Beten, Bauhaus, Krankenpflege

12. August 2018 von redaktionguh  
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Fernsehtipp: Der MDR stellt am 14. August das Diakonissenmutterhaus in Elbingerode vor


Ihre bewegte Geschichte reicht bis ins Jahr 1899 zurück: Ganz im Trend der damaligen Zeit gründete Pfarrer Blazejewski ein »Gemeinschafts-Schwesternhaus« im ostpreußischen Borken bei Bartenstein. Schon ein Jahr später zog die Lebensgemeinschaft nach Vandsburg in Westpreußen um. Als dieser Ort nach dem ersten Weltkrieg an den neugegründeten polnischen Nationalstaat fiel, zogen 300 der damals 450 Diakonissen westwärts auf der Suche nach einem neuen Ort für ihre Gemeinschaft. Über Stationen in Berlin und im sächsischen Rathen gelangten sie nach Elbingerode im Harz und gründeten dort in einem ehemaligen Kurhotel das Diakonissenmutterhaus »Neuvandburg«.

Theologisch konservativ, architektonisch modern: Die Diakonissen entschieden sich Anfang der 1930er-Jahre gerade nicht für die besonders von nationalistischen Kräften propagierte »Heimatschutzarchitektur«, sondern für einen modernen Zweckbau – ganz im Geiste des vom Bauhaus geprägten »Neuen Bauens«. Foto: MDR/Philipp Bauer

Theologisch konservativ, architektonisch modern: Die Diakonissen entschieden sich Anfang der 1930er-Jahre gerade nicht für die besonders von nationalistischen Kräften propagierte »Heimatschutzarchitektur«, sondern für einen modernen Zweckbau – ganz im Geiste des vom Bauhaus geprägten »Neuen Bauens«. Foto: MDR/Philipp Bauer

Das Domizil wurde bald zu klein, und so traf die Gemeinschaft eine wichtige Entscheidung: Ein Neubau sollte entstehen. Das besondere: Sie entschieden sich Anfang der 1930er-Jahre für einen modernen Zweckbau im Geiste des Bauhauses, das damals von nationalistischen Kräften heftig bekämpft, aus Weimar nach Dessau vertrieben und später gänzlich verboten wurde. Entstanden ist ein bis heute mustergültig funktionierendes Architektur­ensemble mit Wohn- und Gemeinschaftsräumen sowie, als Clou, einem Schwimmbad unter dem Kirchensaal.

Der spannenden Geschichte der Elbingeröder Schwesternschaft mit ihrem diakonischen Engagement in dem angeschlossenen Krankenhaus geht am Dienstag, 14. August, das MDR-Fernsehen nach. Unter dem Motto »Der Osten – Entdecke, wo du lebst« gibt es einen Einblick in Vergangenheit und Gegenwart des Diakonissenhauses und die Besonderheiten der Lebensgemeinschaft »evangelischer Nonnen«. Auch nach der Zukunft fragt der Film – haben die derzeit 150 hier lebenden Diakonissen doch einen Altersdurchschnitt von 78 Jahren erreicht. Nachwuchs ist nicht in Sicht. Dennoch ist der heutige Leiter, Pastor Reinhard Holmer, zuversichtlich, dass Elbingerode auch in Zukunft ein Ort der Nächstenliebe und Hilfe für Menschen bleibt. (G+H)

Der Osten – Entdecke wo du lebst, MDR Fernsehen, 14. August, 20.45 Uhr

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Radeln und Rasten

30. Juli 2018 von redaktionguh  
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Radwegekirchen in Mitteldeutschland

Die mitteldeutschen Radwegekirchen erleben aktuell ihren Saisonhöhepunkt. Insgesamt laden auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) 59 und in der Landeskirche Anhalts 7 Radwegekirchen zur Einkehr ein. Die Gotteshäuser liegen unmittelbar an den zahlreichen Radwegen in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen und sind an entsprechenden Hinweisschildern als Radwegekirchen erkennbar. Geboten werden meistens ein Rastplatz oder Garten mit Tischen und Bänken sowie ein Zugang zu Toiletten und Trinkwasser.

Am Mulderadweg zwischen Eilenburg und Bad Düben liegt in dem kleinen Ort Gruna (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Radwegekirche. Foto: epd-bild

Am Mulderadweg zwischen Eilenburg und Bad Düben liegt in dem kleinen Ort Gruna (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Radwegekirche. Foto: epd-bild

Thüringen zählt bei den Radfahrern zu Deutschlands beliebtesten Gegenden. Unter den 171 Regionen der Rad­reiseanalyse 2018 des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) habe es das Land mit Platz sieben in die Top 10 geschafft, teilte die Thüringer Tourismus Gesellschaft (TTG) mit. Der 403 Kilometer lange Saale-Radweg von Sparnberg bis Kaatschen sei laut ADFC besonders populär. Insgesamt verfüge Thüringen über 1 500 Kilometer an Radfernwegen.

Die Radwegekirchen in der EKM und der Evangelischen Landeskirche Anhalts stehen Besuchern von Ostern bis zum Reformationstag am 31. Oktober zum Ausruhen und Innehalten offen. Viele Gemeinden bieten zusätzlich Kirchenführungen und Seelsorgegespräche an. In einigen Radwegekirchen finden während des Sommers auch Konzerte und Festivals statt. Vom Elbe-Radweg aus lohnt sich auch ein Abstecher zur Landesgartenschau in Burg in Sachsen-Anhalt. In Anhalt bekam 2008 die Kirche in Steckby bei Zerbst am Elberadweg den Titel Radwegekirche. Weitere Beispiele sind die Kirche in Dessau-Großkühnau und Klieken (Elbe), St. Georg und Pankratius in Hecklingen (Bode) oder die Kirche im Ballenstedter Stadtteil Opperode im Harz.

Mit 76 Prozent fahren drei von vier Deutschen Rad, 51 Prozent davon nutzten es für Ausflüge und Reisen, ermittelte der ADFC in seiner Analyse. Besonders der Bereich der Tagesausflüge nehme weiter zu. Mehr als jeder Zweite radele ins Grüne, was rund 167 Millionen Tagesausflügen entspreche. Auch in den Ferien würden sich die Deutschen gerne aufs Rad schwingen. Statistisch kämen so 99 Millionen Ausflüge im Urlaub zusammen, errechnete der Fahrradclub.

In Mitteldeutschland stehen etwa 4 000 evangelische Kirchen und Kapellen. Das sind rund 18 Prozent aller evangelischen Kirchen Deutschlands. Eine Karte mit allen Radwegen und Radwegekirchen deutschlandweit sowie Informationen zu den Öffnungszeiten der Kirchen und ihrer Geschichte gibt es im Internet. Auch die Geodaten der Radtouren stehen zum Download bereit. Das Signet »Radwegekirche« wird von der Landeskirche nach Prüfung der Kriterien verliehen.

(epd/G+H)

www.radwegekirchen.de

Veranstaltungen an und in Radwegekirchen:

• Für einen Besuch der Landes­gartenschau Burg lohnt sich ein Abstecher vom Elbe-Radweg: Der Kirchen-Pavillon ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Er befindet sich in den Ihlegärten und ist auch ohne Eintrittskarte zugänglich. Neben anderen Programmpunkten gibt es tägliche Mittagsandachten (12 Uhr) und jeden Sonntag einen Gottesdienst (12 Uhr).

www.kirchen-landesgartenschau-burg.de

• Orla-Radweg-Festival: 8. bis 23. September in den Kirchen Krölpa (Eröffnungskonzert mit »Saitenverkehrt«, Cello und Klavier), Lausnitz (Orgelkonzert), Ranis (Kindertheater THEATERTA), Jüdewein (Konzert mit dem Pößnecker Posaunenchor), Oppurg (Saxophonkonzert mit der Gruppe »Taktlos«), Birkigt (Gospelkonzert mit »Voices of life«) und im Schützenhaus Pößneck (Chorsinfonisches Konzert mit der Pößnecker Kantorei). Weitere Informationen: Helmut Krauß, (01 57) 52 42 72 09
• St.-Concordia-Kirche Ruhla (Rennsteig-Radwanderweg): Sommerkonzert Gahabka & Grüger (18. August, 17 Uhr) mit Werken von Beethoven, Bernstein, Strauß u. a.

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Eine Frage der Definition

3. November 2017 von redaktionguh  
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Zwischen Form und Inhalt: Formale Kriterien entscheiden, wann eine Klinik, eine Sozialstation oder ein Pflegedienst sich diakonisch nennen dürfen. Das Beispiel der Lungenklinik Ballenstedt fordert zum Umdenken auf.

Die Diakonie Mitteldeutschland prüft den Ausschluss einer Einrichtung. Der Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) und der Landeskirche Anhalts beschäftigt sich mit der Lungenklinik Ballenstedt. Der Grund: Das Krankenhaus, das bis zum vergangenen Jahr alleinig zur Evangelischen Stiftung Neinstedt gehörte, hat seit Februar 2017 einen weiteren Gesellschafter. Das kommunale Harzklinikum »Dorothea Christiane Erxleben« hält inzwischen 51 Prozent der Geschäftsanteile der Lungenklinik.

Das hat Folgen. »Eine Einrichtung ist dann der Diakonie zuzuordnen, wenn die Kirche den entscheidenden Anteil hat, wenn sie das Sagen hat«, erklärt Wolfgang Teske, kaufmännischer Vorstand der Diakonie Mitteldeutschlands. Das ist die derzeitige Rechtslage.

Doch ein Ausschluss scheint von keinem Beteiligten gewollt und so laufen seit Monaten viele Gespräche. Das Kirchenrechtliche Institut wurde um ein Gutachten gebeten. Über einen möglichen Ausschluss oder eine weitere Zuordnung entscheidet der Diakonische Rat, dem hochrangige Vertreter der beiden Landeskirchen angehören.

»Wir stehen hier vor dem echten Problem zu definieren, was Diakonie eigentlich ist«, sagt Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig auf Nachfrage von »Glaube+Heimat«; die Lungenklinik Ballenstedt befindet sich auf dem Gebiet der anhaltischen Landeskirche.

Praktizierte Nächstenliebe auf Grundlage des christlichen Menschenbildes – so kann man die vielen diakonischen Angebote zusammenfassen. Foto: Andrey Popov

Praktizierte Nächstenliebe auf Grundlage des christlichen Menschenbildes – so kann man die vielen diakonischen Angebote zusammenfassen. Foto: Andrey Popov - stock.adobe.com

Wer sich Diakonie nennen und das Kronenkreuz im Logo tragen darf, muss bestimmte Kriterien erfüllen. Dazu zählen etwa das Arbeitsrecht und die Gesellschafterstruktur. Was aber, wenn wie im Falle Ballenstedts das Unternehmen eigenständig im Status einer Tochtergesellschaft des kommunalen Trägers bleibt, wenn Arbeitsverträge nicht angetastet werden, es weiterhin eine Klinikseelsorge, einen Besuchsdienst und eine Hospizgruppe gibt?

Zudem hat die Evangelische Stiftung ein Vetorecht. Befürworter werten dies als eine Reihe von Argumenten, die dafür sprechen, dass die Ballenstedter Klinik Mitglied der Diakonie bleibt.

Dass die Lungenklinik überhaupt gemeinsam mit dem Krankenhaus des Landkreises Harz geführt wird, hat auch wirtschaftliche Gründe. Die Verwaltung wird gebündelt, das führt zu Einsparungen und durch den Verbund eröffneten sich neue Leistungsfelder, berichtete die »Volksstimme« bereits vor einem Jahr. Harzklinikum und Stiftung wollen mit der gemeinsamen GmbH die Lungenklinik als Krankenhaus der Region stärken. Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig betonte, Kirche, Klinik und Diakonie bleiben im Gespräch. Die Frage, welche Rolle ein diakonisches Selbstverständnis und ein geistliches Profil in der Zuordnung spielen und wie belastbar inhaltliche Kriterien sein müssen und überhaupt sein können, stelle sich indes nicht nur für das Diakonische Werk und die beiden Landeskirchen in Mitteldeutschland. Es sei ein bundesweites Thema.

»Bisher gibt es da keine Einheitlichkeit, das ist außerordentlich bedauerlich«, so Liebig weiter. Nicht nur Änderungen der Gesellschafterstruktur, auch neue arbeitsrechtliche Wege fordern zum Nachdenken auf, wann ein Sozialunternehmen sich Diakonie nennen darf und wann nicht. Dies sei eine berechtige Frage der diakonischen Dachverbände an die verfasste Kirche. Aufs Tableau kommen all diese Themen, weil die Wirtschaft das Soziale längst durchdringt. Das Umfeld hat sich verschärft, die Konkurrenz durch nichtkirchliche Träger ist groß geworden.

Indes hat die Mitgliederversammlung der Diakonie Mitteldeutschland einen Sanktionskatalog verabschiedet, um künftig differenzierter auf Verstöße gegen das Satzungsrecht reagieren zu können. »Bislang hatten wir außer dem Vereinsausschluss keine anderen Möglichkeiten«, schildert Vorstand Wolfgang Teske und zählt als neue, weitere Möglichkeiten Ermahnungen oder die Einschränkung von Rechten auf. Der Ausschluss aus dem Dachverband gilt als ultimo ratio.

Katja Schmidtke

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Fluchtgeschichten: Ereignisse, die verbinden können

26. September 2016 von redaktionguh  
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Flucht und Vertreibung – ein Thema so alt wie die Menschheit. Das Erlebte zu verarbeiten ist schwer. Um Begegnung und Austausch geht es bei einem kirchlichen Projekt im Harz. Flüchtlinge von einst und jetzt erzählen ihre Geschichte.

Was bedeutet es, wenn man vertrieben wird? Viele Menschen können davon erzählen. Das hat Vikarin Ann-Sophie Schäfer in Benneckenstein (Kirchenkreis Halberstadt) erfahren. »Wer sich für die alten und neuen, die schmerzhaften und hoffnungsvollen Erzählungen von Flüchtlingen interessiert, der hat die Chance auf echte Begegnung. Der kann den anderen mit seiner Geschichte begreifen und vielleicht auch ein Stück der eigenen Geschichte neu verstehen.«

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Die Vikarin hat zusammen mit 15 Freiwilligen einen Abend zum Thema »Fluchtgeschichten« organisiert. Der Interkulturelle Abend im April 2015 war ein voller Erfolg. Sechs Fluchtgeschichten wurden auf Arabisch und Deutsch vorgestellt. Eine syrische Band spielte, die Harzer Heimatgruppe trat auf und beim interkulturellen Buffet konnte man sich begegnen.

»Wir waren eine kleine Gruppe von vier jungen Männern, die sich schon länger mit Fluchtplänen befasst hatte …« Diese Geschichte, die hier ihren Anfang nimmt, spielt nicht heute, sondern vor über 40 Jahren mitten in Deutschland, an der deutsch-deutschen Grenze.

Einer von uns hatte sich bei einem Westbesuch die Grenze von der Westseite aus ansehen können und eine Landkarte vom Westharzland mitgebracht. Dort waren noch alle Vorkriegswege eingezeichnet, und wir konnten sie mit unserer Ostkarte abgleichen und so einen für uns günstigen Weg aussuchen. Wie wir leider feststellen mussten, war einer von uns ein Verräter, er wurde als Spitzel von uns enttarnt. So kam es, dass wir früher fliehen mussten als geplant. Wir packten unsere Sachen und es ging um 20 Uhr zu Fuß Richtung »Drei Annen« los. Wir wählten dann den nach unserer Vorstellung sichersten Weg über die »Steinerne Renne«, dann Richtung Ilsenburg und Brockenmoor, und schließlich Richtung Eckertalsperre-Torfhaus. Wir waren vorsichtig und leise.

Anonym

Flucht ist oft lebensgefährlich. Davon berichtet die 1944 in Elbingerode geborene Person, die nicht namentlich genannt werden will. Anonym wurde der Text an Ann-Sophie Schäfer weitergeleitet. Flucht ist nicht gleich Flucht und gesellschaftspolitische Hintergründe lassen sich nicht vergleichen. Aber einander Erlebtes zu erzählen, das bringt Menschen näher zueinander. Erzählen schafft Begegnung.

Mein Name ist Khaled, ich bin 1978 geboren – in der Stadt Abu Kamal. Sie liegt an der syrisch-irakischen Grenze und ist bis heute schwersten Bombardierungen ausgesetzt. In der letzten Zeit sind die Bombardierungen durch die Luftwaffe des Regimes und auch durch die russische Luftwaffe sogar noch heftiger geworden. Viele Menschen sind ums Leben gekommen oder durch den »Islamischen Staat« vertrieben worden. Ich und meine Frau haben uns schließlich entschlossen, Syrien zu verlassen, vor allem, weil es keine Schulen und keine Krankenhäuser mehr gab.

Wir haben uns mit dem Fahrer eines Kleinbusses geeinigt und sind eines Nachts aus Abu Kamal nach Al-Mayadin geflohen. Von dort haben wir die Wüstenstraße Richtung Aleppo genommen, wo die Menschen in die Türkei geschleust werden. Die Reise war immer wieder sehr riskant: Auf der einen Seite die Straßensperren des »Islamischen Staates« und auf der anderen Seite die Flieger, deren Brummen man nachts hörte. Unsere erste Reise dauerte neun Stunden, dann kamen wir endlich im syrisch-türkischen Grenzgebiet an. Wir fanden jemanden, der uns in die Türkei schleusen konnte. Zwischen Olivenbäumen liefen wir zehn Kilometer zu Fuß. Ab und zu gab es Bombardierungen in den nahegelegenen Gebieten. Wir hörten scharfe Schüsse und Artillerie. Unsere Kinder und wir hatten große Angst.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled und Farkhozad leben mit ihren Familien seit dem vergangenen Jahr im Oberharz. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, erklärt Khaled. Dennoch hat es beiden viel bedeutet, den Menschen im Oberharz von ihrem vorherigen Leben und den Umständen ihrer Flucht zu berichten. Sie möchten, dass die Menschen verstehen, warum sie ihre Heimat verlassen haben. Und sie wollen zeigen, dass sie sich wünschen, in Deutschland ganz anzukommen. Sie wollen nicht nur so schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen, sondern die Menschen kennenlernen, die hier leben. Ihre Hoffnung ist es, besonders für ihre Kinder, ein Leben in Frieden zu führen.

Der Weg fort aus Syrien war furchtbar. Wir waren gezwungen, endlose Wege zu gehen, ohne das Gefühl zu haben, jemals das rettende Ufer zu erreichen. Uns erging es genauso wie vielen anderen Menschen auch. Wir sind schwer zugängliche Wege gegangen, überquerten Gewässer und Gebirge. Meine kleinen Kinder haben mir furchtbar leidgetan, vor allem wenn sie nicht mehr laufen konnten.

Drei Stunden trieben wir auf dem Wasser herum. Wir beteten zu Gott, dass er uns hilft. Einige von uns weinten. Plötzlich war da ein Journalist auf dem Wasser, der Fotos machte. Er hatte uns entdeckt. Wir haben angefangen, mit den Händen zu winken und lauthals zu schreien. Schließlich kam er uns zu Hilfe. Er zog uns bis ans Ufer. Dieser Mann, der uns geholfen hat, ist ein wunderbarer Mensch. Für mich war es ein schmerzlicher Tag, den ich nie in meinem Leben vergessen werde.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

»Ich weiß, wie sich das Leben als Flüchtling anfühlt. Wenn ich vom Krieg in Syrien und der Flucht höre, dann weiß ich, dass vor allem auch die Kinder davon nicht unberührt bleiben. Das bleibt. Ich war auch erst neun, Ende Mai 1945 wurde ich zehn Jahre. Das ist wie ein Kaleidoskop, wie ein wahrer Film, der bleibt.« Edith Lippe wurde vor 81 Jahren in Stolp in Pommern geboren. Am 8. März 1945, als die Russen von Osten schon nach Pommern vorgerückt waren, treckte endlich, doch viel zu spät, auch ihr Dorf Richtung Westen.

Es war eisig kalt, die Pferde rutschten bergauf auf der vereisten Straße aus. Vor dem Ort Putzig gerieten wir in die Kampfhandlungen. Ein unübersehbarer Treck von Flüchtlingen fuhr in Richtung Danzig. Alle wollten versuchen, auf ein Schiff zu kommen. Von Osten kamen uns russische Panzer entgegen und trafen auf die deutschen Truppen. Die schoben unsere Treckwagen in den Straßengraben. Die Geschosse flogen aus allen Rohren. Wir versteckten uns hinter aufgestapelten Holzstämmen. Meinem 11-jährigen Bruder flog eine Granate so knapp am Ohr vorbei, dass er wochenlang nichts hören konnte.

Edith Lippe

Edith Lippe

Edith Lippe

Als die kleine Edith 1947 nach der entbehrungsreichen Flucht mit der kranken Mutter und den Geschwistern im Oberharz ankam, spürte sie, dass sie hier nicht willkommen waren. Ein neues Leben anzufangen war nicht leicht in den schweren Jahren der Nachkriegszeit. Heute engagiert sich Edith Lippe mit ihrem Mann Hans-Henning in der Flüchtlingshilfe. Inzwischen sind sie, wie sie erzählen, für eine syrische Familie eine Art Großeltern geworden.

Und so klingen Fluchtgeschichten heute zusammen. Auch wenn die Schicksale so verschieden sind. »Ich finde, das ist jetzt ganz was anderes als damals bei uns. Wenn dort Krieg ist und sie flüchten, weil es um Leben und Tod geht, dann kann ich das gut verstehen, dass sie hierher kommen und dass die Leute auch freundlich sind zu denen. Das kann ich alles verstehen. Aber ich muss sagen: Wir hatten auch nichts und uns hat keiner was gegeben. Wir haben hier gehungert. Wir haben Kräuter gesucht, Brennnesseln, was man essen konnte. Das haben wir gesammelt und die Mutter hat dann Suppe davon gekocht. Es gab keine Kleiderkammer wie heute.« So sieht es Margot Papra.

Margot und Detlef Papra

Margot und Detlef Papra

Die gebürtige Schlesierin Margot Papra hat gemeinsam mit Sohn Detlef ihre ganz persönliche Geschichte der Flucht und Vertreibung aufgeschrieben. Detlef Papra war es auch, der diese beim Interkulturellen Abend in Benneckenstein vorlas. Er kennt die Geschichten aus der alten Heimat der Eltern und Großeltern, ist mit anderen Dialekten und schlesischer Küche aufgewachsen.

»Durch diesen Abend und dadurch, dass ich die Geschichte aufgeschrieben habe, ist mir das noch mal sehr bewusst geworden und hat für mich auch noch mal eine Verbundenheit mit der Heimat meiner Großeltern und Eltern gebracht. Ich habe mich mehr damit beschäftigt und auch ein anderes Verständnis für die Menschen bekommen, die heute auf der Flucht sind«, erklärt Detlef Papra.

Lebensschicksale lassen sich nicht einfach vergleichen. Die Hintergründe von Flucht und Vertreibung sind so verschieden wie die Menschen, die darunter leiden müssen. Aber das gegenseitige Erzählen und Anteilnehmen verbindet. So war es jedenfalls in Benneckenstein. »Einander von sich erzählen können, das hilft einfach«, sagt Ann-Sophie Schäfer.

Diana Steinbauer

Aus dem Blickwinkel der Kinder

26. Juli 2016 von redaktionguh  
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Publikation: »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker«


Ich habe mich auf die Augenhöhe der Kinder begeben. Was sieht denn eine Achtjährige, wenn sie an einer ganz normalen Domführung teilnimmt«, fragt die Harzer Superintendentin Angelika Zädow. Sie geht mal wieder unter die Autoren. »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker« heißt ihre unterdessen fünfte Publikation. Im sachsen-anhaltischen Verlag Janos Stekovics erschien ihr Büchlein.

Angelika Zädow mit ihrem neuen Buch. Foto: Uwe Kraus

Angelika Zädow mit ihrem neuen Buch. Foto: Uwe Kraus

»Eigentlich bin ich ziemlich überraschend dazu gekommen«, erinnert sich die Superintendentin. »Das Projekt lag im Dom schon einige Zeit auf Halde, unser Kinderdomführer war lange geplant, dann verließ uns unser Gemeindepädagoge.« Weil sie in ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin viel mit und für Kinder getan hatte, reizte sie der »Führer durch diese Kathedrale«. So entwarf sie den Text, immer wieder mit dem Blick auf die Sicht von Kindern. »Mit Stefan Deike von der Agentur Ideen­Gut lernte ich einen super begabten Menschen kennen, der alles bestens ins Bild rückte.« Er habe mit seinen Illustrationen quasi durch Kinderaugen geschaut. »Er verbindet moderne comicartige Zeichnungen mit den alten Schätzen.« So läuft nun ein Bischof über alle Seiten dieses besonderen Kunstführers durch den Halberstädter Dom St. Stephanus und St. Sixtus.

Wenn Angelika Zädow selbst mit Kindergruppen durch das Gotteshaus unterwegs ist, fasziniert sie immer wieder die Detailliebe der Kleinen. »Ja, wozu sind denn die kleinen Haken über den Verzierungen am Chorgestühl da? – Weil daran an besonderen Festtagen kostbare Teppiche aufgehängt wurden.«

Die Superintendentin wählte verständliche Worte und kurze Sätze, fügt dem augenfreundlich gesetzten Text kleingedruckte Erklärungen als Kür-Teil hinzu. Sie schlägt immer wieder den Bogen zwischen den Zeichnungen und Erklärungen zur Liturgie, verweist bei der Beschreibung der Kopfbedeckung des Comic-Bischofs auf den Domschatz, in dem die wertvolle Mitra ausgestellt ist. Ihre Zeilen regen aber auch zum Selberdenken an. Die neuen Fenster mit modernen Formen und Farben erzählten keine biblische Geschichte. »Ich möchte den Kindern Raum geben, sich eigene Gedanken zu machen.« Ob sie selbst ein Lieblingsbild habe? »Klar, auf der Seite der Marienkapelle die Geburtsszene. Maria im Priester-Gestus, das gefällt mir als Frau und Pfarrerin.«

Uwe Kraus

Angelika Zädow: »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker«, Verlag Janos Stekovics, 20 S., ISBN 978-3-89923-334-6, 4,50 Euro

Sündenfall im Kreuzgang

30. Mai 2016 von redaktionguh  
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Ballettpremiere zu den Halberstädter Domfestspielen

Dass es zu den diesjährigen Halberstädter Domfestspielen vom 3. bis 6. Juni ziemlich österreichisch wird, ist nicht die einzige Besonderheit. Längst gilt das hochkarätige dreitägige Musik­ereignis als »regionales Produkt«. Dass das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode mit den Musikern des Nordharzer Städtebundtheaters auftritt, war zu den Domfestspielen 2008 vielleicht noch ein Aufreger, in den viel hineininterpretiert wurde. Seither dirigieren die Musikdirektoren Christian Fitzner und Johannes Rieger jedes Jahr abwechselnd das große Domkonzert in Halberstadt. Stand bisher ein Mahler-Zyklus auf dem Programm, wird am 5. Juni, 17 Uhr, im Dom St. Stephanus und Sixtus Christian Fitzner die 7. Sinfonie E-Dur von Anton Bruckner dirigieren.

»Hausherr« Kirchenmusikdirektor Claus-Erhard Heinrich kündigte an, dass nicht nur das Orchesterstück von einem Österreicher stammt, auch das Oratorium am Samstagabend stammt aus dem Nachbarland. Joseph Haydns »Die Jahreszeiten« stellten für Heinrich eine Premiere dar. »Seit ich am Halberstädter Dom bin, singen hier erstmalig die Kantoreien Quedlinburg und Halberstadt gemeinsam«, sagt er. »Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit meinem Quedlinburger Kantorenkollegen Gottfried Biller«, erklärt Heinrich, der auf die sehr guten Solisten verweist. »Zur Musik des Mitteldeutschen Kammerorchesters erlebt das Publikum die Dresdner Sopranistin Ute Selbig, Robert Macfarlane, Tenor aus Berlin, und Henryk Böhm aus Braunschweig.« Das Oratorium wird in den »Herbst- und Wintermonaten« etwas gekürzt, Frühling und Sommer erklingen komplett (4. Juni, 18 Uhr, Dom).

Das Ballett des Städtebundtheaters Nordharz trat bereits 2011 im Dom auf. Foto: Jürgen Meusel

Das Ballett des Städtebundtheaters Nordharz trat bereits 2011 im Dom auf. Foto: Jürgen Meusel

Seine Dompremiere feiert auch Can Arslan, der Ballettdirektor des Nordharzer Städtebundtheaters. Erstmalig inszeniert er im Gotteshaus sein Ballett »Sehnsucht nach dem Ungewissen« (3. Juni, 19.30 Uhr, Dom). Er lacht: »Eigentlich wäre es mir lieber, wenn wir nicht im Dom tanzen.« Dem fragenden Stirnrunzeln setzt er entgegen: »Wir planen eigentlich, im Kreuzgang zu tanzen und nur bei schlechter Witterung ins Kircheninnere auszuweichen.« Für seine Compagnie wird die Inszenierung ein einmaliger Auftritt sein, ohne Bühnenbild, aber mit auserlesener Musik. »Ich bin ein Freund minimalistischer Musik«, gesteht der Spanier Arslan. »So werden meine Choreografien auf Klängen von Arvo Pärt und Philipp Glass basieren.« Er denkt, das schafft den Zuschauern einen besseren Zugang zum Tanz. Gerade Arvo Pärts Werk habe einen hohen Glaubensbezug.

Adams Sündenfall bietet die Folie für sein Ballett »Sehnsucht nach dem Ungewissen«. Can Arslan ist es wichtig, dass die Menschen sich Zeit für sich nehmen, verweilen und nicht materiellen Dingen hinterherstürzen. »Ob Adams Apfel oder der auf dem Smartphone, es ist die materialistische Falle, in der wir sitzen, welches Gesicht die auch immer hat.«

Uwe Kraus

Fluchtgeschichten

24. April 2016 von redaktionguh  
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Ein einmaliges Projekt in Benneckenstein vorgestellt


Seit Monaten Fernsehbilder und Zeitungsberichte über Flüchtlinge. Alles weit weg? – Nein, Menschen mit diesem Schicksal leben direkt vor unserer Haustür. Das hat eine Gruppe von rund 20 Ehrenamtlichen erkannt, die am vergangenen Freitag in Benneckenstein einen interkulturellen Abend mit Syrern und Deutschen gestaltete. Seit Februar 2016 wohnen zwei syrische Familien im alten Pfarrhaus. Sie berichteten dem Publikum über ihre Flucht. Andererseits erinnerten sich auch Deutsche an ihre Fluchterlebnisse aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, in dem Fall Schlesien, und eine Fluchtgeschichte der jüngeren Vergangenheit, aus der DDR.

150 Besucher kamen ins Schützenhaus nach Benneckenstein. Foto: Heinz Noack

150 Besucher kamen ins Schützenhaus nach Benneckenstein. Foto: Heinz Noack

Es herrschte eine angespannte Stille bei den 150 Besuchern im Schützenhaus in Benneckenstein, als Khaled Altramesh von seiner Flucht aus Syrien berichtete. Bis Herbst 2015 lebte der 38-jährige Mann mit seiner Ehefrau Jawha und vier Kindern in Abu Kamal, einer Stadt am Euphrat im Osten Syriens. Als durch den Krieg dort kein normales Leben mehr möglich war, verließ die Familie das Heimatland. Es begann eine Odyssee über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich bis nach Deutschland. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, beendet Khaled Altramesh seine Fluchtgeschichte, die Stück für Stück ins Deutsche übersetzt worden war. Nicht nur seine syrischen Landsleute, die einen ähnlichen Fluchtweg hinter sich haben, blickten verständnisvoll. Auch Margot Papra aus Elbingerode konnte die Angst der Familie nachvollziehen. Sie erlebte vor 70 Jahren die Flucht aus ihrer Heimat Schlesien, wo sie 1938 geboren worden war. Ihre Kindheit verbrachte sie im Dörfchen Kamenz, das heute in Polen liegt. Ihr Sohn Detlef las den Erlebnisbericht seiner Mutter vor, der ins Arabische übersetzt wurde.

Die beiden Erlebnisberichte gehörten zu insgesamt sechs Fluchtgeschichten von einst und heute, die an diesem Abend sprichwörtlich unter die Haut gingen. Organisiert wurde der Abend von den ehrenamtlichen Helfern der evangelischen Kirchengemeinde Elbingerode, unter Federführung von Vikarin Ann-Sophie Schäfer.

»Die Stimmung im Harz ist nicht flächendeckend so«, sagte Ann-Sophie Schäfer. »Diese gut besuchte Veranstaltung ist leider nicht repräsentativ.« Aber ein sehr guter Anfang, über die Gemeinsamkeiten nachzudenken. In Elbingerode kam man über die Seniorenkreise auf das Thema Flucht zu sprechen. »Da gab es so viele Andockmöglichkeiten«, sagte Schäfer. »Das war ein Stein des Anstoßes. Nun erinnert man sich auch in den Familien und bei den Treffen an die Erlebnisse. Die Geschichten wurden aufgeschrieben, eine Publikation ist geplant.«

Eine syrische Band aus Wernigerode und der Harzer Singkreis gestalteten den Abend musikalisch aus. Im Anschluss konnten bei einem deutsch-syrischen Büfett persönliche Gespräche geführt und Kontakte vertieft werden.

Steffi Rohland

Gespräche am Küchentisch

17. April 2016 von redaktionguh  
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Frühjahrssynode: Im Kirchenparlament wird debattiert, um Formulierungen gerungen und werden Entscheidungen gefällt

Kloster Drübeck, zwischen Ilsenburg und Wernigerode im Harz, ist ein idyllischer Ort der Einkehr – und im Frühjahr Tagungszentrum der Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Das Mobiltelefon zeigt »kein Netz« und auch der klostereigene, drahtlose Internetzugang scheint auf den Modus Kontemplation eingestellt. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich die Eignung für die Tagung eines Kirchenparlaments. Gerade weil hier die Uhren langsamer gehen und die mediale Ablenkung durch die Klostermauern abgehalten wird, muss man sich real begegnen, sei es in der Klosterkirche, in der großen und kleinen Scheune, bei den gemeinsamen Mahlzeiten oder abends in der Weinstube. Anders als bei der Herbstsy­node in Erfurt geht es längst nicht so geschäftsmäßig zu, und auch der Bericht der Bischöfin scheint von der Kloster­idylle inspiriert.

Sie hat zur Illustration eine Farbe gewählt: rosa. Nicht die rosarote Brille, sondern die seltene liturgische Nebenfarbe. Nur zweimal im Kirchenjahr, am 2. Sonntag der Passionszeit und am 4. Advent, ist sie vorgesehen. In der Erläuterung der Liturgischen Konferenz heißt es dazu: »Wegen des freudigen Charakters des Tages kann das Violett zum Rosa aufgehellt sein.« Rosa, gleich Kleinmädchenkultur? Nein, für die Bischöfin steht die Farbe für das Evangelium: »Mitten in unser Leiden, mitten in Schweres und Dunkles hinein lässt Gott das Licht des unvergänglichen Lebens leuchten.« Gottes Lebenskraft gebe dem Leiden und der Not eine Perspektive. Und so die Bischöfin weiter: »Es geht darum, dass wir unsere Träume nicht vergessen.« Die Welt sei nicht rosarot und der Mensch nicht perfekt, aber die liturgische Farbe rosa, das mit heller Freude durchmischte Violett, mitten in der Passions- und Bußzeit, stehe für Hoffnung und Perspektive. »Gottes Lebenskraft, stärker als alle Not, stärker als der Tod«, so Junkermann. Dass sie die Entwicklung in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) durchaus nicht nur rosig betrachtet, daraus machte die Landesbischöfin keinen Hehl. Der Optimierungsdruck gaukle vor, dass es optimale Lösungen gäbe, man müsse sich nur genug anstrengen. Ein Leben unter Dauerdruck schade aber dem Einzelnen und letztlich der Gesellschaft. Junkermann plädierte für Küchentischgespräche anstelle von Patentrezepten oder schnellen Lösungen.

Mit dem Motiv »Ort der Geborgenheit« zur Jahreslosung illustrierte Landesbischöfin Ilse Junkermann ihren Bericht. Die Karte ist zu beziehen bei EFiD Evangelische Frauen in Deutschland. Foto: Three red apples Dawn D. Hanna / Getty Images

Mit dem Motiv »Ort der Geborgenheit« zur Jahreslosung illustrierte Landesbischöfin Ilse Junkermann ihren Bericht. Die Karte ist zu beziehen bei EFiD Evangelische Frauen in Deutschland. Foto: Three red apples Dawn D. Hanna / Getty Images

Nicht am Küchentisch, aber im Plenum wurde konstruktiv und kontrovers diskutiert. Wie über den Antrag des Jenaer Theologieprofessors Manuel Vogel. Die Landessynode möge sich den Einschätzungen der Extremismusforscher Oliver Decker und Matthias Quent anschließen und die Alternative für Deutschland (AfD) als »eine in Teilen rechtsextreme Partei« bezeichnen. Der Stendaler Superintendent Michael Kleemann teilte zwar die Einschätzung Vogels, hielt aber das Kirchenparlament nicht für den passenden Rahmen eines solchen Beschlusses. Der Erfurter Journalist und Historiker Jan Schönfelder meinte, dass die Synode kein Etikett für eine Partei vergeben sollte. Dem widersprach der Synodale Philipp Huhn. Der aus Hessen stammende Vertreter des Landesjugendkonvents hatte sieben Jahre Björn Höcke, den heutigen AfD-Fraktionsvorsitzenden im Thüringer Landtag, als Klassenlehrer. Für ihn, Huhn, sei die AfD eine »Nazipartei«, von der man sich distanzieren müsse.

Der Magdeburger Richter Jan Lemke hielt es für bedenklich, lediglich die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Extremismusforscher in einem Synodenbeschluss zu bestätigen. Das sei so, als würde sich die Landessynode einer ärztlichen Diagnose anschließen. Die Arnstädter Superintendentin Angelika Greim-Harland sieht die Gefahr, dass mit der Etikettierung der AfD Gemeindemitglieder ausgegrenzt würden. Auch Landesbischöfin Ilse Junkermann wollte nicht pauschal die Menschen, die die AfD gewählt hatten, verurteilen. Allerdings müssten die menschenfeindlichen und antidemokratischen Standpunkte deutlich benannt werden. Das sei im kritischen und zugleich respektvollen Gespräch auch mit Menschen, die extreme und extremistische Ansichten verträten, möglich und notwendig.

Für den Eisenacher Regionalbischof, Propst Christian Stawenow, könne für Christen nur der durch die Liebe tätige Glaube Maßstab sein. Er halte die AfD für rechtsextrem und menschenfeindlich, damit für Christen nicht wählbar. Die klaren Worte der Bibel ließen keine Spielräume, ergänzte ein anderer Synodaler. Der Elbingeroder Pfarrer Ernst-Ulrich Wachter gab zu bedenken, dass, bei einer Stigmatisierung der AfD, die Bindung einzelner an die Partei sich erst recht manifestieren könnte. Ziel müsse aber eher die Schwächung der AfD sein. Er sprach sich dafür aus, den Antrag auch auf andere rechtsextreme Gruppierungen auszudehnen.

Der Antrag wurde im Ausschuss für ökumenische, gesamtkirchliche und Öffentlichkeitsfragen beraten. Der Beschluss, zum Ende der Landessy­node verabschiedet, liest sich dann so: »Wir beobachten, dass rechtsextreme, menschenfeindliche und demokratieverachtende Positionen nicht nur von Teilen der AfD, sondern auch von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft und aus christlichen Gemeinden vertreten werden.« Die Synode tritt gegen Ausgrenzung und Abwertung von Minderheiten, die Verrohung der politischen Kultur sowie die zunehmende Gewaltbereitschaft ein. Gedankt wird allen demokratischen Kräften, die rassistischen und diskriminierenden Äußerungen widersprechen und eine klare Haltung zeigen.

Willi Wild

www.ekmd.de/kirche/landessynode/tagungen

Erste Kirchenmusikschule Deutschlands als Modellprojekt

11. April 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Vor 90 Jahren wurde die Ausbildungsstätte in Aschersleben im Harz gegründet

Bewegungen der verschiedensten Art prägten die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg – in der Theologie, im Orgelbau, in der Politik und in der Kirchenmusik. Ein bis dahin nur am Rande wahrgenommener Beruf rückte dabei ins allgemeine kirchliche Bewusstsein. Am 18. April 1926 ist im sachsen-anhaltischen Aschersleben die erste Kirchenmusikschule in Deutschland gegründet wurde. Das Städtchen am Nordrand des Harzes wurde damit zur Wiege von Generationen von Kirchenmusikern, die das kirchliche Leben vor allem im Osten Deutschlands bis heute prägen.

Zeitgleich fand das 1921 eingerichtete »Institut für Kirchenmusik« Leipzig seine endgültige Gestalt als Ausbildungsstätte der sächsischen Kirche am Landeskonservatorium. Der Typ der Kirchenmusikschule aber ist durch Aschersleben geprägt worden. Bis dahin gab es nur eine Lehrer- und Organisten-Ausbildung an den entsprechenden Instituten.

In den ersten zehn Jahren leitet Seminaroberlehrer Julius Bürger, der auch Organist an der Stephanikirche in Aschersleben ist, die Ausbildungsstätte. Danach übernimmt Bernhard Henking, zugleich Domkantor in Magdeburg, dieses Amt. 1939 erfolgt der Umzug nach Halle in die Wilhelmstraße 10 (heute Emil-Abderhalden-Straße). Die schwierigen Umstände dieser Jahre führen dazu, dass Henking, der Schweizer Staatsbürger ist, im gleichen Jahr das Land verlässt. Der Schreker-Schüler Kurt Fiebig, zuvor als Dozent in Aschersleben tätig, wird neuer Direktor und Kirchenmusiker an der Ulrichskirche Halle.

Aufführung der Hochschule für Kirchenmusik in der Pauluskirche in Halle. Foto: Barbara Bräuer

Aufführung der Hochschule für Kirchenmusik in der Pauluskirche in Halle. Foto: Barbara Bräuer

Bis 1972 fungiert diese als Kirche der Ausbildungsstätte. Dort werden hauptsächlich die Konzerte und sonntäglichen Gottesdienste gestaltet. Da die Männer im Krieg sind, studieren bis 1945 fast ausschließlich Frauen. Die Studentin Gisela Wessel führt in diesen Jahren die Ausbildung.

Noch vor der Kapitulation kann im April unter amerikanischer Besatzung der Lehrbetrieb wieder aufgenommen werden. Fiebig kehrt Ende 1945 aus der Gefangenschaft zurück und übernimmt erneut die Leitung. 1951 geht er nach Hamburg und Eberhard Wenzel – bisher Direktor der Görlitzer Kirchenmusikschule – übernimmt die Leitung.

Inzwischen ist der Beruf des Kirchenmusikers fest in der Kirche verankert und die A-B-C-Ausbildung etabliert. Halle ist in der DDR die einzige Kirchenmusikschule mit der Ausbildung zum A-Kirchenmusiker. Die A-Prüfungen werden bis etwa 1954 auch von Professoren der staatlichen Hochschulen abgenommen. Da es in der DDR keine kirchliche Hochschularbeit geben darf, wird die Kirchenmusikschule Halle als Fachschule eingestuft und die A-Prüfung verliert den Rang eines Hochschulabschlusses. Das wird am 1. Juli 1993 durch das Land Sachsen-Anhalt rückwirkend korrigiert. Seitdem gibt es die Evangelische Hochschule für Kirchenmusik (EHK).

Nach den beiden Komponisten Fiebig und Wenzel übernahm der Mecklenburger Walter Bruhns die Leitung bis zu seinem plötzlichen Tod 1977. Es waren die Jahre, in denen die Kirche aus dem öffentlichen Raum weitestgehend verdrängt war und die Studenten sich fragten, was sie denn nach dem Erlöschen des Berufes machen sollten. Es war aber auch die Zeit, in der Bruhns die erste Nachkriegsaufführung des »Elias« leitete und die Orgelbegeisterung der 1970er-Jahre die Kirchen mit jungen Leuten füllte.

Nach dem Tod von Walter Bruhns und einer einjährigen Leitung durch Dr. Ursula Herrmann übernimmt 1978 der bis dahin schon im Hause tätige Helmut Gleim für 22 Jahre das Rektorat. In diese Zeit fallen die schwierigen Übergangsjahre in das neue Deutschland und die Anpassung an gänzlich veränderte Bedingungen. Die Studierenden dieser Jahre wissen von begeisternden Aufführungen und einer fundierten Ausbildung zu berichten.

Nach einem Interim mit Konrad Brandt übernimmt Wolfgang Kupke im Jahr 2000 die Leitung und hat sie bis zur Stunde inne. 2001 kann ein neues Haus in der Kleinen Ulrichstraße bezogen werden. Fortan sind Wohnen, Essen und Arbeiten getrennte Bereiche. Dem sommerlichen Garten in der Abderhalden-Straße trauert mancher nach, aber das neue Haus besticht durch seine funktionale Schönheit.

Neben dieser äußeren Veränderung, gibt es im Laufe der Jahre auch verschiedene inhaltliche, so etwa die Zusammenarbeit mit der benachbarten Universität im kombinierten Studiengang »Bachelor Kirchenmusik/Lehramt Musik an Gymnasien«, die Einführung des Bachelor-Master-Systems, die regelmäßige Durchführung von Orchesterseminaren mit der Staatskapelle Halle und vieles mehr.

Die Studierenden heute müssen über ein Erlöschen ihres Berufes nicht nachdenken. Dem 100. Geburtstag des Hauses kann mit Zuversicht entgegengesehen werden.

Matthias Jacob

Der Turmbau zu Eilenstedt

6. Oktober 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Kirchlich-kommunales Projekt schafft Platz für Glocken, Eulen, junge Turner, Akten und Versammlungen

Neben der St.-Nicolai-Kirche in Eilenstedt am Nordrand des Huy ragte 16 Jahre lang nur ein Turmstumpf empor. Am 3. Oktober wird der neue Kirchturm eingeweiht.

Ohne Turm habe der Kirche etwas gefehlt, sagt der für Eilenstedt zuständige Pfarrer Christian Plötner, und Michael Richter, stellvertretender Bürgermeister und Mitglied im »Turmprojekt Eilenstedt« ergänzt: »Der Kirchturm ist Landmarke und Orientierungspunkt für die Eilenstedter.« Von Weitem schon ist er nun wieder sichtbar, und beim flüchtigen Blick aus der Entfernung fällt dem Betrachter kaum auf, dass der 17,5 Meter hohe Sockel statt aus hell verputzten Ziegeln aus Beton ist. Erst aus der Nähe erkennt man die Fugen zwischen den Betonfertigteilen.

Als kirchlich-kommunales Projekt entstand der neue Kirchturm in Eilenstedt, der am Sonnabend offiziell in Dienst gestellt wird. Foto: Thorsten Keßler

Als kirchlich-kommunales Projekt entstand der neue Kirchturm in Eilenstedt, der am Sonnabend offiziell in Dienst gestellt wird. Foto: Thorsten Keßler

Kirche und Kommune haben den Turm gemeinsam wieder aufgebaut und werden das fünfgeschossige Bauwerk in Zukunft auch gemeinsam nutzen. Im obersten Geschoss ist alles vorbereitet für die Rückkehr der Glocken. Nach dem Wunsch der Eilenstedter hätten die beiden übrig gebliebenen Glocken bereits jetzt erklingen sollen; die Sanierung der Turmhaube erwies sich aber als dringender. Das Geläut wird ein neuer Bauabschnitt, vor dem Michael Richter aber nicht bange ist: »Mit dem Willen aller werden wir diese Etappe auch meistern.«

Das vierte Geschoss ist zum einen Museum für archäologische Funde aus der Eilenstedter Kirche, die sich zurzeit noch im Landesmuseum in Halle befinden; zum anderen für eine Eulensammlung, welche die Eilenstedter von einer Dame aus Griechenland vermacht bekommen haben. Statt Eulen nach Athen tragen, Eulen aus Athen nach Eilenstedt tragen – was insofern nicht ungewöhnlich ist, als dass auch eine Eule das Stadtwappen ziert.

Der TuTu, der Turm-Turnraum im mittleren Geschoss, dürfte ziemlich einzigartig sein. Hier werden sich die Kinder aus dem benachbarten Kindergarten Rappelkiste künftig bewegen.

Die beiden untersten Geschosse sind kirchlicher Nutzung vorbehalten: In das zweite Geschoss zieht das Kirchenarchiv ein, und im Versammlungsraum im Untergeschoss verbinden zwei romanische Bögen alt und neu. Durch Glastüren geht es zunächst in die Winterkirche und von dort weiter in die 1183 geweihte Kirche, deren Kirchenschiff erst vor Jahresfrist nach aufwendiger Schwammsanierung in Dienst gestellt wurde.

Obwohl die Grundfläche des Turmes nahezu unverändert ist, haben die Eilenstedter viel Platz gewonnen: Durch zusätzlichen Geschosse, die es im alten Turm noch nicht gab und weil die neuen Mauern wesentlich dünner sind.

Zwei Millionen Euro sind in die Turm- und Kirchensanierung geflossen. Mittel von Kirchenkreis Halberstadt und Landeskirche, vom Landkreis Harz und der Gemeinde Huy und Spenden der Eilenstedter, die symbolisch Turmsteine erwerben konnten. »Nun gilt es, die Mauern mit Leben zu füllen«, so Pfarrer Plötner. Das Konzept für die künftige Nutzung ist in Arbeit.

Thorsten Keßler

Programm zur Einweihung am 3. Oktober: 14 Uhr, Festgottesdienst; 16 Uhr, Beginn des Turmfestes; 20 Uhr, Lichtershow

www.turmprojekt-eilenstedt.de

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