Sorgenfresser

19. Februar 2017 von redaktionguh  
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Ich wusste gar nicht, was ein Sorgenfresser ist, als mein Patenkind sich einen solchen wünschte. Eine Plüschfigur, dessen Schlund sich mit einem Reißverschluss öffnen lässt und dem Kinder gern ihren Kummer – auf einen Zettel notiert oder aufgemalt – übergeben. Raphael ist acht Jahre alt. Er geht in die zweite Klasse. Am Ende der ersten Klasse war deutlich, dass das Lesen ihm schwerfällt. Deshalb musste er sogar im Urlaub an der Ostsee jeden Tag üben.

Ob ihm ein Sorgenfresser helfen könnte? Auf einen Zettel schrieb Raphael: »Ich muss besser lesen können« und vertraute seinen Kummer dem Fachmann für Sorgen im blau-weiß gestreiften Anzug an. Als ich mich nach einiger Zeit erkundigte, ob es Anzeichen für das erfolgreiche Wirken des Sorgenexperten gebe, wies mich Raphael zurecht: »Das geht nicht so schnell!« Natürlich, sich einzig und allein auf den kleinen Helfer zu verlassen, wäre zu kurz gedacht. Der Junge muss weiterhin täglich Lesen üben.

Eines Abends die Überraschung. Raphael rief an, um mir zu erzählen, dass das Zettelchen, auf dem er seinen Kummer notiert hatte, aus dem Bauch des Sorgenfressers verschwunden sei. Augenscheinlich aufgefressen. »Und wie geht’s mit dem Lesen?«, fragte ich zurück. »Gut«, antwortete der Junge.

Wenn ich mit meinem eigenen Latein am Ende bin, müssen noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sein. Die kindliche Hoffnung muss nicht, aber kann religiös gedeutet werden. Gott will unsere Sorgen tilgen, denn in der Bibel steht: Alle eure Sorgen werft auf den Herrn. Nun ist dieser biblische Rat für einen Achtjährigen wahrscheinlich noch nicht nachzuvollziehen. Dafür »wirft« das Kind seinen Kummer in den Sorgenfresser und signalisiert, dass es auf eine Kraft hofft, die außerhalb seiner selbst liegt.

Sabine Kuschel

Vorbild und Liebe

22. Januar 2017 von redaktionguh  
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Wie junge Christen heute ihre Kinder erziehen: Ein Beispiel aus dem Kirchenkreis Naumburg-Zeitz

Jedes Kind kann schlafen lernen? Kathrin Leier zieht die Augenbrauen hoch. »So was haben wir nie gelesen«, sagt die 34-Jährige. Sie und ihr Mann Stefan (33) haben drei Kinder: Esther (9), Josua (7) und Ruth, die Nachzüglerin, gerade ein dreiviertel Jahr alt. Ratgeber wie das umstrittene Schlaflernprogramm, bei dem Babys eine gewisse Zeit schreiend gelassen werden, um allein einzuschlafen, stehen nicht im Bücherregal der Familie. Babys wurden und werden verwöhnt: getragen, geschaukelt, in den Schlaf begleitet, liebevoll umsorgt. Die Eltern verlassen sich auf ihre Intuition und Werte – dazu gehört auch der Glauben.

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Beide sind christlich erzogen worden. Sie ist als Gemeindereferentin bei einer Freikirche angestellt, er engagiert sich seit Jugendzeiten im Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM), ist Vorstandsmitglied des CVJM-Gesamtverbands, Mitglied im Gemeindekirchenrat von Droßdorf/Rippicha und im Regionalbeirat der Kirchenregion »Südliches Zeitz«. Der Glaube setzt Werte in dieser Familie, findet seinen Ausdruck in Umgangsformen und Ritualen. Gebete vorm Essen und Schlafengehen, bei Problemen und Herausforderungen gehören zum Alltag ebenso wie die Musik, Gottesdienstbesuche, auch Vorbereitungen dafür, zum Beispiel für das Krippenspiel. Die beiden Großen besuchen die evangelische Grundschule in Zeitz, Ruth wird voraussichtlich ab dem Frühling die kirchliche Kita besuchen.

»Natürlich erziehen wir unsere Kinder christlich, das ändert aber nichts daran, dass sie irgendwann an den Punkt gelangen, sich selbst dafür zu entscheiden oder eben nicht«, sagt Stefan Leier. Selbstständigkeit, auch im Denken, zu vermitteln, ist den Eltern wichtig. Und sie wissen, nichts ist prägender in der Erziehung als das eigene, gelebte Vorbild. Frei nach Fröbel: Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts. »Die Kinder leben das mit, was du lebst«, ist Kathrin Leier überzeugt. Sie in Watte packen, überbehüten, vor allem Übel der Welt abschirmen ist weder möglich noch erwünscht.

Die jungen Eltern hängen keinem bestimmtem Erziehungsstil an. Sie sind keine »Helikopter-Eltern«, die alles überwachen, was ihre Kinder tun – wenngleich sich die Familie Walkie-Talkies angeschafft hat, damit Esther und Josua ohne Aufsicht, doch mit Kontaktmöglichkeit im Wald hinterm Haus stromern können. »Wir kriegen jetzt immer Nachrichten: Sind an der Straße, sind über die Straße gegangen, sind im Wald«, sagt Stefan Leier lachend.

Auch als »Tigereltern« wollen sich Leiers nicht sehen. Die Kinder fördern, ja, aber nicht mit Zuckerbrot und Peitsche. Bei Esther prägen sich Hobbys und Vorlieben gerade besonders stark aus, die Eltern wollen ihr ermöglichen, was machbar ist. Doch wichtig ist vor allem: Dass das Zusammenleben in der Familie funktioniert, dass die Bedürfnisse aller wahrgenommen werden und gelten. Die Familie ist mehr als die Summe ihrer Teile.

Und so gibt es auch im Hause Leier Regeln. Zum Beispiel: Jeder räumt sein Gedeck vom Tisch ab, jeder erfüllt kleine und größere Aufgaben im Haushalt, fernsehen ist nur in wohl dosierten Mengen erlaubt, Spielzeug wird nicht liegen gelassen. »Wir pflegen eine liebevolle Konsequenz«, sagt Vater Stefan. Deshalb gibt es auch Strafen, aber situationsbezogen. »Esther und Josua gehen wahnsinnig gern im Geraer Hofwiesenbad schwimmen. An einem Samstag war es wieder so weit, aber schon den ganzen Morgen war Zank und Streit zwischen den Geschwistern. Wir waren alle schon angezogen, standen vor der Tür, da eskalierte die Situation. Den Schwimmbad-Besuch haben wir abgeblasen. Wir sind zu Hause geblieben. Auch als sich die beiden versöhnt hatten. Das war eine eigentümliche Stimmung an diesem Nachmittag, aber die Kinder haben daraus wirklich gelernt. Das hat noch lange nachgewirkt«, erzählt Stefan Leier ein Beispiel.

Strafen können also sein. Reden muss sein. »Gott hat unsere Kinder wunderbar gemacht, sie sind besonders und einzigartig«, sagt Kathrin. Das wollen sie den dreien vermitteln. Deshalb nehmen sie sie und ihre Gefühle ernst, sprechen viel mit ihnen, fragen, haken nach, erklären auch, warum sie eine Entscheidung so und nicht anders getroffen haben. »Ich sage nicht: Ich verbiete euch diesen Halloween-Kult, aber ich vermittle, warum wir nicht mitmachen oder nur in einer Light-Version mit Kürbisschnitzen«, nennt Stefan Leier ein Beispiel.

Die Eltern behandeln ihre Kinder als vollwertige Menschen. Dazu gehört auch, dass die Kinder ihre Konflikte selbst lösen. Gibt es Probleme mit Freunden, greifen Stefan und Kathrin nicht zum Telefon, um die anderen Eltern zu kontaktieren und das zu regeln. »Wir kümmern uns um unser Kind, stärken es.« Nicht in Watte packen, aber mit Liebe umhüllen.

Katja Schmidtke

Gehen oder bleiben

21. Januar 2017 von redaktionguh  
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Heiligabendgottesdienst mit Krippenspiel. Neben mir sitzt eine junge Mutter mit ihrem kleinen Jungen, etwa drei bis vier Jahre alt. Als die Hirten den Gang entlang nach vorn ziehen, würdigt der Kleine sie nur mit einem kurzen Blick. Er ist anderweitig beschäftigt. Mit seinem Plüschtier. Hin und wieder ist sein Stimmchen zu vernehmen, aber ganz friedlich. Die ältere Frau allerdings neben dem Kind fühlte sich offenbar in ihrer Andacht gestört. Sie gab der Mutter zu verstehen, dass sie mit dem Kind, das so wenig Anteilnahme am Gottesdienst zeige, die Kirche verlassen müsse. Ärgerlich und energisch entgegnete die junge Frau: »Nein, Sie müssen gehen!«

Vielleicht eine etwas harsche Reaktion, aber ich stimmte der Mutter innerlich zu. Gottesdienst mit Kindern. Hier stellt sich die Frage, ob es gut ist, sie in Watte zu packen oder nicht – ein Schwerpunkt dieser Ausgabe –, auf eine ganz andere Weise. Was erwarten wir von den Jüngsten in unserer Gemeinde? Sind wir bereit, uns auf sie einzustellen, gelegentlich ein Stück zurückzustecken?

Sehr wohltuend und entlastend fand ich das Wort eines Pfarrers im Taufgottesdienst. Den Eltern, die abwechselnd mit ihrem Baby auf dem Arm in der Kirche auf- und abliefen, sagte er: »Laufen Sie ruhig hin und her, wenn das Ihr Kind tröstet. Das stört nicht!« Richtig! Das stört nicht. Anders ist es freilich, wenn ein Kind lauthals schreit und sich über längere Zeit nicht beruhigen lässt. Das ist dann ebenso störend wie ein heftiger Hustenanfall eines Erwachsenen. Wahrscheinlich ist es in dem Fall besser, den Raum zu verlassen.

Nun ist nicht jeder Gottesdienst für kleine Kinder geeignet, aber beim Krippenspiel oder bei einer Taufe gehören sie dazu. Auch wenn sie dem Geschehen noch nicht folgen können und manchmal Unruhe verbreiten. »Wehret ihnen nicht.«

Sabine Kuschel

Zwischen Betreuen und Behüten

20. Januar 2017 von redaktionguh  
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Gibt es ein Rezept für ein zufriedenes Leben mit Kindern? Welche Zutaten machen das Gelingen aus?

Erziehung, sagt Julia Dibbern, ist ein Wort und eine Idee wie aus der Zeit gefallen. Ein Konzept des vergangenen Jahrhunderts, um Kinder zurechtzubiegen, auf dass sie einem bestimmten, vermeintlich sozial erwünschten Bild entsprechen, meint die Fachjournalistin für Familie und Nachhaltigkeit. Heutigen Eltern gehe es vielmehr darum, ihre Kinder zu unterstützen, so wie sie sind und mit dem, was sie brauchen (nicht zu verwechseln mit dem, was sie wollen). Beziehung statt Erziehung.

Seit mehreren Jahren recherchiert und schreibt Julia Dibbern zum Thema, ebenso ihre Kollegin Nicola Schmidt. Gemeinsam haben die beiden Frauen im vergangenen Herbst das Buch »Slow Family – sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern« veröffentlicht. Eine Rezeptsammlung ist das 240 starke Buch gewiss, aber keine Kochanleitung mit Gelinggarantie. Liebe und Achtsamkeit, Natur, Ressourcen und Wissen, Gemeinschaft und Zauber haben die Autorinnen als Zutaten für eine gelungene Eltern-Kind-Beziehung ausgemacht.

Spielen im Stroh – Naturerfahrungen sind wichtig für die Entwicklung der Kinder. Der Entdeckerdrang ist angeboren. Die Kleinen sind oft verplant, werden vielfach gefördert oder in Watte gepackt. Doch auch Freiräume sind notwendig. Mehr dazu »Im Blickpunkt«. – Foto: Regina Kaut/pixelio.de

Spielen im Stroh – Naturerfahrungen sind wichtig für die Entwicklung der Kinder. Der Entdeckerdrang ist angeboren. Die Kleinen sind oft verplant, werden vielfach gefördert oder in Watte gepackt. Doch auch Freiräume sind notwendig. Mehr dazu »Im Blickpunkt«. – Foto: Regina Kaut/pixelio.de

An Anfang und Ende dieses einfachen, entschleunigten Zusammenlebens von Mutter, Vater, Kindern steht jedoch die Zeit. »Bei unseren Recherchen über die Faktoren, die Eltern stressen, kamen wir immer wieder auf die Zeit – beziehungsweise den Zeitmangel – durch Arbeit, Termine, ganz oft auch selbstgemacht durch Freizeitstress«, bilanziert Nicola Schmidt. Und das, was Familien brauchen? »Zeit. Da beißt sich die Katze also in den Schwanz.«

»Slow Family« ist kein Manifest wider die Tigermutter, die ihr Kind vollumfänglich fördert und in der Schule und darüber hinaus zu Höchstleistungen treibt. Kinder und ihre Talente zu fördern, ist richtig. »Wenn in der Familie alle gesund und vergnügt sind und mit drei Terminen pro Woche zufrieden, dann ist das doch fein«, sagt Nicola Schmidt. Ihr geht es um jene, die ihr Kind zum Ballett, Klavierunterricht und Frühenglisch schicken aus Angst, etwas zu verpassen, aus Angst, das Kind könnte in der globalisierten Welt nicht mithalten. »Der Druck, perfekte Kinder zu haben, war noch nie so groß wie heute«, sagt Julia Dibbern.

»Slow Family« will Eltern den Druck nehmen, ist ein Plädoyer für die Achtsamkeit im Umgang mit kleinen Geschöpfen. Wer seinem Kind zugesteht, zum Beispiel morgens vor der Kita zehn Minuten lang den Käfer am Wegesrand zu beobachten, ermöglicht Naturerfahrung, auch ohne am Nachmittag zur Raubtierfütterung in den Zoo zu hetzen.

Sich Zeit zu nehmen für seine Kinder erweitert für Julia Dibbern und Nicola Schmidt die Perspektive auf das Thema Erziehung. Unterm Brennglas steht nicht allein die Kleinfamilie aus Mutter, Vater, Kind – und das unterscheidet »Slow Family« von anderen, typischen Erziehungsbüchern und Ratgebern. Die Autoren wechseln in eine globale Perspektive, thematisieren Umweltschutz, Konsumkritik und Nachhaltigkeitstheorien. Ihre Vision: zufriedene Familien, zufriedener Planet. Wer gesund ist an Körper, Geist und Seele, wer sich wertvoll fühlt, kümmert sich um andere. Wo sich Eltern und Kinder wahrnehmen, wo gesprochen wird, wo man Zeit füreinander hat, kann man sich auch auf ein gebrauchtes Handy einigen, kann man Kleidungsstücke für Babys mieten statt neu zu kaufen, bringt man das Altglas zum Container, statt es im Hausmüll zu verstecken.

»Mein neunjähriger Sohn liebt Wale, nun hat er ziemlich schnell mitbekommen, wie wir durch Plastikmüll den Lebensraum der Tiere, das Meer, verschmutzen. Was können wir schon dagegen tun?« Nicola Schmidt überlegt nicht lange. »Wir kaufen im verpackungsfreien Laden ein.« Es ist eine Ermutigung, dass jede Entscheidung im Leben zählt und dass selbst ein Weg der kleinen Schritte ein Weg zum Ziel bleibt. »Stellen Sie sich vor, wie unsere Wälder aussehen würden, wenn 80 Millionen Menschen jeweils eine Tüte Müll heraustragen würden!«

Dies ist ein Rezept von Nicola Schmidt und Julia Dibbern. Auch wenn ihr Buch voll solcher Ideen ist, Anleitungen wollen sie ihren Lesern eigentlich nicht geben, eher Anregungen. Nur eines empfehlen sie von Herzen für die To-do-Liste: »Schauen Sie den Menschen, die Sie lieben, mindestens einmal am Tag ins Gesicht und sagen ihnen: Schön, dass du da bist.«

Katja Schmidtke

Aus dem Blickwinkel der Kinder

26. Juli 2016 von redaktionguh  
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Publikation: »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker«


Ich habe mich auf die Augenhöhe der Kinder begeben. Was sieht denn eine Achtjährige, wenn sie an einer ganz normalen Domführung teilnimmt«, fragt die Harzer Superintendentin Angelika Zädow. Sie geht mal wieder unter die Autoren. »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker« heißt ihre unterdessen fünfte Publikation. Im sachsen-anhaltischen Verlag Janos Stekovics erschien ihr Büchlein.

Angelika Zädow mit ihrem neuen Buch. Foto: Uwe Kraus

Angelika Zädow mit ihrem neuen Buch. Foto: Uwe Kraus

»Eigentlich bin ich ziemlich überraschend dazu gekommen«, erinnert sich die Superintendentin. »Das Projekt lag im Dom schon einige Zeit auf Halde, unser Kinderdomführer war lange geplant, dann verließ uns unser Gemeindepädagoge.« Weil sie in ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin viel mit und für Kinder getan hatte, reizte sie der »Führer durch diese Kathedrale«. So entwarf sie den Text, immer wieder mit dem Blick auf die Sicht von Kindern. »Mit Stefan Deike von der Agentur Ideen­Gut lernte ich einen super begabten Menschen kennen, der alles bestens ins Bild rückte.« Er habe mit seinen Illustrationen quasi durch Kinderaugen geschaut. »Er verbindet moderne comicartige Zeichnungen mit den alten Schätzen.« So läuft nun ein Bischof über alle Seiten dieses besonderen Kunstführers durch den Halberstädter Dom St. Stephanus und St. Sixtus.

Wenn Angelika Zädow selbst mit Kindergruppen durch das Gotteshaus unterwegs ist, fasziniert sie immer wieder die Detailliebe der Kleinen. »Ja, wozu sind denn die kleinen Haken über den Verzierungen am Chorgestühl da? – Weil daran an besonderen Festtagen kostbare Teppiche aufgehängt wurden.«

Die Superintendentin wählte verständliche Worte und kurze Sätze, fügt dem augenfreundlich gesetzten Text kleingedruckte Erklärungen als Kür-Teil hinzu. Sie schlägt immer wieder den Bogen zwischen den Zeichnungen und Erklärungen zur Liturgie, verweist bei der Beschreibung der Kopfbedeckung des Comic-Bischofs auf den Domschatz, in dem die wertvolle Mitra ausgestellt ist. Ihre Zeilen regen aber auch zum Selberdenken an. Die neuen Fenster mit modernen Formen und Farben erzählten keine biblische Geschichte. »Ich möchte den Kindern Raum geben, sich eigene Gedanken zu machen.« Ob sie selbst ein Lieblingsbild habe? »Klar, auf der Seite der Marienkapelle die Geburtsszene. Maria im Priester-Gestus, das gefällt mir als Frau und Pfarrerin.«

Uwe Kraus

Angelika Zädow: »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker«, Verlag Janos Stekovics, 20 S., ISBN 978-3-89923-334-6, 4,50 Euro

Josephine teilt Brot und Traubensaft

22. Mai 2016 von redaktionguh  
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Gottesdienst: Kirchengemeinden diskutieren über das Abendmahl mit Kindern

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland versteht sich als einladende Kirche und als Kirche mit Kindern – auch beim Abendmahl.

Bestimmt erklärt die sechsjährige Josephine: »Ich bin Jesus und sitze natürlich in der Mitte.« Ihre Kindergartenfreunde betrachten nun noch einmal das Bild von Leonardo da Vinci, das ihnen Lilian Schlögl, die Leiterin des evangelischen Kindergartens Sankt Johannes in Erfurt-Hochheim, mitgebracht hat. Es heißt »Das letzte Abendmahl«. Nun platzieren sich die »Jünger« rund um Josephine und nehmen ihre Plätze ein. Dann wird das Brot verteilt. »Jesus hat auch Brot geteilt«, weiß Eleonore. Am Gründonnerstag hat sie mit den anderen Kindern und ihrer Erzieherin Brot gebacken und dieses mit Traubensaft auf eine festlich geschmückte Tafel gestellt. »Wir haben darüber gesprochen, was Jesus getan hat, und dieses Brot erinnert uns an ihn«, sagt Benjamin.

Das Brot ist verteilt, die Becher sind gefüllt und die Kinder essen gemeinsam. Sie genießen diese gemeinsame Mahlzeit sichtlich. »Gemeinschaft haben, zusammen sein und auch untereinander teilen, das ist ganz wichtig für unsere Kinder«, erklärt Lilian Schlögl. »Und im Zusammenhang mit dem Abendmahl entsteht im Unterbewusstsein der Kinder ein Gemeinschaftsgefühl, das sie mit sich tragen.« Schlögl leitet auch den Kindersingkreis ihrer Gemeinde. Oftmals kamen die Kinder nach dem Gottesdienst zu ihr und fragten, was macht ihr da am Altar? Was esst und trinkt ihr und warum? Damals habe sie mit dem Pfarrer über die Fragen der Kinder gesprochen und seither habe man die Kinder mehr und mehr auch am Abendmahl beteiligt. »Sie erhalten die Hostie und den Segen. Den Kelch erhalten sie erst mit der Konfirmation«, erklärt Schlögl.

Das erste Abendmahl im St. Johanneskindergarten, nach der Bildbetrachtung des »Letzten Abendmahls« von Leonardo da Vinci. Foto: Diana Steinbauer

Das erste Abendmahl im St. Johanneskindergarten, nach der Bildbetrachtung des »Letzten Abendmahls« von Leonardo da Vinci. Foto: Diana Steinbauer

»Ich war schon mit allen vorn am Altar«, berichtet Eleonore mit feierlichem Ernst. Sie gehört zu den Kindern, die schon am Abendmahl teilgenommen haben. »Wir haben uns im Kreis aufgestellt und es war ganz festlich. Der Pfarrer hat jedem eine Hostie gegeben und es war schön, zusammen zu sein«, erklärt die Sechsjährige.

»Kinder verstehen Essen und Trinken als Teilhabe«, erklärt Gemeindepädagoge Konrad Ludwig. Er bereitet derzeit einen Versteh- und Erlebnistag zum Thema Abendmahl in der Erfurter Predigerkirche vor. Immer wieder hat er die Erfahrung gemacht, dass sich Eltern und Gemeindemitglieder die Frage stellen, ab wann Kinder einen direkten persönlichen Zugang zum Abendmahl bekommen sollen und wollen. Er plädiert dafür, sich intensiv mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und Kinder früh einzubinden.

In einem kürzlich herausgegebenen Impulspapier ermutigt die EKM die Gemeinden, das Gespräch dazu vor Ort zu führen. »Die Kirche hat sich positioniert, aber entscheiden müssen die Gemeinden«, betont Pfarrer Ralf Schultz. Er ist im Erfurter Süden Pfarrer der Kirchspiele Bischleben, Egstedt und Hochheim-Schmira mit insgesamt zehn Gemeinden. »Wir diskutieren derzeit in den Gemeinden über das Abendmahl auch für Kinder. Es gibt Zustimmung, aber auch Vorbehalte. Wir haben im Gemeindekirchenrat unsere Erfahrungen zum Abendmahl zusammengetragen und uns darüber ausgetauscht, was es uns ganz persönlich bedeutet«, so Schultz. Kein leichtes Thema, denn die Frage nach dem Abendmahl berührt den Menschen in der Tiefe seines Glaubens. Schultz mahnt daher an, behutsam umzugehen und auch die Bedenken ernstzunehmen. Gerade auf den Dörfern berühre auch die Frage um die Konfirmation eine feste Gedankenwelt. Sein erklärtes Ziel ist es, die Gemeinden in einen Diskurs-Prozess mitzunehmen.

In Gesprächen werde häufig das Argument vorgebracht, Kinder könnten das Abendmahl noch nicht verstehen. »Das Abendmahl ist eine geistliche Größe, die sich mit dem Verstand nicht vollständig begreifen lässt«, argumentiert Gemeindepädagogin Friederike Hempel. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass Kinder im Grundschulalter viel offener für religiöse Fragen sind und sich sehr ernsthaft mit dem Abendmahl beschäftigen. »Wenn ich selbstverständlich dabei bin, wachse ich hinein in die Glaubenspraxis«, so Hempel. »Religion lernt man von außen nach innen«, formulierte es der Religionspädagoge Fulbert Steffensky, und auch Pfarrer Schulzt betont: »Wenn wir den Menschen das Abendmahl näherbringen wollen und es einen festen Platz im Leben haben soll, dann müssen wir früher damit anfangen.« Das glaubt auch Konrad Ludwig: »Kinder im Grundschulalter haben einen unkomplizierten Zugang zu Ritualen. Sie beobachten, erfragen und haben eine hohe Bereitschaft, Dinge mitzumachen und einzuüben«, so Ludwig. Das sei für die religiöse Beheimatung günstig. Jugendliche aber fühlten sich bei rituellen Dingen schnell unwohl oder ironisierten. »Beheimatung in gelebter religiöser Praxis passiert nicht in der Pubertät. Das muss schon früher, vor der Konfirmation beginnen«, erklärt er.

Die Frage des Abendmahls ab wann und für wen sei eine existenzielle Frage. »Die Diskussion muss weiterlaufen und zwar nicht nur als Gespräch über die Kinder, sondern in der Frage, was bedeutet uns das Abendmahl, als Gemeinde. Gemeinsam im Kontext muss dies besprochen und entschieden werden, eingebettet in die Abendmahls­praxis der jeweiligen Gemeinde.«

Diana Steinbauer

Strahlende Kinderaugen

21. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Gemeinden im Kirchenkreis Dessau sammelten Adventspäckchen für Kinder

Es ist irgendetwas anders in diesem Jahr. Advent ist immer noch Advent; aber der Kontext hat sich geändert. Wurden schon in der Vergangenheit in den Kirchengemeinden in der Vorweihnachtszeit Päckchen für Bedürftige gepackt, gingen diese oft raus in die Ferne, wo Armut, Flucht und Vertreibung den Alltag prägten. Alles war bei allem Mitgefühl trotzdem weit weg. In den vergangenen Monaten haben Armut, Flucht und Vertreibung ein Gesicht direkt vor der Haustür, in der Nachbarschaft bekommen. »Wir nennen sie Flüchtlinge, aber sie alle sind Menschen wie du und ich mit Hoffnungen und Ängsten«, sagt Annegret Friedrich-Berenbruch, die Dessauer Kreisoberpfarrerin. Ein freundliches Gesicht denen gegenüber zu zeigen, die hierher kommen, ist für sie schon aus dem christlichen Anspruch heraus das Mindeste. Ein Zeichen des Willkommens setzen und Signale für ein gutes Miteinander und Begegnen geben, wollen die Dessauer Gemeinden auch in dieser Vorweihnachtszeit mit der Aktion »Von Hand zu Hand im Advent«. Päckchen wurden gesammelt, die gefüllt sind mit Spielzeug, Süßigkeiten, Kleidung und Schulsachen für Flüchtlingskinder und Jugendliche bis zu 14 Jahren.

Viele Flüchtlinge kamen am 9. Dezember zum Begegnungsfest ins Georgenzentrum. Fotos: Lutz Sebastian

Viele Flüchtlinge kamen am 9. Dezember zum Begegnungsfest ins Georgenzentrum. Foto: Lutz Sebastian

»Schnell hat sich die Aktion verselbstständigt«, blickt die Kreisoberpfarrerin zufrieden zurück. Rund 800 Päckchen wurden vom 1. November bis zum Nikolaustag gepackt und in die Gemeinden gebracht. Kindergärten, Schulen, Firmen und soziale Einrichtungen in Dessau-Roßlau schlossen sich der Aktion an. Am 9. Dezember wurde ein Teil der Päckchen in einem Fest der Begegnung im Dessauer Georgenzentrum übergeben. In einem Rahmenprogramm brachten Gemeindeglieder sowie Pfarrerinnen und Pfarrer verschiedener Dessauer Gemeinden die Tradition von Advent und Weihnachten den Schutzsuchenden aus Syrien, Irak und Afghanistan näher. An reichlich gedeckten Tischen mit Weihnachtsgebäck nahmen viele Menschen Platz. Ehemalige und aktuelle Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie spielten weihnachtliche Musik; der Pfarrer der Dessauer Innenstadtgemeinden Jakobus-Paulus und St. Georg, Martin Günther, erzählte Anekdoten zu Sitten und Bräuchen in der Advents- und Weihnachtszeit auf Deutsch, die ein freiwilliger Helfer ins Arabische übersetzte.

Auch der gute Brauch des Schenkens fand darin Platz. Voller Ungeduld gab es kaum noch ein Halten, als Nikolaus und seine freiwilligen Begleiter die Türen zu dem Raum mit den Geschenken öffneten. Die Augen der Kinder und die ihrer Angehörigen leuchteten angesichts der Hülle und Fülle an weihnachtlich verpackten Spenden und ob der menschlichen Gesten, die dahinter steckten.

»Ihr seid ein großartiges Land mit wundervollen Menschen«, versuchte Malek Alshgal, 25-jähriger Wirtschaftsstudent aus Syrien auch im Namen seiner minderjährigen Cousins die Impressionen des Begegnungsfestes in Worte zu fassen. Weitere Adventspäckchen werden auch in der zentralen Dessauer Ausgabestelle für Flüchtlinge und an die städtischen Tafeln verteilt, die diese an einheimische bedürftige Kinder weitergeben.

Danny Gitter

Drei Murmeln für den Bischof

14. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Neuwahl: Die einzigen Kinderbischöfe in Mitteldeutschland

Im festlich dekorierten Raum des Pfarramts in Magdala flackert unruhig eine Kerze. Ganz offenbar wollte sie es den anwesenden Kindern, allesamt ehemalige und derzeit amtierende Kinderbischöfe, gleichtun. Altbischof Roland Hoffmann hatte sich angekündigt, in Amtstracht und mit der auffälligen goldenen Amtskette. Das Kreuz glänzte im Lichtschein. »Das ist cool, ein richtiger Bischof«, meinten die Kinder.

Der Bann war rasch gebrochen, denn in gemütlich-aufgeschlossener Runde dankte der Altbischof den Kindern, die mit dem tollen Ehrenamt und den großartigen, vorzeigbaren Ergebnissen besondere Anerkennung verdienen.

Pfarrerin Jeannette Lorenz-Büttner, die seit einem halben Jahr in Magdala aktiv ist, moderierte die Runde und konnte eine wunderbare Brücke von der Geschichte in die Gegenwart schlagen. Gut vorbereitet hatte sie den Kindern Gelegenheit gegeben, Fragen an Roland Hoffmann auf einen Zettel zu schreiben. Es war aber schon so »familiär«, dass die Fragen nur so sprudelten. Wie kam der Bischof zum Glauben und was würde er heute Gott fragen. Was hat ein Bischof zu tun und wie kann der Bischof in den Kirchgemeinden eine Gemeinschaft formen. Bevor der Altbischof zu den ehrenamtlichen Amtsbrüdern und -schwestern redete, durften die Kinder erst einmal über die eigene Arbeit sprechen.

Sechs Bischöfinnen, zwei Bischöfe und eine Pfarrerin gehörten zur ersten Konferenz der Kinderbischöfe in Magdala. Foto: Hartwig Mähler

Sechs Bischöfinnen, zwei Bischöfe und eine Pfarrerin gehörten zur ersten Konferenz der Kinderbischöfe in Magdala. Foto: Hartwig Mähler

Emma und Matthea aus Magdala waren nämlich im Jahre 2014 Kinderbischöfe und berichteten über die Spendensammlung für krebskranke Kinder, wie sie vordem Spendendosen gebastelt und den Verkauf von Popcorn organisiert haben. Lina, gerade 8 Jahre, auch aus Magdala, ist eine der drei amtierenden Kinderbischöfe und ist noch immer stolz, das Band für den neuen Kinderspielplatz der Kirchengemeinde im Pfarrgarten durchschnitten zu haben. Die jungen Würdenträger finden Gehör, werden vom Stadtrat eingeladen und einbezogen in aller Öffentlichkeit.

Die 13-jährige Lara aus Ottstedt war bereits zwei Mal im Amt und plauderte frisch über die gesammelte Spende für Afrika. Arne, schon 14, war wiederholt im »Amt«, hörte aufmerksam zu, was Clara, 8 Jahre, aus der Kinderbischofszeit 2014 zu berichten hatte. Überhaupt zeigten sie alle mit Stolz, wie sie dabei sind, auch den Martinstag gestalteten und weiter sich für die kleinen und großen Sorgen einsetzen wollen – etwa dass in Magdala an einer gefährlichen Stelle eine Begrenzung der Geschwindigkeit gut wäre.

Dann war Altbischof Hoffmann an der Reihe, über sein langes und nicht einfaches Leben zu berichten. Behinderungen beim Studium, keine NVA, als Feind eingestuft und dennoch kein Revoluzzer, wie Hoffmann bekannte. Theologiestudium, Pfarrer, Oberkirchenrat und schließlich 10 Jahre Bischof in Thüringen bis 2001. Jetzt befindet er sich im Unruhezustand, predigt da und dort, hilft, ist bei Kirchenweihen unterwegs und kommt, wenn gewünscht, auch nach Magdala. Er musste auch über seinen Herzinfarkt sprechen und wollte damit sagen, dass im fortwährenden Dienst am Menschen auch an die eigene Gesundheit gedacht werden muss.

Die kurzweilige Lebensdarstellung beeindruckte die Kinder, die schon wieder Fragen hatten – nach der Amtskleidung, dem Hirtenstab, der Lutherweste und eben dem beeindruckenden goldenen Kreuz.

Noch immer flackerte die Kerze auf dem Adventskranz und es wurde Zeit, die Kinderschar mit dem Ehrengast ins rechte Bild zurücken. Die amtierenden Kinderbischöfe kleiden sich rasch an. Umhang und Mitra machen aus den Mädchen kleine Bischöfinnen. Für Lina wird es wohl nicht das letzte Mal sein, denn sie stellt sich wieder der Wahl – eine kleine Lektion in Demokratie.

Getreu der Jahreslosung »Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob« wünschte Roland Hoffmann ein gutes Miteinander und empfahl, einen Baum nach der Wahl zu pflanzen. Die fand dann passend am Nikolaustag in der Ottstedter St. Nikolauskirche statt. Vor jedem Kandidaten stand ein Glas; mittels drei Murmeln konnten die Stimmen verteilt werden. Für ein Jahr haben nun Anna-Paulina Zorn, Clara Boroniec und Lena Zahl den Bischofshut auf. Am 10. Januar werden die neuen Kinderbischöfe im Gottesdienst eingesegnet.

Nicht nur die erste Kinderbischofskonferenz in Magdala ist einmalig, in Deutschland gibt es insgesamt nur drei Kirchengemeinden, die überhaupt Kinderbischöfe wählen. Die Wahl des Kinderbischofs geht auf eine alte Tradition in den mittelalterlichen Dom-, Stifts- und Klosterschulen sowie Kirchen mit dem Patrozinium des Heiligen Nikolaus zurück. Im 16. Jahrhundert geriet die Tradition mit der Reformation in Vergessenheit, da die Heiligenverehrung in den Hintergrund trat. Die letzten Spuren finden sich 1634 in Jena.

Hartwig Mähler

Neuanfang begleiten

24. August 2015 von redaktionguh  
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Jetzt geht es wieder los: Die Züge werden voller, die Autobahnen auch. Denn mit dem Ende der Sommerferien ist für viele Berufstätige und vor allem Familien die Haupturlaubszeit ebenfalls vorbei.

Dann werden auch wieder Helfer mit Warnwesten an den Straßen stehen, um Erstklässler sicher durch den Verkehr zu leiten. Denn wenn am Montag in Sachsen, in der kommenden Woche in Thüringen und Sachsen-Anhalt und am 31. August in Brandenburg Schulanfang ist, beginnt für die Sechs- und Siebenjährigen zugleich der Ernst des Lebens. Manches Kind kann den großen Tag sicher kaum erwarten, damit es endlich lesen, schreiben und rechnen lernen kann. Nur die Eltern werden ahnen, dass da auf den kleinen Schüler oder die Schülerin vielleicht auch Tränen warten: wenn die Anforderungen zu hoch erscheinen, wenn das Geforderte nicht so leicht von der Hand ins Heft geht, wenn die Klassenkameraden vielleicht sogar mit Spott oder Häme nicht hinterm Berg halten deswegen oder weil Ranzen, Federmappe und Stifte nicht die teuren Marken sind.

Vielleicht fallen darum – quasi als Trost vorweg – manche Schuleinführungsfeiern so umfangreich aus, fast wie Hochzeiten. Und die Zuckertüte kann nicht groß genug sein, um dem Neuling den Anfang zu versüßen.

Das ist zwar alles schön und gut. Was die Kinder aber viel mehr brauchen, ist Rückhalt in der Familie, Ermutigung an jedem Tag, an dem vielleicht das frühe Aufstehen schwerfällt, weil eine Leistungskontrolle ansteht.

Kirchengemeinden versuchen, mit Schulanfänger-Gottesdiensten zumindest ein Stück weit zu vermitteln: Du bist nicht allein, hier sind Menschen, die für dich da sind, hier kannst du herkommen, wenn dich etwas bedrückt.

Im Gottesdienst zum Schulanfang erhalten die Kinder für ihren neuen Lebensabschnitt Segen und Zuspruch durch die Gemeinde. Und das ist gut so.

Christine Reuther

Kirche zwischen Andacht und Abenteuer

4. August 2015 von redaktionguh  
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TeenTime holt in Magdeburg Kinder und Jugendliche in die Gemeinde

Getuschel und Gekicher füllen den dunklen Gemeindesaal. Die Schlafsäcke rascheln, endlich aber ist Ruhe. Die Kinder sind doch noch eingeschlafen. Das Übernachten in der Gemeinde gehört zu den meisten Treffs von TeenTime und macht einen großen Teil des Reizes aus. Vorher haben die etwa elf- bis 15-jährigen Mädchen und Jungen gemeinsam ihr Abendbrot zubereitet und gegessen, sind durch den Stadtteil gestromert und haben Aufgaben gelöst, haben gespielt und gesungen, eine Andacht gehalten und zusammen mit Gemeindepädagoge Björn Friebel zum Abschluss Revue passieren lassen, was sie seit dem Nachmittag erlebten.

Als verlässliche Gemeinschaft mussten  sich die Teilnehmer des letzten TeenTime-Treffs vor den Sommerferien erweisen. Ehe sie im Zentrum für soziales Lernen im Seilgarten klettern durften, testeten sie mit Spielen, wie sie sich aufeinander verlassen können. Der Tag war ein TeenTime-Höhepunkt. Foto: Björn Friebel

Als verlässliche Gemeinschaft mussten sich die Teilnehmer des letzten TeenTime-Treffs vor den Sommerferien erweisen. Ehe sie im Zentrum für soziales Lernen im Seilgarten klettern durften, testeten sie mit Spielen, wie sie sich aufeinander verlassen können. Der Tag war ein TeenTime-Höhepunkt. Foto: Björn Friebel

Dieses etwa sechswöchige Angebot zwischen Gottesdienst und Abenteuer, zwischen Kontinuität und Projektarbeit kommt bei den Kindern an. Die Teilnehmer wechseln. Es bringt immer mal jemand Freunde mit, die bleiben oder auch nicht. Die gemeinsamen Erlebnisse führen die Kinder zusammen. »Es ist schön zu erleben, wie da Kontakte entstehen, die auch über die Gemeinde hinaus halten, wie Gemeinschaft wächst«, sagt Björn Friebel. Angefangen hat er mit TeenTime, weil er eine Lücke erkannte, fast schon ein Loch, in das die jungen Jugendlichen zu fallen drohten.

Offen für neue Entwicklungen

Als der Gemeindepädagoge vor fast vier Jahren in das Kirchspiel Magdeburg-West kam, fand er zwar eine lebendige Gemeinde vor, aber für die etwa 13-Jährigen fehlte ein Angebot, das sie an die Gemeinde bindet. Er griff seine Idee auf, die er bereits im Henneberger Land zu verwirklichen angefangen hatte und startete den Versuch mit TeenTime. Inzwischen sind die Teilnehmer etwas jünger geworden als anfangs, dafür hat sich parallel YouthTime etabliert. Die Junge Gemeinde gibt es natürlich auch. Die Paulusgemeinde beteiligt sich am Konfi-Treff, in dem Kinder aus fast allen Gemeinden des Kirchenkreises zusammenkommen, sodass diese Altersgruppe im Kirchspiel keinen eigenen Kreis hat.

Womöglich ist das aber durchaus vorteilhaft. Denn die verschiedenen Angebote für die Kinder und Jugendlichen jeden Alters, die sich parallel in mehreren Kreisen zu Hause fühlen, ermöglicht offenbar Kontinuität. Jedenfalls hat Björn Friebel erfreut festgestellt, dass sich die Konfirmanden in diesem Jahr in großer Zahl der Jungen Gemeinde zuwandten. »Sie kennen sich untereinander aus den Kreisen und sind als ›Neue‹ in der Jungen Gemeinde dann nicht allein, müssen keine etablierte Gruppe aufbrechen«, versucht Björn Friebel eine Erklärung.

Ob das so bleibt, weiß er nicht. TeenTime ist jetzt ein gutes Angebot, mit dem das Kirchspiel den wechselnden Bedürfnissen der Jugendlichen entsprechen kann. Björn Friebel ist offen für neue Entwicklungen – und neugierig darauf.

Renate Wähnelt

www.pauluskirche-magdeburg.de

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