Der Blasierte war hochmütig, die Jungens waren demütig

11. August 2018 von redaktionguh  
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

1. Petrus 5, Vers 5

Der ältere Herr, Blouson in rentnerbeige, gut behütet mit dunkelbraunem Cord, ist sichtlich bewegt. Oder aufgeregt. Schließlich spricht er in die Kamera des Lokalsenders. »Die Jungens gehör’n tüchtig belohnt. Für jeden ein’n Eisbecher. Mindestens. Aber die kennt ja keiner, die Jungens. Verschwunden sind se.« Er unterstreicht seine Verwunderung mit einer ausladenden Geste seiner Hand, in der er seinen Stock trägt.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Die Kamera wackelt, der Praktikant hat kurz Sorge, der Stock träfe ihn. Der Interviewer fragt, woher die Spendierlaune käme. Und der ältere Herr erzählt. Wie er am Bahnhof stand und von ferne sah, wie ein noch älterer Herr kollabierte. Herz und Hitze, Hitze und Herz. Er wollte helfen, sei aber nicht mehr so gut zu Fuß. »Sie verstehen?« Aber da standen plötzlich »die Jungens«. Zwischen »elf« und »fuffzehn«, wie er in die Kamera sagt. Und machen alles ganz schnell – Herzdruckmassage, Notarzt rufen, Notarzt lotsen. »Respekt«, sagt der ältere Herr. »Wo man doch immer nur Schlechtes von der Jugend hört.«

Auf dem Bahnsteig neben dem Wiederbelebungsknäuel stand noch ein jüngerer Mann. »Sah blasiert aus, der Bursche.« Der Kamerapraktikant weiß nicht recht, was blasiert ist, aber er kennt die Geschichte aus der Zeitung. Da hatte sich der Blasierte als Lebensretter hingestellt. Mit Bild, Pomp und Pomade. Das hatte der ältere Herr gelesen und wollte das nun richtigstellen: Der blasierte Bursche habe denen, die Hilfe leisteten, nur sein Handy geliehen. Mehr nicht. »Ne Sauerei ist das«, sagt er in die Kamera. »Sich mit fremden Lorbeeren schmücken.« Und während der eine sich schmückte, machten sich die Jungs aus dem Staub. Der Kollabierte war auf dem Weg ins Krankenhaus, da verschwanden die Jungs einfach. »Denen gehört das Lob. Und ein Eisbecher.« Das müsse die Stadt wissen, sagt der ältere Herr im Blouson. Er setzt nach: »Der Blasierte, der war hochmütig. Die Jungens aber, die waren richtig demütig.« Und der Kamerapraktikant wundert sich über die alten Worte. Aber was der Herr meint, das weiß er schon.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Begnadet gegen die Selbstüberschätzung

15. August 2015 von redaktionguh  
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

1. Petrus 5, Vers 5

Dem guten alten Petrus nehmen wir gern die Rede vom Hochmut und von Demut ab, wiewohl den gesamten Inhalt seiner beiden Briefe. An die »Verstreuten« richtet er seelsorgerlich wie ermutigend seine Mahnungen. Einzelne, die durch missionarische Arbeit gewonnen wurden für Gott, Christus und Geist. Eine Art trinitarische Formel zu Beginn zeigt den eigentlichen Absender an. Auch eine bescheidene Autorenschaft – kein Grund, etwas Besonderes zu sein. Wer Petrus durch Lesen der Evangelien kennt, wird erinnert an seine Art, das Wort zu führen und Dinge in die Hand zu nehmen, aber auch mit entsprechender Reaktion fertigwerden zu müssen. Der impulsive Jünger von einst wird zum aufgeklärten, nicht abgeklärten Gemeindeleiter. Nicht als Überflieger, der jetzt alles besser weiß, sondern als einer, der zu glauben gelernt hat. Nun kann er mitteilen, ausrufen, ins Gewissen reden. Dabei zielt er – wohl nicht unbegründet, vermutlich sogar vorfindbar – auf das Konfliktpotenzial zwischen Jungen und Alten ab. Die Gefahr der Hierarchie nicht nur in den sich neu bildenden Gemeinden ist präsent. Mindestens einer will das Sagen haben, die Entscheidung treffen, anordnen – ist das verkehrt? Jeder ist irgendwo, irgendwann und irgendwie gefordert.

Evelyne Dege, Pfarrerin in Ströbeck

Evelyne Dege, Pfarrerin in Ströbeck

Zwischen Funktionsteilung und Demokratie bewegen wir uns auch in der Kirche immer wieder hin und her, sind oft schon zurückgekommen zu der Ansicht: Es ist gut, wenn einer den Hut aufhat. Aber immer wieder leiden Gemeinden und ihre Mitarbeiter, ob haupt- oder ehrenamtlich, unter der Selbstüberschätzung einiger. Treibt das Amt, die Persönlichkeit oder die Gelegenheit dazu? Da kann man nichts machen? Hochmut liegt da ganz nah? Die von Petrus vorgenommene Verteilung der Gottesgnade auf die Demütigen (Wer sind diese? Die Schafe, die sich eben führen lassen?) scheint allerdings zu schubkastenartig.

Ich fokussiere den Moment, der den Mut wendet. Petrus weiß es ja selbst: Begnadete werden ja eigentlich wir alle erst. Dadurch, dass die Gnade auf uns trifft. Einen schönen Sonntag!

Evelyne Dege, Pfarrerin in Ströbeck

So ein seltsames Wort wie Demut

31. August 2014 von redaktionguh  
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
1. Petrus 5, Vers 5

Eine neue Woche beginnt; auch sie wird unter ein Wort aus der Bibel gestellt sein. Zuerst meine Bitte: Lassen Sie einen Moment lang alles beiseite, was Sie gerade beschäftigt und hören Sie sich ein in zeitlose Weisheit, wie sie uns die Bibel schenkt.

Vor Gott verbietet sich Hochmut, denn dann sähen wir uns als den Herrn über unser Leben, all unser Können und Tun wäre nicht Gabe, sondern unser Verdienst. In der Gemeinschaft äußert sich solches Verhalten als Angabe, Arroganz, von oben herabschauen auf andere, und Wut, Neid und Missgunst kann bei denen entstehen, auf die herabgeschaut wird. Wir kennen diese Verhalten alle, mögen sie nicht und sind doch auch in der Gefahr, selbst hochmütig aufzutreten, möglicherweise aus Unsicherheit.

Annemarie Keller, Prädikantin in Erfurt

Annemarie Keller, Prädikantin in Erfurt

Aber wir können auch anders, wir können wählen, nämlich Demut. Demut ist heute kein geläufiges Wort mehr. Und ich gestehe, dass ich zuerst negativ an eine Unterwürfigkeit dachte, die die Würde des Menschen verletzt und die nicht freiwillig geschieht.

Heute verstehe ich Demut als eine Haltung zu einem Gegenüber.

Vor Gott bedeutet es Ehrerbietung, Ergebenheit, Hingabe unter seine Herrschaft und seinen Willen. Das äußert sich aber nicht nur in einem Über-mich-ergehen-Lassen. Daraus entsteht ganz lebendig mein Verhalten zur Schöpfung und den Mitmenschen. Demut vor Menschen und der Schöpfung zeigt sich in achtungsvollem und respektvollem Verhalten und unserem Einsatz, wo immer sie gefährdet sind.

Damals und heute verheißt Demut die Gnade Gottes.

Ich bezeichne es als Gnade, wenn wir dadurch unser Begrenztsein und unsere Bedürftigkeit erkennen. Wir brauchen die Liebe Gottes und die Nähe von Menschen.

Wir können den Mut haben, nicht größer zu tun, als wir sind, aber auch nicht kleiner.

Eine rhetorische Frage am Schluss: Wie werden Sie wählen, wo wollen Sie sich einsetzen?

Annemarie Keller, Prädikantin in Erfurt

Echte Demut ist ein Lebensstil

10. August 2013 von redaktionguh  
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

1. Petrus 5, Vers 5

In Demut macht mir keiner was vor!«, witzelt einer und klingt dabei so arrogant, dass man ihn beim besten Willen nicht für demütig hält (oder ist er es dann gerade?). Mit der Bibel müsste man ihm zurufen, es ruhig zu versuchen: Denn in der Heiligen Schrift gelten Hochmut und Demut nicht als unveränderliche Charaktereigenschaften, sondern als Lebensstile.

Gregor Heidbrink, Pfarrer in Finsterbergen und Altenbergen

Gregor Heidbrink, Pfarrer in Finsterbergen und Altenbergen

Der Hochmut als Lebensstil steht der Gnade im Weg, weil er die Gemeinschaft zerstört. Der Wochenspruch zitiert aus einer alten griechischen Übersetzung des Alten Testaments. Dort steht ein Begriff für Hochmut, der im hebräischen Original viele Facetten hat: Als hochmütig gilt dort zum Beispiel ein Spötter oder wer sich unrechtmäßig bereichert. Hochmut wendet sich nicht nur gegen Gott, sondern auch gegen Menschen.

Demut als Lebensstil dient nicht dazu, uns kleinzumachen, sondern dazu, dass Gott uns großmacht. Darin kann man sich sogar anspornen und muss sich nicht verleugnen. Die nur scheinbare Arroganz des Paulus, wo er von seiner Demut spricht (Apostelgeschichte 20,19), kontrastiert mit der falschen Demut, die bisweilen in der Kirche gepflegt wird: Falsche Demut zeigt sich im krampfhaften Verschweigen von Ambitionen oder im Fischen nach Komplimenten, statt ehrlicher Freude an dem, was einem gelungen ist. Echte Demut ist ein Lebensstil, der die Gemeinschaft aufbaut.

Demut bringt die Gnade zur Entfaltung. Der Mann, der sich vor dem König beugt, kann zum Ritter geschlagen werden. Als Ritter erhebt er sich und tut gut daran, den König weiterhin zu fürchten, bleibt er doch abhängig von seiner Gunst. Das Ziel des Königs ist nicht, dass man vor ihm auf den Knien bleibt. Er möchte, dass man sich erhebt, ritterlich lebt, für das Recht der Schwachen eintritt und Stärke zeigt, wo nötig. Aber nicht für sich, sondern im Namen des Königs. So beruft Gott seine Ritterinnen und Ritter!

Gregor Heidbrink