Erbarmen und Herzlichkeit braucht jeder Mensch

22. Juni 2012 von redaktionguh  
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Gib mir durch dein Barmherzigkeit den wahren Christenglauben,
auf dass ich deine Gütigkeit mög’ inniglich anschauen,
vor allen Dingen lieben dich und meinen Nächsten gleich wie mich.

Evangelisches Gesangbuch 232, Strophe 3

Was ist der Glaube, das Leben, das tagtägliche Tun ohne die Barmherzigkeit?

WzW_26-12

Johannes Schymalla, Domkantor in Stendal

Als Vater von einem zweijährigen Sohn erlebe ich, wie mein Sohn auf Menschen reagiert. Menschen, die ihm zugewandt und geduldig sind, die ihm ein Lächeln schenken, und vor allem Menschen, die Wärme und Herzlichkeit ausstrahlen, ziehen ihn an. In ganz kurzer Zeit erspürt er die Situation und schenkt demjenigen großes Vertrauen. Er weiß sich geborgen, weiß sich angenommen und ist glücklich.

Erbarmen und Herzlichkeit braucht jeder Mensch im doppelten Sinne. Wenn wir beides nicht erhalten, werden wir nicht als fühlendes Wesen wahrgenommen, wir empfinden uns als nicht geachtet und resignieren. Können wir keine Herzlichkeit geben und ausstrahlen, können wir nicht herzlich sein, erstirbt ein Teil von uns. Das Lebensfeuer erlischt und wir werden kalt. Mitmenschen fröstelt es bei der Begegnung mit uns, obwohl wir uns vielleicht korrekt verhalten.

Das Gesagte soll jetzt nicht zu einem Friede, Freude, Eierkuchen führen. Wir schütten über alles die Harmoniesoße, und allen geht es gut. Nein! Aber ich denke, bei allen Konflikten und Problemen, die sich ergeben, ist es wichtig, darauf zu achten, nicht zu einem Prinzipienreiter zu werden, der weiß, was gut und böse ist, dem es anscheinend nur um die Sache geht und der dabei den Menschen vor sich nicht mehr sieht.

Menschen machen Fehler. Ja! Aber ohne Erbarmen, Verzeihung und Herzlichkeit wird es keine Annäherung geben.

Wenn Jesus uns etwas aufgetragen hat, dann Barmherzigkeit zu üben, den anderen anzunehmen, so wie Gott uns annimmt.

Johannes Schymalla, Domkantor in Stendal