Wie ein kleines Wunder

11. März 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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»Dem Verborgenen auf der Spur« lautete das Motto des Tages der Archive am  6. und 7. März. Auch das Angebot im Landes- kirchenarchiv in Magdeburg stieß auf großes Inter- esse. Im Rahmen des Archivtages übergab Gemeindekirchenratsvorsitzender Detlef Schulze (Mi.)  Siegel und Akten an Archivleiterin Margit Scholz (li.). Fotos: Viktoria Kühne

»Dem Verborgenen auf der Spur« lautete das Motto des Tages der Archive am 6. und 7. März. Auch das Angebot im Landes- kirchenarchiv in Magdeburg stieß auf großes Inter- esse. Im Rahmen des Archivtages übergab Gemeindekirchenratsvorsitzender Detlef Schulze (Mi.) Siegel und Akten an Archivleiterin Margit Scholz (li.). Fotos: Viktoria Kühne

Zum Archivtag präsentierte das Kirchenarchiv in Magdeburg verloren geglaubte Schätze

In der Kiste liegen die verkohlten Reste eines Buches. Nur am oberen Rand ist überhaupt noch erkennbar, dass es sich um ein solches Schriftstück handelt. »Ich hätte nie gedacht, dass sich hier noch etwas machen lässt«, sagt Margit Scholz, Leiterin des Magdeburger Archivs der EKM. Vor zehn Jahren habe sie die in Zeitungspapier eingeschlagenen Überreste in Bananenkisten gefunden und gleich wieder zugemacht, weil keine Aussicht auf Rettung bestand.

Lange Zeit sind Restauratoren nicht in der Lage gewesen, hier Abhilfe zu schaffen. »Erst der technische Fortschritt nach dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar hat hier neue Perspektiven eröffnet«, erzählt die Archivleiterin. In einem aufwendigen Verfahren wird dabei jedes Blatt »gespalten«. Anschließend erhält es eine Einlage zur Verstärkung. Zwischen 5.000 und 7.000 Euro kostet die Notsicherung. Inzwischen haben Restauratoren drei der acht Kirchenbücher für die Nachwelt gesichert.

Erstmals werden diese einzigartigen Zeitzeugnisse am 7. März im Rahmen des Tages der Archive einer größeren Öffentlichkeit präsentiert. »Das ist schon eine kleine stadtgeschichtliche Sensation«, schätzt Archivmitarbeiterin Christina Neuß. Die Begeisterung kommt nicht von ungefähr. Am 16. Januar 1945, beim verheerenden Bombenangriff auf Magdeburg, fielen große Teile der schriftlichen Überlieferung den Flammen zum Opfer. Dazu gehörten auch die Kirchenbücher der wallonisch-reformierten Gemeinde von 1734 bis 1943, in denen die Taufen, Trauungen und Bestattungen der Gemeindeglieder festgehalten waren.

Aber nicht nur ein restaurierter Band und das Verfahren stoßen an diesem Tag auf reges Interesse. Mehr als 220 Besucher drängen sich durch die vor acht Jahren bezogenen Räume des Archivs der Kirchenprovinz Sachsen in der Freiherr-vom-Stein-Straße. Sie bewundern die Bestände und den Lesesaal, lassen sich in die Geheimnisse alter Schriften einführen oder nehmen an einer Führung durch die Magazine teil. »Eine solche Resonanz hatten wir noch nie«, freut sich Margit Scholz.

Wartet noch auf die Sicherung: das Sterberegister der Wallonergemeinde.

Wartet noch auf die Sicherung: das Sterberegister der Wallonergemeinde.

Aus der Kirchengemeinde St. Briccius und Immanuel in Magdeburg-Cracau ist eine kleine Delegation unter Leitung des Gemeindekirchenratsvorsitzenden Detlef Schulze gekommen, um dem Archiv sieben Siegel sowie Akten und Kirchenbücher zu übergeben. Beim Aufräumen des Gemeindehauses hätten sie das Material gefunden. »Das war eine absolute Überraschung für uns«, erzählt Schulze. Jetzt überreicht er die Schätze an die Archivleiterin, darunter eine Kommunikantenliste von 1832 bis 1838, ein Lagerbuch sowie Kirchenaustrittserklärungen aus der Zeit zwischen 1963 und 1986.

Solche Zeugnisse aus den Gemeinden kommen jedoch nur selten ins landeskirchliche Archiv. Neben den Aktenbeständen des Magdeburger Konsistoriums und anderer zentraler kirchlicher Einrichtungen lagern hier vor allem die Akten der nicht mehr existierenden Superintendenturen. »Unsere Aufgabe ist es, diese Unterlagen zu erschließen und für die Benutzung bereitzustellen«, erklärt Margit Scholz. Dazu kommt eine Nachlasssammlung, Akten aus der Zeit des Kirchenkampfes und Fotos. Insgesamt füllen die Bestände 4500 laufende Regalmeter. »Alles, was hier liegt, sind Unikate«, so die Leiterin des Archivs nicht ohne Stolz.

Gefragt bei den Nutzern sind vor allem die Kirchenbücher. Allein im vergangenen Jahr haben die Archivmitarbeiter 2500 Besucher im Lesesaal gezählt. Damit sie auch in Zukunft etwas davon haben, wird gegenwärtig technisch Vorsorge getroffen. Seit 2002 läuft die zentrale Mikroverfilmung der Kirchenbücher. Wenn alles gut geht, sind im Jahr 2012 alle erfasst. Dann gelten die Bestände als gesichert. »Die Lebensdauer dieser Filme«, erklärt Archivleiterin Scholz, »liegt bei 500 bis 1000 Jahren.«

Martin Hanusch