Lieber nicht ganz so quer

21. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Viele Gotteshäuser, wenige Mitglieder in den Gemeinden: Da gilt es umzudenken. Oder auch einmal querzudenken. Dazu ermutigt ein Projekt der Internationalen Bauausstellung Thüringen.

Das Missverhältnis ist beachtlich: Während die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gut 20 Prozent aller Kirchengebäude der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in ihrem Bereich zählt, sind in ihren Gemeinden gerade einmal vier Prozent der deutschen Protestanten Mitglieder. Zu wenige Gläubige, um sich der beinahe ausnahmslos denkmalgeschützten rund 4 000 Kirchen anzunehmen, sie mit Gemeindeleben zu füllen und sie instand zu halten. »Was macht man – aufgeben, umnutzen?«, fragte Kira Soltani Schirazi daher bei einem Workshop in Meiningen.

Vielleicht einmal querdenken. Die junge Architektin aus Berlin gehört zu einem Projektteam, das genau das tut – umdenken, neu denken und auch einmal querdenken. »STADTLAND: Kirche – Querdenker für Thüringen 2017« heißt das Projekt, das 500 Jahre Reformation zum Anlass nimmt, um auf die Zukunft der Kirchen im Freistaat zu blicken. Als Projektträger kooperieren die EKM und die IBA, die Internationale Bauausstellung Thüringen. Den ganzen Sommer über wurden in den Thüringer Gemeinden Ideen gesammelt, so auch in Meiningen.
Wie sich die Nutzung einer Kirche wandeln lässt, dafür hatte Kira Soltani Schirazi einige Beispiele, vor allem aus dem Ausland, mitgebracht. Bilder von Kirchen, die nun Bibliotheken sind oder Schwimmbäder oder Skaterhallen. Bilder, die einige ihrer Zuhörer zum Staunen, andere eher zum Schmunzeln brachten, die aber auch manchen im Workshop in Sorge versetzten.

Kirchen sollen Kirchen bleiben – das gilt nicht nur für die Meininger Stadtkirche Unsere lieben Frauen, sondern auch für die drei weiteren Stadtteilkirchen. Was nicht ausschließt, sie für andere Nutzungen zu öffnen. Foto: Harald Krille

Kirchen sollen Kirchen bleiben – das gilt nicht nur für die Meininger Stadtkirche Unsere lieben Frauen, sondern auch für die drei weiteren Stadtteilkirchen. Was nicht ausschließt, sie für andere Nutzungen zu öffnen. Foto: Harald Krille

So quer wollte dann doch nicht jeder darüber nachdenken, was zum Beispiel aus den drei Meininger Stadtteilkirchen werden könnte, die es neben der Hauptkirche noch gibt. Während die Architektin ermunterte, ohne Blick auf die Finanzierung – einige besonders gut quergedachte Projekte fördert die IBA – kühn zu überlegen, blieben die in drei Gruppen aufgeteilten »Querdenker« aus der Meininger Kirchengemeinde zurückhaltend.

Die Kirchen sollen Kirchen bleiben, darin waren sich alle einig. Statt einer kompletten Umnutzung kann es somit nur um ein Sowohl-als-auch gehen: sowohl Gottesdienst als auch weitere Nutzungen. Kombinationen könnten also gesucht werden – ausgehend von den Stärken und Besonderheiten der einzelnen Häuser. Und da muss, wie sich in den regen Debatten herausstellte, gar nicht völlig von vorn mit dem Denken begonnen werden.

Tatsächlich wurde bereits oft quergedacht, je nach den Möglichkeiten der Gebäude. Die Heilig-Kreuz-Kirche als Kirchenneubau aus den 1970er-Jahren zum Beispiel, barrierefrei, modern anmutend, flexibel zu bestuhlen und mit Außengelände, hat bereits einigen Projekten, insbesondere mit Kindern und Schülern, Raum gegeben. Warum nicht dort auch einmal den Religionsunterricht abhalten – Schulen gibt es mehrere in fußläufiger Nähe. Im vergangenen Winter war sie probeweise Winterkirche, also zentraler Gottesdienstort in den kalten Monaten. Was Zuspruch fand.

Und in die Zukunft gedacht? Profile für die jeweiligen Kirchen finden, nicht alles überall anbieten, sich konzentrieren. Zugleich aber auch über die Grenze der Gemeinde hinausschauen, Partnerschaften suchen mit Vereinen etwa, gemeinsam etwas tun für den Stadtteil Meiningen Nord. Das ist nicht ganz so kühn wie eine Schwimmbadkirche, aber es will ja auch nicht jeder gleich baden gehen.

Susann Winkel

Leergut – leer und gut
Die IBA Thüringen konzentriert sich auf fünf Arbeitsschwerpunkte. Eine dieser fünf sogenannten Baustellen heißt »Leergut« und bezieht sich auf Leerstand und dessen Chancen. Hier ist das Projekt »Querdenker 2017« angesiedelt. Den ganzen Sommer über wurden dafür Ideen gesammelt – wie bei dem Workshop in Meiningen. Im Mai 2017 werden alle eingereichten Vorschläge in einer Ausstellung in der Kaufmannskirche Erfurt gezeigt. Drei bis fünf besonders spannende und originelle Vorschläge sollen bis zum IBA-Finale im Jahr 2023 als IBA-Projekte baulich umgesetzt werden.