Wir sind alle Ebenbilder Gottes

6. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Seit Juli vorigen Jahres ist der Theologe Erhard Hilmer Beauftragter für die Sinnesbehindertenseelsorge und Inklusion an den evangelischen Schulen in der Landeskirche Anhalts. Angela Stoye sprach mit ihm über das umstrittene Thema Inklusion.

Herr Hilmer, wie sehen Sie das mit der Inklusion?
Hilmer:
Es ist ein Menschenrecht und nichts Fakultatives, wie manche leider immer noch meinen. Inklusion gilt auch für Kirchen und ihre Gemeinden. Das Bibelwort »Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde« bedeutet, Menschen in ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit wahr- und anzunehmen. Ich lese auch die Heilungsgeschichten aus dem Neuen Testament so. Wenn Jesus jemandem die Augen öffnet oder ihn wieder gehen lässt, traut er ihm etwas zu, holt ihn vom Ausgestoßensein in die Gesellschaft zurück. Jesus hat etwas getan, das den Menschen seiner Zeit anstößig erschien. Auch mit der Inklusion wird etwas angestoßen, das bisher nicht selbstverständlich ist und das manche für utopisch halten.

Das klingt so, als benötigten manche nur einen Schubs und schon klappt es.
Hilmer:
So einfach ist es nicht. Inklusion ist immer individuell. Es muss genau geschaut werden, was der jeweilige Mensch benötigt und was die Menschen um ihn herum benötigen. Aus meinen Berufsjahren als Religionslehrer und als Schulbegleiter für ein Inklusionskind weiß ich, dass es strukturelle Hürden und verschiedene Meinungen gibt. Doch es gibt viele gute Gründe für Inklusion. Nicht nur Inklusionskinder können in ihren sozialen Beziehungen enorm bereichert werden, sondern auch die anderen Kinder in der Inklusionsklasse und der jeweiligen Schule. Ablehnende Haltungen sind eher auf Seiten der anderen Eltern, der Schulen und Behörden zu finden.

»Inklusion entspricht der christlichen Botschaft«, sagt der Theologe Erhard Hilmer. Foto: Landeskirche Anhalts

»Inklusion entspricht der christlichen Botschaft«, sagt der Theologe Erhard Hilmer. Foto: Landeskirche Anhalts

Warum das?
Hilmer:
Bisher herrscht oft noch die Grund­annahme vor, dass Menschen mit einer Behinderung in separaten Einrichtungen besser aufgehoben sind und sich in die vorgegebenen Möglichkeiten von Schule und Gesellschaft einpassen sollen. Inklusion ist aber mehr: Sie erfordert, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse, die bestimmte Menschen von der Teilhabe ausschließen, verändert werden. Und das ist, gebe ich zu, oft nicht so einfach, vor allem wenn finanzielle Gründe und der Druck in unserer Leistungsgesellschaft die wichtigere Rolle spielen.

Was geschieht bisher, wenn Eltern ein Kind mit Behinderung bekommen?
Hilmer:
Skandalös empfinde ich, wenn Eltern sich dafür rechtfertigen müssen oder ihnen zustehende Unterstützung erst einklagen müssen. Andererseits engagieren sich Erzieher(innen) und Lehrer(innen) in Frühförderstellen, integrativen Kindergärten und in den Förderschulen sehr für Mädchen und Jungen mit besonderem Förderbedarf. An einigen Regelschulen gibt es auch schon positive Erfahrungen mit Inklusion.

Ich verstehe, dass es bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Fördereinrichtungen Ängste gibt. Aber ihre Fachkompetenz ist doch mit dem Voranschreiten der Inklusion auch weiterhin gefragt. Und ich weiß, dass Schulen unter personeller Unterversorgung und bürokratischem Mehraufwand stöhnen. Aber es wird sich nur dann etwas ändern, wenn alle in Sachen Inklusion an einem Strang ziehen. Denn es gibt aus meiner Sicht nur sehr wenige wirkliche Gründe, die gegen die Inklusion eines Kindes sprechen. Doch Fördereinrichtungen schnell abzuschaffen, ist nicht der Weg. Im Zuge der Entwicklung in Richtung Inklusion sollten sie entsprechend weiterentwickelt werden.

Wie kann es vor Ort weitergehen?
Hilmer:
In kleinen konkreten Schritten. Zum Beispiel gab es in Dessau im Januar zum ersten Mal ein Treffen von Eltern und Interessierten, aus dem eine Initiative beziehungsweise ein Netzwerk für Inklusion entstehen kann. Im Mittelpunkt soll der Erfahrungsaustausch stehen. Wir wollen gemeinsam Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung überlegen. Ebenso wollen wir Wege für das weitere Durchsetzen dieses Menschenrechtes in unserer Gesellschaft ausloten. Dazu sind weitere Interessierte – auch aus anderen Orten – herzlich willkommen. Ich finde, wenn wir eine inklusive Gesellschaft sein wollen, müssen wir zeitig in Kindertagesstätten und Schulen anfangen, damit die Teilhabe aller zur Selbstverständlichkeit wird.

Und wie ist es in der Kirche?
Hilmer:
Unsere Landeskirche Anhalts hat für den Themenbereich der Inklusion einen Stellenanteil bereitgestellt und damit verdeutlicht, dass Inklusion wichtig ist und Kirche aktiv daran mitwirkt. Kirche und Gemeinde ist ein Begegnungsraum für alle. Inklusion entspricht der christlichen Botschaft und kann in der Gemeinde konkret gelebt werden. Dies können wir nur gemeinsam verwirklichen und ich freue mich, als Ansprechpartner bei Fragen, Anregungen oder für Hilfen zur Verfügung stehen zu können.

Kontakt zu Erhard Hilmer unter Telefon (01 74) 2 47 29 83 oder per E-Mail <erhard.hilmer@kircheanhalt.de>

Inklusion? Das ist doch ganz normal!

5. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Maximilian Zabel aus den Werkstätten der Stadtmission Halle trainiert mit Nichtbehinderten bei Turbine Halle und ist dort völlig gleichberechtigt.

Maximilian Zabel dreht gern kleine Videos mit dem Handy, bringt Hund Enna Kunststücke bei und bolzt mit Bruder Jonas auf der Wiese vor dem Haus. Seine größte Leidenschaft aber ist das Speed-Skating. Er hat bereits erstaunliche Erfolge in der Sportart auf den schnellen Rollen erzielt, Medaillen, Pokale und Urkunden eingeheimst. Jede Woche trainiert er zweimal bei Turbine Halle mit Marvin und Noel aus dem Elisabeth-Gymnasium, mit Annika, Julia, Moritz und weiteren Jugendlichen. Doch während die anderen morgens zur Schule gehen, fährt Max – wie alle ihn nennen – mit dem Behindertentransport nach Oppin im Saalekreis in die Behindertenwerkstätten der Stadtmission Halle. Der 19-Jährige, der zuvor eine Schule für Geistigbehinderte in Halle besucht hat, ist dort seit Anfang September tätig.

Nur eine Auswahl seiner Medaillen zeigt der junge Sportler Maximillian Zabel, der in den Werkstätten der Halleschen Stadtmission arbeitet. Foto: Claudia Crodel

Nur eine Auswahl seiner Medaillen zeigt der junge Sportler Maximillian Zabel, der in den Werkstätten der Halleschen Stadtmission arbeitet. Foto: Claudia Crodel

Die Behindertenwerkstätten der Stadtmission legen viel Wert auf Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Zum Beispiel gibt es jährlich ein integratives Fußballturnier und das Open Air Festival »Rock an der Halde« in Johannashall. Doch während dort Nichtbehinderte zu den Behinderten kommen, um gemeinsam etwas zu erleben, ist das bei Max’ sportlicher Betätigung etwas anders.

Das Speed-Skating hatte Max im Alter von elf Jahren für sich entdeckt. Seine Pflegemutter ging damals auf Trainerin Petra Strüver zu und fragte, ob sie auch Kinder wie Maximilian unter ihre Fittiche nehmen würde. Für Petra Strüver war das kein Problem. »Bei uns kann jeder mitmachen, ob er dick ist oder dünn, egal wo er herkommt, aus welchen sozialen Verhältnissen er stammt oder was auch immer«, so lautet die Devise der Trainerin. Für sie ist am Sport wichtig, dass er verbindet und man in der Gruppe voneinander lernt. Jeder wird als Person gesehen und ist gleichberechtigt. »Max war der Erste mit einer geistigen Behinderung bei uns. Mittlerweile sind noch zwei Mädchen dazugekommen. Mandy, die mit in der Gruppe von Max trainiert, und Emilia, die in einer anderen Trainingsgruppe untergekommen ist«, erläutert die engagierte Trainerin. Natürlich sei es so, dass diese Jugendlichen bestimmte Dinge nicht wissen, taktische Sachen nicht kalkulieren können und dass man vieles anders erklären muss, aber das sei kein Problem.

Und was sagen die anderen aus Maximilians Trainingsgruppe? »Inklusion?«, fragt der 14-jährige Noel und schaut skeptisch. »Dass Max mit uns trainiert, das ist doch ganz normal!«, findet er. »Wir wissen, dass Max ein bisschen anders tickt. Aber es funktio­niert ja. Wenn wir ihm etwas sagen, dann macht er das auch, bei der Staffel beispielsweise. Umgekehrt sagt Max auch, wenn er was will. Und mit den anderen Jungs unterhält er sich auch über ganz alltägliche Sachen«, meint die 18-jährige Annika, die schon im Verein war, als Max vor acht Jahren dazustieß.

Maximilian hat sportlich viel drauf, ist so gut in seiner Sportart, dass er bei Special Olympics, den Sportwettkämpfen für geistig behinderte Menschen, auf nationaler Ebene allen voraus ist. International – er war sogar bei der Weltmeisterschaft in Los Angeles – hat er natürlich mehr Konkurrenz. Doch auch von dort kam er mit zwei Medaillen zurück. Zudem ist Maximilian Athletensprecher des Landes Sachsen-Anhalt bei Special Olympics. Und auch an Wettkämpfen mit Nichtbehinderten nimmt er erfolgreich teil, in der Breitensport- und Fitnessklasse. »Oftmals wissen die anderen Teilnehmer dort gar nicht, dass Max behindert ist«, sagt Trainerin Petra Strüver.

Claudia Crodel

»Eine Bereicherung für alle«

5. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Fazit von Behindertenvertretern: Inklusion ist noch keine Normalität

Jürgen Schmidt aus Wasungen ist der Vorsitzende des Behindertenverbandes des Landkreises Schmalkalden-Meiningen. Ein Gespräch mit ihm und der ebenfalls im Vorstand engagierten Nicole Strauch aus Meiningen über Chancen und Barrieren.

Herr Schmidt, Sie engagieren sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Überschneidet sich der Begriff mit Integration?
Schmidt:
Vorsicht! Integration heißt, dass jemand – oder etwas – ausgegliedert ist und nun wieder eingegliedert werden soll. Inklusion hingegen bedeutet, dass jemand bereits Teil des Systems ist, aber die Bedingungen müssen für ihn noch geändert werden. Inklusion ist eine große Chance für die Gesellschaft, nämlich alle Menschen mit ihren Fähigkeiten und Gaben zu sehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, statt sie auf ihre Defizite zu reduzieren. Das ist eine Bereicherung für alle.

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Frau Strauch, wie normal ist Inklusion mittlerweile?
Strauch:
Inklusion ist leider noch nicht zur Normalität geworden. Es wird zwar viel über Inklusion gesprochen, aber die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 durch Deutschland ratifiziert wurde, ist bisher eher schleppend vorangekommen und das in allen Bereichen. Ich würde mir besonders wünschen, dass mehr Kitas inklusiv wären und auch der gemeinsame Unterricht an allen Schulen zur Normalität würde. Das wäre schon ein großer Fortschritt.

Schmidt: Zunächst müssen einmal die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn beispielsweise eine Schule neu- oder umgebaut wird, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von Barrierefreiheit. Oft kommt dann das Argument, dass ja gar kein Kind mit Rolli die Schule besucht. Das ist aber auch gar nicht möglich, weil ja die Bedingungen gar nicht gegeben sind. Ist dann erst einmal ein Fahrstuhl da, haben alle etwas davon – Eltern mit Kinderwagen oder ältere Personen.

Erleben Sie Ausgrenzung im Alltag?
Schmidt:
Ja, etwa in den Arztpraxen. Wir haben keine freie Arztwahl, da die Barrierefreiheit nicht überall gegeben ist. Wenn ich Inklusion möchte, muss ich in der Gesellschaft nicht nur ein Bewusstsein dafür schaffen, sondern auch Geld in die Hand nehmen für bauliche Veränderungen. Hier beraten wir in den Behindertenbeiräten über den Landkreis und die Städte Schmalkalden und Meiningen. Das ist ein Teil der Verbandsarbeit. Wir unternehmen aber auch viel und mobilisieren die Menschen, am Leben teilzunehmen, ihre Teilhabe einzufordern. Hilfe zur Selbsthilfe ist sehr wichtig.

Für wie viele Menschen machen Sie sich in Ihrer Region stark?
Schmidt:
In Deutschland haben etwa zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung offiziell anerkannte Behinderungen. Dazu gehören Sinnes-, Körper- oder Lernbehinderungen, angeborene oder im Laufe des Lebens erworbene Behinderungen. Dennoch sind wir im Landkreis gerade einmal dreißig Mitglieder im Verband. Es ist schwer, die Betroffenen zu erreichen und zur aktiven Mitarbeit zu bewegen.

Susann Winkel

Weitere Informationen zur Verbandsarbeit:

www.behindertenverband-sm.de

Ein Geben und Nehmen

5. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Es war eine zufällige Begegnung vor wenigen Tagen; und ich vermute, dass ich sie so bewusst wahrnahm, war der Tatsache geschuldet, dass wir für diese Ausgabe der Kirchenzeitung das Thema Inklusion eingeplant hatten.

Der junge Mann im Rollstuhl hatte die Straße überquert und fuhr unmittelbar vor mir auf den Gehweg, die Kapuze angesichts der Kälte tief ins Gesicht gezogen. Eine Weile bewegten wir uns gleichauf und ich gebe zu: Ich habe meine Schritte ein wenig gebremst, um nicht so offensichtlich vorauszueilen, wie das eine junge Frau tat, die uns mit weit ausladenden Schritten überholt hatte. Ich fand das irgendwie taktlos.

Nach etwa hundert Metern ging es auf dem Gehsteig wegen einer Tagesbaustelle nicht mehr weiter; ein Schild wies darauf hin, dass Fußgänger die Straßenseite wechseln sollten. Ich sah, dass das für den Rollstuhlfahrer nicht einfach werden würde, diverse Stolperfallen wie Baumwurzeln, unbefestigter Boden und ein Bordstein versperrten den Weg.

Beide hatten wir vor dem Hindernis gestoppt. Und nun? Für einen kurzen Moment zögerte ich: Ist es »politisch korrekt«, ihn anzusprechen, oder wird er mein Hilfsangebot womöglich als herablassend empfinden, gar als Mitleidsgeste? Aber auf mein »Brauchen Sie Hilfe?« kam ein freundliches »Ja bitte!«. Und zusammen haben wir die unweg­same Stelle dann geschafft.

»In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein. Und davon profitieren wir alle: zum Beispiel durch den Abbau von Hürden, aber auch durch weniger Barrieren in den Köpfen, mehr Offenheit, Toleranz und ein besseres Miteinander«, heißt es auf der Homepage von »Aktion Mensch« zur Definition des Begriffs Inklusion.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Adrienne Uebbing

Inklusion mit Augenmaß

3. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Kirche, Diakonie und Inklusion sind nahe Geschwister; Maßstab für das Gelingen von Inklusion ist immer der konkrete Mensch.

Wenn Inklusion heißt, Menschen mit Behinderungen zu einer höchstmöglichen Teilhabe mitten im Leben unserer Gesellschaft zu begleiten und die dafür notwendigen Strukturen zu schaffen, Kranken, schuldig Gewordenen, körperlich und seelisch Verletzten beizustehen, dann folgen Kirche und Diakonie den Spuren und dem Auftrag Jesu.

Sein Kompass ist eindeutig: Er hatte einen liebenden Blick für suchende, verletzte Menschen, für Menschen mit zweifelhaftem Ruf, für Marginalisierte und Traumatisierte. Jesu inniges Beten hat ihn nicht von der Nähe zu Menschen weg-, sondern geradewegs zu ihnen hingeführt.

»Mit dem Wort Inklusion wird ein Paradigmenwechsel markiert. Es geht nicht mehr um die Integration einer kleinen abweichenden Minderheitsgruppe in die ›normale‹ Mehrheit. Vielmehr soll die Gemeinschaft so gestaltet werden, dass niemand aufgrund seiner Andersartigkeit herausfällt oder ausgegrenzt wird«, formulierte der Vorsitzende des Rates der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, im Vorwort der Orientierungshilfe zur Inklusion. Illustration: Aktion Mensch

»Mit dem Wort Inklusion wird ein Paradigmenwechsel markiert. Es geht nicht mehr um die Integration einer kleinen abweichenden Minderheitsgruppe in die ›normale‹ Mehrheit. Vielmehr soll die Gemeinschaft so gestaltet werden, dass niemand aufgrund seiner Andersartigkeit herausfällt oder ausgegrenzt wird«, formulierte der Vorsitzende des Rates der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, im Vorwort der Orientierungshilfe zur Inklusion. Illustration: Aktion Mensch

Das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe hat Jesus in seiner jüdischen Glaubensüberlieferung vorgefunden und neu in den Mittelpunkt gerückt. In den Spuren Jesu haben viele eine erstaunliche Erfahrung gemacht: Wer versucht, ganz in Gott einzutauchen, sich ihm und seinem Willen (vgl. die Vaterunser-Bitte) zu überlassen, der taucht neben dem Menschen wieder auf. Und umgekehrt: Wer sich Menschen uneigennützig zuwendet und fremde Nähe zulässt, kann in diesen Begegnungen auch Gott beziehungsweise Jesus Christus finden. Christlicher Glaube öffnet die Sinne für die Gebrochenheit und Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens, für sündhafte Strukturen, die Menschen gefangen nehmen. Christlicher Glaube hat eine eigene Balance von Leidenschaft und Nüchternheit.

In der aktuellen Diskussion haben die Stichworte »inklusive Gesellschaft« und »inklusive Schulen« Konjunktur. Sie stehen für ein gutes Ziel – sie können aber auch zu Schlag-Wörtern werden, mit denen um sich »geschlagen« wird. Manchmal verstecken gut gemeinte Worte genau die Menschen und ihre Lebenssituation, die wir doch verbessern wollen, und die konkreten Strukturen, die dabei helfen oder bremsen.

In Thüringen wird ein neues »inklusives Schulgesetz« vorbereitet, das Förderschulen in sogenannte Kompetenzzentren umwandeln möchte. Bisher sind Eckpunkte des Gesetzes bekannt. Die Diskussion hierzu schlägt zu Recht hohe Wellen: Werden Förderschulen kurzerhand abgeschafft? Werden Regelschulen mit den notwendigen sachlichen und personellen Ressourcen für eine überzeugende inklusive Pädagogik ausgestattet? Kommen Kinder mit hohen Förderbedarfen unter die Räder? Soll die Diagnostik und damit auch Frühförderung und Prävention erst auf die Zeit nach dem Schuleintritt verschoben werden?

Inklusion mit Augenmaß heißt für mich: Einfache Lösungen gibt es nicht, dafür sind Menschen zu unterschiedlich. Es gibt nicht »die Behinderten«! Die Unterscheidung von körperlichen, seelischen, geistigen und Sinnesbehinderungen ist bestenfalls eine allererste Annäherung.

Ich erlebe in Diskussionen oft, dass schwer-, schwerst- und schwerstmehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche überhaupt nicht vorkommen. Die Hilfe- und Förderbedarfe sind komplex und anspruchsvoll. Also braucht es eine Vielzahl von fachlich kompetenten und evaluierten Angeboten. Für viele Kinder mit erhöhten Förderbedarfen braucht es auch in Zukunft geschützte Räume in bewährten Förderschulen. Genau hier wird für diese Kinder und Jugendliche passgenaue Inklusion verwirklicht.

Inklusion mit Augenmaß für mich: Maßstab für das Gelingen von Inklusion ist immer der konkrete Mensch, seine Bedarfe und die für ihn spürbaren Fortschritte. Von oben verordnete, pauschalisierte und vom Reißbrett administrierte Inklusionsmaßnahmen können das Gegenteil bewirken: Sie führen zu Inklusionsopfern. Eltern und Pädagogen haben mir von konkreten Leid- und Ohnmachtserfahrungen erzählt.

Schritte zu einer inklusiven Gesellschaft, Arbeitswelt und Bildung brauchen alle Akteure an Bord, insbesondere und zuerst die Betroffenen selbst, ihre Interessenvertretungen, ihre Verwandten und Freunde, die Fachkräfte vor Ort in den Förderschulen, die Lehrer- und Fachverbände, die freien Träger, Elternvertretungen, Verwaltungen und Parteienvertreter.

Klaus Scholtissek

Der Autor ist promovierter Theologe und Vorsitzender der Geschäftsführung der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein.

Franckes Erben

22. Juli 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Evangelische Montessori-Schule Halle praktiziert seit 20 Jahren Inklusion

Blau und gold ausgemalt steht der Bibelvers »Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler« am historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen zu Halle. Dieser Spruch war das Motto eines kleinen Theaterstücks über August Hermann Francke und sein Wirken für das Waisenhaus, das die Schüler der vierten Klassen der in den Stiftungen beheimateten Evangelischen Montessori-Schule einstudiert hatten. Francke und seine Frau traten höchst persönlich auf und natürlich viele der Straßen- und Waisenkinder.

Zum Abschluss des Geburtstagsjahrs der Evangelischen Montessori-Schule in Halle spielten Nele Seidel in einem Theaterstück den August Hermann Francke und Annabell Ernst dessen Frau Anna Magdalena. – Foto: Claudia Crodel

Zum Abschluss des Geburtstagsjahrs der Evangelischen Montessori-Schule in Halle spielten Nele Seidel in einem Theaterstück den August Hermann Francke und Annabell Ernst dessen Frau Anna Magdalena. – Foto: Claudia Crodel

Dieses Stück stand im Zentrum eines Festgottesdienstes in der Lutherkirche Halle, der zum einen das Schuljahr abschloss, aber gleichzeitig den abschließenden Höhepunkt des Festjahres anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Montessori-Schule darstellte. »Wir hielten es für angemessen, im Jahr des 350. Geburtstags August Hermann Franckes uns dem Gründer der Franckeschen Stiftungen in besonderer Weise zu widmen, schließlich ist die Montessori-Schule im ehemaligen Königlichen Pädagogikum der Stiftungen beheimatet. Und das Francke-Denkmal steht genau vor diesem Haus«, sagt Günter Buchenau, Pfarrer im Ruhestand, der gemeinsam mit Katechetin Christel König und Musiklehrerin und Schulchorleiterin Hanna de Boor für das Stück und das dazugehörige Liedprogramm verantwortlich zeichnete. Erwachsene und Kinder hatten das Programm gemeinsam einstudiert.

Mit dem Festgottesdienst ging ein ganzer Veranstaltungsreigen zum Schuljubiläum zu Ende, der mit einem Festakt am 14. Juli 2012 begonnen hatte und Ausstellungen, einen von einer Künstlerin mit Down-Syndrom geleiteten Kunstworkshop, Theaterspiel und eine Fachtagung für Lehrer und Erzieher bereithielt.

Als der Gründungsverein im Juli 1992 vom Land die Genehmigung für die Errichtung der evangelischen Schule erhielt, war die Montessori-Schule nicht nur die erste ihrer Art in Sachsen-Anhalt, sondern auch die erste Grundschule im Land, an der behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam lernten. In jeder Klasse – die übrigens jahrgangsübergreifend geführt werden – lernen auch immer mehrere Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Die heute großgeschriebene Inklusion wurde in der Montessori-Schule schon immer gelebt, mit allen Höhen und Tiefen.

Schulleiterin Claudia-Celine Kownatzki, die von Anfang an im pädagogischen Team dabei ist, betont: »Man muss vor allem Leute dafür haben und gemeinsam mit den Eltern arbeiten, um genau den Bedürfnissen des Einzelnen gerecht zu werden.« Nur so könne es gelingen, dass alle Kinder lernen, die individuellen Stärken und Schwächen des anderen kennenzulernen, diese zu beachten und aufeinander Rücksicht zu nehmen.

In einem Buch mit 20 Interviews berichten Schüler, die die Montessori-Schule in den letzten 20 Jahren besuchten oder noch besuchen, von ihren Erfahrungen und ihrer Entwicklung danach.

Claudia Crodel

www.montessori-halle.de

Herausforderung: Inklusion

3. Juni 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Die evangelische Stadtmission Halle besteht seit 125 Jahren

Hilfe für alkoholkranke Menschen, das war eines der ersten und wichtigsten Anliegen der Stadtmission Halle im Gründungsjahr 1888. Und genau das ist es heute noch, 125 Jahre später. »Die Suchtberatung ist die rote Linie, die sich bis heute in der Stadtmission durchzieht«, sagt Ernst-Christoph Römer, Vorstandsvorsitzender der Stadtmission Halle. Insgesamt rund 800 Menschen nehmen täglich die Dienste und Angebote der Einrichtung in Anspruch, darunter betreutes Wohnen, Wärmestube, die ­Tafel und die Möbelbörse oder die ­integrative Tagesstätte. Und rund 370 Menschen mit Behinderung haben hier einen Arbeitsplatz gefunden.

Ernst-Christoph Römer (r.), Vorstandsvorsitzender der Stadtmission mit Daniela Friese und Matthias Lemke, zwei Beschäftigten mit Handicap, am Empfang. ­Inklusion wird hier praktiziert. Foto: Silvia Zöller

Ernst-Christoph Römer (r.), Vorstandsvorsitzender der Stadtmission mit Daniela Friese und Matthias Lemke, zwei Beschäftigten mit Handicap, am Empfang. ­Inklusion wird hier praktiziert. Foto: Silvia Zöller

Dennoch ist die eigentliche breite Vielfalt für Römer und die 200 Mitarbeiter kein Grund, sich zurückzulehnen. »Wir verstehen uns als soziales Dienstleistungsunternehmen«, sagt der Vorstandsvorsitzende. Immer wieder werden neue Wege gesucht, um Menschen zu helfen: So in der Suchtberatung, wo man in der evangelischen Stadtmission schon seit vielen Jahren von dem Ideal der absoluten Abstinenz für Betroffene abgerückt ist. »Wir können Menschen mit Suchtproblemen nicht sagen, dass sie keinen Alkohol mehr trinken dürfen«, so Römer – Entzug und Rückfall entwickeln sich bei vielen zu einem Teufelskreis. Vielmehr ist der Ansatz der Beratungsstelle das kontrollierte Trinken, durch das den Alkoholkranken ein Weg aufgezeigt wird, mit ihrem Problem fertig zu werden.

Innovativ ist auch ein Projekt, das erst im vergangen Jahr wegen der guten Ergebnisse erweitert wurde: Dabei recyceln 50 Menschen mit Behinderungen Kühlschränke, Waschmaschinen und Fernseher. Durch die Stofftrennung erzielten sie einen Umsatz von 600000 Euro. Psychisch und körperlich Schwerstbehinderte finden im »Office point« eine interessante Beschäftigung bei Büroarbeiten für Drittfirmen: Postversand, Briefe schreiben, Grafiken erstellen. Möglich ist dies durch technische Hilfsmittel, etwa Spezialbildschirme für Sehbehinderte.

Aber auch das soll nicht Status quo bleiben: »Wir müssen uns den Bedürfnissen immer wieder neu stellen«, sagt Ernst-Christoph Römer. Vor allem die Selbstständigkeit der Behinderten müsse noch mehr gefördert werden, zum Beispiel auch bei betreuten Wohnprojekten. Inklusion versteht Römer in einem weiteren Kontext als üblich – seine Vision ist die, Behindertenwerkstätten für alle Arbeitnehmer zu öffnen. »Normale Strukturen entwickeln, in denen es eine hohe Akzeptanz für Menschen mit Behinderung gibt, das ist die Aufgabe der Inklusion.« Und so bemüht sich die Stadtmission derzeit, jungen Behinderten, die bislang ein wenig abseits im Saalekreis-Ort Johannashall untergebracht waren, Wohnangebote in der Stadt zu vermitteln. So sollen sie die Möglichkeit haben, am urbanen Leben mit all seinen schönen Seiten teilzunehmen. Damit soll die Außenstelle nicht geschlossen, sondern auf eine besondere Aufgabe spezialisiert werden, die erstmals auf die Gesellschaft zukomme, so Römer: die Betreuung von Behinderten im Alter. Denn durch die grausamen Euthanasie-Gesetze des Nationalsozialismus war eine ganze Generation von Behinderten getötet worden.

Aufgaben gibt es 125 Jahre nach der Gründung also noch genug.

Silvia Zöller

Es war sehr schön

12. Mai 2013 von redaktionguh  
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Es gibt immer gute Gründe dafür, zu Hause zu bleiben: Die Kinder oder Enkelkinder kommen, dienstliche Termine, der Wunsch, nur mal auszuruhen. Wer sich entschließt, zum Kirchentag zu fahren, braucht ein Quartier und muss mit überfüllten Zügen rechnen.

Unmittelbar vor Antritt der Reise kann einem das Vorhaben wie eine Hürde vorkommen. Das Programmheft, mehr als 600 Seiten dick, hieß es durchzuackern. Etwa 2500 Veranstaltungen – wofür soll ich mich entscheiden, und wie kann ich Fehlentscheidungen vermeiden? In Hamburg angekommen, muss ich mich orientieren, wie ich zur Messe und zu den ­anderen Veranstaltungsorten gelange.

Aber dann im Gottesdienst, beim Abend der Begegnung in der Hafencity sind alle Vorbehalte wie weggeblasen. Eine tolle Stimmung, schöne Musik. Und diese Stadt mit ihrem maritimen Flair lieferte dem Kirchentag eine wunderbare Kulisse! Es wäre schade gewesen, zu Hause zu bleiben. Denn auch an den folgenden Tagen bestätigte sich, dass der Kirchentag so etwas ist wie ein Stück heile Welt. Und unter dem Motto »Soviel du brauchst« hatte das Christentreffen den allgegenwärtigen Mangelanzeigen »Es ist nicht genug« etwas Kraftvolles entgegenzusetzen.

Es gibt nicht genug Gerechtigkeit, zu wenig Gewissheit und der Glaube ist zu schwach! Wie oft sind im Alltag und auch von Kritikern des Kirchentages solche Klagen zu hören. Dem setzte Hamburg bemerkenswerte Akzente entgegen. Beispielsweise in den Bibelarbeiten. Oder in den Podiumsdiskussionen zum Thema Inklusion, in denen Menschen mit Behinderungen sich als begabte, heile und leistungs­fähige Menschen darstellten.

Obwohl sie mit körperlichen Einschränkungen leben müssen, ist das, was sie vermögen, genug. Fazit: Es war rundum sehr schön!

Sabine Kuschel