In Stotternheim schlug es ein

5. Juni 2017 von redaktionguh  
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Schöne Legende, triste Wirklichkeit: Der Kirchentag auf dem Weg macht Station in Stotternheim. Wurde hier Weltgeschichte geschrieben? Es sieht zumindest nicht danach aus.

Schon die Anfahrt gestaltet sich holprig. Der Luthersteinweg ist eine staubige Piste. Er führt vom Bahnhof des Fleckens Stotternheim zur Deponie leicht bergan. Rechts und links blinkt das Blau von Baggerseen. Mit großen rostigen Maschinen wird geschürft. Leise rieselt der Kies vom Förderband.

Dort, wo der Weg auf die alte, inzwischen abgedeckte Müllhalde der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt trifft, biegt er scharf ab. An der Ecke steht der rote Stein. Dahinter ein Bratwurstrost, Tische für den Getränkeverkauf und für Broschüren, die vom Ort erzählen. Eine mobile Bühne, im Halbkreis ein Posaunenchor und Bierbänke, die mit über hundert Menschen besetzt sind. Einheimische sind gekommen und der Kirchenchor, dazu Leute aus der Stadt. Einige tragen den orangefarbenen Schal des Kirchentags.

Der Erfurter Kirchentag auf dem Weg macht Station in Stotternheim. »Geblitzt«, heißt hier einer von mehr als 200 Programmpunkten. Er erinnert daran, dass hier vor über 500 Jahren Weltgeschichte geschrieben wurde – zumindest wenn man denen glaubt, die später alles notierten. Die Legende geht so: Auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt gerät der Jura-
student Martin Luther in ein Unwetter. Neben ihm schlägt ein Blitz ein. Voller Angst fleht der junge Mann: »Hilf du, Sankt Anna.« Und er verspricht: »Ich will ein Mönch werden.« Genau so steht es seit 1917 in weißer Schrift auf dem großen roten Stein. »Geweihte Erde« auch und »Werdepunkt der Reformation«.

Ganz sicher ist die Sache mit dem Blitz nicht, wohl aber das Mönchsein. Zwei Wochen nach dem Gewitter, am 17. Juli 1505, klopft der 21-jährige Lu-ther an die Pforte des Erfurter Augustinerklosters. Er bleibt, mit Unterbrechungen, bis 1511, dem Jahr seines endgültigen Umzugs nach Wittenberg.

Ob zu Fuß oder per Tandem: Kirchentagsbesucher in Erfurt wollten Luthers Wege gehen und machten sich – wie einst der Reformator – vom Lutherstein in Stotternheim auf zum Augustinerkloster. Foto: Matthias F. Schmidt

Ob zu Fuß oder per Tandem: Kirchentagsbesucher in Erfurt wollten Luthers Wege gehen und machten sich – wie einst der Reformator – vom Lutherstein in Stotternheim auf zum Augustinerkloster. Foto: Matthias F. Schmidt

Blitz hin oder her, eine – wie auch immer – geartete Krise muss Luther gehabt haben. Da sind sich die Redner des kleinen Festaktes, der Erfurter Senior Matthias Rein, Stotternheims Pfarrer Jan Redeker und die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, gemeinsam sicher. Wichtig sei, dass er sich auf den Weg machte – zu seinem Glauben und zu sich selbst.

So sind denn auch die Gäste eingeladen, den Weg nach Erfurt zurück unter die Füße zu nehmen. Zwei Routen sind im Angebot: Die östliche, zwölf Kilometer lang, führt über freies Feld hinter dem Autobahnring der Landeshauptstadt bis zum Ringelberg und von dort geradeaus bis zum Augustinerkloster. Die westliche, sechs Kilometer länger, führt durch Stotternheim und Mittelhausen bis zur Gera. Immer am Flussufer entlang, ist auch hier das Kloster das Pilgerziel.

Der Schatten der Flussauen scheint anziehender zu sein. Zumindest an der ersten Zwischenstation, St. Peter und Paul in Stotternheim, lassen sich 60 Männer, Frauen und auch ein paar Kinder die 1704 erbaute Barockkirche zeigen. Mit den neuen Glasfenstern des Künstlers Gert Weber präsentiert sich das Gotteshaus schlicht und anspruchsvoll zugleich.

Ginge das nicht auch am »Werdepunkt der Reformation«? Der Kirchenälteste Karl-Eckhard Hahn bittet um Geduld und Nachsicht. Es habe sich schon viel verändert. Bald würden die jungen Bäume zur grünen Kirche he­rangewachsen sein. Noch im Sommer will die Gemeinde am Lutherstein einen Steinaltar errichten. Und irgendwann muss ja auch mal der Kies im See komplett abgebaut sein.

Dirk Löhr (epd)

Frommer Glückskeks

8. Januar 2017 von redaktionguh  
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Als Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf vor 280 Jahren »Die Parole für den Tag« an seine Gemeinde in Herrnhut ausgab, ahnte er vermutlich nicht, dass sich daraus ein Bestseller entwickeln würde. »Die Losungen« sind heute auf der ganzen Welt verbreitet und in über 50 Sprachen erhältlich. Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt hat sie auf dem Handy und Schlichter Matthias Platzeck las 2015 vor jeder Runde mit Bahn und Gewerkschaft den Verhandlungspartnern aus dem blauen Büchlein vor. Für einige haben sie den Status eines frommen, chinesischen Glückskekses, für andere sind sie, wozu sie gedacht waren: »Fortgesetzte Gespräche des Heilands mit der Gemeinde« (Zinzendorf).

Die Ziehung der Tageslosung geschieht im kleinen Saal des Herrnhuter »Vogtshofes«. Aus rund 1 100 nummerierten Kärtchen werden hier immer im Frühjahr die alttestamentlichen Bibelverse gezogen.

Die Jahreslosung kommt indes nicht aus der Oberlausitz. Sie wird, wie auch die Monatssprüche, von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) festgelegt. Vertreter von Kirchenverbänden bestimmen in einem Wahlverfahren die Jahreslosungen und Monatssprüche vier Jahre im Voraus. Die aktuelle Situation spielt deshalb bei der Auswahl keine Rolle. Trotzdem passt die Jahreslosung für 2017 zum Reformationsgedenken.

Um die Verwirrung komplett zu machen: Der Wochenspruch, der unserem »Wort zur Woche« zugrunde liegt, hat weder mit der ÖAB noch mit Herrnhut etwas zu tun. Er ist in der sogenannten Perikopenordnung für die Predigttexte in der evangelischen Kirche festgelegt. Nachzulesen im Evangelischen Kirchengesangbuch.

Der Ordnung halber und von Herzen: Ein gesegnetes neues Jahr!

Willi Wild

Singen ist doppelt beten

6. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Auch aus der mitteldeutschen Kirche (EKM) waren junge Leute beim Taizé-Jugendtreffen in Berlin dabei.

Abendgebet beim Europäischen Taizé-Jugendtreffen am 28. Dezember auf dem Berliner Messegelände mit den Brüdern der Ordensgemeinschaft aus Taizé. Zum fünftägigen Jugendtreffen über den Jahreswechsel waren rund 30000 junge Leute zwischen 17 und 35 Jahren aus ganz Europa angereist. Foto: epd-bild/Rolf Zöllner

Abendgebet beim Europäischen Taizé-Jugendtreffen am 28. Dezember auf dem Berliner Messegelände mit den Brüdern der Ordensgemeinschaft aus Taizé. Zum fünftägigen Jugendtreffen über den Jahreswechsel waren rund 30000 junge Leute zwischen 17 und 35 Jahren aus ganz Europa angereist. Foto: epd-bild/Rolf Zöllner

Dunkel war es in der weitläufigen Messehalle, dunkel und still. Zu Tausenden knieten die jungen Menschen auf dem Fußboden. Vor ihnen saßen die weiß gekleideten Brüder aus Taizé auf ihren Gebetsschemeln. Gemeinsam hatten sie gesungen, hatten sie in der Stille zu Gott gebetet. Nun gingen zwei Kinder nach vorn zum Altar. Sie holten ein Licht, das Friedenslicht aus Bethlehem. Von Kerze zu Kerze gaben sie es weiter, zunächst an die Brüder von Taizé, dann an die Menschen in der Halle. Wo es eben noch dunkel war, entstand ein Lichtermeer.

Das Kerzengebet am Silvesterabend war wohl der eindrücklichste Moment des 34. Europäischen Jugendtreffens der ökumenischen Bruderschaft von Taizé, zu dem vom 28. Dezember bis 1. Januar rund 30000 junge Erwachsene – viele davon aus Osteuropa – in Berlin zusammengekommen waren. In mehr als 160 Berliner Kirchengemeinden trafen sie sich zum Thema »Wege des Vertrauens«.

Mit dabei war auch eine Gruppe aus Gera: Unter Leitung des katholischen Kaplans Adam R. Prokop hatten sich insgesamt sieben junge Leute aus evangelischen und katholischen Gemeinden der Stadt nach Berlin aufgemacht. »Es ist unfassbar, wie in so einer riesigen Messehalle plötzlich Stille herrschen kann«, sagte die 18-jährige Annekathrin Griebsch. »Wenn um Stille gebeten wird, ist es einfach still.« Die gleichaltrige Kathrin Bartl war beeindruckt davon, »wie viele Menschen aus wie viel Nationen sich beim Taizé-Treffen zusammenfinden und über den christlichen Glauben reden«. Egal, woher die Menschen kämen – »wir glauben gemeinsam an Gott«.

Doch die wenigsten Teilnehmer waren so wie die Geraer mit einer Gruppe nach Berlin gefahren. Viele hatten sich einzeln auf den Weg gemacht, etwa die 26-jährige Erfurterin Sandra Weigel. Sie ist besonders von den Liedern der Taizé-Brüder begeistert, dabei komme sie ganz zur Ruhe. Beim Berliner Treffen engagierte sie sich deswegen ehrenamtlich als Chorsängerin. Schon vor Beginn des Treffens, am zweiten Weihnachtsfeiertag, war sie nach Berlin gefahren, drei Stunden am Tag probte sie mit anderen Sängern für die großen Auftritte an jedem Abend, bevor der Prior von Taizé, Alois Löser, das Wort ergriff.

Er forderte die jungen Leute zu Solidarität, Bewahrung der Schöpfung und mehr gelebter Ökumene auf und vor allem dazu, öfter zusammen zu beten. »Uns öfter gemeinsam zu Wortgottesdiensten zusammenfinden heißt bereits, die Einheit vorwegzunehmen und es dem Heiligen Geist zu überlassen, uns zu vereinen«, sagte Bruder Alois. Damit freilich bewegte sich der Prior von Taizé in ökumenisch sicheren Gewässern: Diese Aussagen hätte auch Papst Benedikt XVI. unterschreiben können, der das Taizé-Jugendtreffen im Dezember 2012 nach Rom eingeladen hat. Spektakuläre Forderungen, etwa nach einem gemeinsamen Abendmahl, erlebten die Besucher des Taizé-Treffens nicht.

In der Kuppel des Berliner Reichstagsgebäudes begrüßte die Thüringer Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) einige Hundert Teilnehmer des Treffens zu Podiumsdiskussionen. »Ich erhoffe mir von eurem Treffen einen Energieschub für die Demokratie«, sagte die Politikerin, die auch Präses der EKD-Synode ist. Neben anderen Abgeordneten berichtete sie, wie sie Politik und christlichen Glauben verbinde. Doch die Diskussion blieb an der Oberfläche und von Allgemeinplätzen bestimmt, wie man sie überall dort hören kann, wo Politiker auf christlichen Veranstaltungen über ihre christliche Motivation, sich politisch zu engagieren, berichten.

Im Zentrum des Berliner Taizé-Treffen jedenfalls stand anderes: »Die Taizé-Lieder nehmen dich aus deinem Alltag heraus und bringen dich in Kontakt zu Gott«, brachte es die 29-jährige rumänische Studentin Joanna Azamfriei auf den Punkt. »Wenn ich diese Lieder singe, bete ich doppelt.«

Benjamin Lassiwe

Kein Gastgeschenk im Gepäck

29. September 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Papstbesuch: Benedikt XVI. feierte in Erfurt an historischem Ort einen ökumenischen Gottesdienst – mehr Entgegenkommen gab es nicht.
 

Im Vorfeld ist der Besuch des Papstes im Augustinerkloster mit zu einem Höhepunkt seiner Deutschlandreise erklärt worden. Nach dem Treffen bleiben viele Fragen offen.

Freundlich, aber bestimmt in der Sache:  Papst Benedikt XVI. mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider (Foto: picture alliance)

Freundlich, aber bestimmt in der Sache: Papst Benedikt XVI. mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider
(Foto: picture alliance)

Als Propst Hans Mikosch die Gäste in der Augustinerkirche begrüßt, ist die Welt noch in Ordnung. »Papst Benedikt XVI. kommt an die Wiege der Reformation«, sagt der Geraer Regionalbischof und macht damit noch einmal etwas von den Hoffnungen der evangelischen Seite deutlich, der Papst möge ein Signal in Richtung Martin Luther und im Blick auf das anstehende Reformationsjubiläum senden.

Während die beiden 20-köpfigen Delegationen im Kapitelsaal zusammenkommen, steigt in der Kirche die Spannung. Alles, was im deutschen Protestantismus Rang und Namen hat, ist an diesem 23. September nach Erfurt gekommen. Später ziehen Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht ein. Unter brausendem Musikklang folgen schließlich Benedikt XVI. in rot-weißem Gewand und der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider im schlichten Talar.

Die erste Ansprache kommt dann der EKD-Präses Katrin Göring-Eckardt zu. In der ostdeutschen Diaspora, in der beide Konfessionen in der Minderheit sind, macht sie die Bedeutung seines Besuchs für die Christen deutlich. Zugleich äußert sie ihre Hoffnung auf ein gemeinsames Abendmahl »zum richtigen Zeitpunkt«.

Doch das greift der Papst ebenso wenig auf wie andere zuvor geäußerte Erwartungen. Erst am Schluss seiner Predigt kommt das Oberhaupt der katholischen Kirche auf die Hoffnungen zu sprechen. Die Erwartung an ein »ökumenisches Gastgeschenk« sei ein politisches Missverständnis, erklärt der Papst den verdutzten Zuhörern. »Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln.« Nur durch tieferes Hineindenken in den Glauben wachse Einheit. Luther, die Reformation oder die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre erwähnt er hier nicht.

Nach dem Gottesdienst beeilen sich beide Seiten, den Besuch und die deutlichen Worte einzuordnen. »Unser Herz brennt nach mehr. Das war heute deutlich zu spüren«, meint Präses Nikolaus Schneider. Er hatte in dem 35-Minuten-Gespräch im Kapitelsaal noch einmal die Gemeinsamkeiten herausgestellt. Damit allein könnten die Kirchen jedoch nicht zufrieden sein, findet Schneider.

Im Blick auf die großen Herausforderungen angesichts von Gottvergessenheit und Orientierungslosigkeit mahnt er eine »Ökumene der Gaben« an, in der sich die verschiedenen Traditionen der Kirchen ergänzen sollten. Trotz des Dämpfers gibt es aus Sicht der EKD-Delegation für das ökumenische Gespräch weitere Anknüpfungspunkte.

Als Erfolg werten die Mitglieder bereits die Tatsache, dass der Papst beim Gespräch im Kapitelsaal das Ringen Martin Luthers um die Frage, wie bekomme ich einen gnädigen Gott, gewürdigt hat. Damit habe Luther »faktisch eine Rehabilitation« erfahren.

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, zeigt Verständnis für das Ausbleiben konkreter Ergebnisse. Der Papst sei eben nicht mit fertigen Lösungen gekommen. »Er wollte uns ermutigen, weitere Schritte zu gehen.«

Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, sieht schließlich die Ermutigung, weiter auf den erreichten Gemeinsamkeiten aufzubauen. Aber er macht auch katholische Erwartungen deutlich. Die im Blick auf das Reforma­tionsjubiläum angeregte Heilung von Verletzungen aus der Kirchenspaltung, mahnt Koch, dürfe dabei »keine Einbahnstraße« sein.

(mh)

Ein Bruder zu Gast bei Luther

16. September 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Symbolträchtiger Ort: Im Kapitelsaal des Erfurter Augustinerklosters ist Martin Luther als Novize aufgenommen worden. Jetzt kommt der Papst hierher. Fotos: Lutz Edelhoff/bp (Montage)

Symbolträchtiger Ort: Im Kapitelsaal des Erfurter Augustinerklosters ist Martin Luther als Novize aufgenommen worden. Jetzt kommt der Papst hierher. Fotos: Lutz Edelhoff/bp (Montage)

Ökumene: Bei seinem Deutschlandbesuch trifft Benedikt XVI. in Erfurt mit der Spitze der evangelischen Kirche zusammen.

Es ist eine historische Begegnung im Erfurter Augustinerkloster.  Erstmals besucht der Papst eine bedeutende Stätte  der Reformation. Bei der Vorbereitung wird nichts dem Zufall überlassen.

Die Vorbereitungen für den hohen Besuch laufen auf Hochtouren. Noch ist das Gelände am Erfurter Augustinerkloster eine Baustelle. Bauarbeiter haben die Bordsteinkanten herausgerissen. Auf die Frage, ob das im Vorfeld des Papstbesuches geschehe, zuckt einer der Bauarbeiter mit den Schultern. »Könnte schon sein«, meint er. Nein, entgegnet ein Kollege, es seien schon länger geplante Baumaßnahmen. Auch im Inneren der Augustinerkirche sind Handwerker bei der Arbeit. Die kostbaren Fenster im Chorraum verschwinden hinter einem Gerüst und Bauplanen.

Einer Baustelle gleicht auch die Ökumene, die in einer Woche eine historische Begegnung erleben wird. Erstmals besucht mit Benedikt XVI. ein Oberhaupt der katholischen Kirche eine authentische Lutherstätte. Im Rahmen seines Deutschlandbesuches trifft der Papst am 23. September im Erfurter Augustinerkloster auch mit der Spitze der evangelischen Kirche zusammen.

Der Aufenthalt in der Thüringer Landeshauptstadt ist auf Wunsch des Papstes sogar verlängert worden, um der Begegnung den gebührenden Raum zu geben. »Das ist eine große Chance für die Ökumene«, meint nicht nur Landesbischöfin Ilse Junkermann, der die Begrüßung des hohen Gastes zukommt.

Lange ist im Vorfeld darüber spekuliert worden, was das Treffen bedeuten könnte. Dass davon ein Signal ausgeht, darüber sind sich alle Beobachter einig. Nachdem das Verhältnis zuletzt deutlich abgekühlt war, etwa durch die Erklärung »Dominus Jesus«, in der die evangelischen Kirchen ­lediglich als kirchliche Gemeinschaften bezeichnet werden, ist schon die Wahl des Ortes ein Entgegenkommen.

Sollte der Papst hier den Erkenntnissen Luthers Respekt erweisen, wäre dies nach Meinung des Catholica-­Beauftragten der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, des braunschweigischen Landesbischofs Friedrich Weber, schon ein ökumenischer Erfolg.

Zwar sind beiden Seiten derzeit ­dabei, die anfangs hochgesteckten Erwartungen wieder auf ein realistisches Maß herunterzuschrauben. Dennoch empfindet der Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes, Thies Gundlach, das Treffen als »große ökumenische Geste«.

Auch deshalb wird nichts dem Zufall überlassen. Genau 35 Minuten wird die Begegnung mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche dauern.

Der Papst werde mit »Eure Heiligkeit« angeredet, verrät der EKD-Vizepräsident, ergänzt mit dem Zusatz »lieber Bruder in Christus«. Jeweils 20 Spitzenvertreter gehören den beiden Delegationen an, auf evangelischer Seite neben mehreren Bischöfen auch die Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt, oder Elke Eisenschmidt als jüngstes Ratsmitglied.

Ganz ohne Erwartungen gehen die Vertreter der evangelischen Kirche trotz der Zurückhaltung nicht in das Gespräch. Thies Gundlach erhofft sich eine Verständigung im Blick auf die Bedeutung der Reformation für beide Kirchen. »Vielleicht schaffen wir es, hier ein Gespräch anzustoßen.«

Landesbischöfin Ilse Junkermann verweist auf die gemeinsame Minderheitensituation der Kirchen im Osten, die für die katholische Kirche eine doppelte ist. Zugleich will sie die Nöte der konfessionsverschiedenen Ehepaare ansprechen.

Dass die Kirchen im Osten schon einmal viel weiter gewesen sind, macht schließlich der langjährige ­Erfurter Propst Heino Falcke deutlich. Er verweist auf die enge Gemeinschaft der Kirchen zu DDR-Zeiten etwa bei der Ökumenischen Versammlung. Darüber hinaus seien die konfessionellen Grenzen in der Auslegung der Bibel längst überwunden. Nun müsse damit auch Ernst gemacht werden, findet Falcke.

Ein besonderes Augenmerk legen die Verantwortlichen wohl auch deshalb auf den gemeinsamen Wortgottesdienst in der Augustinerkirche, der sich an das Gespräch anschließt. Den empfindet EKD-Vize Gundlach nicht zuletzt als ein Zeichen für die katholische Weltkirche. »Seht her, mit denen kann man gemeinsam Gottesdienst feiern.«

Martin Hanusch

www.papst-in-deutschland.de

Geschichte hautnah empfunden

24. Juni 2011 von redaktionguh  
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Altenburger Schüler lebten zwei Tage wie Anne Frank.

»Als ich davon gehört habe, wollte ich unbedingt mehr darüber erfahren«, sagte Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) am vergangenen Freitag in Altenburg. Zehn Mädchen und Jungen der Erich-Mäder-Schule hatten sich beim Projekt »Zwei Tage leben wie Anne Frank« vom 25. bis 27. Mai im Paul-Gustavus-Haus, einem leer stehenden Wohn- und Geschäftsgebäude, versteckt, um möglichst authentisch nachzuempfinden, wie das jüdische Mädchen gelebt und was sie dabei empfunden hat.

Im ­Gespräch mit den Schülern und Projektleiterin Dagmar Schach zeigte sich die Politikerin beeindruckt.

Stattgefunden hatte das Experiment in vier Räumen des Dachgeschosses. Um dorthin zu gelangen, musste Katrin Göring-Eckardt wie alle anderen durch einen Schrank schlüpfen. Dies war der einzige Weg zum Versteck, in dem die Schüler 48 Stunden nahezu auf sich allein gestellt waren. Für die 13- bis 15-Jährigen stellte dies eine große Herausforderung dar, der nicht alle gewachsen waren. Zwei Jungen und ein Mädchen brachen das Vorhaben vorzeitig ab.

Katrin Göring-Eckardt wirft einen Blick in die Tagebücher der beteiligten Schüler. (Foto: Ilka Jost)

Katrin Göring-Eckardt wirft einen Blick in die Tagebücher der beteiligten Schüler. (Foto: Ilka Jost)


Während ihres Aufenthalts verbrachten die Schüler ihren Tagesablauf mit Lesen, Spielen, Schlafen und Tagebuchschreiben. »Zwar haben wir gelernt, wie Anne Frank gelebt haben muss, doch richtig nachfühlen können wir es nicht. Denn für uns war es nur ein Experiment, für sie ging es um Leben und Tod«, sagte die 15-jährige Sophie-Marie Bock.

Das Tagebuch der Anne Frank (1929–1945) gehört zur Weltliteratur. Das jüdische deutsche Mädchen, das 1934 mit ihren Eltern in die Niederlande ausgewandert war, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, fiel kurz vor Kriegsende dem Völkermord des Hitler-Regimes zum Opfer. Zuvor hatte es sich mit ­ihrer Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam versteckt. Hier schrieb sie vom 12. Juni 1942 bis zum 1. August 1944 ihre Empfindungen und Gedanken in einem Tagebuch nieder, das nach dem Krieg von ihrem Vater Otto Frank veröffentlicht wurde. Es gilt als historisches Dokument des Holocaust.

Gespannt lauschte Katrin Göring-Eckardt den Schilderungen der Beteiligten. »Hier wurde nichts nachgespielt, sondern etwas ganz bewusst nachempfunden. Das ist das Besondere an diesem Experiment, in dem die Schüler alles gegeben haben. Es ist etwas Großartiges, auf diese Weise die Geschichte lebendig zu erhalten. Denn bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben«, führte die Politikerin und Präses der EKD-Synode aus.

Ilka Jost

Gemeinsam Flagge zeigen

27. Mai 2011 von redaktionguh  
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Kirchentag: Mehr als 5000 Christen aus Mitteldeutschland werden zum Protestantentreffen in Dresden erwartet.
Die letzten Vorbereitungen laufen: Vom 1. bis 5. Juni ist Dresden Gastgeber für den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag. (Foto: epd-bild)

Die letzten Vorbereitungen laufen: Vom 1. bis 5. Juni ist Dresden Gastgeber für den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag. (Foto: epd-bild)


Nach 14 Jahren findet mit Dreden wieder ein Kirchentag in Ostdeutschland statt. Das dürfte neben den großen Themen eine nicht ­unwesentliche Rolle spielen.


»Hier sind wir schon die Exoten«, sagt Matthias Grimm-Over. Der Referent für Jugendarbeit weiß, wovon er spricht. Wenn sich am 1. Juni die verschiedenen Regionen Sachsens beim Abend der Begegnung auf dem Kirchentag in Dresden vorstellen, wird auch die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mit von der Partie sein. Unter dem Motto »Evangelisch in Nordsachsen« präsentiert sich der Kirchenkreis Torgau-Delitzsch als einzige sächsische Region der EKM auf dem Kirchentag. Die Helfer um den Jugend­referenten werden dann gemeinsam mit den »Freunden der Leipziger Region« die Kirchentagsgäste rund um die Dreikönigskirche bewirten.

Aber auch sonst will der Kirchenkreis auf dem Kirchentag vom 1. bis 5. Juni Flagge zeigen. Im Themenbereich »Christen im Alltag« informieren die Mitarbeiter über ihre Arbeit vor Ort. An jedem Tag werde es einen ­thematischen Schwerpunkt geben, kündigt Grimm-Over an. Neben dem neuen Familienbildungshaus Sausedlitz und dem ersten Torgauer Kinderkirchenführer wollen die Mitarbeiter auch ihr Jugendbildungsprojekt »Wintergrüne« vorstellen. »Wir wollen damit zeigen, dass Sachsen nicht nur aus der Landeskirche besteht«, meint der Referent selbstbewusst.

Dass der Kirchentag nach längerer Zeit wieder in Ostdeutschland über die Bühne geht – zuletzt hatte es 1997 das Protestantentreffen in Leipzig ­gegeben –, schlägt sich freilich nicht nur in den Zahlen unter den 110.000 Dauerteilnehmern nieder. »Von der Zusammensetzung wird es der erste gesamtdeutsche Kirchentag sein«, ist Katrin Göring-Eckardt, Präsidentin des Treffens, überzeugt. Etwa ein Drittel kommt aus Ostdeutschland. Allein aus der EKM werden sich 5.000 Gemeindeglieder auf den Weg machen. Inhaltlich dürfte das Thema Kirche in säkularer Umwelt neben den Topthemen Atomausstieg, Finanzkrise und Integration eine tragende Rolle spielen. Dafür spricht schon die Tatsache, dass der Kirchentag in einer Region stattfindet, in der nur noch knapp 25 Prozent zu einer Kirche gehören.

Für die evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümer aus Mitteldeutschland ist das Grund genug, sich mit einem Stand auf dem »Markt der Möglichkeiten« zu präsentieren.

Wie schon beim Ökumenischen Kirchentag in München stellen sich die EKM und Anhalt sowie die Bistümer Erfurt und Magdeburg gemeinsam vor.

Allein das findet Anne Rademacher, Referentin im Erfurter Seelsorgeamt, ziemlich einmalig. »Diese Gemeinschaft ist ein Symbol dafür, was wir in Mitteldeutland brauchen.« Neben der EKM-Klimakampagne soll es um den Bibelturm im anhaltischen Wörlitz, das ökumenische Pilgerwegsprojekt des Bistums Magdeburg sowie die vom Bistum Erfurt angestoßene Reihe »Wozu ist Kirche gut?« gehen. Im nächsten Jahr wird der Gemeinschaftsstand dann beim Katholikentag Station machen.

Doch das sind nicht die einzigen Angebote aus der mitteldeutschen und der anhaltischen Kirche. Bereits am 30. Mai lichten zwei Schiffe in Dessau-Roßlau bzw. Wittenberg die Anker und fahren stromaufwärts nach Dresden. Zudem wirken mitteldeutsche Vertreter beim Feierabendmahl mit, stellen den spirituellen Tourismus am »Lutherweg« vor, erzählen ­etwas vom Einsatz für die Elbe und beteiligen sich am »Zentrum Kirchen und Demokratie«.

Ausgerechnet hier gab es bereits im Vorfeld eine heftige Kontroverse mit dem sächsischen Landtag. So hat das Präsidium mehrere Veranstaltungen nicht zugelassen, darunter ein Podium zum Thema »Krise der Demokratie« mit Heiner Geisler (CDU) und Renate Künast (Grüne). Diese »Aus­ladung« kann Lothar Tautz, Chef des Kirchentagslandesausschusses in der ehemaligen Kirchenprovinz, bis heute nicht nachvollziehen. Ansonsten hofft er, dass der Kirchentag seine ganz ­eigene Prägung erhält und der Dialog mit den osteuropäischen Ländern breiten Raum bekommt. »Dass der Kirchentag überhaupt in Dresden stattfindet«, sagt er, »ist ja schon ein Signal.«

Martin Hanusch

Mit dem Herzen dabei

10. September 2010 von redaktionguh  
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Gemeinschaftsgefühl und viele Ideen gab es beim Kreiskirchentag in Gotha.

Zum Kreiskirchentag in Gotha schlugen die Herzen höher. Dafür sprach schon das Motto: Herz ist Trumpf. Das eröffnete Freiraum für Begegnungen in Sachen Glaubensfragen und Kennenlernen. Das Spektrum reichte von »Hand aufs Herz« zur Bibelarbeit bis Kinderherzen beim Kinderkirchentag.

Erstmals präsentierten sich die 66 Kirchengemeinden des Kirchenkreises Gotha, von Ingersleben bis Behringen, mitten im Herzen der Stadt Gotha. Manche mit Infoständen, andere ganz bewegt. Kreissynodaler Oliver Gliem aus Gierstädt hüpfte mit Sprungfedern übers Pflaster. Für ihn wie für alle Beteiligten war es in erster Linie ein Schritt nach draußen, raus aus dem Kirchenschiff und den Gemeindegrenzen. »Ich finde es toll, dass wir uns hier präsentieren können«, sagte Marion Schulz. Die kleinen Dörfer und deren Gemeinden würden sonst kaum wahrgenommen. »Dabei haben die einiges zu bieten«, findet die Kirchenälteste aus Tröchtelborn. Neben rekonstruierten Gotteshäusern verweist sie auf solche Kreisgrenzen übergreifende Veranstaltungsreihen wie die Orgelnacht.

Ohnehin ist das Fahner Land hinsichtlich der Kirchenstruktur vielen Gemeinden einen Schritt voraus. Auf dem Neumarkt verdeutlichten es die Fahner-Leute an einem Boot – »Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt« – und am Kuchenbüfett mit – »Bullaugen« –, darauf die Bilder der elf Kirchen der Region. Das symbolisierte Zusammenhalt und das eigene Gesicht der Gemeinden des Kirchenverbandes. »Wir müssen immer mehr zusammenrutschen«, sagt Marion Schulz angesichts schwindender Mitgliederzahlen und anstehender Strukturänderungen.

Mit den Herzen dabei waren auch die Royal Ranger, christliche Pfadfinder. »Sonst kocht doch jeder sein eigenes Süppchen«, findet Gerd Pelikowsky und verteilte Suppe aus einem Kessel überm offenen Feuer. Trinitatis-Plätzchen gab es wenige Schritte weiter am Stand des Kirchspiels Wangenheim. »Das Miteinander dürfen wir uns ruhig antun«, findet Pfarrer Thomas Bruhnke. »So ein Kreiskirchentag ist eine Ebene, die tut uns gut.« Gerade wenn Sonntag für Sonntag wenig Christen in den Gottesdienst kommen.

Der Abschlussgottesdienst des Kreiskirchentages mit Taufe und Abendmahlsfeier vereinte eine große Gemeinde auf dem Neumarkt. Thomas Bruhnke glaubt fest daran, dass der Kreiskirchentag »einen Rhythmus finden wird«. Begeistert vom Einsatz und der Resonanz zeigte sich Superintendent Michael Lehmann. »Ich war anfangs neugierig, ob das in dieser Form funktionieren würde«, räumt er ein. Das Miteinander und das große wie auch bereit gefächerte Engagement überwältigten ihn. Die Vorbereitung auf den Kreiskirchentag sei von Beginn an dezentral angelegt gewesen. Es gab sechs Arbeitsgruppen, in denen sich nicht nur Hauptamtliche, sondern auch viele Gemeindemit­glieder einbrachten. Das reichte bis zum Brotbacken fürs Abendmahl.

Für Lehmann verdeutlicht dieser Einsatz die Verbundenheit zwischen den Christen der verschiedenen Kirchengemeinden. Dies sei für die Zukunft unabdingbar. »Wir werden kooperieren müssen.« Zentraler Ort für den Kirchenkreis ist dabei Gotha.

Eine Stadt wie Gotha müsse den Kirchengemeinden des Umlandes ein Dach bieten, sagte Oberbürgermeister Knut Kreuch. Der Gothaer Rathauschef zeigte sich auf dem Neumarkt unterhaltsam wie bibelfest. Sein Thema bei der Bibelarbeit: »Der barmherzige Samariter«. Mit Katrin Göring-Eckardt stellt sich auch die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und ­Präses der EKD-Synode den Bibelgesprächen. Martin Eberle, Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein, sorgte als katholischer Christ für eine ökumenische Note.

Das Kirchentagsherz für Kinder schlug auf dem Unteren Hauptmarkt. Mitmachtheater, Quiz, Pantomime und vieles mehr stimulierten die Jüngsten. Kinder der Evangelischen Grundschule Gotha erwiesen sich mit einem Alphabet bis »W wie www.herzstiftung.de« als Herzspezialisten. Sie hatten im Vorfeld des Kirchentages die Herz- und Intensivstation der Gothaer Helios-Klinik besucht. Das brachte Oberarzt Dirk Walther auf die Idee, ein begehbares Herz auf dem Hauptmarkt zur Anschauung aufzustellen, was zu einem interessanten Begegnungs- und Lernort wurde.

Helmut Fischer

Energieschub für Ehrenamtliche

28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Vorgestellt:  Die Resonanz auf das Projekt »Gemeindeagende« des Kirchenkreises Egeln ist groß

Dass Gottesdienste auch ohne Pfarrer möglich sind, macht der Kirchenkreis Egeln vor. Er hat eine Vorlage entwickelt, nach der auch Ehrenamtliche ohne großen Aufwand eine Gottesdienstfeier oder Andacht leiten können.

Lektoren sind heute aus den Gemeinden nicht mehr wegzudenken. Unsere Aufnahme ist während der Lektorentage im Jahr 2006 entstanden. Foto: Archiv

Lektoren sind heute aus den Gemeinden nicht mehr wegzudenken. Unsere Aufnahme ist während der Lektorentage im Jahr 2006 entstanden. Foto: Archiv

Ein Gottesdienst ohne Pfarrer oder Pfarrerin? Geht das? Ja, und das sogar sehr erfolgreich. Der Kirchenkreis Egeln macht es vor. Sein Projekt »Gemeindeagende« ist mittlerweile zum Aushängeschild geworden, das bereits prämiert wurde und in der Landeskirche schon einige Nachahmer gefunden hat. Für Superintendent Michael Wegner ein uneingeschränkt funktionierendes Mittel, eine »sakrale Präsenz in der Fläche« zu erreichen.
Die Gemeindeagende ist ein Buch, etwa 60 Seiten dick und die Grundlage für einen Gottesdienst, der von Ehrenamtlichen gestaltet und gehalten wird. In ihm finden sich unter anderem  Gebete und Texte. Sie helfen, den  Ablauf des Gottesdienstes variabel zu gestalten. Die Vorbereitungen sind also nicht kompliziert, denn im Mittelpunkt steht das gemeinsame Gebet  und der Austausch – gern auch im Anschluss bei Kaffee und Kuchen.

»Es hat eine wirkliche Belebung stattgefunden«

»Es ist uns gelungen, unsere Kirchen wieder als Kommunikationszentren zu entwickeln«, sagt Wegner. »Denn wenn sich eine Kirchentür erst einmal geöffnet hat, gehen die Menschen hin-ein und sind voller Erwartungen.« Große logistische Vorbereitungen für das Sonntagsgebet sind nicht mehr nötig. »Sie brauchen jemanden, der aufschließt und die Kerzen anzündet«, sagt der 48-Jährige, der seit zehn Jahren Superintendent im Egelner Kirchenkreis ist.

Müssen denn keine Voraussetzungen erfüllt sein? Auf die Frage weiß Wegner eine schnelle Antwort. »Sie brauchen einen Menschen, der die Verantwortung für die Verkündung aus dem Herzen heraus übernimmt und Sie brauchen Menschen, die sonntags gern in die Kirche gehen.« Und so einfach es klingt, so beeindruckend ist die Resonanz. »Wir zählen pro Jahr etwa 1.000 Gottesdienste mehr als vergleichbare Kirchenkreise«, zieht Wegner Bilanz. »Es hat eine wirkliche Belebung der Dörfer stattgefunden. Darauf sind wir stolz.«

Da macht es auch keinen Unterschied, wie viele Gläubige den Weg in das Gotteshaus gefunden haben. »In der Gemeinde Peseckendorf bei Oschersleben im Bördekreis gibt eine sehr kleine Kirche und nur zwei Gemeindeglieder«, weiß Wegner. Trotzdem wird hier mit der Gemeindeagende gearbeitet. »Ich habe gehört, dass manchmal Familien mit dem Fahrrad nach Peseckendorf kommen und alle gemeinsam Gottesdienst feiern.«

Die Agende deckt die Sonntage von Ostern bis Pfingsten ab, eine Ausgabe für Trinitatis ist in Arbeit. Entstanden ist die Gemeindeagende im Jahr 2008 direkt im Kirchenkreis. Vorbild war die erfolgreiche Initiative »Global Worship«. Sie wurde von einer Koordinationsgruppe gesteuert und stieß im Pfarrkonvent nicht nur auf Zustimmung. Kritiker unterstellen dem Vorhaben immer wieder, es unterstütze das Phänomen »Kirche ohne Pfarrer«. »Klar ist, dass wir nicht auf einen Mangel reagieren«, sagt Wegner. Vielmehr sind es die Gemeindeglieder selbst, die sich die Idee immer mehr zu eigen machen. Es entwickelt sich eine wohltuende Dynamik, die eine deutliche Stärkung kleiner Gemeinden bedeutet. »Das, was sonntags in den Kirchen stattfindet, ist keineswegs kontraproduktiv. Wir erfüllen die Verkündigung mit Leben.«

»Gottesdienst ist die beste Mission«

Für diesen sichtbaren und fühlbaren Erfolg bekam der Kirchenkreis Egeln im September vergangenen Jahres den Publikumspreis der Zukunftswerkstatt der Evangelischen Kirche in Deutschland in Kassel verliehen. Präses Katrin Göring-Eckardt lobte den »Energieschub für die Ehrenamtlichen«, der von diesem Projekt ausgeht. Superintendent Wegner beschreibt den Tag der Preisvergabe gern mit einem kräftigen Wort. »Es war der Knaller.« Für ihn Grund genug, Visionen zu entwickeln. »Ich wünsche mir eine weltweite Vernetzung, in der das Beten in der Gemeinschaft im Mittelpunkt steht«, sagt er. »Denn eins ist unumstritten: Gottesdienst ist die beste Mission.«

Sabrina Gorges