Wir müssen reden

13. November 2017 von redaktionguh  
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Über die »Ehe für alle« gibt es in der Landeskirche Gesprächsbedarf

Die Ehe ist ein weltlich Ding – und birgt doch eine geistliche Dimension, ganz besonders die im Sommer vom Bundestag beschlossene »Ehe für alle«. Eine kirchliche »Ehe für alle« wollte die Jugend der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands bereits im Frühjahr auf den Weg bringen. Doch dazu kam es nicht. Die Synodalen baten stattdessen um Geduld und beauftragten den Landeskirchenrat, ein Format zu finden, um weiter über die Gleichstellung der Ehe zu sprechen.

Dieser Prozess ist nun in Gang gesetzt, sagte Landesbischöfin Ilse Junkermann. Auch der Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau müsse sich damit beschäftigen, ob dem veränderten staatlichen Gesetz ein verändertes kirchliches Handeln folgt oder nicht. Aktuell liegt die Entscheidung über die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares bei Pfarrer und Gemeinde.

Kern der Debatte ist für Junkermann die unterschiedliche Schriftauslegung und der Umgang damit. Die »Ehe für alle« kann zu einer schweren Gewissensbelastung werden, wenn auch für eine Minderheit. Darf sich eine Mehrheit darüber hinwegsetzen? Wieweit können sich Christen belasten, wo müssen sie akzeptieren, unterschiedlicher Meinung zu sein? Auch die Frage, warum Trauung und »Gottesdienst anlässlich der Eheschließung« unterschieden werden, will die EKM diskutieren.

Die Landesbischöfin betonte: »Ich bin froh, dass es die Segnungen gibt. Ich bin auch froh, dass die rechtliche Gleichstellung in unserer Gesellschaft möglich ist.« Ordnung gibt der Freiheit Raum, zitierte die Bischöfin Martin Luther. Alles andere sei Willkür. »Aber wir sollten andere ernst nehmen, deren Gewissen belastet ist, und das nicht per Mehrheitsbeschluss übergehen«, sagte Junkermann. Die Bischöfin hat die Sorgen jener im Blick, die die Gefahr einer Kirchenspaltung sehen.

Joachim Liebig, Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts, begrüßte die ordnende, rechtliche Klarstellung durch die »Ehe für alle«. Für die Kirche sei es aber nicht nötig, alle staatlichen Beschlüsse geistlich nachzuvollziehen.

Ob homosexuelle Paare gesegnet werden, entscheiden in Anhalt Gemeinde und Pfarrer gemeinsam. Sind sie dazu nicht bereit, ist der Oberpfarrer aufgefordert, eine Lösung zu finden. »Wir hatten bisher, soweit ich sehen kann, einen einzigen Fall. Und da gab es keinen Konflikt«, sagte Liebig. Als Kirchenpräsident sei er sehr zufrieden mit der derzeitigen Situation. Der für Anhalt gefundene Modus trage das neue Gesetz mit. Deshalb rechne er nicht damit, dass sich die Synode in absehbarer Zeit mit dem Thema befassen muss.

In seiner Zeit als Gemeindepfarrer hat Liebig auch Anfragen homosexueller Paare bekommen: »Ich habe das nicht machen können.« Aber es gehöre zur innerkirchlichen Toleranz und Einheit, anders getroffene Entscheidungen von Kirchenältesten und Pfarrern zu akzeptieren. Es sei verheerend, diese Grundsatzfrage als Mittel zur Kirchenspaltung zu verwenden: »Das ist furchtbar. Das ist entsetzlich. Und das darf auf keinen Fall passieren.«

Katja Schmidtke

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Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

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Landesbischöfin: »Die Kirche ist am Ende«

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Podium: Junkermann unterstreicht Notwendigkeit, neue Formen zu erproben

Erreicht Sie unsere Verzweiflung aus den Gemeinden – wir haben kein Personal. Wer soll sich um die Arbeit mit Kindern kümmern?«, brach es aus einer Kirchenältesten heraus. Sie war zu Festandacht und anschließender Podiumsdiskussion »Der Weg der Kirche nach 2017« mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und der Ostbeauftragten Iris Gleicke gekommen, mit der die Torgauer Gemeinde am 5. Oktober der Einweihung der Schlosskapelle durch Martin Luther im Jahr 1544 gedachte.

Die Frauen hatten in Vorträgen skizziert, dass sich Christen und Kirche politisch einmischen dürfen und sollen. Die Landesbischöfin wertete die Erfahrung der Kirchentage auf dem Weg aus, bei denen Menschen vor allem zu den kostenlosen Angeboten unter freiem Himmel kamen. Verkündigung müsse durch alle geschehen, nicht nur durch die Hauptamtlichen, und mit neuen Formen, schlussfolgerte sie.

Wie jedoch soll das Neue – das Herausgehen aus den Kirchen auf die Straßen und Plätze – mit immer weniger Personal gelingen? »Die Kirche ist in der Krise! Luther würde missionieren«, sagte ein Zuhörer. Ein anderer kritisierte, er sei im Gottesdienst nicht als Mitgestalter gefragt.

Weder Staats- noch Volkskirche

»Ja, wir sind am Ende mit unseren Modellen und Vorstellungen, wie Kirche und Gemeinde sein soll. Das ist die Krise der Kirche – seit hundert Jahren. Wir sind nicht mehr Staatskirche und auch nicht mehr Volkskirche«, sagte Ilse Junkermann. Wie sie mit dieser Erkenntnis umgeht, kleidete sie in Fragen: Wie kann es gelingen, dass wir Abschied nehmen von festen Gemeindebildern und neue Formen annehmen? Wie können wir den Blick weiten für das, was da ist? Offenbar möchten Menschen ihre eigenen Ideen umsetzen und nach dem Ende eines Projekts gehen können, sagte sie. »Wir brauchen neue Ideen, auch wenn es Eintagsfliegen sind«, warb sie für Mut zum Ausprobieren. Begeistert ist die Landesbischöfin vom Theaterstück »HerrInnen Käthe«, das Torgauer Gymnasiasten schrieben und aufführten. Es zeige die Gleichwertigkeit aller Menschen. Auf die Frage, wie viele der Jugendlichen konfirmiert seien, erwiderte sie trocken: »Sehen Sie, das ist Ihr altes Gemeindebild.«

Die Kirche befinde sich in einem ähnlich umwälzenden Prozess wie zur Reformationszeit. Kirche und Gemeinde müssten viel mehr von dem her gestaltet werden, was da ist und nicht nach Wunschbildern, wie es sein sollte. »Sendung ist ein offener Prozess«, sagte die Landesbischöfin in zweifelnde Gesichter.

Renate Wähnelt

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Durchgehend geöffnet

4. September 2017 von redaktionguh  
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St. Nikolai in Glindenberg an der Elbe gehört seit drei Monaten zu den »Offenen Kirchen«

Ihre Kirche«, heißt es auf der Homepage der Glindenberger Kirchengemeinde. »Für Sie geöffnet« steht auf dem Schild, das am Hauptportal von St. Nikolai zum Besuch einlädt. Es ist ein warmes Willkommen, das offenbart: Dies ist Gottes Haus und die Öffnungszeiten bestimmt er.

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Die Kirche in der Gemeinde im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine jener offenen Kirchen, für die Landesbischöfin Ilse Junkermann als größtes Vorhaben der EKM im Reformationsjahr wirbt. Dem Kirchenältesten Dieter Lomberg ist die Initiative nicht fremd: Als Präses der Landessynode nahm er viele Gedanken aus den EKM-Gremien auf. Sein Vorstoß kam in der Gemeinde gut an. »Ob wir es uns trauen können, die Kirche gar nicht mehr zu verschließen, war schon eine Frage«, blickt Dieter Lomberg zurück. Jeden Tag Aufsichtspersonal und Schließdienst zu organisieren – dafür fühlte sich die Gemeinde mit ihren 160 Gliedern nicht stark genug. Aber man entschloss sich, das Experiment zu wagen mit der Option, »zuzuschließen, falls es gar nicht geht«.

Es geht – das ist das Fazit der ersten drei Monate. Kein Dreck, kein Vandalismus, kein Diebstahl. Die Altarleuchter aus Metall wurden jedoch gegen Exem­plare aus Holz ausgetauscht; nicht minder schick, wie Lomberg versichert. Relativ schnell fanden sich Einträge im Gästebuch und wenn der Kirchenälteste alle paar Tage die Kirche besucht, fallen ihm die abgebrannten Teelichter auf. »Unsere Kirche liegt am Elberadweg, da machen Radtouristen Halt«, hat er beobachtet. Aber auch Einheimische kommen und Menschen, die die Region verlassen haben, aber für ein Klassentreffen zurückkommen oder zur Erinnerung an die Großmutter. Die Bläser nutzen die Kirche inzwischen zum inidviduellen Üben.

Dieter Lomberg will andere Gemeinden ermutigen, zumindest über die Öffnung nachzudenken. Eine pauschale Empfehlung spricht er nicht aus. »Das kann nur individuell entschieden werden«, sagt er. Die Initiative birgt für den Synodenpräses eine große Chance. »Kirchen sind geschützte Räume; Menschen dürfen sich hier angenommen fühlen, egal ob sie an Gott glauben. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich zu DDR-Zeiten viele verschiedene Menschen unter dem Dach der Kirche versammelt haben«, sagt Lomberg. Dass es ein Bedürfnis nach Religion gibt, lasse sich ablesen am Boom esoterischer und spiritueller Angebote. Da sei es gut, wenn die Kirche einlade. »Es ist ein Risiko, aber ein positives, wenn Menschen zu uns kommen, mit einem anderen Verständnis, auch mit Forderungen. Gott sagt: Kommt zu mir, und an uns gerichtet: Gehet hin!« Die offene Tür zeigt einen Weg.

Katja Schmidtke

Offenheit braucht Zeit

1. September 2017 von redaktionguh  
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Das große Ziel: 95 Prozent der Kirchen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sollen im Reformationsjahr offen sein, so der Wunsch der Kirchenleitung. Was ist daraus geworden?

Mehr als 4 000 Kirchen gibt es in der EKM. Und all diese Gotteshäuser sollten innerhalb des Reformationsjubiläumsjahres zu offenen Kirchen werden. So die Idee der Landeskirche. »Das Ziel, was ich angegeben habe – 95 Prozent geöffnete Kirchen Ende 2017 –, werden wir bestimmt nicht erreichen«, stellt Landesbischöfin Ilse Junkermann heute fest. Ein Fazit, das für viele Begleiter der Ini­tiative »Offene Kirchen« ernüchternd ist. Dennoch glaubt Junkermann, dass in den vergangenen Monaten ein Stein ins Rollen gekommen ist, der – auch wenn es längere Zeit brauchen wird – doch ins Ziel treffen werde. Die Zahl 95 ist für Junkermann vor allem eine symbolische: »Sie steht dafür zu sagen, dass die Mehrheit geöffnet ist«, erklärt Junkermann. Nach der neuesten Erhebung sind derzeit 1 000 Gottes­häuser in der EKM »offene Kirchen«. »Laut der Umfrage, die wir vor einem Jahr gemacht haben, waren zwölf Prozent der Kirchen geöffnet. Heute sind es mit 1 000 ein Viertel. Das bedeutet eine Verdopplung«, so Junkermann. Bis heute, so glaubt die Landesbischöfin, habe sich in den Gemeinden viel verändert, denn das Herumdrehen des Schlüssels und das Öffnen der Türen sei nicht nur ein äußerer Vorgang. Ihm entspreche eine innere Haltung, betont die Landesbischöfin.

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen.  Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin  Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen. Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Das Thema »Offene Kirchen«, so der Wunsch der Kirchenleitung, solle alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in der EKM beschäftigen. Was heißt überhaupt »offene Kirche«? Dafür haben die Kirchengemeinden unterschiedliche Antworten gefunden. Die einen öffnen 24 Stunden, andere nur im Sommer, wieder andere nur von Donnerstag bis Sonntag. Die gängige Praxis ist mit zahlreichen Kirchenältesten diskutiert worden. Denn die Kirche öffnen zu wollen, wirft praktische Fragen auf: Wer soll öffnen und wie oft? Was geschieht mit der kostbaren Ausstattung? Was passiert im Schadensfall?

Viele Gemeindeglieder hatten und haben Bedenken. Das weiß auch die Landesbischöfin. Vor allem die Befürchtung, in der Kirche könnte etwas gestohlen oder beschädigt werden, kennt sie. »Man muss Ängste ernst nehmen, man kann sie nicht zerstreuen. Es gibt die Möglichkeit einer Versicherung, auch wenn eine Entschädigung wertvolles Kunstgut nicht ersetzen kann.« Laut Junkermann wurden in der EKM in den vergangenen acht Monaten 160 Versicherungen für offene Kirchen abgeschlossen. Vandalismus und Zerstörung seien sicher schlimm, dennoch solle man sich in den Kirchengemeinden mit der Frage auseinandersetzen, was wichtiger sei: »die Botschaft und die Offenheit für andere oder unser Besitz, unser Haben?«

Mit der Botschaft Jesu Christi und geöffneten Kirchen ein Willkommensangebot auch an die senden, die bisher nicht den Weg in eine Kirche gefunden haben, das war und ist die Idee hinter den »offenen Kirchen«. Ausgangspunkt dabei sei das starke Bedürfnis vieler, in einem Kirchenraum still zu werden, innezuhalten und in dieser besonderen Atmosphäre den Weg zu sich und zu Gott zu suchen. Dieses Bedürfnis hätten Gläubige wie Nichtgläubige, ist sich die Landesbischöfin sicher. Und während Kirchenmitglieder in der Regel wüssten, wo und wie sie mit Gott in Verbindung treten könnten, kann der freie Zutritt zu einer Kirche eine Brücke für Kirchenferne sein.

Die Landesbischöfin bekräftigt: »Die Botschaft einer verschlossenen Tür kommt an. Ich denke, dass sich viele Kirchenälteste dessen gar nicht bewusst sind, dass es sich hier um eine negative Botschaft handelt.« Die Kirchen öffnen und mit niederschwelligen Angeboten die Menschen einladen, das müsse das Ziel für die Zukunft sein. In diesem Jahr sei aber auch die Erkenntnis gewachsen, dass dieses Ziel nicht in kurzer Zeit erreichbar sein wird.

Diana Steinbauer

www.ekmd.de/service/offenekirchen

Eine der aktivsten Kirchen

11. Juli 2017 von redaktionguh  
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Prominentes Mitglied: Barack Obama gehörte einer UCC-Gemeinde in Chicago an

Bei Kundgebungen in den USA gegen Maßnahmen und Vorhaben des republikanischen Präsidenten Donald Trump stehen die Chancen gut, dass man früher oder später auf Mitglieder einer UCC-Gemeinde trifft. Die 1957 durch den Zusammenschluss evangelisch-reformierter und kongregationalistischer Kirchen gegründete United Church of Christ (UCC), die Vereinigte Kirche Christi, gilt als eine der politisch und bürgerrechtlich »aktivsten« Kirchen der USA.

Die Kirche habe den Auftrag, »Leben zu verändern – im individuellen Bereich, in Systemen und weltweit«, heißt es in einem kirchlichen Grundsatzpapier. »Wir verpflichten uns zur Arbeit für Gerechtigkeit.« Bereits 1972 hat eine UCC-Gemeinde einen sich offen zu seiner Homosexualität bekennenden Pastor geweiht. 2005 sprach sich die Kirche für gleichgeschlechtliche Ehen aus.

Mitteldt-2017-27Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann, war zu Gast bei der UCC-Generalsynode in Baltimore im Bundesstaat Maryland. Die UCC ist seit 1980 Partnerkirche der Evangelischen Kirche der Union in Deutschland. Partnerkonferenz der EKM in der UCC ist die Central Atlantic Conference an der US-Ostküste im Raum Baltimore.

Auf der Tagesordnung stand ein Resolutionsentwurf, die UCC zu einer Willkommenskirche für Flüchtlinge und Migranten zu erklären. Ein weiterer Entwurf betonte das Engagement zur Bewahrung der Schöpfung. Noch nie hätten sich der Planet und das Klima so rapide verändert. Gläubige müssten »kühn und mutig« handeln, um die »größte moralische Herausforderung« der Weltgeschichte anzugehen.

Rückblick zur Generalsynode von Juni 2007, damals in Hartford in Connecticut: Ein Synodenredner sagte, Glaube sei für ihn eine »mächtige Motivationskraft«. Die Kirche sei auf dem »Weg, Werte ins politische Leben einzubringen«. Der Mann am Mikrofon hieß Barack Obama; er war ein junger Senator aus Illinois, der mehrere Monate zuvor angekündigt hatte, er kandidiere für das Amt des Präsidenten der USA.

Obama war Mitglied der Dreifaltigkeits-UCC-Gemeinde in Chicago. Zuvor sei er bei der Glaubensfrage Skeptiker gewesen, doch diese Gemeinde und deren Pastor hätten ihn zu Jesus Christus geführt. »Als ich unter dem Kreuz kniete, hörte ich, wie mich der Geist Gottes ansprach. Ich habe mich seinem Willen ausgeliefert.« So hat Barack Obama seine Glaubensentscheidung beschrieben.

Protestantische Kirchen in den USA kämpfen seit Jahrzehnten mit sinkenden Mitgliedszahlen. 1960 hatte die UCC 8 184 Gemeinden und 2,2 Millionen Mitglieder. Im Jahr 2016 waren es nach Kirchenangaben 5 032 Gemeinden und 914 000 Mitglieder. Mitgliedsschwund betrifft liberal eingestellte Kirchen, aber auch konservative. So verliert der konservative Südliche Baptistenverband, die größte protestantische Kirche, seit zehn Jahren kontinuierlich Mitglieder.

Stark gewachsen hingegen ist nach Angaben des Public Religion Research Institute in Washington der Anteil der Menschen ohne religiöse Bindung – von 7 Prozent im Jahr 1974 auf 25 Prozent im Jahr 2016. 39 Prozent der 18- bis 29-Jährigen hätten keine religiösen Bindungen.

Konrad Ege

www.ucc.org

»Ich hänge nicht an Zahlen«

12. Juni 2017 von redaktionguh  
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Gesprächsbedarf: Im Reformationsjahr jagt ein Ereignis das nächste. Die Landesbischöfin der Lutherländer muss da allgegenwärtig sein. Für ein Gespräch mit Renate Wähnelt von der Kirchenzeitung hat Ilse Junkermann noch einen Termin im vollen Kalender freigeräumt.

Reformation geht weiter – so heißt der Slogan der EKM. Welche nachhaltigen Effekte erhoffen Sie sich vom Reformationsjahr und wo werden für Sie bereits Auswirkungen für die Kirchengemeinden sichtbar?
Junkermann:
Viele Gemeinden und Kirchenkreise haben wunderbare Ausstellungen, Theaterstücke und vieles mehr über ihre örtliche Reformationsgeschichte geschaffen. Zahlreiche Gäste sind gekommen, sodass viele ihren Ort mit den Augen der Gäste sehen lernen und stolz auf ihre Geschichte sind. Bei der Vorbereitung der Kirchentage haben sehr unterschiedliche Menschen zusammengearbeitet.

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Ich bin sicher, dabei sind viele Fäden aus der Kirche heraus in die Gesellschaft, in das Gemeinwesen vor Ort hinein, gesponnen worden. Diese Entwicklung kann sich als nachhaltig erweisen. Und ich hoffe, dass wir sprachfähig werden im Glauben. Dass ich sagen kann, was Glauben mir bedeutet und mit mir macht.

Denken Sie, dass so der Mitgliederschwund gestoppt werden kann? Die Mitgliederzahlen in der EKM sind seit der Fusion von 1,1 Millionen auf 750 000 zurückgegangen. Finden Sie sich damit ab?
Junkermann:
Propst Kasparick hat immer wieder betont, dass wir nicht weniger werden, sondern mehr. Er hatte recht. Allerdings nicht mehr Mitglieder und Kirchensteuerzahler. Doch mehr Menschen kommen zu uns und arbeiten mit, in den Chören, bei der Flüchtlingsarbeit, an den Tafeln. Dort wird gemeinsam Christsein gelebt – auch von vielen ohne Kirchenmitgliedschaft. Das stellt uns vor die Frage, ob wir uns in erster Linie als einen Verein mit zahlenden Mitgliedern verstehen. Oder ob es vorrangig ist, Menschen auf dem Weg zu Glauben und Gemeinde zu begleiten, gemeinsam mit ihnen auf dem Weg zu sein.

Das klingt grundsätzlich. Was bedeutet es denn?
Junkermann:
Es ist grundsätzlich. Wir sind seit bald einem Jahrhundert in einem Transformationsprozess weg von der Staatskirche. In der DDR gab es eine Entwicklung zur Verkündigungskirche und Kirche als Lerngemeinschaft, die mit der Wende erst einmal ein vorläufiges Ende gefunden hat. Jetzt sollten wir wieder daran anknüpfen.

Christsein ohne Kirchenmitgliedschaft bedeutet, dass sich Kirche sehr verändern muss.
Junkermann:
Ja! Der »Apparat Kirche« hat sich schon mit der Fusion zur EKM geändert. Wir müssen uns weiter über eine Vereinfachung der Verwaltung Gedanken machen. Im Bischofskonvent und im Landeskirchenrat diskutieren wir, ob es wirklich nötig ist, Diakoniemitarbeitern und Lehrkräften zu kündigen, wenn sie nach einer gewissen Zeit ihre Loyalität nicht durch die Taufe »beweisen« wollen. Und: Ich bin froh über die Erprobungsräume für eine andere Gemeindearbeit. Wir müssen mehr schauen, was wir weglassen können, und stärker die Gaben nutzen, die in den Gemeinden vorhanden sind.

Das hört sich so an, dass es die Ehrenamtlichen richten sollen. Gemeinden und Kirchenkreise empfinden, dass »die da oben« entscheiden.
Junkermann:
Da hat sich doch bereits viel verändert durch die Gestaltungsmöglichkeiten der Kirchenkreise bei der Finanz- und Stellenplanung. Und ja, die Lektoren und Prädikanten sind ein großer Schatz für das gottesdienstliche Leben. Doch grundsätzlich steht an, dass wir Abschied nehmen von festen Bildern, wie Gemeinde sein muss. Das macht den Blick frei, darauf, welche Schätze und Gaben in einer Gemeinde sind, was konkret vor Ort als Aufgabe für Zeugnis und Dienst vor den Füßen liegt und mit wem – auch mit Nichtmitgliedern – so Gemeinde gebaut werden kann.

In den Gemeinden werden die Seelsorger vermisst. Kommt das bei Ihnen an?
Junkermann:
Bei mir kommt ein großer Schmerz an, was nicht oder nicht mehr geht. Ich spüre eine große Sehnsucht nach Trost und Zuspruch. Wir sind mitten in einer Entwicklung, die mit Trauer verbunden ist. Doch wie trauert eine Organisation, wie gestalten und begleiten wir diesen Trauerprozess? Da ist im Unterschied zur individuellen Trauer noch fast nichts erforscht.

Aus der Seelsorge wissen wir, Kraft zu Neuem wächst daraus, dass ich Trauer zulasse, mit all ihren Begleiterscheinungen, auch der Wut und dem Schmerz. Und dass mir dabei jemand zur Seite steht und zuhört. Ich fürchte, das ist bei allen noch nicht genügend im Blick, dass das zuerst dran ist. Das brauchen wir für den Bewusstseinswandel, dass Kirche und Gemeinde nicht dort sind, wo der Pfarrer ist. Gemeinde ist da, wo ich als Christ mit anderen Christen bin. Wichtig ist doch, dass Gottes Wort in der Gemeinde lebendig ist. Die Form ist völlig offen.

Sie ermutigen also die Gemeinden, einfach zu tun, was sie für nötig halten.
Junkermann:
Bei Konventen wird häufig gefragt, was ausprobiert werden darf. Im Prinzip alles. Ich will mit den Ordinierten der letzten Jahre im Herbst Rückschau halten, welche Ideen sie haben umsetzen können und warum oder warum nicht.

Neben Ihrer Ermutigung steht Ihre Forderung, die Kirchen offen zu halten. Was ist aus der Aktion geworden – zählen Sie die offenen Kirchen?
Junkermann:
Ich hänge nicht an Zahlen. In vielen Gemeindekirchenräten wird über die Kirchenöffnung diskutiert. Es hat ein Nachdenken eingesetzt, was wir mit geschlossenen und mit offenen Kirchen verkündigen. Aber auch hier gilt, dass jede Gemeinde verantwortungsvoll entscheiden muss, was für sie wichtig und sinnvoll ist. Und damit meine ich sowohl die Kirchen- als auch die Ortsgemeinde, denn so manches Nichtmitglied freut sich über die Chance zum Innehalten oder neugierigen Schauen, wenn es keine Angst vor einer Blamage wegen vermeintlich falschem Verhalten gibt. Die Aktion ist keine Verordnung, sie hat einen
Prozess in Gang gesetzt.

Die allgemein schwindende Bindung an die Kirche …
Junkermann:
… ist übrigens ein seit dem 19. Jahrhundert stattfindender Prozess, unter anderem weil die Kirche sich zu wenig auf das Arbeitermilieu eingestellt hat …

… und wird begleitet von Austritten namhafter Menschen wie Professor Wulf Bennert, engagierter Christ seit sechs Jahrzehnten. Sein Schritt bewegte viele Menschen, wie Leserbriefe zeigen. Warum sind Sie auf seinen Brief nicht eingegangen, gab es ein Gesprächsangebot Ihrerseits?
Junkermann:
Er hat mir seinen Austritt mitgeteilt. Es ist schwer zu sprechen, wenn der Schritt bereits vollzogen ist. Professor Bennert hat auch nicht um ein Gespräch gebeten. Ich bedauere seinen Schritt, und ich bedauere, dass er den Gesprächsfaden gekappt hat. Ich habe auf seine Mitteilung auch geantwortet.

Der Umgang mit der AfD spaltet Gemeinden. Berlins Bischof Markus Dröge hält die AfD für Christen nicht wählbar. Wie stehen Sie dazu?
Junkermann:
Die AfD ist zum Teil undurchsichtig und rätselhaft, sodass ich als Wählerin nicht weiß, was ich wirklich wähle. Doch das, was ich weiß, widerspricht meinen christlichen Überzeugungen und lässt mich abraten, die AfD zu wählen. Wer sie wählt, wählt zum Beispiel einen erschreckend undemokratischen Leitungsstil wie in Sachsen-Anhalt oder einen Björn Höcke mit, der offen die Verachtung fremder Menschen propagiert. Das ist mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Grundsätzlich gebe ich jedoch keine Wahlempfehlung, sondern ermutige, überhaupt zu wählen.

Wie gehen Sie mit AfD-Mitgliedern in den Kirchengemeinden und in Gemeindekirchenräten um? Haben Sie Kenntnis von Problemen in Gemeinden?
Junkermann:
Es ist die Frage, wie wir beieinander sind mit unterschiedlichen politischen Einschätzungen. Wir wollen die Vielfalt bewahren und auch bei unterschiedlichen Überzeugungen im Gespräch bleiben. Das unterscheidet uns von einer Partei. Wir sind offen für alle, aber nicht offen für alles. Wo die Ebenbildlichkeit infrage gestellt wird, wo mit Hass gesprochen wird, dort ist eine Grenze. Wir grenzen nicht Menschen aus, aber Auffassungen, die mit dem Evangelium unvereinbar sind. In den Gemeinden soll eine Atmosphäre herrschen, in der Ängste und Sorgen geäußert werden dürfen, ohne eine Verurteilung fürchten zu müssen, wo aber das Recht und die Würde von anderen nicht in Frage gestellt werden.

Ideen aus den Kirchenkreisen

22. Mai 2017 von redaktionguh  
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Bugenhagenhaus: EKM auf der »Weltausstellung Reformation«

Mit Ausstellungen, Vorträgen und Filmvorführungen ist auch die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands auf der »Weltausstellung Reformation« präsent. Vom
20. Mai bis 10. September sind Kirchenkreise und Werke der EKM Teil des Reformationssommers, sagte Adelheid Ebel vom EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum in Wittenberg. Im Bugenhagenhaus neben der Stadtkirche stellt sich die Landeskirche vor.

»Die Idee eines Ausstellungsorts für die EKM geht auf Propst Siegfried Kasparick zurück«, erinnert Adelheid Ebel an den im vergangenen Jahr verstorbenen Ökumene- und Reformationsbeauftragten der mitteldeutschen Landeskirche. Gemeinsam mit Christiane Schulz, Leiterin der landeskirchlichen Geschäftsstelle für die Lutherdekade, hat Adelheid Ebel diese Idee umgesetzt. Das Programm ist angelehnt an die 16 Themenwochen der »Weltausstellung Reformation«, die mittwochs beginnen und bis Montag dauern; dienstags ist die Weltausstellung geschlossen.

Adelheid Ebel, EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum im Bugenhagenhaus. Foto: Thomas Klitzsch

Adelheid Ebel, EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum im Bugenhagenhaus. Foto: Thomas Klitzsch

Den Auftakt in der Festwoche vom 20. bis 29. Mai macht die von Landesbischöfin Ilse Junkermann zum Reformationsjubiläum angestoßene Initiative »Offene Kirche« sowie das Querdenker-Projekt von Kirche und Internationaler Bauausstellung in Thüringen. In der sich anschließenden Europa-Woche rücken die Beziehungen der EKM zu ihren europäischen Partnern in den Fokus. In der Ökumene-Woche ab 7. Juni präsentiert sich das Lothar-Kreyssig-Ökumene-Zen­trum, und der Kirchenkreis Bad Liebenwerda wird schildern, wie Ökumene im Elbe-Elster-Land gelebt wird. Mitte August heißt die Themenwoche »Bibel und Bild«: Dann werden im Bugenhagenhaus der Kirchenkreis Weimar mit seiner Kinderbibel, die Kunstgutbeauftragte der EKM und die Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut in der Kirchenprovinz Sachsen das Programm gestalten. In den Blick genommen werden dabei Kinderbilder des Reformationszeitalters.

Auch die Evangelischen Frauen, die Evangelische Erwachsenenbildung, die Schulstiftung, viele Kirchenkreise aus Nord und Süd sowie die Erprobungsräume stellen sich im Verlauf der Weltausstellung im Bugenhagenhaus vor. »Die vielen Ideen zeugen von der Fülle unserer Landeskirche«, freut sich Adelheid Ebel über die Vielfalt der kommenden Wochen.

Katja Schmidtke

Schmuckstück in Blau: Die Kirche von Dobraschütz

24. April 2017 von redaktionguh  
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Barockes Kleinod am Lutherweg erstrahlt wieder in voller Schönheit

Von der Erschließung des Lutherweges können neben den touristischen Zentren auch die ländlichen Regionen profitieren. Ein Beispiel dafür ist Dobraschütz im Kirchenkreis Altenburger Land. Immer öfter finden Besuchergruppen und Wanderer den Weg in den 50-Seelen-Ort. Der Lutherweg führt an der kleinen Barockkirche vorbei, auf die die Dorfbewohner besonders stolz sind. Innerhalb von fünf Jahren ist ihnen das scheinbar Unmögliche gelungen: die Komplettsanierung des 1752 erbauten Gotteshauses. Nach der Restaurierung des Innenraumes erstrahlt nun auch das äußere Antlitz in hellen, freundlichen Farben.

Blaues Wunder: Der Innenraum der Kirche in Dobraschütz ist mit Malereien im Stil des Bauernbarock verziert. Foto: Ilka Jost

Blaues Wunder: Der Innenraum der Kirche in Dobraschütz ist mit Malereien im Stil des Bauernbarock verziert. Foto: Ilka Jost

Wer durch das Portal schreitet, kommt ins Staunen. Die gesamte Ausstattung, bis ins kleinste Detail, ist in erfrischendem Blau gehalten. Wohin das Auge reicht, finden sich Malereien in Form von Engeln, Blumengebinden, Ornamenten und Bibelsprüchen im Stile des Bauernbarocks, die so in der Region einzigartig sind. »Glücklicherweise war alles im Originalzustand erhalten, als 2011 mit den Arbeiten begonnen wurde. Die letzte Restaurierung des Innenraums ist ziemlich genau einhundert Jahre her, und an der Decke und dem Inventar hatte nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch der Holzwurm genagt. An einigen Stellen waren die Malereien nur noch zu erahnen«, berichtet Ralf Neuber, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates.

Rund 189 000 Euro flossen in das Bauprojekt. Um den Eigenanteil von ca. 43 000 Euro stemmen zu können, startete die kleine Kirchengemeinde außergewöhnliche Spendenaktionen. So wurden Patenschaften für die Neuvergoldung der 126 Sterne an der Decke abgeschlossen, Benefizkonzerte veranstaltet und viele Arbeiten in Eigenleistungen erbracht. Beachtlich war der Einsatz von Karl Jungbeck, Inhaber der Altenburger Senffabrik, der mit einem befreundeten Orgelbaumeister die Orgelsanierung selbst in die Hand nahm.

Belohnt wurde all das Engagement mit einer Förderung durch die Stiftungen Denkmalschutz und Kirchenbau (KiBa) und Auszeichnungen mit dem Denkmalschutzpreis des Altenburger Landes 2013 und dem Thüringer Denkmalschutzpreis 2014. Auch Landeskirche, Kirchenkreis und viele Einzelspender unterstützten das Vorhaben.

Eine Gelegenheit, das »Schmuckstück in Blau« in Augenschein zu nehmen, bietet das Kirchen- und Dorffest am 27. Mai.

Ilka Jost


Torgau baut Brücken

Europäischer Stationenweg: Der Truck macht Halt in der Stadt an der Elbe

Vor einem halben Jahr startete der 33 Tonnen schwere himmelblaue Truck der evangelischen Kirche seine Reise durch 67 Städte in 19 Ländern Europas. Inzwischen ist er beladen mit vielen Geschichten rund um die Reformation und mit ganz persönlichen Glaubenserfahrungen. Der internationalen Bedeutung der Reformation nachzuspüren und ein Band zu knüpfen, sind die Ziele des »Europäischen Stationenwegs«, einem der zentralen Projekte zum Reformationsjubiläum. Nun macht der Truck zum ersten Mal seit seinem Start Halt auf dem Gebiet der EKM.

Schloss Hartenfels: politisches Zentrum der Reformation. Foto: Katja Schmidtke

Schloss Hartenfels: politisches Zentrum der Reformation. Foto: Katja Schmidtke

In Torgau wird das begehbare Multimediamobil am 25. April auf dem Marktplatz erwartet. Ab 10 Uhr steht es für Neugierige offen. Die Stadt an der Elbe stellt den Tag passend dazu unter den Titel »Torgau baut Brücken. Reformation – Begegnung – Gegenwart«. Mit kulturellen Beiträgen soll eine Brücke geschlagen werden von der Reformationszeit über die historische Begegnung amerikanischer und russischer Truppen am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 bis ins Heute. Im Fokus steht die Frage nach verbindenden Werten zwischen Völkern und Religionen. Alle Stadtbewohner, Gäste und Touristen sind herzlich eingeladen, den Reformationstruck auf dem Marktplatz zu besuchen und eigene Beiträge – aufgezeichnet von Videokameras – im Inneren des Trucks zu hinterlassen.

Übrigens nicht zur symbolisch, sondern auch wortwörtlich werden in Torgau am 25. April Brücken gebaut. Zu erleben ist der Bau einer Holzbrücke durch Schüler ab 15 Uhr auf dem Markt. Grußworte sprechen Jürgen Schilling, Mitarbeiter im Projektbüro Reformprozess der EKD, und Torgaus Oberbürgermeisterin Romina Barth.

Später erinnert Torgau an die historische Begegnung US-amerikanischer und sowjetischer Armeeeinheiten auf der zerstörten Elbbrücke bei Torgau am 25. April 1945. Dort besiegelten sie symbolisch das nahe Ende des Hitler-Regimes. Daran erinnert die Stadt jährlich mit dem »Elbe Day«. Die Gedenkveranstaltung am Denkmal der Begegnung beginnt 16 Uhr. Unter den Rednern ist auch Superintendent Mathias Imbusch. Der Tag endet mit einer Festveranstaltung im Rathaus (17 Uhr), hier spricht Landesbischöfin Ilse Junkermann über das Brückenbauen.

Wer bereits am Vormittag Zeit hat, ist eingeladen in die Kulturbastion, Straße der Jugend 14b. Dort öffnet von 10 bis 11.30 Uhr das Erzählcafé, in dem es um das »Ankommen in Torgau 1945 bis 2017« geht. Zeitzeugen sind mit Schülern des Johann-Walter-Gymnasiums im Gespräch.

Nächste Station auf dem »Europäischen Stationenweg« nach Torgau ist die Bundeshauptstadt Berlin, Gastgeberin des Kirchentags. Das blaue Geschichtenmobil tourt knapp vier Wochen weiter durch das Land und macht unter anderem Halt in Eisenach (5. Mai) und Bernburg (18. Mai), bevor es am 20. Mai in der Lutherstadt Wittenberg ankommt und dort die »Weltausstellung Reformation« eröffnet.

(G+H)


Osterwort

15. April 2017 von redaktionguh  
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Aus dem Dunkel kommen sie, Maria von Magdala und die andere Maria. Wie ein Leichentuch liegt dieses Dunkel über ihnen, seit Jesus gekreuzigt wurde und gestorben ist. Erstarrt in Schreck und Trauer sind sie. Sie können nicht fassen, dass alles zu Ende sein soll, sein Leben und ihr Leben mit ihm.

Zwei von ihnen machen sich auf den Weg. Sie waren mit den anderen Jüngerinnen in Jesu Nähe geblieben – auch als er gekreuzigt wurde, auch als er starb, auch als er begraben wurde. Die Jünger flohen, einzig die Frauen waren geblieben. Während die Männer noch im Dunkel ihres Versagens, ihrer Scham und ihrer Angst verharren, machen die Frauen sich schon auf den Weg. Die Liebe zu ihm setzt sie in Bewegung. Noch einmal wollen sie ihn berühren. Den Geruch des Todes wollen sie von ihm nehmen mit wohlriechenden Ölen.

Als sie zum Grab kommen, gerät die Welt aus ihren Fugen. Die Erde bebt. Ein Engel erscheint. Die Wächter erstarren vor Angst und Furcht. Und die Frauen? Der Engel schickt sie auf den Weg, die frohe Botschaft zu verkündigen: Der Gekreuzigte ist auferstanden! Ostern setzt in Bewegung und lässt herauskommen aus dem Dunkel von Leid und Not, Versagen und Schuld.

Ostern sendet uns auf den Weg des Lebens, hin zu Menschen, denen es übel ergeht: hin zu Kranken, Flüchtlingen, Kindern in Armut, Obdachlosen. Ostern lässt wider alle Vernunft hoffen, dass das Leben stärker ist als der Tod. Frohe, bewegte Ostern wünsche ich Ihnen allen!

Ihre Landesbischöfin
Ilse Junkermann

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