Vorrangig den Dialog suchen

20. November 2017 von redaktionguh  
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Im Gespräch: Pfarrer Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche Anhalts. Vor seinem Bericht bei der Herbsttagung der Landessynode sprach Katja Schmidtke mit ihm über Willkommenskultur, Kirchenasyl und was Gemeinden in Sachen Integration leisten können.

Wie viele Flüchtlinge leben derzeit in Anhalt?
Karras:
Für die gesamte Landeskirche liegen mir die Zahlen nicht vor. Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld lebten zum Stichtag 30. September 1 455 Flüchtlinge. Als Flüchtlingsbeauftragter bin ich nicht nur für Kirchengemeinden Ansprechpartner, sondern für alle Initiativen auf dem Gebiet unserer Landeskirche, die Fragen haben.

In Kürze stellen Sie Ihren Bericht der Synode vor. Sie schreiben von einem Willkommenshype. Da klingt Kritik durch.
Karras:
Ich persönlich hätte mich nicht mit einem Plüschtier auf den Bahnhof gestellt. Dazu bin ich ein zu nüchterner Mensch. Aber natürlich muss jenen Menschen, die zu uns gekommen sind, geholfen werden. Die ehrenamtlichen Initiativen gehörten zu den Ersten, die Flüchtlinge aufgefangen und betreut haben, in wirklich vorbildhafter Weise. Inzwischen ist es so, dass die staatlichen Stellen sehr, sehr gut reagiert haben. Die erste Zeit war eine Ausnahmesituation, in der sich viele zusammengefunden haben, die helfen wollten. Nun ist der graue Alltag eingezogen.

Trotzdem brauchen wir die Initiativen?
Karras:
Ja. Sehr, sehr viele engagieren sich vorbildlich. Und wir wissen nicht, wie sich die Lage entwickeln wird. Wir sehen es an der Türkei; Erdogan ist unberechenbar.

Gibt es eine klassische Arbeitsteilung zwischen Staat und Ehrenamtlichen?
Karras:
Inzwischen nicht mehr. Einen Großteil dessen, was die Initiativen abgedeckt haben, etwa den Deutschunterricht, beherrschen die staatlichen Stellen heute. Aber die Initiativen sind noch wichtig, sie bilden einen Puffer, indem sie zwischen Flüchtlingen und Verwaltung vermitteln.

In Ihrem Bericht beschreiben Sie das Links-Rechts-Denken als kontraproduktiv. Warum?
Karras:
Diejenigen, die sich kritisch äußerten und Probleme thematisierten, wurden sehr schnell in eine Ecke gestellt, ach die sind rechts, mit denen reden wir nicht. Das halte ich für Irrsinn. Es ist wesentlich, den Dialog gerade mit Menschen zu suchen, die nicht unserer Meinung sind. Wir können in einem Dialog das Christliche herausstreichen. Das ist in erster Linie der Einsatz für die Schwachen. Unchristliche, heidnische Gesellschaften sind einem Optimierungszwang unterlegen und dieser Zwang setzt sich heute in der Frage um, was uns die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen kostet und was uns dabei verloren geht. Diese Denkweise vermag unter ökonomischem Aspekt ihr Recht haben, aber sie hat mit christlichem Denken nichts zu tun. Und das bringt uns zur entscheidenden Frage: Wer ist in Not?

Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche und Pfarrer in Görzig. Foto: Landeskirche Anhalts

Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche und Pfarrer in Görzig. Foto: Landeskirche Anhalts

Die Frage stellt sich ganz praktisch beim Kirchenasyl. Wie ist die Lage dazu in Anhalt?
Karras:
Es gibt Fälle von Kirchenasyl, aber nur Fälle mit aufschiebender Wirkung, in denen es um Rückführungen in jenes europäische Land geht, in dem die Flüchtlinge angekommen sind. Mit diesen Kirchenasylen soll erreicht werden, dass das Asylverfahren in Deutschland abgeschlossen wird. Wir haben keine Kirchenasyle zu Abschiebungen in das Herkunftsland, nachdem ein Asylverfahren negativ entschieden wurde.

Nach welchen Kriterien entscheiden die Kirchengemeinden?
Karras:
Meist ist es so, dass die Betroffenen gar nicht an die Kirchengemeinde gebunden sind, sondern dass sie nach jedem Strohhalm greifen und sich an eine Gemeinde, einen Pfarrer oder direkt an mich wenden. Wer Kirchenasyl gewährt, muss sich über die Verantwortung bewusst sein, hinsichtlich der Versorgung, der Betreuung oder auch, dass Kosten entstehen, wenn derjenige krank wird und behandelt werden muss.

Uns ist ganz wichtig, den Betroffenen anzuhören, seine Gründe zu erfahren, seine individuelle Not, dass möglicherweise Gefahr für Leib und Leben besteht. Am Ende steht ein Beschluss des Gemeindekirchenrats.

Welche Rolle spielt es, ob der Betroffene Christ ist?
Karras:
Es gibt Gemeinden, für die kommt ein Kirchenasyl nur in Frage, wenn der oder die Betroffene sich in der Gemeinde aufhält, Gottesdienste besucht, sich engagiert. Ich halte das nicht für richtig. Wenn man Bedingungen in dieser Hinsicht aufstellt, könnte ein Schein-Engagement kultiviert werden.

Allerdings hat das Christ-Sein oder nicht in den mir bekannten Fällen von Kirchenasyl keine Rolle gespielt. Es kam den Menschen in den Gemeindekirchenräten darauf an, ob eine Not vorhanden ist, ob sie diese lindern können; auch, ob Kirchengemeinden das ganz praktisch stemmen können. In Köthen gab es einige Kirchenasyle und die dortige Flüchtlingsinitiative erklärte sich bereit, mitzuhelfen. Kirchenasyle können mehrere Monate dauern, in dieser Zeit dürfen die Betroffenen das Gelände nicht verlassen, damit sie nicht verhaftet werden können.

Das erfordert viel Organisationstalent und Durchhaltevermögen seitens der Gemeinde.
Karras:
Ein Kirchenasyl kann ermüdend sein. Es kann aber auch stärken. In Zieko fand die Gemeinde darin eine Aufgabe und es vollzog sich im besten Sinne ein Gemeindeaufbau, in dem sich viele verabredeten und einen Plan aufstellten, wer den jungen Mann betreut, wer mit ihm Deutsch lernt oder mal ein Spiel spielt.

Was kann Kirche in punkto Integration leisten?
Karras:
Die Integrationsleistung der Kirche läuft über die Gemeinden, die die Menschen einladen, ohne die Absicht, missionieren zu wollen, sondern als Möglichkeit, dass Einheimische und Flüchtlinge miteinander in Kontakt und ins Gespräch kommen.

Sie sprechen sich auch dafür aus, dass Kirche ihren Einfluss auf die Politik geltend macht, um die Lebensbedingungen in den Herkunftsländern zu verbessern. Haben Sie dafür einen Vorschlag?
Karras:
Die Entwicklungspolitik der letzten Jahre kann nicht als gelungen bezeichnet werden. Deshalb schreibe ich in meiner Naivität im Synodenbericht über meine ganz persönliche Idee, dass alle Europäer eine Entwicklungs- und Aufbausteuer zahlen müssten. Ich unterstelle, dass Flüchtlinge eigentlich viel lieber in ihrem Land bleiben würden, aber sie sehen dort keine Zukunft. Stattdessen riskieren sie eine lebensbedrohliche Flucht.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

In die Kirchengemeinden hineinwirken

24. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Diakonie Naumburg-Zeitz begeht 25-jähriges Bestehen – Integration bleibt großes Thema


Die Mitarbeiter begegnen Patienten und Klienten auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes. Es geht davon aus, dass alle Menschen Gottes Ebenbild sind. Jeder Mensch erfährt Würde und Respekt«, sagt Ingrid Sobottka-Wermke, Superintendentin des Kirchenkreises Naumburg-Zeitz und Vorsitzende des Aufsichtsrates der Diakonie Naumburg-Zeitz, die nun auf ein 25-jähriges Bestehen zurückblicken kann. Gefeiert wurde der Jahrestag mit einem Festgottesdienst in der Naumburger Stadtkirche St. Wenzel.

Superintendentin Ingrid Sobottka-Wermke ist Aufsichtsratsvorsitzende der Diakonie. Foto: Torsten Biel

Superintendentin Ingrid Sobottka-Wermke ist Aufsichtsratsvorsitzende der Diakonie. Foto: Torsten Biel

Der Gottesdienst und das Jubiläum boten zudem Anlass, mehrere Mitarbeiter für ihr langjähriges Engagement zu würdigen. Derzeit gehören der Diakonie Naumburg-Zeitz rund 170 Beschäftigte in den verschiedensten Bereichen an, so in der Verwaltung, der ambulanten und stationären Pflege, in der Beratung sowie in der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. »Das Thema Migration und Integration wird uns auch in den kommenden Jahren weiter beschäftigen«, nannte Geschäftsführer Siegfried Kosdon eine Herausforderung, vor der die Diakonie auch künftig stehen wird.

Geplant sind zwei Einrichtungen, die als stationäre Jugendeinrichtungen sowohl einheimische als auch junge Menschen mit Migrationshintergrund aufnehmen sollen. So wird die derzeit noch in Thalwinkel bestehende Wohngruppe nach Bad Bibra verlegt, nachdem eine einstige Kindertagesstätte umgebaut werden soll. Auch die Jugendhilfeeinrichtung »Herz« in Zeitz soll so verändert werden. Der Unterstützung von Flüchtlingen und Asylbewerbern hat sich auch das Forum Ehrenamt verschrieben – als eine gemeinsame Initiative des Kirchenkreises und der Diakonie, die auch die Ausbildung von Seniorenhelfern verfolgt. »Wir haben überlegt, wie es uns gelingen kann, die diakonische Arbeit mehr in die Kirchengemeinden und Pfarrbereiche hineinzubringen und vor Ort wirksam werden zu lassen«, erklärt die Superintendentin.

Neben dem Bereich Pflege in den Sozialstationen und in den Einrichtungen Sankt Georg-Stift und Barbara-Haus in Teuchern bleibe die Beratung ein wichtiges Arbeitsfeld, wie Kosdon betonte: »Diese Angebote sind ein bedeutender Bestandteil unserer sozialdiakonischen Arbeit im Landkreis und im Kirchenkreis.« So hält die Diakonie am Standort in Naumburg die Schuldner- und Insolvenzberatung sowie die Sucht- und Drogenberatung vor, wurde im vergangenen Jahr auch eine Sucht- und Drogenberatungsstelle in Zeitz eingerichtet. Zu den großen künftigen Projekten zählen zwei selbst organisierte Wohngemeinschaften für Senioren und an Demenz erkrankter Menschen. Die Einrichtung soll 2019 in Naumburg eröffnet werden.

Constanze Matthes

Geisterfahrer

4. September 2016 von redaktionguh  
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Das Wort »Integration« darf derzeit in öffentlichen Reden nicht fehlen. In der Praxis wird es schnell still. Sprachliche Hürden, Mentalitätsunterschiede und mangelnde Qualifikation werden als Gründe angeführt, warum Flüchtlinge außen vor bleiben.

Die Tatsachen sind sicher nicht wegzudiskutieren. Die Politik macht es sich aber zu leicht, wenn sie den »Schwarzen Peter« den Unternehmen zuschiebt. Wie sollen in kurzer Zeit aus ausbildungswilligen ausbildungsfähige Flüchtlinge werden?

Umso erstaunlicher, wenn ein Unternehmer den Mut hat, eine Ausbildungsklasse mit 16 (!) Flüchtlingen im Betrieb aufzunehmen. Helmut Peter beschreitet Neuland. Der Auftakt fand in den Medien großen Anklang. Gern werden die Bilder von schraubenden jungen Männern aus Eritrea, Syrien und dem Irak gezeigt. Mit den neu gelernten Vokabeln formulierten sie ihr Ziel: Kfz-Mechatroniker. Dass dabei das Unternehmen auf die Unterstützung der Behörden zählen kann, sollte selbstverständlich sein.

Widerstand kommt von anderer Seite. In Online-Kommentaren wird das Engagement von geistigen Geisterfahrern diskreditiert. Flüchtlinge werden mit Mauleseln verglichen, »die sie bestimmt nicht am Auto schrauben lassen«. Kunden drohen damit, wegen der »neuen Fachkräfte« – gemeint sind die Flüchtlinge – die Werkstatt zu wechseln. Weitaus üblere Kommentare wurden bereits gesperrt. Wenn gesellschaftliches Engagement geschäftsschädigend torpediert wird, wundert es nicht, dass viele davor zurückschrecken. Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und keine Einbahnstraße. Helmut Peter lässt sich nicht beirren. Er will das Pilotprojekt auch gegen Widerstände fortsetzen. Viel Erfolg, einen langen Atem und vor allem gesellschaftlichen Rückhalt!

Willi Wild

»Wir kommen mit Musik«

15. März 2016 von redaktionguh  
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Initiativen in Kamsdorf und Saalfeld bieten neue Integrationsmöglichkeiten für Flüchtlinge

Orientalische Klänge auf der Oud verweben sich mit europäischer Musik. Junge Leute der Saalfelder Musikschule spielen gemeinsam mit Abdallah Ghbash das von ihm komponierte Lied »For Syrian Children« für Oud und Zupfinstrumente. Astrid Pautzke vom Kunstraum Kamsdorf nennt dies: »Eine Brücke zwischen Orient und Okzident.« Grit und Sven Einsiedel, Astrid Pautzke sowie Jana und Fritz Bauer, die das Zupfinstrumenten-Ensemble »Querdas Saltandas« der Musikschule Saalfeld leiten, organisierten dieses gemeinsame Konzert mit Abdallah Ghbash.

Abdallah Ghbash will zwischen Deutschen und Flüchtlingen musikalische Brücken bauen. Foto: Wolfgang Hesse

Abdallah Ghbash will zwischen Deutschen und Flüchtlingen musikalische Brücken bauen. Foto: Wolfgang Hesse

Dem grausamen Spruch der IS-Terrormiliz »We’re coming to slaughter you (Wir kommen, um euch zu schlachten)« möchte Abdallah Ghbash sein Motto gegenüberstellen: »We’re coming with the music (Wir kommen mit der Musik)«. Mit Musik und Kunst möchte der begabte Musiker für Menschlichkeit und Völkerverständigung werben. Seine Lieder erzählen vom Streben der syrischen Menschen nach Freiheit, von der Situation der Flüchtlinge in türkischen Auffanglagern und vom Leid auf dem Weg über das Meer nach Griechenland.

Sechs Jahre studierte Abdallah Ghbash in Syrien Musik und die Oud, eine orientalische Kurzhalslaute. Wegen massiven politischen Drucks auf seine musikalische Arbeit durch den syrischen Sicherheitsapparat musste der Musiker 2011 Aleppo, seine Heimatstadt, verlassen. Während seines Exils entstanden zwei Alben, eingespielt in Jordanien und in Istanbul. Im Herbst letzten Jahres wurde seine Aufenthaltserlaubnis für die Türkei nicht verlängert. Deshalb nahm der 28-Jährige die beschwerliche Flucht über den Balkan bis nach Deutschland in Kauf und kam schließlich nach Saalfeld. Der eher unpolitische syrische Musiker wünscht sich für die Menschen in seiner Heimat und für den gesamten arabischen Raum ein Ende der Kriegshandlungen und einen friedlichen Wiederaufbau. Persönlich erhofft sich der Musiker, weiter studieren und endlich seine Ideen umsetzen zu können, was ihm in Syrien verwehrt blieb. »Mir liegt es sehr am Herzen, mit der Musik deutsche und geflohene Musiker, Deutsche und Flüchtlinge auf der Ebene von Mensch zu Mensch zusammenzubringen.« Den Menschen, die gegen die Kriegsflüchtlinge in Deutschland demonstrieren, möchte er die Botschaft mitgeben: »Demonstriert nicht gegen die Flüchtlinge, demonstriert gegen den Krieg, vor dem die Menschen fliehen müssen.«

»Musik und Kunst bilden bei der Integration eine Einheit«, meint Astrid Pautzke. »Viele Flüchtlinge bringen allein nur ihr künstlerisches Können mit nach Deutschland.« Seit Sommer 2015 bietet sie mit ihrem kreativen Projekt OASE im Kunstraum Kamsdorf eine Kunstwerkstatt an. »Es ist bereichernd, wenn man diese Menschen kennenlernen kann. Es ergeben sich beim gemeinsamen Arbeiten und Erzählen viele persönliche Kontakte.« Erste Arbeiten dieses Kunstprojektes von Flüchtlingen und Deutschen wurden in einer Ausstellung Ende November letzten Jahres gezeigt.

Wolfgang Hesse

www.kunstraum-kamsdorf.de

Starthilfe mit Familienanschluss

8. Februar 2016 von redaktionguh  
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Integration: Wie ein junger Moslem den Alltag in einer christlichen Familie seines Gastlandes kennenlernt


Gedacht war es als WG, nun ist viel mehr daraus geworden: Salman, ein 29-jähriger Afghane, lebt seit einigen Monaten bei Familie Sengewald.

Der junge Moslem bewohnt ein Zimmer mit Bad, lebt den Alltag in der Familie mit, spielt mit den Enkelkindern und erfährt so ganz natürlich, wie Leben in Deutschland geht. »Das Zusammenleben klappt wunderbar und sehr viel einfacher als gedacht«, erklärt Barbara Sengewald.

Seit die ersten Züge mit Flüchtlingen Erfurt im vergangenen Herbst erreichten, engagiert sie sich für die Menschen, die unter Lebensgefahr ihre Heimat verließen. Dabei kam sie auch mit Salman in Kontakt: »Wir haben uns oft getroffen und uns unterhalten, wenn ich in der Messehalle half. Er spricht sehr gut Englisch, darum war die Verständigung leicht«, so Sengewald. Salman war offen und wissbegierig und half als Übersetzer zwischen Helfern und Landsleuten. Es entstand eine Freundschaft, Salman besuchte die Sengewalds zu Hause und bald reifte bei ihnen der Gedanke, ihn bei sich aufzunehmen.

In dieser Flüchtlingsunterkunft auf dem Erfurter Messegelände trafen sich Barbara Sengewald und der Afghane Salman im vergangenen Herbst zum ersten Mal. Inzwischen erlebt der junge Mann den Alltag in Deutschland aus erster Hand – mit Familienanschluss. Foto: picture alliance/Martin Schutt

In dieser Flüchtlingsunterkunft auf dem Erfurter Messegelände trafen sich Barbara Sengewald und der Afghane Salman im vergangenen Herbst zum ersten Mal. Inzwischen erlebt der junge Mann den Alltag in Deutschland aus erster Hand – mit Familienanschluss. Foto: picture alliance/Martin Schutt

Auch Johanna Ringeis vom Büro für ausländische MitbürgerInnen im Evangelischen Kirchenkreis Erfurt kennt Menschen, die Flüchtlinge bei sich aufnehmen möchten. »Wer sich engagiert und wer sich entschieden hat, der will auch handeln«, so Ringeis. Wichtig sei dabei aber, dass nicht nur die Wohnräume angemessen seien. Vor allem zwischenmenschlich müsse es passen. Das sieht Barbara Sengewald ganz genauso. »Ein solches Zusammenleben ist nur möglich, wenn man sich schon vorher kennengelernt, Vertrauen zueinander aufgebaut hat und sich versteht. Und auch dann sind immer wieder Missverständnisse und Konflikte möglich, aber wenn man sich sympathisch ist und einander vertraut, dann kann man auch gemeinsam leben«, ist sich die 62-jährige Betriebswirtin sicher. Sie hat sehr gute Erfahrungen gemacht und möchte Menschen ermutigen, auch diesen Schritt zu gehen.

Erste Anlaufstelle ist das Sozialamt der jeweiligen Stadt. »Ich habe beim Sozialamt der Stadt Erfurt angerufen und ihnen erklärt, was wir vorhaben. Dort habe ich erfahren, was wir tun müssen, um alles in die Wege zu leiten«, berichtet Sengewald. Zunächst wurde ein Mietvertrag aufgesetzt zwischen der Familie und dem Sozialamt. »Wie bei anderen Sozialhilfeempfängern wird auch bei Salman die Miete vom Regelsatz abgezogen und an uns bezahlt«, erklärt Sengewald. Das Sozialamt übernimmt auch die Kosten für Kranken- und Pflegeversicherung. Ist Salman krank, erhält er vom Sozialamt einen Behandlungsschein und kann einen Arzt aufsuchen.

Nach dem Besuch beim Sozialamt und der Unterschrift unter dem Mietvertrag, wurde der Ausländerbehörde Salmans neue Anschrift mitgeteilt und seither wohnt er bei der Erfurter Familie. Es ist ein Schritt zum selbstständigen Leben in der neuen Heimat. Denn auch wenn Salman von Sengewalds noch viel Unterstützung erfährt – er hat ein eigenes Zimmer, er wird nicht mehr versorgt, wie in der Notunterkunft, sondern muss mit dem Geld, das ihm zur Verfügung steht, selbst wirtschaften. »Auch wenn wir uns gut verstehen, viel reden und einen ähnlichen Humor haben: Unser Zusammenleben hier ist nicht auf Dauer angelegt«, betont Barbara Sengewald. »Wenn Salman gut Deutsch spricht und sich in unserer Gesellschaft zurechtfindet, wird er eine eigene Wohnung beziehen. Wir leisten hier sozusagen Starthilfe in ein selbstbestimmtes Leben.«

Hilfe zur Selbsthilfe ist es auch, was beim Evangelischen Büro für ausländische Mitbürgerinnen groß geschrieben wird. Dieses bietet vor allem Beratung für Ausländer mit gesichertem Aufenthaltsstatus an, hilft beim Ausfüllen von Formularen, bietet psychosoziale Beratung an und in gewisser Weise Seelsorge. »Wir helfen Flüchtlingen, aber wir haben keinen Einfluss auf die Asylverfahren«, betont Leiterin Nguyen Thi Ung.

Das Büro verfügt über ein großes Netz von Ehrenamtlichen, die über Patenschaften für Kinder und Familien oder als Mentoren für den Spracherwerb die Neuankömmlinge in Erfurt unterstützen. »Nicht nur wegen des Wohnungsmangels und der Situation in den Notunterkünften, wäre eine Aufnahme von Flüchtlingen in Familien wünschenswert. Es wäre ein Zeichen der Willkommenskultur und eine Chance für individuelle Begegnungen«, erklärt Johanna Ringeis. Als die ersten Flüchtlinge in Erfurt ankamen, waren die Hürden dafür sehr hoch, erinnert sie sich. Mittlerweile sei es einfacher, jemanden aufzunehmen: »Über das Internet und die Hotline des Sozialamtes kann man sich schnell und unbürokratisch informieren«, so Ringeis.

»Sicherheit geben, ein Stück weit begleiten, Hürden überwinden und Anleitungen für ein selbstständiges Leben geben«, so verstehen die Mitarbeiter des evangelischen Büros für ausländische Mitbürgerinnen ihren Auftrag. »Diese Menschen haben in ihrer Heimat ein eigenverantwortliches Leben geführt. Sie hatten eine Familie, einen Beruf, eine Wohnung. Wir wollen ihnen zeigen, ihr seid mehr als Flüchtlinge, ihr seid individuelle Menschen mit der Chance für einen Neuanfang«, bringt Anja Rychlewski das Ziel auf den
Punkt.

Und so sieht auch Barbara Sengewald ihr Engagement für Salman. »Auch wenn es mal Missverständnisse oder Konflikte gibt: unser Zusammenleben bereichert beide Seiten«, betont sie. Wichtig sei die Offenheit derer, die ihr Herz und ihre Wohnung öffnen und die Offenheit und der Wille zur Integration von denen, die zu uns kommen. Dann kann die Zukunft gelingen.

Diana Steinbauer

Sprache als Schlüssel zum Verständnis

2. November 2015 von redaktionguh  
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Modellcharakter: »Initiative Engagiertes Weißenfels« hilft Geflüchteten Schritt für Schritt bei der Integration

In Weißenfels koordiniert Pfarrer Martin Schmelzer das Engagement für Flüchtlinge. Doch zwischen Sprachkurs und Kleiderspende macht sich Ratlosigkeit breit.

Fragende Gesichter in der Tisch­runde: »Wa – rum – sind – wir – hier?« Dann fällt es Mahond Kalaf ein: »Weil wir Deutsch lernen.« Richtig, antwortet Katharina Volkoun (30) und lächelt freundlich zurück. Seit über einer Stunde unterrichtet sie zusammen mit Anna Blumtritt (30). Sie führt mit den fünf syrischen Geflüchteten kurze Dialoge auf Deutsch. Silbe für Silbe sprechen die jungen Männer die neuen Worte nach. Wie die beiden Frauen an diesem Mittwochabend im Deutschunterricht, sind rund 90 Personen in der »Initiative Engagiertes Weißenfels« aktiv: Sie sammeln Sachspenden, begleiten Flüchtlinge beim Einkaufen oder laden sie zum Kaffeetrinken ein.

»Vater, Mutter, Bruder«: Auf ihrem Familienfoto erklärt Helferin Katharina Volkoun die deutschen Wörter für Familienangehörige. Für Ahmad Kalash, Mahond Kalaf, Abdullah Akllh, Nasser Arabi und Hamad Absultan (v.l.n.r.) aus Syrien ist es erst die dritte Deutschstunde im Gemeinderaum der evangelischen Kirchengemeinde Weißenfels. Foto: Markus Kowalski

»Vater, Mutter, Bruder«: Auf ihrem Familienfoto erklärt Helferin Katharina Volkoun die deutschen Wörter für Familienangehörige. Für Ahmad Kalash, Mahond Kalaf, Abdullah Akllh, Nasser Arabi und Hamad Absultan (v.l.n.r.) aus Syrien ist es erst die dritte Deutschstunde im Gemeinderaum der evangelischen Kirchengemeinde Weißenfels. Foto: Markus Kowalski

Das alles koordiniert Pfarrer Martin Schmelzer (38) in einem dreiköpfigen Leitungsteam der Initiative. »Ich will Hilfswillige und Hilfesuchende zusammenführen«, berichtet er in seinem Büro im Gemeindehaus. Als vor drei Monaten die erste Gruppe Geflüchteter ankam und in der Plattenbausiedlung am Südring in Weißenfels einquartiert wurde, waren die Ehrenamtlichen schon bereit. »Ich bin froh, dass hier so viel stattfindet. Denn das Helfen ist Ausdruck christlichen Handelns.«

Viele Menschen aus der ganzen Stadt kommen in der Initiative zusammen. Doch bei der eigenen Kirchengemeinde muss Schmelzer gerade noch für mehr Engagement werben. »Mit Kirchenbau, unseren Kreisen und Kaffeekochen haben wir eine starke Diakonie nach innen«, sagt er, spricht langsam und sucht nach Worten. »Ich versuche jetzt, die Diakonie nach außen zu stärken, für die Flüchtlinge. Erst mit der diakonischen Arbeit bekommt Kirche doch ihre Existenzberechtigung.« Deswegen hat er die Gemeinderäume unbürokratisch für Sprachkurse vergeben, ohne jemanden zu fragen. »Ich mache das einfach«, dieser Satz fällt oft im Gespräch. Für ihn geht es in Weißenfels jetzt darum, pragmatisch zu sein und die 500 Flüchtlinge zu integrieren.

Mit großer Dankbarkeit nähmen die Geflüchteten jede Hilfe an, berichtet Schmelzer. Bereits 16 Personen, meist junge Frauen, geben einen Sprachkurs. Die Nachfrage ist viel größer als das Angebot der Initiative. Unter den Helfenden herrscht auch nach drei Monaten eine gute Stimmung. »Doch gerade bei den stark Engagierten kommt jetzt zuweilen Ratlosigkeit auf«, sagt Schmelzer. Er zögert. »Die Helfer fragen sich, ob wir das schaffen.« Mittlerweile trifft sich das Plenum alle zwei Wochen, denn stetig wächst die Zahl der Schutzsuchenden. »Morgen kommen die nächsten Flüchtlingsgruppen in der Stadt an«, fügt er nachdenklich hinzu.

Im Gemeinderaum nebenan geht der Sprachkurs nach eineinhalb Stunden zu Ende. Helferin Katharina Volkoun hat ein Foto von ihrer Familie mitgebracht und erklärt daran die Worte »Vater«, »Mutter« und »Bruder«. Gespannt schauen die Syrer auf das Bild und wollen mehr wissen: »Hast du auch Kinder?«, fragt Mahond Kalaf. Die Stimmung ist gelöst, es wird viel gelacht und gestikuliert. Alle deutschen Worte müssen die jungen Frauen zunächst auf Englisch erklären, manchmal auch mit Händen und Füßen. »Der Sprach­unterricht läuft sehr gut«, resümiert Volkoun. Dass arabische Flüchtlinge vor Frauen keinen Respekt hätten und sie deswegen nicht als Lehrerinnen akzeptieren würden, sei nur ein Vorurteil.

Nach der Stunde wirken die jungen Syrer erschöpft, aber dankbar. »Mit jeder Stunde können wir unser Deutsch verbessern«, sagt Ahmad Kalash auf Englisch. Zum Abschied bleibt unklar, wo sich der Sprachkurs in der nächsten Woche trifft. Der Raum ist dann schon für einen Kreis aus der Kirchengemeinde reserviert. Also müssen die Flüchtlinge anderswo Deutsch lernen.

Markus Kowalski

Wo Integration täglich gelebt wird

29. September 2015 von redaktionguh  
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Kirchenkreis und Schule luden zum interkulturellen »Tag der Begegnung«

Wir wollten den Auftakt der Interkulturellen Woche da feiern, wo auch tatsächlich Integration stattfindet«, sagt Claudia van Almsick, Kirchenkreissozialarbeiterin in der Kreisdiakoniestelle Bad Salzungen. Deshalb luden Superintendent Ulrich Lieberknecht und Schulleiter Jens Volkert unter dem Motto »Gemeinsam Zukunft gestalten« am 19. September zum »Tag der Begegnung« in die Staatliche Grundschule »Parkschule« nach Bad Salzungen ein.

»Gemeinsam Zukunft gestalten«: Beim Auftakt der Interkulturellen Woche 2015 lockte das Schminkangebot natürlich besonders die Mädchen an. Foto: Juliane Hassan

»Gemeinsam Zukunft gestalten«: Beim Auftakt der Interkulturellen Woche 2015 lockte das Schminkangebot natürlich besonders die Mädchen an. Foto: Juliane Hassan

»Als der Diakonieausschuss der Kreissynode Anfang des Jahres die Idee hatte, sich aktiv an der Interkulturellen Woche zu beteiligen, ahnte niemand von uns, wie schnell und dramatisch sich die Flüchtlingsthematik verschärfen würde«, meint Claudia van Almsick. Seit Jahresbeginn sind über 11 000 Asylsuchende nach Thüringen gekommen. Etwa 800 von ihnen haben momentan im Wartburgkreis eine Bleibe gefunden.

»Auch wir in den Kirchengemeinden sind genauso noch am Anfang wie die ganze Gesellschaft. Aber ich merke immer mehr: Unsere Kirche wird hier gebraucht«, meint Claudia van Almsick. Und Superintendent Lieberknecht ergänzt: »Uns ist es wichtig, als Kirche da zu sein.« Er ist sich sicher: »Die Kinder, die in der Parkschule zusammen lernen und spielen, werden später einmal nicht solche Berührungsängste haben, wie wir sie heute erleben.« Denn in der Parkschule werden derzeit 30 Flüchtlingskinder unterrichtet. Erfahrung mit den Themen Migration und Integration hat man schon länger. Ein Beispiel: Als die 13-jährige Jasmin (Name geändert) mit ihrer Familie vor Jahren aus Syrien hierher kam, sprach sie nur Kurdisch und Arabisch. Sie wurde umgehend in die Parkschule eingeschult und »schon nach der dritten Klasse konnte ich perfekt Deutsch«, erzählt Jasmin, die später Medizin studieren möchte. Selbstverständlich ist sie nun mit ihrer Familie beim »Tag der Begegnung« an ihrer »alten« Schule dabei. Weil sie weiß, wie wichtig es ist, »von Anfang an miteinander ins Gespräch zu kommen«.

Eigentlich ist jeder Tag in der Parkschule ein »Tag der Begegnung«, da hier Kinder aus verschiedenen Kulturen und Religionen lernen. Gerade in einer Zeit, in der an seiner Schule eine wachsende Zahl ankommender Flüchtlingskinder registriert wird, ist Schulleiter Volkert der Kontakt zum Kirchenkreis viel wert. Denn »die Kirche ist ein starker Partner, wenn es um Fragen der Menschenwürde, Nächstenliebe und Gerechtigkeit geht«, sagt Volkert

Offiziell wird die 40. Interkulturelle Woche der Kirchen an diesem Sonntag in Mainz mit einem zentralen Gottesdienst eröffnet. »Das war auch unser erster Gedanke. Davon sind wir aber rasch abgekommen«, resümiert Claudia van Almsick. Man sei lieber dahin gegangen, wo der interkulturelle Gedanke im Alltag gelebt wird.

Juliane Hassan

Miteinander ist möglich

18. Januar 2015 von redaktionguh  
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Wie weit Satire gehen darf und kann, darüber ist sicher trefflich zu streiten. Die Meinungen gehen in diesen Tagen durchaus auseinander. Unsere aufgeklärte Gesellschaft verkraftet eben einiges. Gerade deshalb sind die terroristischen Angriffe in Paris scharf zu verurteilen, die nicht aus Verletzung religiöser Gefühle entstanden sind, sondern aus religiöser Verirrung. Die Muslime sind zu verstehen, wenn sie ihre Religion nicht in einem Atemzug mit den Terroristen erwähnt sehen wollen.

Die Ereignisse in der französischen Metropole zeigen aber auch ein anderes Bild: Es ist möglich, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft und verschiedenen Glaubens beieinander stehen können. Die großen Trauermärsche am vergangenen Sonntag haben das beeindruckend gezeigt. Aber vor allem ein Ereignis, das sich am Rande des Terrors abgespielt hat, setzt ein Zeichen: In dem koscheren Supermarkt von Paris, in dem ein Geiselnehmer mehrere Kunden erschoss, hat ein junger Muslim sieben Menschen jüdischen Glaubens in Sicherheit gebracht. Der 24-jährige Lassana Bathily, der in dem jüdischen Markt Arbeit gefunden hatte, behielt angesichts der Gefahr die Nerven. Er verhielt sich menschlich und war mutig genug, das Gebäude zu verlassen, um der Polizei die Lage zu beschreiben. Bathily, der im Supermarkt auch einen Platz für sein Gebet hat, gehört zur Belegschaft wie jeder. Und fühlt sich nach seinen Angaben sehr wohl. Seine Religion spielt dabei keine Rolle.

Sicher gibt es Tausende Beispiele gelebter Akzeptanz, Toleranz und Integration. Nur leider ist von ihnen zu selten die Rede. Positive Geschichten könnten aber den Blick auf unsere fremden, neuen Nachbarn verändern. Und den Menschen die Angst vor »Überfremdung« nehmen. Vor Gott sind wir alle gleich. Vielleicht können wir das hier in unserem Land und in ganz Europa verinnerlichen und leben.

Dietlind Steinhöfel

Vielfalt lernen von Anfang an

11. Februar 2014 von redaktionguh  
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Ausländische und deutsche Kinder finden Raum für ein freundliches Miteinander

Die Kinder toben vorbei, Türen schlagen. Ungerührt sitzt Fatima Homad am Basteltisch, faltet, schneidet, malt und klebt Papier zu Girlanden. Eine nach der anderen hängt sie an die alten Balken im ehemaligen Pfarrhaus der Evangelisch-Reformierten Petrigemeinde in Burg (Kirchenkreis Elbe-Fläming). Nur wenn es gar zu heftig wird, erhebt sie sich und sorgt mit wenigen ruhigen Worten für eine angemessenere Lautstärke. »Der Bewegungsdrang muss nach dem Schultag irgendwohin«, kommentiert Fabian Borghardt.

Die Schar der Betreuerinnen und Kinder im Kinderclub International in Burg freut sich über die 1 000 Euro, die mit dem Gewinn des Integrationspreises Sachsen-Anhalt 2013 verbunden sind. Foto: Juliane Quägwer

Die Schar der Betreuerinnen und Kinder im Kinderclub International in Burg freut sich über die 1 000 Euro, die mit dem Gewinn des Integrationspreises Sachsen-Anhalt 2013 verbunden sind. Foto: Juliane Quägwer

Der Student der Sozialwissenschaften leitet den Kinderclub International seit einigen Monaten. Den Club gibt es seit 2005. Die Aufgabe lag förmlich vor der Haustür: Asylsuchende trafen ein, fremd, auch angefeindet. Aus Beratung wurde Hilfe. Als Angebot für Kinder aus Flüchtlings- und anderen Einwandererfamilien hat das Projekt begonnen. Inzwischen kommen auch deutsche Kinder. Jetzt sind sie manchmal sogar unter sich, weil gerade einige Migrantenfamilien aus der Nachbarschaft weggezogen sind und sich die neuen Wege in der Stadt erst einüben müssen, sagt Fabian Borghardt.

Integration durch das Ehrenamt

Kontakt zu den Familien stellen die Projektmitarbeiter vor allem im Beratungsbüro für Migranten der evangelischen Stadtgemeinde St. Nicolai und Unser Lieben Frauen her. Auch Basir Arab war zunächst dort und arbeitet nun regelmäßig im Kinderclub. Er ist konvertierter Christ, der den Kinderschuhen längst entwachsen ist. Der junge Mann floh aus Afghanistan und lebt seit mehr als zwei Jahren in Deutschland. »Als er ins Beratungsbüro kam, war er ziemlich am Ende. Wir boten ihm an, im Kinderclub mitzuarbeiten. Das Ehrenamt tut ihm gut. Und den Kindern auch, denn als Flüchtling kann er sich ganz anders auf Kinder mit Fluchterfahrungen einstellen. Außerdem spricht er Farsi und Arabisch«, so Fabian Borghardt. »Wir sind multikulturell und interreligiös.«

Eine Muslima als Betreuerin

So ähnlich ist es auch mit Fatima Homad. Als Muslima kann sie wichtige Brücken zu den Kindern gleichen Glaubens bauen. Sie stammt aus Syrien, ist ausgebildete Erzieherin. Aber ihr Abschluss wird in Deutschland nicht anerkannt. Seit vier Jahren arbeitet sie im Kinderclub. Ihre Anstellung erfolgt nach unterschiedlichen Modellen, wie die Finanzierung es gerade zulässt.

Überhaupt, die Finanzierung. Der Kinderclub International wurde ab 2008 als Projekt über den Lokalen Aktionsplan gefördert. Es folgten drei Jahre mit einer Mischfinanzierung, an der sich der Kirchenkreis und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland beteiligten. Seit dem 1. Januar dieses Jahres ist es ein rein kirchliches Angebot. Die nur 150 Mitglieder zählende Reformierte Gemeinde kann es allein nicht stemmen. So führten sie und die Stadtgemeinde den Kinderclub und das Beratungsbüro zur »Servicestelle Integration und Partizipation« zusammen. Zur Freude der haupt- und ehrenamtlich Beschäftigten unterstützt die Landeskirche das Projekt weiter.

Das Wetter hat sich gebessert, die Kinder betteln: Sie wollen nach draußen. Basir Arab lässt sich erweichen, stülpt die Kapuze über und geht mit. Die Kinder haben gelernt, dass die Fremden nette Menschen sind, dass sie miteinander Tischkicker spielen können und Kuchen backen. Sowohl die Migranten untereinander als auch die Deutschen gegenüber den Einwanderern bauen Hemmungen, Vorurteile und Ängste ab.

Dass die fünf- bis zwölfjährigen Mädchen und Jungen im Kinderclub für das Erlernen eines friedlichen Miteinanders Verlässlichkeit brauchen, betont Fabian Borghardt. Er erwähnt nicht, dass die permanente Suche nach Finanzierungsquellen wertvolle Kraft bindet. Umso mehr freuten sich alle über den ersten Platz beim Integrationspreis des Landes Sachsen-Anhalt 2013, den die Reformierte Gemeinde errang. Die Anerkennung tat gut, und das Preisgeld von 1 000 Euro half, den Finanzbedarf für ein Jahr zu decken. »Einen Teil des Geldes haben wir in den Fonds für Migrantenfamilien der Petrigemeinde gesteckt, aus dem wir unkompliziert bei Engpässen helfen«, erklärt Fabian Borghardt.

Spielgefährtin und Respektsperson

Etwa ein Dutzend Kinder kommt donnerstags in den Club, außerdem gibt es mittwochs einen Mädchentreff. Während der Ferien stürmen bis zu 40 Mädchen und Jungen das Erdgeschoss des alten Fachwerkhauses. Dann helfen ehemalige Besucher mit. Oder Schülerinnen wie Lisa Marie Schmidt. Die 15-Jährige hatte sich im Fach Soziales Engagement einen Patenbetrieb gesucht und ist seit zwei Jahren Spielgefährtin und Respektsperson in einem. Einen Migrationshintergrund hat sie nicht, meint das dunkelhaarige Mädchen. Obwohl – ihre Urgroßeltern stammen aus Polen.

Renate Wähnelt

Sich freischwimmen

23. Juli 2013 von redaktionguh  
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Schwimmkurs erlaubt nicht nur sportlich einen großen Integrationsschritt

Ziemlich überfordert fühlte sich Deo Omale anfangs im Wasser. »Ich muss drei Sachen gleichzeitig tun!« Die Koordination der Arm- und Beinbewegungen und dazu das richtige Atmen forderten seine ganze Konzentration. Dazu kam, dass der 46-Jährige aus Uganda Angst hatte. »Der Schwimmlehrer sagte, ich rette dich. Der steht aber oben am Beckenrand, wie will er das machen?«, beschreibt der Schwimmschüler seine Gedanken. Doch er kämpfte sich durch und lernte schwimmen. Die Chance dazu hatte er in seiner Heimat nie.

Der Schwimmkurs in Magdeburg wird von den Evangelischen Erwachsenenbildungen (EEB) Sachsen-Anhalt und Thüringen gefördert und damit die Integration von Ausländern.

Deo Omale (3. v. l.) und die anderen Männer haben bei Thomas Steinke (2. v. l.) schwimmen gelernt. Die Angst vor dem Wasser ist überwunden. – Foto: Cordula Haase

Deo Omale (3. v. l.) und die anderen Männer haben bei Thomas Steinke (2. v. l.) schwimmen gelernt. Die Angst vor dem Wasser ist überwunden. – Foto: Cordula Haase

Seit 1994 lebt Deo Omale in Deutschland. Er gehört zu den Stammgästen im Café Krähe, einem Treffpunkt für Ausländer in Magdeburg, den die Auslandspfarrerin des Kirchenkreises, Cordula Haase, betreut. Den Anstoß für den Kurs gab die EEB mit ihrem Projektfonds, der einen Preis für gelungene Bildungsprojekte ausgeschrieben hatte. Die Aussicht auf die finanzielle Unterstützung ließ Cordula Haase Mut fassen. »Ich habe im Café gefragt, ob jemand schwimmen lernen will. Die Begeisterung war riesig. Zwei Gruppen lernen zu Beginn des Sommers. Im Herbst werden wir wenigstens noch einen Kurs anbieten. Die 45 Euro pro Person hätten wir allein nie aufbringen können.«

»Wir Deutsche können alle schwimmen, auch die Kinder der Einwanderer lernen es hier. Nicht-schwimmen-Können grenzt aus. Diese Erfahrung habe ich in Lateinamerika gemacht«, erzählt die Pfarrerin. Das Schwimmenlernen bringe außerdem viele weitere Integrationsaspekte mit sich, die über die bloße Teilhabe am Freizeitvergnügen weit hinaus gehen.

Deo Omale schmunzelt. Er und die anderen Männer haben das bereits erfahren: Überwindung zur knappen Badebekleidung. Umziehen in der Gemeinschaftskabine. Für Frauen bauen sich da noch höhere Barrieren auf. Die Kultur, aus der sie kommen, ist eine völlig andere. Diese Probleme hatte Sonnik Matewosjan aus dem Iran nicht vordergründig zu bewältigen. Sie hätte auch in der Heimat schwimmen lernen können, genau wie ihre Kinder. Doch die Angst vor dem Wasser war zu groß. »Ich war nachts mit anderen an einem See, das Wasser war ganz schwarz«, erzählt die 48-Jährige. »Jetzt erlebe ich, dass ich nicht untergehe. Also – wovor habe ich Angst?«

Einen Teil der Scheu konnten Cordula Haase und Schwimmlehrer Thomas Steinke nehmen, indem sie Männern und Frauen einen getrennten Kurs anboten. Doch man bedenke, die Erwachsenen sind gemeinsam mit Kindern in der Schwimmhalle. »Allein sich das zu trauen, finde ich bewundernswert«, sagt Cordula Haase. Mit viel Fingerspitzengefühl geht sie auf die kulturellen Wurzeln des Schamgefühls ein. Obwohl getauft und mit den Gebräuchen hier vertraut, ist der Schritt für eine ehemalige Muslima weit, einen Badeanzug zu tragen.

»Im Laufe des Sommers lernen wir hier auf dem Gelände der Hoffnungsgemeinde Fahrrad fahren«, sagt Cordula Haase. Dafür braucht sie kein Geld – und mit der so erworbenen größeren Mobilität ist der Integrationssprung für die Teilnehmer offensichtlich.

Renate Wähnelt

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