Ein legendärer Bach-Flüsterer

1. Juli 2018 von redaktionguh  
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Kantaten-Akademie: Gesprächskonzerte mit Helmuth Rilling

Zum fünften Mal lädt Helmuth Rilling (85) junge Musikerinnen und Musiker aus aller Welt nach Weimar ein. In der Stadt, in der Johann Sebastian Bach von 1708 bis 1717 als Konzertmeister und Hoforganist wirkte, werden vom 29. Juli bis 11. August drei seiner Kantaten einstudiert und aufgeführt.

Im Dienste des Thomaskantors: Der Dirigent Helmuth Rilling im Konzert. Foto: Holger Schneider

Im Dienste des Thomaskantors: Der Dirigent Helmuth Rilling im Konzert. Foto: Holger Schneider

In den vergangenen vier Jahren wurden aus zahlreichen Bewerbungen jeweils 70 Musikerinnen und Musiker aus rund 20 Ländern ausgewählt, die mit immenser Begeisterung und großem musikalischen Talent in kürzester Zeit zu einem exzellenten Chor und Orchester zusammenwuchsen. Die 5. Weimarer Bachkantaten-Akademie wird von den Thüringer Bachwochen in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik »Franz Liszt« Weimar veranstaltet.

Mit den Teilnehmern sowie ausgesuchten Solistinnen und Solisten wird Helmuth Rilling nun erneut Kantaten in mehreren Gesprächs- und Abschlusskonzerten in Weimar, Eisenach und Leipzig aufführen und erklären.

Auf dem Programm stehen »Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht« (BWV 105), »Du Hirte Israel, höre« (BWV 104) und »Wir müssen durch viel Trübsal« (BWV 146). Solistisch aktiv sind Julia Sophie Wagner (Sopran), Lidia Vinyes Curtis (Alt), Martin Lattke (Tenor) sowie Tobias Berndt (Bariton). Chor und Orchester stehen unter der Leitung von Helmuth Rilling.

»Die den Proben folgenden Konzerte waren für Interpreten und Publikum in den vergangenen Jahren unvergessliche Erlebnisse«, sagt Christoph Drescher, Geschäftsführer und Festivalleiter der »Thüringer Bachwochen«. »Sie haben in eindrucksvoller Weise gezeigt, welche Aufgabe ein derartiges Projekt gerade an historischem Ort erfüllen kann: Jungen Menschen den Geist Bachs und das Wesen seiner Musik zu vermitteln, so dass sie in ihrer Heimat kaum wieder Bach spielen werden, ohne an diese Erfahrung zu denken«, so Drescher.

Helmuth Rilling ist zweifelsohne einer der großen Interpreten der Musik des Thomaskantors. Über die letzten fünfzig Jahre hat er mit zahllosen Konzerten, ausgewählten Ensembles und vielerlei Projekten für Aufsehen gesorgt. Er verantwortete die erste Einspielung des Bachschen Gesamtwerkes und schlug Brücken nach Osteuropa, Asien und Amerika.

Die heute weltumspannende Präsenz der Bachschen Musik würde es ohne Helmuth Rilling kaum geben. Rilling ist Gründer und langjähriger Leiter der Gächinger Kantorei und des Bach-Collegiums Stuttgart, der Internationalen Bachakademie Stuttgart und des Oregon Bach Festival (USA). Außerdem ist er Initiator von Bach-Akademien in aller Welt.
(G+H)

Das erste Konzerte der 5. Weimarer Bachkantaten-Akademie gastiert am 3. August, 18 Uhr, in der Stadtkirche St. Peter und Paul, Weimar.

www.thueringer-bachwochen.de

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Berühmter Bach-Botschafter

30. Juli 2017 von redaktionguh  
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Gesprächskonzerte mit Helmuth Rilling in Weimar, Erfurt und Eisenach

Bereits zum vierten Mal lädt Helmuth Rilling vom 6. bis 19. August internationale Chorsänger und Instrumentalisten nach Weimar ein, um gemeinsam mit einem Dozenten-Team an den Weimarer Kantaten Johann Sebastian Bachs zu arbeiten. In den vergangenen drei Jahren wurden aus zahlreichen Bewerbern jeweils 70 Musiker aus der ganzen Welt ausgewählt, die mit immenser Begeisterung und großem musikalischem Talent in kürzester Zeit zu einem exzellenten Chor und Orchester zusammenwuchsen.

In diesem Jahr werden 74 Musikerinnen und Musiker aus 19 Ländern mitwirken.

Hingebungsvolle Werktreue: Helmuth Rilling beim Dirigieren einer Bach-Kantate. Foto: Holger Schneider

Hingebungsvolle Werktreue: Helmuth Rilling beim Dirigieren einer Bach-Kantate. Foto: Holger Schneider

Mit den Teilnehmern der 4. Weimarer Bachkantaten-Akademie, die von den Thüringer Bachwochen in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar veranstaltet wird, wird Rilling herausragende Werke aus Bachs Kantatenschaffen erarbeiten, um sie dann in Gesprächs- und Abschlusskonzerten in Weimar, Eisenach, Erfurt und Leipzig zu erklären und aufzuführen. Im Mittelpunkt stehen diesmal vier Kantaten zu den großen Kirchenfesten, außerdem stellen sich Solisten, Chor und Orchester jeweils mit einem eigenen Konzertprogramm vor.

Kantaten zu den Kirchenfesten

Die Erfahrungen der letzten Jahre haben nachhaltig gewirkt: Die den Proben folgenden Konzerte waren für Interpreten und Publikum unvergessliche Erlebnisse. Sie haben in eindrucksvoller Weise gezeigt, welche Aufgabe ein derartiges Projekt gerade an historischem Ort erfüllen kann: Jungen Menschen den Geist Bachs und das Wesen seiner Musik zu vermitteln, sodass sie in ihrer Heimat kaum je wieder diese Musik spielen werden, ohne an diese Erfahrung zu denken.

Helmuth Rilling (84) ist zweifelsohne einer der großen Interpreten der Musik Johann Sebastian Bachs. Über die letzten fünfzig Jahre hat er mit zahllosen Konzerten, ausgewählten Ensembles und vielerlei Projekten für Aufsehen gesorgt. Er verantwortete die erste Einspielung des Bachschen Gesamtwerkes und schlug Brücken nach Osteuropa, Asien und Amerika. Die heute weltumspannende Präsenz der Musik des Thomaskantors würde es ohne ihn kaum geben. Rilling ist Gründer und langjähriger Leiter der Gächinger Kantorei und des Bach-Collegiums Stuttgart, der Internationalen Bachakademie Stuttgart und des Oregon Bach Festivals (USA). Der Dirigent ist darüber hinaus Initiator von Bach-Akademien in aller Welt.
Auftakt der öffentlichen Veranstaltungen in Thüringen ist am Mittwoch, 9. August, um 18 Uhr in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul mit der Kantate BWV 63 »Christen, ätzet diesen Tag«. Der Eintrittspreis beträgt 15 Euro (ermäßigt: 10 Euro).

Die folgenden Gesprächskonzerte werden ab Nr. 31 auf Seite 10 (Tipps und Termine) der Kirchenzeitung angezeigt. (G+H)

www.thueringer-bachwochen.de

»An Bach lernen, was gut ist«

28. August 2016 von redaktionguh  
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Für unser vorletztes Sommer­interview traf Michael von Hintzenstern den führenden Bachkenner unserer Zeit, Professor Helmuth Rilling, am Rande der 3. Weimarer Bachkantaten-Akademie.

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Herr Professor Rilling, Sie haben einmal in einem Interview gesagt: »Müssen wir nur über Bach sprechen? Ich habe noch so viel anderes gemacht.« Wir wollen heute beides versuchen, aber dennoch mit dem Thomaskantor beginnen, da Sie gerade zur 3. Bachkantaten-Akademie in Weimar weilen und mit 72 Musikern aus 18 Nationen sieben Gesprächskonzerte an authentischen Bach-Orten durchführen. Es geht also einerseits um die Weiterbildung hochbegabter Interpreten und andererseits um die Vermittlung theologisch-musikalischer Inhalte seines Kantaten-Schaffens. Was bedeutet es, in solcher Mission im Lande Bachs unterwegs zu sein?
Rilling:
In einer Stadt wie Weimar ist man in vielfältiger Weise von Kultur geprägt. Und vielleicht ist Bach derjenige unter den geistigen Häuptern dieses Ortes, der in der Vergangenheit am wenigsten dazu gezählt wurde. Ich finde, es ist schön, bewusst zu machen, dass wir in einer Stadt sind, in der Bach fast zehn Jahre gearbeitet hat und in der er viele seiner schönsten Kantaten geschrieben hat. Insofern ist es mir eine Freude, hier zu sein.

Bei der 1. Bachkantaten-Akademie 2014 standen Werke im Fokus, die in Weimar komponiert worden sind, in diesem Jahr sind es Kantaten zum Michaelisfest, aber auch lutherische Messen. Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl?
Rilling:
Natürlich braucht man bei Bach nicht nach Qualität zu fragen. Das sind alles wunderbare Stücke. Ich dachte, dass es interessant sein müsste, den Zyklus der Michaeliskantaten ins Zentrum zu rücken. Das sind Kantaten, die man eigentlich normalerweise wenig hört, obwohl es sich um großartige Kompositionen handelt. Dasselbe gilt für die Kurz-Messen. Das sind ja nun auch Werke, in denen Bach nach dem Parodieverfahren gearbeitet hat. Wo er also Stücke, die er früher für Kantaten geschrieben hat, erneut für eine Messe benutzte. Dabei suchte er sicherlich Stücke aus, die ihm besonders gut erschienen.

Sie sagten einmal: »Wer Bachs Musik verstehen will, muss seine Kantaten kennen!« Zwischen 1970 und 1985 haben Sie alle eingespielt. Wollen Sie mit der von Ihnen entwickelten Form der »Gesprächskonzerte« den Hörern einen Schlüssel zu einem tieferen Verständnis seiner Musik in die Hand geben?
Rilling:
Nun, ich finde es sehr wichtig, dass man Bachs Musik genau kennt. Und bei den vielen Kantaten, die wir nun mal haben, ist das gar nicht so einfach. In den Gesprächskonzerten versuche ich darauf hinzuweisen, wo die geistliche Idee Bachs liegt, was er betont, was er wie interpretiert. Und auf der anderen Seite möchte ich die besondere Qualität dieser Stücke bewusst machen. Das kann man in diesen Gesprächskonzerten, die es schon seit langer Zeit gibt, wunderbar tun.

In den 1980er-Jahren waren Sie öfters in Japan unterwegs, zwischen 1986 und 2000 auch in Osteuropa. Wie waren dort Ihre Erfahrungen?
Rilling:
Zum Problem des Verstehens der Partituren kam hier noch das Problem der Verständlichkeit der Sprache hinzu. Natürlich ist das für einen deutschen Zuhörer, auch einen deutschen Interpreten, einfacher. Im Ausland muss man deshalb versuchen, genau darauf hinzuweisen, wie stark Bachs Musik von ihren Texten bestimmt ist.

Sommerlogo GuHIn Ihren Akademien begegnen sich Menschen verschiedener Nationen und Religionen. 1986 haben Sie als erster Deutscher nach dem Holocaust das Israel Philharmonic Orchestra dirigiert. Inzwischen nehmen auch Muslime an Ihren Akademien teil. Glauben Sie, dass der Musik Bachs so etwas wie eine einigende, harmonierende Kraft innewohnt?
Rilling:
Das könnte ich mir schon vorstellen. Das Interesse ganz verschiedener Menschen an der Musik Bachs und ihrem Verstehen ist unglaublich groß. Ich empfinde es als etwas Herrliches, dass hier junge Musiker aus allen Teilen der Welt zusammenkommen und durch die Liebe zur Musik Bachs miteinander verbunden sind. Und über die Probenarbeit hinaus eine großartige Gemeinschaft bilden.

Wie erfolgt denn die Auswahl?
Rilling:
Die Teilnehmer werden aus einer großen Zahl an Bewerbern ausgewählt, die auch Tonaufnahmen eingereicht haben. Von 200 sind am Ende etwa 70 eingeladen worden. Wir erwarten natürlich ein hohes Niveau, denn die Arbeit hier muss sehr schnell gehen. Chor und Orchester müssen die Sachen mühelos in kurzer Zeit einstudieren können. Und ich bin sehr froh, dass das wirklich wieder gelungen ist.

Zurück zu Ihren Anfängen – Sie haben 1954 als junger Chorleiter in Gächingen im Osten von Reutlingen eine Kantorei gegründet, die a cappella Werke von Heinrich Schütz, Dietrich Buxtehude oder Johann Pachelbel, aber auch moderne Kompositionen gesungen hat. Bach spielte da noch keine dominierende Rolle. Wann hat sich das geändert, gab es da vielleicht ein Initial-Erlebnis?
Rilling:
Ach, das kann man eigentlich nicht sagen. Wir haben damals sehr vieles musiziert, vor allem auch zeitgenössische Musik. Das war mir sehr wichtig. Aber Bach ist ja immer ein wunderbares Korrektiv. Man kann an ihm vor allem lernen, was gut ist. Für die Komponisten vergangener Zeiten oder auch heutzutage ist Bach ein ganz wichtiger Lehrer gewesen. Nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in der Betonung des Wesentlichen, was durch die Musik ausgesagt werden soll.

Sonne-webIhnen ist gelegentlich zum Vorwurf gemacht worden, dass Sie sich nicht der historischen Aufführungspraxis eines Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner oder René Jacobs angeschlossen haben. In welcher Tradition sehen Sie sich und welche Kriterien sind für Sie heute entscheidend?
Rilling:
Man muss natürlich Bescheid wissen – wie die von Ihnen genannten Kollegen – über die Aufführungspraxis zur Zeit der Komposition. Das halte ich für sehr wichtig und unabdingbar. Aber man sollte nicht in die Richtung gehen wollen, dass man denkt: Damit ist eigentlich alles getan. Das Wichtigste scheint mir, dass der Inhalt, der vom Komponisten der Musik gegeben wird, der Ausdruck, dass der nun in einer persönlichen Weise hörbar wird.

Die Musikwelt verdankt Ihnen mehr als nur Bach: Uraufführungen von Krysztof Penderecki, Arvo Pärt und Wolfgang Rihm, um nur einige Namen zu nennen. Zu erwähnen ist ebenso das »Requiem der Versöhnung«, das 50 Jahre nach Kriegsende von 14 zeitgenössischen Komponisten gestaltet wurde. Bedürfen biblische Texte immer wieder einer zeitgenössischen Auslegung bzw. Vertonung?
Rilling:
Ich finde es sehr wichtig, dass Komponisten unserer Zeit sich der Aufgabe stellen, geistliche Texte zu vertonen. Das ist nicht selbstverständlich, aber ich denke, es muss geschehen, sodass wir das Verständnis unserer Zeit in dieser Musik mit ihren alten und wertvollen Texten erkennen.

Wie finden Sie solche Komponisten?
Rilling:
Natürlich kennt man das Musikleben unserer Zeit und weiß, wer heute komponiert und in welcher Weise. Für mich war es wichtig, diese Menschen persönlich kennenzulernen. Ich erinnere mich, dass ich damals in der ganzen Welt herumgereist bin, mit diesen Leuten Gespräche geführt und sie davon überzeugt habe, dass sie diese Texte, die ich brauchte, vertonen sollten. Und die meisten haben mir auch zugesagt.

Das Werk J. S. Bachs nimmt eine zentrale Rolle im Leben von Helmuth Rilling ein. Er hat 1965 das Bach-Collegium Stuttgart gegründet, 1970 das Oregon Bach Festival in Amerika, 1981 die Bach-Akademie Stuttgart und mit der Einspielung von Bachs Gesamtwerk auf 172 CDs Maßstäbe gesetzt.

In himmlischer Harmonie

26. August 2014 von redaktionguh  
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Helmuth Rilling erläuterte und dirigierte in Weimar dort entstandene Bach-Kantaten

Weimar ist eine Bachstadt! Hier lebten nicht nur Goethe und Schiller, Herder und Wieland, hier wurde nicht nur das Bauhaus gegründet. Weimar war auch der Lebensort bedeutender Musiker, von denen an erster Stelle Johann Sebastian Bach zu nennen ist. Von einem schlichten Denkmal mit der Büste des Komponisten abgesehen, erinnert wenig an ihn. Dabei hat er 1703 und von 1708 bis 1717 in der Stadt an der Ilm gewirkt, als Violinist und Hoforganist, seit 1714 als Konzertmeister. Mit dieser Funktion war die Aufgabe verbunden, in der 1658 geweihten Schlosskapelle »monatlich neue Stücke auf(zu)führen«. So entstanden vor genau 300 Jahren einige seiner schönsten Kantaten, zu denen »Nun komm, der Heiden Heiland«, »Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen« und »Ich hatte viel Bekümmernis« gehören.

Helmuth Rilling musizierte mit Chorsängern und Instrumentalisten aus 18 Ländern in der Stadtkirche St. Peter und Paul. Foto: Maik Schuck

Helmuth Rilling musizierte mit Chorsängern und Instrumentalisten aus 18 Ländern in der Stadtkirche St. Peter und Paul. Foto: Maik Schuck

Es gab also gute Gründe, vom 5. bis 16. August zu einer »Weimarer Bach-Kantaten-Akademie« einzuladen und dafür einen der weltweit angesehensten Bach-Interpreten zu verpflichten: Helmuth Rilling. Chorsänger und Instrumentalisten aus 18 Ländern sind nach Weimar gekommen, um zehn Tage unter seiner Leitung zu musizieren: aus Argentinien und Chile, aus Spanien, den USA und China, aus Israel, Österreich und der Ukraine.

Vier Gesprächskonzerte in der Stadtkirche St. Peter und Paul sowie zwei krönende Abschlusskonzerte in Eisenach und Weimar lockten Scharen von Besuchern an. Helmuth Rilling reiste mit einem Team vertrauter Mitstreiter an, die mit dem Chor und den Instrumentalgruppen den Weg zu den einzelnen Aufführungen bereiteten und Rüstzeug für eine gediegene Bach-Interpretation vermittelten. Herausragende Gesangssolisten rundeten das faszinierende Gesamtbild ab.

»Musik darf nie bequem sein, nicht museal, nicht beschwichtigend. Sie muss aufrütteln, die Menschen persönlich erreichen, sie zum Nachdenken bringen.« Dies ist das persönliche Leitbild des inzwischen 81-jährigen Dirigenten, Lehrers und Bach-Botschafters, der 1954 die Gächinger Kantorei und 1965 das Bach-Collegium Stuttgart als instrumentalen Partner gründete. Seit dieser Zeit steht die intensive Beschäftigung mit dem Werk Johann Sebastian Bachs im Zentrum seines Wirkens. Er hat außerdem zur Wiederentdeckung der romantischen Chormusik beigetragen und fördert durch regelmäßige Kompositionsaufträge die zeitgenössische Musik. Mit seinen Ensembles gibt Rilling international Konzerte und ist gefragter Gastdirigent bei führenden Orchestern in aller Welt – darunter die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonic, das japanische NHK Symphony Orchestra und andere namhafte Klangkörper. Eine besondere Freundschaft bindet ihn seit über 30 Jahren an das Israel Philharmonic Orchestra, das er zusammen mit der Gächinger Kantorei in über 100 Konzerten dirigierte. Seit 1970 ist er künstlerischer Leiter des von ihm mitbegründeten Oregon Bach Festivals, eines der profiliertesten Musikfestivals in den USA. 1981 gründete Helmuth Rilling die Internationale Bachakademie Stuttgart.

Als erster Dirigent spielte er sämtliche Kantaten Johann Sebastian Bachs ein; zum Bach-Jahr 2000 erschien unter seiner künstlerischen Gesamtleitung mit der Edition Bachakademie die Gesamtaufnahme des Bachschen Werkes auf 172 CDs. Es ist als ein besonderer Glücksumstand zu bezeichnen, dass es den »Thüringer Bach-Wochen« und der Hochschule für Musik »Franz Liszt« gelungen ist, den Bach-Experten nach Weimar zu holen. Bei jeder einzelnen Note stand den jungen Leuten die Begeisterung ins Gesicht geschrieben.

Seine Gesprächskonzerte, in denen er Schritt für Schritt die Arien, Rezitative und Choräle der einzelnen Kantaten erläuterte, trugen nachhaltig zu einem besseren Verständnis ihrer Klangsprache bei. Ganz in Schwarz, nicht groß gewachsen, mit fülligem weißen Haupthaar, sprach er frei zur Hörergemeinde und erhob dann den Taktstock zu schlichten Bewegungen, die einen Kosmos himmlischer Harmonie auslösten. Die Klarheit seines Musizierens war dabei besonders beeindruckend, fernab von überzogenen Manierismen einer vermeintlich historischen Aufführungspraxis!

Michael von Hintzenstern