird. Aber der orthodoxe Priester beteiligt sich seit einigen Jahren an den Abenden. Und einmal im Jahr sind wir in unserer monatlichen Reihe »Gebet für Weimar« auch in der orthodoxen Kirche zu Gast.

Wie läuft so ein Gebetsabend konkret ab? Werden da Gebete verlesen oder muss jeder frei beten?
Eggert:
Ein Gebetsabend verläuft in der Regel so, dass es nach einer Begrüßung und möglicherweise dem Grußwort des Gastgebers meistens Musik gibt, einige Lieder gesungen werden oder sich auch Chöre beteiligen. Es folgen ein kurzes Wort, also eine Andacht zu dem jeweils vorgegebenen Thema sowie Informationen zu konkreten Gebetsanliegen.

Illustration: Balintseby/Freepik.com

Illustration: Balintseby/Freepik.com

Und dann gibt es die eigentliche Gebetszeit. Die wird vollkommen unterschiedlich gestaltet. In größeren Räumen und bei vielen Teilnehmern ist es in der Regel so, dass man kleine Gruppen bildet. Da ist dann auch Raum für das freie Gebet. Doch die Verantwortlichen haben auch die Freiheit, formulierte Gebete vorzutragen, und die Gemeinde betet dann in der Stille. Es gibt da keine festen Regeln. Es gibt nur die Regel, dass man das, was der Gastgeber oder der Verantwortliche tut, mit vollzieht.

Sie sprachen von thematischen Vorgaben, wer erstellt die?
Eggert:
Diese Vorgaben werden jedes Jahr von der Deutschen Evangelischen Allianz erarbeitet, in einem Begleitheft zusammengefasst und auf Anforderung an die Gebetsorte verschickt. So kann sich jeder schon vorher über die Themen der Abende und die Gebetsvorschläge informieren. Aber es steht auch frei, eigene Schwerpunkte einzubringen. Wenn wir beispielsweise im Weimarer Rathaus oder in der Stadtverwaltung sind, beten wir natürlich auch für die Stadt, selbst wenn es an diesem Abend nicht im Heft steht.

Was ist dieses Jahr thematischer Schwerpunkt?
Eggert:
Das Oberthema in diesem Jahr heißt »Einzigartig« und greift die vier »Sola« der Reformation auf: allein Christus, allein die Bibel, allein die Gnade und allein der Glaube. Die werden in den Mittelpunkt gerückt.

Wie fromm muss man sein, um zur Allianzgebetswoche zu gehen?
Eggert:
Fromm ist ein schwieriger Begriff, der ja meist sehr unterschiedlich gefüllt wird. Ich denke: Jeder, dem es ein Anliegen ist, vor Gott für die Welt, für seine Gemeinde und für die Einheit der Christen einzutreten, der sollte kommen. Es ist ja oft so, dass Mitglieder unserer Landeskirche das freie Gebet nicht so kennen. Deshalb: Jeder kann und soll an den Abenden so beten, wie es ihm selbst gemäß ist. Gern laut, aber ebenso gern im Stillen. Wichtig ist allein, dass wir nicht nur über das Gebet reden, sondern es auch tun.

Volksmusik und -kirche

19. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Er war der unbestrittene »King of the Kings« der DDR-Volksmusikszene: Herbert Roth wäre am 14. Dezember 90 Jahre alt geworden. Dank der Schallplatte und des DDR-Fernsehens bin ich mit ihm und seinen Liedern quasi aufgewachsen. Mein Vater war absoluter Volksmusik-Fan und der heute noch in meinem Besitz befindliche Stapel seiner Vinylscheiben bringt etliche Kilo auf die Waage. Für mich als 14-, 15-Jährigen war es vor allem peinlich, wenn aus unseren Fenstern wieder und wieder das »Rennsteiglied« oder »Kleines Haus am Wald« auf die Straße drang. Inzwischen kann ich die Lieder auf der Basis der »versöhnten Verschiedenheit« tolerieren.
Was freilich kaum jemand weiß: Der gefeierte Suhler Barde, der nicht nur Volkslieder komponierte und sang, sondern unter Pseudonym auch so manchen DDR-Schlager schuf, der Träger der »Ehrenmedaille der Nationalen Front« und des »Vaterländischen Verdienstordens der DDR« in Gold, war und blieb Zeit seines Lebens Mitglied der evangelischen Kirche, wie mir seine Tochter Karin Roth bestätigte. Und zahlte damit bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1983 auch so manches nette Sümmchen an Kirchensteuern.
Die Familie von Herbert Roth verließ allerdings nach seiner Beerdigung die Kirche. Der Anlass ist aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar: Weil die offizielle Trauerfeier in Anwesenheit von DDR-Oberen als »weltliche« Feier firmierte, verweigerte die Kirchengemeinde damals das von Roth ausdrücklich gewünschte Glockengeläut.
Wie sich manche Menschen an Musikstilen reiben, reiben sich andere an der Kirche. Das ist leider bis heute so. So erklärte erst jüngst ein prominentes Mitglied der EKM gegenüber der Landesbischöfin seinen Austritt (siehe Seite 5).

Harald Krille

Denk mal!

13. November 2016 von redaktionguh  
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Der Volkstrauertag ist in Deutschland ein staatlicher Gedenktag und gehört zu den sogenannten stillen Tagen. Er wird seit 1952 zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag begangen und erinnert an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen.«

So beschreibt die Internet-Enzyklopädie Wikipedia Sinn und Inhalt dieses Tages, den wir an diesem Sonntag begehen. Die unzähligen Toten zweier Weltkriege, an die auf vielen Denkmälern und Gedenktafeln im Lande auf Dorfplätzen, Friedhöfen und auch in Kirchen erinnert wird, sollen uns wahrlich eine Mahnung sein. Wie oft finden sich darauf Namensreihen von Geschwistern, nicht selten sogar von Vätern und Söhnen. Die gelegentliche Polemik gegen die »Kriegerdenkmäler« übersieht allzu schnell die Notwendigkeit solchen Erinnerns wie auch das legitime Bedürfnis nach dem würdigen Gedenken an die eigenen Familienangehörigen. Nichts gegen Denkmäler, solange sie uns zum Nachdenken herausfordern.

Problematisch wird es, wenn solche Denkmäler erneut zum Platz fragwürdiger Verherrlichung der Vergangenheit werden. Oder wenn ohne viel Überlegung in diesem Zusammenhang wieder vom »Ehrenmal« gesprochen wird. Nicht nur bei irgendwelchen rechten Gruppierungen, sondern beispielsweise auch im Veranstaltungsplan einer Kirchengemeinde in der Region Gera. Was, bitteschön, war ehrenvoll am Verrecken im Grabenkrieg vor Verdun, im Giftgasnebel vor Ypern? Was war ehrenvoll am Sturm der Wehrmacht durch Polen, Frankreich, Griechenland oder der Sowjetunion? Dabei braucht man noch nicht einmal nur an die Massaker zu denken, die, wie wir wissen, nicht nur von SS- und Polizeieinheiten in den besetzten Gebieten begangen wurden.

Deshalb: Ja zum Gedenken, nein zur Verehrung.

Harald Krille

Streit im Namen des Königs

24. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Bizarrer Konflikt: Im Bereich der EKM gibt es mittlerweile zwei Hilfsvereine, die sich auf den Namen des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf (1594–1632) berufen.

Die Geschichte: Es begann im 19. Jahrhundert in Sachsen und Hessen. Protestantische Christen wollten Glaubensgeschwistern helfen, die als Minderheiten in katholischen oder orthodoxen Ländern lebten. Bald entstanden hin und her Hilfsvereine, die sich auf den Namen des Schwedenkönigs Gustav Adolf bezogen. Man schuf eine gemeinsame Plattform in Leipzig, die seit 1948 als Gustav-Adolf-Werk (GAW) firmiert. Ost und West gingen in DDR-Zeiten notgedrungen getrennte Wege, hielten aber an der Gemeinschaft fest. 1992 gründete sich das gemeinsame GAW als Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) neu und nahm seinen alten Sitz in Leipzig ein.

In der Thüringer Kirche wie in der der Kirchenprovinz Sachsen gab es ebenfalls selbstständige Gustav-Adolf-Werke, die in den jeweiligen Landeskirchen die Hilfswerksidee vertraten, Spenden sammelten. Alles ging gut, bis sich 2009 die beiden Landeskirchen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zusammenschlossen.

Die Spitzen beider GAW-Vereine aus Thüringen und Sachen-Anhalt verhandelten miteinander, stellten die Weichen ebenfalls auf Zusammenschluss. Ein Verein mit zwei Untergruppen sollte entstehen. Doch im Thüringer Vorstand kam es zur Revolte. Man wollte die seit 150 Jahren bestehende Selbstständigkeit nicht aufgeben. Der Vorsitzende trat daraufhin zurück, ein neuer Vorstand formierte sich.

Der Konflikt: Vonseiten der Landeskirche entschied man administrativ. Ein neues GAW der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland wurde 2012 gegründet, das provinzsächsische Werk löste sich selbst auf. Den widerständigen Thüringern teilte man kurzerhand den kirchenamtlichen Beschluss zur Aufhebung des GAW der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen (GAW LKTh) mit. Doch die Verantwortlichen legten Widerspruch ein und beriefen sich darauf, dass sie auch als Werk der Kirche in DDR-Zeit ein selbstständiger Verein geblieben seien, der nur von der ordentlichen Mitgliederversammlung aufgelöst werden könne.

Die Eskalation: Die Kirchenleitung reagierte unter anderem mit Disziplinarverfahren gegen den Vorsitzenden, Pfarrer Johannes-Christian Burmeister, den Stellvertreter, Pfarrer Martin Michaelis, und zwei weitere Vorstandsmitglieder. Harte Vorwürfe standen im Raum: Schädigung des Ansehens der EKM, Amtsmissbrauch, Dienstsiegelmissbrauch. Michaelis musste wegen des Verfahrens unter anderem sein Amt als gewählter Vorsitzender der Pfarrervertretung der EKM ruhen lassen.

Die Rehabilitation: 2015 traf man sich vor dem Verwaltungsgericht der EKD in Hannover wieder. Dort holte sich die Landeskirche allerdings eine juristische Abfuhr. Am Ende schloss man einen Vergleich, dessen Kernsatz die aufmüpfigen Pfarrer bestätigte: »Die Beklagte (die EKM – d. Red.) erkennt an, dass das GAW LKTh als nichtrechtsfähiger Verein (…) außerhalb der Kirche fortbesteht. Dessen Name wird in ›Lutherischer Gustav-Adolf-Verein Thüringen‹ geändert.« Außerdem seien alle Disziplinarverfahren einzustellen, eingezogene Gegenstände und Unterlagen an den Verein zurückzugeben.

Die unterschiedlichen Sichten: Für das Gustav-Adolf-Werk der EKM ist ebenso wie für die Leipziger Zentrale klar, dass der neue alte Verein nichts mehr mit dem Gustav-Adolf-Werk zu tun hat. Er sei ein freier Hilfsverein außerhalb der Kirche, wie ihn jede Person gründen könne. »Schon der Name ist für uns ein Widerspruch in sich«, erklären der Hallenser Propst Johann Schneider als Vorsitzender des GAW der EKM sowie der Leipziger GAW-Generalsekretär Enno Haaks unisono. Unterstütze das Hilfswerk doch weltweit evangelische Gemeinden ohne Fokussierung auf die lutherische Fraktion. Der Lutherische Gustav-Adolf-Verein Thüringen freilich wird nicht müde, sich im Mitteilungsblatt des Thüringer Pfarrvereins als »das Original« in Sachen GAW darzustellen. Und: Als besonders bitter empfindet man die Tatsache, dass es vonseiten der Kirchenleitung bisher keine Entschuldigung gegenüber den betroffenen Pfarrern gegeben habe.

Die Folgen: Was unter dem Streit bis heute allerdings am meisten leidet, ist die Hilfe für die Minderheitengemeinden im Ausland. GAW-Vorsitzender Schneider hat es selbst schon erlebt, dass kirchliche Mitarbeiter vor dem Hintergrund der Konkurrenzsituation sagen: Lasst uns in Ruhe mit dem ganzen GAW.

Der Wunsch: Als Geistlicher hat Schneider allerdings noch ein anderes Anliegen: »Als Kirche, die das Wort von der Versöhnung predigt, müssen wir auch selbst Versöhnung leben.« Deshalb sei es Zeit für ein gemeinsames Gespräch jenseits aller rechtlichen Wertungen. Voraussetzung sei aber, »dass beide Seiten bereit sind, ihre eigene Wahrnehmung im Lichte des Evangeliums zu sehen«.

Harald Krille

Sola scriptura

16. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Wir haben eine neue Lutherbibel. Am 19. Oktober startet der Verkauf. Doch was dann? Zwar wurden allein von der evangelischen Deutschen Bibelgesellschaft im vergangenen Jahr 254 396 vollständige Bibeln verkauft. Aber nach einer Umfrage von Allensbach lesen ganze vier Prozent der Bevölkerung regelmäßig in ihr, weitere neun Prozent »hin und wieder«. Die übergroße Mehrheit liest sie nie. Die Bibel – der ungelesene Bestseller!

Nicht dass ich die neue Bearbeitung der Lutherbibel kritisieren will. Im Gegenteil. Warum aber, so frage ich mich, ist die Bibel nur ein kleiner Baustein im überbordend bunten Reigen der Aktivitäten rund um das Reformationsgedenken? Warum wird die neue Lutherbibel nicht wenigstens von einer Bibellese-Kampagne begleitet? Warum gibt es keine Bibellesepläne etwa nach dem Motto »Mit Martin Luther durch das Neue Testament«, mit kernigen Ein- und Ausführungen des Reformators zu den Bibelbüchern? Hat man am Ende gar Angst vor der Kraft der Bibel oder vor Luthers unbefangenem Zugang zur Heiligen Schrift?

Manchmal kann der Eindruck entstehen, die Bibel sei heutigen Menschen gar nicht mehr ohne den ganzen Rattenschwanz von Bibelkritik, Bibelwissenschaft und Theologenstreit zuzumuten. Dabei war doch der freie Zugang zum Wort Gottes für jedermann eines der Kernanliegen der Reformation. »Sola scriptura« – allein durch die Schrift sollte unser Glaube, unser moralisches Handeln und Werten geprägt sein. Deshalb übersetzte Luther sie in eine Sprache, die auch Lieschen Müller verstehen konnte. Eine ungeheure Demokratisierung: Nicht der Papst, nicht Bischöfe, Priester und Synoden haben zu entscheiden, wie die Bibel auszulegen ist. Gebt dem Volk die Bibel zurück – es ist höchste Zeit!

Harald Krille

Milch im Überfluss

29. September 2016 von redaktionguh  
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Erntedank: Wir haben Nahrungsmittel im Überfluss. Und das ist auch ein Problem, wie der Besuch bei einem Milchbauern zeigt.

Theodor Aue ist Bauer aus Leidenschaft. Seit seinem 18. Lebensjahr arbeitet der heute Vierzigjährige als Landwirt. Zunächst gemeinsam mit Eltern und Geschwistern auf einem 1994 neu eingerichteten Hof. 2009 ergab sich die Gelegenheit, eine Hofstatt im altmärkischen Schinne zu erwerben, einem Ortsteil der Gemeinde Bismark im Kirchenkreis Stendal. Gemeinsam mit seiner Frau Carla machte er sich als Milchbauer selbstständig.

Theodor Aue aus dem altmärkischen Schinne blickt verhalten optimistisch in die Zukunft: Die Milch seiner schwarzen und roten Holsteiner Kühe kann er künftig als zertifizierte Bio-Milch zu deutlich höheren Preisen verkaufen. Foto: Harald Krille

Theodor Aue aus dem altmärkischen Schinne blickt verhalten optimistisch in die Zukunft: Die Milch seiner schwarzen und roten Holsteiner Kühe kann er künftig als zertifizierte Bio-Milch zu deutlich höheren Preisen verkaufen. Foto: Harald Krille

Beim Gang durch seine Stallanlagen auf dem Gelände einer ehemaligen russischen Radarstation weist er auf ein Stück Land: »Hier sollte unser neues Wohnhaus entstehen. Die Baugenehmigung liegt vor, aber das Haus haben wir im vergangenen Jahr praktisch ›vermolken‹.«

Seit der nicht zuletzt vom Deutschen Bauernverband immer wieder geforderten Aufhebung der EU-weiten Milchquote im Frühjahr 2015 fiel der Milchpreis in ungeahnte Tiefen. Weniger als 24 Cent bekam im Juni dieses Jahres der Bauer für einen Liter.

Nun ist Aues Betrieb kein Kleinunternehmen. 450 Milchkühe, 150 Jungrinder sowie eigener Futteranbau auf 320 Hektar machen ihn im Landesmaßstab zu einem der größeren Betriebe. Die technische Ausstattung ist auf hohem Niveau. Dennoch: »2015 und 2016 sind die bisher schwersten Jahre meiner Existenz«, sagt der Landwirt. »Die Erlöse der Milchproduktion decken nicht mehr die Kosten.«

Theodor und Carla Aue hinter ihrer Kuh in den Nationalfarben, die vor ihrem Wohnhaus im Dorfe für "faire Milch" wirbt. Foto: Harald Krille

Theodor und Carla Aue hinter ihrer Kuh in den Nationalfarben, die vor ihrem Wohnhaus im Dorfe für "faire Milch" wirbt. Foto: Harald Krille

Überleben konnte der Betrieb mit seinen sieben Angestellten und derzeit zwei Auszubildenden nur durch Rückgriff auf Reserven. Und weil die Aues, schon immer auf Ressourcennutzung und Nachhaltigkeit bedacht, Energie erzeugen und verkaufen. Mit einer Biogasanlage, in der die eigene Gülle vergoren wird, sowie einer genossenschaftlich betriebenen Solaranlage produzieren sie Strom. Nicht nur für den eigenen Betrieb, sondern darüber hinaus genug für rund 1 300 Vier-Personen-Haushalte.

Aue ist Mitglied im Landesvorstand Sachsen-Anhalt des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter. Deshalb weiß er um die Dramatik der Entwicklung, nicht nur auf seinem eigenen Hof. In den vergangenen Jahren hätten im Schnitt zwei bis drei Prozent der Milchviehbetriebe aufgegeben. In diesem Jahr rechne der Verband in Sachsen-Anhalt damit, dass 15 bis 20 Prozent das Handtuch werfen.

Doch die Schuld an der Misere schiebt Aue nicht auf die Molkereien, Handelsketten oder Lebensmittelkonzerne. »Wir sind zu gut, wir produzieren einfach zu viel.« Die Lösung sieht er ebenfalls nicht in staatlichen Garantiepreisen für Milch. »Wir müssen durch verbindliche Absprachen und effektive Instrumente die Menge regulieren.« Dafür habe sein Verband konkrete Vorschläge erarbeitet.

Den Ansatz, nicht Milchmenge um jeden Preis zu erzeugen, verfolgt Aue selbst schon längst. Weil er seinen Kühen schon immer weniger Kraftfutter gibt, liefern sie im Jahresdurchschnitt nur 8 000 Liter Milch, statt der üblichen 9 000. Seine Kühe bleiben dafür länger gesund und leistungsfähig. Ihre »Gesamt-Lebensleistung« liegt deshalb weit über dem Durchschnitt.

»Das Wohl der Kuh ist uns wichtig«, lautet Aues Statement. Dazu gehört der unmittelbare Kontakt zu den Tieren. Weshalb es zwar einen modernen Karussell-Melkstand gibt, aber
keine Vollautomatisierung. »Mindestens zweimal am Tag kommt es so beim Melken zum direkten Kontakt zwischen Mensch und Tier.

Theodor und Carla Aue sind verhalten optimistisch. Sie haben ihren Betrieb in den vergangenen Monaten auf Bio-Milch umgestellt. »Das fiel uns nicht allzu schwer, weil wir rund 80 Prozent der Vorgaben bereits vorher eingehalten haben.« Ab 1. Oktober liefern sie zertifizierte Milch und erhalten dafür knapp 44 Cent pro Liter.

Dennoch: »Wir haben allen Grund, dankbar zu sein«, sagt der evangelische Christ Aue. Seit 65 Jahren kenne man in Europa keinen Hunger mehr. Dies gehöre zu den positiven Folgen der modernen Landwirtschaft und sollte – trotz aller Probleme – nicht in Vergessenheit geraten.

Harald Krille

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