Die Kirche ist kein Museum

25. November 2010 von redaktionguh  
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Reglergemeinde in Erfurt hat gleich doppelten Grund zum Feiern: Wiedereinweihung des Altars und 60 Jahre Reglersingschar.

Hochgotischen Flügelaltars der Erfurter Reglerkirche.

Hochgotischen Flügelaltars der Erfurter Reglerkirche.

Ein großes weißes Tuch verdeckt das hölzerne Retabel. Auch der steinerne Altartisch ist verhüllt. Die beachtliche Größe des hochgotischen Flügelaltars der Erfurter Reglerkirche ist jedoch auszumachen. Er gehöre zu den ältesten und wertvollsten Altären in Thüringen, sagt Pfarrer Johannes Haak. Er freut sich mit der Gemeinde auf die Wiedereinweihung am kommenden Sonntag. Im Festgottesdienst werden die Hüllen fallen, und die ­Gemeinde hat nach über einem Jahr ihr Prunkstück zurück.

Der Abbau war notwendig geworden, weil Steinblöcke des Tisches, der den Hochaltar trägt, Risse aufwiesen. 2009 war mit den Arbeiten begonnen worden, Anfang dieses Jahres wurde der Altar vollständig abgebaut, die Steinblöcke in einer Werkstatt gereinigt, gesichert und konserviert. 100000 Euro waren für die Sicherung und Restaurierung des steinernen ­Altars veranschlagt. Aber auch am Retabel wurden dringende Arbeiten ausgeführt, da mussten noch mal 17000 Euro auf den Tisch. 20000 Euro hatte die Gemeinde aufgebracht.

Der Altar gehört zu den ältesten und wertvollsten Altären in Thüringen.

Der Altar gehört zu den ältesten und wertvollsten Altären in Thüringen.

Der nächste Schritt ist die Farbgebung, informiert Steffen Pauligk, Vorsitzender des Bauausschusses. Jede Woche habe Pauligk bis zu zehn Stunden ehrenamtliche Arbeit für den Altar geleistet, wirft Pfarrer Haak ein. Pauligk winkt ab und erzählt, dass die Denkmalpflege fünf verschiedene Farbbefunde entdeckte. Infrage kämen jedoch nur die beiden ältesten. »Bei aller Denkmalpflege steht für uns immer das ­lebendige Gemeindeleben im Vordergrund. Es gibt ja Denkmalpfleger, die wollen aus einer Kirche ein Museum machen«, meint Pauligk. Noch bedarf es allerhand Kreativität zur Geldbeschaffung für alle Vorhaben.

Dass auch aus diesem Grund bei allen Entscheidungen die Gemeinde mit einbezogen wird, ist für die ­Reglergemeinde selbstverständlich. Es gab seinerzeit eine Gemeindeversammlung zur Gestaltung der Außenanlagen oder ein Abstimmungsverfahren zu Antependiums-Entwürfen. Die Meinung der Ehrenamtlichen, so versichert Johannes Haak, habe Priorität. Vieles in der Gemeinde läuft so auch ganz ohne Pfarrer: Konfiarbeit, Besuchskreis, Gemeindebrief zum Beispiel.

»Der Gemeindekirchenrat legt großen Wert auf die Mitsprache der Gemeindeglieder«, versichert er. Auch deshalb haben alle mitgetragen, dass der Altarraum lange leer oder von einer Plasteplane verhüllt war.  Sie hätten trotzdem ihre Trauerfeier, Taufen und auch Trauungen in ihrer Kirche begangen.

Über die Rückkehr des Altars freuen sich alle. Aber noch ein zweiter Grund wird am ersten Advent zu feiern sein: Die Reglersingschar wird 60! Es ist ein ganz besonderer Kirchenchor, wie Landeskirchenmusikdirektor Dietrich Ehrenwerth bestätigt: Er sei seines Wissens der einzige Gemeindechor, der in jedem Sonntagsgottesdienst seinen festen Platz hat, nicht nur bei der Liturgie. Ulrich Oelze vom Musikausschuss singt seit seinem 14. Lebensjahr in der Reglersingschar. Zuvor war er im Kinderchor und glücklich, endlich im »großen« Chor mitzusingen.

»Ich hatte das Privileg, bei Erika Häußler Stimmbildung zu bekommen.« Ihr Mann, Kantor Gerhard Häußler, hatte 1950 den A-cappella-Chor aufgebaut. Heute gehören ihm 60 Frauen und Männer an. Den Altersdurchschnitt von 45 Jahren empfindet Ulrich Oelze recht hoch und wünscht sich noch mehr junge Sängerinnen und Sänger. Dass der inzwischen 44-Jährige nach 30 Jahren noch dabei ist, hat mit dem besonderen Charakter des Chores zu tun.

Reglersingschar und Gemeinde sind ihm Heimat geworden. Zu den Proben jeden Montag kämen die Berufstätigen oft geschafft von acht Stunden Arbeit. »Nach zwei Stunden Probe sind viele Sorgen einfach weg oder  nebensächlich geworden«, erfährt Oelze immer wieder. Die Gemeinschaft bedeutet mehr als das gemeinsame Singen. Ebenso sind Sänger willkommen, die nur selten mit auftreten können, Studenten zum Beispiel.

Johannes Häußler, der Sohn des Gründers und jetziger Kantor, führt die Tradition der Reglersingschar fort: Nicht das Singen, sondern die Verkündigung stehe im Vordergrund. Das wird auch am Sonntag so sein, wenn die Singschar zum doppelten Fest ­jubiliert.

Dietlind Steinhöfel

Reglerkirche: 28.11., 9.30 Uhr, Festgottesdienst, Predigt: OKR Christhard Wagner

Kirche mitten in der Stadt

15. Januar 2010 von redaktionguh  
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Über die Fundstücke im Knopf des Nordturmes der Erfurter Reglerkirche freuen sich Kirchenältester Steffen Pauligk (re.) und Pfarrer Johannes Haak (li.). (Foto: Axel Heyder)

Über die Fundstücke im Knopf des Nordturmes der Erfurter Reglerkirche freuen sich Kirchenältester Steffen Pauligk (re.) und Pfarrer Johannes Haak (li.). (Foto: Axel Heyder)

Bauarbeiten und reges Gemeindeleben in der Erfurter Reglerkirche

An warmen Tagen sitzen die Menschen auf den Bänken neben der Erfurter Reglerkirche. Sie halten Vesper oder ruhen sich aus. »Wir sind richtig in der Stadt angekommen«, konstatiert Gemeindepfarrer Johannes Haak. Zwar steht die Kirche immer noch am selben Fleck, aber die großen Tore, die einst den Zugang zum Gelände versperrten, sind verschwunden. Und das sei eine richtige Geschichte:

Im Mauerwerk der Kirche gab es Durchfeuchtungen, berichtet Steffen Pauligk, Kirchenältester und Leiter des Bauausschusses. Schon in den 1970er Jahren hatte es Planungen für die Entwässerung des gesamten Grundstücks gegeben, die jedoch nicht umgesetzt wurden. 2006 nahm man das in Angriff. Doch es gab eine unangenehme Überraschung: In DDR-Zeiten waren alle Versorgungsleitungen durch das Kirchengrundstück gelegt worden: Fernwärme-, Gas- und Hochspannungsleitung. »Alles führte sehr dicht an der Kirche lang«, sagt Pauligk. Da die Stadt Erfurt Raum für einen Radweg benötigte, wurde man sich einig. Die Kirche gab etwas vom Kirchengrundstück ab, die Leitungen wurden unter den Radweg gelegt. Und die Stadt »rückte« näher an die Kirche.

»Grundstücksangelegenheiten sind ein sensibles Thema«, sagt Johannes Haak. »Wir haben deshalb auf einer großen Gemeindeversammlung über die Planungen gesprochen. »Nun ist es auch für die Gemeinde ein Zeichen der Öffnung.«

Die Erfurter Reglerkirche, deren Gemeinde 2200 Mitglieder zählt, wurde im 12. Jahrhundert erbaut und hat wie viele Kirchen einige Umgestaltungen nach Brand oder Zweckentfremdung erfahren. 1845 war sie sogar geschlossen worden, bevor zehn Jahre später eine umfassende Wiederherstellung begann. In den 1970er Jahren wurde wiederum saniert. Dann gab es eine längere Pause. 1992 erarbeitete der Bauausschuss ein denkmalpflegerisches Konzept. Anhand alter Papiere wurde eine Prioritätenliste aufgestellt. Das erste größere Projekt war 2002 die Sanierung des Kreuzgangs mit einem Bauvolumen von 25.000 Euro. Danach kam die Sakristei in die Kur.

»Was uns sehr begleitet hat«, erzählt Johannes Haak, »ist die Glockenaktion.« Vor einigen Jahren musste plötzlich die letzte Glocke stillgelegt werden. Und nicht nur die Glocken, sondern auch die Glockenstühle der beiden Türme waren zu erneuern. »Mit den Männern und den Jungs der Gemeinde haben wir sie abgebaut. Das hat richtig Spaß gemacht«, berichtet der Pfarrer. Die Leute seien sich nähergekommen, persönliche Beziehungen gewachsen. »Ein Grundschüler hat auf sein Eis verzichtet und einen Euro gespendet. Das hat uns ­berührt und gezeigt, dass das Projekt überall angekommen ist.« Zahlreiche Ideen wurden entwickelt, um die 30.000 Euro Eigenanteil zusammenzubringen. Am 14. März soll Glockenweihe sein.

Zurzeit fehlt der wertvolle gotische Flügelaltar. Im unteren Aufbau, dem steinernen Altar, waren Risse festegestellt worden, sodass Einsturzgefahr bestand. Damit die Sanierungsarbeiten beginnen können, wurde der Flügelaltar im Dezember ausgelagert. Die Kosten werden auf etwa 100.000 Euro geschätzt.  Etwa 16.000 Euro davon muss die Gemeinde aufbringen. Auch am Flügelaltar selbst wären Arbeiten nötig. Hierfür gibt es jedoch noch keine ­Mittel.

Eine positive Überraschung gab es, als am 18. Dezember 2009 die Turmhaube abgenommen wurde: Der Turmknopf barg zwei Hülsen! Eine davon wurde 1749 eingelegt. Diese enthielt einen Bittbrief um Geld, da der Turm eingestürzt war. Fundraising im 18. Jahrhundert! Die Dokumente, so Haak, sollen digitalisiert werden.

Die aufwendigen Bauarbeiten tun dem Gemeindeleben keinen Abbruch. Die vier Predigtstätten müssen versorgt werden und die Gemeindegruppen betreut. Aber der Pfarrer hat zahlreiche Helferinnen und Helfer: Lektoren und Menschen, die Kreise selbstständig leiten. 140 Männer und Frauen sind ehrenamtlich aktiv. Sie waren am 10. Januar zum ersten Mal zu einem Ehrenamtstag eingeladen. Rund 100 waren gekommen und erlebten einen fröhlichen Tag.

»Der Dienst des Pfarrers hat sich verändert«, stellt Johannes Haak fest. »Die wachsende Ehrenamtsarbeit macht das Gemeindeleben lebendiger.

Dietlind Steinhöfel

Das Werk seiner Hände wird er nicht lassen

3. Januar 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft.
Psalm 138, Vers 3

© Markus Nyberg (SXC)

© Markus Nyberg (SXC)

Anders gedeutet: »Am Tag, da ich rief, hast du geantwortet mir, du hast mich erkühnt, in meiner Seele ist Macht. (Martin Buber)«

Was für ein Wort am Anfang des Kalenderjahres! Kräftig und klar. Eindeutig – deutlich. Deutlich – einfach. Einfach – einladend. Zweifach zugewendet: zu Gott und den Menschen. Zum Schöpfer und den Geschöpfen. Dreifach werbend mit Verben: anrufen, erhören, geben.

Dreifach, weil Gott der Eine ist. Er kündet den reichen Raffern und rastlosen Ratlosen. Kündet Versagern und Vielbegabten, Mutigen und Angstgeplagten, Kindern und Greisen, Weisen und Unverständigen … »in meiner Seele ist Macht«. Ein schönes Wort am Anfang des Jahres. Schön, weil zuversichtlich und hoffnungsschwanger. Schön, weil Vertrauen zugetraut und Zusage verbindet. Schön, weil Macht beschwingt. Ja, Macht, die bewegt.

Am Tag, da ich rief. Ihn anrief. Haben Sie schon gerufen – heute? Die Hände falten und rufen und erhört werden. Dazwischen nur Geborenwerden und Sterben. Werden und Vergehen. Welch eine Spanne zwischen Schönheit und Schwermut, Scham und Schau. Und immer wieder Rufen. Rufen. Ihn – den Erkühner. Ihn – den Schöpfer. Sein Werk zu pflegen – welch schöne Herausforderung!

Ich werde erinnert an einen der Psalmen Peter Huchels. Mit ihm sei gekündet in die Spanne menschlicher Verantwortung – nach der Weltklimakonferenz von Kopenhagen – für diese eine, Seine Welt:

»Die da wohnen
Unter der Erde
In einer Kugel aus Zement,
Ihre Stärke gleicht
Dem Halm
Im peitschenden Schnee.
Und nicht erforscht wird werden
Ein Geschlecht
Eifrig bemüht
Sich zu vernichten.«

In Seinem Wort ist weisheitliche Stärke und Macht. Ich wünsche Ihnen am Anfang des Jahres MMX die Stärke eines Halmes im peitschenden Schnee. Denn das Werk seiner Hände wird er nicht lassen, wird hören und Kraft schenken.

Johannes Haak, Pfarrer in Erfurt