Spuren jüdischer Familien

15. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Koproduktion des Theaters Gera-Altenburg mit Partnern aus Tel Aviv

Im Hinterhaus wird 1914 Hochzeit gefeiert. Franziska Bucky und Albert Levy haben sich das »Jawort« gegeben. Kurz danach meldet sich Albert freiwillig an die Front. Fünf Jahre haben die Levys hier gelebt. Das Paul-Gustavus-Haus in der Wallstraße 29 ist eine von zwei Spielstätten auf den Spuren jüdischen Lebens in Altenburg. Schauspieldirektor und Regisseur Bernhard Stengele von Theater & Philharmonie Thüringen (TPT) hat sich auf Spurensuche begeben. Ihm zur Seite stand Christian Repkewitz, der die Geschichte der Familien Cohn, Bucky und Levy erforscht und aufgeschrieben hat.

Spielszene: Probe mit Mechthild Scrobanita als Marianne Bucky (geb. Cohn), Meshi Elbar als Rabbi und Bernhard Stengele (Regie) als Sally Bucky. Foto: Wolfgang Hesse

Spielszene: Probe mit Mechthild Scrobanita als Marianne Bucky (geb. Cohn), Meshi Elbar als Rabbi und Bernhard Stengele (Regie) als Sally Bucky. Foto: Wolfgang Hesse

Im Jahre 1890 eröffnete Marianne Cohn das erste Geschäft am Markt 23 in Altenburg. Gemeinsam mit Ehemann Sally Bucky führte sie binnen weniger Jahre das größte Kaufhaus am Platz, das M&S Cohn in der Spornstraße 3. Diese assimilierte jüdische Familie hatte großen Einfluss auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben der Stadt Altenburg. 1933 erfolgte die Zerschlagung des Unternehmens durch die Nationalsozialisten. Familienmitglieder wurden verhaftet oder konnten fliehen. Mehrere davon wurden in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht.

Das Stationen-Theater führt die Besucher zu verschiedenen Originalschauplätzen in der Stadt und holt dabei ein Kapitel Altenburger Geschichte eindrucksvoll ins Bewusstsein.

Die internationale Schauspielproduktion entsteht gemeinsam mit dem Jaffa Theater und dem Qarar House for Music, Theatre and Arts aus Tel Aviv. Zwei israelische und zwei palästinensische Schauspielerinnen und Schauspieler verstärken das internationale Team. Laiendarsteller der MitspielAKADEMIE aus Altenburg schaffen die Personenkulisse. Autorin Mona Becker wird unterstützt von Gaby Aldor und Mahmoud Abo Arisheh. Somit entsteht ein Kulturmix in den Sprachen Hebräisch, Arabisch und Deutsch. Die Handlung macht eine Übersetzung weitestgehend überflüssig.

Auf Workshops in Jaffa, in Yad Vashem und im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald hat sich das gesamte Produktionsteam mit Zusammenhängen der Geschichtsaufklärung und mit dem aktuellen politischen Weltgeschehen auseinandergesetzt. »Dabei konnten«, bestätigt Dramaturgin Svea Haugwitz, »unterschiedliche Sichten auf Israel und Palästina diskutiert, aber auch die Frage gestellt werden, was der Holocaust in deutschen Familien bedeutet.«

Erfahrungen mit Krieg, Vertreibung, Flucht, Ausgrenzung und Rassismus werden in der Inszenierung thematisiert und mit aktuellen Situationen in Politik, Geschichte, Tradition und Religion abgeglichen. Sound-Collagen, Installationen und performative Elemente helfen, die Story zu begreifen. Neben der historischen Abhandlung vertiefen fiktive Elemente und Monologe die Dramatik. »Die Etagen des Paul-Gustavus-Hauses und der Hinterhof atmen Geschichte und scheinen für die Inszenierung wie geschaffen«, findet Svea Haugwitz. Als provozierend und bedrückend bezeichnet die Dramaturgin die Spielszenen im Keller. Das Leid der Familie, die Erfahrungen in Konzentrations- und Vernichtungslagern werden gepaart mit Schicksalen syrischer Flüchtlinge. Wie viele Familien wurden auch Cohn, Bucky und Levy in der ganzen Welt zerstreut. Zur Premiere am 20. Mai werden Nachfahren aus Südafrika, den USA, aus Großbritannien und aus Kanada erwartet.

»Wenn man Menschen ausgrenzt, so fügt man sich selber den größten Schaden zu«, fasst Bernhard Stengele die Aussage des Stückes zusammen. »Die Ausgrenzung der jüdischen Familien war ein Verlust für Altenburg und ein Verlust für Deutschland.«
Wolfgang Hesse

Die Premiere am 20. Mai ist ausverkauft! Weitere Vorstellungen in Altenburg: 21. 5., 24. 5., 26. 5., 27. 5., 28. 5., 31. 5., 1. 6. und 2. 6., jeweils 19.30 Uhr, ab Markt 23.
Vom 7. bis 12. September wird die Produktion im Jaffa Theater, Tel Aviv, gezeigt.

www.cohn-bucky-levy.de

Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Dem kindlichen Impuls nicht gedankenlos nachgeben

14. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Johannes 1, Vers 17

Es ist schwer, bei diesem Satz sein »Kind-Ich« zu unterdrücken: »Ätsch, ihr habt das Gesetz, aber wir haben die Gnade und die Wahrheit.« In der 2000-jährigen Geschichte der »Vergegnungen« (Martin Buber) zwischen Juden und Christen haben Christen viel zu oft diesem kindischen Impuls nachgegeben.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Ja, hier klingt ein Streit an. Dem »denn« zu Beginn des Satzes möchte man unwillkürlich ein »aber« vor dem zweiten Satz hinzufügen. Abgesehen davon, dass die beiden Sätze grammatikalisch parallel formuliert sind – dieser Streit ist nicht der Streit zwischen Juden und Christen. Es ist ein innerjüdischer Konflikt. Die einen halten Jesus für den Messias, der das Gesetz des Mose erfüllt, die anderen für einen gefährlichen Reformer, dessen Erneuerungsbestrebungen das Fundament des jüdischen Glaubens gefährden.

Ein Streit, der Nichtjuden zunächst nichts angeht. Und ein Streit, in den wir uns nicht einzumischen haben. In der Geschichte des christlich begründeten Antisemitismus dienten Worte wie diese, aus ihrem geschichtlichen Zusammenhang gerissen, als Waffen im Kampf gegen Gottes auserwähltes Volk. Noch heute wird auf einer antisemitischen Website mit diesen Worten aus dem Johannesevangelium judenfeindliche Propaganda gemacht.

Auch die angedeutete Gegenüberstellung von Gesetz und Evangelium ist vor diesem Hintergrund nicht unproblematisch. Die Unterscheidung zwischen dem Anspruch des Gesetzes und dem Zuspruch des Evangeliums ist nicht mit einer schlichten Zuordnung zu Judentum und Christentum oder Altem und Neuem Testament aufzulösen. Gerade in einer Zeit, in der einfache Zuordnungen wieder im Kommen sind, ist es wichtig, den einfachen Lösungen zu widersprechen.

Als Nichtjuden, als Gottes Volk aus den Völkern, leben wir von einer anderen Gnade und Wahrheit: Davon, dass der Gott Israels der Vater Jesu Christi ist und wir durch Jesus Christus einen Zugang zu ihm haben.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Eine Tür, viele Wohnungen?

13. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Wir Christen sind tolerant, rücksichtsvoll und folgen dem Gebot der Nächstenliebe. Das gilt zunächst natürlich im Umgang mit unseresgleichen unterschiedlicher Prägung. Wir können trotz Verschiedenheit miteinander beten und Gottesdienst feiern. Zum Anfang eines Jahres wird das bei der Allianzgebetswoche deutlich. Christliche Kirchen und Gemeinschaften treffen sich, lernen sich kennen.

Auch im Zusammenhang mit Juden und Muslimen werden die gemeinsamen Wurzeln der abrahamitischen Religionen betont. War es nicht Jesus selbst, der erklärte: In meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen. Darauf wies auch der Weimarer Pfarrer Frieder Krannich in seiner Predigt zu Beginn der Allianzgebetswoche hin. Allerdings stehe das im krassen Widerspruch zum Absolutheitsanspruch, den Jesus in den »Ich bin«-Worten formulierte. So hatte ich die Worte bislang nicht verstanden. Ich hielt sie eher für eine Orientierung. Aber Krannich hat natürlich recht, denn Jesus sagt: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Ein anderer Weg scheint ausgeschlossen. Das verwirrt. Was soll man da auf die Frage antworten, ob wir alle an denselben Gott glauben? Ich weiß es nicht.

Vielleicht muss ich es auch nicht wissen. »Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde«, so beginnt unser Glaubensbekenntnis und das ist, wenn ich die unterschiedlichen Statements in dieser Ausgabe lese, der größte gemeinsame Nenner. Ich muss gar nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchen.

Dieser Glaube kann Berge versetzen und hat von Abraham bis heute schon vielen geholfen. Was glauben Sie? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften: redaktion@glaube-und-heimat.de

Willi Wild

Synode vor dem Spagat

6. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) steht vor einer Herausforderung: Wie geht man künftig mit dem Thema Judenmission um? Im jüdisch-christlichen Dialog hat sich eines klar herauskristallisiert: Die Juden haben ihren eigenen Weg zum Heil. Es ist nicht nötig, sie zu missionieren.

Das allerdings sehen nicht alle so. In der evangelikalen Szene gibt es eine ganze Reihe von Missionswerken, die sogenannte jüdisch-messianische Gemeinden unterstützen. Also Gruppen, die von sich selbst sagen, Juden zu sein, die an Jesus als den Messias glauben –, was sie im Grunde zu Christen macht. Sie entfalten gerade unter den aus Osteuropa zugewanderten, jüdischen Spätaussiedlern eine lebhafte, freikirchlich geprägte Mis­sionstätigkeit.

Die EKD steht nun vor einem Spagat. Dass sie sich zum Thema Judenmission verbindlich positionieren muss, ist angesichts der Auseinandersetzungen etwa um die Einladung messianischer Juden zu den Kirchentagen der letzten Jahre höchst angebracht und nachvollziehbar. Dass sie die Judenmission nicht unterstützen kann, ist angesichts der deutschen Geschichte ebenso wie angesichts des jüdisch-christlichen Dialogs mehr als nur verständlich.

Doch wie geht man mit Menschen um, die aus freien Stücken um die Taufe ansuchen? Und wie schafft man es, das eigene fromme Lager nicht völlig zu verprellen? Klar ist da im Moment da wohl nur eines: Kein Text, der in die EKD-Synode eingebracht wird, verlässt sie so, wie er hineingekommen ist – und am Ende jeder Tagung steht ein Kompromiss. Wie er aussehen wird, darüber werden die Synodenausschüsse bei ihrer Tagung in Magdeburg wohl noch in mancher Nachtsitzung beraten.

Benjamin Lassiwe

Hobby und Beruf sind wichtige Ansatzpunkte

4. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Mission praktisch: Wer Menschen erreichen will, sollte sich die Mühe machen, darüber nachzudenken, was sie wirklich bewegt, meint der Professor für kirchliche Zeitgeschichte, Altbischof Axel Noack, im Gespräch mit Willi Wild.

Welche Bedeutung hat Mission bei uns heute?
Noack:
Ich denke, das Verständnis dafür zumindest in der Kirche wächst. Früher war klar: Christliche Eltern erzeugen christliche Kinder und die Kirche setzt sich automatisch fort. Das ist nicht mehr so. Erstens erzeugen christliche Eltern ohnehin weniger Kinder. Und dann werden das auch nicht unbedingt Christen. Tatsache ist, wir werden weniger.

Das heißt, man muss sich etwas Neues einfallen lassen? Was halten Sie von der Mission unter Flüchtlingen?
Noack:
Die Frage nach der Mission in anderen Religionen, bei Juden oder Muslimen, sollten wir sehr behutsam angehen. Wir müssen von unserem Glauben überzeugt sein, aber wir dürfen den der anderen nicht kränken. Ich sage gern: Schaut euch erst mal um nach den vielen Heiden im Land. Da habt ihr genug zu tun.

Die Zahl derer, die keiner Religion angehören, wird aber deutlich abnehmen. Ganz schnell wird das gehen, durch die vielen Zuwanderer. Und die haben auch noch viele Kinder. Da spielen der Glaube und die Religion eine große Rolle. Wir müssen uns deshalb aber nicht verstecken. Die Kirchen müssen von ihrem Glauben Zeugnis geben und Rechenschaft ablegen über die Hoffnung, die in ihnen ist. Allerdings gibt es missionarisch engagierte Gruppen im Lande, die ein schwieriges Verhältnis zum achten Gebot in Luthers Auslegung haben, wenn es darum geht, andere nicht zu kränken oder den Ruf nicht zu schädigen. Wir müssen den Glauben anderer hoch achten, wenn wir auch geachtet werden wollen. Mission unter Muslimen hat für mich nicht oberste Priorität. Wir haben genug anderes zu tun.

Wie sollte Mission heutzutage aussehen?
Noack:
Es ist nicht mehr wie früher, dass man einfach ein Traktat verteilt oder evangelistische Kongresse abhält. Das funktioniert heute fast nicht mehr. Mission sollte so verstanden werden, wie es Fulbert Steffensky ausdrückt: »Wir sollten vom Äußeren zum Inneren kommen.« Über die Musik kann man viele Menschen erreichen, über die Kirchengebäude oder über eine Beteiligung am Kirchbau. Dabei ist es möglich, auch vom Glauben zu reden. Aber es sollte vom Äußeren zum Inneren gehen.

Wir scheuen uns immer noch vor nichtkirchlichen Gruppen. Ich meine Vereine, Interessen- oder Berufsgruppen, wie Jäger, Handwerker oder Motorradfahrer. Da gibt es viele Gelegenheiten, den Glauben zu bezeugen. Ich mache als Pfarrer öfter mit bei Freisprechungen von Gesellen oder Meisterfeiern. Wenn wir als Kirche angefragt werden, dürfen wir uns davor nicht drücken. Wir sollten auch offen sein für Segensfeiern an den Schulen. Die Kritiker meinen, wir seien als Kirche dann nur noch die Blumenkübel, die anderen das Fest schön machen. Ich sehe das anders. Denn ich glaube, mit dem Evangelium werden wir die Menschen nur wirklich erreichen, wenn wir uns Mühe geben darüber nachzudenken, was die Menschen wirklich bewegt. Und die Jäger sind eben bei ihrer Jägerei betroffen, und die Motorradfahrer beim Motorradfahren, und die Handwerker in ihrem Beruf. Hobby und Beruf sind wichtige Ansatzpunkte. Das ist viel besser, als bei der Sündigkeit des Menschen anzusetzen oder bei nicht gelingendem Leben, wie das früher oft der Fall war.

Eine Plakatwand vor einer Kirche in Bielefeld mit einem Zitat des Aktionskünstlers Arno Backhaus. Foto: arnobackhaus.de

Eine Plakatwand vor einer Kirche in Bielefeld mit einem Zitat des Aktionskünstlers Arno Backhaus. Foto: arnobackhaus.de

Derzeit machen sich vor allem Gruppen außerhalb der Kirche lautstark Gedanken über den Fortbestand des christlichen Abendlandes. Ist das ihrer Meinung nach auch ein Ansatz für Mission?
Noack:
In der Tat ist es so, dass Ängste dann entstehen, wenn man unsicher ist. Oft sind die Leute, die diese Sorge um das christliche Abendland äußern, gar keine Christen. Es ist eine wichtige Aufgabe der Kirche, Menschen in der eigenen Tradition sicherer zu machen. Vorausgesetzt, wir erreichen die Menschen. Ich habe schon ein paar Mal versucht zu diskutieren. Da wurde es dann ziemlich schnell laut. Und das ist nicht mein Stil. Die Pegida-Demonstrationen sind für mich fürchterlich, aber die Gegner sind auch nicht viel besser. Die pfeifen oder skandieren in Sprechchören: »Schnauze halten, Schnauze halten!« Das bringt’s auch nicht. Wir müssen eine Kultur hinkriegen, die friedfertig ist und auch auf verbale Gewalt verzichtet. Das klingt jetzt komisch, aber es geht tatsächlich um das christliche Abendland. Das ist es, was uns ausmacht. Wir sollten deutlich sagen, dass unsere Kultur ganz stark vom Christentum geprägt ist. Das ist vor allem für Juristen ein Problem. Tierschutz oder Eherecht – alles christlich geprägt. Das kollidiert dann mitunter mit den Prinzipien eines weltanschaulich neutralen Staates oder Vorstellungen anderer Religionen. Aber das müssen und werden die Rechtsgelehrten lösen.

Welche Rolle spielt Mission im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum?
Noack:
Das ist eine große Chance. Dadurch werden viele Menschen mit unterschiedlichen Themenfeldern erreicht. Die Tourismus-Wirtschaft hat sogar einen neuen Begriff geprägt: spiritueller Tourismus. Das ist toll. In Halle fährt eine Straßenbahn mit einem großen Werbeschriftzug. Darauf steht zu lesen: »August Hermann Francke bringt Luther in Bewegung! Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln!« Das zieht sich über die ganze Straßenbahn hin. Das hätte es ohne das Reformationsjubiläum nicht gegeben. Natürlich gibt es auch Kritik. Die Kulturschaffenden oder die Touristiker sagen: Ihr Protestanten beschäftigt euch immer nur mit den Problemen und Schattenseiten, wie etwa mit dem Thema »Luther und die Juden«. Könnt ihr euch nicht mal richtig freuen? Doch, wir können und wir wollen uns freuen, aber wir müssen auch die Probleme benennen. Deswegen gab es di e zehn Themenjahre. Natürlich wäre es schön, wenn wir unverkrampft und fröhlich an die Sache herangehen könnten. Aber so sind wir.

Wie sieht Ihre persönliche Mission aus?
Noack:
Ich bin an der Uni. Ich habe mit vielen Studenten zu tun, die wenig oder nichts von Kirche wissen. Ich spreche mit vielen Studenten und habe auch schon einige getauft. In Mötzlich, das ist das Dorf, in dem wir leben, bin ich kein Missionar. Aber die Menschen wissen, ich bin Pfarrer, und wenn sie mich brauchen, bin ich da. Ein Pfarrer, der sich nicht versteckt, ist per se missionarisch.

Kein Sockelheiliger

19. April 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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EKM will ihr Verhältnis zu Luthers Judenhass bis zum Herbst klären

In der neuen Dauerausstellung des Eisenacher Lutherhauses ist ein Kuriosum der Reformationsgeschichte zu bestaunen. In die Figurengruppe eines Altar-Flügels aus Großkromsdorf, der Anfang des 16. Jahrhunderts entstand, aber offensichtlich danach verändert worden ist, reiht sich neben dem Heiligen Nikolaus und dem Heiligen Wolfgang auch ein Gelehrter und Prediger mit unverkennbaren Gesichtszügen ein: Martin Luther. Noch zu dessen Lebzeiten wurde die sehr plastische Figur angefertigt.

Luther-Bild revidieren

Luther als Heiliger? Lange wurde der Mönch und Professor als Kirchenerneuerer ausschließlich verehrt. Dieses Erbe wirkt nach – »Das ist unsere Sozialisation, Luther als Sockelheiliger«, war auch von Synodalen auf der EKM-Frühjahrstagung zu hören. Offenbar hat es lange gedauert, sich von diesem Luther-Bild zu verabschieden; zumindest hat die Synode das Thema erst jetzt auf die Agenda gesetzt; auf Antrag der Synode des Kirchenkreises Erfurt. »Wir pflegen in Erfurt ein gutes Verhältnis zur jüdischen Gemeinde und haben uns damit auf unserer Kreissynode im November beschäftigt. Von unseren Synodalen kam der Vorschlag, dass dies auch die Landessynode tun möge«, berichtet Andreas Greim von der Erfurter Predigergemeinde. »Luther ist für uns kein Heiliger. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut mit all seinen gottgeschenkten Begabungen, ebenso mit seinen Schwächen und seinem fehlerhaften Verhalten«, heißt es in dem Erfurter Papier. Dies sahen auch die EKM-Synodalen so und stimmten dem Antrag zu. Demnach soll sich die EKM öffentlich von Luthers Judenfeindlichkeit distanzieren, das Verhältnis von Christen und Juden umfassend würdigen und dazu Material für die Gemeindearbeit bereitstellen.

Arbeitsgruppen gebildet

Zu einer großen Aussprache im Plenum über Luthers dunkle Seite ist es im Kloster Drübeck nicht gekommen. In acht Arbeitsgruppen debattierten die Synodalen im Anschluss an einen Vortrag von Axel Töllner, Landeskirchlicher Beauftragter für christlich-jüdischen Dialog in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayern. Töllner betonte: »Luthers Blick auf die Juden ist kein Nebenthema seiner Theologie. Es ist ebenso wenig ein Nebenthema der anderen Reformatoren.« In dieser Deutlichkeit sei ihm das nicht bewusst gewesen, sagte selbst Antragsteller Andreas Greim. Auf der Synode hieß es nun: Dem Umgang mit diesem judenfeindlichen Erbe komme innerhalb der EKM eine besondere Bedeutung zu, schließlich ist sie die Kirche, auf deren heutigen Gebiet Luther lebte und wirkte.

Bildungsarbeit gefordert

Im Kernland der Reformation sei deshalb Bildungsarbeit wichtig, so einer der Vorschläge. Konkretes Material für die pädagogische Arbeit, vom Konfirmandenunterricht bis zum Seniorenkreis, wurde gefordert.

Die Vorschläge und Ideen der Synode werden nun von einer Arbeitsgruppe aus Synodalen und Mitgliedern des Beirats für den christlich-jüdischen Dialog der EKM ausgewertet. Sie bereiten eine Beschlussfassung vor, die im Herbst auf der Tagesordnung stehen wird. Dann hat das Reformationsjahr bereits begonnen.

Katja Schmidtke

Luther 2017: Schämen statt feiern?

10. April 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Streitpunkt: Der abgrundtiefe Antijudaismus liegt wie ein schwerer Schatten über dem Lebenswerk des Wittenberger Reformators

Seine Ausführungen über die Juden sind wirklich schwer zu ertragen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wird sich in dieser Woche damit befassen. Denn ein Papier der Kreissynode von Erfurt fordert, dass sich die EKM öffentlich von judenfeindlichen Äußerungen Luthers distanziere. Die Kirchenzeitung bat zwei Theologen um ihre Meinung.

Ja – Teja Begrich ist Pfarrer in Mühlhausen und Beauftragter der EKM für den christlich-jüdischen Dialog.

eja Begrich

eja Begrich

Wir feiern: Unser Jubiläum. Unsere Kirche. Ein großes Fest. Und natürlich feiern wir den Primus inter Pares – den Ersten unter den gleich großen Reformatoren ganz besonders. Also Martin Luther!

Wir sind nicht nur die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, wir sind auch eine lutherische Kirche. Theologisch und geografisch: von Möhra nach Eisleben über Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, später nach Erfurt und Wittenberg und zum Lebensende wieder zurück nach Eisleben. Luthers Leben spielte sich fast ausschließlich auf dem Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ab. Wir leben und glauben also am historischen Ort! Und natürlich sind wir ohne Zweifel darüber froh, dass Martin Luther, unser Reformator, die Bibel als frohe und heilmachende Botschaft wiederentdeckt hat.

Doch auch für Martin Luther gilt die Erfahrung der Natur: »Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten«, oder lutherisch gesprochen: Der Mensch ist immer Sünder und Gerechter zugleich. Und Luther mühte sich mächtig darum, dass sich diese Erkenntnis »fürchterlich praktisch« entfaltete. Deshalb müssen wir auf Luthers längsten Schatten und größte Sünde blicken: sein Verhältnis zu den Juden!

Gerne wurde zwischen einem jungen, judenfreundlichen, und einem alten, judenfeindlichen Luther unterschieden. Dies kann man jedoch höchstens als verzweifelten Versuch einer evangelischen »Heiligsprechung« Martin Luthers interpretieren. Seine Schriften sprechen eine andere und deutlichere Sprache: Nur der getaufte Jude ist ein guter Jude. Und wir müssen eingestehen, dass Luther an einem Gespräch mit Juden nie interessiert war. Für das, was er über und zu den Juden schrieb, können wir unseren Reformator nicht entschuldigen. Das ist und bleibt eklig auch mit jeder historischen Kontextualisierung. Seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von 1543 ist so ziemlich das Widerwärtigste, was wir uns vorstellen können. Dort wiederholt er gebetsmühlenartig, wie man mit Juden verfahren solle: »Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre … Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete zu lehren …«, und endet: »Drum immer weg mit ihnen!«

Luthers Ablehnung der Juden ist jedoch nicht nur theologisch begründet. Als er am 28. Januar 1546 durch Rißdorf kurz vor Eisleben fuhr, machte er die dort lebenden Juden für seinen erlittenen Herzanfall verantwortlich. In seinem Judenhass schien er sich mit seiner Frau Katharina einig, so schrieb er über eben jenen Herzanfall: »Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen.« Wie so oft, verrät das Personalpronomen die Gesinnung! Ist »ihr« Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi?

Dennoch und auch angesichts des jüdischen Flüchtlingslagers vor den Toren Eislebens hat Luther beim Grafen Albrecht von Mansfeld darauf gedrungen und von der Kanzel gepredigt, dass auch diese geflohenen und vertriebenen Juden preisgegeben werden. Damit war auch die letzte Lutherstadt »judenfrei«. Und damit wird klar: Es ist nicht nur eine Freude, evangelisch und lutherisch zu sein. Auch nicht bei einem Fest!

Nein – Uwe Siemon-Netto ist Journalist und promovierter Theologe. Der gebürtige Leipziger lebt und arbeitet heute in Kalifornien.

Uwe Siemon-Netto

Uwe Siemon-Netto

Luthers Stimme schallt aus 80?000 Seiten der Weimarer Ausgabe seines Gesamtwerkes. »In dieser Stimme hören wir seltene Resonanzen der Stimme Gottes«, schrieb der amerikanische Historiker Mark A. Noll.

Luther war ein überdimensionaler, aber auch fehlbarer Mensch mit lichten und dunklen Seiten. Er sagte grandiose Wahrheiten, die wir in unserem, aus dem Leim geratenen Zeitalter dringend brauchen. Er gab aber im Alter auch Verwerfliches von sich. Das macht nur einen Bruchteil der 80?000 Seiten aus, soll aber heute ebenso wenig verschwiegen werden wie schon zu Luthers Lebzeiten, als sich selbst seine Freunde wie Andreas Osiander (1498–1552) von seinen ausschließlich theologisch motivierten Aussagen gegen die Juden distanzierten.
Statt nun am Vorabend des 500-jährigen Reformationsjubiläums das unersetzlich Wertvolle an Luthers Lehre zu betonen, suhlen sich Publizisten und Theologen fast nur im überdimensional Verwerflichen, wobei sie Luther oft geschichtsklitternd als den Wegbereiter Hitlers verleumden. Diese Leute müssen sich Fragen gefallen lassen:

Wenn der Holocaust in Luthers Lehre wurzelte, wieso wurde er dann nicht im einheitlich lutherischen Skandinavien verbrochen, sondern im gemischt katholisch-lutherisch-calvinistisch geprägten Deutschland?

Wie erklären sich Luthers Kritiker, dass sich im Zweiten Weltkrieg nicht nur deutsche Regimegegner wie die Lutheraner Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse auf ihn beriefen, sondern vor allem auch skandinavische Widerstandsführer, darunter der mutige Bischof von Oslo, Eyvind Berggrav?

Überhaupt: Wieso ignorieren deutsche Theologen heute Luthers eiserne Lehre vom Widerstand gegen Despoten, eine Doktrin, die Männern wie Bonhoeffer und Berggrav Kraft gab?
Wieso übersehen sie, dass die ärgsten Bösewichte des Dritten Reiches ehemalige Katholiken waren, namentlich Hitler, Himmler, Goebbels und Julius Streicher, der den evangelischen Kirchen sogar vorwarf, Luthers judenfeindliche Schriften jahrhundertelang unterschlagen zu haben?

Warum verschweigen sie die Erkenntnis des Holocaust-Forschers Simon Wiesenthal, dass 75 Prozent der Kommandanten von Vernichtungslagern Österreicher waren, also mutmaßlich Ex-Katholiken?

Nicht dass jetzt die Schuld am Holocaust der katholischen Kirche untergeschoben werden sollte; auch das wäre ein schwachsinniges Klischee. Vielmehr war’s doch wohl so, wie der evangelische Theologe und NS-Gegner Helmut Thielicke 1945 schrieb, nämlich dass »ein Schuldverhältnis über der Welt brütet, über ihren Kontinenten und Meeren«. So ist es auch heute. Umso verwerflicher erscheint es mir, dass zum Reformationsjubiläum nicht nachdrücklich an den Schatz erinnert wird, den Luther unserer verwirrten Zeit hinterlassen hat und von dem der große britische Theologe Gordon Rupp bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, dass er uns von Hitler heilen könne.

Dieser Schatz besteht einmal aus Luthers Wegweiser zu einem gnädigen Gott, der uns von Sünde, Tod und Teufel befreit: Nur der Glauben an Christi Erlösungswerk am Kreuz kann dies bewirken. Zum anderen weist er uns den einzigen Ausweg aus der weltumspannenden Ichsucht, an der unsere Zivilisation zu zerbrechen droht. Und hier bietet sich nur Luthers Lehre an, wonach Gott jeden Einzelnen beruft, in allen Alltagswerken dem Nächsten zu dienen – dem Nächsten, dem Anderen, und nicht sich selbst.

Was nun das düstere Vermächtnis von Luthers judenfeindlichen Schriften anbelangt, sollten wir ganz einfach sein letztes geschriebenes Wort zitieren: »Wir sind Bettler, das ist wahr.«

Dokumentiert: Wie ein Bischof mit Martin Luther die Politik der Nazis unterstützte
Der Thüringer evangelisch-lutherische Landesbischof und vormalige Lauschaer Pfarrer Martin Sasse schrieb im Vorwort zu seiner Schrift »Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!« im Jahre 1938: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«

Der Weg mit den Koffern

30. Juni 2015 von redaktionguh  
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Schüler aus Eisleben erinnerten an die im Jahr 1942 deportierten Juden

Die Sonne scheint hell auf die maigrünen Blätter der Bäume in Eisleben, es ist angenehm warm, ein schöner Frühlingstag. Kaum vorstellbar, dass an diesem Tag vor 73 Jahren die Eisleber Juden ins Konzentrationslager deportiert worden, bewacht von zwei Polizisten und SA-Männern mit Maschinenpistolen.

Auf einem Parkplatz in Eisleben lesen Schüler die dritte Familiengeschichte. Die Koffer erinnern an den Weg  der Deportation. Foto: Markus Kowlski

Auf einem Parkplatz in Eisleben lesen Schüler die dritte Familiengeschichte. Die Koffer erinnern an den Weg der Deportation. Foto: Markus Kowlski

Wir stehen in der Rammtorstraße am Stadtgraben, vor dem Eisleber »Judenhaus«, wie es die Nationalsozialisten nannten. Hier wurden die Juden jahrelang eingepfercht, bevor sie abtransportiert wurden. Von hieraus gehen wir los bis zum Bahnhof. Die Schüler der Klasse 10/1 des Martin-Luther-Gymnasiums Eisleben gehen mit ihrem Geschichtslehrer Rüdiger Seidel diesen Weg. Sie tragen zwei Lederkoffer mit sich, einen blauen und einen hellbraunen. Mit weißer Kreide in altdeutscher Schrift sind zwei Familiennamen darauf geschrieben: »Fam. Bratel« und »A. & Pauline Katzenstein«. Stellvertretend stehen sie für die 17 Eisleber Juden, die 1942 von den Nazis deportiert worden.

Am Stadtgraben, unter lauschigen Bäumen halten wir an. Ein Schüler hat die Geschichte von Familie Rosenberg auf zwei Seiten aufgeschrieben. Er liest und erzählt von alltäglicher Ausgrenzung, von eingeschlagenen Schaufensterscheiben, von der »Kennzeichnungspflicht für Juden«. Schließlich kommt für die Rosenbergs der Tag der Deportation, was offiziell »Abwanderung« heißt. »Sohn Gerhard weiß nicht, was ihn erwartet. Sie kommen alle ins Ghetto in Minsk und werden dort erschossen.« Viele Schüler haben bunt geschminkte Wangen; mit Lippenstift wurden ihnen am letzten Schultag der Abiturienten Herzen, Zahlen und Symbole ins Gesicht gemalt. Sie tippen auf den Handys, erzählen, lachen. An diesem schönen Frühlingstag ist es unvorstellbar, dass Juden einmal systematisch ausgegrenzt wurden. Und dass so ein düsterer Tag wie der 24. April 1942 kommen konnte, an dem sie abtransportiert und getötet wurden. Bei hellem Sonnenschein wird hier vom düstersten Kapitel der Menschheit erzählt.

Viele Emigrationen bis 1940

Zu Beginn des Nationalsozialismus gehörten rund 120 Juden der Eisleber Sy­nagogengemeinde an. Bis 1940 emigrierten die meisten nach Holland, Frankreich, Argentinien oder Ecuador. Die letzten Juden, die in Eisleben blieben, mussten bis zur Deportation Zwangsarbeit verrichten. Zunächst wurden sie mit dem Zug nach Halle in ein Sammellager gebracht, von dort aus direkt ins Konzentrationslager Sobibor im heutigen Polen. Dort vergasten sie die Nazis sofort nach ihrer Ankunft.

Im Stadtpark angekommen, macht die Gruppe wieder Halt. Vier Schülerinnen lesen die Geschichte von Gustav Mosbach vor. Mosbach hatte erlebt, wie die Nazis in der Reichspogromnacht 1938 in die Eisleber Synagoge stürmen und dort alles zerstören. Maya Tänzer hört ihren Mitschülerinnen zu. »Klar, damals standen die Juden unter Druck, sie waren aus der Gesellschaft ausgeschlossen«, kommentiert die 15-Jährige. »Heute ist dagegen alles in Ordnung, da kann man sich so viel Leid nur schwer vorstellen.«

Wir gehen weiter, zur letzten Station, zum Bahnhof. Dort versammeln wir uns auf dem Parkplatz; an der Straße rauschen die Autos unbeeindruckt vorbei. Die fünfte Familiengeschichte wird verlesen. Es ist die von Alfred Katzenstein und seiner Ehefrau Pauline, die sich jahrelang in der Eisleber Synagogengemeinde engagiert hatten. Nach den Jahren der Zwangsarbeit wurden sie hier in den Zug verfrachtet. Auf den Gleisen des Bahnhofs stehen einige Güterwaggons. Heute sind sie mit Schutt beladen, nicht mit Menschen.

Mit den Schülern sind nun auch die beiden Koffer, der blaue und der hellbraune, am Bahnhof angekommen. Hier mussten die Juden ihr Gepäck zurücklassen. Zwei Schüler stellen die Koffer in das Bahnhofsgebäude. Eine Bahnhofswärterin schließt die Glastür zu, durch die man die Koffer von außen noch sehen kann. Hier endet der Gedenkweg, nur die beiden Koffer bleiben zurück. Sie blieben auch damals zurück, als die Reise in den Tod begann.

Markus Kowalski

www.synagoge-eisleben.de

Gottes Wort nur für die Juden?

6. Mai 2015 von redaktionguh  
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Berliner Theologieprofessor stellt die Geltung des Alte Testaments für Christen infrage

Welche Rolle spielt das Alte Testament in der evangelischen Kirche? Über diese Frage ist unter Theologen ein erbitterter Streit ausgebrochen. Anlass dafür ist ein Aufsatz des Berliner Systematikers Notger Slenczka. Darin betont er, dass der erste Teil der Bibel in Wirklichkeit Text einer anderen Religion ist.

Für Christen ohne Bedeutung? Blick auf das 1. Buch Mose in einer farbigen Reprintausgabe der ersten Lutherbibel. Foto: Harald Krille

Für Christen ohne Bedeutung? Blick auf das 1. Buch Mose in einer farbigen Reprintausgabe der ersten Lutherbibel. Foto: Harald Krille

»Früher wurde das AT als Verkündigung Christi gelesen, als ein Text, der das Kommen Christi ankündigte«, sagte Slenczka dieser Zeitung. »Und genau darum hatte es kanonische Geltung – aber im Laufe des christlich-jüdischen Dialogs hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass der Bund Gottes mit Israel, den das AT bezeugt, bis zur Gegenwart ungekündigt ist.« Daher sei das Alte Testament das Dokument des Bundes Gottes mit Israel. Ein Text also, der sich an Israel und das Judentum richte. »Ich muss deswegen schon die Frage stellen: Können wir das AT wirklich ungebrochen als Anrede an die Gemeinde lesen, wenn wir nicht mehr der Überzeugung sind, dass es in seinem eigentlichen Sinn Jesus Christus verkündigt?«, so Slenczka.

In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) stößt Slenczka damit auf Widerspruch. So distanzierte sich der zuständige Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Markus Dröge, mit scharfen Worten von der Position des Theologieprofessors. Slenczkas Thesen zum Alten Testament widersprächen »dem Bekenntnis der Evangelischen Kirche« und scherten »aus der anerkannten Lehrtradition der christlichen Kirche« aus, sagte Dröge am Freitag vor der Synode seiner Kirche. Es sei nötig, sich von dieser These zu distanzieren. »Ich tue das heute für die EKBO und sage deutlich, dass ich eine Infragestellung der Kanonizität der Hebräischen Bibel, unseres Alten Testaments, entschieden zurückweise.« Auch der Reformierte Bund machte auf seiner Hauptversammlung deutlich, dass mit einer Abwertung des Alten Testaments auch eine Abwertung des Judentums einhergehe, die antijüdischen Interessen in die Hände spielen würde.

Kritik gab es bereits zuvor von den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit sowie von Vertretern der Berliner Theologischen Fakultät gegeben. »Wir halten Slenczkas Äußerungen zur Bedeutung des Alten Testaments für die christliche Theologie, zum Verhältnis von Altem und Neuem Testament sowie zur Kanonizität des Alten Testaments für historisch nicht zutreffend und theologisch inakzeptabel«, heißt es nun in einer Stellungnahme, die der Vorsitzende der EKD-Kammer für Theologie, der Berliner Professor Christoph Markschies, sowie vier weitere Berliner Hochschullehrer unterzeichneten.

Scharfe Kritik übte auch der jüdische Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung »Jüdische Allgemeine«. Die von Slenczka vertretene Theologie bedeute »die Aufkündigung einer nach dem Holocaust langsam gewachsenen mit- und zwischenmenschlichen Gemeinschaft von Juden und Christen als Religionen, die durch persönliche Freundschaften oder Beteuerungen bürgerlichen Respekts nicht zu ersetzen sind«. Auch wenn dem Theologen kein klassischer Antijudaismus vorzuhalten sei, fehle ihm doch die historische Reflexion: »Denn es war die Theologie der ›Deutschen Christen‹, also der Nazikirche, die sich nicht zuletzt damit legitimierte, dass sie das Alte Testament für undeutsch, in heutiger Terminologie für ›fremd‹ erklärte“, so Brumlik.

GKZ/Benjamin Lassiwe/idea

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