Von dieser Welt: Mit der Frisörin über den Glauben reden

7. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

1. Johannes 5, Vers 4

Nach dem Gottesdienst kommt der pensionierte Superintendent auf mich zu. Heute sieht es nicht so aus, als ob er sich mit mir zum nächsten Spiel der Nationalelf vor seinem Fernseher verabreden möchte. Ich überlege kurz, was ihn gestört haben könnte: Ein Sündenbekenntnis war nicht dabei; das Lied vor der Predigt ohne trinitarischen Schluss; der Predigttext aus der Bibel in gerechter Sprache: »Dies ist schon der Sieg über die Welt: unser Vertrauen.«

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

Doch er spricht etwas anderes an: »Lieber Bruder, Sie predigen ja, als ob die Kirche nicht von dieser Welt sei. Das passt doch gar nicht zu Ihnen.« Mit theologischen Worten versuche ich mich zu rechtfertigen: »Geht hinaus! Sagt der Welt! – das sind biblische Worte. Unterscheiden wir nicht zudem gut lutherisch zwei Bereiche – Glaubenshoffnung und Weltverantwortung?« Er setzt fort: »Als Glaubende leben wir mit dieser Welt und nicht besser als andere. Werten wir die Welt nicht ab, nur weil sie endlich ist und somit nicht perfekt. – Ach, übrigens, die Einladung zum nächsten Spiel steht.«

Seitdem achte ich darauf. Denn wo sich Welt und Glauben scheiden, da werden wir als Kirche wohl auch nicht mehr gehört. Weltliche Leute haben dann keine geistlichen Fragen mehr. Unser Glaube sei, wenn schon ein Sieg, dann ohne Niederlage anderer. Besser aber noch ein Gewinn für die Welt – ohne von ihr abhängig zu sein. Wir gewinnen ein Miteinander, wo wir uns nicht über andere erheben. Wie schwer das auch immer sein mag, wenn man sich über 13 Prozent ärgert. Wir gewinnen Erkennbarkeit, auch ohne Collarhemd, im alltäglichen Gespräch. Als Christ mit der Welt zu leben, ist eine Aufgabe, die gelernt sein will. Meine Frisörin bedauerte beim letzten Haarschnitt, dass sie in ihrer Familie nicht zum Glauben geführt wurde. Der 1. Johannesbrief ermutigt uns: Jesus Christus begleitet den Weg, anderen Liebe und Vertrauen in Gott zu schenken.

Gern denke ich an den Superintendenten zurück – inzwischen hat er die Welt überwunden zum ewigen Leben. Darauf vertraue ich.

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Meine Kirche, deine Kirche?

11. Juni 2017 von redaktionguh  
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Unsere Landeskirche ist reich an Kirchgebäuden und an Menschen, die sich dafür einsetzen. Viele helfen mit, auch Kirchenferne, wenn »ihre« Kirche ein neues Dach braucht oder das Mauerwerk trockengelegt werden muss. »Jene, die fern sind, werden kommen und am Tempel des Herrn bauen« (Sacharja 6,15). Wie schön. Und wie anstrengend.

Zu erleben gerade in Kemberg bei Wittenberg: Mit guter Absicht hat eine private Initiative die Nachmalung eines bei einem Brand zerstörten Cranach-Altars in Auftrag gegeben. Und lässt nun nicht locker, um das Werk dauerhaft in der Kirche zu zeigen. Was allen bisherigen Absprachen widerspricht.

Es geht in Kemberg längst nicht mehr um theologische Fragen, ob es nun gut sei oder nicht, einen kopierten Altar ins Zentrum des Gottesdienstes zu stellen, oder um den künstlerischen Wert der Nachbildung. Es geht nicht einmal um Glaubensfragen.

Es geht darum, wem die Kirchen »gehören«, wer wie mitentscheiden kann. Mein Geld, meine Kirche. Mein Glauben, meine Kirche. Und es geht um Heimat. Dieses diffuse Gefühl, das sich aus Geschichte, Erinnerungen, Begegnungen und eben jenen besonderen Orten speist, wie unsere Kirchen sie nun einmal sind. Dieses Kirchturmdenken, gerade bei Konfessionslosen und Atheisten, ist erstaunlich und bemerkenswert.

Die Kirchengemeinde in Kemberg nimmt dies ernst. Sie steht zu ihrem demokratisch gefassten Beschluss, die Altar-Kopie nicht aufzustellen. Andererseits geht sie auf die anderen zu, will helfen, einen Kompromiss zu finden. Im Gegenzug darf sie Verständnis dafür erwarten, dass Kirchen für Christen mehr sind als Gebäude. Abseits der Steine ist das unser Reichtum. (siehe Seite 5)

Katja Schmidtke

Wenn die Kirche aus allen Nähten platzt

26. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Bergweihnacht mit den »Rühler Lütern«: Die dritte Auflage der Idee von Ziegen-Alm-Öhi ist in Ruhla ein echter Renner geworden.

Ruhlas St.-Concordia-Kirche ist eine der wenigen noch original erhaltenen Winkelkirchen in Deutschland. Der dort tätige evangelische Pfarrer Gerhard Reuther sorgt mit kulturellen Angeboten dafür, dass sie nicht nur an besonderen Festtagen gut besucht ist. Zur Bergweihnacht aber standen und saßen Menschen, dicht an dicht gedrängt, sogar in Gängen.

Die »Rühler Lüter« sind einer der Hauptakteure dieses Events im Zwei-Jahres-Rhythmus, das nun zum dritten Mal aufgeführt wurde. Die Veranstaltung war zugleich das 16. geöffnete Türchen des »Lebendigen Adventskalenders« der Kirchengemeinde in der Bergstadt im nordwestlichen Thüringer Wald.

Die Idee für diesen besonderen Abend, der so viel Bodenständigkeit beinhaltet, stammt von dem singenden Wirt der Ruhlaer »Geißen Alm«, Dieter Koch. Er veranstaltete viele Jahre lang in seinem Gasthaus, genauso wie seine Kollegen von der »Ruhlaer Skihütte«, Adventssingen mit Zitherbegleitung. Aufgrund der großen Nachfrage reichten die örtlichen Platzverhältnisse aber dort nicht mehr aus. Und so entstand vor sechs Jahren die Idee, das Ganze in die Concordia-Kirche zu bringen.

In diesem Jahr jedoch schien auch diese vor Menschen zu bersten, obwohl beide Flügel geöffnet waren. Nicht nur ein großer, geschmückter Lichterbaum, der Adventskranz auf dem Taufstein und die vom Kerzenschein in warme Farben getauchte Kanzel sorgten für ein besonders festliches Ambiente. Die Bläser der Erbstromtal Musikanten, die davor platzierten Zitherspieler Horst und Andreas Seyfried mit dem singenden Wirt und seiner Tochter Katrin, zwei Gitarren- und eine Akkordeonspielerin rundeten das Bild ab. An der Orgel saß begabter Nachwuchs, der 13-jährige Silvo Slotosch.

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Die »Rühler Lüter« in ihrer farbenfrohen Tracht stimmten die Kirchenbesucher gesanglich ein. Auch moderne Interpretation von Weihnacht fehlte neben den heimatverbundenen Darbietungen nicht. Dafür sorgte ein Vater mit seinen drei Buben. Früher, so meinte der Geißen-Alm-Wirt, der mit seiner sonoren Stimme seine Tochter als Sopranistin bei weihnachtlichen Liedern aus ganz Europa begleitete und gleichzeitig durchs Programm führte, habe man manchmal überlegen müssen, ob man die Kirche überhaupt noch brauche. Heute aber könnte man durchaus überlegen, ob man nicht sogar anbauen sollte.

Dabei zeigen die Bergstädter ihre ganz eigene Art, um Traditionen aufrechtzuerhalten. Allein die »Rühler Lüter« als eine der Hauptakteure der Bergweihnacht haben bereits überorts für Aufsehen gesorgt. Es sind die Nachkommen dieser sieben jungen Burschen, denen einst nachgesagt wurde, im Glockenläuten sehr kunstfertig zu sein. Die beiden Hälften der infolge einer Erbteilung zu Herzogszeiten mit zwei Kirchen ausgestatteten Bergstadt konkurrierten darin.

Als Ruhlaer Messerschmiede 1730 ins brandenburgische Eberswalde auswanderten, sollen ein paar dieser fähigen Glockenläuter mitgelaufen und bis Arnstadt gekommen sein, wo sie Quartier nahmen. Um Kost und Logis bezahlen zu können, boten sie an, kunstfertig die Glocken zu läuten. Mit Erfolg: Auf dem Heimweg, der immerhin noch gleichviel 57 Kilometer zählte, schoben sie ein Fass Bier mit nach Hause, das sie von den Arnstädtern zum Dank erhalten hatten.

Im Jahre 1969 ließen sieben Urgesteine diese Geschichte wieder aufleben. Heute pflegen deren Söhne weiter diese Tradition. Zur Rühler Bergweihnacht sorgten die sieben für den lyrischen Teil des Abends und trugen Ruhlaer Schnorren und Lieder vor.

Als ein besonderer Höhepunkt sollte aber auch das von Katrin Koch gesungene »Ave Maria« in Begleitung des jungen Organisten und das Lied »Ich steh an deiner Krippen hier«, das Pfarrer Reuther als Solist darbrachte, nicht unerwähnt bleiben. Die Kollekte, die zur Bergweihnacht eingesammelt wurde, dient unter anderem der Anschaffung neuer Glocken, denn die heute in einem Glockenhaus neben der Winkelkirche auf dem angrenzenden Friedhof untergebrachten erzeugen nicht mehr den Wohlklang, für den sie einst berühmt waren.

Das ursprüngliche Bronzegeläut war dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen und später durch Stahlgussglocken ersetzt worden. Und an denen nagt inzwischen auch schon kräftig der Zahn der Zeit.

Susanne Reinhardt

Von der Schulbank in die Kirche

14. November 2016 von redaktionguh  
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Seit 25 Jahren Schulfach: Die Effekte des Religionsunterrichts können vielfältig sein. Für Ramón Seliger war der Unterricht ein Wegweiser für sein Leben.

Die Förderung von Dialog- und Urteilsfähigkeit, die Klärung von Sinnfragen, der Erwerb von »Lebensbewältigungskompetenz«. So beschrieben die Schulbeauftragte Katharina Passolt, der Religionspädagoge Thomas Heller und Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Erfurt die Effekte des Religionsunterrichts bei der Veranstaltung »25 Jahre Evangelische Religionslehre an der Schule« im Erfurter Landeskirchenamt.

»Glaube hat in meiner Familie keine Rolle gespielt. Wir waren selbst zu Weihnachten nicht in der Kirche«, erzählt Ramón Seliger. Der junge Mann, der heute Vikar an der Weimarer Jakobskirche und zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Altes Testament an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ist, interessierte sich durch den Religionsunterricht für Kirche und Glauben. Hier wurde er mit religiösen Themen, mit Jesus und der Kirche in Kontakt gebracht.

»Für viele ist der Religionsunterricht die Erstbegegnung mit Religion und Kirche«, weiß auch Professor Mat­thias Hahn, Leiter des Pädagogisch Theologischen Instituts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Kloster Drübeck. Er glaubt, dass damit die Hemmschwelle vieler Schüler gegenüber der Kirche gesenkt wird. »Manche fragen sich, ob Kirche und Taufe eine Lebensoption für sie sein könnten.« Eine Werbung für den Glauben oder gar den Pfarrberuf sieht Hahn nicht als Aufgabe des Religionsunterrichtes, der seit 25 Jahren ordentliches Lehrfach an den Schulen Thüringens und Sachsen-Anhalts ist. »Primäre Aufgabe«, so Hahn, »ist die bildende Auseinandersetzung mit Religion.«

Impuls für das Leben: Den Religionsunterricht in der Schule gibt es in Mitteldeutschland seit einem Vierteljahrhundert – eine Möglichkeit, mit dem Glauben und der Kirche in Kontakt zu kommen. Foto: knipseline – pixelio.de/G+H

Impuls für das Leben: Den Religionsunterricht in der Schule gibt es in Mitteldeutschland seit einem Vierteljahrhundert – eine Möglichkeit, mit dem Glauben und der Kirche in Kontakt zu kommen. Foto: knipseline – pixelio.de/G+H

Natürlich gäbe es auch immer wieder den Fall, dass durch das Wirken von Lehrern der Wunsch in einigen Schülern reife, die Weitergabe des Gelernten auch beruflich fortzuführen. Einige würden dann auch Religionslehrer, andere sogar Pfarrer. So wie Ramón Seliger. »Das spannendste am Religionsunterricht waren die Lehrer, die uns die Relevanz der Themen erschlossen haben. Das waren authentische, kantige, eckige Typen. Es hat gepasst, was sie gesagt und getan haben. Das war spannend für mich als Jugendlicher, der ich nach Orientierung suchte.«

Die Religionslehrer, die Seliger am Beginn seiner Gymnasialzeit begleitet und inspiriert haben, waren vor allem Pfarrer, die den sich damals gerade formierenden Religionsunterricht an Schulen leiteten. Er habe das sehr geschätzt. »Es braucht die Person, die sich zu erkennen gibt, die erklärt, wie sie selbst Schöpfung betrachtet oder wie sie das Glaubensbekenntnis versteht.« Das regte Seliger an, ein eigenes reli­giöses Profil zu bilden und eigene Positionen zu finden.

Heute sind es vor allem staatlich ausgebildete Religionslehrer, die das Fach in den Schulen abdecken. »Diese Lehrer sind gut ausgebildet und didaktisch wie pädagogisch gut aufgestellt«, so Seliger. Zudem brauche es aber auch die Basis einer fundierten Theologie. »Der Lehrer muss fit sein in der Sache und er oder sie braucht eine Persönlichkeit, die die Schüler anspricht und motiviert«, betont der Vikar. Es sei die Lebensrelevanz, die das Besondere dieses Faches ausmache. »Religionslehrer sollen nicht die Antworten geben auf Fragen, die keiner mehr stellt, sondern die wirklichen Fragen der Jugendlichen thematisieren. Genau das hebt das Fach von anderen Fächern ab.«

Religionsunterricht unterstütze Schülerinnen und Schüler bei der Beantwortung wichtiger Sinnfragen, zeige vielseitige Lösungen und Antworten auf und helfe, den eigenen Kulturkreis und seine Geschichte besser zu verstehen. Religionsunterricht möchte Anstöße geben, über die Sinnfrage nachzudenken und religiöse Orientierung vermitteln. Je besser die religiöse Bildung sei, um so eher könne der interreligiöse Dialog gelingen, erläuterte Veronika Wenner von der Schulabteilung im Bistum Erfurt.

»Mit dem Religionsunterricht erreichen wir Menschen, die wir durch die Kirche an sich nicht erreichen«, betont Seliger. Das sei die große Chance des Religionsunterrichtes. »Viele, die Gott nicht kennen oder die Kirche und Religion als eng erlebt haben, erfahren, frei zu denken, Vernunft und Glaube zusammenzubringen. Gerade im Religionsunterricht der Schulen gelingen Gespräche, die in manchen Elternhäusern und Kirchengemeinden nicht möglich sind.«

Diana Steinbauer

www.religionsunterricht-ekm.de

»Ein Christ in der Kirche«

18. September 2016 von redaktionguh  
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Über 40 000 Menschen arbeiten ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Kirchenälteste, Küster, Organisten, Glöckner oder in Chören. Sie helfen mit im Kindergottesdienst, beim Altennachmittag oder tragen den Gemeindebrief aus.

Auf der Zeitungsrolle am Briefkasten klebt ein etwas verblichener »Glaube + Heimat«-Aufkleber. An der Türklingel steht »Christ«. Hier bin ich richtig. Vermutlich hätte mir im 150-Einwohner-Dorf Hammerstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt), zwischen Weimar und Jena gelegen, wohl auch jeder sagen können, wo Torsten Christ zu Hause ist. Er erwartet mich schon. Seine freundliche, offene und verbindliche Art kam ihm bei seiner bisherigen Tätigkeit entgegen. Torsten Christ war Versicherungsmakler und Finanzberater. Daneben ist der Familienvater ehrenamtlich in der Kirche tätig. Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Lektorendienst, und er organisiert Gemeindeveranstaltungen.

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Ohne die Familie geht es dabei nicht, meint er. Seine Frau backt nicht nur Kuchen fürs Gemeindefest, im Familienkreis werden auch die Gottesdienste, die Torsten Christ einmal im Monat hält, ausgewertet. Neben Familie und Kirche spielt für den gebürtigen Eisenacher auch der Sport eine große Rolle. Er läuft und ist fußballbegeistert. Vor zwei Jahren hat er das Pilgern für sich entdeckt. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela habe ihn und sein Verhältnis zu Gott noch einmal stark verändert. Er habe diesen Weg als einen großen Segen empfunden. Seine Pläne wurden schon am ersten Tag über den Haufen geworfen, er habe Vertrauen gelernt und sich von Gott führen zu lassen, schwärmt er.

Dies helfe ihm im Alltag, vor allem in schwierigen Zeiten. »Getragen zu sein und ein Auffangnetz zu haben, wenn es mal abwärts geht«, das mache seinen Glauben aus. Die Balance zwischen Arbeit, Ehrenamt, Familie und individueller Freiheit bekomme er gut hin, meint Christ. »Erfolgreich ist, wer sein gesamtes Leben managt, nicht nur die Arbeit.« Da gehöre der Familienrat genauso dazu wie Dienstbesprechungen bei seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer von mehreren Kirchengemeinden im Kirchenkreis Gotha.

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Er versuche, seine Zeit qualitativ auszunutzen, ohne sich unter Druck zu setzen. »Im Moment vernachlässige ich den Sport, dann lebe ich eben mit acht Kilogramm zu viel. Ich weiß ja, wie ich den Zustand ändern kann«, sagt Christ augenzwinkernd. Der Glaube helfe ihm dabei, die Balance nicht zu verlieren. Bibellesen, Gebet und Gespräche mit anderen Christen. Weil er diese Erfahrungen weitergeben möchte und sich in der EKM gut aufgehoben fühlt, engagiere er sich in seiner Freizeit.

Glauben, Kirche und christliche Werte hat Torsten Christ erst bei seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennengelernt. Sein Chef habe ihn als christliches Vorbild darauf neugierig gemacht. Torsten Christ fand dann einen Pfarrer, der sich für ihn und seine Glaubensfragen Zeit nahm. Er ließ sich taufen. Seitdem ist er aktiv in seiner Kirchengemeinde. Er liebäugelte mit dem Pfarrerberuf. Hat aber dann doch die Finanzbranche gewählt. Heute ist ihm klar, dass seine Aufgabe und Berufung in eine andere Richtung gehen.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Im Frühjahr tauscht er die Selbstständigkeit als Anlagenberater mit einer Projektstelle im Kirchenkreis Gotha. Als Geschäftsführer, so wie in früheren Zeiten die Kirchmeister, kümmert er sich jetzt um Finanzen, Baulasten, Personal sowie die Förderung und Entlastung des Ehrenamtes in Kirchengemeinden. Die Stadtkirchengemeinde Gotha und die Landkirchengemeinde Goldbach-Wangenheim mit neun Dörfern betreut er. »Wenn jemand die Finanzen und andere administrative Tätigkeiten verantwortet, haben die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiraum für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Verkündigung«, erklärt Christ. Die Projektstelle ist auf fünf Jahre befristet. Schon jetzt würden positive Effekte seiner Arbeit sichtbar. »Bei Verhandlungen mit Firmen kann ich beispielsweise anders auftreten als ein Pfarrer«, so der Finanzfachwirt. Er sieht seine Aufgabe als ein geistliches Amt. Mit seinem Einsatz will er die Kirchengemeinden stärken. Außerdem hat er ein ehrgeiziges Ziel. In fünf Jahren soll sich seine Stelle selbst tragen. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für Torsten Christ ist sein Nachname »der pure Segen«. Außerdem baue er ihm häufig eine Brücke zu Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche: »Ein Christ in der Kirche«, sagt er schmunzelnd. »Ich heiße ja nicht nur so, ich bin auch einer.«

Willi Wild

»Unser Herz an die Angel hängen«

25. Juli 2016 von redaktionguh  
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Gespräche über Gott und die Welt mit mitteldeutschen Kirchenvertretern in entspannter Atmosphäre. Harald Krille traf sich zum Auftakt dieser Reihe mit Kirchenpräsident Joachim Liebig (58) in einem Restaurant am Elbufer in Dessau-Roßlau. Sie sprachen über Kirche, Politik und Vorlieben.

Herr Kirchenpräsident, Ihre Begeisterung für Bärentatzen der Bäckerei Rose in Weimar hat sich in der Redaktion herumgesprochen. Wie begann Ihre Liebe zu diesem Gebäck?
Liebig:
In meiner früheren Gemeinde in Schaumburg-Lippe gab es einen selbstständigen Bäcker und Konditor. Der stellte wunderbare Schweinsohren und Bärentatzen her. Ich war der Meinung, es gäbe keine Bärentatzen vergleichbarer Qualität. Doch bei einem Besuch in der Redaktion von »Glaube und Heimat« in Weimar bin ich eines Besseren belehrt worden. Seitdem bin ich ein großer Fan der Bärentatzen des gegenüberliegenden Cafés.

Sie wurden 1958 in Hildesheim geboren, haben in Bethel und Hamburg studiert, aber schon vor der Wende ein Praktikum im Erzgebirge gemacht. Wie kam es dazu?
Liebig:
Die Verbindung nach Sachsen ist zunächst schon durch die Familiengeschichte bestimmt. Die Familie meines Vaters flüchtete zum Kriegsende, mein Großvater erfror unterwegs in Thüringen und wurde dort beigesetzt. Ein Teil der Familie ist dann auf dunklen Wegen bis Niedersachsen geraten, aber eine Reihe von Verwandten lebt bis heute in Zittau und Umgebung. Da gab es schon in meiner Kindheit Besuchsreisen in den Osten.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Im Vikariat war ich ein Jahr in Paris und bemühte mich anschließend, in den Partnerkirchenkreis nach Dippoldiswalde zu einem Praktikum zu kommen. Zur großen Überraschung war das auch möglich und so verbrachte ich einen langen Herbst und kurzen Winter in der Gemeinde Reinhardtsgrimma. Daraus sind Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten.

Stehen bei Ihnen zu Hause in der Weihnachtszeit auch Pyramide und Räuchermann?
Liebig:
Natürlich, das volle erzgebirgische Programm. Auch der Schwibbogen darf nicht fehlen.

Die kirchliche Situation in Ihrem Ost-Praktikum war sicher eine ganz andere als in Schaumburg-Lippe?
Liebig:
Ja, aber nicht im Sinne von frustrierend. Im Gegenteil, ich fand das wirklich hochinteressant, es hat mich richtig elektrisiert. Weil ich schon damals das Gefühl hatte, hier auf eine kirchliche Situation zu stoßen, die im Grunde auch im Westen bevorsteht.

Finden Sie die kirchliche Situation in Mitteldeutschland immer noch elektrisierend?
Liebig:
Sie ist nicht elektrisierend im Sinne von hocherfreulich. Das ist sie meines Erachtens im Augenblick nirgendwo in Westeuropa. Aber wir sind hier bei uns in Mitteldeutschland in besonderer Weise jeden Tag herausgefordert zu fragen: Wo wollen wir eigentlich hin, was wollen wir machen und wie muss Kirche in Zukunft aussehen? Was sind unsere Aufgaben als Kirche in unserer Gesellschaft? Diese existenziellen Anfragen finde ich in der Tat immer noch elektrisierend.

Haben Sie den Eindruck, dass es zumindest ansatzweise Antworten gibt?
Liebig:
Ja, die gibt es. Aber sie sind in mancherlei Hinsicht völlig anders als die Antworten, die im Augenblick im deutschen Protestantismus gegeben werden. Drei Beispiele: Die Neuorganisation von Kirche bei uns findet nicht durch missionarische Programme statt. Wie inzwischen missionstheologisch weithin bekannt, lassen sich Menschen nur für eine Sache interessieren, wenn man Auge in Auge, persönlich, eins zu eins mit ihnen spricht. Wenn wir Menschen erreichen wollen, müssen wir, salopp gesagt, unser Herz an die Angel hängen.
Zweitens müssen wir uns bei allen gewünschten Veränderungen auf sehr lange Zeiträume einrichten. Alle Programme, die sagen, wir wollen jetzt innerhalb von einer benennbaren Zahl von Jahren um so und so viel wachsen, sind völlig abwegig. Es geht hier um Generationen.
Sonne-web

Und das Dritte und vielleicht Entscheidende: Welche Art von Struktur und Organisationsform muss Kirche in diesem Zusammenhang gewinnen? Das ist im Moment noch offen. Dietrich Bonhoeffers Anspruch, dass Kirche immer Kirche für andere sein muss, werden wir nicht aufgeben. Aber ob es uns gelingen wird, tatsächlich in absehbarer Zeit volkskirchliche Strukturen in der Gesamtfläche zu behalten, da bin ich mehr im Zweifel denn je. Da brauchen wir neue Antworten, auch wie die Rollen des Ehrenamtes und der Hauptberufler im Verkündigungsdienst sowie der Verwaltungsmitarbeiter künftig aussehen sollen.

Theologen lernen im Studium, eine Sequenz von 30 Worten aus dem Alten Testament vier verschiedenen Quellen zuzuordnen. Aber lernen sie auch, das Herz an die Angel zu hängen?
Liebig:
Ich würde das nicht gegeneinanderstellen. Wenn jemand ins Pfarramt geht, muss er in der Lage sein, auf jeder Ebene auskunftsfähig zu sein. Und dazu gehört eine akademische Ausbildung. Aber es kann und darf nicht dabei bleiben. Als Hirte oder Hirtin der Gemeinde kommt die Frage: Welche Rolle spiele ich dabei? Und da galt leider über lange Zeit in der praktischen Theologie eher der Gedanke: Halten Sie sich selbst zurück, lassen Sie die Botschaft in den Mittelpunkt treten. Nur: Die Botschaft braucht immer Menschen, die damit identifizierbar sind. Und das hat dann Konsequenzen für das Berufsbild, bis hin zu der Frage der Arbeitszeit eines Pastors.

Unabhängig von den kirchlichen Problemen zeigen die Auseinandersetzungen um AfD und Pegida sowie die letzten Wahlen hier in Mitteldeutschland, welch tiefer Riss durch die Bevölkerung geht.
Liebig:
Ich muss mir selbst vorwerfen, dass ich seit Jahren diesen nun zutage tretenden Riss, wahrscheinlich sind es sogar mehrere Risse, unterschätzt habe. Ich muss konstatieren, dass eine gesellschaftliche Entwicklung stattgefunden hat, in der die Eliten, und dazu würde ich jetzt auch Kirche zählen, nicht wahrgenommen haben, dass eine signifikante Zahl von Menschen sich abgekoppelt hat von gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Flüchtlingsfrage war dann nur der Auslöser, nicht die Ursache.

Was bedeutet dies für die Kirchen?
Liebig:
Ganz prinzipiell sind wir Christenmenschen gerufen, die Versöhnung zu predigen. Nicht nur die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, sondern auch die Versöhnung zwischen den Menschen. Praktisch heißt das: Wo immer es geht, müssen wir ins Gespräch kommen, gerade auch mit denen, die sich abgekoppelt haben oder dabei sind, es zu tun. Ihnen müssen wir ein Gegenbild zeigen.

Bisher ist aber auch kirchlicherseits vor allem viel von Abgrenzung geredet worden.
Liebig:
Es muss sehr deutlich sein: Wir stehen für ein anderes Bild vom Menschen, für ein anderes Bild von Gesellschaft, als es von Pegida und der AfD vertreten wird. Wir stehen aber auch für eine Gesprächskultur, die sich eben nicht in Verweigerung äußert. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen solche Gesprächsforen in ihren Gemeinden anbieten. Das erfordert einen gewissen Mut, denn die Äußerungen, die auch ich immer wieder höre, sind ja oftmals nicht diskussionsfähig. Da gibt es eine immense Welle von Hass und eine auf keinen Fall kirchenspezifische Artikulationsweise. Aber wir müssen lernen, das auszuhalten und dem Vorgebrachten dann in ruhiger Freundlichkeit etwas entgegenzuhalten. Auch ich muss das erst lernen. Aber das geht. Es gibt natürlich Grenzen. Etwa, wenn jemand sich überhaupt nicht davon abbringen lässt, sich rassistisch oder menschenfeindlich zu äußern. Aber wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, wir reden einfach nicht mit denen.

Sommerlogo GuHWas heißt das konkret – kann in der anhaltischen Kirche auch ein AfD-Mitglied im Gemeindekirchenrat sein?
Liebig:
Die AfD ist hier im Augenblick eine demokratisch gewählte Partei. Und deswegen ist die Mitgliedschaft in der AfD noch kein Grund zu sagen: Der auf jeden Fall nicht. Aber jemand, der sich offensiv zur AfD hält, ist dann auch bei bestimmten Positionen begründungspflichtig. Da muss man schon sehr genau hinschauen, ob bestimmte Haltungen noch kompatibel zum Evangelium sind.

Gilt das Gleiche nicht auch bei Mitgliedern der Linkspartei?
Liebig:
Da gilt dasselbe Verfahren. Auch die Linkspartei ist eine demokratisch gewählte Partei, die jetzt ganz gewiss nicht dem Verdacht ausgesetzt ist, besonders kirchenfreundlich zu sein. Aber auch da würde ich sagen: Am Einzelfall ist zu entscheiden. Denn ich glaube, gerade Pauschalierungen sind eine falsche Reaktion, weil sie eine Sicherheit der Entscheidung suggerieren, die letztlich nicht besteht.

Sie werden in der Öffentlichkeit als ruhig und ausgleichend wahrgenommen. Was kann den Kirchenpräsident Anhalts richtig auf die Palme bringen?
Liebig:
Privat habe ich mich, seit unsere Kinder erwachsen sind, kaum mehr richtig aufgeregt. Vorher – nun, jeder der Kinder hat, weiß, was da alles so passieren kann.

Dienstlich ärgert mich zunehmend eine Verrechtlichung kirchlichen Dienstes. Und zwar nicht so sehr von den Juristen, sondern eine Berufshaltung, die sich darin erfreut zu sagen: Ich habe meine freien Tage und meinen geregelten Dienst und da passiert dann auch nichts. Ich bleib noch mal bei diesem Begriff, »das Herz an die Angel hängen«: Das kennt keinen Urlaub. Natürlich weiß ich um Überforderungsdiskussionen und Burnout-Situationen. Aber die Lösung für solche Fragen besteht nicht darin, den eigenen, im Grunde sehr freien Berufsalltag in dieser Weise zu strukturieren.

Was mich auch aufregt, ist eine immer wiederkehrende Selbstminimierung unserer Region. Ja, wir haben keine Dax-Konzerne in Sachsen-Anhalt. Aber daraus abzuleiten, dass wir irgendwie die abgehängte Region sind – das erzeugt bei mir wirklich richtigen Ärger. Da steigt mein Blutdruck, das nehme ich nicht hin. Ich kenne andere Regionen, die bei weitem nicht dieses historische Potenzial haben. Ich sehe in Sachsen-Anhalt vor allem die vielen Möglichkeiten.

Stimmt das Gerücht, dass Sie inzwischen Grundbesitzer in Anhalt geworden sind?
Liebig:
Ja das stimmt. Meine Frau und ich haben einen Bauplatz gekauft und werden im nächsten Jahr dann zu Bauherren mutieren. Jeder Pfarrer baut ja gerne. Ich hab jetzt schon eine klare Vorstellung, was alles schiefgehen kann, bin aber dennoch zuversichtlich, dass wir da weitestgehend verschont bleiben. Mal sehen.

Was geht, was geht nicht?

10. April 2016 von redaktionguh  
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Kirchbauvereine: Bei der Sanierung von Kirchen sind sie willkommen – bei der Nutzung gibt es mitunter Ärger

Vielen Menschen ist der Erhalt der Kirche im Dorf wichtig. Ausdruck dafür sind die Kirchbauvereine, in denen sich bei weitem nicht nur Christen engagieren.

Wie viele es auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wirklich gibt, weiß auch der dafür Beauftragte nicht zu sagen. In seiner Kartei hat Propst i.R. Reinhard Werneburg rund 450 Adressen von Kirchbauvereinen. Darunter sicher auch manche, die inzwischen eingeschlafen sind. Und andere kenne er gar nicht. Denn für Kirchbauvereine gibt es keine Meldepflicht bei der Landeskirche. Was Werneburg allerdings weiß: Noch 1989 galten von den mehr als 4 000 Kirchen und Kapellen auf dem Gebiet der EKM über 25 Prozent als baulich ruinös. Heute trifft dies im Bereich der früheren Thüringer Kirche noch auf rund 1,5 Prozent, im Bereich der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen mit ihrem ungleich höheren Gebäudebestand auf rund 2,5 Prozent zu. Diese Bilanz ist nicht zuletzt dem Einsatz jener Vereine zu danken, die unermüdlich Spender mobilisieren, Sponsoren suchen, Fördermittel beantragen und als »Heimwerker im Gotteshaus«, wie das »Zeit-Magazin« sie einmal nannte, ungezählte Arbeitsstunden ableisten. Dabei wirken in den Vereinen oftmals viele kirchenfremde Menschen mit. Ihre Motivation: Unsere Kirche soll im Dorf bleiben.

Kirchbauvereine leisten vielerorts Großes. Heute sind nur noch 2 Prozent der Kirchen in Mitteldeutschland ruinös. Fotos: Burkhard Dube/Jürgen Scheere/G+H-Archiv

Kirchbauvereine leisten vielerorts Großes. Heute sind nur noch 2 Prozent der Kirchen in Mitteldeutschland ruinös. Fotos: Burkhard Dube/Jürgen Scheere/G+H-Archiv

Genau bei dem »unsere« entstehen aber gelegentlich auch Reibungsflächen, wie Architekt Ulrich S. (Name geändert) berichtet. Seit Jahrzehnten betreut er immer wieder kirchliche Sanierungsprojekte und weiß: Mit einem Kirchbauverein gibt es neben dem Gemeindekirchenrat, dem zuständigen Pfarrer und der zumeist involvierten Denkmalpflege einen vierten Partner. Und der darf nicht nur als wohlfeiler Geldbeschaffer gesehen werden, sondern muss mit seinen Wünschen und Erwartungen ernst genommen werden. Zum Beispiel, wenn es um die künftige Nutzung der Kirche geht.

Lebhaft erinnert sich S. an die Situation, als das Familienmitglied eines höchst aktiven Kirchbauers kurz nach der Fertigstellung des prächtigen Dorfkirchleins verstarb. Die Trauerfeier sollte natürlich in der Kirche stattfinden. Doch die Familie war kein Kirchenmitglied, die Trauerfeier sollte deshalb eine »weltliche« werden. »Nein«, sagte ein kirchlicher Vorgesetzter, er wolle keinen Präzedenzfall schaffen. Die Wogen gingen
hoch.

»Verständlich«, findet Reinhard Werneburg und verweist auf die durchaus mögliche multifunktionale Nutzung der Kirche, etwa auch für weltliche Trauerfeiern. Im Norden der EKM sei dies weithin üblich. Aber, so Werneburg: »Egal wer und mit wie viel Geld und Engagement einer die Kirche wieder aufgebaut hat, das Eigentum und das Hausrecht verbleiben bei der Kirchengemeinde, vertreten durch den Pfarrer und den Gemeindekirchenrat.« Zugleich verrät er, dass auch er gelegentlich einen »übergriffigen« Kirchbauverein »zurechtstutzen« müsse. Besonders wenn ein starker Verein und ein schwacher Gemeindekirchenrat aufeinanderträfen, seien Spannungen vorprogrammiert. Und es gebe Nutzungsvorstellungen, die mit den kirchlichen Regeln nicht vereinbar wären. Diese Regeln seien für die Menschen vor Ort oft schwer zu verstehen, sagt Architekt Ulrich S.

»Was spricht denn, wenn räumlich möglich, gegen eine Tanzveranstaltung in der Kirche?« Es werde doch immer wieder betont, dass es für Protestanten keine »heiligen« Räume gebe und die Kirche nur Menschen und keine Gebäude segne. »Ich kann doch nicht plötzlich anfangen, vom heiligen Kirchenraum und dem geweihten Altar zu reden, habe mich aber vorher zehn Jahre lang nicht daran gestört, dass die Tauben auf eben diesen Altar geschissen haben«, bringt er es drastisch auf den Punkt.

Für Gespräche und klare Nutzungsvereinbarungen plädiert deshalb Werneburg. Denn auch er sieht die Kirchbauvereine als langfristige Partner über die reine Sanierung hinaus beim Erhalt der Kirchen. Dem gemeinsamen Nachdenken und Gespräch sowie der fachlichen Weiterbildung dient deshalb auch das jährliche Treffen der Kirchbauvereine. Sie kommen an diesem Sonnabend, 9. April, in das Erfurter Augustinerkloster zusammen.

Harald Krille

Vergessener Bücherschatz

4. April 2016 von redaktionguh  
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Seit fast zehn Jahren gibt es die Herzog-Joachim-Ernst-Bibliothek in Ballenstedt

Die Ballenstedter Herzog-Joachim-Ernst-Bibliothek mit ihrem außergewöhnlichen theologischen Bücherschatz ist in den letzten Jahren ein wenig in Vergessenheit geraten. »Leider scheint auch die Leselust der kirchlichen Mitarbeitenden unter den Anforderungen des Alltags zu leiden«, bedauert Kreisoberpfarrer Dr. Theodor Hering.

Im Herbst 2006 kamen die rund 15 000 Bände nach Ballenstedt. Damals, vor fast zehn Jahren, wurde in Berlin die Bibliothek der Evangelischen Landeskirche der Union aufgelöst. Der Kirchenkreis Ballenstedt hatte ursprünglich ausschließlich Interesse an den zahlreichen Werken über den Pietismus, entschied sich dann aber, die kompletten 400 Regalmeter quasi über Nacht aus Berlin in den Harz zu holen.

Eines von vielen Schätzen: das von Johann Arndt herausgegebene Andachtsbuch »Paradiesgärtlein voller christlicher Tugenden«. Foto: Thorsten Keßler

Eines von vielen Schätzen: das von Johann Arndt herausgegebene Andachtsbuch »Paradiesgärtlein voller christlicher Tugenden«. Foto: Thorsten Keßler

Ein Jahr später wurde das Johann-Arndt-Haus als Gemeindehaus der Schlosskirchengemeinde eröffnet. Gleichzeitig zog die Herzog-Joachim-Ernst-Bibliothek mit ein. Kunstvolle Fliesenmuster auf dem Fußboden erinnern an den Handwerksmeister, der hier einst sein Geschäft hatte, bevor das Gebäude Gemeindehaus wurde. Über den schmalen Hinterhof gelangt man in die ehemalige Fliesenleger-Werkstatt, in der sich auf drei Etagen die Bibliothek befindet.

Den Hauptbestand bildet theologische und philosophische Literatur. Es gibt Bücher über Kirchen-, Religions- und Musikgeschichte. Literatur über Martin Luther und die Reformation findet sich hier ebenso wie der »Rote Riese«, wie ihn Theodor Hering nennt: Dreißig dicke Bände über die Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland. »Etwas für Menschen, die an Zeitgeschichte der ehemaligen DDR interessiert sind«, sagt der Theologe.

Eines der ältesten Bücher ist das von Johann Arndt herausgegebene Andachtsbuch »Paradiesgärtlein voller christlicher Tugenden«. Zu den echten Schätzen gehört die Gesamtausgabe der Werke von Johann Sebastian Bach.

Wegen der repräsentativen Außenwirkung und der exponierten Lage im oberen Teil der Allee, nur wenige Schritte unterhalb des Schlosses, war das Johann-Arndt-Haus ursprünglich auch als Lesecafé gedacht. Für Einheimische und Touristen, um bei Kaffee oder Tee Gespräche über Gott und die Welt zu führen und in den Büchern zu schmökern. »Engagierte Menschen für die Betreuung des Lesecafés gab es«, sagt Theodor Hering, »nur die Laufkundschaft blieb leider aus«.

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist die Bibliothek nach wie vor ein Tipp für Leseratten, um in aller Ruhe zu stöbern und Bücher auszuleihen.

Thorsten Keßler

Luther war hier. Und hier. Und hier.

29. Februar 2016 von redaktionguh  
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Tourismus: Eine digitale Route verknüpft mehr als 60 Lebensstationen des Reformators

Mehr als 60 Lebensstationen des Reformators verknüpft das Landesamt für Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt zu einer digitalen Tourismus-Route

Man könnte sich auch empören. Ein Plakat im Stile moderner Street-Art pappt an der ehrwürdigen Eislebener St.-Andreaskirche (Fotos rechts). Jener Kirche, in der Martin Luther nur drei Tage vor seinem Tod im Februar 1546 seine letzte Predigt hielt. Das Poster zeigt seine Silhouette, angelehnt an seine Handschrift umrahmt mit dem Schriftzug »Luther war hier«. Was auf den ersten Blick wie eine illegale Kunstaktion wirkt, ist ein hochoffizielles Projekt des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie und der Marketinggesellschaft Sachsen-
Anhalt.

Pfarrerin Iris Hellmich mit Jan Scheunemann vom Landesdenkmalamt beim Anbringen der Plakette an der St.-Andreaskirche in Eisleben. Fotos: Katja Schmidtke

Pfarrerin Iris Hellmich mit Jan Scheunemann vom Landesdenkmalamt beim Anbringen der Plakette an der St.-Andreaskirche in Eisleben. Fotos: Katja Schmidtke

Die Idee von Landesarchäologe Harald Meller: Die Orte im Kernland der Reformation zu vernetzen – für ein breites Publikum und so, dass man in der echten und der Internet-Welt auf Luthers Spuren wandeln kann. »Luther war hier« ist eine digitale Ausstellung, ein virtueller Rundgang durchs Land. Rund 60 Orte in 33 Städten und Gemeinden sind ausgewählt worden und tragen neben den prägnanten Street-Art-Plakaten nicht minder auffällige Metall-Plaketten mit dem Konterfei des Reformators und einem
QR-Code.

Foto: Katja Schmidtke

Foto: Katja Schmidtke

Gescannt mit dem Smartphone öffnet sich eine Internetseite mit Informationen zum Bauwerk und zum Ereignis. Bilder und Zitate vervollständigen die kleine Zeitreise. Sie beginnt natürlich in Eisleben mit dem Geburtshaus des Reformators und endet auch dort. Gleich drei Plaketten sind in diesem Februar angebracht worden: neben der Andreaskirche als Luthers letztem Predigtort auch an den beiden Sterbehäusern. Denn beim Museum Sterbehaus – vis-à-vis zur Kirche – handelt es sich neuen Forschungen zufolge nicht um den authentischen Sterbeort. Jener befindet sich dort, wo heute das Hotel »Graf von Mansfeld« steht. Auch darüber informiert die Homepage, die über die Plakette erreicht werden kann.

Foto: Katja Schmidtke

Foto: Katja Schmidtke

»Eisleben ist natürlich reich an Luther-Orten. Insgesamt sechs Stationen haben wir für ›Luther war hier‹ eingerichtet«, sagt Jan Scheunemann vom Landesdenkmalamt. Gemeinsam mit seiner Kollegin Kerstin Bullerjahn hat er Material zusammengetragen, ausgewertet und aufgearbeitet. Eisleben, Mansfeld oder Wittenberg sind dabei freilich die bekanntesten Stationen. Spannend, weil oft legendenumwoben, sind aber gerade die kleinen und weniger bekannten Orte: etwa die Doppelkapelle in Landsberg, in der Luther auf seiner letzten Reise von Wittenberg nach Eisleben im Januar 1546 übernachtet haben und sich auf einer Blut schwitzenden Marmorsäule verewigt haben soll. Oder der Lutherstein mitten in der Dübener Heide. Hier soll der Reformator im Juli 1519 gepredigt haben; im Felsblock lässt sich bis heute eine Inschrift erkennen: »D.M.L. Eine feste Burg ist unser Gott«. Im 16. Jahrhundert wohl seine Art zu sagen: Luther war hier. Nun können Handynutzer den Stationen folgen, jenen der Wahrheit und der Dichtung.

Katja Schmidtke

Kirche ist kein Vereinsheim

15. Februar 2016 von redaktionguh  
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Die EKM will zum Reformationsjubiläum eine gute Gastgeberin sein

In Psalm 61 heißt es: »Lass mich wohnen in deinem Zelte ewiglich und Zuflucht haben unter deinen Fittichen.« Zuflucht, Geborgenheit, Hilfe, Ruhe und Schutz – all das will und all das kann ein Gotteshaus bieten.

»Unsere Kirchengebäude laden jeden Menschen ein, zur Besinnung zu kommen, sich in eine Bank zu setzen, ein Gespräch mit Gott zu führen oder einfach den eigenen Gedanken nachzuhängen – falls die Kirche geöffnet ist«, erklärte Landesbischöfin Ilse Junkermann während der Herbstsynode in Erfurt.

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Dieser Umstand sei Anlass für einen Bewusstseinswechsel in der Landeskirche. »Die EKM will auf das Reforma­tionsjubiläum hin eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehören auch verlässlich geöffnete Kirchen«, ließ die Landes­bischöfin die Synodalen wissen.

Täglich geöffnete Kirchen gibt es in vielen Regionen, wie dem Eichsfeld, in Mecklenburg oder auch in Südtirol. Auf dem Gebiet der Landeskirche aber sind nur wenige der gut 4 000 Kirchen stetig geöffnet. Das hängt mit gemeindlichen Strukturen, Personalabbau, aber auch baulichen und versicherungstechnischen Vorgaben zusammen. Denn so einleuchtend der Vorschlag der Kirchenleitung auch ist: Seelsorger und Gemeindekirchenräte vor Ort sehen bei der praktischen Umsetzung durchaus Probleme und großen Gesprächsbedarf.

Viele meinen, mit dem Aufsperren der Kirchentüre sei es nicht getan. Superintendentin Angelika Greim-Harland aus Arnstadt erklärt dies so: »Es geht zuallererst um eine grundsätzliche Öffnung der Gemeinden, deren Haus und auch Symbol die Kirche ist.« Sie gibt zu bedenken, dass »an den Stellen, wo Gemeinde vor Ort nicht mehr erlebbar ist, weil sie ausgedünnt ist, weil sie die Funktionen einer Kirchengemeinde nicht mehr vollständig wahrnehmen kann, dass es dort mitunter nicht leicht ist, ein Bewusstsein für das Vorhaben der Landeskirche zu finden«. Darum plädiert Greim-Harland dafür, das Vorhaben »Offene Kirchen« an den Prozess »Gemeinde-neu-denken« zu koppeln. »Viele kleine Gemeinden sind durch große Probleme, wie etwa die Baulast, beladen. Dies ist oft erdrückend und ein Vorhaben wie das der Landeskirche verunsichert viele, und sie fragen: Was bedeutet das für uns?« Greim-Harland hat festgestellt, dass sich im Gespräch die Widerstände und Vorurteile aber gut und schnell beilegen lassen. »Wir werden das Thema im Konvent, in den Gemeindekirchenräten und beim Kirchenältestentag besprechen«, so die Superintendentin. Für sie ist ganz klar, dass es die Öffnung der Gemeinden braucht, damit Kirche wieder öffentlicher und spiritueller Raum für alle Menschen wird.

Eben für dieses Ender­gebnis möchte die Landes­kirche die Weichen stellen und wirbt darum, dass ab spätestens Frühjahr 2016 jedes Kirchengebäude tagsüber geöffnet ist. Junkermann betonte immer wieder, es sei fatal, wenn die Kirche zu einer Art Club nur für Mitglieder verkäme, mit dem Kirchgebäude als »Vereinsheim«. Kirche für andere sein, das ist Programm.

Dass ihr Vorstoß auch Risiken birgt, dessen ist sich die Landesbischöfin bewusst. Vandalismus und Diebstahl sind ein nicht wegzudiskutierendes Risiko. Und dennoch: Auch Jesus Christus sei ein großes Risiko eingegangen. Dieses habe ihn bis ans Kreuz gebracht. »Dort hat er sehr viel Vandalismus auf sich genommen, um uns mit seiner Versöhnung zu erreichen.« Ein Argument, dem kaum etwas entgegenzusetzen ist.

Diana Steinbauer

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