Angriffe nicht angemessen

12. Februar 2018 von redaktionguh  
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Landesbischöfin nimmt Landeskirchenrat in Schutz

Nach der persönlichen Erklärung des Stendaler Superintendenten Michael Kleemann zur verweigerten Verlängerung der Amtszeit der Landesbischöfin äußert sich Ilse Junkermann jetzt in einem Statement. Darin bekräftigt sie noch einmal, dass sie »die Entscheidung des Landeskirchenrats voll und ganz respektiere«. Der Landeskirchenrat (LKR) habe im Rahmen des Bischofswahlgesetztes gehandelt, so Junkermann. Darin steht, dass die Amtszeit bis zu fünf Jahre vor Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze einmalig um bis zu fünf Jahre verlängert werden kann. Dazu muss der Landeskirchenrat mit Zustimmung der Landesbischöfin einen entsprechenden Antrag an die Landessynode stellen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann  bei der Herbstsynode in Erfurt. Foto: Willi Wild

Landesbischöfin Ilse Junkermann bei der Herbstsynode in Erfurt. Foto: Willi Wild

In ihrer Stellungnahme verteidigt Junkermann den Landeskirchenrat gegen öffentliche Kritik. Sie halte die Angriffe weder für angemessen noch für begründet, so die Landesbischöfin, die dem Leitungsgremium vorsteht. »Dass Personalberatungen der Vertraulichkeit unterliegen, legt zugleich allen Beteiligten eine Last auf, die Last, dass die Beratungen und Entscheidungen von außen nur sehr begrenzt nachvollziehbar sind. Dies kann verständlicherweise manche Phantasien und Mutmaßungen befördern«, so Junkermann weiter.

Von Anfang an sei ihr bewusst gewesen, dass das Amt für eine befristete Zeit übertragen worden sei. »Ich selbst habe auf eine Beratung und Entscheidung, wie sie das bereits zitierte Gesetz vorsieht, großen Wert gelegt – gerade auch angesichts der Möglichkeit, dass der LKR sich gegen einen Antrag auf Amtszeitverlängerung aussprechen kann. Niemand hat mich mit diesem regulären Vorgang ›ins Messer laufen‹ lassen.« Sie habe auch von den Aspekten der Beratungen, die vor der Entscheidung in geheimer Abstimmung zusammengetragen worden seien, Kenntnis erhalten. Es liege in der Natur der Sache, so die Bischöfin weiter, dass nicht alle Gründe für sie nachvollziehbar seien.

»Besonders gefreut habe ich mich über die ausdrückliche Erklärung und Bitte des Landeskirchenrats um eine gute und konstruktive Zusammenarbeit bis zum Ende meiner Amtszeit im Sommer 2019.« Sie sei zuversichtlich, dass das auch gelinge.

Zur Kritik Kleemanns an der Form der Veröffentlichung der Entscheidung des Landeskirchenrats will sich die Landesbischöfin nicht öffentlich äußern. Das brauche eine interne Klärung, teilte sie mit.

(G+H)

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Wir bekommen ein Kind

22. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Weihnachtsbetrachtung von Landesbischöfin Ilse Junkermann

Ein Krippenspiel ohne Kind, das geht gar nicht! Zur Generalprobe stapft die siebenjährige Maria mit ihrer großen Babypuppe unterm Arm nach vorn und legt sie beherzt in die Krippe. Da treten alle theologischen Einwände von wegen Licht als Symbol für das Kind in den Hintergrund. Ob wir wollen oder nicht: Wir bekommen ein Kind. Das ist Weihnachten. Das sollen auch alle sehen!

Aber warum ein Kind? In der Geschichte von Dietrich Mendt »Die Erfindung der Weihnachtsfreude« kommt Gott Vater nebst Thronrat und Erzengeln zu dem Schluss: Der Messias soll weder ein machtvoller König noch ein markanter Prophet sein. Ein Kind soll er sein, denn über ein Kind, da freuen sich die Menschen richtig!

Altarretabel Kirche St. Jakobus, Rottenbach, Saalfelder Werkstatt 1498, Detail Christuskind (Evangelische Kirchengemeinde Königsee-Rottenbach, Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) Foto: Ulrich Kneise

Altarretabel Kirche St. Jakobus, Rottenbach, Saalfelder Werkstatt 1498, Detail Christuskind (Evangelische Kirchengemeinde Königsee-Rottenbach, Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) Foto: Ulrich Kneise

Ein ganz normales Kind und zugleich ein besonderes Kind, denn sein Vater ist Gott. Das ist das Geheimnis von Weihnachten, Gott wird ein Mensch!

Diesem Geheimnis sind unzählige Darstellungen vom Christuskind auf der Spur, auch das Christuskind aus der Rottenbacher Jakobuskirche im Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld. Es ist ein besonderes Christuskind mit einem besonderen Ausdruck.

Da ist zuerst: Nackt und bloß schaut es in die Welt. Es braucht keine Kleider, wie sie sonst »Leute machen«. Es ist schon wer. Es muss sich nicht über äußere Pracht hervorheben. Es muss auch nicht etwas bemänteln oder retuschieren.

Darin liegt Segen über der Welt. Die Segensgeste der rechten Hand, wie beiläufig erhoben, unterstreicht das: Vor Gott, als Gotteskind musst Du Dich nicht verstellen. Gott will nichts aus sich machen oder etwas hermachen. Wie könnte er das besser ausdrücken als so: als Kind, nackt und bloß.

So ist das Christuskind wer: Selbstbewusst, aufrecht, fast schelmisch schaut es in die Welt. Offen und direkt geht es in Blickkontakt, mit seiner ganzen Person Aufmerksamkeit. Und bringt so Gottes Botschaft: Du Menschenkind, vor mir brauchst Du nichts aus Dir zu machen. Du bist wer. Denn ich bin Mensch an Deiner Seite Mensch. Wie Du, wie jedes Neugeborene komme ich nackt und arm zur Welt. So schaue ich Dich an, Du Menschenkind: Sag ja zu Deinem Menschsein, leg alle Verkleidungen ab, lass die Anstrengungen um Anerkennung sein. Sei lieber ein bisschen heiter und schelmisch.

Deshalb ein Kind: Gott blickt freundlich auf mich. Darin liegt Segen. Gottes Blick macht mich frei. Da muss ich nichts mehr aus mir machen; oder mich danach richten, wie andere auf mich blicken und mich beurteilen. Da kann ich friedlich, ja, auch heiter, mit mir und anderen umgehen.

Und auf Friedlichkeit setzt Gott für die ganze Welt. Dieses wehrlose und verletzliche Kind hält die Welt in seiner linken Hand. So zeigt uns Gott den Weg zum Frieden. Er macht sich wehrlos, hilflos, bloß jeglicher Kennzeichen von Macht oder Pracht oder militärischer Gewalt. Friede wird auf der Welt durch Freiheit von Gewalt.
Wie geht das? Die Wirkung eines hilflosen Kindes ist erstaunlich. Lacht es, freuen wir uns mit; weint es, wollen wir es fürsorglich beruhigen. Ein Kind aktiviert das Schönste, was Gott in uns hineingelegt hat – Fürsorglichkeit und Mitgefühl, Liebe. Deshalb ein Kind.

Aber ist das nicht naiv, darauf zu setzen? Und gefährlich? Ja! So sehr ein Kind das Beste in uns weckt – Liebe, Zärtlichkeit – so sehr ist es gefährdet.

Eine andere Maria geht mir nicht aus dem Kopf, sieben Jahre alt. Im Kinderhospiz in Tambach-Dietharz bin ich ihr dieses Jahr begegnet. Ihr leiblicher Vater hat sie als Säugling so schlimm geschüttelt, dass sie seitdem mehrfach behindert ist. Ihr ist fast alles an Entfaltung genommen. Bei Pflegeeltern lebt sie nun, immer wieder von schlimmen Anfällen geplagt.

Als Kind, zerbrechlich und ausgeliefert, angewiesen auf Hilfe, so gibt sich Gott dieser Welt hin. Ja, das ist riskant. Die Liebe riskiert es. Die Liebe Gottes riskiert alles, um in uns Liebe zu erwecken, damit wir IHM wieder ähnlicher werden.

Gott riskiert es immer wieder. In jedem Kind und in jedem Verfolgten, in jedem Armen und in jedem Leidenden – Gott schaut uns an und braucht uns mit unseren schönsten Eigenschaften: Fürsorglichkeit und Mitgefühl, Liebe.

So finden wir uns nicht damit ab, dass in unserem Land jedes fünfte Kind unter Armut leidet, und dass weltweit täglich 800 Kinder nur deshalb sterben, weil sie keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Wenn wir Gott dienen wollen, dann in diesen Kindern. Auch deshalb ein Kind.

Und schließlich: Auch deshalb ein Kind, damit die, die keine Zukunft haben, Zukunft erhalten; damit wir, die oft aufgeben wollen und sich abfinden mit dem, wie die Welt eben ist, sich wieder aufrecht hinsetzen und dem Kind folgen.

Ein Kind, das ist auch ein Bild des Anfangs. Ein Anfang, den wir immer wieder suchen und aufnehmen können. Das Kind ermuntert uns: »Jede Minute kann etwas ganz Frisches und Neues beginnen.« So schaut uns das Kind an und träumt in uns vom neuen Anfang, vom Neu-geboren-Werden. Auch darum ein Kind.

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland


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Mobilität von allen Seiten

18. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Interview: Torgaus Pfarrerin Christiane Schmidt über ein stürmisches Jahr 2017

Torgau war zu Luthers Zeiten politisches Machtzentrum und gilt damit als Amme der Reformation. So gab es in diesem Jahr auch in der sächsischen Stadt viele Veranstaltungen. Über das außergewöhnliche Jahr sprach Pfarrerin Christiane Schmidt mit Katja Schmidtke.

Welche Bilanz des Reformationsjahres ziehen Sie für Torgau?
Schmidt:
Es war ein stürmisches Jahr, in jeder Hinsicht. Die Andacht zur Kirchweih mussten wir in die Alte Superintendentur verlegen, weil das Landratsamt den Schlosshof wegen des Sturmtiefs gesperrt hatte. Auch inhaltlich ist viel passiert. Ich ziehe ein positives Fazit. Viele Anmeldungen von Reise- und Gemeindegruppen liegen vor, die durch unsere Kirchen geführt werden möchten oder bei Kantor Ekkehard Saretz eine musikalische Andacht feiern möchten. Wir feiern Gottesdienst mit vielen Gästen. Es hat sich viel getan in der Stadt: Die Lutherin-Stube ist neu, das Spalatin- und Johann-Walter-Museum hat eröffnet, im Schloss gibt es neue Dauer- und Sonderausstellungen. Wir haben wirklich keinen Grund zu meckern. Natürlich sind hier keine Massen von Menschen gekommen, das hätte uns auch wirklich überrascht.

Sie schauen also nicht neidisch nach Wittenberg?
Schmidt:
Nein, überhaupt nicht. Wir freuen uns über das, was hier passiert ist und haben keinen Anlass zu Konkurrenzdenken. Im Gegenteil, es bestehen sehr freundschaftliche Kontakte nach Wittenberg. Was uns eher zu schaffen macht, ist, dass wir wegen der unterschiedlichen Grenzen von Land und Landeskirche zwischen den Stühlen sitzen. Politisch gehören wir zu Dresden, kirchlich zu Magdeburg. Inzwischen ist der Beauftragte der evangelischen Landeskirchen beim Freistaat Sachsen öfter zu Gast.
Und wir blicken auf Kommendes: 2018 ist Torgau Ausrichter des Tages der Sachsen, 2019 feiern wir 475 Jahre Schlosskapelle und 2022 haben wir die Landesgartenschau in der Stadt.

Christiane Schmidt. Foto: Katja Schmidtke

Christiane Schmidt. Foto: Katja Schmidtke

Und was bleibt von 2017?
Schmidt:
Das Memorandum von Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff, aber auch die Podiumsdebatte Anfang Oktober mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und der Ostbeauftragten der Bundesregierung Iris Gleicke zeigen den Weg. Wir müssen uns fragen: Wie geht es weiter mit unserer Kirche nach 2017? Wie können wir bei den Menschen sein und was können wir leisten angesichts sinkender Mitarbeiterzahlen? Wir sind durch die Verhältnisse bei uns im Kirchenkreis zu diesen Fragen gezwungen. Sie führen uns aber zurück zu Luthers Prämissen. Wir dürfen uns trotz aller Jubiläen nicht mit Events verzetteln. Feste sind schön und gut, aber sie binden Kraft und Geld. Feste können andere besser ausrichten als wir. Wir müssen uns um den geistlichen Alltag kümmern, um das Leben in den Gemeinden, wir müssen ansprechbare Seelsorger sein. Gerade nach der Bundestagswahl. Die Ratlosigkeit angesichts der AfD-Wahlergebnisse ist groß. Da müssen wir miteinander ins Gespräch kommen.

Wie ist denn die Stimmung in der Torgauer Gemeinde?
Schmidt:
Es hat uns gut getan, dass in diesem Jahr so viele Menschen zu uns gekommen sind und mit uns Gottesdienst gefeiert haben. Ob es im Inneren etwas bewegt hat, das vermag ich nicht zu sagen. Von einem geistlichen Aufbruch zu reden, wäre wohl zu viel. Deutlich spüren die Menschen aber die Diskrepanz zwischen dem Jubiläum und den Stellenkürzungen vor Ort. Viele machen sich große Sorgen, wie es weitergeht.

Wie kann es denn weitergehen? Welche Ideen gibt es?
Schmidt:
Wir haben in der Region zwei Kolleginnen im Entsendungsdienst, die neue Wege beschreiten. Das ist sehr befruchtend, auch für mich selbst. Ich denke, künftig werden die Hauptamtlichen in einer Region enger zusammenarbeiten. Wir werden Teams bilden. Dennoch wird das bei einigen Gemeindegliedern das diffuse Gefühl verstärken, dass sich die Kirche aus der Fläche zurückzieht und der Pfarrer, die Pfarrerin nicht mehr zu sehen ist. Was soll ich sagen? Sicher ist nicht in jeder Kirche an jedem Sonntag Gottesdienst, aber bestimmt in der Nähe. Frau Gleicke mahnte bei unserem Diskussionsabend, dass es eine Bring- und Holschuld gebe. Kirche von morgen erfordert Mobilität von allen Seiten. Ich bin trotz aller Herausforderungen frohen Mutes und denke oft an Altbischof Noacks Worte: Wir (Hauptamtliche) müssen die Kirche nicht retten, das macht der liebe Gott schon selbst.

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Dissens offen zutage getreten

4. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Synode: Eine Chronologie der Ereignisse des späten Mittwochnachmittags bei der Herbsttagung in Erfurt, die für Ratlosigkeit und in Teilen für Unverständnis sorgten.

Damit hatte keiner der 80 Syno­dalen gerechnet, als kurz vor dem Abendbrot Synodenpräses Dieter Lomberg noch zwei Entscheidungen aus dem Landeskirchenrat angekündigte. Vermutlich hätten sich die Synodalen bei der Aussprache zum Bericht der Präsidentin des Landeskirchenamtes, Brigitte Andrae, kürzer gefasst, wenn sie geahnt hätten, was ihnen noch bevorsteht.

Amtszeitverlängerung für Propst Hackbeil

Zunächst trat Landesbischöfin Ilse Junkermann als Vorsitzende des Landeskirchenrates ans Mikrofon. Sie teilte dem Kirchenparlament mit, dass das 22-köpfige Leitungsgremium der Landeskirche beschlossen habe, bei der Landessynode einen Antrag auf die Verlängerung der Amtszeit von Propst Christoph Hackbeil, dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, zu stellen. Dass sie dabei versehentlich von einer Verlängerung »bis zum Ende seines Ruhestandes« sprach, machte ihre Nervosität deutlich. Warum die Landesbischöfin in dieser Situation angespannt war, sollte die anschließende Verlautbarung ihres Stellver-
treters, Propst Diethard Kamm, zeigen.

Keine Verlängerung für Landesbischöfin

Der Regionalbischof des Sprengels Gera–Weimar verkündete, dass der Landeskirchenrat auf seiner Sitzung am 20. Oktober beschlossen habe, keinen Antrag auf eine Verlängerung der Amtszeit von Landesbischöfin Ilse Junkermann zu stellen. Kamm wörtlich: »Der Landeskirchenrat würdigt insbesondere die Prägung des Bischofsamtes in unserer noch jungen Kirche, gerade in der Phase des Zusammenwachsens sehr unterschiedlicher geistlicher und struktureller Traditionen durch Landesbischöfin Junkermann und dankt ihr für ihren Dienst. Er hofft auf eine weitere gute gemeinsame Arbeit in den nächsten zwei Jahren bis zum Ablauf ihrer Amtszeit.« Im ausführlichen Austausch und in gründlicher Beratung sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass dann andere und neue Impulse der Konsolidierung und des Aufbruchs in die Gesellschaft für die EKM wichtig seien, sagte Kamm – und ging wieder an seinen Platz.

Junkermann: »Entscheidung schmerzt mich«

Noch ehe die Synodalen so richtig fassen konnten, was da gerade ex cathedra verkündet wurde, trat die Landesbischöfin ein weiteres Mal ans Mikrofon und verlas eine vorbereitete Erklärung:

Stand nicht zur Abstimmung: Der Antrag an die Synode auf Amtszeitverlängerung der Landesbischöfin wird vom Landeskirchenrat gestellt. Im Bild heben die Synodalen ihre Stimmkarte zur Abstimmung, um einen Antrag in einen Ausschuss zu verweisen. Foto: Willi Wild

Stand nicht zur Abstimmung: Der Antrag an die Synode auf Amtszeitverlängerung der Landesbischöfin wird vom Landeskirchenrat gestellt. Im Bild heben die Synodalen ihre Stimmkarte zur Abstimmung, um einen Antrag in einen Ausschuss zu verweisen. Foto: Willi Wild

»Hohe Synode, jetzt verstehen Sie, warum ich eben so aufgeregt war. Ich möchte zu dieser Entscheidung sagen: Ich war gerne zu einer Verlängerung meiner Amtszeit bereit. Sie kennen mein Engagement und meine Begeisterung für diese Kirche. Insofern schmerzt mich diese Entscheidung. Zugleich und selbstverständlich respektiere ich sie. Zu diesem Zeitpunkt schafft dieser Beschluss Klarheit, auch für mich selbst. Ich bin gespannt, was Gott mit mir für meine restliche Dienstzeit bis zu meinem Ruhestand vorhat und was mit unserer Kirche.

Gottes guter Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit helfe uns, bei unserer Aufgabe die beiden noch verbleibenden Jahre gut und konstruktiv miteinander zu gestalten. Ich sehe meine Aufgabe insbesondere darin, in dem großen Veränderungsprozess, in dem wir uns befinden, die Gemeinden und die Verantwortlichen zu begleiten. Sei es in mancher Trauer und Ratlosigkeit, sei es in den neuen Aufbrüchen. Dafür und für die weitere Zusammenarbeit mit Ihnen und mit allen Verantwortlichen in den Gemeinden in unserer Kirche will ich und werde ich weiter meine Kräfte einsetzen und natürlich auch für die Vertretung unserer Kirche nach außen.«

Vizepräses Steffen Herbst: »Erschrocken und traurig«

Die Synodalen waren sprachlos. Steffen Herbst, der 1. Vizepräses der Synode aus Königsee (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) ging ans Rednerpult und sagte nur einen Satz: »Frau Landesbischöfin, ich bin erschrocken und traurig.« Vermutlich sprach er damit vielen Delegierten aus dem Herzen. Beim anschließenden Abendbrot im Augustinerkloster und die Tage darauf war die Entscheidung und die Art der Verkündung sowie der Entgegnung Gegenstand vieler Diskussionen am Rande der Herbsttagung der Synode. Vor allem wurde nach den Gründen gefragt, die zu dieser Entscheidung geführt hätten. Da es sich aber um einen Beschluss aus einer nichtöffentlichen Sitzung handelte, blieben und bleiben die Gründe unter Verschluss.

Neuwahl vermutlich im Frühjahr 2019

Landesbischöfin Ilse Junkermann war von der Landessynode im März 2009 für eine Amtszeit von zehn Jahren gewählt worden. Das Bischofswahlgesetz lässt mehrere Amtsperioden und damit eine Wiederwahl zu. Ist das Ruhestandsalter nicht weiter als fünf Jahre entfernt, kann die Landessynode die Amtszeit per Beschluss einmalig bis zum Eintritt in den Ruhestand verlängern.

Nach der Entscheidung des Landeskirchenrats tritt nun der Bischofswahlausschuss zusammen, um der Synode vermutlich im Frühjahr 2019 Wahlvorschläge zu unterbreiten. Dem Bischofswahlausschuss gehören neben den Mitgliedern des Landeskirchenrats sechs weitere Synodale sowie je ein Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und der Union Evangelischer Kirchen (UEK) an. Das Oberhaupt der EKM wird dann von der Landessynode gewählt.

Willi Wild

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Ein Gschmäckle

3. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Das war ein Paukenschlag. Normalerweise ist der Antrag auf Verlängerung der Amtszeit eines Regionalbischofs oder einer Landesbischöfin Formsache, wie das Beispiel der Amtszeitverlängerung des Stendaler Regionalbischofs Christoph Hackbeil zeigt. Umso verwunderlicher ist das Vorgehen bei der Landesbischöfin. Nicht die Tatsache, dass ihre Amtszeit nicht verlängert werden soll, verwirrt, sondern die Art und Weise sowie der Zeitpunkt der Verkündung. Aber auch die Erklärung, die Ilse Junkermann bei der Synode und im Brief an die Kirchengemeinden abgab, wirft Fragen auf. Nicht nur Synodale sind ratlos.

Wenn sich der Landeskirchenrat in geheimer Abstimmung gegen eine Amtszeitverlängerung seiner Vorsitzenden ausspricht, offenbart das – allen gegenseitigen Vertrauensbekundungen zum Trotz – einen Graben zwischen Leitungsgremium und Landesbischöfin. Über die Gründe, die dazu geführt haben, lassen beide Seiten die Öffentlichkeit im Unklaren. Und so bleibt, wie man im Schwäbischen sagt: ein Gschmäckle.

Im Jahr 2019 stehen große Veränderungen an. Die Kirchengemeinden und -kreise, auch das Landeskirchenamt müssen sparen. Wie werden die nächsten zwei Jahre gestaltet? Wie kann der geplante Umbau der Kirche gelingen? Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit sind mehr denn je gefragt. Das zeigte bei der Synode auch der emotionale Vortrag der Eingabe aus dem Kirchenkreis Elbe-Fläming und die sich anschließende engagierte Diskussion.

Es geht um die Zukunft des Verkündigungsdienstes und die der Kirchengemeinden. Die existenziellen Herausforderungen in unserer Kirche erfordern gerade jetzt Einheit und geistliche Leitung.

Willi Wild

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Wir müssen reden

13. November 2017 von redaktionguh  
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Über die »Ehe für alle« gibt es in der Landeskirche Gesprächsbedarf

Die Ehe ist ein weltlich Ding – und birgt doch eine geistliche Dimension, ganz besonders die im Sommer vom Bundestag beschlossene »Ehe für alle«. Eine kirchliche »Ehe für alle« wollte die Jugend der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands bereits im Frühjahr auf den Weg bringen. Doch dazu kam es nicht. Die Synodalen baten stattdessen um Geduld und beauftragten den Landeskirchenrat, ein Format zu finden, um weiter über die Gleichstellung der Ehe zu sprechen.

Dieser Prozess ist nun in Gang gesetzt, sagte Landesbischöfin Ilse Junkermann. Auch der Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau müsse sich damit beschäftigen, ob dem veränderten staatlichen Gesetz ein verändertes kirchliches Handeln folgt oder nicht. Aktuell liegt die Entscheidung über die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares bei Pfarrer und Gemeinde.

Kern der Debatte ist für Junkermann die unterschiedliche Schriftauslegung und der Umgang damit. Die »Ehe für alle« kann zu einer schweren Gewissensbelastung werden, wenn auch für eine Minderheit. Darf sich eine Mehrheit darüber hinwegsetzen? Wieweit können sich Christen belasten, wo müssen sie akzeptieren, unterschiedlicher Meinung zu sein? Auch die Frage, warum Trauung und »Gottesdienst anlässlich der Eheschließung« unterschieden werden, will die EKM diskutieren.

Die Landesbischöfin betonte: »Ich bin froh, dass es die Segnungen gibt. Ich bin auch froh, dass die rechtliche Gleichstellung in unserer Gesellschaft möglich ist.« Ordnung gibt der Freiheit Raum, zitierte die Bischöfin Martin Luther. Alles andere sei Willkür. »Aber wir sollten andere ernst nehmen, deren Gewissen belastet ist, und das nicht per Mehrheitsbeschluss übergehen«, sagte Junkermann. Die Bischöfin hat die Sorgen jener im Blick, die die Gefahr einer Kirchenspaltung sehen.

Joachim Liebig, Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts, begrüßte die ordnende, rechtliche Klarstellung durch die »Ehe für alle«. Für die Kirche sei es aber nicht nötig, alle staatlichen Beschlüsse geistlich nachzuvollziehen.

Ob homosexuelle Paare gesegnet werden, entscheiden in Anhalt Gemeinde und Pfarrer gemeinsam. Sind sie dazu nicht bereit, ist der Oberpfarrer aufgefordert, eine Lösung zu finden. »Wir hatten bisher, soweit ich sehen kann, einen einzigen Fall. Und da gab es keinen Konflikt«, sagte Liebig. Als Kirchenpräsident sei er sehr zufrieden mit der derzeitigen Situation. Der für Anhalt gefundene Modus trage das neue Gesetz mit. Deshalb rechne er nicht damit, dass sich die Synode in absehbarer Zeit mit dem Thema befassen muss.

In seiner Zeit als Gemeindepfarrer hat Liebig auch Anfragen homosexueller Paare bekommen: »Ich habe das nicht machen können.« Aber es gehöre zur innerkirchlichen Toleranz und Einheit, anders getroffene Entscheidungen von Kirchenältesten und Pfarrern zu akzeptieren. Es sei verheerend, diese Grundsatzfrage als Mittel zur Kirchenspaltung zu verwenden: »Das ist furchtbar. Das ist entsetzlich. Und das darf auf keinen Fall passieren.«

Katja Schmidtke

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Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

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Landesbischöfin: »Die Kirche ist am Ende«

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Podium: Junkermann unterstreicht Notwendigkeit, neue Formen zu erproben

Erreicht Sie unsere Verzweiflung aus den Gemeinden – wir haben kein Personal. Wer soll sich um die Arbeit mit Kindern kümmern?«, brach es aus einer Kirchenältesten heraus. Sie war zu Festandacht und anschließender Podiumsdiskussion »Der Weg der Kirche nach 2017« mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und der Ostbeauftragten Iris Gleicke gekommen, mit der die Torgauer Gemeinde am 5. Oktober der Einweihung der Schlosskapelle durch Martin Luther im Jahr 1544 gedachte.

Die Frauen hatten in Vorträgen skizziert, dass sich Christen und Kirche politisch einmischen dürfen und sollen. Die Landesbischöfin wertete die Erfahrung der Kirchentage auf dem Weg aus, bei denen Menschen vor allem zu den kostenlosen Angeboten unter freiem Himmel kamen. Verkündigung müsse durch alle geschehen, nicht nur durch die Hauptamtlichen, und mit neuen Formen, schlussfolgerte sie.

Wie jedoch soll das Neue – das Herausgehen aus den Kirchen auf die Straßen und Plätze – mit immer weniger Personal gelingen? »Die Kirche ist in der Krise! Luther würde missionieren«, sagte ein Zuhörer. Ein anderer kritisierte, er sei im Gottesdienst nicht als Mitgestalter gefragt.

Weder Staats- noch Volkskirche

»Ja, wir sind am Ende mit unseren Modellen und Vorstellungen, wie Kirche und Gemeinde sein soll. Das ist die Krise der Kirche – seit hundert Jahren. Wir sind nicht mehr Staatskirche und auch nicht mehr Volkskirche«, sagte Ilse Junkermann. Wie sie mit dieser Erkenntnis umgeht, kleidete sie in Fragen: Wie kann es gelingen, dass wir Abschied nehmen von festen Gemeindebildern und neue Formen annehmen? Wie können wir den Blick weiten für das, was da ist? Offenbar möchten Menschen ihre eigenen Ideen umsetzen und nach dem Ende eines Projekts gehen können, sagte sie. »Wir brauchen neue Ideen, auch wenn es Eintagsfliegen sind«, warb sie für Mut zum Ausprobieren. Begeistert ist die Landesbischöfin vom Theaterstück »HerrInnen Käthe«, das Torgauer Gymnasiasten schrieben und aufführten. Es zeige die Gleichwertigkeit aller Menschen. Auf die Frage, wie viele der Jugendlichen konfirmiert seien, erwiderte sie trocken: »Sehen Sie, das ist Ihr altes Gemeindebild.«

Die Kirche befinde sich in einem ähnlich umwälzenden Prozess wie zur Reformationszeit. Kirche und Gemeinde müssten viel mehr von dem her gestaltet werden, was da ist und nicht nach Wunschbildern, wie es sein sollte. »Sendung ist ein offener Prozess«, sagte die Landesbischöfin in zweifelnde Gesichter.

Renate Wähnelt

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Durchgehend geöffnet

4. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

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St. Nikolai in Glindenberg an der Elbe gehört seit drei Monaten zu den »Offenen Kirchen«

Ihre Kirche«, heißt es auf der Homepage der Glindenberger Kirchengemeinde. »Für Sie geöffnet« steht auf dem Schild, das am Hauptportal von St. Nikolai zum Besuch einlädt. Es ist ein warmes Willkommen, das offenbart: Dies ist Gottes Haus und die Öffnungszeiten bestimmt er.

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Die Kirche in der Gemeinde im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine jener offenen Kirchen, für die Landesbischöfin Ilse Junkermann als größtes Vorhaben der EKM im Reformationsjahr wirbt. Dem Kirchenältesten Dieter Lomberg ist die Initiative nicht fremd: Als Präses der Landessynode nahm er viele Gedanken aus den EKM-Gremien auf. Sein Vorstoß kam in der Gemeinde gut an. »Ob wir es uns trauen können, die Kirche gar nicht mehr zu verschließen, war schon eine Frage«, blickt Dieter Lomberg zurück. Jeden Tag Aufsichtspersonal und Schließdienst zu organisieren – dafür fühlte sich die Gemeinde mit ihren 160 Gliedern nicht stark genug. Aber man entschloss sich, das Experiment zu wagen mit der Option, »zuzuschließen, falls es gar nicht geht«.

Es geht – das ist das Fazit der ersten drei Monate. Kein Dreck, kein Vandalismus, kein Diebstahl. Die Altarleuchter aus Metall wurden jedoch gegen Exem­plare aus Holz ausgetauscht; nicht minder schick, wie Lomberg versichert. Relativ schnell fanden sich Einträge im Gästebuch und wenn der Kirchenälteste alle paar Tage die Kirche besucht, fallen ihm die abgebrannten Teelichter auf. »Unsere Kirche liegt am Elberadweg, da machen Radtouristen Halt«, hat er beobachtet. Aber auch Einheimische kommen und Menschen, die die Region verlassen haben, aber für ein Klassentreffen zurückkommen oder zur Erinnerung an die Großmutter. Die Bläser nutzen die Kirche inzwischen zum inidviduellen Üben.

Dieter Lomberg will andere Gemeinden ermutigen, zumindest über die Öffnung nachzudenken. Eine pauschale Empfehlung spricht er nicht aus. »Das kann nur individuell entschieden werden«, sagt er. Die Initiative birgt für den Synodenpräses eine große Chance. »Kirchen sind geschützte Räume; Menschen dürfen sich hier angenommen fühlen, egal ob sie an Gott glauben. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich zu DDR-Zeiten viele verschiedene Menschen unter dem Dach der Kirche versammelt haben«, sagt Lomberg. Dass es ein Bedürfnis nach Religion gibt, lasse sich ablesen am Boom esoterischer und spiritueller Angebote. Da sei es gut, wenn die Kirche einlade. »Es ist ein Risiko, aber ein positives, wenn Menschen zu uns kommen, mit einem anderen Verständnis, auch mit Forderungen. Gott sagt: Kommt zu mir, und an uns gerichtet: Gehet hin!« Die offene Tür zeigt einen Weg.

Katja Schmidtke

Offenheit braucht Zeit

1. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

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Das große Ziel: 95 Prozent der Kirchen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sollen im Reformationsjahr offen sein, so der Wunsch der Kirchenleitung. Was ist daraus geworden?

Mehr als 4 000 Kirchen gibt es in der EKM. Und all diese Gotteshäuser sollten innerhalb des Reformationsjubiläumsjahres zu offenen Kirchen werden. So die Idee der Landeskirche. »Das Ziel, was ich angegeben habe – 95 Prozent geöffnete Kirchen Ende 2017 –, werden wir bestimmt nicht erreichen«, stellt Landesbischöfin Ilse Junkermann heute fest. Ein Fazit, das für viele Begleiter der Ini­tiative »Offene Kirchen« ernüchternd ist. Dennoch glaubt Junkermann, dass in den vergangenen Monaten ein Stein ins Rollen gekommen ist, der – auch wenn es längere Zeit brauchen wird – doch ins Ziel treffen werde. Die Zahl 95 ist für Junkermann vor allem eine symbolische: »Sie steht dafür zu sagen, dass die Mehrheit geöffnet ist«, erklärt Junkermann. Nach der neuesten Erhebung sind derzeit 1 000 Gottes­häuser in der EKM »offene Kirchen«. »Laut der Umfrage, die wir vor einem Jahr gemacht haben, waren zwölf Prozent der Kirchen geöffnet. Heute sind es mit 1 000 ein Viertel. Das bedeutet eine Verdopplung«, so Junkermann. Bis heute, so glaubt die Landesbischöfin, habe sich in den Gemeinden viel verändert, denn das Herumdrehen des Schlüssels und das Öffnen der Türen sei nicht nur ein äußerer Vorgang. Ihm entspreche eine innere Haltung, betont die Landesbischöfin.

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen.  Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin  Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen. Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Das Thema »Offene Kirchen«, so der Wunsch der Kirchenleitung, solle alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in der EKM beschäftigen. Was heißt überhaupt »offene Kirche«? Dafür haben die Kirchengemeinden unterschiedliche Antworten gefunden. Die einen öffnen 24 Stunden, andere nur im Sommer, wieder andere nur von Donnerstag bis Sonntag. Die gängige Praxis ist mit zahlreichen Kirchenältesten diskutiert worden. Denn die Kirche öffnen zu wollen, wirft praktische Fragen auf: Wer soll öffnen und wie oft? Was geschieht mit der kostbaren Ausstattung? Was passiert im Schadensfall?

Viele Gemeindeglieder hatten und haben Bedenken. Das weiß auch die Landesbischöfin. Vor allem die Befürchtung, in der Kirche könnte etwas gestohlen oder beschädigt werden, kennt sie. »Man muss Ängste ernst nehmen, man kann sie nicht zerstreuen. Es gibt die Möglichkeit einer Versicherung, auch wenn eine Entschädigung wertvolles Kunstgut nicht ersetzen kann.« Laut Junkermann wurden in der EKM in den vergangenen acht Monaten 160 Versicherungen für offene Kirchen abgeschlossen. Vandalismus und Zerstörung seien sicher schlimm, dennoch solle man sich in den Kirchengemeinden mit der Frage auseinandersetzen, was wichtiger sei: »die Botschaft und die Offenheit für andere oder unser Besitz, unser Haben?«

Mit der Botschaft Jesu Christi und geöffneten Kirchen ein Willkommensangebot auch an die senden, die bisher nicht den Weg in eine Kirche gefunden haben, das war und ist die Idee hinter den »offenen Kirchen«. Ausgangspunkt dabei sei das starke Bedürfnis vieler, in einem Kirchenraum still zu werden, innezuhalten und in dieser besonderen Atmosphäre den Weg zu sich und zu Gott zu suchen. Dieses Bedürfnis hätten Gläubige wie Nichtgläubige, ist sich die Landesbischöfin sicher. Und während Kirchenmitglieder in der Regel wüssten, wo und wie sie mit Gott in Verbindung treten könnten, kann der freie Zutritt zu einer Kirche eine Brücke für Kirchenferne sein.

Die Landesbischöfin bekräftigt: »Die Botschaft einer verschlossenen Tür kommt an. Ich denke, dass sich viele Kirchenälteste dessen gar nicht bewusst sind, dass es sich hier um eine negative Botschaft handelt.« Die Kirchen öffnen und mit niederschwelligen Angeboten die Menschen einladen, das müsse das Ziel für die Zukunft sein. In diesem Jahr sei aber auch die Erkenntnis gewachsen, dass dieses Ziel nicht in kurzer Zeit erreichbar sein wird.

Diana Steinbauer

www.ekmd.de/service/offenekirchen

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