Helau! Und: Amen

9. Februar 2018 von redaktionguh  
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Vor Aschermittwoch kommt der Karneval. Karneval polarisiert. Wo er gefeiert wird, gibt es in der Regel nur: Mitfeiern oder Rückzug. Gebt dem Karneval eine Chance, meint unser närrisch-frommer Gastautor.

Der Bürgermeister von Rio, eines der beiden Weltzentren dieser tollen Tage, weigert sich, den Karneval mitzufeiern oder ihn auch nur zu unterstützen. Er selbst nennt sich evangelikal. So steht er in einer Traditionslinie, die man salopp so formulieren kann: Evangelische sind Karnevalsmuffel.

Da wären wir beim anderen Weltzentrum des Karnevals, in Wasungen, wo noch kein Bürgermeister so eine Distanz wagte. Selbstverständlich hat sich die lutherische Geistlichkeit der kleinen, evangelisch geprägten Stadt von Anfang an gegen die Fastnacht (so der ursprüngliche Name) als katholisches Relikt gestellt, nicht nur wegen der befürchteten Exzesse, sondern wegen der Passionszeit, die, als Fastenzeit verstanden, lediglich ein Ausdruck papistischer Werkgerechtigkeit sein konnte. Der große Wasunger Dichter und Komponist Johann Steurlein, ein treuer und frommer Lutheraner, schrieb hingegen Fastnachtsstücke und schaffte es dennoch in das Evangelische Gesangbuch.

Karneval in Wasungen erfasst und verbindet, über die Generationen, ja, über die Zeiten hinweg, auch die Reformation konnte dem nichts anhaben. Aschermittwoch war damit aber Schluss. Konsequent, aber auch schmerzhaft. Das zeigt den Geist wahrer Tradition – in den umliegenden Dörfern werden dagegen die einstigen LPG-Narreteien, die in der DDR ins Leben gerufen wurden, oft bis kurz vor der Karwoche veranstaltet. Das schmerzt nicht nur den Christen, sondern auch den Karnevalisten.

Seit elf Jahren feiern die Wasunger wieder Aschermittwoch in der Kirche. Jeder Karneval steht unter einem Motto in fränkischer Mundart. So auch der Aschermittwoch. Heißt das Karnevalsmotto in diesem 483. Jahr (so die Geschichtsschreibung): »Ganz Woasinge stätt Koopf«, so lautet das Motto für den Aschermittwochsgottesdienst: »Fass dir ein Herz on komm uff die Föss!« Am Sonntag Sexagesimä sind nach dem Gottesdienst die Palmzweige verbrannt worden, die am letzten Palmsonntag feierlich in die Kirche getragen worden waren; so wird die Asche gewonnen, mit denen die Stirn der Gottesdienstbesucher gezeichnet wird, verbunden mit Jesu Ruf: Kehr um und glaube an das Evangelium!

Im Gottesdienst können die Feiernden in einer Zeit der Besinnung auf Zettel schreiben (oder auch nur auf ihr Herz): Wie kann ich die Tage bis zum Osterfest nutzen? Man mag das als Abkopieren katholischer Bräuche abtun, das wegen des Eventcharakters an der Oberfläche bleibt. Man mag das als ein Mitschwimmen auf der Modewelle »Fasten« misstrauisch beäugen.

Prinz Karneval: Gregor I. Heidbrink aus Finsterbergen (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ist vermutlich der erste Pfarrer, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde (auf dem Foto in der Mitte, links daneben Prinzessin Jeannette I.). Foto: Lutz Ebhardt

Prinz Karneval: Gregor I. Heidbrink aus Finsterbergen (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ist vermutlich der erste Pfarrer, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde (auf dem Foto in der Mitte, links daneben Prinzessin Jeannette I.). Foto: Lutz Ebhardt

Die Wasunger Kirche hat sich aber nicht in eine Eventkirche verwandelt. Der Gottesdienst ist stets getragen von großer Andacht und Ernsthaftigkeit derjenigen, die noch vor kurzem ganz im Ruf »Ahoi« aufgegangen sind. Merkwürdigerweise hat das von Anfang an funktioniert, ohne den Anschluss an Fastenkampagnen aus Hannover. Ganz leicht verstehen die Menschen, gerade auch die jungen unter ihnen, welche Chance diese Zeit der Umkehr bietet. Ihnen fällt meist spontan ein, worum es ihnen gehen könnte: den Verzicht auf den Abgott elektronische Verfügbarkeit.

Allen Skeptikern sei recht gegeben: Das Ziel echten Fastens ist nicht Selbstoptimierung, ob nun gesellschaftlicher, leiblicher oder intellektueller Art; es ist die Chance, sich selbst auf den Grund zu gehen und dabei zu erfahren, dass dieser Grund nicht in uns liegt: Christus trägt uns. Im Verzicht auf das, was uns unnötigerweise bindet – was das ist, kann nur jeder selbst wissen –, stoßen wir auf manchmal sogar schmerzhafte Art an unsere Grenzen und gewinnen doch neue Möglichkeiten, uns für den zu öffnen, in dessen Opfer am Kreuz unsere Freiheit liegt.

Wird die bunte Gesellschaft, die zu Aschermittwoch in die Kirche kommt, werden alle Fastenden hinter der Fastenzeit auch die Passionszeit für sich wahrnehmen? Legen wir diesen Maßstab an, dürften wir wohl auch nicht Weihnachten oder Ostern feiern. Und nun: Ahoi! Und: Amen.

Stefan Kunze

Der Autor ist Pfarrer in Wasungen und steigt dort regelmäßig in die Bütt.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Voll im Karnevalsfieber

8. Februar 2016 von redaktionguh  
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Der aus Magdeburg stammende Pfarrer Stefan Kunze ist in Wasungen dem Virus verfallen

Es war die Gretchenfrage beim Vorstellungsgespräch: Wie er es denn mit dem Karneval hielte, wollte der Gemeindekirchenrat von Wasungen bei Meiningen damals vom Pfarrstellenbewerber gern wissen. Nun ist Magdeburg, die Heimatstadt von Stefan Kunze, nicht gerade als Karnevalshochburg bekannt. Ganz im Gegensatz zu Wasungen, wo mindestens seit 1524 und nur von wenigen kriegsbedingten Ausfällen begleitet die fünfte Jahreszeit zelebriert wird. Er sei ein fröhlicher Mensch, und in den Karneval werde er sich schon einfinden, sagte Kunze damals.

Pfarrer Stefan Kunze (l.) und Bürgermeister Manfred Koch steigen seit 2008 als »Don Camillo und Peppone« beim Wasunger Karneval in die »Bütt«. In diesem Jahr sinnierten sie über mögliche Nachfolger Kochs. Foto: Harald Krille

Pfarrer Stefan Kunze (l.) und Bürgermeister Manfred Koch steigen seit 2008 als »Don Camillo und Peppone« beim Wasunger Karneval in die »Bütt«. In diesem Jahr sinnierten sie über mögliche Nachfolger Kochs. Foto: Harald Krille

Als er dann den Dienst im Dezember 2006 antrat, war klar: Wo Fasching gefeiert wird, muss es auch einen Aschermittwochsgottesdienst geben. Viele waren skeptisch. Kunze machte sich auf den Weg zu den rund 90 Gruppen des traditionellen Faschingssonnabend-Umzuges in der gerade mal rund 3 400 Einwohner zählenden Stadt. Er stellte sich als neuer Pfarrer vor und lud zum Gottesdienst ein. »Dann standen plötzlich der Präsident des ›Wasunger Carneval Clubs‹ (WCC) und sein Stellvertreter vor der Tür, versprachen mir Ehrenkarten für die närrische Sitzung, und dass man natürlich zum Gottesdienst käme«, erinnert er sich.

Damit begann wohl die Infektion mit dem »Karnevalsfieber«. Schon bald kam es am Rande einer Veranstaltung im »Bürgerhaus Paradies« zu einer folgenschweren Anfrage. Kunze saß mit Bürgermeister Manfred Koch, mit dem er schon lange gut zusammenarbeitete, gemeinsam am Tisch. Ein Mitglied des WCC fragte die beiden, ob sie nicht auch einmal gemeinsam auf die Bühne gehen würden. »In einer Bierlaune sagten wir zu und standen nun im Wort«, sagt Kunze, inzwischen Vater von vier Töchtern. 2008 waren sie erstmals gemeinsam als »Don Camillo und Peppone« in der »Bütt« und gehören seither zum festen Programm der jährlichen »Närrischen Galaveranstaltungen«. Lokale Ereignisse und Personen, die große Politik aber auch sie selbst – nichts ist vor ihrer spitzen Zunge sicher. Wie die Texte entstehen? »Da sitzen wir mit unseren Frauen bei einem Glas Wein und dann sprudeln die Ideen«, verrät Bürgermeister Koch.

In diesem Jahr freilich traten sie letztmalig in dieser Konstellation auf. Koch gibt sein Amt aus Altersgründen auf. Doch Pfarrer Kunze wird wohl irgendwie weitermachen. Das Fieber ist nicht so schnell zu heilen. Wenn an diesem Sonnabend um 13.10 Uhr der große historische Festumzug des 481. Wasunger Karnevals startet, wird Pfarrer Kunze erstmals mit seiner ältesten Tochter auch im Zug mitmarschieren. Und selbstverständlich wird die sonntägliche Predigt in Versform gehalten.

Harald Krille

Dem Frohsinn eine Chance

8. Februar 2016 von redaktionguh  
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Zu Fasching, Fastnacht oder Karneval herrscht an manchen Orten Ausnahmezustand. Diesmal in doppelter Hinsicht. In Köln sichern 2 000 Polizisten das närrische Treiben. Da bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Angesichts der Nachrichtenlage fällt es schwer, unbeschwert fröhlich zu sein. Kriege, Folter, Leid. Millionen Menschen auf der Flucht. Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Unsere Gesellschaft ist gespalten, zwischen »Wir schaffen das!« und »Uns reicht’s!«.

Glaubt man der Statistik des Harvard-Wissenschaftlers Steven Pinker, ist die Stimmung schlechter als die Lage. Die Gewalt sei im Laufe der Geschichte immer weiter zurückgegangen, hat er festgestellt. Die Menschen würden immer friedlicher. Es gebe heute weniger Kriege, weniger Morde, weniger Folter, weniger Hinrichtungen, weniger Vergewaltigungen, weniger häusliche Gewalt. Er nennt mehrere Gründe für die neue Friedfertigkeit, beispielsweise die Demokratisierung oder den freien Handel. Mit Leichen mache man keine Geschäfte, so der Psychologe.

Als Ursache für unsere subjektive Sicht hat er die Medien ausgemacht. »Wenn man die Welt in den Nachrichten sieht, erscheint es doch immer so, als würde alles nur noch schlimmer. Aber das ist eine Illusion!« Fakten kontra Empfindungen. Und nun? Einhaken und schunkeln, Bützje (Küsschen) und Kamelle verteilen? Oder den Karneval 2016 absagen. »Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde«, heißt es beim Schöngeist König Salomon im Alten Testament. Lachen ist erwiesenermaßen gesund, macht schön und glücklich. Der Realität für ein paar Stunden entfliehen, ausgelassen sein, sei jedem gegönnt. Im Übrigen ist am Aschermittwoch eh alles vorbei.

Willi Wild

Amen. Und Helau!

7. Februar 2016 von redaktionguh  
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Fastnacht: Vor dem Fasten wird ausgelassen und fröhlich gefeiert. Der Karneval hat für viele Menschen eine Ventilfunktion


Humor und christliche Botschaft schließen einander nicht aus. Aus mancher Kanzel wird in der Faschingszeit sogar eine »Bütt«.

Wie hier im Wasunger Bürgerhaus »Zum Paradies« feiern vielerorts Menschen Fasching. Aschermittwoch folgt die Fastenpredigt (mehr auf Seite 6). Foto: Harald Krille

Wie hier im Wasunger Bürgerhaus »Zum Paradies« feiern vielerorts Menschen Fasching. Aschermittwoch folgt die Fastenpredigt (mehr auf Seite 6). Foto: Harald Krille

Also lautet der Beschluss,
dass man Fasching feiern muss.
Auf Märkten, Straßen oder Plätzen
wollen Menschen sich ergötzen,
nicht allein in Gasthaussälen
hört man frohe Lieder grölen,
sondern selbst im Kirchgebäude
trifft sich heut die frohe Meute.
Dass dies mit Verstand geschah,
dafür war die Pastorin da.
Nun so setze ich den Hute
auf mein Haupt und leg zugute,
dass es ja nicht schaden kann,
wenn der Mensch sich freut alsdann.
Und so mach ich euch den Narren,
spanne mich noch vor den Karren.
Ach, was ist das ein Genuss,
wenn es dann zum guten Schluss
noch die Weisheit soll verwürzen
mit Humor – und in der Kürzen,
wenn der Bibel Wort sich heute
reimend zeigt zu aller Freude.
Jedoch muss ich doch mal fragen:
War das nicht in frühern Tagen
in der Kirche sehr verpönt?
Solches war man nicht gewöhnt –
dass die Christen feiern, lachen!
Mummenschanz und solche Sachen
trieb man aus der Kirche aus,
waren manchem Pfarrer Graus.

Meine Eltern mussten schwitzen,
Faschingsdienstag hieß es sitzen
über Psalmen, Liedern, Texten,
Fasching könnte sie verhexen.
Und so schob der Pfarrer Chor
hierfür einen Riegel vor.
Um die Jugend zu beschützen,
sagten sie sich, soll das nützen.
Tanzen, lachen und betrinken
sehen Christen nur von hinten.
Fromm und fleißig lernt wer hier
in der Kirche sein Revier.
Wer getauft und konfirmiert,
in der Kirche gut geführt,
geht nicht um als so ein Jeck –
solches ist des Pfarrers Schreck.
Nun so mussten sie es eben
heimlich tun und ohne Segen.
Lachend, immer wieder lachend
und nur frohe Sachen machend,
fröhlich Lieder tirilierend,
Melodien applaudierend,
nie mit grieslichem Gesicht
nur nicht weinen – nur das nicht.
So, sagt heute mancher Held,
zeigt ein Christ sich in der Welt.
Christen sind erlöste Wesen.
Und soll die ganze Welt genesen,
wird ein Christ nun immer heiter
gut gelaunt die Himmelsleiter
hinauf und auch hinunterschwingen,
stets was Fröhliches vollbringen.
Ist das Leben noch so verquer,
muss auch mal ein Lachen her.
Christsein wäre gar nicht schwer,
Machs doch wie Balou der Bär!

Etzo frage ich mich heute:
Sind wir Christen alles Leute
mit nem fröhlichen Gesicht?
Immer fröhlich auch das nicht!
Zwang treibt den Frohsinn schneller
als du glaubst tief in den Keller.
Nicht nur traurig oder fröhlich,
nicht nur weinen oder selig.
Christsein kennt auch andere Seiten,
lässt die Zwischentöne bleiben.
Christen müssen gar nicht sein,
wie der Mensch sich redet ein.
»Sie als Christ, Sie müssten doch.«
Frau Pastorin eher noch,
und der Pfarrer forsch voran,
was ein Mensch kaum können kann:
Müssten immer freundlich grüßen,
bei den Nachbarn Blumen gießen.
Christen dürften niemals streiten,
müssten immer ganz bescheiden
keine großen Autos fahren,
Geld auch nur zum Spenden sparen.
Müssten vorneweg vor allen
alles lassen sich gefallen.
Christen müssten – heißt es wieder
all das tun, was uns zuwider.

Nein, so liebe Menschen eben
lässt sich auch als Christ nicht leben.
Lasst euch deshalb nicht verdrießen,
und uns heut den Tag genießen.
Vielleicht kann es so gelingen,
manchen Menschen zu gewinnen.
Gott bereichert unser Leben,
schenkt uns ein und gibt uns Segen.
Gott zieht mit auf unsren Wegen,
ob sie holprig oder eben.
Gott stellt sich an unsere Seite,
gibt uns heute sein Geleite.
Auch zum Fasching hier im Haus
und wenn wir ziehen froh hinaus.
Amen. Und Helau!

Karin Krapp

Die Autorin ist Pfarrerin in Weimar und reimt jedes Jahr zur Faschingszeit eine Büttenpredigt.

Pfarrer aufs Korn genommen

3. März 2014 von redaktionguh  
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Närrische Schaufensterdekoration spielt auf den Kindersegen im Wasunger Pfarrhaus an

Wer spottet und stichelt, muss sich gefallen lassen, dass ihm Gleiches geschieht. Allzumal in der Karnevalszeit. Dass es dabei für den Pfarrersstand keine Ausnahme gibt, musste jüngst Stefan Kunze, Pfarrer in Wasungen (Kirchenkreis Meiningen) erfahren. Der (Eulen)Spiegel ist ihm vorgehalten worden – in Form einer hintersinnigen Figurenszene im Schaufenster eines Ladens. Tja, wer gern austeilt, muss auch einstecken können. Ausgeteilt hat der Theologe in der Tat gern in den letzten Jahren bei zahlreichen karnevalistischen Auftritten.

Verschmitzt winkt Mike Türk aus der Karnevalsdekoration im Schaufenster seines Geschäfts heraus. Foto: Jürgen Glocke

Verschmitzt winkt Mike Türk aus der Karnevalsdekoration im Schaufenster seines Geschäfts heraus. Foto: Jürgen Glocke

Stefan Kunze, der vor etwa zehn Jahren das Amt des Pfarrers in Wasungen antrat, hat es verstanden, das Interesse so manchen Bewohners der Stadt an der Kirche neu zu wecken. Und dies nicht zuletzt deshalb, weil sich der gebürtige Sachsen-Anhaltiner als leidenschaftlicher Karnevalist entpuppte. Regelmäßig steigt er in der fünften Jahreszeit zusammen mit Bürgermeister Manfred Koch in die Bütt, um im Zwiegespräch mit spitzer Zunge Zeitsatire zu betreiben und um seinen Schäfchen die Leviten zu lesen, ihre Marotten und Fehler aufs Korn zu nehmen.

Selbst enge Freunde nimmt er da nicht aus, wie beispielsweise Mike Türk. Ansonsten ein Herz und eine Seele, erinnern der Pfarrer und der Handwerker im Karneval an Don Camillo und Peppone. Sie kabbeln sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit und auf allen möglichen närrischen Bühnen. Ein neuerlicher Ansatzpunkt für eine »Spitze« des Pfarrers gegen seinen guten Freund ist die Tatsache, dass jüngere Erkenntnisse der örtlichen Ahnenforschung darauf hinweisen, dass ein Onkel von Karl Liebknecht zu den Vorfahren der Familie Türk gehörte. Ob er nicht meine, dass er in der falschen Partei sei, habe Kunze spitzfindig hinterfragt und den Christdemokraten Mike Türk damit herausgefordert. In der Erwartung, dass der Pfarrer ihn auch in diesem Jahr aus der Bütt heraus mit Spott überziehen wird, blies der Inhaber eines Malergeschäfts zur Gegenoffensive.

Wie in jedem Jahr hat er ein Schaufenster seines Ladens in närrischer Manier dekoriert. Zu sehen ist eine lebensgroße Puppe im Habitus eines Geistlichen, in jedem Arm ein Kind haltend und zwei weitere Knirpse vor sich sitzend. Auf einer Tafel heißt es: »Dies war mein 4. Wasunger Streich und der 5. folgt vielleicht.« Obwohl kein Name genannt wird, versteht jeder, der sich die Szene anschaut, die Anspielung auf den Kindersegen im Wasunger Pfarrhaus, in dem sich vier Kinder tummeln.

Doch nicht nach jedermanns Geschmack ist diese Art Schabernack. Bei einigen Damen aus der Nachbarschaft machte sich umgehend Entrüstung Luft. »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, das hatte Jesus anders gemeint. Nein, diese Interpretation des Bibelworts schmeckte ihnen überhaupt nicht.

Der Betroffene indes zeigt sich tolerant und amüsiert, wie es sich in der Karnevalszeit geziemt. Zusammen mit Ehefrau Sylvia hat Pfarrer Kunze vorbeigeschaut am Türk’schen Schaufenster. Beide haben geschmunzelt, wohl wissend, dass Kirche und Karneval seit jeher eine Art Symbiose eingegangen sind und das gemeine Volk mit Vorliebe die geistliche Obrigkeit persifliert. Die Szene im Fenster sehen sie als das, was es ist: ein typischer »Woesinger«. So werden die von einem historisch gewachsenen Humor getragenen Streiche genannt, für welche die Wasunger, ähnlich beispielsweise den Schwaben und den Schildbürgern, seit alters her berühmt sind.

Jürgen Glocke

Von der Kanzel in die Bütt

17. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Zum Karneval lässt Pfarrer Thomas Perlick seinem närrischen Talent freien Lauf

In den Karnevalswochen ist der Römhilder Pfarrer Thomas Perlick äußerst gefragt. Dann nämlich tut der redegewandte Kirchenmann seine vergnüglichen Beobachtungen über den Alltag im Grabfeld auch aus der Bütt kund. Foto: Susann Winkel

In den Karnevalswochen ist der Römhilder Pfarrer Thomas Perlick äußerst gefragt. Dann nämlich tut der redegewandte Kirchenmann seine vergnüglichen Beobachtungen über den Alltag im Grabfeld auch aus der Bütt kund. Foto: Susann Winkel

Bestens behütet mit großem schwarzen Zylinder sieht man Thomas Perlick in diesen Tagen häufig durch das Grabfeld eilen. Insbesondere zu später Stunde an den Samstagabenden. Das Ziel des Römhilder Pfarrers sind dann die Kulturhäuser in der Region und besonders oft das Vereinsheim der Römhilder Karnevals­gesellschaft.

Wenn die Narren tagen, dann darf der beredte Kirchenmann nicht fehlen. 13 Auftritte dürften es in dieser Saison sein, schätzt Thomas Perlick. In Römhild, Milz, Mendhausen und Dingsleben. An manchem Abend gleich mehrere. Dabei ging alles ganz beschaulich los.

Vor einigen Jahren stieg er zum ersten Mal in die große Tonne, ein Dankeschön für die Bewohner von Mendhausen, die mit großer Mühe den Kirchenweg ausgebaut hatten. »Ich war mir sehr unsicher, wie es ankommen würde. Es war ja eine Premiere«, erinnert sich der Pfarrer heute. Am Sonntagmorgen nach seinem Karnevals-Debüt stand eine Delegation des Römhilder Elferrates vor dem Pfarrhaus.

Empört, dass das eigene Kirchenoberhaupt in die Bütt des Nachbarortes gestiegen war, nicht aber in die seines Wohnortes. Kurzerhand gab es eine neue Rede, nun auf die Römhilder zugeschnitten. Und dann auch noch eine für die Milzer, die ebenso wenig auf Thomas Perlick verzichten wollten.

Das närrische Talent des Pfarrers hat sich längst herumgesprochen. Seine wortverspielten Büttenreden, in denen er mit schelmischem Augenzwinkern seine Erlebnisse in Römhild und Umgebung beschreibt, gehören zu den Höhepunkten der Sitzungen. Dabei vergisst Thomas Perlick nicht, sich selbst gehörig auf die Schippe zu nehmen. Etwa seine abenteuerliche Suche nach jenem merkwürdigen Ort »Dräch«, als er gerade wenige Wochen in seiner neuen Pfarrstelle war. Eine Frau aus Milz erbarmte sich schließlich: »Kamst zweimal durch Dräch, nur dass du’s weißt: Weil Dräch nämlich eigentlich Eicha heißt.«

Wie irritierend der Dialekt zuweilen für Zugezogene sein kann, erzählte der Pfarrer auch ein Jahr später in der Bütt. In der Zwischenzeit hatte er herausgefunden, dass »nachte« keine Tageszeit ist, sondern schlicht »gestern« heißt.

Seine Themen sammelt Thomas Perlick das ganze Jahr über. In dieser Saison wird es aus aktuellem Anlass um die Bildung der Großgemeinde »Stadt Römhild« gehen, aber auch um sein vorübergehendes Studentendasein an der Universität Jena, den Diebstahl seines Motorrades vor der Sülzdorfer Kirche und um den Empfang des heiklen Slusia-Preises, jener barbusigen Nixe, die alljährlich von der Stadt Schleusingen vergeben wird.

Dass es auch einzelne kritische Stimmen in der Gemeinde über seine närrischen Aktivitäten gibt, weiß Thomas Perlick: »Ich respektiere diese Meinung natürlich, teile sie aber nicht. Der Pfarrer gehört unter die Leute. Er begleitet ihr Leid an vielen Stationen ihres Lebens. Er sollte auch ihre Freude und ihre Unbeschwertheit teilen. Denn auch dazu sind wir in der Welt, dass wir das Leben feiern.« Ein Weg, den in Thüringen nur eine Handvoll Geistliche bestreitet.

Die Leute im Publikum hintersinnig unterhalten ohne jemanden verbal zu verletzen, ihnen auf Augenhöhe mit all seinen kleinen so menschlichen Fehlern begegnen – das möchte Thomas Perlick auch in diesem Jahr, wenn er sich wieder seinen schwarzen Zylinder aufsetzt. Übrigens erstmals als Mitglied der Römhilder Karnevalsgesellschaft. In den Verein eingetreten ist er im vergangenen Sommer zum Turmfest, nachdem die Karnevalisten ordentlich und unentgeltlich bei der Sanierung des Kirchturmes angepackt hatten. »Und die Moral von der Geschicht’: Ich lass so manches, aber die Bütt wohl nicht.«

Susann Winkel

Eine kleine Sammlung von Thomas ­Perlicks Büttenreden ist im Römhilder Pfarramt, Telefon (03 69 48) 8 02 64, für den Preis von 10 Euro erhältlich. Die Hälfte des Geldes ist für die Hungerhilfe Ostafrika bestimmt.