Himmlisches Fest auf Dessauer Erden

Kissenschlacht: Der Sonntag war ein Sonnentag, doch den Kindern machte die Hitze beim Herumtoben nichts aus. Das mit drei mal sechs Metern ganz sicher größte Himmelbett Anhalts war für sie die Attraktion. Fotos: Lutz Sebastian

Kissenschlacht: Der Sonntag war ein Sonnentag, doch den Kindern machte die Hitze beim Herumtoben nichts aus. Das mit drei mal sechs Metern ganz sicher größte Himmelbett Anhalts war für sie die Attraktion. Fotos: Lutz Sebastian


Über 3.000 Menschen besuchten am Wochenende den achten Anhaltischen Kirchentag.

»Zwei Jahre haben wir uns auf diesen Tag gefreut«, ruft  Oberbürgermeister Klemens Koschig den Menschen von der Bühne herab zu. »Dieser Kirchentag ist ein wunderbarer Auftakt zum großen Anhalt-Jubiläum 2012.« Über 2.500 Erwachsene und Kinder sind am 6. Juni zum achten Anhaltischen Kirchentag nach Dessau-Roßlau gekommen. »Wie im Himmel so auf Erden« ist er überschrieben.

Der Stadtpark, nach dem Umbau erst zwei Tage  zuvor fertiggestellt, ist in einen bunten Festplatz voller Zelte und Informationsstände verwandelt. In seiner Mitte steht ein sechs mal drei Meter großes Himmelbett, gefüllt mit 500 weichen Kissen. Die anhaltischen Gemeinden waren im Vorfeld des Kirchentages gebeten worden, sie zu gestalten und mitzubringen. Und so schleudern die Kinder, die das Bett schnell als die Attraktion für sich entdeckt haben, nun immer wieder mit Borten oder Filz verzierte oder bemalte Exemplare in die Luft oder lassen sich voller Vertrauen auf Glaube-Liebe-Hoffnung-Kissen fallen.

Auf der Bühne verweist unterdessen Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann darauf, dass der Kirchentag ein »wichtiger Impuls zur Stärkung des Heimatgefühls in unserer Region Anhalt« sei. Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Berenbruch freut sich, dass auch viele Menschen, die sonst wenig mit Kirche zu tun haben, Interesse am Kirchentag zeigen. Die Pfarrerin und der große Bläserchor heißen die Besucher willkommen – mit einem Tusch und Beifall für jeden Kirchenkreis. Danach übt Kantor Hans-Stephan Simon mit dem Publikum das Kirchentagslied ein, welches er geschrieben hat: »Glückliche Herzen laden uns ein, auf Erden Teil des Himmels zu sein«, heißt es darin.

Auf Beifall und Interesse stoßen die vielen Angebote geistlicher, kultureller, musikalischer und informativer Art auf der Bühne und auf dem »Markt der Möglichkeiten«. Es begann schon am Sonnabend, als sich mehr als 500 Besucher und Mitwirkende in der Johanniskirche zur Gospelnacht mit dem schwedischen Sänger und Komponisten Joakim Arenius versammelten.

Zuschauermagnet: Auf der großen Bühne im Stadtpark wurde nach der Eröffnung ein buntes Kulturprogramm geboten. Am Nachmittag setzte das Publikum Farbtupfer, indem es viele Regen- als Sonnenschirme nutzte.

Zuschauermagnet: Auf der großen Bühne im Stadtpark wurde nach der Eröffnung ein buntes Kulturprogramm geboten. Am Nachmittag setzte das Publikum Farbtupfer, indem es viele Regen- als Sonnenschirme nutzte.


Das gilt auch für die Bibelarbeiten am Sonntagmorgen – die mit dem künftigen Präsidenten der Berliner Humboldt-Universität und früheren Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, in der Marienkirche, und für die in der Johanniskirche mit der Bischöfin der mitteldeutschen Kirche, Ilse Junkermann. Sie legt das Gleichnis vom Senfkorn aus, wie es im Neuen Testament im Markusevangelium steht. Das Gleichnis zeige, dass »das Paradies mitten in unserer Welt ist, obwohl wir jenseits von Eden leben«, so die Bischöfin gegen Ende ihres Vortrages. In das Heute mit seinen Problemen komme die Zukunft. »Wir sollen dem Paradies nicht abschwören; Jesus will uns die Augen für die Spuren des Paradieses hier öffnen.« Damit, so Ilse Junkermann mit Blick auf Anhalt, »sind Sie ja hier im Gartenreich gesegnet.«

Gesegnet ist Anhalt auch mit einer langen, interessanten Geschichte. Die bringt Pfarrer i. R. Armin Assmann am Nachmittag auf die Bühne im Stadtpark. Im Mittelpunkt der Spielszenen stehen vier bedeutende Frauen: Margarete von Münsterberg, die gebildete und tüchtige Mutter des Fürsten Georg, Elisabeth von Weida, die im Damenstift Gernrode nicht nur die Finanzen sanierte, sondern auch die Reformation einführte, sowie Anna von Anhalt-Bernburg und Henriette Catharina von Oranien-Nassau, die sich unter anderem sozial engagierten.

Doch nicht nur das Theaterstück, die Marktstände und das Himmelbett finden regen Anklang. Der Mitmachgottesdienst und das Mitmachkonzert mit Daniel Kallauch, Kletterbaum, Marionettenspiel und Zirkus sind ebenso gefragt.

Im Gottesdienst unter freiem Himmel nimmt Kirchenpräsident Joachim Liebig das Motto »Wie im Himmel so auf Erden« zum Abschluss am Nachmittag auf. »Die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts behaupteten, Gott überflüssig zu machen«, sagt er in seiner Predigt. »Der Himmel wurde scheinbar zu einem Ort in greifbarer Nähe.« Zurückgeblieben seien jedoch geistlich entwurzelte Menschen mit tiefem Misstrauen gegenüber jeder Lebensdeutung, die über ein ›Hauptsache gesund‹ hinausreicht. »Unser Glaube«, so Liebig, »erhält seine Kraft aus selbstverständlichem Realismus und sicherer Gewissheit auf Gottes Reich.« Die ersten Christen hätten das  Zusammentreffen von Erde und Himmel erlebt, als ihnen beim Abendmahl der auferstandene Christus begegnete. »Die Welt ist seitdem eine andere.«

Weil der nächste Kirchentag in das Jubiläumsjahr »800 Jahre Anhalt« fällt, wird er in einer Stadt zu Gast sein, die mit den Anfängen dieser Geschichte besonders eng verbunden ist. Am 10. Juni 2012 wird auf dem Ballenstedter Schloss gefeiert.

Angela Stoye