Sieben und zwei macht eins

3. Juli 2017 von redaktionguh  
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Kirche in der Region: Nördlich von Zeitz wachsen zwei Gemeinden und sieben Kirchspiele zusammen zum nördlichen Zeitz, kurz »Nözz«. Ein Erfahrungsbericht.

Die Türme der 36 Kirchen sind nicht zu übersehen, seit Jahrhunderten prägen sie die Dörfer rund um Zeitz, und dennoch wuchs nach der Jahrtausendwende die Angst, ob die Kirche im Dorf bleibt oder unsichtbar wird. Weniger Mitglieder, weniger Pfarrstellen und doch so viel Arbeit, dass sie keine Gemeinde allein bewältigt, eigentlich nicht einmal ein Pfarrbereich.

Verlust und Angst standen am Anfang, doch daraus ist im Süden von Sachsen-Anhalt Neues und Mutmachendes entstanden. Vor zehn Jahren machten sich die Gemeinden auf den Weg, zu einer Region zusammenzuwachsen, zum »Nözz« – der Region nördliches Zeitz.

Formal-juristisch besteht die Struktur mit Pfarrer und Ortsgemeinde fort, es existieren weiterhin zwei eigenständige Gemeinden und sieben Kirchspiele und Kirchengemeindeverbände. Aber das Selbstverständnis hat sich gewandelt. Die zwei Pfarrstellen und die anderthalb Stellen für Gemeindepädagogen verteilen sich auf insgesamt fünf Hauptamtliche, hinzu kommt eine Vikarin. »Ich bin nicht der Pfarrer für Profen. Wir alle sind Mitarbeiter für die Region«, sagt Matthias Keilholz.

Gemeinsam reden, planen und essen: Zwei Mal im Jahr treffen sich Kirchenälteste und Hauptamtliche zum Regionalbeirat im »Nözz« – der kirchlichen Region nördliches Zeitz (Kirchenkreis Naumburg-Zeitz). – Foto: privat

Gemeinsam reden, planen und essen: Zwei Mal im Jahr treffen sich Kirchenälteste und Hauptamtliche zum Regionalbeirat im »Nözz« – der kirchlichen Region nördliches Zeitz (Kirchenkreis Naumburg-Zeitz). – Foto: privat

Wo die Zusammenarbeit früher auf Zuruf geschah, wird nun strukturiert die Arbeit geteilt. Pfarrer Keilholz, die ordinierten Gemeindepädagogen Friederike und Johannes Rohr sowie die Gemeindepädagogen Georg Frick und Katrin Lange sind in allen Orten und Gruppen unterwegs, sie sind in der Region präsent, kennen sich aus, können sich so im Fall von Urlaub und Krankheit besser vertreten.

Das »Nözz« ist in fünf Gemeinschaften unterteilt, in denen jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert wird – die Orte und Prediger wechseln sich ab. Keiner der insgesamt 2 500 Christen der Region soll mehr als zehn Kilometer zum nächsten Gottesdienst fahren müssen. »Manche fahren in den Nachbarort, andere nicht«, sagt Pfarrer Keilholz. Es gelingt nicht immer, das Kirchturmdenken zu durchbrechen. Das ist Arbeit für eine Generation.

Der Basis ist nichts übergestülpt worden: Im Gegenteil. »Die Gemeinden haben damals das Problem erkannt und wussten, dass sie handeln müssen«, sagt Daniel Thieme, Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz. Als das Vorhaben »Nözz« als Modellprojekt der Landeskirche startete, stimmten die Gemeindekirchenräte zu. In einem Beschluss legten sie fest, nach innen und außen als eine Region aufzutreten. Zwei Mal jährlich treffen sich die Kirchenältesten und Hauptamtlichen zum Regionalbeirat. Hier planen sie das Jahr und tauschen sich aus, etwa über ihre Haltung zum Abendmahl mit Kindern oder ob die Kirchen auch für weltliche Trauerfeiern offen sein sollten. Auch der Regionalkonvent mit den Christen aus Zeitz ist seit Jahren eine feste Größe. Das »Nözz« gibt einen gemeinsamen Gemeindebrief heraus, betreibt eine Homepage, organisiert Kirchentage oder besondere Gottesdienste. Nach zehn Jahren, bilanziert Pfarrer Keilholz, verstehe sich die Region tatsächlich als Region. Die Christen zwischen Rathewitz und Langendorf, Muschwitz und Gleina erleben, dass kirchliches Leben im Dorf angeboten wird: Gottesdienste und Musik, Konfi-Arbeit, Angebote für Kinder und Jugendliche, Seniorentreff und Bibelgespräch. »Eigentlich sind wir nun sogar mehr Hauptamtliche als in der klassischen parochialen Struktur«, sagt Pfarrer Keilholz.

Die Region hat aber ihre Tücken: Nach wie vor wohnt der Pfarrer, wohnt die Gemeindepädagogin an einem Ort, bekommt nur dort den Alltag mit. Die Wege sind lang, der Kontakt zu den Mitarbeitern weniger direkt und auch rechtlich ist das »Nözz« nicht eins. Als das Ehepaar Rohr in Hohenmölsen eingestellt wurde, war im Auswahl- und Bewerbungsprozess nur das dortige Kirchspiel beteiligt. Nicht alles ist zu Ende gedacht, an manchem gibt es Kritik und vieles muss sich noch entwickeln. Trotzdem sagt Pfarrer Keilholz: »Es gibt keine Form, wie es anders laufen könnte.«

Katja Schmidtke

Glaube ohne Heimat

30. Juni 2017 von redaktionguh  
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Kirche in der Region – ihre Situation ist unterschiedlich, je nachdem, ob die Kirche auf dem Land oder in der Stadt ihre Heimat hat. Zwei Beispiele aus der mitteldeutschen Landeskirche.

Wenn Michael Kleemann, Superintendent im Kirchenkreis Stendal, einer ländlichen Region, die Lage beschreibt, klingt das dramatisch. »In den vergangenen zehn Jahren haben wir im Landkreis Stendal etwa ein Fünftel der Einwohner verloren.« Die Landflucht und der demografische Wandel machen der Region und der Kirche zu schaffen. Was bindet Menschen an einen Ort und was veranlasst sie, wegzugehen?

Mit dieser Frage habe sich auch der Kirchentag auf dem Weg in Weimar und Jena beschäftigt, erzählt Kleemann. »Für Beheimatung ist wichtig, ob es eine lebendige Gemeinschaft gibt.« Das heißt, ob junge Familien an einem Ort auf ebensolche treffen. Wenn es in den Dörfern keine Arbeit gibt, Kindertagesstätten fehlen und Schulen schließen, zieht es die Menschen in die Stadt. »In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren werden hier weniger Menschen leben, und es fehlt ein probates Mittel, um diesen Wandel aufzuhalten«, so die Prognose des Theologen.

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Von dieser schmerzhaften Entwicklung ist in einer Stadt wie Magdeburg nicht so viel zu spüren. Während die Mitgliederzahlen auf dem Land sinken, halten sie sich im Kirchenkreis Magdeburg konstant. »Wir profitieren von dem rückläufigen Trend in ländlichen Regionen«, sagt Pfarrer Ronny Hillebrand, stellvertretender Superintendent im Kirchenkreis Magdeburg.

Denn die Menschen, die aus den Dörfern fliehen, zieht es in die Stadt. Für die stabilen Zahlen in den Kirchengemeinden sorgen zum einen junge Leute, die zum Studium nach Magdeburg kommen. Zum anderen seien es die alten Menschen in den Alten- und Pflegeheimen, die ursprünglich in ländlichen Regionen lebten.

Wenn die Kirchenzugehörigkeit abnimmt, hat das Einfluss auf die Stellenpläne. In der Region zwischen Havelberg und Genthin habe es bis Ende der 1960er-Jahre noch 22 Pfarrstellen gegeben, erklärt Kleemann. Heute seien es nur noch drei. Und deren Bestand sei stark gefährdet.

Das sei für die Kirche eine große Herausforderung. 2019 rechne man mit deutlich weniger Geld. Also sieht der Stellenplan einen weiteren Abbau von Pfarrstellen vor. Kleemann fragt: Was aber heißt das für die Gemeinden? Für die Kirchenmusik? Für die missionarische Ausstrahlung? Für die Kinder- und Jugendarbeit? Wie er sagt, bereiten ihm diese Fragen nachhaltig Sorgen. »Das macht einen atemlos«, so sein Kommentar. Kleemann ist seit 1995 Super­intendent im Kirchenkreis Stendal, der Dienstälteste, wie er sagt. Seit er das Amt innehat, habe ihn vorrangig die Arbeit an Strukturen beschäftigt. Mehr als 20 Jahre struktureller Um- und Rückbau! Ermüdung mache sich bemerkbar.

»Die im Stellenplan 2019 vorgesehene Reduzierung betrifft uns nicht«, sagt hingegen Ronny Hillebrand. Dank der stabilen Zahlen im Kirchenkreis und einer vorausschauenden Planung. Die meisten Pfarrer arbeiten Teilzeit. Vollzeitstellen gäbe es nur wenige. Der Stellenplan schreibe 23 Pfarrstellen vor, von den derzeit etwa 25 besetzten Stellen müssten also zwei gestrichen werden. Doch mit der Teilzeitregelung seien die bereits jetzt schon eingespart, erklärt der Pfarrer.

Auf dem Land sind freilich auch positive Signale zu erkennen: Engagierte Menschen und viele Ideen, berichtet Kleemann. Eine Idee heißt: Baufasten im Kirchenkreis. »In den vergangenen 25 Jahren sind Millionen und Abermillionen ins Bauen investiert worden«, erläutert der Superintendent. »Wir sind flächenmäßig gut bestellt. Wir haben gute Einnahmen aus den Ländereien.«

Allerdings ist er unzufrieden, weil diese Einnahmen in den Baulastfonds fließen. Stattdessen wünscht sich Kleemann, dass die Kirche mit den finanziellen Mitteln kreativ umgeht und nach anderen Regelungen sucht. Dass etwa die Einnahmen aus den Ländereien nicht nur in den Baulastfonds fließen, sondern auch für Personalkosten verwendet werden können. Einen entsprechenden Antrag werde der Kirchenkreis an die Landessynode richten.

Sabine Kuschel