Advent heißt Ankunft

27. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Kirche am Gleis: Die Bahnofsmission in Halle wird 25 Jahre

Die Bahnhofsmission in Halle feierte in diesen Tagen ihren 25. Gründungstag. Seit 1991 haben die Haupt- und Ehrenamtlichen über 900 000 Mal Menschen geholfen.
Der Wind pfeift eisig durch die Bahnsteighalle. Bellal zieht die schwarze Mütze weiter über die Ohren, strafft die Handschuhe. Es ist ein kalter Dienst an jenem trüben, diesigen Sonntagvormittag im Dezember auf dem Hauptbahnhof von Halle.

»Wir schauen, wer Hilfe braucht«

Bellal ist seit drei Monaten immer wieder hier – er ist ehrenamtlicher Helfer bei der Bahnhofsmission. Der junge Afghane ist an diesem Tag mit Steffen Hoehl, dem stellvertretenden Leiter der Mission, auf den Bahnsteigen, der Kuppelhalle und der Unterführung unterwegs. »Wir schauen, wer Hilfe braucht«, sagt Steffen Hoehl. Als die S-Bahn aus Leipzig mit Verspätung einfährt, ist es zum Beispiel eine Mutter mit zwei kleinen Kindern. Schweres Gepäck aus dem Zug wuchten, bei den Fernzügen älterer Modelle den Reisenden helfen, die Stufen unfallfrei herunterzukommen, alleinreisende Kinder und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen begleiten, Wege weisen, Orientierung geben, ein Lächeln schenken, aufmerksam sein. Das ist ein Aufgabenfeld der Bahnhofsmission, die vor 25 Jahren gegründet worden ist.

Mehr als 900 000 Mal im Einsatz für Menschen

Die Einrichtung zählt damit zu den ältesten ihrer Art in Sachsen-Anhalt. Sie wurde am 20. Dezember 1991 von der katholischen und evangelischen Kirche ins Leben gerufen. Seitdem wurden mehr als 900 000 Kontakte gezählt. Inzwischen ist der evangelische Kirchenkreis Halle-Saalkreis der alleinige Träger. Er finanziert zwei Stellen: Heike Müller als Leiterin und Steffen Hoehl als ihr Stellvertreter sind zwei Hauptamtliche unter rund 20 Ehrenamtlichen. Unterstützung kommt auch von der Stadt Halle, sie finanziert die Frühstücksversorgung – das zweite Aufgabenfeld der Bahnhofsmission.

Einen Schritt schneller sein – das ist das Leitbild der Haupt- und Ehrenamtlichen der Hallenser Bahnhofsmission. Sie haben einen wachen Blick dafür, wo die Menschen beim Ein-, Aus- und Umsteigen Hilfe benötigen. Hier sind Steffen Hoehl und der junge Afghane Bellal beim Außendienst an Gleis 2. Foto: Katja Schmidtke

Einen Schritt schneller sein – das ist das Leitbild der Haupt- und Ehrenamtlichen der Hallenser Bahnhofsmission. Sie haben einen wachen Blick dafür, wo die Menschen beim Ein-, Aus- und Umsteigen Hilfe benötigen. Hier sind Steffen Hoehl und der junge Afghane Bellal beim Außendienst an Gleis 2. Foto: Katja Schmidtke

Denn die Räumlichkeiten im hinteren Seitenflügel des Bahnhofs sind auch Anlaufpunkt für sozial benachteiligte und einsame Menschen. Draußen auf der Fensterbank stehen Blumenkästen mit Heidekraut, im Fenster hängt weihnachtlicher Schmuck, drinnen sind die Tische sauber und liebevoll eingedeckt, mit Blumen und Deckchen, die Kaffeemaschine blubbert, es ist gemütlich warm. »Wir sind bemüht, hier mit jedem verantwortungsbewusst und respektvoll umzugehen. Das fängt bei einem ordentlich gedeckten Tisch an«, sagt Heike Müller. Sie leitet die Bahnhofsmission seit 17 Jahren.

Was hat sich in dieser Zeit verändert? Es kommen viel mehr psychisch kranke Menschen, bilanziert die ausgebildete Sozialarbeiterin. Lange Arbeitslosigkeit, aber auch der Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen mache die Menschen krank. Es sind hauptsächlich Männer. Die meisten müssen mit einer schmalen Rente auskommen, aber es gibt auch andere Fälle. Bedürftigkeit ist heute ein vielschichtiges Problem, es betrifft längst nicht nur alte oder obdachlose Menschen. »Im Moment kommen auch viele junge Erwachsene, die haben oft schon abgeschlossen, können nicht, wollen nicht. Das macht nachdenklich«, sagt Heike Müller. Ihr Team will den Besuchern mehr als eine Stulle und einen heißen Kaffee mitgeben. Es soll hier auch um Mitmenschlichkeit gehen, um Höflichkeit, Respekt, um Regeln und Rituale. Hilfe zur Selbsthilfe. »Aber ohne Zeigefinger.«

Jeder Tag beginnt mit einer Geschichte aus dem immerwährenden Kalender »Blätter, die uns durch den Tag begleiten«. Das kann ein Gleichnis sein, ein Vers oder eine Geschichte aus der Bibel. Einmal im Monat bietet Pfarrer Karsten Müller aus der nahen Johannesgemeinde ein Bibelgespräch für die Ehrenamtlichen an. Nicht alle Helfer indes sind konfessionell gebunden oder gläubig. Dass auch zwei, die dem Glauben fernstehen, dennoch regelmäßig zum Bibelkreis kommen, empfindet Heike Müller als wohltuend und anregend. Einmal im Jahr wird, wie am 20. Dezember zur Jubiläumsfeier, in der Bahnhofshalle ein Gottesdienst gefeiert, meist im Frühling. Zudem hält Pfarrer Müller am Heiligen Abend, 13.30 Uhr, eine Andacht.

Zwei Flüchtlinge unter den ehrenamtlichen Helfern

Die Bahnhofsmission lebt von und mit ihren Ehrenamtlichen. Unter ihnen sind viele Rentner, neuestens auch zwei Flüchtlinge: neben dem jungen Mann aus Afghanistan eine aus dem Irak geflohene Christin. Beiden wolle man ein Stück Heimat geben. Heike Müller und ihr Kollege Steffen Hoehl sind zudem immer auf der Suche nach Menschen, die sich engagieren wollen, die ein bisschen Zeit schenken und die Arbeit unterstützen möchten und können. Interessenten durchlaufen fünf Probedienste, sie sollten körperlich und seelisch fit sein, eine gute Kondition bei Hitze und Kälte, treppauf, treppab mitbringen und eine schnelle Auffassungsgabe haben.

Die Bahnhofsmission Halle, die schon einmal von 1946 bis 1956 existierte, ist eine von 103 Einrichtungen deutschlandweit. In Sachsen-Anhalt existiert die »Kirche am Gleis« neben Halle auch in Magdeburg, Halberstadt, Stendal, Bitterfeld und Dessau. In Thüringen gibt es keine Bahnhofsmission. Erst vor wenigen Wochen ist ein Verein zur Förderung der Bahnhofsmissionen in Deutschland gegründet worden.

Katja Schmidtke

www.bahnhofsmission.de

Großer Bahnhof für die Bahnhofsmission

19. Dezember 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Vor 20 Jahren wurde die kirchliche Institution in Halle wiedereröffnet.

In der Adventszeit wird in der Bahnhofsmission Halle zum wärmenden Tee ein Stück Stollen gereicht. Foto: Jens Schlüter

In der Adventszeit wird in der Bahnhofsmission Halle zum wärmenden Tee ein Stück Stollen gereicht. Foto: Jens Schlüter


Fast 800.000 Menschen haben hier in den letzten 20 Jahren Hilfe erhalten: Die Bahnhofsmission Halle war und ist für Menschen da, die beim Umsteigen wegen ihres Alters oder ­einer Behinderung nicht alleine klarkommen, aber auch Bedürftige sind in der Wärmestube willkommen und ­erhalten gegen einen kleinen Obolus ein liebevoll angerichtetes Frühstück. Und es gibt auch Männer und Frauen, die hier einfach einmal ihre Sorgen abladen können. »Die Arbeit am Menschen ist uns wichtig. Wir wollen durch Taten helfen«, sagt Heike Müller, Leiterin der Bahnhofsmission.

Am 20. Dezember 1991 wurde die kirchliche Einrichtung wiedereröffnet – das 20-jährige Bestehen wird am 20. Dezember um 17 Uhr mit einem Festgottesdienst in der Bahnhofshalle gefeiert. Um Platz zu schaffen für die erwarteten 300 Gäste, werden dafür sogar Verkaufskioske in der Einkaufsmeile entfernt. Geleitet wird der Gottesdienst von Superintendent Hans-Jürgen Kant und musi­kalisch begleitet vom Posaunenchor Halle-Neustadt. Neben einem anschließenden Empfang erwartet die Besucher an diesem Tag auch eine Tombola zugunsten der Bahnhofsmission. Der Robert-Schumann-Chor sorgt für adventliche Stimmung.

Obwohl an diesem Tag die Wiedereröffnung der Bahnhofsmission gefeiert wird, liegt die Geschichte der Einrichtung weitgehend im Dunkeln. Heike Müller, die seit zwölf Jahren Chefin ist: »Wir wissen, dass es schon vor dem Zweiten Weltkrieg eine Bahnhofsmission in Halle gab, die später wie alle in Deutschland von den Nazis geschlossen wurde.« Auch zu DDR-Zeiten hatte sie das gleiche Schicksal. Doch Aufzeichnungen über die früheren Aktivitäten der Bahnhofsmission seien nicht erhalten, so Heike Müller. Der damalige Superintendent Günter Buchenau setzte sich nach der Wende für eine Wiedereröffnung ein – als ökumenische Einrichtung bestand so die Bahnhofsmission bis 2007. Seit dem 1. Januar 2008 wird sie vom evange­lischen Kirchenkreis Halle-Saalkreis alleine betrieben.

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Ohne die 23 Ehrenamtlichen würde die Arbeit der Bahnhofsmission heute nicht möglich sein: Es gibt nur drei festangestellte Kräfte. Die Freiwilligen helfen unter anderem jeden Morgen, die Brote für die täglich bis zu 40 Bedürftigen zu schmieren, die hier Wärme auch auf menschlicher Ebene bekommen. In einem Geburtstagskalender sind alle Namen erfasst – und an ihrem Ehrentag wird der Platz mit einer Kerze geschmückt. »Und an diesem Tag ist das Frühstück auch kostenlos für sie, sonst müssen sie 50 Cent zahlen«, so Heike Müller. Aber auch Krankenhausbesuche und sogar die Teilnahme an der Beerdigung eines regelmäßigen Gastes der Bahnhofsmission sind Selbstverständlichkeiten für das Team. Denn für viele der jährlich um die 12000 Bedürftigen sind die Räume längst ein Stück Heimat geworden.

In der täglichen Arbeit mit den Menschen fallen Heike Müller zwei Dinge auf: Einerseits werde heute für Bedürftige und Obdachlose besser ­gesorgt – niemandem könne man es mehr ansehen, ob er auf der Straße oder in einem Wohnheim lebt. Andererseits würden die psychischen Probleme der Menschen, die die Bahnhofsmission aufsuchen, immer häufiger. »Manche sind seit 20 Jahren ohne Arbeit und die Folgen des Alkohol- oder Drogenmissbrauchs machen sich bemerkbar«, erläutert sie. Aber auch beruflicher Stress und Einsamkeit seien Gründe, warum Männer und Frauen Rat und Hilfe bei der Bahnhofsmission suchen. »Diese Gespräche sind heute komplexer geworden und dauern oft eine Stunde«, sagt Heike Müller.

Silvia Zöller