Ein Raum und Weg zu Gott
28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Themenjahr: Auch in Mitteldeutschland gibt es zahlreiche Möglichkeiten, zur Stille zu finden
Kirchen, Gemeinden und Verbände haben 2010 zum »Jahr der Stille« ausgerufen. Eine konfessionsüber-
greifende Initiative will Menschen die Gelegenheit bieten, Stille als wichtigen Aspekt des Alltags neu zu entdecken.

Auch im Kloster Volkenroda – hier eine Detailaufnahme des Kreuzganges am Christuspavillon, der in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert – gibt es Einkehrzeiten. Foto: Harald Krille
»Stille ist kein Selbstzweck, sondern der Weg, um tiefer in die Beziehung zu Gott und sich selbst zu kommen.« Brigitte Seifert muss es wissen. Seit knapp drei Jahren ist die promovierte Theologin Leiterin des »Hauses der Stille« im Kloster Drübeck bei Wernigerode. Vielfach spürten die Menschen, dass der »blanke Materialismus« ihnen nicht weiterhilft, sagt die Seelsorgerin. Nicht zuletzt deshalb lägen Einkehrzeiten wieder voll im Trend.
Auf die besondere Dimension der Stille aufmerksam machen will nun eine konfessionsübergreifende Initiative aus Verbänden, Kirchen und Gemeinden. Sie hat deshalb ein ganzes Themenjahr ausgerufen. Ziel sei es, persönlich das Leben wieder bewusst auf Gott auszurichten und durch die Stille körperlich und seelisch aufzutanken, heißt es. Dabei wollen die Organisatoren um den Leiter des »Hauses der Stille« im pommerschen Weitenhagen, Wolfgang Breithaupt, naturgemäß keine großen Aktionen oder lautstarke Veranstaltungen bieten. Vielmehr gehe es darum, »Stille gezielt ins Bewusstsein zu rufen und Gottes ausgewogenen Lebensrhythmus neu zu entdecken«. Getragen wird das Themenjahr von mehr als 90 Partnern – christlichen Bewegungen, Gemeinden und Verbänden.
Auch hierzulande beteiligen sich etliche Einrichtungen daran. Die Communität Casteller Ring (CCR) etwa, die in Erfurt eine Außenstelle unterhält, zählt ebenso zu den Unterstützern wie die Christusbruderschaft Selbitz, die einen Ableger auf dem Petersberg bei Halle hat. »Allerdings müssen wir keine besonderen Angebote machen«, sagt Schwester Katharina Schridde von der CCR. Kurse für Meditation, Exerzitien und Einkehrtage gehörten ohnehin zum Programm im Erfurter Augustinerkloster. Zudem ist Stille für sie noch kein Wert an sich, sondern vielmehr ein Raum und ein Weg, zu sich selbst und zu Gott zu finden. Bruder Lukas Haltiner von der Brüderkommunität auf dem Petersberg bei Halle geht sogar noch einen Schritt weiter. Nach seiner Erfahrung müssten Menschen erst wieder lernen, die Stille auszuhalten. »Das ist für viele das Schwerste überhaupt«, hat er beobachtet.
Dennoch suchen angesichts von Lärm und Hektik im Alltag immer mehr Menschen nach einer Alternative. Allein im Kloster Drübeck ist die Zahl der Teilnehmer, die Einkehr- und Besinnungstage besucht haben, von 215 im Jahr 2007 auf zuletzt 321 gestiegen. Auch bei den »Ruhetagen«, die sich insbesondere an haupt- und ehrenamtliche kirchliche Mitarbeiter richten, verzeichnet Brigitte Seifert eine Zunahme von 95 auf 128 im Jahr 2009.
Einen Boom erlebt auch die Kommunität auf dem Petersberg. »Die Nachfrage ist enorm«, berichtet Bruder Lukas. Hier kommen jährlich mehr als 1.200 Besucher, um die Rückzugsmöglichkeiten des Klosters mit seinen Angeboten zu nutzen. »Inzwischen müssen wir sogar Interessenten absagen, damit auch andere Gruppen und Schulklassen kommen können«, berichtet er. Für diese verstärkte Nachfrage nach Stilleangeboten gibt es nach Ansicht der Verantwortlichen ganz unterschiedliche Beweggründe. Manche Teilnehmer suchten einfach »stille Oasen«. Andere durchlebten eine Krise in Ehe bzw. Beruf oder wollten ihren Glauben vertiefen. »Es sind häufig Schwellensituationen und Überlastungen, die die Menschen in die Stille führen«, so Bruder Lukas.
Diese Beobachtung kann auch Ulrike Köhler vom Kloster Volkenroda unterstreichen. Hier ist es vor allem das »Kloster auf Zeit«, das immer größeren Zuspruch findet. Der Gegensatz von hektischer Betriebsamkeit im Alltag und dem Leben in einer klösterlichen Gemeinschaft sei ein echter Anziehungspunkt, erklärt die für geistliche Angebote zuständige Mitarbeiterin. Das Kloster will diesen Bereich deshalb künftig weiter ausbauen. Zudem gibt es hier ein besonderes Pil-gerangebot und Einkehrzeiten. »Auch wenn das nicht unser Schwerpunkt ist«, wie Ulrike Köhler betont.
Dass der Bedarf nach solchen Angeboten groß ist, wissen alle Beteiligten. Sie erlebe die Kirche sehr aktions- und wortlastig, meint Brigitte Seifert. Doch es brauche auch die Gegenseite, die Kontemplation und die Stille. »Wer sich darauf einlässt«, ist sie überzeugt, »hat einen wirklichen Gewinn davon.«
Martin Hanusch




