Was geht, was geht nicht?

10. April 2016 von redaktionguh  
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Kirchbauvereine: Bei der Sanierung von Kirchen sind sie willkommen – bei der Nutzung gibt es mitunter Ärger

Vielen Menschen ist der Erhalt der Kirche im Dorf wichtig. Ausdruck dafür sind die Kirchbauvereine, in denen sich bei weitem nicht nur Christen engagieren.

Wie viele es auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wirklich gibt, weiß auch der dafür Beauftragte nicht zu sagen. In seiner Kartei hat Propst i.R. Reinhard Werneburg rund 450 Adressen von Kirchbauvereinen. Darunter sicher auch manche, die inzwischen eingeschlafen sind. Und andere kenne er gar nicht. Denn für Kirchbauvereine gibt es keine Meldepflicht bei der Landeskirche. Was Werneburg allerdings weiß: Noch 1989 galten von den mehr als 4 000 Kirchen und Kapellen auf dem Gebiet der EKM über 25 Prozent als baulich ruinös. Heute trifft dies im Bereich der früheren Thüringer Kirche noch auf rund 1,5 Prozent, im Bereich der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen mit ihrem ungleich höheren Gebäudebestand auf rund 2,5 Prozent zu. Diese Bilanz ist nicht zuletzt dem Einsatz jener Vereine zu danken, die unermüdlich Spender mobilisieren, Sponsoren suchen, Fördermittel beantragen und als »Heimwerker im Gotteshaus«, wie das »Zeit-Magazin« sie einmal nannte, ungezählte Arbeitsstunden ableisten. Dabei wirken in den Vereinen oftmals viele kirchenfremde Menschen mit. Ihre Motivation: Unsere Kirche soll im Dorf bleiben.

Kirchbauvereine leisten vielerorts Großes. Heute sind nur noch 2 Prozent der Kirchen in Mitteldeutschland ruinös. Fotos: Burkhard Dube/Jürgen Scheere/G+H-Archiv

Kirchbauvereine leisten vielerorts Großes. Heute sind nur noch 2 Prozent der Kirchen in Mitteldeutschland ruinös. Fotos: Burkhard Dube/Jürgen Scheere/G+H-Archiv

Genau bei dem »unsere« entstehen aber gelegentlich auch Reibungsflächen, wie Architekt Ulrich S. (Name geändert) berichtet. Seit Jahrzehnten betreut er immer wieder kirchliche Sanierungsprojekte und weiß: Mit einem Kirchbauverein gibt es neben dem Gemeindekirchenrat, dem zuständigen Pfarrer und der zumeist involvierten Denkmalpflege einen vierten Partner. Und der darf nicht nur als wohlfeiler Geldbeschaffer gesehen werden, sondern muss mit seinen Wünschen und Erwartungen ernst genommen werden. Zum Beispiel, wenn es um die künftige Nutzung der Kirche geht.

Lebhaft erinnert sich S. an die Situation, als das Familienmitglied eines höchst aktiven Kirchbauers kurz nach der Fertigstellung des prächtigen Dorfkirchleins verstarb. Die Trauerfeier sollte natürlich in der Kirche stattfinden. Doch die Familie war kein Kirchenmitglied, die Trauerfeier sollte deshalb eine »weltliche« werden. »Nein«, sagte ein kirchlicher Vorgesetzter, er wolle keinen Präzedenzfall schaffen. Die Wogen gingen
hoch.

»Verständlich«, findet Reinhard Werneburg und verweist auf die durchaus mögliche multifunktionale Nutzung der Kirche, etwa auch für weltliche Trauerfeiern. Im Norden der EKM sei dies weithin üblich. Aber, so Werneburg: »Egal wer und mit wie viel Geld und Engagement einer die Kirche wieder aufgebaut hat, das Eigentum und das Hausrecht verbleiben bei der Kirchengemeinde, vertreten durch den Pfarrer und den Gemeindekirchenrat.« Zugleich verrät er, dass auch er gelegentlich einen »übergriffigen« Kirchbauverein »zurechtstutzen« müsse. Besonders wenn ein starker Verein und ein schwacher Gemeindekirchenrat aufeinanderträfen, seien Spannungen vorprogrammiert. Und es gebe Nutzungsvorstellungen, die mit den kirchlichen Regeln nicht vereinbar wären. Diese Regeln seien für die Menschen vor Ort oft schwer zu verstehen, sagt Architekt Ulrich S.

»Was spricht denn, wenn räumlich möglich, gegen eine Tanzveranstaltung in der Kirche?« Es werde doch immer wieder betont, dass es für Protestanten keine »heiligen« Räume gebe und die Kirche nur Menschen und keine Gebäude segne. »Ich kann doch nicht plötzlich anfangen, vom heiligen Kirchenraum und dem geweihten Altar zu reden, habe mich aber vorher zehn Jahre lang nicht daran gestört, dass die Tauben auf eben diesen Altar geschissen haben«, bringt er es drastisch auf den Punkt.

Für Gespräche und klare Nutzungsvereinbarungen plädiert deshalb Werneburg. Denn auch er sieht die Kirchbauvereine als langfristige Partner über die reine Sanierung hinaus beim Erhalt der Kirchen. Dem gemeinsamen Nachdenken und Gespräch sowie der fachlichen Weiterbildung dient deshalb auch das jährliche Treffen der Kirchbauvereine. Sie kommen an diesem Sonnabend, 9. April, in das Erfurter Augustinerkloster zusammen.

Harald Krille

In die Kirche gehört Leben

23. Juni 2015 von redaktionguh  
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Ehrenamtspreis für eine Initiative aus Großörner

Alle Jahre wird beim Jahrestreffen der Kirchbauvereine der Ehrenamtspreis »Goldener Kirchturm« vergeben. Am 13. Juni war das in Magdeburg für Sachsen-Anhalt der Fall. Der Preis für Thüringen wird am 20. Juni beim Treffen in Neudietendorf überreicht. Zu den Tagungen werden ein Fachvortrag und Workshops angeboten – in diesem Jahr zu Fragen des Kirchenunterhalts. Allein in Sachsen-Anhalt gibt es über 260 Fördervereine und Einzelinitiativen mit über 8 000 Ehrenamtlichen. Auf dem Gebiet der EKM stehen rund 3 700 Kirchen und Kapellen – etwa 1 900 in Thüringen, 1 500 in Sachsen-Anhalt, 150 in Sachsen und 140 in Brandenburg.

Klaus Reger (li.), Vorsitzender des Arbeitskreises »Die Kirche muss im Dorf bleiben«, nahm für Großörner bei Mansfeld die Auszeichnung entgegen. Propst Reinhard Werneburg, Beauftragter der EKM für die Kirchbauvereine, überreichte den symbolischen Scheck. Foto: Karsten Wiedener

Klaus Reger (li.), Vorsitzender des Arbeitskreises »Die Kirche muss im Dorf bleiben«, nahm für Großörner bei Mansfeld die Auszeichnung entgegen. Propst Reinhard Werneburg, Beauftragter der EKM für die Kirchbauvereine, überreichte den symbolischen Scheck. Foto: Karsten Wiedener

Propst Reinhard Werneburg, der in diesem Monat in den Ruhestand geht, die Arbeit mit den Kirchbauvereinen jedoch ehrenamtlich fortführt, ging in seiner Andacht der Frage nach, was für ein Haus denn für Gott zu bauen sei. »Wenn wir Kirchengebäude als reli­giöse Verpflichtung sehen«, so der Propst, »sollen sie ein Ort der Gemeinde sein; kein museales Behältnis, sondern mit Leben erfüllt werden.«

Aus dem Norden der EKM waren neun Bewerbungen um den »Goldenen Kirchturm« eingegangen. Mit einem Anerkennungspreis von je 1 000 Euro wurden der Kirchbauverein Halle-Wörmlitz geehrt, der die 1967 abgebrannte Petruskirche wieder nutzbar machte, sowie der Kirchbauverein Deutleben nördlich von Halle. Er sanierte eine Kirchenruine, die heute auch als Kulturstätte genutzt wird.

Den ersten Preis und 3 000 Euro erhielt die Initiative »Die Kirche muss im Dorf bleiben« in Großörner bei Mansfeld. Sie besteht aus evangelischen und katholischen Christen sowie Menschen, die keiner Kirche angehören. Das Gebäude aus dem 13. Jahrhundert konnte in den vergangenen Jahren saniert werden. Zudem erfuhr das Gemeindeleben im Ort einen Aufschwung: bei der Frauenhilfe, durch mehr Besucher im Gottesdienst und Zusammenarbeit mit Schulen. Der für den Ort zuständige Pfarrer Matthias Paul aus Mansfeld würdigte die zehnjährige Arbeit der Initiative, die auch mit Rückschlägen verbunden gewesen sei. In der Öffentlichkeit, beschrieb er die Stimmung, komme das Mansfelder Land oft schlecht weg. Ausgerechnet in dem Land, in dem Luther lebte, gebe es die größte Kirchenferne. Dennoch wurden in den vergangenen 25 Jahren die Kirchengebäude weitgehend gesichert. »Die Mehrheit hält zwar Abstand«, so Paul, »aber es wirft auch keiner mehr Steine auf die Kirche.«

Angela Stoye

Die Kirche als Seele des Dorfes

21. Mai 2012 von redaktionguh  
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Vertreter der Kirchbauvereine aus dem Norden der EKM trafen sich in Magdeburg

Im Grunde«, sagt Egbert Rockstroh, »ist die ganze Dorfgemeinschaft ausgezeichnet worden.« Der Kirchenälteste aus Dorndorf (Kirchenkreis Naumburg-Zeitz) hat gerade den Spendenscheck in Höhe von 3000 Eu­ro entgegengenommen, der mit dem Gewinn des »Goldenen Kirchturmes« verbunden ist. Seit 1995 haben Kirchengemeinde und Einwohner des 290-Seelen-Dorfes das Gotteshaus wieder aufgebaut. Doch sein Dank und die Anerkennung gelten nicht allein der eigenen Gemeinde, sondern auch den anderen Kirchbauvereinen. »Jeder hätte den Preis verdient«, sagt er im Blick auf die 14 Projekte, die im Domremter vorgestellt sind.

Die Verleihung des Preises ist aber nur ein Teil des traditionellen Treffens der Kirchbauvereine aus dem Norden der mitteldeutschen Kirche (EKM), die dazu am 12. Mai nach Magdeburg gekommen sind. Im Mittelpunkt stehen einmal mehr Vorträge, der Erfahrungsaustausch und zwei Workshops zur Restaurierung von Buntglasfenstern sowie zum Einsatz alternativer Energiequellen in Kirchen. Allein in Sachsen-Anhalt gibt es 260 Vereine, die sich um den Erhalt der Kirchen bemühen und in denen sich mehr als 80000 Ehrenamtliche engagieren.

Propst Reinhard Werneburg (re.), der als Regionalbischof für die Kirchbauvereine zuständig ist, überreichte den Scheck über 3000 Euro an Egbert Rockstroh von der ­Kirchengemeinde Dorndorf bei Laucha. Foto: Viktoria Kühne

Propst Reinhard Werneburg (re.), der als Regionalbischof für die Kirchbauvereine zuständig ist, überreichte den Scheck über 3000 Euro an Egbert Rockstroh von der ­Kirchengemeinde Dorndorf bei Laucha. Foto: Viktoria Kühne

»Ohne die aktive Unterstützung der Kirchbauvereine wären wir überfordert«, sagt Propst Reinhard Werneburg bereits zum Auftakt. Mit 4031 Kirchen verfüge die EKM über 20 Prozent aller Kirchen in Deutschland, aber nur über vier Prozent der Kirchenmitglieder. Angesichts dieses Erbes stünde die Kirche hier vor einer »großen Herausforderung«. Den Dank der EKM für das »außerordentliche Engagement« verstärkt auch Landesbischöfin Ilse Junkermann, die den Vereinsvertretern einen langen Atem bei ihren Vorhaben wünscht. Es sei nicht auszudenken, wenn die Kirche in einem Dorf oder einem Stadtteil fehlen würde. Dann ginge die Seele des Ortes verloren.

Was passieren muss, damit die ­Kirche im Dorf bleibt, verdeutlicht Martin Ammon von der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (KiBa). Das sei letztlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, betont der Leiter des KiBa-Büros in Hannover. Dazu will auch die 1997 gegründete Stiftung ihren Beitrag leisten, die allein in der EKM bislang 343 Projekte mit über 4,8 Millionen Euro gefördert hat. Vor allem die Kriterien und das Verhältnis zur Deutschen Stiftung Denkmalschutz stoßen auf interessierte Nachfragen.

»Es gibt viele Fördermöglichkeiten, deshalb ist der Austausch auch so ­notwendig«, findet Wilhelm Schrader vom Förderverein Nicolaikirche Oebisfelde (Kirchenkreis Salzwedel). Für ihn ist das Treffen jedenfalls eine wichtige Kontaktbörse. Er verspricht sich davon weitere Anregungen. Auf die Bedeutung der Kirchbauvereine auch für das jeweilige Dorf macht schließlich Editha von Engelbrechten-Ilow aus Vollenschier bei Stendal aufmerksam. In ihrem Verein gehörten zwei Drittel der Mitglieder nicht der Kirche an. »Damit«, ist sie überzeugt, »leisten wir nicht nur einen Beitrag zum Erhalt der Kirche, sondern auch für die Dorfgemeinschaft.«
Martin Hanusch

Der »Goldene Kirchturm« für Thüringen wird beim Treffen der Thüringer Kirchbauvereine am 8. Juni in Erfurt verliehen.

Wer baut, ist nie fertig

10. September 2010 von redaktionguh  
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Seit 1990 legten viele Kirchen im mitteldeutschen Raum ihr graues Kleid ab. Anlässlich des Denkmaltages bat »Glaube+Heimat« Kirchenoberbaurat Bernd Rüttinger, Leiter der Bauabteilung im Landeskirchenamt, um eine Bilanz.

Bernd Rüttinger, Leiter der Bauabteilung im Landeskirchenamt

Bernd Rüttinger, Leiter der Bauabteilung im Landeskirchenamt

Herr Rüttinger, in den letzten 20  Jahren ist in Mitteldeutschland so viel an Kirchen gebaut worden wie wohl nie zuvor. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Rüttinger: Es ist tatsächlich enorm viel gebaut worden in den vergangenen Jahren. Wir hatten einen riesigen Sanierungsstau, der selbst in 20 Jahren nicht aufgearbeitet werden konnte. Mit 3980 Kirchen ist die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zudem eine der kirchenreichsten Landeskirchen.

Darüber hinaus existiert ein Nord-Süd-Gefälle. In Thüringen fällt die Sanierungsbilanz besser aus als etwa in Sachsen-Anhalt.

Aber vom Verfall bedrohte Kirchen gibt es doch kaum noch. Ist in der EKM also baulich alles in Ordnung?
Rüttinger: Nein, in Ordnung ist es natürlich nicht. Wir haben noch 2,5 Prozent Kirchen, die nicht genutzt werden. Aber auch an anderer Stelle ist der Sanierungsbedarf weiterhin hoch. Wir rechnen insgesamt mit zwei Dritteln unserer Kirchen, an denen weiter gearbeitet werden müsste.

Erscheint es Ihnen vorstellbar, eine Kirche aufzugeben, wenn sie nicht mehr gebraucht wird?
Rüttinger: Es wird Kirchen geben, die nicht saniert werden, weil es keinen Sinn mehr macht. Ich schät­ze, dass dies derzeit etwa die Hälfte der nicht genutzten ­Kirchen betrifft. Wir werden den Gemeinden zwar empfehlen, die Gebäude zu verkaufen, doch in der Regel gibt es dafür keine Interessenten. Da stellt sich mancherorts zum Abriss keine Alternative. Das hat es übrigens immer in der Geschichte gegeben.

Heute kümmern sich verstärkt auch Kirchbauvereine um den Erhalt der Gebäude. Danach steht vielfach die Frage: Was soll mit den sanierten Kirchen passieren?
Rüttinger: Es ist tatsächlich erstaunlich, wie viele Vereine sich hier engagieren. Als wir zum Treffen der Kirchbauvereine eingeladen hatten, waren es 170 Vereine in Thüringen und 360 im nördlichen Bereich der EKM, die uns bekannt waren. Die Kirchbauvereine spielen auch bei der Frage der Nutzung eine große Rolle. Natürlich sind wir für eine Mehrfachnutzung und es gibt einige Beispiele, wo das bereits gut funktioniert. Aber hier liegt natürlich auch ein Konfliktpotential.

Experten empfehlen, Kirchengebäude nicht nur als religiöse, sondern auch als öffentliche Räume aufzufassen. Ist die Nutzung mit der Kommune ein Ausweg?
Rüttinger: In den kleinen Dörfern verfügen die politischen Gemeinden oft über keine eigenen Räume  und sind froh, die Kirche mit nutzen zu können. Ich denke beispielsweise an Rödigen bei Jena. In der kleinen Dorfkirche halten es Kirchengemeinde, Sportverein, Bürgerversammlung oder Familienfeiern seit 15 Jahren sehr gut miteinander aus. Oder Stedten bei Weimar, Rannstedt bei Apolda und die Neumarktkirche in Merseburg, wo neben der Gemeinde auch Pilger eine einfache Herberge finden.