Eine sichere Bank

6. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Mikrokredite: Siglinde Enzmann hilft seit 26 Jahren über Oikocredit anderen Menschen

Mit der Wiedervereinigung 1990 schien alles möglich. Für das Geld, was in der DDR mangels Angeboten nicht ausgegeben werden konnte, gab es fast unbegrenzte Konsummöglichkeiten. Für Glücksritter waren auch schnelle Gewinne an den Börsen oder durch andere Investitionen möglich. Zur Sicherheit gab es noch das alte gute Sparbuch. Das alles interessierte Siglinde Enzmann nur wenig. Die Dessauerin ging damit nicht einkaufen, legte es nicht aufs Sparbuch und investierte auch nicht in Unternehmen. »Ich investierte lieber in Menschen«, sagt die ehemalige Leiterin der Frauen- und Familienarbeit der Landeskirche Anhalts.

Ihr Geld kam und kommt Näherinnen in Indien, Kaffeebauern in Guatemala oder Alpaka- und Vikunjawolle-Produzenten im Hochland von Peru zugute. Siglinde Enzmann ist Mitglied bei Oikocredit, einer ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft, die weltweit Mikrokredite vergibt. Geistiger Vater dieses Finanzinstruments ist der Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus aus Bangladesh. Ende der 1970er-Jahre gründete er die Grameen Bank. Seine Idee war es, Menschen, die wegen zu geringen Kapitalbedarfs und/oder durch fehlende Sicherheiten für klassische Banken als Kreditnehmer nicht infrage kommen, trotzdem einen Kredit zu fairen Bedingungen zu gewähren und ihnen so den Aufbau einer wirtschaftlich gesicherten Existenz zu ermöglichen.

Engagiert: Die Dessauerin Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Foto: Danny Gitter

Engagiert: Die Dessauerin Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Foto: Danny Gitter

Manchmal sind es umgerechnet nur einige hundert Euro, zum Beispiel für den Kauf einer Nähmaschine und etwas Stoff dazu. Diese ermöglichen es, besondere Kleidungsstücke herzustellen und zu verkaufen. Von dem Erlös wird die Anfangsinvestition beglichen, und es wird in neue Stoffe investiert, um mehr zu verkaufen. Damit haben Menschen die Chance, bitterster Armut und Ausbeutung zu entkommen sowie die eigene oder sogar die Existenz der ganzen Familie zu sichern. Zahlreiche solcher Beispiele gibt es Dank Mikrokrediten etwa in Indien und Bangladesch.

Für seine Idee, auf diese Weise Armut zu bekämpfen und den Frieden in schwach entwickelten Regionen zu sichern, bekam Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis. Entwicklungsgenossenschaften wie Oikocredit nahmen und nehmen den Gedanken der Mikrokredite auf und unterstützen damit weltweit dieses Finanzinstrument. 1975 hat sich die Organisation in den Niederlanden gegründet – und mittlerweile weltweit über 35 Länderbüros mit 160 hauptamtlichen Mitarbeitern, über 340 Millionen Euro an vergebenen Krediten und über 30 000 Genossenschaftsmitglieder.

Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Sie investierte einst 3 000 D-Mark. Inzwischen hat sie ihre Anteile auf 5 000 Euro aufgestockt. Durch ihre Arbeit als Leiterin der Frauen- und Familienarbeit der Landeskirche Anhalts, die sie bis zu ihrem Ruhestand 1995 ausübte, habe sie »schon immer über den Tellerrand geschaut«, sagt Siglinde Enzmann. Da war es für die heute 82-Jährige nur folgerichtig, sich bei Projekten wie Oikocredit zu engagieren.

Für sie und die anderen Mitglieder ist das in mehrerer Hinsicht eine sichere Bank. Das Ausfallrisiko der Kredite ist sehr gering. Jedes Jahr gibt es eine Zinsgutschrift von zwei Prozent. Auf jährlichen Mitgliederversammlungen wird Rechenschaft abgelegt. Da geht sie immer mit einem guten Gefühl heraus, wenn sie hört, wie einfach und effektiv es sein kann, Menschen zu helfen. »Damit alleine können wir sicherlich nicht die Welt retten. Aber wir sind oft schon einen Schritt weiter als die Politik«, stellt Siglinde Enzmann zufrieden fest.

Danny Gitter

Das Leben der anderen

19. Juni 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Interreligiöser Dialog: »Wir müssen uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen« – Christen und Moslems begegnen sich

Dialog, aus dem Griechischen  für »sich unterhalten«, scheint einfach, wenn es um das Gespräch mit Gleichgesinnten geht. Doch wie funktioniert der Dialog der Religionen? Ein Selbstversuch.

Ein Schild am Kellereingang im Hinterhof, das war’s. Zur gängigen Vorstellung von einer Moschee passt dieser Ort nicht. Die schwere Kellertür steht offen. Drinnen Teppichboden, draußen stehen Schuhe. Dass sich hierher jemand zufällig verirrt, ist unwahrscheinlich. Ich bin verabredet mit Vertretern des Vereins »Haus des Orients« und mit Ramón Seliger, Vikar in der evangelischen Kirchengemeinde Weimar. Es soll um den interreligiösen Dialog gehen oder einfacher ausgedrückt, um Begegnung. Was wissen wir voneinander und wie leben wir unseren Glauben im Alltag? Ein spannendes Experiment. Osama Hegazy, promovierter Architekt aus Ägypten, bittet uns freundlich, auf dem Boden Platz zu nehmen. Im Hauptberuf kümmert er sich im Jobcenter als Vermittler um Flüchtlinge und Migranten aus arabischen Ländern. Für die Moschee und den Verein ist er ehrenamtlich tätig. Auch der Imam, der Vorbeter, Krim Seghiri aus Algerien. Der Prüftechniker arbeitet in der Woche in Augsburg. Zum Freitagsgebet ist er pünktlich in Weimar zurück.

Ramón Seliger (Mitte), Krim Seghiri (re.) und Osama Hegazy (li.) im »Haus des Orients« in Weimar – ein Pfeil an der Decke zeigt nach Mekka. Fotos: Harald Krille

Ramón Seliger (Mitte), Krim Seghiri (re.) und Osama Hegazy (li.) im »Haus des Orients« in Weimar – ein Pfeil an der Decke zeigt nach Mekka. Fotos: Harald Krille

Im Moment verbringen sie viel Zeit in der Moschee. Es ist Ramadan. Fünf Gebetszeiten pro Tag. Nach Sonnenuntergang darf gegessen und getrunken werden. Mit Sonnenaufgang wird gefastet und gebetet. Das ist diesmal eine besondere Herausforderung. Die Sonne geht bereits um 3 Uhr auf und erst nach fast 19 Stunden unter. »Das Leben im Ramadan ist anders«, erklärt Hegazy. Die Muslime leben in dieser Zeit wie eine Familie zusammen. Das Fasten ist eine gemeinsame religiöse Übung. Nur Kinder, Schwangere und Kranke sind ausgenommen. Der Ramadan sei ein Monat der Einkehr und Sammlung. So wie das wöchentliche Freitagsgebet. Sie treffen sich im »Haus des Orients«. So nennen sie den Versammlungsraum im Keller. 65 Quadratmeter, auf denen sich bis zu 150 Gläubige drängeln. Sie kommen aus Pakistan, Tunesien, Marokko, Libyen, Sudan, Eritrea, Irak, Syrien, Bangladesch, Indonesien oder aus europäischen Ländern. Die arabischen Worte des Vorbeters werden ins Deutsche, Englische und in Urdu, einer Sprache die in Pakistan und Indien gesprochen wird, übersetzt. Durch die Flüchtlinge ist der Raum viel zu klein geworden. Dicht stehen die Männer beim Freitagsgebet hintereinander.

Ramón Seliger hört interessiert zu. Der Vikar sucht den Kontakt zwischen der Kirchengemeinde und den Muslimen. Er will Beziehungen aufbauen, das Kennenlernen befördern. Nach dem Attentat von Paris hat er Muslime besucht und ihnen gesagt, dass er für sie bete. Er sieht im interreligiösen Dialog auf Gemeindeebene auch eine diakonische Dimension. Und er möchte das religiöse Leben der Muslime aus dem Hinterhof herausholen in die Öffentlichkeit. »Wir müssen uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen«, meint er. Osama Hegazy nickt: »Vor allem für unsere Kinder ist es wichtig, nicht isoliert aufzuwachsen.« Deshalb sei er froh, wenn es Begegnung zwischen den Religionen gäbe und wenn man sich in der Moschee oder in der Kirche treffen könne. Er selbst habe in Alexandria eine katholische Schule besucht. Für ihn ist wichtig, dass hier ein religiöses Leben deutscher Prägung entstehe und nicht islamische Traditionen aus anderen Ländern importiert würden.

»Ein Theologe, der hier ausgebildet wird, kann ganz anders entscheiden«, so Hegazy. Auch in der Gesellschaft sei Aufklärung nötig, ergänzt Seliger. »Die Sachbearbeiter auf den Ämtern können sich oft nicht vorstellen, welche Bedeutung die Religion für Menschen haben kann.« Deshalb wollen Osama Hegazy und Krim Seghiri ihr Haus offen halten und das Gespräch suchen. Für sie zählt zunächst der Mensch und nicht die Religionszugehörigkeit. In der Ausgrenzung sehen sie die größte Gefahr. Dadurch würden Menschen empfänglich für radikale Ansichten. Auch da sind sich der Vikar und der Imam einig, bei aller Unterschiedlichkeit.

Bevor sie auseinander gehen, werden Kontaktdaten ausgetauscht. Es soll eine Fortsetzung geben. Dann in einer Kirche und mit den Familien. Ein Anfang ist gemacht.

Willi Wild

Ungetauft und doch Christ

25. März 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Ökumene: Partnerschaft heißt Austausch auf Augenhöhe beim Ökumenefachtag in Leipzig

Das Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum und das Leipziger Missionswerk luden am 12. März zu einem Ökumenefachtag nach Leipzig ein. Zugegen waren Vertreter evangelischer Kirchen aus Indien, Tansania und Papua-Neuguinea.

Die Pfarrer Samson Moses Pratab Kumar aus Indien, Seth Yona Mlelwa aus Tansania und Matei Ibak aus Papua-Neuguinea (von links) sind bis Ende Mai in ­Mitteldeutschland unterwegs. Foto: LMW/Antje Lanzendorf

Die Pfarrer Samson Moses Pratab Kumar aus Indien, Seth Yona Mlelwa aus Tansania und Matei Ibak aus Papua-Neuguinea (von links) sind bis Ende Mai in ­Mitteldeutschland unterwegs. Foto: LMW/Antje Lanzendorf

Kann man ein guter Christ sein, ohne getauft zu sein? Diese Frage stellt sich in Indien auf besondere Weise. Ein Wechsel zum Christentum ist auf dem Subkontinent mit dem Verlust von Privilegien verbunden. In sechs Einzelstaaten gelten Gesetze, die die Konversion vom Hindus verbieten. Viele Inder leben deshalb als sogenannte verdeckte Christen, sind ungetaufte Kirchenglieder. Von zehn Prozent Christen unter den 1,2 Milliarden Indern geht Samson Moses Pratab Kumar, Gemeindepfarrer der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, aus. Die offizielle Statistik zählt 2,5 Prozent Christen. Pfarrer Pratab Kumar bereist gegenwärtig Mitteldeutschland. Gemeinsam mit Pfarrer Seth Yona Mlelwa aus Tansania und Pfarrer Matei Ibak aus Papua-Neuguinea betreibt er zwölf Wochen »Mission to the North« (Mission im Norden). So heißt das Besuchsprogramm für Glieder der drei Partnerkirchen des Leipziger Missionswerks (LMW).

Dabei geht es um eine »Mission auf Augenhöhe«, wie Hans-Joachim Döring, Leiter des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), sagt. Was einschließt, »dass man Zeit und Mittel in die Hand nimmt, um sich zu begegnen, und Raum findet, miteinander zu sprechen«.

Diese Zeit nahmen sich drei Pfarrer aus dem Süden sowie Multiplikatoren aus den Kirchenkreisen der EKM bei dem Fachtag »Ökumene durch Austausch« im Missionswerk. Das Ökumenezentrum organisierte die Tagung, hat die mitteldeutsche Landeskirche doch ihre Partnerschaften in Übersee mit dem LMW verknüpft.

Die Möglichkeit einer gestaffelten Kirchenzugehörigkeit, ohne getauft zu sein, findet Hans-Joachim Döring spannend. Dabei denkt er an die gut 200 Bauvereine im Kirchengebiet der EKM, wo sich Getaufte und Ungetaufte gemeinsam für den Erhalt der Kirche im Ort engagieren und damit mehr als ein Gebäude sichern.

In Indien allerdings verdeutlicht das Massenphänomen der verdeckten Christen die eingeschränkte Religionsfreiheit. Bemühungen radikaler Hindus nach religiöser Homogenisierung des Landes, etwa durch Gesetze, die den Religionswechsel untersagen, könnten diese Bedrängnis noch verstärken.

Zudem müssen sich Christen in ­Indien ganz elementaren Herausforderungen stellen wie einen Zugang zu Wasser, beschreibt Pfarrer Pratab Kumar. Der Kampf gegen Hunger rangiere für die tamilische Kirche weit vor einer Diskussion ökumenischer Fragen, fügt Pfarrer Volker Dally an. Hier geht es also weiter um die bekannten Fragen der Entwicklungszusammenarbeit. Volker Dally, der Direktor des Leipziger Missionswerks, sieht eine gute Zukunft in mehr theologischem Austausch. Davon profitieren beide Seiten, wie jüngst auf einem gemeinsam durchgeführten Pastoralkolleg von EKM und tamilischer Kirche geschehen. Ein Modell, das auch mit ­anderen Partnerkirchen des Leipziger Missionswerkes durchgeführt werden kann, so Dally.

Erneut betroffen zeigt sich Hans-Joachim Döring von der Bedrängnis der Christen in Tansania. Neben den Erfolgen der eigenen Missionsarbeit berichtete Pfarrer Seth Yona Mlelwa von der offensiven und politisierten muslimischen Mission im Land.

Augenhöhe stellt sich für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Papua-Neuguinea mittlerweile auch organisatorisch her. Vom Beginn der Mission 1886 bis zur heute großen lutherischen Kirche sieht man sich in einer Zeit des »Exodus der Missionare«, setzt auf Abnabelung von den Partnerkirchen. Das ist gelebtes Durchdringen von Christentum und regionaler Tradition, wenn man so will. Wie kann Partnerschaft zukunftsfähig neu gestaltet werden, lautet deshalb für Volker Dally die Frage.

Gernot Borriss