Ein legendärer Bach-Flüsterer

1. Juli 2018 von redaktionguh  
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Kantaten-Akademie: Gesprächskonzerte mit Helmuth Rilling

Zum fünften Mal lädt Helmuth Rilling (85) junge Musikerinnen und Musiker aus aller Welt nach Weimar ein. In der Stadt, in der Johann Sebastian Bach von 1708 bis 1717 als Konzertmeister und Hoforganist wirkte, werden vom 29. Juli bis 11. August drei seiner Kantaten einstudiert und aufgeführt.

Im Dienste des Thomaskantors: Der Dirigent Helmuth Rilling im Konzert. Foto: Holger Schneider

Im Dienste des Thomaskantors: Der Dirigent Helmuth Rilling im Konzert. Foto: Holger Schneider

In den vergangenen vier Jahren wurden aus zahlreichen Bewerbungen jeweils 70 Musikerinnen und Musiker aus rund 20 Ländern ausgewählt, die mit immenser Begeisterung und großem musikalischen Talent in kürzester Zeit zu einem exzellenten Chor und Orchester zusammenwuchsen. Die 5. Weimarer Bachkantaten-Akademie wird von den Thüringer Bachwochen in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik »Franz Liszt« Weimar veranstaltet.

Mit den Teilnehmern sowie ausgesuchten Solistinnen und Solisten wird Helmuth Rilling nun erneut Kantaten in mehreren Gesprächs- und Abschlusskonzerten in Weimar, Eisenach und Leipzig aufführen und erklären.

Auf dem Programm stehen »Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht« (BWV 105), »Du Hirte Israel, höre« (BWV 104) und »Wir müssen durch viel Trübsal« (BWV 146). Solistisch aktiv sind Julia Sophie Wagner (Sopran), Lidia Vinyes Curtis (Alt), Martin Lattke (Tenor) sowie Tobias Berndt (Bariton). Chor und Orchester stehen unter der Leitung von Helmuth Rilling.

»Die den Proben folgenden Konzerte waren für Interpreten und Publikum in den vergangenen Jahren unvergessliche Erlebnisse«, sagt Christoph Drescher, Geschäftsführer und Festivalleiter der »Thüringer Bachwochen«. »Sie haben in eindrucksvoller Weise gezeigt, welche Aufgabe ein derartiges Projekt gerade an historischem Ort erfüllen kann: Jungen Menschen den Geist Bachs und das Wesen seiner Musik zu vermitteln, so dass sie in ihrer Heimat kaum wieder Bach spielen werden, ohne an diese Erfahrung zu denken«, so Drescher.

Helmuth Rilling ist zweifelsohne einer der großen Interpreten der Musik des Thomaskantors. Über die letzten fünfzig Jahre hat er mit zahllosen Konzerten, ausgewählten Ensembles und vielerlei Projekten für Aufsehen gesorgt. Er verantwortete die erste Einspielung des Bachschen Gesamtwerkes und schlug Brücken nach Osteuropa, Asien und Amerika.

Die heute weltumspannende Präsenz der Bachschen Musik würde es ohne Helmuth Rilling kaum geben. Rilling ist Gründer und langjähriger Leiter der Gächinger Kantorei und des Bach-Collegiums Stuttgart, der Internationalen Bachakademie Stuttgart und des Oregon Bach Festival (USA). Außerdem ist er Initiator von Bach-Akademien in aller Welt.
(G+H)

Das erste Konzerte der 5. Weimarer Bachkantaten-Akademie gastiert am 3. August, 18 Uhr, in der Stadtkirche St. Peter und Paul, Weimar.

www.thueringer-bachwochen.de

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Soli Deo Gloria

10. Juni 2018 von redaktionguh  
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Wir sind umgezogen. Sie erreichen Ihre Kirchenzeitung seit 1. Juni in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 1 a in Weimar. Telefonnummern, Internet-Adresse und E-Mail-Kontakte sind geblieben. Das ist der vierte Umzug von »Glaube + Heimat« innerhalb der Klassikerstadt seit 1956. Räumlich haben wir uns verkleinert, dafür haben wir jetzt im 4. Stock den Überblick. Sie können sich gern persönlich davon überzeugen.

Der Straßenname passt bestens zur Mitteldeutschen Kirchenzeitung. Fünf der sieben bekannten Bachstädte liegen in unserem Verbreitungsgebiet. Weimar ist eine davon. Zweimal arbeitete er hier. Als Bach von Lüneburg zurückkam, versuchte er sich ein halbes Jahr als Musiker am Hofe des Herzogs. Nachdem ihm Mühlhausen zu teuer und der Streit der Kirchenoberen zu heftig wurde, begann er in Weimar am Hofe von Johann Ernst von Sachsen-Weimar seinen Dienst.

Musikalisch stellt Weimar den Höhepunkt von Johann Sebastian Bachs Orgelkompositionen und Kantaten dar. Die Kinder Catharina Dorothea, Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel werden hier geboren. Weil er nicht Kapellmeister werden durfte, unterschrieb Bach einen Arbeitsvertrag in Köthen. Der Herzog wollte ihn nicht ziehen lassen. Das erboste den Hoforganisten derart, dass er zum Ende seiner neunjährigen Tätigkeit wegen »Halsstarrigkeit« das Weimarer Gefängnis kennenlernen musste.

Wir wünschen uns mindestens so viele Jahre wie Bach in Weimar, in unserem neuen Domizil. In der Lisztstraße war das Evangelische Medienhaus immerhin fast 20 Jahre ansässig. Johann Sebastian Bach überschrieb seine Werke mit »J.J.«, die Kurzform für Jesu Juva (lat. »Jesus, hilf«). Am Ende unterzeichnete er mit »S.D.G.«, Soli Deo Gloria, Gott allein die Ehre. Das soll auch über unserem Neuanfang stehen.

Willi Wild

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Kirche auf dem Weg

23. April 2017 von redaktionguh  
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Vor 100 Jahren endete das »landesherrliche Kirchenregiment«, das einst die protestantischen Fürsten in ihren Staatsgebieten installierten. Übrig geblieben ist ein Landeskirchentum mit 20 eigenständigen Einheiten unter dem Dach der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Auf den Mitgliederschwund reagierte man mit Zusammenschlüssen. Anhalt hat bislang selbstbewusst widerstanden, ohne sich ökonomischen Überlegungen zu verschließen. So ist die Landeskirche Teil der Diakonie Mitteldeutschland im Verbund mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Was spräche also dagegen, auch eine landeskirchliche Verwaltungsgemeinschaft einzugehen. Die identitätsstiftende Komponente müsste dabei nicht aufgegeben werden. Vielleicht wäre es auch lohnend, über eine Landeskirche neuen Typs nachzudenken, ohne vorgegebene Strukturen. Das entspräche dem apostrophierten Laborcharakter der kleinen Kirche.

Die Herausforderungen, vor der die Landeskirche Anhalts steht, sind auch den größeren Landeskirchen nicht fremd. Die kleine Einheit könnte ein Modell sein. Das bedarf des Blickwechsels, weg von den Zahlen und Bilanzen, hin zu den Menschen. Das tut man in Anhalt bereits und ist damit auf einem guten Weg. Die Selbstständigkeit ist ein ehrenwertes Ziel, die bestmögliche Verkündigung des Evangeliums ein lohnenswertes.

Die Frage, ob die Landeskirche ohne Finanzausgleich leben könnte, ist hypothetisch. Ich glaube schon, denn Not macht erfinderisch. Das Land der Frühaufsteher, in dem Johann Sebastian Bach, der Ingenieur Hugo Junkers oder der Homöopath Samuel Hahnemann wirkten, könnte doch auch hier für eine Überraschung gut sein.

Willi Wild

Heftige Gemütsbewegungen

11. April 2017 von redaktionguh  
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Johannespassion: Bach verknüpfte Bibeltext und freie Lyrik

In der Karwoche wird in vielen Gemeinden im Norden und Süden der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) Johann Sebastian Bachs »Johannespassion« (1724) aufgeführt. Sie stellt das erste musikalische Großprojekt des Thomaskantors dar, der ein Jahr zuvor sein Amt in Leipzig angetreten hatte. Obwohl sein Anstellungsvertrag festschrieb, dass seine Kirchenmusik »nicht opernhafftig herauskomme, sondern vielmehr zur Andacht aufmuntere«, gelang es dem Komponisten, neue Horizonte zu eröffnen.

Schon im Mittelalter war es üblich, die Passionsgeschichte nach den vier Evangelien an je vier Tagen der Stillen Woche mit verteilten Rollen »abzusingen«. Ein Geistlicher übernahm die erzählenden Partien, ein zweiter die Worte Christi, ein anderer die übrigen Personen. Die Worte der Volksmassen, der turbae, wurden von einem Chor gesungen.

Zur Eröffnung der Thüringer Bachwochen erklingt am 8. April in der Bach­kirche zu Arnstadt die Johannespassion. Das Londoner Ensemble »Salomon’s Knote Baroque Collective« singt das Werk auswendig und beeindruckt mit einer kammermusikalisch direkten Deutung. Foto: Veranstalter

Zur Eröffnung der Thüringer Bachwochen erklingt am 8. April in der Bach­kirche zu Arnstadt die Johannespassion. Das Londoner Ensemble »Salomon’s Knote Baroque Collective« singt das Werk auswendig und beeindruckt mit einer kammermusikalisch direkten Deutung. Foto: Veranstalter

Die evangelische Kirche hat diese Tradition fortgeführt. Heinrich Schütz vertonte – ohne eingeflochtene Choräle und Arien – nur den Bibeltext. Doch bald trat die Dichtung an die Stelle der Bibelworte. Eine wichtige Rolle nahm dabei der Hamburger Ratsherr Barthold Heinrich Brockes ein, dessen Libretto »Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus« von Georg Philipp Telemann, Reinhard Keiser und Georg Friedrich Händel vertont wurde. So entstanden Anfang des 18. Jahrhunderts Oratorien, die sich vom genauen Wortlaut der Bibel entfernten und mehr auf die emotionale Rührung der Zuhörer im Konzertsaal abzielten. Die Brockes-Passion entsprach dem Bedürfnis der Zeit nach einer Versenkung in die biblischen Inhalte. So forderte der Musiktheoretiker Johann Mattheson: »Hier allein, nämlich bei dem Gottesdienst, sind gar heftige, ernstliche und höchstangelegentliche Gemütsbewegungen nötig.«

Bach gelang es, Tradition und den Geist einer neuen Zeit miteinander zu verbinden. Er stützte sich auf die Passionsgeschichte, wie sie im 18. und 19. Kapitel des Johannesevangeliums geschildert wird, und fügte passende Choräle ein. Als modernes Element integrierte er eine überschaubare Anzahl an Arien, die sich auf freie religiöse Lyrik und Elemente des Brockes-Textes stützen. Im Fokus stehen fünf Stationen: Gefangennahme im Garten Gethsemane – Jesus vor den Hohepriestern – Prozess vor dem Statthalter Pilatus – Kreuzigung auf Golgatha – Grablegung. Zu den Akteuren gehören der Erzähler (Evangelist), die in indirekter Rede sprechenden Personen (Jesus, Petrus, Pilatus) sowie Gruppen (Volk, Kriegsknechte, Hohepriester), die das Geschehen mit erschütternder Eindringlichkeit vor Ohren führen. Eine Musik voll emotionaler Kraft!

Michael von Hintzenstern

Gesungene Reformation

13. Januar 2017 von redaktionguh  
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Die Palette der kirchen-musikalischen Höhepunkte im Reformationsjahr 2017 reicht von Luthers eigenem Liedschaffen über große Oratorien bis hin zu Musicals.

Die Reformation war von Anfang an eine Singbewegung, vor allem Luthers Lieder wurden zum Markenzeichen der evangelischen Kirche. Für ihn war die Musik »eine der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes«. 1524 schuf er zusammen mit dem »Ur-Kantor« der evangelischen Kirchenmusik, dem in Kahla geborenen und in Torgau wirkenden Johann Walter, ein vierstimmiges Chorgesangbuch, dem bald eine Ausgabe für die Gemeinden folgte. Von den 40 Liedern, die Luther verfasste, stehen heute noch 31 im Evangelischen Gesangbuch. Sie sind von zahlreichen Komponisten immer wieder neu bearbeitet worden. Dies nahmen die Kantoren des Kirchenkreises Eisenberg zum Anlass, eine Konzertreihe zu konzipieren, in der – passend zum kirchlichen Festkalender – »sein gesamtes Liedschaffen an zwölf Konzertorten gewürdigt wird«, ist von Kantor Philipp Popp zu erfahren. Luthers nachweihnachtliche Lieder eröffnen den Reigen in Hermsdorf (22. Januar).

Posaunenklänge, das Pop-Oratorium »Luther« oder Chormusik: Kirchenmusikalische Höhepunkte im Reformationsjahr in Mitteldeutschland. Grafik: G+H; Fotos: Harald Krille, Creative Kirche Witten, Ute Nicklisch

Posaunenklänge, das Pop-Oratorium »Luther« oder Chormusik: Kirchenmusikalische Höhepunkte im Reformationsjahr in Mitteldeutschland. Grafik: G+H; Fotos: Harald Krille, Creative Kirche Witten, Ute Nicklisch

In der Georgenkirche in Eisenach kreuzten sich die Lebenswege von Martin Luther und Johann Sebastian Bach, die hier im Abstand von 200 Jahren in der Kurrende gesungen haben. In der Taufkirche des Komponisten wird es über einhundert musikalische Angebote geben. Zu den Höhepunkten gehören die Auftritte von drei bedeutenden Knabenchören: der Tölzer Knabenchor gastiert mit Bachs »Matthäus-Passion« (14. April, 15 Uhr), die Kruzianer aus Dresden auf einem »Musikfest für Martin Luther« (28. April, 19.30 Uhr) und die Thomaner aus Leipzig zu den »Telemann-Tagen« (20. Juni, 19.30 Uhr).

In Magdeburg wird dazu eingeladen, innerhalb des »Kirchentages auf dem Weg« am 26. Mai an den Proben in der Johanniskirche teilzunehmen (ab 9.30 Uhr) und bei der Aufführung von Joseph Haydns »Schöpfung« bei der Aufführung des Oratoriums (16 Uhr) mitzusingen. Das gleiche Werk studiert ein Projektchor zur Thüringer Landesgartenschau in Apolda ein (24. Juni, 17 Uhr, Lutherkirche).

Auffallend ist, dass neben den alljährlichen »Highlights« gleich mehrere der großen Oratorien von Felix Mendelssohn Bartholdy aufgeführt werden: »Lobgesang« in Aschersleben (24. September, 17 Uhr, St.-Stephani-Kirche) und Saalfeld (1. Oktober, 17 Uhr, Johanneskirche), »Elias« in Rudolstadt (13. Mai, 19 Uhr, Stadtkirche) sowie »Paulus« in Merseburg (17. September, 18 Uhr, Dom) und Dessau (31. Oktober, 17 Uhr, Johanniskirche).

Groß ist die Zahl an Wiederentdeckungen. Dazu gehört das Oratorium »Abbadona« von August Mühling (1786 bis 1847), der ab 1843 Domorganist in Magdeburg war, das die Hochschule für Kirchenmusik in Halle präsentiert (29. Mai, 19.30 Uhr, Pauluskirche). Das Oratorium »König David« von Carl Gottlieb Reißiger (1798–1859), der als Nachfolger Carl Maria von Webers als Hofkapellmeister in Dresden wirkte, wird in der St. Jacobikirche Köthen vom dortigen Bachchor dargeboten (5. Juni, 17 Uhr). Das Oratorium »Luther in Worms« von Ludwig Meinardus (1827–1896), für dessen Aufführung sich Franz Liszt einsetzte und das 1883 dem Komponisten zu internationaler Berühmtheit verhalf, wird in Weimar der Vergessenheit entrissen (11. November, 19.30 Uhr, Stadtkirche).

Die Gattung »Musical« erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Dabei gibt es für die eigenen Bedürfnisse selbst geschaffene Stücke ebenso wie überregional vertriebene Kompositionen. Zu einem Zentrum entwickelt sich dabei Rudolstadt, wo gerade das Musical »Fröbel und Luther« von Katja Bettenhausen erarbeitet wird (18. Juni, 14 Uhr, Stadtkirche). »Jona – erst verschluckt, dann ausgespuckt« von Michael Pen­kuhn-Wasserthal wird von der Paulus-Singschule Magdeburg einstudiert (8. Mai, 17 Uhr, Pauluskirche). Das Leben des Reformators steht im Mittelpunkt eines Musicals von Gerd-Peter Münden, das in Weimar (27. Mai, 16.30 Uhr, Stadtkirche), Apolda (9. September, 16 Uhr, Lutherkirche) und Meiningen (17. September, 17 Uhr, Stadtkirche) zu erleben ist.

Michael von Hintzenstern

»Mein Gott, wie lang, ach lange«

17. Januar 2016 von redaktionguh  
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Vor genau 300 Jahren: Bach-Kantate erklang erstmals am zweiten Sonntag nach Epiphanias 1716 in Weimar

Obwohl Johann Sebastian Bach in seinem Entlassungsgesuch an den Rat der Stadt Mühlhausen vom 25. Juni 1708 argumentierte, er habe »den Endzweck [seines Schaffens], nemlich eine regulirte kirchen music zu Gottes Ehren, und Ihren Willen nach« an seiner bisherigen Wirkungsstätte, der Mühlhäuser Kirche Divi Blasii, nicht verwirklichen können, blieb dieses Ziel auch in seiner neuen Stellung am Weimarer Hof zunächst unerfüllt: als Hoforganist und Violinist der fürstlichen Kapelle war er in den ersten Jahren (1708–1714) nicht mit der Komposition von Kirchenkantaten beauftragt. Erst mit seiner Ernennung zum Konzertmeister der Hofkapelle im März 1714 gehörte es zu seinen Verpflichtungen, »monatlich neue Stücke« zu komponieren und aufzuführen.

Mit besonderem Engagement hat sich Bach sogleich der neuen Aufgabe gewidmet und eine Reihe aufwendig besetzter Kirchenwerke bis zum Osterfest 1715 komponiert. Die unmittelbar darauf folgenden Kirchenwerke sind in ihreren Dimensionen überraschenderweise jedoch reduziert und erwecken den Eindruck, als habe Bach von seinem bisherigen Aufführungskonzept aus irgendeinem Grund Abstand nehmen müssen.

Der Chor, dem Bach bis Ostern 1715 noch anspruchsvolle Aufgaben zugewiesen hatte, tritt fortan in den Hintergrund. Zumeist wird er nur noch zur Ausführung eines vierstimmigen Choralsatzes am Schluss der Kantate herangezogen. Die Kantaten sind überwiegend kammermusikalisch dis­poniert. Ob der stets auf Sparsamkeit bedachte regierende Herzog Wilhelm Ernst etwa Vorbehalte gegenüber opulent besetzten Kirchenstücken hatte verlauten lassen?

Zudem veränderte ein Trauerfall das Leben am Weimarer Hof schlagartig: Am 1. August 1715 starb Prinz Johann Ernst von Sachsen-Weimar, weshalb am 11. August die »gänzliche Landestrauer« für das gesamte weimarische Fürstentum verordnet wurde. Nirgendwo durfte musiziert werden und auch die Kantatenaufführungen in der Schlosskirche konnten mit sofortiger Wirkung nicht mehr stattfinden.

Allerdings begann man bereits nach 13 Wochen, die Landestrauer schrittweise zu lockern: Am 10. November 1715 wurde in allen Kirchen des Herzogtums erstmals wieder musiziert und Bach hatte in der Folgezeit (seinem schon genannten Auftrag gemäß) Kirchenstücke zu komponieren und aufzuführen – darunter auch die Kantate »Mein Gott, wie lang, ach lange« (BWV 155), die erstmalig am zweiten Sonntag nach Epiphanias 1716 – also vor genau 300 Jahren – im Frühgottesdienst der Weimarer Schlosskirche unter seiner Leitung erklang.

Das Libretto hatte der Weimarer Oberkonsistorialsekretär Salomon Franck beigesteuert. Es basiert auf dem 2. Kapitel des Johannes-Evangeliums, wo von der Hochzeit zu Kana berichtet wird: Jesus bleibt im Verborgenen, bis seine Stunde zum Handeln gekommen ist. Das Werk gehört zu den wenigen Weimarer Kantaten, die uns aus den Jahren 1716/1717 überliefert sind – vielleicht deshalb, weil Bach einen Teil seiner am Weimarer Hofe komponierten Kirchenwerke zurücklassen musste, als er im Dezember 1717 nach vierwöchiger Haft aus den Diensten des Herzogs in Ungnaden entlassen wurde. Über die näheren Hintergründe der Arrestierung wird in der Bach-Forschung noch immer gerätselt.

Andreas Glöckner

»Auf, preiset die Tage …«

7. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Die Zerbster Kantorei singt am 12. Dezember das Weihnachtsoratorium

Jauchzet, frohlocket! Auf, preiset die Tage …«, so beginnt das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Darin parodiert der Komponist sein eigenes Werk, unter anderem für den Eingangschor eine von ihm längst geschriebene weltliche Musik, die ursprünglich einen anderen Text führte: »Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten …« Die Pauken blieben und die Trompeten, jedenfalls in der Musik.

Doch noch ruhen diese Instrumente. In der Winterkirche von St. Bartholomäi in Zerbst übernimmt das Klavier den Orchesterpart. Die Zerbster Kantorei probt hier für das Weihnachtsoratorium von Bach, die Kantaten eins bis drei, die am 12. Dezember in der Kirche St. Trinitatis in Zerbst aufgeführt werden (17 Uhr). Weitere Mitwirkende sind das Mitteldeutsche Kammerorchester und Gesangssolisten.

Die Zerbster Kantorei probt in der Winterkirche von St. Bartholomäi. Foto: Thomas Altmann

Die Zerbster Kantorei probt in der Winterkirche von St. Bartholomäi. Foto: Thomas Altmann

»Und kommt von oben auf das ›Ehr‹. Der Ton folgt dem Weg der Engel«, sagt Kantor Tobias Eger, malt die Bewegung in den Raum und der Chor folgt: »… aus aller Kraft Lob, Preis und Ehr.« Gut 40 Sängerinnen und Sänger sind an einem Donnerstag im November zur Probe gekommen. Etwa 45 zählt der Chor insgesamt. Die Zerbster Kantorei ist ein überregionaler, auch überkonfessioneller, an St. Bartholomäi gebundener Chor. Die Aufführung des Weihnachtsoratoriums hat Tradition, alle zwei Jahre ist es in Zerbst zu hören.

»Im Chor kommen Menschen mit ganz unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt zusammen«, sagt Kirchenmusiker Eger, »mit ganz unterschiedlichen Glaubensprofilen. Menschen, die auf verschiedenen Wegen etwas verinnerlichten und gemeinsam singen.« Seit 1996 ist Eger Kantor an St. Bartholomäi und Kreiskirchenmusikwart im Kirchenkreis Zerbst. Eigentlich wollte der Pfarrerssohn (Jahrgang 1959) Orgelbauer werden. Als andere Fußball spielten, kroch er in Orgelgehäusen herum, baute Pfeifen nach. Dann begann er mit der grundlegenden Ausbildung, einer Tischlerlehre, die er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. »Da wurde mir klar«, sagt Eger, »dass ich vielleicht selber lieber Musik machen wollte, als für andere die Instrumente zu bauen.« Klavier, Orgel, Querflöte habe er als Kind gespielt. In Leipzig studierte er Flöte. Dann ging er an das Magdeburger Theater, spielte im Orchester Querflöte, alle Sparten: Oper, Operette, Sinfonik, Kammermusik. Daneben legte er die C-Prüfung für Kirchenmusik ab, übernahm Orgeldienste an Magdeburger Kirchen, zuweilen auch am Dom. 1989 zog die Familie nach Westfalen, dann nach Süddeutschland. Dort unterrichtete Eger an einer Musikschule Flöte, Querflöte und Klavier, leitete Chöre und übernahm nebenamtlich eine Kirchenmusikerstelle. Nach Studien in Herford legte er extern Prüfungen an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle ab und ging dann nach Zerbst. Bald sei eine Anfrage aus Magdeburg gekommen. Tobias Eger leitet seit Jahren den auf Vereinsbasis agierenden Telemann-Chor und seit 2009 auch den Universitätschor. In Magdeburg wird das Weihnachtsoratorium eine Woche früher aufgeführt. Einige Sänger reisen dann auch nach Zerbst, sodass Eger mit gut 70 Chorsängerinnen und -sängern in St. Trinitatis rechnet.

Tobias Egers Credo für die Chorarbeit ist, dass die Menschen reicher nach Hause gehen müssten als sie gekommen sind, »reicher, weil etwas angekommen, etwas in das Herz gegangen ist«. Was er nicht mag sind Sätze wie: »Wir bedanken uns für die musikalische Untermalung.« Musik sei keine Ausschmückung, mit der man den Sarg auskleide, keine Rüsche, kein Ornament. Musik, Kirchenmusik habe eigene Inhalte, eigene Wege, eigene Deutungen.

Die Probe in St. Bartholomäi ist längst vorbei. Nach dem Weihnachtsoratorium wurde noch für eine Trauerfeier geprobt. Denn Chorarbeit ist Gemeindearbeit. Am 12. Dezember aber sind sie zu hören, die Pauken und der weihnachtliche Text: »Jauchzet, frohlocket!«

Thomas Altmann

Klassiker zur Weihnachtszeit

26. November 2015 von redaktionguh  
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Die Kantaten aus J. S. Bachs »Weihnachtsoratorium« erklingen in 47 Aufführungen

Weihnachten »ohne« geht nicht. Die sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach gehören zur Advents- und Weihnachtszeit wie das Lametta zum Christbaum. Insider benutzen für das populäre Werk gerne die Abkürzung WO. Im Blick auf die Gebiete der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Evangelischen Landeskirche Anhalts ist G+H der Frage nachgegangen, wo das WO in diesem Jahr zu hören ist? Dabei konnten insgesamt 47 Aufführungen einzelner Teile des Gesamtwerkes (bzw. an ihm orientierter Adaptionen) erfasst werden. Zugleich soll seine Aufführungsgeschichte beleuchtet werden.

Johann Sebastian Bach führte die sechs Kantaten des »Weihnachtsoratoriums« innerhalb von zwei Wochen auf: Teil 1 am ersten Weihnachtsfeiertag, Teil 2 am zweiten, Teil 3 am dritten,
Teil 4 gab es zu Neujahr, Teil 5 am Sonntag nach Neujahr und den abschließenden Teil 6 zu Epiphanias, dem Dreikönigstag. Die Aufführungen in der Leipziger Thomas- und Nikolaikirche, um 7 Uhr und um 15 Uhr beginnend, waren hierbei in den liturgischen Gottesdienstablauf eingebunden.

Aufführung des Weihnachtsoratoriums 2013 in der Stiftskirche von Gernrode. Foto: Jürgen Meusel

Aufführung des Weihnachtsoratoriums 2013 in der Stiftskirche von Gernrode. Foto: Jürgen Meusel

Neu war, dass der Thomaskantor einen sechsteiligen Zyklus mit einem durchgehenden textlichen Geschehen – der Weihnachtsgeschichte – schuf. Er bezog sich dabei auf die Geschichte um Christi Geburt nach dem Lukas-Evangelium (Kantaten 1 bis 4) und die Epiphanias-Geschichte um die drei Weisen aus dem Morgenland nach dem Matthäus-Evangelium (Kantaten 5 und 6). Dieser biblische Bericht wird vom Evangelisten (Tenor) in den Rezitativen gesungen, ergänzt durch den Engel (Sopran) sowie die Gruppe der Engel und Hirten durch Chöre. Für die Eingangschöre der einzelnen Kantaten, die Arien und die vom Orchester begleiteten Rezitative nutzte Bach freie Dichtungen eines unbekannten Librettisten, vermutlich Friedrich Henrici, bekannt unter dem Namen Picander.

Nach Bachs Tod erbte Carl Philipp Emanuel Bach die handschriftliche Partitur und die Originalstimmen. Über Goethes Freund Carl Friedrich Zelter gelangte beides an die Berliner Sing-Akademie, bis das Aufführungsmaterial 1854 von der Königlichen Bibliothek, der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin, erworben wurde. Der Berliner Sing-Akademie ist auch die Wiederentdeckung des Werkes zu verdanken, die das Oratorium am 17. Dezember 1857 unter Eduard Grell zum ersten Mal nach Bachs Tod in ihrem Konzerthaus hinter der Neuen Wache in Berlin-Mitte wieder vollständig zum Klingen brachte.

Eigenartigerweise brauchte es noch einmal 100 Jahre, bis das »WO« denselben Bekanntheitsgrad wie Bachs große Passionen erlangte. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist es jedoch das bekannteste Werk der Kirchenmusik überhaupt – nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt jubilieren die Chöre freudig: »Jauchzet, frohlocket!« Im heutigen Musikbetrieb werden die Kantaten 1 bis 3, 4 bis 6 oder 1 bis 3 und 6 (wegen der einheitlichen Instrumentierung) oftmals bereits in der Adventszeit zu Gehör gebracht. Einzelne Chöre öffnen einige Wochen vor der Aufführung ihre Proben und laden zum »Weihnachtsoratorium zum Mitsingen« ein. Natürlich gibt es auch Interpretationen in historischer Aufführungspraxis auf Originalinstrumenten der Bach-Zeit. Während manche Experten davon ausgehen, dass die Chöre lediglich von einem Solistenquartett gesungen wurden, setzen andere einen kleinen Chor ein. In der Regel wird das Werk jedoch von größeren Chören aufgeführt. Michael Gusenbauer verbindet in seinem WO für Kinder die Rolle eines Erzählers mit Musikbeispielen. In einer Bearbeitung für den MDR-Kinderchor werden die Arien von Kindern gesungen.

Michael von Hintzenstern

Aufführungen in Mitteldeutschland

Altenburg. 13. 12., 17 Uhr, Brüderkirche: Kantaten 1, 4 und 6 – Kantorei Altenburg
Arnstadt. 12. 12., 19.30 Uhr, Bachkirche: Kantaten 1–3 – Bachchor Arnstadt
Bad Liebenwerda. 28. 11., 19 Uhr, Stadtkirche: Kantate 1 u. a. – Kantoreien Bad Liebenwerda, Elsterwerda, Herzberg
Bad Salzungen. 20. 12., 17 Uhr, Stadtkirche: Kantaten 1–3 – Chöre an der Stadtkirche
Burgliebenau. 21. 12., 20 Uhr, Barock­kirche: Kantaten 1–3 – Collegium Vocale Leipzig
Delitzsch. 20. 12., 17 Uhr, Ev. Marienkirche: Kantaten 1–3 – Kantorei Delitzsch
Dessau-Roßlau. 13. 12., 17 Uhr, St. Johannis: Kantaten 4–6 – Lutherchor
Eisenach. 13. 12., 17 Uhr, Georgenkirche: Kantaten 1–3 – Bachchor
Erfurt. 5. 12., 18 Uhr, Deutschordens-Seniorenheim, Vilniuser Str. 14: Kantaten 1–3 – Domchor Erfurt; 12. 12., 16 und 20 Uhr, Thomaskirche: Kantaten 1–3 – Augustiner-Kantorei; 13. 12., Thomaskirche, 17 Uhr: Kantaten 4–6 – Augustiner-Kantorei
Gernrode. 18. 12., 19.30 Uhr, Stiftskirche: Kantaten 1–3 – Kantoreien Gernrode und Ballenstedt
Gestungshausen/Oberfranken. 27. 12., 17 Uhr, Gemeinschaftshalle: Neue Vertonung nach dem Libretto (Text) von Bachs Weihnachtsoratorium von Helmut Mitzenheim – Kirchenchöre Heldburg und Gestungshausen, Konzertchor »Belcanto«
Gotha. 12. 12., 19.30 Uhr, Margarethenkirche: Kantaten 1–3 – Bachchor
Greiz. 20. 12., 17 Uhr, Stadtkirche St. Marien: Kantaten 1, 4–6 – Kantatenchor Greiz
Halle. 30. 11., 19.30 Uhr, Pauluskirche: Kantaten 1–3 – Chor der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle; 13. 12., 17 Uhr, Marktkirche: Kantaten 1–3 – Hallesche Kantorei; 24. 12., 22.30 Uhr, Pauluskirche: Kantaten 1–3 – Chor der Paulusgemeinde
Heldburg. 6. 12., 17 Uhr, Stadtkirche: Neue Vertonung (siehe Gestungs­hausen)
Hermsdorf. 5. 12., 19.30 Uhr, St.-Salvator-Kirche: Kantate 1 im Rahmen der Festmusik »330 Jahre Bach« – Ökumenischer Chor Hermsdorf
Hildburghausen. 20. 12., 17 Uhr, Christuskirche: Kantate 1 und Magnificat von Bach – Stadtkantorei Hildburghausen
Ilmenau. 19. 12., 19.30 Uhr, St. Jakobus: Kantaten 1, 4 und 6 – Bachchor Ilmenau
Jena. 15. 12., 19.30 Uhr, Stadtkirche: Kantaten 1–3 – Kantorei St. Michael
Köthen. 20. 12., 18 Uhr, St. Jakob: Kantaten 4–6 – Bachchor
Magdeburg. 12. 12., 17 Uhr, Johanneskirche: Kantaten 1–3 in einer Bearbeitung für Kinderchor von Ulrich Kaiser – MDR-Kinderchor; 19. 12., 17 Uhr, Pauluskirche: »Weihnachtsoratorium für Kinder« in der Fassung von Michael Gusenbauer – Magdeburger Kantatenchor
Merseburg. 20. 12., 17 Uhr, Stadtkirche: Kantaten 1–3 – Domkantorei Merseburg; 3. 1., 10 Uhr, Stadtkirche: Kantate 4 im Gottesdienst; 9. 1., 17 Uhr, Stadtkirche: Kantaten 5 und 6 – Domkantorei Merseburg
Mönchröden/Oberfranken. 5. 12., 17 Uhr, Grundschule: Neue Vertonung (siehe Gestungshausen)
Nordhausen. 12. 12., 14.30 Uhr, St.-Blasii-Kirche: »Weihnachtsoratorium für Kinder« in der Fassung von Michael Gusenbauer – Nordhäuser Kantorei; 17. 12., 20 Uhr, St.-Blasii-Kirche: Kantaten 4–6 – Nordhäuser Kantorei; 26. 12., 10 Uhr, St.-Blasii-Kirche: Kantate 4 im Gottesdienst – Nordhäuser Kantorei
Ohrdruf. 20. 12., 17 Uhr, St. Trinitatis: Kantaten 1, 5 und 6 – Kantorei, Gospelchor, Kinderchor Ohrdruf
Rudolstadt. 13. 12., 18 Uhr, Stadtkirche: Kantaten 4–6 zum Mitsingen – Oratorienchor Rudolstadt
Salzwedel. 29. 11., 16 Uhr, Konzerthalle Mönchskirche: Kantate 1, 4 und 6 – Kantorei Salzwedel
Sangerhausen. 6. 12., 17 Uhr, St. Jacobikirche: Kantaten 1–3 – Ev. Kantorei Sangerhausen
Schlieben. 20. 12., 16 Uhr, Martinskirche: Kantaten 1–3 – Herzberger Kantorei
Suhl. 5. 12., 17 Uhr, Hauptkirche: Kantaten 4–6 – Suhler Kantorei
Torgau. 20. 12., 18 Uhr, Schlosskirche: Kantaten 1, 5 und 6 – Johann-Walter-Kantorei
Waltershausen. 13. 12., 17 Uhr, Stadtkirche: Kantaten 1–3 – »Ensemble vocale«, Kantorei Waltershausen/Friedrichroda
Weimar. 12. 12., 19.30 Uhr, Stadtkirche: Kantaten 1–3 – Bachchor Weimar; 25. 12., 10 Uhr, Stadtkirche: Kantate 1 im Gottesdienst – Bachchor Weimar; 26. 12., 17 Uhr, Jakobskirche: Kantate 4 in einer ungewöhnlichen klanglichen Gestaltung mit Originalinstrumenten
Wernigerode. 28. 11., 19.30 Uhr, St. Sylvestri: Kantaten 1–3 – Kantorei
Wittenberg. 5. 12., 18 Uhr, Stadtkirche: Kantaten 1–3 – Wittenberger Kantorei
Zerbst. 12. 12., 17 Uhr, St. Trinitatis: Kantate 1–3 – Zerbster Kantorei

www.ekmd.de/aktuell/veranstaltungskalender


An authentischen Orten

11. März 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Thüringer Bachwochen bieten in drei Wochen 50 Konzerte

Zu den Thüringer Bachwochen werden vom 27. März bis 19. April wieder Gäste aus aller Welt erwartet. Die Anziehungskraft des Festivals liegt darin begründet, in drei Festivalwochen 50 Konzerte an historischen Lebens- und Wirkungsorten Johann Sebastian Bachs erleben zu können. Eröffnet wird es nach der traditionellen »Langen Nacht der Hausmusik« am 28. März mit der Matthäuspassion in Arnstadts Bachkirche. Unter der Leitung von Christoph Prégardien sind mit dem »Balthasar-Neumann-Chor« und »Le Concert Lorrain« zwei Ausnahme-Ensembles erstmals im Freistaat zu Gast. Weitere Spitzensolisten, die das Programm prägen, sind die Geigerin Carolin Widmann, der Bariton Michael Nagy, die »Holland Baroque Society«, der New Yorker Pianist Jeremy Denk, das »Danish String Quartet« oder der »Seoul Motet Choir« sowie zum Abschluss der britische Star-Geiger Nigel Kennedy. Darüber hinaus werden die Bachwochen auch abseits der Festivalzeit ihre Tätigkeit erweitern: Im August laden sie zur zweiten »Weimarer Bachkantaten-Akademie« mit Helmuth Rilling ein, im Oktober begleitet eine Orgelwoche den internationalen »Bach-Liszt-Orgelwettbewerb«.

Die »Holland Baroque Society« gastiert am 17. April im Südthüringischen Staatstheater Meiningen. Foto: Thüringer Bachwochen/Wouter Jansen

Die »Holland Baroque Society« gastiert am 17. April im Südthüringischen Staatstheater Meiningen. Foto: Thüringer Bachwochen/Wouter Jansen

Ein Kaleidoskop aus Bachköpfen als Plakatmotiv symbolisiert die Vielfalt der Bach-Sichten und -Deutungen, die das Programm bestimmen. Neben eigenen Werken des großen Barock-Meisters sollen erneut auch Komponisten und Interpreten ein Podium erhalten, die durch Bach geprägt wurden und seine Musik direkt oder indirekt verarbeitet haben.

Die Kernaufgabe des Festivals – die Präsentation der Werke Bachs an historischen Orten – wird auf zwei Wegen erfüllt. In herausragenden Konzerten gastieren international renommierte Künstler an bis heute erhaltenen Spielstätten. Daneben gibt es erstmals die Reihe »Bachland Thüringen«, in deren Rahmen regionale Interpreten wie die »Thüringen Philharmonie Gotha«, das »Ensemble Hofmusik« (Weimar) oder der Bachchor Eisenach vorgestellt werden. Diese beiden Säulen stehen symptomatisch für das Festival, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, neben den Konzerten internationaler Stars auch die lebendige Bachszene in Eisenach, Arnstadt, Weimar oder Erfurt zu fördern.

Ein internationales Gipfeltreffen wird die Aufführung der Johannes­passion am Karfreitag darstellen: Studenten der beiden europäischen Elite-Musikhochschulen Mozarteum Salzburg und Royal College of Music London finden sich in Weimar zusammen, um gemeinsam mit dem italienischen Alte-Musik-Spezialisten Vittorio Ghielmi zu arbeiten. Diesem sicher von jugendlichem Spieleifer geprägten Konzert steht am gleichen Tage eine Matthäuspassion in Meiningen gegenüber, die von den Ensembles des MDR aufgeführt wird. Hier erklingt die selten zu hörende Bearbeitung durch Felix Mendelssohn Bartholdy, der das Werk 1829 erstmals nach Bachs Tod wieder aufgeführt und für den Geschmack seiner Zeit (und die Möglichkeiten seiner Ensembles) arrangiert hatte.

(mkz)

www.thueringer-bachwochen.de

Lichtes Hoffnungszeichen

25. November 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

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Das neue Gemeindehaus in Lichte

Tiefe Täler haben sich die Flüsschen Lichte und Piesau ins Thüringer Schiefergebirge gegraben. Bis zum Rennsteig sind es rund fünf Kilometer und nach Bayern nur ein paar mehr. Hat man Bergkuppe und Wald hinter sich gelassen, geht der Blick weit hinunter. Zwischen 800 und 500 Höhenmetern liegt der Ort Lichte mit seinen schmucken schiefergedeckten Häusern.

Das neue Gebäude: Die Gemeinde ist stolz auf das Geschaffene. Foto: Thomas Schäfer

Das neue Gebäude: Die Gemeinde ist stolz auf das Geschaffene. Foto: Thomas Schäfer

Zur evangelischen Kirchengemeinde Lichte (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) gehören Lichte und Wallendorf mit Bock, Teich sowie Geierstal. Seit einigen Jahren wird vom Pfarramt Wallendorf aus auch Schmiedefeld und Piesau mit versorgt. Insgesamt betreut Pfarrer Michael Nolde etwa 1 150 Gemeindeglieder. Wenn er auf die Zahlen schaut, verfinstert sich allerdings sein Gesicht: »Die Pfarrstelle hat in den letzten fünf Jahren etwa 200 Gemeindeglieder verloren.« Bislang waren zwei Pfarrhäuser und drei Kirchen zu verwalten, seit Mai ist ein weiteres Gebäude dazugekommen.

Küsterin Helga Schulz steht strahlend vor dem neuen Gemeindehaus in Lichte. Die Freude über das Geschaffene ist der Kirchenältesten ins Gesicht geschrieben. Fast 200 Jahre zog die Gemeinde von einem Ausweichquartier zum anderen. 1998 erwarb sie schließlich das Grundstück Dorst 6, auf dem bereits ihr kleiner Glockenturm stand. Erste Ideen und Entwürfe werden ab 2010 diskutiert. Im Mai 2011 dann eine Spendensammlung. »Wir sind von Haus zu Haus gegangen und fast nie abgewiesen worden«, erinnert sich Helga Schulz. Knapp 3 800 Euro und Eigenleistungen im Wert von 12 000 Euro kamen zusammen. Angespartes, Lotto-Mittel und landeskirchliche Unterstützung ermöglichen im Juli 2013 den Baubeginn, im September ist Richtfest und am 10. Mai 2014 Einweihung. »Als der Rohbau stand, setzte eine Hilfswelle ein. Es gab hohe anonyme Einzelspenden, und Handwerker ließen sich nur das Material bezahlen«, sagt Herbert Greiner. Bei dem pensionierten Bauingenieur liefen die Fäden zusammen. Gemeinsam mit Helmut Fischer sowie Helga und Günter Schulz war er täglich auf der Baustelle zu finden. »Wir sind halt die Rentnergang«, lachen sie.

Entstanden ist ein kleines Multifunktionsgebäude mit großem Raum für etwa 50 Personen, kleiner Teeküche und Toilette. Die beiden Bleiglasfenster mit Martin Luther und Johann Sebastian Bach sowie Harmonium und Liedertafel zogen stets mit der Gemeinde um und vermitteln nun ein Stück Heimat. Insgesamt seien rund 86 000 Euro an Baukosten (ohne Eigenleistungen und Sachspenden) aufgebracht worden, informiert Pfarrer Nolde. Man kam damit aus und ist schuldenfrei. Jetzt werden die Außenanlagen fertiggestellt.

Derzeit nutzen acht bis zwölf Kinder das Christenlehreangebot des Kirchspiels, und es gibt fünf Vorkonfirmanden und zehn Konfirmanden. Am Reformationstag wurde ihr Stegreiffilm »Bruder Martin« im Gemeindehaus gezeigt. Intensiv hatten sie sich mit Luthers Leben auseinandergesetzt. Zudem wird jeden Monat zu zwei Bibelabenden eingeladen. Der Kirchenchor geht auf sein 260. Jubiläum zu.

Alles gut? Nein. »Wir haben den Jammer mit der 2005 fertiggestellten Trinkwassertalsperre Leibis-Lichte. Die hohen Umweltauflagen haben unsere Porzellan- und Glasindustrie fast ganz futsch gemacht und lähmen Neuansiedlungen. Von rund 2 600 Einwohnern ist die Zahl auf 1 500 gesunken«, erklärt Helga Schulz. Man liegt an der Thüringer Porzellanstraße, aber die jungen Leute pendeln bis nach Bamberg. Viele sind deprimiert. Lichte hatte mit 28,6 Prozent die geringste Wahlbeteiligung Thüringens.

Umso mehr ist das neue Gemeindehaus ein hoffnungsvolles Zeichen von Tatkraft und Gemeinschaftssinn.

Uta Schäfer

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