Helau! Und: Amen

9. Februar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Vor Aschermittwoch kommt der Karneval. Karneval polarisiert. Wo er gefeiert wird, gibt es in der Regel nur: Mitfeiern oder Rückzug. Gebt dem Karneval eine Chance, meint unser närrisch-frommer Gastautor.

Der Bürgermeister von Rio, eines der beiden Weltzentren dieser tollen Tage, weigert sich, den Karneval mitzufeiern oder ihn auch nur zu unterstützen. Er selbst nennt sich evangelikal. So steht er in einer Traditionslinie, die man salopp so formulieren kann: Evangelische sind Karnevalsmuffel.

Da wären wir beim anderen Weltzentrum des Karnevals, in Wasungen, wo noch kein Bürgermeister so eine Distanz wagte. Selbstverständlich hat sich die lutherische Geistlichkeit der kleinen, evangelisch geprägten Stadt von Anfang an gegen die Fastnacht (so der ursprüngliche Name) als katholisches Relikt gestellt, nicht nur wegen der befürchteten Exzesse, sondern wegen der Passionszeit, die, als Fastenzeit verstanden, lediglich ein Ausdruck papistischer Werkgerechtigkeit sein konnte. Der große Wasunger Dichter und Komponist Johann Steurlein, ein treuer und frommer Lutheraner, schrieb hingegen Fastnachtsstücke und schaffte es dennoch in das Evangelische Gesangbuch.

Karneval in Wasungen erfasst und verbindet, über die Generationen, ja, über die Zeiten hinweg, auch die Reformation konnte dem nichts anhaben. Aschermittwoch war damit aber Schluss. Konsequent, aber auch schmerzhaft. Das zeigt den Geist wahrer Tradition – in den umliegenden Dörfern werden dagegen die einstigen LPG-Narreteien, die in der DDR ins Leben gerufen wurden, oft bis kurz vor der Karwoche veranstaltet. Das schmerzt nicht nur den Christen, sondern auch den Karnevalisten.

Seit elf Jahren feiern die Wasunger wieder Aschermittwoch in der Kirche. Jeder Karneval steht unter einem Motto in fränkischer Mundart. So auch der Aschermittwoch. Heißt das Karnevalsmotto in diesem 483. Jahr (so die Geschichtsschreibung): »Ganz Woasinge stätt Koopf«, so lautet das Motto für den Aschermittwochsgottesdienst: »Fass dir ein Herz on komm uff die Föss!« Am Sonntag Sexagesimä sind nach dem Gottesdienst die Palmzweige verbrannt worden, die am letzten Palmsonntag feierlich in die Kirche getragen worden waren; so wird die Asche gewonnen, mit denen die Stirn der Gottesdienstbesucher gezeichnet wird, verbunden mit Jesu Ruf: Kehr um und glaube an das Evangelium!

Im Gottesdienst können die Feiernden in einer Zeit der Besinnung auf Zettel schreiben (oder auch nur auf ihr Herz): Wie kann ich die Tage bis zum Osterfest nutzen? Man mag das als Abkopieren katholischer Bräuche abtun, das wegen des Eventcharakters an der Oberfläche bleibt. Man mag das als ein Mitschwimmen auf der Modewelle »Fasten« misstrauisch beäugen.

Prinz Karneval: Gregor I. Heidbrink aus Finsterbergen (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ist vermutlich der erste Pfarrer, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde (auf dem Foto in der Mitte, links daneben Prinzessin Jeannette I.). Foto: Lutz Ebhardt

Prinz Karneval: Gregor I. Heidbrink aus Finsterbergen (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ist vermutlich der erste Pfarrer, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde (auf dem Foto in der Mitte, links daneben Prinzessin Jeannette I.). Foto: Lutz Ebhardt

Die Wasunger Kirche hat sich aber nicht in eine Eventkirche verwandelt. Der Gottesdienst ist stets getragen von großer Andacht und Ernsthaftigkeit derjenigen, die noch vor kurzem ganz im Ruf »Ahoi« aufgegangen sind. Merkwürdigerweise hat das von Anfang an funktioniert, ohne den Anschluss an Fastenkampagnen aus Hannover. Ganz leicht verstehen die Menschen, gerade auch die jungen unter ihnen, welche Chance diese Zeit der Umkehr bietet. Ihnen fällt meist spontan ein, worum es ihnen gehen könnte: den Verzicht auf den Abgott elektronische Verfügbarkeit.

Allen Skeptikern sei recht gegeben: Das Ziel echten Fastens ist nicht Selbstoptimierung, ob nun gesellschaftlicher, leiblicher oder intellektueller Art; es ist die Chance, sich selbst auf den Grund zu gehen und dabei zu erfahren, dass dieser Grund nicht in uns liegt: Christus trägt uns. Im Verzicht auf das, was uns unnötigerweise bindet – was das ist, kann nur jeder selbst wissen –, stoßen wir auf manchmal sogar schmerzhafte Art an unsere Grenzen und gewinnen doch neue Möglichkeiten, uns für den zu öffnen, in dessen Opfer am Kreuz unsere Freiheit liegt.

Wird die bunte Gesellschaft, die zu Aschermittwoch in die Kirche kommt, werden alle Fastenden hinter der Fastenzeit auch die Passionszeit für sich wahrnehmen? Legen wir diesen Maßstab an, dürften wir wohl auch nicht Weihnachten oder Ostern feiern. Und nun: Ahoi! Und: Amen.

Stefan Kunze

Der Autor ist Pfarrer in Wasungen und steigt dort regelmäßig in die Bütt.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Amen. Und Helau!

7. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Fastnacht: Vor dem Fasten wird ausgelassen und fröhlich gefeiert. Der Karneval hat für viele Menschen eine Ventilfunktion


Humor und christliche Botschaft schließen einander nicht aus. Aus mancher Kanzel wird in der Faschingszeit sogar eine »Bütt«.

Wie hier im Wasunger Bürgerhaus »Zum Paradies« feiern vielerorts Menschen Fasching. Aschermittwoch folgt die Fastenpredigt (mehr auf Seite 6). Foto: Harald Krille

Wie hier im Wasunger Bürgerhaus »Zum Paradies« feiern vielerorts Menschen Fasching. Aschermittwoch folgt die Fastenpredigt (mehr auf Seite 6). Foto: Harald Krille

Also lautet der Beschluss,
dass man Fasching feiern muss.
Auf Märkten, Straßen oder Plätzen
wollen Menschen sich ergötzen,
nicht allein in Gasthaussälen
hört man frohe Lieder grölen,
sondern selbst im Kirchgebäude
trifft sich heut die frohe Meute.
Dass dies mit Verstand geschah,
dafür war die Pastorin da.
Nun so setze ich den Hute
auf mein Haupt und leg zugute,
dass es ja nicht schaden kann,
wenn der Mensch sich freut alsdann.
Und so mach ich euch den Narren,
spanne mich noch vor den Karren.
Ach, was ist das ein Genuss,
wenn es dann zum guten Schluss
noch die Weisheit soll verwürzen
mit Humor – und in der Kürzen,
wenn der Bibel Wort sich heute
reimend zeigt zu aller Freude.
Jedoch muss ich doch mal fragen:
War das nicht in frühern Tagen
in der Kirche sehr verpönt?
Solches war man nicht gewöhnt –
dass die Christen feiern, lachen!
Mummenschanz und solche Sachen
trieb man aus der Kirche aus,
waren manchem Pfarrer Graus.

Meine Eltern mussten schwitzen,
Faschingsdienstag hieß es sitzen
über Psalmen, Liedern, Texten,
Fasching könnte sie verhexen.
Und so schob der Pfarrer Chor
hierfür einen Riegel vor.
Um die Jugend zu beschützen,
sagten sie sich, soll das nützen.
Tanzen, lachen und betrinken
sehen Christen nur von hinten.
Fromm und fleißig lernt wer hier
in der Kirche sein Revier.
Wer getauft und konfirmiert,
in der Kirche gut geführt,
geht nicht um als so ein Jeck –
solches ist des Pfarrers Schreck.
Nun so mussten sie es eben
heimlich tun und ohne Segen.
Lachend, immer wieder lachend
und nur frohe Sachen machend,
fröhlich Lieder tirilierend,
Melodien applaudierend,
nie mit grieslichem Gesicht
nur nicht weinen – nur das nicht.
So, sagt heute mancher Held,
zeigt ein Christ sich in der Welt.
Christen sind erlöste Wesen.
Und soll die ganze Welt genesen,
wird ein Christ nun immer heiter
gut gelaunt die Himmelsleiter
hinauf und auch hinunterschwingen,
stets was Fröhliches vollbringen.
Ist das Leben noch so verquer,
muss auch mal ein Lachen her.
Christsein wäre gar nicht schwer,
Machs doch wie Balou der Bär!

Etzo frage ich mich heute:
Sind wir Christen alles Leute
mit nem fröhlichen Gesicht?
Immer fröhlich auch das nicht!
Zwang treibt den Frohsinn schneller
als du glaubst tief in den Keller.
Nicht nur traurig oder fröhlich,
nicht nur weinen oder selig.
Christsein kennt auch andere Seiten,
lässt die Zwischentöne bleiben.
Christen müssen gar nicht sein,
wie der Mensch sich redet ein.
»Sie als Christ, Sie müssten doch.«
Frau Pastorin eher noch,
und der Pfarrer forsch voran,
was ein Mensch kaum können kann:
Müssten immer freundlich grüßen,
bei den Nachbarn Blumen gießen.
Christen dürften niemals streiten,
müssten immer ganz bescheiden
keine großen Autos fahren,
Geld auch nur zum Spenden sparen.
Müssten vorneweg vor allen
alles lassen sich gefallen.
Christen müssten – heißt es wieder
all das tun, was uns zuwider.

Nein, so liebe Menschen eben
lässt sich auch als Christ nicht leben.
Lasst euch deshalb nicht verdrießen,
und uns heut den Tag genießen.
Vielleicht kann es so gelingen,
manchen Menschen zu gewinnen.
Gott bereichert unser Leben,
schenkt uns ein und gibt uns Segen.
Gott zieht mit auf unsren Wegen,
ob sie holprig oder eben.
Gott stellt sich an unsere Seite,
gibt uns heute sein Geleite.
Auch zum Fasching hier im Haus
und wenn wir ziehen froh hinaus.
Amen. Und Helau!

Karin Krapp

Die Autorin ist Pfarrerin in Weimar und reimt jedes Jahr zur Faschingszeit eine Büttenpredigt.