»Inmitten der guten Stube von Erfurt«

24. Juni 2011 von redaktionguh  
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Im neuen Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sind Anspruch und Auftrag in Stein gemeißelt.

Die Symbolik könnte größer kaum sein: Wer immer das neue Erfurter Kirchenamt durch den Haupteingang betritt, wird auf dem Weg in den Verwaltungssitz der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) von Frömmigkeit und Gerechtigkeit begrüßt. Die beiden allegorischen ­Figuren zieren das opulente Renaissanceportal der einstigen Boineburg-Bibliothek, das 1847 mit dem Bibliotheksneubau am Collegium maius einen neuen Aufstellungsort fand. Mit der Einbeziehung in den Umbau und der Erweiterung des historischen Areals zur Kirchenverwaltung kommt das Portal nun zu symbolischen Ehren.

Seit Ende 2009 wurden für das Amt »inmitten der guten Stube von Erfurt«, wie Finanzdezernent Stefan Große es nennt, rund zwölf Millionen Euro verbaut. Zu den Eigenmitteln von 4,45 Millionen Euro kamen 7,25 Millionen Euro von der Städtebauförderung des Bundes und des Landes sowie von der Thüringer Landeshauptstadt. Ohne die öffentlichen Gelder, so Große, hätte die EKM das Projekt nicht realisieren können.

Altehrwürdige Bausubstanz und moderne Glasarchitektur, in dem eine Kirchenbehörde gut funktionieren kann – so präsentiert sich das Collegium maius in ­Erfurt, in dem seit Ende Mai 142 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sind. Noch arbeiten hier und da Handwerker, bis das letzte Detail am Bau perfekt ist.  Das neue ­Landes­kirchenamt der mitteldeutschen Kirche wird mit einem Gottesdienst mit Landesbischöfin Ilse Junkermann am Freitag feierlich eröffnet. (Foto: Jens-Ulrich Koch)

Altehrwürdige Bausubstanz und moderne Glasarchitektur, in dem eine Kirchenbehörde gut funktionieren kann – so präsentiert sich das Collegium maius in ­Erfurt, in dem seit Ende Mai 142 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sind. Noch arbeiten hier und da Handwerker, bis das letzte Detail am Bau perfekt ist. Das neue ­Landes­kirchenamt der mitteldeutschen Kirche wird mit einem Gottesdienst mit Landesbischöfin Ilse Junkermann am Freitag feierlich eröffnet. (Foto: Jens-Ulrich Koch)


Die 142 Mitarbeiter zogen schon Wochen vor der offiziellen Eröffnung an diesem Freitag (24. Juni) in ihre ­Büros in der Michaelisstraße 39 – und damit auf eine Baustelle mit nahezu allen Unzulänglichkeiten eines Neubaus. Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae indes erkennt in dem Unfertigen durchaus auch Positives: In der gemeinsamen Bewältigung der Anfangsschwierigkeiten kämen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – 80 aus dem bisherigen Landeskirchenamt in Eisenach, 28 aus Magdeburg und 34 neue – zwangsläufig näher.

Sie haben ihre Arbeitsplätze zweifellos in einer der Top-Lagen der Thüringer Landeshauptstadt. Das alte »Lateinische Viertel« als historisches Zentrum des geistlichen und des universitären Lebens hat in den vergangenen Jahren eine deutliche Aufwertung erfahren – städtebaulich, gastronomisch, touristisch. Zudem sind markante Orte der Stadt-, Kirchen- und Reformationsgeschichte – von der Michaeliskirche über Dom, Nikolaiturm, Georgenburse und Augustinerkloster bis hin zur Alten Synagoge – nur wenige Schritte entfernt.

In diesem Umfeld muss das sanierte Collegium maius der Alten ­Universität künftig seinem Anspruch als eines der herausragenden Kulturdenkmale und Lutherstätten von Erfurt gerecht werden. Dazu will sich das Kirchenamt neben seinen eigentlichen Verwaltungsaufgaben auch dem kulturellen und geistigen Diskurs in der Stadt öffnen.

Der moderne Saal im Oberschoss mit bis zu 260 Plätzen, nach Einschätzung von Oberkirchenrat Große »absolut synodentauglich«, dürfte dabei ohne Zweifel Begehrlichkeiten auch über den kirchlichen Rahmen hinaus wecken. Das Alltagsgeschäft im Kirchenamt freilich bedeutet für die Mitarbeiter zunächst eine Gewöhnung.

Die durchweg in Weiß gehaltenen Räume nehmen den historischen Gebäudeteilen ihre Schwere und geben auch dem U-förmigen Neubau eine gewisse Leichtigkeit. Einzig die Türen zu den insgesamt 104 Büros setzen mit zarten Pastelltönen dezente Farbtupfer auf den Fluren. Viel Glas und große Fenster sorgen zudem für angenehme Transparenz. Sie kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass einzelne Räume mitunter etwas knapp zugeschnitten sind.

Insgesamt jedoch sei das neue Kirchenamt »ein guter funktionaler Bau«, gibt sich Oberkirchenrat Große überzeugt – »die denkbar beste und bezahlbare Möglichkeit«. Und alles, was fortan jemals an diesem Ort verwaltet und  entschieden wird, geschieht unter den steinernen Zeichen von Frömmigkeit und Gerechtigkeit. Besser lassen sich Anspruch und Auftrag einer auf die Zukunft gerichteten Kirchenbehörde wohl kaum formulieren.

Thomas Bickelhaupt

Glaube als Herzenssache

10. Juni 2011 von redaktionguh  
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Auch beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden ging es um die Frage, woran wir unser Herz hängen. (Foto: epd-bild)

Auch beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden ging es um die Frage, woran wir unser Herz hängen. (Foto: epd-bild)

Pfingsten: Das Pfingstfest erinnert uns daran, dass Jesus eine erwachsene Kirche will.

Die Kirche ist mehr als ein Verein, eine Partei oder eine Bürgerinitiative. Das hat Folgen.

 
Es kommt auf die Jüngerinnen und Jünger an. Jesus geht zum Vater zurück und vertraut ihnen die frohe Botschaft an. Ausdrücklich sagt er, dass es gut ist, dass er geht und sie alleine lässt (Joh 16,7). Er will eine erwachsene Jüngerschaft, eine erwachsene Kirche haben. Ihr Auftrag ist klar: Sie sollen Zeuge sein für die frohe Botschaft von der Liebe Gottes, die in Jesus erschienen ist.

Für diese Zeugenschaft bekommen sie den Heiligen Geist zugesagt. Er wird sie als Geist der Wahrheit in alle Wahrheit leiten (Joh 16,13).

So macht er seine Nachfolgerinnen und Nachfolger zu einer besonderen Gruppe: Sie kommen nicht zusammen, weil sie gleich sind oder gleiche Interessen haben (wie es zum Beispiel typisch ist für einen Verein); es verbindet sie auch nicht, dass sie gemeinsame Ziele haben, die sie umsetzen wollen (wie etwa eine politische Partei oder Bürgerinitiative).

Sie sind eine Gemeinschaft, weil Gottes Geist sie zusammenruft zu dem einen gemeinsamen Auftrag: aller Welt, jedem Mann, jeder Frau, jedem Kind in Wort und Tat Gottes Liebe zu bezeugen. Sie sollen ihnen erzählen, wie Gott in Jesus Mensch geworden ist und die Nähe der Menschen sucht und eine Vertrauensbeziehung mit ihnen pflegen will.

Ihr Auftrag ist es, in Jesu Nachfolge Kirche für andere und Kirche mit anderen zu sein.

Feuer und Windbrausen sind Zeichen von Gottes Gegenwart. Das war am Sinai so, als das Volk Israel zum Volk Gottes wurde und die Gebote als Weisung zum Leben erhielt. Und das war am ersten Pfingstag so, als die Jüngerinnen und Jünger zur Gemeinde Jesu Christi wurden, eben genau am »jüdischen Pfingsten«, an dem Fest, an dem der Gabe der Thora gedacht wird.

Feuer und Flamme für diesen Gott sein, das macht Kirche aus – und nicht Sorge und Mühe um die eigene Zukunft und den eigenen Erhalt. Aus ­diesem brennenden Herzen heraus Kirchensteuer und Gemeindebeitrag zahlen, damit Kirche eine Kirche für andere sein kann und ihren Auftrag an allem Volk ausrichten kan – und nicht, damit ich eine »religiöse Dienstleistung« für mich bzw. meine Gemeinde »einkaufe«.

Pfingsten erinnert uns: Der Glaube ist eine Herzenssache, die sich nie »rechnen« wird, die sich ganz auf die Führung und Begleitung durch den Geist Gottes verlässt.

Lebenskraft und Zuversicht gibt dieser Geist. In ihm vertraut uns Gott die Liebe an, rot ist seine Farbe und die Farbe der Kirche.

Der Geist Gottes ist ein Geist der Wahrheit.

Er lehrt uns, uns und die Welt realistisch zu sehen.

Das heißt, dass wir weder uns noch andere oder anderes vergöttern, vielmehr mit menschlichem Maß leben. Er tröstet uns, er hilft uns, menschlich zu sein. Ich bin eingefügt und geborgen im Dreieck von Gottes- und Nächstenliebe, das ist das rechte, das menschliche Maß, das seine Freiheit an die Freiheit der anderen, auch der Andersdenkenden und an Gottes Freiheit binden lässt.

Genau dies feiern unsere jüdischen Geschwister zu »ihrem« Pfingstfest (Schawuot genannt): die Freude an Gottes Weisung, an der Thora, die Raum absteckt und eröffnet für das Leben mit Gott und dem und der Nächsten.

Der Geist der Wahrheit wird uns immer wieder schmerzlich die Augen öffnen, wenn wir in allen drei Ecken uns selbst oder die Kirche eintragen.

Der Heilige Geist wird uns immer wieder das Herz öffnen, dass es Vertrauen fassen kann in Gottes Güte.

Der Heilige Geist wird uns als Kirche immer wieder unter seinen kräftigen Wind stellen, der allen Kult um noch so verdienstvolle Personen zur Seite bläst und den einzigen Herrn, den Gekreuzigten, in unsere Mitte stellt.

Wie entlastend und befreiend, dass wir keine Erfolgs-Kirche sein müssen.

Wie entlastend und belebend, dass wir Kirche in der Kraft Seines Geistes sein dürfen.

Ilse Junkermann

Die Autorin ist Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Wir sind so frei

2. Juni 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Zum Abschluss der religionspädagogischen Projektwoche am Eisleber Martin-Luther-Gymnasium führten die Schülerinnen der Theatergruppe ihrer Arbeitsergebnisse vor. Die Projektwoche wurde unter anderem vom Kultusministerium und der Landeszentrale für politische Bildung gefördert. (Foto: Jürgen Lukaschek)

Zum Abschluss der religionspädagogischen Projektwoche am Eisleber Martin-Luther-Gymnasium führten die Schülerinnen der Theatergruppe ihrer Arbeitsergebnisse vor. Die Projektwoche wurde unter anderem vom Kultusministerium und der Landeszentrale für politische Bildung gefördert. (Foto: Jürgen Lukaschek)

 

Projektwoche in Eisleben befasste sich mit dem Jahresthema der Lutherdekade “Reformation und Freiheit”.

Zwölf Schüler scheinen durch die Aula zu schweben. Aufmerksam verfolgen die Besucher die szenischen Darbietungen der Theatergruppe. Eine Woche lang haben 70 Elftklässler des Martin-Luther-Gymnasiums bei einer Religionsphilosophischen Projektwoche zum Thema »Reformation und Freiheit« miteinander diskutiert und ihre Meinungen ausgetauscht. Am 26. Mai präsentieren sie die Arbeitsergebnisse, die in sechs Kreativgruppen entstanden sind.

Zu dem interessierten Publikum gehören auch der Staatssekretär im Kultusministerium, Jan Hoffmann, und Landesbischöfin Ilse Junkermann. Luther hätte sich über das Engagement der Jugendlichen sehr gefreut, lobt die Bischöfin ihren Einsatz.

Anlass für die Projektwoche ist das Themenjahr »Reformation und Freiheit« innerhalb der Lutherdekade gewesen. Veranstalter sind neben der Martin-Luther-Universität Halle und der Evangelische Akademie mit ihrem Projekt »Denkwege zu Luther« auch das Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung sowie die Stiftung Luthergedenkstätten. Dabei sollte insbesondere nach den Erfahrungen der Teilnehmer mit Freiheiten und Unfreiheiten im eigenen Lebensumfeld gefragt und diese in den Zusammenhang mit Religion und Reformation gestellt werden, unterstreicht der Hallenser Religionspädagoge Michael Domsgen. Anfangs seien die Ressentiments hoch gewesen.

»Die Jugendlichen konnten sich anfangs gar nicht vorstellen, dass Freiheit und Religion etwas miteinander zu tun haben«, so Domsgen. Erst im Laufe der Projektwoche habe sich das gewandelt.

Ein Grund dafür: In den Arbeitsgruppen haben sich die Jugendlichen unterstützt von den Gruppenleitern intensiv und kreativ mit den verschiedenen Aspekten des Themas auseinandergesetzt. So sind ein Hörspiel, ein Film, eigene Texte, eine szenische Inszenierung sowie Plastiken aus Gips entstanden. Eine Kommunikationsgruppe begleitet das Geschehen, um es mit Texten und Bildern im sozialen Netzwerk Facebook zu dokumentieren.

»Die Jugendlichen konnten sich anfangs nicht vorstellen, dass Freiheit und Religion etwas miteinander zu tun haben«

Zum Abschluss der Projektwoche ist am 27. Mai noch einmal prominenter Besuch in das Gymnasium gekommen. Der ehemalige Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner, berichtet von seinen persönlichen Freiheitserfahrungen. Er spricht über seinen Weg in die Politik durch die friedliche Revolution und was ihn in seinem politischen Handeln geprägt hat.

Bei seinen Entscheidungen habe ihm immer auch die Überzeugung von einem »gnädigen Gott« geholfen.

Im Anschluss wollen die Schüler wissen, ob es ihm leicht gefallen sei, in die Politik einzusteigen und ob religiöse Menschen glücklicher seien. Einige geben zu bedenken, dass die innere Freiheit häufig durch die Meinung anderer einschränkt werde. Auch könnten heute keineswegs alle reisen, weil das Geld dazu fehle.

»Fühlen die Leute sich deshalb unfreier als zu DDR-Zeiten«, fragte eine der Jugendlichen.

Bei den Schülern ist die Projektwoche nach den anfänglichen Vorbehalten jedenfalls gut angekommen. Viele der Jugendlichen hätten sich durch die Projektwoche zum ersten Mal Gedanken über Religion gemacht, berichtet Martina Franz vom Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt.

»Ich habe gar nicht gewusst, dass Max so darüber denkt«, sagt ein Junge überrascht. Die Mehrzahl der Schüler würde jedenfalls sofort wieder mitmachen. »Im normalen Unterrichtsalltag ist es oft gar nicht möglich, sich so intensiv mit einem Thema zu befassen«, so die Meinung vieler Schüler.

(mf/mh)

Mit Scherben auf den Weg

15. Mai 2011 von redaktionguh  
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In Magdeburg und Eisenach werden die Kirchenamtsstandorte aufgelöst.
 

Der strahlende Sonnenschein in Magdeburg und Eisenach konnte nicht über den Schmerz hinwegtäuschen. Am 5. Mai nahmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kirchenamtes in Magdeburg mit einem Gottesdienst Abschied aus dem alten Gemäuer am 800-jährigen Dom; am Tag darauf sagten die Eisenacher dem Haus auf dem Pflugensberg ade. Da flossen schon mal ein paar Tränen.

Beide Gebäude haben ihre Tradition: Im Mai 1816 wurde das Magdeburger Amt als oberste Kirchenverwaltung für die preußische Provinz Sachsen eingerichtet. Die einstige Fabrikantenvilla in Eisenach wurde zwar erst 1921 Thüringer Landeskirchenamt, galt jedoch als schönster Bischofssitz Deutschlands.
 

Die bisherigen Kirchenamtsstandorte in Magdeburg und Eisenach.

Die bisherigen Kirchenamtsstandorte in Magdeburg und Eisenach.


 
Bald kommen die Umzugswagen. In der 20. Kalenderwoche nach Eisenach, in der Woche darauf rollen sie aus Magdeburg in die Thüringer Landeshauptstadt.

»Als die Entscheidung ­damals bekannt wurde, haben wir erst einmal geschluckt«, erinnern sich Annegret und Gotthard Anger. Die Mitarbeiterin der Finanzabteilung und der IT-Fachmann, der seit 1990 im Konsistorium in Magdeburg angestellt ist, nahmen den Beschluss der Föderationssynode, die Kirchenverwaltungen von Eisenach und Magdeburg in Erfurt zusammenzuführen, als »Fingerzeig« für etwas Neues. »Es wäre uns sicher schwerer gefallen, ­wären die Kinder noch klein«, sagen beide.

Da sie inzwischen erwachsen sind, wurde das Haus in Burg verkauft und eine Wohnung in Thüringen gesucht. Schmerzhafter ist da schon der ­Abschied aus der Kirchengemeinde, in der beide seit zwei Jahrzehnten verwurzelt sind. Auch wenn Angers es positiv nehmen, sehen sie klar, dass anderen der Wechsel schwerfällt.

Die Eisenacherin Rosemarie Nennstiel (62) arbeitete 35 Jahre auf dem Pflugensberg. Schon ihre Eltern waren 1966 als Hausmeister ins Landeskirchenamt gezogen. »Es schmerzt mich besonders«, bekennt sie. Nun wird die Verwaltungssekretärin noch ein Jahr nach Erfurt fahren, dann greift ihre ­Altersteilzeit. »Magdeburger und Eisenacher sind zwei Welten«, meint sie.

Angela Knötig (46) ist zuversichtlicher. »Ich kenne ja auch schon einige«, sagt die Leiterin der Schriftgutverwaltung. Und für Edward Schuchardt (38) von der Finanzabteilung ist es sogar eine Erleichterung. Er wohnt in der Nähe Erfurts. So sind die Gefühle trotz allem recht unterschiedlich.

Zudem ziehen nicht alle mit. Aus Magdeburg sind es nur 26, aus Eisenach 86. Manche gehen in den Ruhestand oder haben in anderen kirchlichen Einrichtungen Arbeit gefunden. Andere sind in den Archiven an den alten Standorten beschäftigt. Zu den insgesamt 41 Mitarbeitern, die in Magdeburg bleiben, gehören u.a. die im Büro der Landesbischöfin, im Kinder- und Jugendpfarramt und Ökumenezentrum.

Alle wurden in den Gottesdiensten einzeln gesegnet. Präsidentin Brigitte Andrae überreichte eine kleine Tonscherbe. Die kommt nicht von ungefähr: Als ­Erfurt als künftiger Standort feststand, lag wenig später ein Scherbenhaufen vor dem Haus in Magdeburg. Die ­Eisenacher bedauern, dass »Luthers liebe Stadt« den Bischofssitz verloren hat, wie die ehemalige Mitarbeiterin Anita Herrmann (74) beklagt.

Ob sich so viele Scherben kitten lassen?

Bischöfin Ilse Junkermann beantwortete die Frage in ihrer Predigt mit einem vorsichtigen Ja. Keiner sei nur ängstlich oder nur zuversichtlich. Sie erinnerte an das Psalmwort: Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Es könne Frieden werden zwischen einander widerstreitenden Gefühlen. Denn der Gott der Hoffnung sei auch ein Gott der Geduld und des Trostes. So steht die Zuversicht im Raum, dass eine gute Gemeinschaft im neuen Landeskirchenamt wachsen wird.

Dietlind Steinhöfel/Angela Stoye

Luthers Spuren folgen

13. Mai 2011 von redaktionguh  
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Lutherweg-1

Neues Teilstück des Lutherweges zwischen Möhra und Wartburg eröffnet.

Luther konnte wahrlich nicht wissen, dass er zum »Urbild des modernen Menschen« werden wird, als er vom Reichstag zu Worms kommend durch die einstige Heimat seiner Eltern reiste. »Hinter ihm lag die bittere Erkenntnis, dass weder kirchliche noch staatliche Herrscher seine Argumente annehmen wollten. Und vor ihm lag ein Weg voller Ungewissheit«, erinnerte Landesbischöfin Ilse Junkermann während der Eröffnung des neuen Teilstückes des Thüringer Lutherweges am 4. Mai in Möhra.

Landesbischöfin Ilse Junkermann übergibt den Wanderstab an Gerda Erbe vom Heimat- und Wanderverein Möhra. Der symbolische Wanderstab ist ­geschmückt mit der Lutherrose und dem Schild zur Erstbewanderung des ­Lutherweges zwischen Möhra und Wartburg.	(Fotos: Silvia Rost)

Landesbischöfin Ilse Junkermann übergibt den Wanderstab an Gerda Erbe vom Heimat- und Wanderverein Möhra. Der symbolische Wanderstab ist ­geschmückt mit der Lutherrose und dem Schild zur Erstbewanderung des ­Lutherweges zwischen Möhra und Wartburg. (Fotos: Silvia Rost)

Vor der eindrucksvollen Kulisse der evangelischen Kirche und zu Füßen des Luther-Denkmals fanden sich zahlreiche Gäste ein, um den Weg zwischen dem Lutherstammort und der Wartburg zu eröffnen. Die Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht enthüllte gemeinsam mit der Landesbischöfin der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) und Landrat Reinhard Krebs eine Infor­mationstafel auf dem Lutherplatz. Sie steht vor dem Haus, wo einst Luthers Eltern gelebt haben sollen.

Eine ähnliche Tafel mit Informationen über die Spuren Martin ­Luthers in Thüringen ist unterhalb der Wartburg aufgestellt worden.

Auf den Tag genau vor 490 Jahren wurde der Reformator auf dem Weg von Möhra nach Steinbach im Glasbachgrund in Schutzhaft genommen und auf die Wartburg gebracht. Hier übersetzte er, verkleidet als Junker Jörg, das Neue Testament in die Sprache des Volkes.

Der schwierige, unsichere Weg sei vermutlich für Luther auch ein Weg der Erkenntnis gewesen, so die Bischöfin. Dabei reifte in ihm wohl die Einsicht, weder der ­kirch­lichen noch der weltlichen Macht Untertan sein zu müssen, sondern seinem eigenen Gewissen verpflichtet zu sein, so Junkermann in ihrer Andacht vor über 100 Menschen auf dem Lutherplatz.

Die Landesbischöfin bezeichnete den 17,7 Kilometer langen Abschnitt des Lutherweges zwischen Möhra und der Wartburg als einen ganz besonderen. Mit der Schein-Entführung und dem Wirken auf der Wartburg begann eine neue Wegstrecke für den Reformator.

Er vertraute den neuen Wegen, überwand im Gehen die Starre und die Angst. Diese befreiende Erkenntnis wünschte Junkermann allen Christen und Nichtchristen gleichermaßen beim Wandern auf dem Lutherweg. »Vertraut den neuen Wegen«, forderte die Bischöfin die Menschen auf.

Einen symbolischen Wanderstab mit einer geschnitzten Lutherrose übergab die Landesbischöfin an Gerda Erbe vom Heimat- und Wanderverein Möhra und schenkte der Wandergruppe ihren Reisesegen. Rund 60 Wanderer starteten sodann zur Erstbewanderung des Lutherweges bis zur Wartburg.

Silvia Rost

 

Von der Kirche in den Kuhstall

25. Februar 2011 von redaktionguh  
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Geschäftsführer Andreas Zerneke führte die Landesbischöfin durch den ökologischen Landwirtschaftsbetrieb in Kusey. (Foto: Martin Hanusch)

Geschäftsführer Andreas Zerneke führte die Landesbischöfin durch den ökologischen Landwirtschaftsbetrieb in Kusey. (Foto: Martin Hanusch)


Landesbischöfin Ilse Junkermann besuchte Landwirtschaftsbetriebe in der Altmark.
 

Der 11.000-Liter-Tank blitzt im Licht. Eigens für den hohen Besuch ist die Melkstation im altmärkischen Dannefeld noch einmal poliert worden. »Unsere Milch«, sagt Landwirtin Urte Rötz nicht ohne Stolz, »wird in der Gläsernen Meierei Upahl verarbeitet.« 1998 hat die Wiedereinrichterin mit Hofstellen in Mieste und Dannefeld (Kirchenkreis Salzwedel) auf ökologischen Landbau umgestellt. Im Stall stehen derzeit 120 Milchkühe, dazu bearbeitet das Familienunternehmen mit vier Mitarbeitern insgesamt 465 Hektar Nutzfläche. Zwar könnten sie mit dem Milchpreis nicht ganz zufrieden sein, erklärt die ­Seniorchefin. Doch im Vergleich zur konventionellen Milcherzeugung sei­en sie in der Krise vor zwei Jahren nicht so stark abgesackt.

Aufmerksam hört Ilse Junkermann zu, was ihr die Landwirte erzählen. ­Einen Tag lang hat sich die Bischöfin Zeit genommen, um etwas über die ländliche Situation im Norden der mitteldeutschen Kirche (EKM) zu ­erfahren. Gemeinsam mit dem Stendaler Propst Christoph Hackbeil hat Siegrun Höh­ne, EKM-Beauftragte für den kirchlichen Dienst auf dem Lande, die Tour vorbereitet. Es gehe darum, die Bischöfin für die Fragen des ländlichen Raumes zu sensibilisieren und ihr zu zeigen, welche Rolle die Landwirtschaft in der Region spiele, erläutert Siegrun Höhne.

In den Dörfern stößt der Besuch auf ein großes Echo. »Es passiert ja nicht alle Tage, dass uns eine Bischöfin besucht«, sagt Ortsteilbürgermeister Wilfried Kuhrs in Dannefeld.

Im Landwirtschaftsbetrieb Könnig-Zerneke GmbH in Kusey berichtet ­Geschäftsführer Andreas Zerneke von den schwierigen Anfangsjahren nach der Neugründung 1999. Die Landwirtschaft im Osten sei nach der Wende nicht immer unproblematisch gewesen, erzählt er. Heute arbeite das Unternehmen nach Umstellung auf den Ökolandbau wieder gewinnbringend. Der Betrieb umfasst 400 Hektar Grünland mit Mutterkuhhaltung und 480 Hektar Ackerland. »Aber«, räumt der Geschäftsführer ein, »wir müssen immer wieder auf neue Entwicklungen reagieren.«

Zum Abschluss stattet die Bischöfin der Agrargenossenschaft im benachbarten Immekath einen Besuch ab. Das Unternehmen mit 12 Mitarbeitern ist 1991 aus einer LPG entstanden und bearbeitet heute 1400 Hektar Ackerland. Auch hier dreht sich beim Gespräch vieles um die Veränderungen in der Landwirtschaft. »Mir ist deutlich geworden, welch große Rolle die Enteignung und die Folgen der Wende immer noch spielen«, erklärt die Bischöfin später.

Bei einer abschließenden Runde mit den Landwirten und Verbandsvertretern kommen zudem die aktuellen Probleme auf den Tisch. So machen die Unsicherheiten im Blick auf die Preisentwicklung und bürokratische Vorschriften den Landwirten zu schaffen. Zwar sei die Zahl der Mitarbeiter auf dem Land seit Jahren konstant, berichtet Professor Fritz Schumann, Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes Sachsen-Anhalt. Doch schon heute zeichne sich ein Nachwuchsproblem ab. Derzeit liege das Durchschnittalter der Landwirte in Sachsen-Anhalt bei 48 Jahren.

Sein Kollege Tilmann Schwartzkopff vom Deutschen Bauernbund sieht zudem neue Probleme durch Großinvestoren auf die bäuerlichen Betriebe zukommen. Derzeit kauften Fonds große Flächen auf und spekulierten auf die Wertsteigerung. Und selbst die Kirche bekommt ihr Fett weg. Bei der Verpachtung von Kirchenland müsse sie darauf achten, nicht nur nach dem »schnöden Mammon« zu schielen, sagen die Verbandsvertreter übereinstimmend.

Um dieses Konfliktfeld weiß die Bischöfin durchaus. Seit einiger Zeit sei ein Synodalausschuss dabei, hier Kriterien festzulegen, sagt sie. »Schließlich ist es auch eine Frage der Nachhaltigkeit, dass die Verbindung der Bauern zum Boden wachsen kann.«

Martin Hanusch

15 Euro für eine Stunde

18. Februar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Telefonseelsorge1

Die Telefonseelsorge Halle ruft zur Spendenaktion auf.

Zeit zum Reden ist wichtig, wenn ein Mensch in eine schwierige Lebenssituation gerät, nicht mehr ein noch aus weiß. Mancher fühlt sich in solchen Situationen allein, hat keinen Ansprechpartner, um über Ängste und Nöte zu sprechen. Dann kann die Telefonseelsorge helfen, die für alle gesprächsbereit, anonym und verschwie-gen ist, wo man sich Zeit nimmt beim Zuhören. Der Gedanke der Zeit spielt auch bei der neuen Spendenaktion der Telefonseelsorge Halle eine Rolle. »Spenden Sie uns eine Stunde Zeit!« lautet das Motto, das im übertragenen Sinne zu verstehen ist.

Die Telefonseelsorge Halle ist ein gemeinnütziger Verein, der finanziell von der evangelischen und der katholischen Kirche ebenso wie durch die öffentliche Hand und private Spenden getragen wird. »Die Mittel von Stadt und Land waren jahrelang die gleichen, im letzten Jahr sind sie gekürzt worden«, erläutert Pfarrerin Thea Ilse, Vorstandsvorsitzende der Telefonseelsorge Halle.

»Doch die Ausgaben für Heizung und Honorare für die Supervisoren sind gestiegen.« Immer mehr sei man auf private Sponsoren angewiesen. Aber nicht immer findet man Geldgeber, die größere Summen bereitstellen. »Viele Menschen wollen uns mit kleinen Beträgen helfen«, meint Pfarrerin Dorothee Herfurth-Rogge, die für Organisation, Planung

»Manch einer hat zugunsten einer Stunde für Telefonseelsorge auf ein Geburtstagsgeschenk verzichtet«

und Ausbildung zuständig ist. Mit 15 Euro kann man bereits Gutes tun. Rechnet man alle Ausgaben zusammen, kostet eine Stunde, in der ein Ehrenamtlicher am Telefon ist, gerade 15 Euro. 800 Euro sind so bereits zusammengekommen. Beispielsweise habe manch einer zugunsten einer Stunde für Telefonseelsorge auf ein Geburtstagsgeschenk verzichtet.

Die Telefonseelsorge Halle ist an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr erreichbar. Möglich wird das durch 90 ehrenamtliche Mitarbeiter. 22.600 Geprächskontakte verzeichnete die Telefonseelsorge im vergangenen Jahr. Davon waren über 8.000 echte seelsorgerische Gespräche. Besonders riefen Menschen an, die sich einsam fühlten.

Die Frage nach dem Sinn und einer Orientierung im Leben waren dominierend. Suchtprobleme, Themen wie Sterben, Trauer und Tod spielten dagegen eine untergeordnete Rolle. Stark gefragt ist die Telefonseelsorge bei Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. »Sie machen etwa ein Viertel der Anrufer aus«, sagt Thea Ilse. Allerdings habe es auch rund 7.500 Scherzanrufe gegeben.

Im April 2012 ist die Telefonseelsorge Halle 20 Jahre rund um die Uhr erreichbar. Für das Jubiläum laufen schon die Vorbereitungen. Bischöfin Ilse Junkermann hat für den Festgottesdienst zugesagt. Außerdem ist eine Fachtagung mit anderen Seelsorgestellen geplant.

Claudia Crodel

Weitere Informationen zur Spendenaktion gibt es im Internet: www.telefonseelsorge-halle.de

Verpflichtet zum Mitgestalten

3. Februar 2011 von redaktionguh  
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Kirchen in Sachsen-Anhalt mahnen in ihrem Wahlaufruf die Politik zur Sachlichkeit.sachsen_anhalt

 
»Kirche in der Welt von heute zu sein, dies heißt auch, zu ermahnen und Mut zuzusprechen, dort, wo es erforderlich ist«, begründen die leitenden Geistlichen in Sachsen-Anhalt ihr Wort zur Landtagswahl.

Bewusst sind die Kirchen mit diesem schon fast traditionellen Aufruf zur Betei­ligung an den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt diesmal lange vor dem Termin der Stimmabgabe an die Öffentlichkeit getreten. Denn einen deutlich größeren Schwerpunkt als sonst bildet ein Appell zur Wahl am 20. März an die Politiker selbst. Sie sollten im Wahlkampf schwierige Sachverhalte nicht auf hohle Schlagworte verkürzen, erklärte der katholische Bischof Gerhard Feige in der vergangenen Woche in Magdeburg, wo er zusammen mit Bischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig das »Gemeinsame Wort« präsentierte.

Neben den leitenden Geistlichen des Bistums Magdeburg, der Evange­lischen Kirche in Mitteldeutschland und der Evangelischen Landeskirche Anhalts hat auch der Bischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig, Friedrich Weber, den Aufruf unterzeichnet.

Wie Ilse Junkermann betonte, gehe es den Kirchen auch darum, die Demokratie zu stärken – »und auch jede Wahl ist eine Chance dazu«. »Die Mitgestaltung des Gemeinwesens ist Christenpflicht und Bürgerpflicht«, sagte die Landesbischöfin. Kirchenpräsident Liebig appellierte, dass sich die Bürger auf realistische Erwartungen und Forderungen besinnen sollten. Aber genauso müssten die Kandidaten und Politiker realistisch bei ihren Versprechungen im Wahlkampf sein.

Der Appell umfasst vier Themenkomplexe. Zunächst wird an den Ruf »Wir sind das Volk – wir sind ein Volk« erinnert, der für die ganze friedliche Revolution in der DDR stehe. Aus ihm ergebe sich auch, dass Freiheit »nicht nur ein Geschenk« sei, sondern zu ihr eigene Verantwortung zur Gestaltung des Gemeinwesens gehöre. Adressaten der anderen Kapitel sind Politiker, die Wahlberechtigten und die Christen in den Kirchengemeinden. Sie seien besonders gefordert, als Kandidaten und als Wähler Werte wie die Menschenwürde und »einer auf eigene Identität gegründeten Toleranz anderen gegenüber Glaubwürdigkeit zu verleihen«, heißt es. Das »Wort« soll auch bei Wahlforen von Kirchengemeinden vorgestellt werden.

Karsten Wiedener

 

Beistand in der größten Not

3. Februar 2011 von redaktionguh  
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Große Anteilnahme: ein Kreuz, Blumen und Kerzen erinnern in Horsdorf an den schrecklichen Unfall vom vergangenen Wochenende. (Foto: Martin Hanusch)

Große Anteilnahme: ein Kreuz, Blumen und Kerzen erinnern in Horsdorf an den schrecklichen Unfall vom vergangenen Wochenende. (Foto: Martin Hanusch)


Trauer: 
Nach dem Bahnunglück in Hordorf bei Oschersleben wurden die Einsatzkräfte auch von Seelsorgern unterstützt.

Es war eine Zugfahrt in den Tod. Zehn Menschen starben am vergangenen Sonnabend beim Zusammenstoß eines Güterzuges mit einem Regionalexpress.

Die durchwachte Nacht und der aufreibende Dienst ist dem Pfarrerehepaar noch immer anzusehen. 36 Stunden nach dem verheerenden Zugunglück von Hordorf, bei dem am vergangenen Sonnabend zehn Menschen ums Leben gekommen und 23 zum Teil schwer verletzt worden sind, sitzen Annette und Friedrich von Biela in ihrem Büro und versuchen, das Unfassbare zu fassen. »Wir dachten zuerst, es ist nur eine Übung«, erzählt der Pfarrer. Gegen 23.30 Uhr hätten sie als Mitglieder des Notfallbegleitungsteams im Landkreis Börde einen Anruf aus der Leitstelle erhalten, dass es ein schweres Zugunglück in Hordorf gegeben habe.

Umgehend machen sich die beiden Theologen auf den Weg zur Unglücksstelle. Während Friedrich von Biela in den folgenden sieben Stunden den Einsatz der Seelsorger in der Einsatzzentrale koordiniert, kümmert sich seine Frau um die Verletzten, die in einem Gemeindezentrum der Zeugen Jehovas gleich neben dem Unfallort betreut werden. »Hier ging es vor allem darum, erste Hilfe für die Seele zu leisten«, erzählt Annette von Biela. So steht sie für Gespräche mit Betroffenen bereit und für die Einsatzkräfte, damit diese das Gesehene und Erlebte besser verarbeiten können. Erst viel später nehmen die beiden Pfarrer das ganze Ausmaß des Unglücks wahr, bei dem ein Güterzug in einen Regionalexpress gerast ist. »Das dient sicher auch dem Selbstschutz, damit man in solchen Extremsituationen überhaupt arbeiten kann«, schätzt Friedrich von Biela.

Schockiert über das schwere Zugunglück zeigt sich auch Egelns Superintendent Michael Wegner. Zugleich lobt er den unermüdlichen und professionellen Einsatz der Notfall- und Polizeiseelsorger. Die hätten in Hordorf ganze Arbeit geleistet und gezeigt, dass die Struktur funktioniere. Insgesamt sind vor Ort sieben Seelsorger im Einsatz gewesen. »Bei Bedarf hätten wir jedoch sofort Verstärkung anfordern können«, erklärt der Pfarrer aus Oschersleben.

Aber auch sonst hat die Kirche schnell reagiert. Der Gottesdienst, der am Sonntag für 14 Uhr in Hordorf angesetzt war, wird für ein erstes Gedenken genutzt. Landesbischöfin Ilse Junkermann kommt von einem Termin in Nordrhein-Westfalen dazu. Sie spricht den Angehörigen in einer gemeinsamen Erklärung mit dem anhaltischen Kirchenpräsidenten Joachim Liebig ihr Mitgefühl aus. Im Anschluss an den Gottesdienst besucht sie die Unfallstelle und betet dort für die Opfer, die Angehörigen und Einsatzkräfte.

Von den Helfern vor Ort wird diese geistliche Unterstützung gut angenommen. Gerade für die Einsatzkräfte sei die Präsenz der Notfallseelsorger ausgesprochen wichtig, weiß die sachsen-anhaltische Landespolizeiseelsorgerin Thea Ilse aus langjähriger Erfahrung. Das gebe den Polizisten und Feuerwehrleuten ein Stück Sicherheit, weil im Notfall jemand zum Gespräch da sei.

Inzwischen sind die Trümmer des zerfetzten Regionalzuges zwar weggeräumt. Doch in dem 700-Seelen-Dorf können die Anwohner das Unglück noch immer kaum fassen. »Dass es ausgerechnet uns treffen musste«, klagt Margarete Fuhrmann und schüttelt den Kopf. »Die Gemeinde«, sagt Hans-Martin Tittelmeier, »steht immer noch unter Schock.« Es werde geraume Zeit brauchen, um das zu verarbeiten. Besonders nahe geht den Hordorfern, dass so viele junge Leute unter den Opfern waren.

Auch die Oschersleber Pfarrer müssen nach dem Unglück Abstand gewinnen und neue Kraft schöpfen. »Beim Einsatz«, sagt Annette von Biela, »funktioniert man einfach und macht, was notwendig ist.« Erst jetzt werde ihr vieles bewusst. Auch deshalb ist für die  Notfallseelsorger, die vor Ort im Einsatz waren, der Dienst vorbei. Die Nachsorgegespräche und das Überbringen der Todesnachrichten würden jetzt andere übernehmen, erklärt Thea Ilse. Zudem soll es am Sonnabend einen Gedenkgottesdienst in Halberstadt geben. »Das«, findet die Polizeipfarrerin, »ist ganz wichtig, um auch der Trauer einen geistlichen Rahmen zu geben.«

Martin Hanusch

Der rechte Platz bleibt leer

21. Januar 2011 von redaktionguh  
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Tausende Menschen beteiligten sich in Magdeburg an der »Meile der Demokratie«.
 

An die Luftangriffe von 1944/45 kann sich Elisabeth Zacharias genau erinnern. »Die Panik der Menschen und das Pfeifen der fallenden Bomben werde ich nie vergessen«, sagt sie. Die Magdeburgerin hat den verheerenden Angriff auf ihre Stadt am 16. Januar 1945 vom Stadtrand verfolgt. Heute wünscht sie sich, »dass keine Generation so etwas wieder erleben muss«. Elisabeth Zacharias steht am 15. Januar am Alten Markt und berichtet zum Auftakt der »Meile der Demokratie« gegen den rechten Aufmarsch als Zeitzeugin von ihren Erfahrungen mit dem Bombenangriff auf die Elbestadt.

IMG_1190Doch anders als die Neonazis, die diesen Tag nutzen, um die Geschichte für ihre Zwecke umzudeuten, weiß sie um die Ursachen. »Der von Hitler angezettelte Krieg ist auf grausame Weise nach Deutschland zurückgekehrt«, sagt Elisabeth Zacharias. Aufmerksam verfolgen die Zuhörer, was sie zu berichten weiß. Zum dritten Mal haben ein breites Bündnis und die Stadt zu einer solchen Meile aufgerufen. Am Ende des Tages sind es etwa 6.000 Menschen, die dem Aufruf Folge geleistet haben – deutlich mehr als in den Jahren zuvor.

Wie notwendig der Einsatz gegen den Missbrauch des verheerenden Bombenangriffs ist, macht zu Beginn der Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) deutlich. »Wir lassen uns den 16. Januar nicht von Ewiggestrigen verdrehen«, ruft er den Teilnehmern zu. Die Meile der Demokratie solle dagegen zeigen, wie bunt und vielfältig die Stadt sein könne. »Und wir werden alles dafür tun, dass das so bleibt«, fügt er unter dem Beifall der Zuhörer hinzu. Als Gastredner fordert Romani Rose vom Zentralrat der Sinti und Roma die Besucher auf, »diejenigen in die Schranken zu weisen, die die Uhr zurückdrehen« wollten. Vor 66 Jahren sei die deutsche Gesellschaft von einer menschenverachtenden Ideologie befreit worden, der mehr als sechs Millionen Juden und hunderttausende Sinti und Roma zum Opfer gefallen seien. Heute komme es darauf an, sich aus der Mitte der Gesellschaft gegen die dumpfen Parolen zu wenden.

IMG_0856Genau das passiert an diesem Tag, an dem keineswegs die ernsten Töne dominieren. Die fast zwei Kilometer lange »Meile« entlang des Breiten Weges ist auch ein buntes Fest mit zahlreichen Bühnen und Informationsständen, Kultur und Aktionen. So interviewen junge Leute Prominente unter dem Motto »Mein rechter, rechter Platz bleibt leer!« zu Demokratie und ihrem Engagement. Mehrere hundert Menschen – darunter zahlreiche Politiker von Wulf Gallert (Linke) über Sören Herbst (Grüne) bis Wigbert Schwenke (CDU) – beteiligen sich zudem am Band der Demokratie. Aufgerufen dazu haben das Magdeburger »Bündnis gegen Rechts« und die Landeshauptstadt. Insgesamt seien fast 150 Vereine, Parteien, Gewerkschaften, Geschäftsleute und Schulen beteiligt, erklärt die frühere Magdeburger Superintendentin Waltraut Zachhuber nicht ohne Stolz.

Auch die Kirchen sind wieder mit von der Partie. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Hundertwasserhaus haben Kirchenkreis und Bistum ihre Bühne aufgeschlagen. Neben einem Podiumsgespräch mit dem sachsen-anhaltischen Innenminister Holger Hövelmann (SPD) zum Thema Integration gibt es ein umfangreiches Programm, u. a. mit dem Kammerchor der Nicolaigemeinde, dem »SaxnAnhalt Orchester« oder dem Theater Herzsprung. Landesbischöfin Ilse Junkermann ruft die Teilnehmer zum Hinschauen auf, wenn das Ansehen und die Würde von Menschen beschädigt werden.

Franziska (19) und Denise (18) vom Norbertusgymnasium wundern sich, wie viele junge Leute dabei sind. »Das ist ein wichtiges Signal«, finden sie. Ein Zeichen setzen will auch Irmgard Eberts. Die 74-jährige Magdeburgerin ist bereits in den vergangenen Jahren dabei gewesen, um sich gegen den rechten Aufmarsch zu wenden. »Ich«, sagt sie mit einem Kopfschütteln, »verstehe gar nicht, warum Jugendliche da mitmarschieren können.«

Martin Hanusch
Fotos: Viktoria Kühne

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