Frommer Glückskeks

8. Januar 2017 von redaktionguh  
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Als Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf vor 280 Jahren »Die Parole für den Tag« an seine Gemeinde in Herrnhut ausgab, ahnte er vermutlich nicht, dass sich daraus ein Bestseller entwickeln würde. »Die Losungen« sind heute auf der ganzen Welt verbreitet und in über 50 Sprachen erhältlich. Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt hat sie auf dem Handy und Schlichter Matthias Platzeck las 2015 vor jeder Runde mit Bahn und Gewerkschaft den Verhandlungspartnern aus dem blauen Büchlein vor. Für einige haben sie den Status eines frommen, chinesischen Glückskekses, für andere sind sie, wozu sie gedacht waren: »Fortgesetzte Gespräche des Heilands mit der Gemeinde« (Zinzendorf).

Die Ziehung der Tageslosung geschieht im kleinen Saal des Herrnhuter »Vogtshofes«. Aus rund 1 100 nummerierten Kärtchen werden hier immer im Frühjahr die alttestamentlichen Bibelverse gezogen.

Die Jahreslosung kommt indes nicht aus der Oberlausitz. Sie wird, wie auch die Monatssprüche, von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) festgelegt. Vertreter von Kirchenverbänden bestimmen in einem Wahlverfahren die Jahreslosungen und Monatssprüche vier Jahre im Voraus. Die aktuelle Situation spielt deshalb bei der Auswahl keine Rolle. Trotzdem passt die Jahreslosung für 2017 zum Reformationsgedenken.

Um die Verwirrung komplett zu machen: Der Wochenspruch, der unserem »Wort zur Woche« zugrunde liegt, hat weder mit der ÖAB noch mit Herrnhut etwas zu tun. Er ist in der sogenannten Perikopenordnung für die Predigttexte in der evangelischen Kirche festgelegt. Nachzulesen im Evangelischen Kirchengesangbuch.

Der Ordnung halber und von Herzen: Ein gesegnetes neues Jahr!

Willi Wild

Gemeinsames Wohnen

28. Juli 2015 von redaktionguh  
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Ein Modell für die Zukunft

Die frühere Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht (CDU), ist Botschafterin der Stiftung christliche Collegiate in Erfurt und unterstützt das Modell »Gemeinschaftswohnen« (s. G+H, Nr. 28, Seite 5). Dietlind Steinhöfel sprach mit der Theologin und Politikerin.

Christine Lieberknecht

Christine Lieberknecht

Frau Lieberknecht, was verbirgt sich hinter der Idee des »Collegiatswohnens« und für wen ist es gedacht?
Lieberknecht:
Das Collegiatswohnen zielt auf eine gleichermaßen traditionsbewusste wie innovative Form eines solidarischen Zusammenlebens. Diese Gemeinschaftswohn-Idee will sich den Herausforderungen des demografischen und kulturellen Wandels im 21. Jahrhundert stellen. Dabei ist das Collegiatswohnen für alle Menschen offen, die Nachbarschaftshilfe konkret leben und gestalten wollen.

In Erfurt und Ichtershausen soll solch eine Wohngemeinschaft entstehen. Gibt es einen Zeitplan?
Lieberknecht:
Die Realisierung sowohl in Erfurt als auch in Ichtershausen wird in einzelnen Bauabschnitten vollzogen werden. Dabei entsteht das Erfurter Collegiatswohnen in enger Kooperation mit der Johanniter Unfallhilfe als Investor und Bauherr. Im Jahr 2021 sollen hier alle Bauabschnitte abgeschlossen sein. Spätestens zu diesem Zeitpunkt soll auch das Baugeschehen am Standort Ichtershausen, der ehemaligen Jugendstrafvollzugsanstalt, beendet sein. Eventuell gelingt hier die Fertigstellung aller geplanten Bauabschnitte schon im Jahr 2019.

Was ist Ihre persönliche Motivation, sich hierbei ehrenamtlich zu engagieren?
Lieberknecht:
Ich bin persönlich von dieser traditionsverbundenen wie zukunftsorientierten Gemeinschaftswohn-Idee sehr beeindruckt. Diese Idee atmet zudem den ökumenisch offenen Geist der Kinder Gottes. Sie besticht durch ihre einladende Entschlossenheit zu konkreter Mitmenschlichkeit im Hier und Jetzt.

Können solche Modelle beispielgebend sein, zum Beispiel im Blick auf den demografischen Wandel?
Lieberknecht:
Ich bin ganz sicher, dass solche Modelle wie das Collegiatswohnen ein breites Interesse bei vielen Menschen finden werden. So erfordern die Veränderungen in der Zusammensetzung unserer Bevölkerung geradezu ein neues Miteinander in familienübergreifenden Wohnformen. Die oft beschworene Gerechtigkeit unter den Generationen wird hier als Reichtum der unterschiedlichen Gaben Gottes empfunden und weitet den Blick für das ganze Leben bis hin zu Krankheit und Tod. Wie hat es uns erst kürzlich ein Spruch aus dem Herrnhuter Losungsbuch mit auf den Weg gegeben: »Ein Gramm Beispiel gilt mehr als ein Zentner gute Worte« (Franz von Sales, zur Losung am 17. Juli).