Ein Weg, der sich lohnt

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Pilgerroute auf den Spuren Luthers in Sachsen-Anhalt besteht seit zehn Jahren

Als sich der Landwirt Wolf von Bila aus Wohlsdorf bei Köthen am 25. August 2006 mit einer Idee an die Landeskirche Anhalts wandte, war nicht abzusehen, was daraus werden würde. Sein Vorschlag lautete, die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg durch einen Pilgerweg zu verbinden. Einen Monat später gab es das erste Planungstreffen in seinem Haus. Vertreter von Kirchen, Kommunen und Tourismusverbänden ließen sich von der Idee anstecken. Zwei Jahre später wurde der Lutherweg durch Sachsen-Anhalt eingeweiht. Er war der erste auf den Spuren des Reformators überhaupt. Heute ist er ein Wegenetz, das sich durch sechs Bundesländer zieht.

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Zum zehnjährigen Bestehen des Lutherweges Sachsen-Anhalt würdigte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ihn als touristisches und spirituelles Projekt. »Die Idee, Luthers zahlreiche Wege nachzuzeichnen und Pilger ebenso wie Wanderer zu bedeutenden Orten der Reformation in Sachsen-Anhalt zu führen, ist aufgegangen«, sagte er einem Festakt am 4. Oktober in Kemberg bei Wittenberg. »Ich bin froh, dass der Lutherweg auch nach dem Reformationsjubiläum 2017 weiter besteht und bestehen wird. Vor diesem Hintergrund ist das zehnjährige Jubiläum ein wichtiger Zwischenschritt«, so Haseloff, der auch Schirmherr des Lutherweges in Sachsen-Anhalt ist.

Der Lutherweg Sachsen-Anhalt war am 28. März 2008 in Höhnstedt nahe der Lutherstadt Eisleben von Vertretern aus Kirche, Tourismus, Politik und von Verbänden eingeweiht worden. Er verbindet im Sinne seines Erfinders auf dem Rundkurs die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg. Im Norden verläuft er durch Anhalt, im Süden durch Halle an der Saale. 2017 wurde eine zusätzliche Strecke von Zerbst nach Magdeburg aufgenommen.

Hinter Eisleben führt der Weg, der insgesamt rund 460 Kilometer lang ist, nach Mansfeld-Lutherstadt und weiter in Richtung Thüringen. Nach und nach kamen weitere Lutherwege in Thüringen, Sachsen, Bayern, Hessen und zuletzt in Brandenburg dazu. Als Dachorganisation sichert die Deutsche Lutherweg-Gesellschaft die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Lutherwegen. Zugleich ist sie Trägerin der Koordinationsstelle für den Lutherweg Sachsen-Anhalt, die von Grit Gröbel geleitet wird.

Bei der Jubiläumsfeier erinnerte der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Pfarrer Ekkehard Steinhäuser, an einige Initiatoren des Lutherweges: an den oben genannten, 2012 verstorbenen Wolf von Bila oder den katholischen Pfarrer Willi Kraning. In einem Referat wies Steinhäuser darauf hin, dass Luther das Pilgern mit dem Ziel, dadurch Gottes Gnade zu erreichen, abgelehnt habe. Zugleich gebe es heute aber zahlreiche Gründe für ein »evangelisches Pilgern«, etwa das Erlebnis des gemeinschaftlichen Christseins. »Außerdem kann man beim Pilgern seinen Problemen nicht weglaufen, man ist sich selbst näher und kann auch Gott besser zuhören.«

Steinhäuser würdigte in einem Gespräch mit der Kirchenzeitung auch die Arbeit der ehrenamtlichen Weg-Pfleger, von denen bei der Feier in Kemberg einige ausgezeichnet wurden. Für die Zukunft des Weges wünscht er, dass es immer wieder und immer mehr Menschen gibt, die nach dem Pilgern mit dem Gefühl innerer Zufriedenheit nach Hause zurückkehren und sagen: Ja, das Pilgern tut gut.

(G+H)

www.lutherweg.de

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Ein Retter seiner Heimatkirche

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Porträt: Er hat in vielen Kirchen als Künstler und Restaurator seine Spuren hinterlassen. Dafür wurde am 2. Oktober der Maler und Grafiker Gert Weber mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Unter dem Motto »Kultur verbindet!« überreichte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Vorabend des »Tages der Deutschen Einheit« im Schloss Bellevue die hohe Ehrung des Verdienstordens an 13 Frauen und 16 Männer aus Deutschland, Frankreich, Israel, der Schweiz und den Vereinigten Staaten von Amerika. Er betonte ihre Verdienste und ihr kulturpolitisches Engagement.

Zu den Ausgezeichneten gehören der Komiker Otto Waalkes, der Fotograf Jim Rakete, der Maler Neo Rauch, der Sprecher Christian Brückner und der Filmkomponist Hans Zimmer (»König der Löwen«) ebenso wie die Regisseurin Caroline Link, die Sängerin und Musikproduzentin Annette Humpe, die Schauspielerin Julia Jentsch (»Hannah Arendt«) und die Bratschistin Tabea Zimmermann. Dass er einmal in einer Reihe mit all diesen Prominenten stehen würde, hätte er sich zu DDR-Zeiten nicht vorstellen können. Damals geriet er immer wieder in Konflikt mit dem »real existierenden Sozialismus« und wurde in seiner künstlerischen Entwicklung eingeschränkt. Er freut sich aber auch, dass unter den früheren Preisträgern Erich Loest und Reiner Kunze zu finden sind, denen er sich besonders verbunden fühlt.

Arbeit in luftiger Höhe: Mehr als zwei Jahrhunderte musste die barocke St.-Crucis-Kirche in Wölfis (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ohne ein Deckenbild auskommen. 2007 verhalf ihr Gert Weber mit dem »Kreuzweg« zu einem zum Patronat passenden Gemälde. Foto: privat

Arbeit in luftiger Höhe: Mehr als zwei Jahrhunderte musste die barocke St.-Crucis-Kirche in Wölfis (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ohne ein Deckenbild auskommen. 2007 verhalf ihr Gert Weber mit dem »Kreuzweg« zu einem zum Patronat passenden Gemälde. Foto: privat

Mit der Verleihung des Verdienstordens an Gert Weber (67) wird die von ihm initiierte und von 1986 bis 1991 durchgeführte Restaurierung der Dreifaltigkeitskirche in seinem Geburtsort Gräfenhain (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) gewürdigt. »Seit den 1980er-Jahren engagiert er sich für dieses sakrale Kleinod, das heute eine der am besten erhaltenen barocken Dorfkirchen Thüringens ist«, heißt es in der Begründung.

Nachdem die Kirche 1991 wieder eingeweiht worden war, habe der engagierte Künstler damit begonnen, sich auch um die Instandsetzung der Orgel zu kümmern. »Sie ist fast 300 Jahre alt und eines der letzten und klangvollsten Originalinstrumente der Bachzeit.« Besonders verdient gemacht habe sich Gert Weber auch durch seine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust: »Das Kunstmuseum der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat eine Dokumentation seiner Arbeiten in ihr internationales Archiv aufgenommen. Gerd Weber hält mit seiner Kunst die Erinnerung wach – an Licht- und Schattenseiten deutscher Vergangenheit«, führte der Bundespräsident weiter aus.

Ich kann mich noch an den jungen Künstler erinnern, der Mitte der 1970er-Jahre im Evangelischen Gemeindezentrum von Herrenhof ein Wandbild mit dem Fischzug des Petrus gestaltet hatte. Das war in jener Zeit, in der er besonders von dem in Friedrichroda lebenden Maler Werner Schubert-Deister (1921–1991) gefördert wurde, der ihm von 1974 bis 1976 das Rüstzeug für das externe Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig vermittelte. Die Mitarbeit im Atelier des Malers, der 1986 in die Bundesrepublik auswanderte, prägte sein künstlerisches Werk nachhaltig. Er war sein großer Lehrmeister!

Seine erste Ausstellung hatte Weber 1980 im Schloss Ehrenstein in Ohrdruf. Zu den frühen Arbeiten gehört ein Wandbild (Stahlrelief) im Anna-Luisen-Stift Bad Blankenburg (1980). Von 1982 bis 1984 arbeitete er am Bauernkriegs-Panoramagemälde von Werner Tübke in Bad Frankenhausen mit. 1984 erfolgte der Ausschluss aus dem Verband Bildender Künstler der DDR mit Ausstellungsverbot, welches 1986 durch den Einsatz namhafter Kollegen aufgehoben wurde. Erst mit der Wende fanden seine Werke ein größeres Publikum.

Neben zahlreichen Ölbildern, Grafiken und Zeichnungen schuf Weber auch die Deckenbilder in den Kirchen zu Reichensachsen (Hessen) und Wölfis (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf). Im letztgenannten Gotteshaus St. Crucis stellte er 2007 den Kreuzweg dar. Für zahlreiche neu gegossene Bronzeglocken gestaltete er Reliefs.

Webers Werke finden sich heute unter anderem im Deutschen Historischen Museum Berlin, im Dommuseum Fulda, in der Universität Leipzig, im Stadtmuseum Düsseldorf sowie in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen. Im Thüringer Landtag gestaltete er 2002 den »Raum der Stille« und in der Evangelischen Grundschule Gotha den Andachtsraum (2003).

Michael von Hintzenstern

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Echtes Glück als Schulfach

10. August 2018 von redaktionguh  
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Auf dem Stundenplan an öffentlichen Schulen in der indischen Region Delhi steht ab sofort das Fach Glück. Der Dalai Lama stellte jüngst den Lehrplan vor. Rund eine Million Kinder erforschen fortan täglich 45 Minuten lang das Glück. Das Ziel: eine bessere Welt mit glücklichen, wissenden und gutherzigen Menschen zu schaffen.

In Deutschland hat der ehemalige Berufsschulleiter Ernst Fritz-Schubert das Fach vor elf Jahren in Heidelberg eingeführt. Es gehe darum, so Fritz-Schubert, Verantwortung für sich zu übernehmen, zu lernen, Ziele zu erreichen trotz Hindernissen – und um Harmonie mit sich und in Beziehungen.

Nicht wenige betrachteten den Pädagogen als Spinner. Inzwischen bildet er an seinem Institut Glückslehrer aus – und 100 Schulen in sechs Bundesländern profitieren davon, in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und in Berlin.

Psychologen, Ärzte und Theaterpädagogen stellen die Übungen zusammen. Es geht um Fragen wie: »Wer bin ich?«, »Wo sind meine Stärken?«, »Was treibt mich an?« Nicht das schlechteste Mittel, wenn die Zahl der Menschen zunimmt, die an Depressionen oder Überforderung leiden.

In einer Welt, in der Menschen ihren Selbstwert über Social-Media-Apps definieren. In der Happiness auf Plattformen wie Instagram zur Religion erhoben wird. Wetter, Laune, Beziehungen – alles perfekt in Szene gesetzt. Ein Fach, das den Nachwuchs befähigt zu hinterfragen, was oberflächliche Happiness von echtem Glück unterscheidet, ist so wichtig wie Mathe, Deutsch und Sport.

Andrea Seeger

Die Autorin ist Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung für Hessen und Rheinland-Pfalz.

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Vorerst kein Begleitheft zum Gesangbuch

18. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Weltliche Lieder im Gottesdienst: Was Kirchenmusiker dazu sagen

In Hessen ist es kürzlich erschienen: Das EGplus, ein Begleitheft zum Evangelischen Gesangbuch (EG) mit weltlichen Liedern. Als »sehr erfreulich« und »gut gelungen« beurteilt Dietrich Ehrenwerth, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, das Buch.

Dennoch wird es in der EKM in absehbarer Zeit wohl kein ähnliches Heft geben. Ehrenwerths Vorstoß ist auf einer Tagung der Kreiskantoren gescheitert. Das EG ist nach Meinung der Musiker aus den Kirchengemeinden noch nicht ausgeschöpft. Kein Einziger hielt eine gedruckte Ergänzung für nötig, so Ehrenwerth weiter. Dabei hatte der Landeskirchenmusikdirektor gemeinsam mit Landesposaunenwart Frank Plewka und Landessingwart Mathias Gauer bereits begonnen, einen Kanon bewährter weltlicher Lieder zu sammeln und zu sichten. »Mit so vielen Gegenargumenten hatten wir nicht gerechnet«, sagt Ehrenwerth überrascht. Gegen das Votum der Kreiskantoren ein Begleitheft zu veröffentlichen, sei kein Weg, denn »sie sind es, die ein neues Buch vermitteln müssen«. Dennoch treibt das Anliegen den Landeskirchenmusikdirektor weiterhin um. »Unsere Listen wollen wir fertig stellen«, kündigt Ehrenwerth an. Er möchte das Thema auch bei der Klausurtagung der Kammer für Kirchenmusik im Januar zur Sprache bringen.

Das EGplus enthält 164 Lieder, auch aus der Popmusik. Foto: medio.tv/schauderna

Das EGplus enthält 164 Lieder, auch aus der Popmusik. Foto: medio.tv/schauderna

Seiner Beobachtung zufolge zehren viele Gemeinden vom großen Angebot bereits vorhandener Liederbücher: »Durch Hohes und Tiefes«, »colours of grace« oder das zum Kirchentag erschienene »freiTöne«. Möglicherweise, so Ehrenwerth, setzen sich auch Lieder-Apps, wie sie die EKD jetzt angekündigt hat, durch.

Auch weltliche Lieder brauchen geistlichen Bezug

Selbst wenn derzeit kein Interesse an einem gedruckten Beiheft besteht, werden weltliche Lieder natürlich im Gottesdienst gesungen. Auf Nachfrage von G + H äußerten sich Kantoren teils aufgeschlossen, teils skeptisch. »Wenn englischsprachige Popsongs in ein Beiheft aufgenommen werden sollen, müsste man sehr genau hinschauen: Erzählen sie etwas über die Beziehung Gott-Mensch?«, sagt Thomas Ennenbach aus Eisleben. Überarbeitungen weltlicher Vorlagen seien kein Problem, dies habe eine lange Tradition. Aber immer sollte das Liedgut Gott verkündigen, loben, klagen. Allgemein bekannte Popsongs aus Radio, Kaufhaus und Reisebussen sieht Ennenbach als verzweifelten Versuch, sich dem Zeitgeist einer säkularisierten Gesellschaft anzupassen, anstatt sich auf den Kern christlicher Aussagen zu konzentrieren.

Den Gottesdienst bezeichnet Roland J. Dyck aus Salzwedel als ein Stück Himmel auf Erden. »Es ist ein bisschen wie beim Zauberportal im Märchen: Ich gehe hindurch und bin in einer anderen Welt. Wenn ich jenseits der ›schönen Pforte‹ (EG 166) aber nichts anderes vorfinde, als die mir vertraute Alltagswelt – warum soll ich mich dahin auf den Weg machen?« Vom Alltag abgehoben darf der Gottesdienst jedoch nicht sein. Beide Welten müssen in Berührung bleiben. Und was heißt das für die Musik? »Weltliche Musik in der Kirche: Ja, natürlich«, sagt Dyck. Was in Gegenwart des Gekreuzigten bestehen kann, solle auch seinen Platz in der Kirche finden. Weltliche Musik sei bei Kasualien gang und gäbe oder im Zusammenhang mit der Predigt. Mit Schmunzeln denkt der Marienkantor an eine Pfarrerin, die von der Kanzel sang: »Muss nur mal schnell die Welt retten …« und in Verbindung mit einem Bibeltext dazu predigte. »Aber weltliche Musik im Gesangbuch – als Bestandteil des regulären gottesdienstlichen Kanons? Ich sehe nicht, welchen Sinn das haben sollte – abgesehen von billigem Publikumsfang.«

Der scheidende Kantor aus Zeitz, Clemens Bosselmann, singt weltliche Lieder, die einen gewissen geistlichen Bezug haben, vor allem in Gottesdiensten mit Jugendlichen. »Ich habe wenige Berührungsängste und halte, gerade in einem Beiheft, die Einführung von solchen Songs für unproblematisch.«

Mirjam Petermann, Katja Schmidtke

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Streit im Namen des Königs

24. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Bizarrer Konflikt: Im Bereich der EKM gibt es mittlerweile zwei Hilfsvereine, die sich auf den Namen des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf (1594–1632) berufen.

Die Geschichte: Es begann im 19. Jahrhundert in Sachsen und Hessen. Protestantische Christen wollten Glaubensgeschwistern helfen, die als Minderheiten in katholischen oder orthodoxen Ländern lebten. Bald entstanden hin und her Hilfsvereine, die sich auf den Namen des Schwedenkönigs Gustav Adolf bezogen. Man schuf eine gemeinsame Plattform in Leipzig, die seit 1948 als Gustav-Adolf-Werk (GAW) firmiert. Ost und West gingen in DDR-Zeiten notgedrungen getrennte Wege, hielten aber an der Gemeinschaft fest. 1992 gründete sich das gemeinsame GAW als Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) neu und nahm seinen alten Sitz in Leipzig ein.

In der Thüringer Kirche wie in der der Kirchenprovinz Sachsen gab es ebenfalls selbstständige Gustav-Adolf-Werke, die in den jeweiligen Landeskirchen die Hilfswerksidee vertraten, Spenden sammelten. Alles ging gut, bis sich 2009 die beiden Landeskirchen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zusammenschlossen.

Die Spitzen beider GAW-Vereine aus Thüringen und Sachen-Anhalt verhandelten miteinander, stellten die Weichen ebenfalls auf Zusammenschluss. Ein Verein mit zwei Untergruppen sollte entstehen. Doch im Thüringer Vorstand kam es zur Revolte. Man wollte die seit 150 Jahren bestehende Selbstständigkeit nicht aufgeben. Der Vorsitzende trat daraufhin zurück, ein neuer Vorstand formierte sich.

Der Konflikt: Vonseiten der Landeskirche entschied man administrativ. Ein neues GAW der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland wurde 2012 gegründet, das provinzsächsische Werk löste sich selbst auf. Den widerständigen Thüringern teilte man kurzerhand den kirchenamtlichen Beschluss zur Aufhebung des GAW der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen (GAW LKTh) mit. Doch die Verantwortlichen legten Widerspruch ein und beriefen sich darauf, dass sie auch als Werk der Kirche in DDR-Zeit ein selbstständiger Verein geblieben seien, der nur von der ordentlichen Mitgliederversammlung aufgelöst werden könne.

Die Eskalation: Die Kirchenleitung reagierte unter anderem mit Disziplinarverfahren gegen den Vorsitzenden, Pfarrer Johannes-Christian Burmeister, den Stellvertreter, Pfarrer Martin Michaelis, und zwei weitere Vorstandsmitglieder. Harte Vorwürfe standen im Raum: Schädigung des Ansehens der EKM, Amtsmissbrauch, Dienstsiegelmissbrauch. Michaelis musste wegen des Verfahrens unter anderem sein Amt als gewählter Vorsitzender der Pfarrervertretung der EKM ruhen lassen.

Die Rehabilitation: 2015 traf man sich vor dem Verwaltungsgericht der EKD in Hannover wieder. Dort holte sich die Landeskirche allerdings eine juristische Abfuhr. Am Ende schloss man einen Vergleich, dessen Kernsatz die aufmüpfigen Pfarrer bestätigte: »Die Beklagte (die EKM – d. Red.) erkennt an, dass das GAW LKTh als nichtrechtsfähiger Verein (…) außerhalb der Kirche fortbesteht. Dessen Name wird in ›Lutherischer Gustav-Adolf-Verein Thüringen‹ geändert.« Außerdem seien alle Disziplinarverfahren einzustellen, eingezogene Gegenstände und Unterlagen an den Verein zurückzugeben.

Die unterschiedlichen Sichten: Für das Gustav-Adolf-Werk der EKM ist ebenso wie für die Leipziger Zentrale klar, dass der neue alte Verein nichts mehr mit dem Gustav-Adolf-Werk zu tun hat. Er sei ein freier Hilfsverein außerhalb der Kirche, wie ihn jede Person gründen könne. »Schon der Name ist für uns ein Widerspruch in sich«, erklären der Hallenser Propst Johann Schneider als Vorsitzender des GAW der EKM sowie der Leipziger GAW-Generalsekretär Enno Haaks unisono. Unterstütze das Hilfswerk doch weltweit evangelische Gemeinden ohne Fokussierung auf die lutherische Fraktion. Der Lutherische Gustav-Adolf-Verein Thüringen freilich wird nicht müde, sich im Mitteilungsblatt des Thüringer Pfarrvereins als »das Original« in Sachen GAW darzustellen. Und: Als besonders bitter empfindet man die Tatsache, dass es vonseiten der Kirchenleitung bisher keine Entschuldigung gegenüber den betroffenen Pfarrern gegeben habe.

Die Folgen: Was unter dem Streit bis heute allerdings am meisten leidet, ist die Hilfe für die Minderheitengemeinden im Ausland. GAW-Vorsitzender Schneider hat es selbst schon erlebt, dass kirchliche Mitarbeiter vor dem Hintergrund der Konkurrenzsituation sagen: Lasst uns in Ruhe mit dem ganzen GAW.

Der Wunsch: Als Geistlicher hat Schneider allerdings noch ein anderes Anliegen: »Als Kirche, die das Wort von der Versöhnung predigt, müssen wir auch selbst Versöhnung leben.« Deshalb sei es Zeit für ein gemeinsames Gespräch jenseits aller rechtlichen Wertungen. Voraussetzung sei aber, »dass beide Seiten bereit sind, ihre eigene Wahrnehmung im Lichte des Evangeliums zu sehen«.

Harald Krille

Klassisch, modern und locker

12. September 2015 von redaktionguh  
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Posaunenchor Mühlberg feiert 40-jähriges Jubiläum

Seit 40 Jahren treffen sie sich Woche für Woche im Radegundishaus in Mühlberg bei Gotha: die Bläser des Posaunenchores. Mit gerade einmal fünf Bläsern hatte man seinerzeit begonnen. Heute gehören dem Mühlberger Posaunenchor 14 Bläser im Alter zwischen 14 und über 80 Jahren an. Zwar ist das eine beachtliche Zahl, dennoch sind neue Nachwuchsmusiker, egal welchen Alters, immer gerne gesehen.

Am Sonnabend wollen sie feiern: die Bläser des Posaunenchors Mühlberg. Foto: Kirchengemeinde

Am Sonnabend wollen sie feiern: die Bläser des Posaunenchors Mühlberg. Foto: Kirchengemeinde

Der Chor übt nicht allein Choräle, sondern auch weltliche Stücke aus verschiedenen Jahrhunderten ein. Denn Anna Löbner, die derzeitige Leiterin, versucht einen guten Ausgleich zwischen geistlicher und weltlicher Musik zu schaffen und somit viele Leute zu erreichen. Die regelmäßigen Proben beschreibt die Kantorin von Gotha Süd-Ost als »sehr angenehme Arbeit«, wegen der Mischung aus entspannter Atmosphäre und den guten Fertigkeiten der Mitglieder. Einerseits »spielen die Bläser für Nicht-Studierte sehr gut, sie besitzen eine schnelle Auffassungsgabe«, andererseits gehe es »zwischendurch auch mal locker zu«, sagt die Kantorin. Neben Gottesdiensten und Konzerten stehen auch andere Veranstaltungen auf dem Programm. Vor allem entwickelte sich das jährliche Adventsblasen auf dem Mühlberger Markt zum festen Bestandteil. Dadurch verankerte sich der Chor im Gedächtnis des Ortes. »Der Posaunenchor gehört einfach zur Gemeinde«, bekräftigt Jens Leffler, Gründungsmitglied und jetziger Bürgermeister der Gemeinde Drei Gleichen.

Während der vielen Jahre haben sich Freundschaften zu anderen Posaunenchören wie Apfelstädt-Wandersleben und sogar über die ehemalige innerdeutsche Grenze hinweg zum Chor in Altweilnau-Merzhausen (Hessen) oder in Hof in Bayern entwickelt. Zusammen organisierte man Konzerte und fand sich zu gemeinsamen Probenwochenenden ein.

Mit einem Festgottesdienst am Sonnabend in der St.-Lukas-Kirche will der Posaunenchor von Mühlberg sein Jubiläum feiern. Der Chor wurde 1975 vom damaligen Mühlberger Pfarrer Rainer Schmidt ins Leben gerufen. Die Mühlberger Musiker werden zum konzertant gestalteten Festgottesdienst von rund 40 weiteren Bläsern aus anderen Chören unterstützt. Zusammen mit ihnen spielen sie neben barocken und traditionellen Stücken Modernes wie Scott Joplin oder die Filmmusik aus »Mary Poppins«.

Thomas Schlemmer, Germanistikstudent und Praktikant beim Wartburg Verlag

Mühlberg, St.-Lukas-Kirche, 12. 9., 16 Uhr

Geburtstagsfeier mit Luthers

20. November 2013 von redaktionguh  
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Eisleben war Gastgeberin für Menschen mit dem Familiennamen des Reformators

Ich bin Luther.« Diese Begrüßung war am Wochenende in Eisleben oft zu hören. Doch der geborene Reformator Martin Luther ist nicht etwa vom Sockel des Denkmals auf dem Marktplatz seiner Geburtsstadt gestiegen und zu neuem Leben erwacht. Diesen Ausspruch haben vielmehr 21 Frauen, Männer und ein Kind für sich in Anspruch genommen, die alle den Familiennamen Luther tragen und am Wochenende gemeinsam in der Stadt in Sachsen-Anhalt den 530. Geburtstag des Reformators feierten.

Zu der Jubiläumsfeier hatte die ­Eislebener Oberbürgermeisterin Jutta Fischer (SPD) eingeladen. Ihr Fazit: »Wir sind mit dem Zuspruch auf unsere Einladung zufrieden.« Luthers seien aus Bayern, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Hessen, Niedersachsen und Berlin angereist. Immerhin hatten Recherchen der Stadtverwaltung ergeben, dass aktuell allein in Deutschland rund 1800 Luthers wohnen. Weltweit dürften noch etwa 2000 weitere hinzukommen.

Die Party am Wochenende war zudem ein Vorgeschmack auf das Reformationsjubiläum 2017. Dann sollen nämlich nach dem Willen der Kommunalpolitikerin mehrere Hundert Luthers in die Stadt kommen. Immerhin gebe es in Eisleben neben dem sanierten und erweiterten Geburts- und dem Sterbehaus sowie der Taufkirche Luthers viel Geschichtsträchtiges rund um den Reformator zu sehen. Im Juni 2014 werde zudem Luthers Elternhaus mit Neubau im unweit von Eisleben gelegenen Ort Mansfeld wieder eröffnet, kündigt sie an.

Zur Feier des 530. Geburtstages von Martin Luther gehörte auch eine Festtafel mit Stollen. Foto: Jürgen Lukaschek

Zur Feier des 530. Geburtstages von Martin Luther gehörte auch eine Festtafel mit Stollen. Foto: Jürgen Lukaschek

Schon jetzt ging es beim Eisleber Treffen familiär zwischen den Gästen zu. »Hallo Luthers«, sagte einer der Namenträger im Vorbeigehen zu Marie-Luise und ihrem Vater Hans-Günter Luther. Es sei das erste Treffen dieser Art, an der seine Familie aus Freyburg an der Unstrut teilnehme, erzählte Hans-Günter. Die 25-jährige Tochter fügte mit etwas Stolz hinzu, »wir sind mit dem berühmten Luther verwandt«. Ihre Familie stamme von Martins jüngerem Bruder Jakob (1490 bis 1571) ab. Seit zwei Wochen sei es auch amtlich. Ihre Verwandtschaft sei in einer Analyse der Lutheriden-Vereinigung Zeitz nachgewiesen worden, so Marie-Luise. Die Ahnentafel habe sie leider zu Hause liegen gelassen, fügte sie fast entschuldigend hinzu.

Klare Worte fand bei einem Empfang für die Namensträger der renommierte deutsche Namensforscher Jürgen Udolph. Die Geschichte des Namens Luther, räumte der Professor aus Leipzig ein, sei »echt kompliziert«. Es gebe viele Vermutungen, doch »was ist Wahrheit und Legende«, fragte er. Wer heute Luther heißt, könne nicht immer eindeutig mit dem Namen des Reformators verbunden werden, so der Wissenschaftler. Er rät jedem, Ahnenforschung zu betreiben, woher sein Name kommt. »Nicht jeder ist mit Luther verwandt«, betonte Udolph.

Ob nun verwandt oder nicht – jeder Namenträger, der zu Luthers Geburtstag nach Eisleben gekommen war, erhielt eine persönliche Namensurkunde mit fünf Absätzen zur Namensdeutung. Auch der zehnjährige Christian Luther aus Halle, er war der jüngste Teilnehmer.

Norbert Claus (epd)

Einer für den anderen

10. Februar 2013 von redaktionguh  
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Bayern und Hessen wollen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Länderfinanzausgleich klagen. Ein Angriff auf die Solidarität oder »Notwehr«? Den schwarz-gelb geführten Bundesländern geht es vor allem um eine Reform des komplizierten Systems.

Auch innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gibt es einen Finanzausgleich, wo starke Gliedkirchen die schwachen unterstützen. Seit Jahren geht der Transfair vor allem von West nach Ost. Die Ostkirchen wären ohne diese Solidarität kaum handlungsfähig.

Schon der Apostel Paulus hat in den wohlhabenden Gemeinden Kleinasiens für die verarmte Gemeinde in Jerusalem gesammelt. Im 2. Korintherbrief schreibt er dazu: »Nicht dass die anderen gute Tage haben sollen und ihr Not leidet, sondern dass es zu einem Ausgleich komme.« Und genau darauf ist in den politischen und kirchlichen Gemeinden zu achten: Die eigenen Anstrengungen dürfen nicht nachlassen, weil das Geld ja von den anderen kommt.

Es ist nicht sinnvoll, dort volkskirchliche Strukturen aufrechtzuerhalten, wo es keine Volkskirche mehr gibt. In der EKM haben nur wenige Orte mehr als 50 Prozent Kirchenmitglieder. Deshalb muss Kirche neu gedacht werden als die Gemeinschaft der Heiligen, wo sich die Landeskirchen auf Augenhöhe begegnen. Solidarität unter Christen sollte bleiben, die Voraussetzungen müssen jedoch immer wieder geprüft werden. Zumal die Mittel aus dem EKD-Finanzausgleich weniger werden. Wurden 1991 noch 173 Millionen Euro ausgegeben, so waren es 2010 nur 143 Millionen.

Einer für den anderen – der EKD-Finanzausgleich hat die Kirchen im Osten gestärkt und Zukunft ermöglicht. Das entbindet diese jedoch nicht, nach neuen Wegen zur Stabilisierung der Haushalte zu suchen.

Dietlind Steinhöfel