In himmlischer Harmonie

26. August 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Comments Off

Helmuth Rilling erläuterte und dirigierte in Weimar dort entstandene Bach-Kantaten

Weimar ist eine Bachstadt! Hier lebten nicht nur Goethe und Schiller, Herder und Wieland, hier wurde nicht nur das Bauhaus gegründet. Weimar war auch der Lebensort bedeutender Musiker, von denen an erster Stelle Johann Sebastian Bach zu nennen ist. Von einem schlichten Denkmal mit der Büste des Komponisten abgesehen, erinnert wenig an ihn. Dabei hat er 1703 und von 1708 bis 1717 in der Stadt an der Ilm gewirkt, als Violinist und Hoforganist, seit 1714 als Konzertmeister. Mit dieser Funktion war die Aufgabe verbunden, in der 1658 geweihten Schlosskapelle »monatlich neue Stücke auf(zu)führen«. So entstanden vor genau 300 Jahren einige seiner schönsten Kantaten, zu denen »Nun komm, der Heiden Heiland«, »Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen« und »Ich hatte viel Bekümmernis« gehören.

Helmuth Rilling musizierte mit Chorsängern und Instrumentalisten aus 18 Ländern in der Stadtkirche St. Peter und Paul. Foto: Maik Schuck

Helmuth Rilling musizierte mit Chorsängern und Instrumentalisten aus 18 Ländern in der Stadtkirche St. Peter und Paul. Foto: Maik Schuck

Es gab also gute Gründe, vom 5. bis 16. August zu einer »Weimarer Bach-Kantaten-Akademie« einzuladen und dafür einen der weltweit angesehensten Bach-Interpreten zu verpflichten: Helmuth Rilling. Chorsänger und Instrumentalisten aus 18 Ländern sind nach Weimar gekommen, um zehn Tage unter seiner Leitung zu musizieren: aus Argentinien und Chile, aus Spanien, den USA und China, aus Israel, Österreich und der Ukraine.

Vier Gesprächskonzerte in der Stadtkirche St. Peter und Paul sowie zwei krönende Abschlusskonzerte in Eisenach und Weimar lockten Scharen von Besuchern an. Helmuth Rilling reiste mit einem Team vertrauter Mitstreiter an, die mit dem Chor und den Instrumentalgruppen den Weg zu den einzelnen Aufführungen bereiteten und Rüstzeug für eine gediegene Bach-Interpretation vermittelten. Herausragende Gesangssolisten rundeten das faszinierende Gesamtbild ab.

»Musik darf nie bequem sein, nicht museal, nicht beschwichtigend. Sie muss aufrütteln, die Menschen persönlich erreichen, sie zum Nachdenken bringen.« Dies ist das persönliche Leitbild des inzwischen 81-jährigen Dirigenten, Lehrers und Bach-Botschafters, der 1954 die Gächinger Kantorei und 1965 das Bach-Collegium Stuttgart als instrumentalen Partner gründete. Seit dieser Zeit steht die intensive Beschäftigung mit dem Werk Johann Sebastian Bachs im Zentrum seines Wirkens. Er hat außerdem zur Wiederentdeckung der romantischen Chormusik beigetragen und fördert durch regelmäßige Kompositionsaufträge die zeitgenössische Musik. Mit seinen Ensembles gibt Rilling international Konzerte und ist gefragter Gastdirigent bei führenden Orchestern in aller Welt – darunter die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonic, das japanische NHK Symphony Orchestra und andere namhafte Klangkörper. Eine besondere Freundschaft bindet ihn seit über 30 Jahren an das Israel Philharmonic Orchestra, das er zusammen mit der Gächinger Kantorei in über 100 Konzerten dirigierte. Seit 1970 ist er künstlerischer Leiter des von ihm mitbegründeten Oregon Bach Festivals, eines der profiliertesten Musikfestivals in den USA. 1981 gründete Helmuth Rilling die Internationale Bachakademie Stuttgart.

Als erster Dirigent spielte er sämtliche Kantaten Johann Sebastian Bachs ein; zum Bach-Jahr 2000 erschien unter seiner künstlerischen Gesamtleitung mit der Edition Bachakademie die Gesamtaufnahme des Bachschen Werkes auf 172 CDs. Es ist als ein besonderer Glücksumstand zu bezeichnen, dass es den »Thüringer Bach-Wochen« und der Hochschule für Musik »Franz Liszt« gelungen ist, den Bach-Experten nach Weimar zu holen. Bei jeder einzelnen Note stand den jungen Leuten die Begeisterung ins Gesicht geschrieben.

Seine Gesprächskonzerte, in denen er Schritt für Schritt die Arien, Rezitative und Choräle der einzelnen Kantaten erläuterte, trugen nachhaltig zu einem besseren Verständnis ihrer Klangsprache bei. Ganz in Schwarz, nicht groß gewachsen, mit fülligem weißen Haupthaar, sprach er frei zur Hörergemeinde und erhob dann den Taktstock zu schlichten Bewegungen, die einen Kosmos himmlischer Harmonie auslösten. Die Klarheit seines Musizierens war dabei besonders beeindruckend, fernab von überzogenen Manierismen einer vermeintlich historischen Aufführungspraxis!

Michael von Hintzenstern