Vorrangig den Dialog suchen

20. November 2017 von redaktionguh  
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Im Gespräch: Pfarrer Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche Anhalts. Vor seinem Bericht bei der Herbsttagung der Landessynode sprach Katja Schmidtke mit ihm über Willkommenskultur, Kirchenasyl und was Gemeinden in Sachen Integration leisten können.

Wie viele Flüchtlinge leben derzeit in Anhalt?
Karras:
Für die gesamte Landeskirche liegen mir die Zahlen nicht vor. Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld lebten zum Stichtag 30. September 1 455 Flüchtlinge. Als Flüchtlingsbeauftragter bin ich nicht nur für Kirchengemeinden Ansprechpartner, sondern für alle Initiativen auf dem Gebiet unserer Landeskirche, die Fragen haben.

In Kürze stellen Sie Ihren Bericht der Synode vor. Sie schreiben von einem Willkommenshype. Da klingt Kritik durch.
Karras:
Ich persönlich hätte mich nicht mit einem Plüschtier auf den Bahnhof gestellt. Dazu bin ich ein zu nüchterner Mensch. Aber natürlich muss jenen Menschen, die zu uns gekommen sind, geholfen werden. Die ehrenamtlichen Initiativen gehörten zu den Ersten, die Flüchtlinge aufgefangen und betreut haben, in wirklich vorbildhafter Weise. Inzwischen ist es so, dass die staatlichen Stellen sehr, sehr gut reagiert haben. Die erste Zeit war eine Ausnahmesituation, in der sich viele zusammengefunden haben, die helfen wollten. Nun ist der graue Alltag eingezogen.

Trotzdem brauchen wir die Initiativen?
Karras:
Ja. Sehr, sehr viele engagieren sich vorbildlich. Und wir wissen nicht, wie sich die Lage entwickeln wird. Wir sehen es an der Türkei; Erdogan ist unberechenbar.

Gibt es eine klassische Arbeitsteilung zwischen Staat und Ehrenamtlichen?
Karras:
Inzwischen nicht mehr. Einen Großteil dessen, was die Initiativen abgedeckt haben, etwa den Deutschunterricht, beherrschen die staatlichen Stellen heute. Aber die Initiativen sind noch wichtig, sie bilden einen Puffer, indem sie zwischen Flüchtlingen und Verwaltung vermitteln.

In Ihrem Bericht beschreiben Sie das Links-Rechts-Denken als kontraproduktiv. Warum?
Karras:
Diejenigen, die sich kritisch äußerten und Probleme thematisierten, wurden sehr schnell in eine Ecke gestellt, ach die sind rechts, mit denen reden wir nicht. Das halte ich für Irrsinn. Es ist wesentlich, den Dialog gerade mit Menschen zu suchen, die nicht unserer Meinung sind. Wir können in einem Dialog das Christliche herausstreichen. Das ist in erster Linie der Einsatz für die Schwachen. Unchristliche, heidnische Gesellschaften sind einem Optimierungszwang unterlegen und dieser Zwang setzt sich heute in der Frage um, was uns die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen kostet und was uns dabei verloren geht. Diese Denkweise vermag unter ökonomischem Aspekt ihr Recht haben, aber sie hat mit christlichem Denken nichts zu tun. Und das bringt uns zur entscheidenden Frage: Wer ist in Not?

Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche und Pfarrer in Görzig. Foto: Landeskirche Anhalts

Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche und Pfarrer in Görzig. Foto: Landeskirche Anhalts

Die Frage stellt sich ganz praktisch beim Kirchenasyl. Wie ist die Lage dazu in Anhalt?
Karras:
Es gibt Fälle von Kirchenasyl, aber nur Fälle mit aufschiebender Wirkung, in denen es um Rückführungen in jenes europäische Land geht, in dem die Flüchtlinge angekommen sind. Mit diesen Kirchenasylen soll erreicht werden, dass das Asylverfahren in Deutschland abgeschlossen wird. Wir haben keine Kirchenasyle zu Abschiebungen in das Herkunftsland, nachdem ein Asylverfahren negativ entschieden wurde.

Nach welchen Kriterien entscheiden die Kirchengemeinden?
Karras:
Meist ist es so, dass die Betroffenen gar nicht an die Kirchengemeinde gebunden sind, sondern dass sie nach jedem Strohhalm greifen und sich an eine Gemeinde, einen Pfarrer oder direkt an mich wenden. Wer Kirchenasyl gewährt, muss sich über die Verantwortung bewusst sein, hinsichtlich der Versorgung, der Betreuung oder auch, dass Kosten entstehen, wenn derjenige krank wird und behandelt werden muss.

Uns ist ganz wichtig, den Betroffenen anzuhören, seine Gründe zu erfahren, seine individuelle Not, dass möglicherweise Gefahr für Leib und Leben besteht. Am Ende steht ein Beschluss des Gemeindekirchenrats.

Welche Rolle spielt es, ob der Betroffene Christ ist?
Karras:
Es gibt Gemeinden, für die kommt ein Kirchenasyl nur in Frage, wenn der oder die Betroffene sich in der Gemeinde aufhält, Gottesdienste besucht, sich engagiert. Ich halte das nicht für richtig. Wenn man Bedingungen in dieser Hinsicht aufstellt, könnte ein Schein-Engagement kultiviert werden.

Allerdings hat das Christ-Sein oder nicht in den mir bekannten Fällen von Kirchenasyl keine Rolle gespielt. Es kam den Menschen in den Gemeindekirchenräten darauf an, ob eine Not vorhanden ist, ob sie diese lindern können; auch, ob Kirchengemeinden das ganz praktisch stemmen können. In Köthen gab es einige Kirchenasyle und die dortige Flüchtlingsinitiative erklärte sich bereit, mitzuhelfen. Kirchenasyle können mehrere Monate dauern, in dieser Zeit dürfen die Betroffenen das Gelände nicht verlassen, damit sie nicht verhaftet werden können.

Das erfordert viel Organisationstalent und Durchhaltevermögen seitens der Gemeinde.
Karras:
Ein Kirchenasyl kann ermüdend sein. Es kann aber auch stärken. In Zieko fand die Gemeinde darin eine Aufgabe und es vollzog sich im besten Sinne ein Gemeindeaufbau, in dem sich viele verabredeten und einen Plan aufstellten, wer den jungen Mann betreut, wer mit ihm Deutsch lernt oder mal ein Spiel spielt.

Was kann Kirche in punkto Integration leisten?
Karras:
Die Integrationsleistung der Kirche läuft über die Gemeinden, die die Menschen einladen, ohne die Absicht, missionieren zu wollen, sondern als Möglichkeit, dass Einheimische und Flüchtlinge miteinander in Kontakt und ins Gespräch kommen.

Sie sprechen sich auch dafür aus, dass Kirche ihren Einfluss auf die Politik geltend macht, um die Lebensbedingungen in den Herkunftsländern zu verbessern. Haben Sie dafür einen Vorschlag?
Karras:
Die Entwicklungspolitik der letzten Jahre kann nicht als gelungen bezeichnet werden. Deshalb schreibe ich in meiner Naivität im Synodenbericht über meine ganz persönliche Idee, dass alle Europäer eine Entwicklungs- und Aufbausteuer zahlen müssten. Ich unterstelle, dass Flüchtlinge eigentlich viel lieber in ihrem Land bleiben würden, aber sie sehen dort keine Zukunft. Stattdessen riskieren sie eine lebensbedrohliche Flucht.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Was darf Religion im Staat?

16. Februar 2016 von redaktionguh  
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Wissenschaftlicher Disput der Konfessionen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Anlässlich des Studientages der Theologischen Fakultät Jena diskutierten kürzlich Vertreter verschiedener Glaubensgemeinschaften über »Beschneidung – Kopftuch – Kirchen­asyl. Religion und Recht im Widerstreit« Zufall oder nicht: Die wissenschaftlich geführte Disputation fiel genau auf den Geburtstag der Universität, die 1558 von Protestanten in Jena gegründet wurde. Ein Religionsstreit zwischen Luther-Anhängern und der Katholischen Kirche führte bekanntermaßen zum Verlust des Wittenberger Stammhauses.

Diskussion auf dem Unicampus in Jena: Prof. Heiner Alwart, Hamideh Mohagheghi, Prof. Klaus Dicke (Moderation), Elisa Klapheck und Dr. Alf Christophersen (v. l. n. r.). Foto: Doris Weilandt

Diskussion auf dem Unicampus in Jena: Prof. Heiner Alwart, Hamideh Mohagheghi, Prof. Klaus Dicke (Moderation), Elisa Klapheck und Dr. Alf Christophersen (v. l. n. r.). Foto: Doris Weilandt

458 Jahre später geht es um die Frage, was Religion in einem neutralen Staat darf, um ihrer Überzeugung gerecht zu werden. Wie unterschiedlich die Auffassungen dazu sind, machten drei Beispiele deutlich: Das Kölner Urteil zur Beschneidung, der Kopftuchstreit, der in den einzelnen Bundesländern zu ganz unterschiedlichen Regelungen führte und das Kirchenasyl, das Flüchtlingen gewährt wurde.

»Wenn der Verfassungsstaat Religionsfreiheit ernst nimmt, muss er die Rechtstradition anderer Religionen anerkennen«, verlangte Elisa Klapheck, Rabbinerin des Egalitären Minjan in Frankfurt, des liberalen Zweiges der Jüdischen Gemeinde. Sie erwartet, dass Religion und Recht aus ihrem Antagonismus befreit werden. Beschneidung ist für Juden Gesetz. Eine staatliche Rechtsordnung kann ihrer Meinung nach nicht darüber entscheiden, weil bei diesem Thema andere Quellen, die tief in der Rechtstradition verwurzelt sind, eine Rolle spielen. Die jüdische und die islamische Religion seien Rechtsreligionen, deren Gesetze in der Gemeinschaft akzeptiert werden.

Dem widersprach Heiner Alwart, Strafrechtsprofessor an der Friedrich-Schiller-Universität zutiefst. Zwar habe das Kölner Urteil gezeigt, dass nach dem Tätigwerden des Gerichtes der Streit nicht zu Ende ist. Aber die Gegen-argumente werden mit vergangenheits- und auch sozialpolitischen Begründungen vorgetragen. Es gäbe keinerlei Respekt gegenüber der in Deutschland üblichen kulturellen Praxis, für die Menschenrechte ein hohes Gut darstellen. Jüdische Gesetze können dagegen nicht als Recht bezeichnet werden.

Nicht teilbare Einheit

Die islamische Theologin und Kulturwissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi aus Paderborn stimmte ihrer jüdischen Kollegin im Punkt Recht und Religion als nichtteilbare Einheit prinzipiell zu. Der Glaube stiftet für die Menschen Identität und Sinn. Doch nach ihrer Auffassung gibt nicht Gott die Gesetze, sondern Menschen, die darüber entscheiden, was Religion und was Recht ist. Das Recht ist für sie lebendig und immer im Wandel. Allerdings ist die Beschneidung auch für Muslime eine verbindliche Tradition, die hochgehalten wird. Eine Veränderung hält sie nicht für ausgeschlossen.

Der protestantische Vertreter in der Debatte, Alf Christophersen von der Evangelischen Akademie in Sachsen-Anhalt, war überzeugt, dass es ein verbindliches Recht für alle, die in diesem Land leben, geben muss: »Ich kann nicht allen Nächstenliebe absprechen, weil sie das Gesetz einhalten«. In der Frage des Kirchenasyls waren sich dagegen nahezu alle Diskutanten einig, dass die meisten Fälle in den letzten Jahren zu Asylverfahren geführt haben und die Kirche vor allem vorhandene Gesetzgebung eingefordert hat. Allerdings gab Heiner Alwart zu bedenken, dass die Kirche in den nächsten Monaten auf diesem Gebiet besonders gefordert werden könnte: »Wie wird die Kirche in Zukunft damit umgehen, denn Abschiebungen werden ja bald auf uns zukommen.« Alf Christophersen mahnt, den Bogen nicht zu überspannen: »Es ist die große Kunst, Kirchenasyl nicht zum Regelfall werden zu lassen.«

Die Diskussion, die von über 100 Zuhörern gespannt verfolgt wurde, hat nicht nur die unterschiedlichen Posi­tionen sehr deutlich vor Augen geführt. Sie hat auch gezeigt, dass der religiöse Dialog zum gegenseitigen Verständnis geführt und in die gesamte Gesellschaft getragen werden muss. Ein Streit war kaum der Rede wert und scheint schon beigelegt: das Tragen einer Kopfbedeckung im öffentlichen Dienst.

Doris Weilandt

Willkommen im Abendland

14. April 2015 von redaktionguh  
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Flüchtlinge: Mehr als 400 ehemalige Muslime haben in einer Berliner Kirchengemeinde eine neue geistige Heimat gefunden

Die Dreieinigkeitskirche in Berlin stand kurz vor der Schließung. Jetzt kommen sonntags Hunderte Iraner und Afghanen und beten das Vaterunser auf Persisch. Sie sind vom Islam zum Christentum übergetreten.

Ein knappes Dutzend Menschen umringen den Taufstein. Zwischen weißen Gewändern blitzt ab und an ein dunkler Haarschopf auf. Wasser plätschert. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes«, ruft der Pfarrer durch die Kirche. Dann erstrahlt das stolze Lächeln des neunjährigen Täuflings: Hossein aus dem Iran. In seinem bisherigen Leben war er Muslim, nun ist er Christ, sein neuer Name: Benjamin. Er ist das 719. Mitglied des Seelsorgebezirks Steglitz der Selbständigen-Evangelisch-Lutherischen Mariengemeinde in Berlin – und einer von gut 400 iranischen und 75 af­ghanischen Konvertiten.

Der Berliner Pfarrer Gottfried Martens von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche feiert einen Taufgottesdienst mit Flüchtlingen aus dem Iran. Zu seiner Gemeinde gehören inzwischen gut 400 iranische und 75 afghanische Konvertiten. Schon das reine Interesse für eine andere Religion oder gar das Lesen der Bibel brachte sie in ihren besonders strengen islamischen Heimatländern in Schwierigkeiten. Foto: epd-bild

Der Berliner Pfarrer Gottfried Martens von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche feiert einen Taufgottesdienst mit Flüchtlingen aus dem Iran. Zu seiner Gemeinde gehören inzwischen gut 400 iranische und 75 afghanische Konvertiten. Schon das reine Interesse für eine andere Religion oder gar das Lesen der Bibel brachte sie in ihren besonders strengen islamischen Heimatländern in Schwierigkeiten. Foto: epd-bild

Fast alle sind Asylbewerber und warten auf ihr Verfahren. Sechs leben in der Gemeinde im Kirchenasyl. In ihrer Heimat wurden sie verfolgt, viele aus Glaubensgründen: weil sie sich über andere Religionen informieren wollten oder in der Bibel gelesen haben, rein aus Interesse. »Im Iran gibt es zurzeit gerade in der gebildeten Mittel- und Oberschicht eine große Abneigung gegen den Islam«, beobachtet Pfarrer Gottfried Martens. Die Afghanen seien meist Kriegsflüchtlinge.

»Wir haben Koran und Bibel verglichen«

Martens nimmt sie in seine freikirchliche Gemeinde auf: Im Gottesdienst – jede Woche kommen bis zu 300 Besucher – werden Lesungen und Abkündigungen auf Farsi übersetzt. Auch das Vaterunser betet die Gemeinde in persischer Sprache. Es gibt einen persischen Chor, eine persische Bibelstunde, persischen Taufunterricht. Sonntags nach der Kirche trifft sich die ganze Gemeinde zum Mittagessen. Unter der Woche werden Besuche in der Oper oder im Museum organisiert, alles spendenfinanziert.

Martens selbst kam 1991 in die Gemeinde, da lag der Hauptsitz noch im benachbarten Stadtteil Zehlendorf, die Gemeinde hatte 200 Mitglieder. »2008 kamen die ersten zwei Iraner«, erzählt der 52-Jährige, »2012 setzte dann eine Art Schneeballeffekt ein.« Immer mehr iranische und afghanische Flüchtlinge kamen. Heute zählt die Mariengemeinde 1 400 Mitglieder – und musste sich inzwischen aufspalten: Die Kapazitäten reichten nicht mehr.

Und so zog Martens Ende 2013 mit Hunderten Iranern und Afghanen sowie 250 Einheimischen nach Steglitz in die Drei­einigkeitskirche. »Die stand eigentlich kurz vor der Schließung«, erzählt Martens. Nun wird sie wieder gebraucht. Zwei, drei Wochen ohne Taufe: Das sei inzwischen schon etwas Besonderes. Allein bis Ostern standen in diesem Jahr schon mehr als 50 an.

Amir aus Isfahan im Westiran wurde Mitte Februar getauft. Mit dem Christentum war der 22-Jährige vor drei Jahren im Iran in Kontakt gekommen durch einen befreundeten Armenier. Die Minderheit darf ihren christlichen Glauben im Iran ausleben – mal mehr, mal weniger frei. Iranern ist selbst das Lesen in der Bibel verboten.

»Wir haben Koran und Bibel miteinander verglichen«, erzählt Amir. Er kam ins Nachdenken: »Warum habe ich über 20 Jahre nicht bemerkt, dass der Koran erlaubt, Andersgläubige zu töten? Das ist keine friedliche Religion!« Langsam wird aus Neugier Überzeugung, und Amir schließt sich einer geheimen Hausgemeinde an – ein riskantes Unterfangen: Erst im vergangenen Herbst waren im Iran drei leitende Geistliche der Hauskirchenbewegung zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Der Übertritt zu einer anderen Religion kann nach islamischem Recht sogar mit dem Tod bestraft werden.

Als Christ von der eigenen Familie verstoßen

Als Amir auffliegt, wird er erst aus dem Sportverein geworfen, dann von der Universität. Schließlich setzt ihn auch sein strenggläubiger Vater vor die Tür. »Du hast keine Familie mehr. Geh zu Jesus Christus«, sagt er zum Abschied. Amir flieht. Er hat alles verloren.

Die Restriktionen in islamischen Ländern sind laut Martens ein direkter Grund dafür, dass sich viele Flüchtlinge dem Christentum zuwenden. »Während sie den Islam oft als Religion von Hass und Krieg erlebt haben, empfinden sie die christliche Botschaft als eine Befreiung«, sagt er. In Afghanistan würden »ungläubige« Familienmitglieder oft mit dem Tod bedroht.

Prügel wegen eines verfänglichen Gespräches

Poya bestätigt das. Der 21-jährige Waise aus Badachschan im Norden des Landes bekam von einem US-Amerikaner Informationen über den christlichen Glauben. Als er mit seinen Freunden im Heim darüber sprechen will, verprügeln sie ihn, brechen ihm die Nase. Eines Tages erhält er die Warnung, nicht in die Moschee zu kommen: Die Geistlichen meinten, er habe ein Problem mit dem Koran, das sei ein großer Fehler.

Überstürzt flieht Poya in den Iran, dann über die Türkei, Griechenland, Italien und Frankreich nach Deutschland. Vor 16 Monaten kam er an. Sein Asylverfahren hat noch nicht begonnen, wie bei vielen anderen seiner neuen Glaubensbrüder und -schwestern.

Beim Auszug aus der Kirche umarmt Martens jeden Besucher, klopft auf viele Schultern, findet für jeden ein paar persönliche Worte. Doch er stößt an Grenzen, wie er später erzählt. Früher habe er einfache Gemeindearbeit gemacht. »Hier aber geht es um existenzielle Nöte.« Abschiebungen, laufende Asylverfahren, Familienangehörige, die noch auf der Flucht sind: »Oft weiß ich kaum noch, wie ich das alles bewältigen soll.«

Und auf den gelegentlich zu hörenden bösen Verdacht, die Menschen ließen sich nur taufen, weil der Übertritt zum Christentum ein mögliches Abschiebungshindernis ist, kontert Martens mit seinen konkreten Erfahrungen: Mehr als 90 Prozent seiner Täuflinge bleiben der Gemeinde auch nach der Taufe weiter treu.

Johannes Süßmann (epd)

Kirchenasyl

1. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Streitfall: Wie weit der kirchliche Schutz für Flüchtlinge reichen darf, ist umstritten

»Macht hoch die Tür, die Tor macht weit …«, singen wir nun wieder. Doch gilt das auch beim Kirchenasyl?

Die Zahlen sind erschreckend: Nach Angaben des UN-Hilfswerks für Flüchtlinge (UNHCR) sind derzeit weltweit rund 50 Millionen Menschen auf der Flucht vor Gewalt und Krieg, vor Hunger und Naturkatastrophen – die Mehrzahl von ihnen im eigenen Land. 16,7 Millionen aber sind in andere Länder geflüchtet. Ein kleiner Teil davon, rund 200 000, werden nach den Prognosen des Bundesinnenministeriums in diesem Jahr den Weg nach Deutschland gefunden und einen Asylantrag gestellt haben.

Foto: epd-bild/Stefan Arend

Foto: epd-bild/Stefan Arend

Das Thema Flüchtlinge und Asyl, ihre Unterbringung und Versorgung, erhitzt derzeit weithin die Gemüter. Und bietet – nicht zuletzt vor dem Hintergrund islamistischer Aktivitäten – trefflich Stoff für Angstmache vor Überfremdung und Parallelkulturen, vor Verlust von Lebensqualität und Besitzstand. Doch längst nicht jeder, der gern in Deutschland leben will, darf dies. Asylbewerber müssen ein Anerkennungsverfahren durchlaufen – und zwar laut EU-Gesetzgebung in dem Land, in dem der Asylsuchende das Gebiet der EU erstmals betritt. Als »Dublin III« wird dieses Prozedere bezeichnet.

Wenn Menschen auf der Grundlage von Gesetzen in Behörden und Ämtern Entscheidungen über andere Menschen treffen, sind Fehlentscheidungen nicht ausgeschlossen. Darauf reagieren seit Jahren Christen in etlichen Kirchengemeinden mit einem »letzten Mittel«: Sie bieten in Härtefällen für von Abschiebung Betroffene ein Kirchenasyl. Wie die Zahl der Asylbewerber steigt auch die Zahl der Kirchenasyle. 181 Asyle mit insgesamt 338 Personen waren es nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche mit Stand vom Oktober dieses Jahres.

Eine Rechtsgrundlage hat dieses Kirchenasyl allerdings nicht. Kirchen sind keine rechtsfreien Räume. Kein Mörder, kein Dieb kann sich durch Flucht in ein Kirchengebäude der Strafverfolgung entziehen. Darüber besteht Einigkeit. Doch im Falle von Asylbewerbern respektieren staatliche Stellen zumeist den sakralen Raum. Bisher. Denn an dieser Praxis entzündet sich auch Kritik. »Wann kann die Kirche in einem Rechtsstaat ihre eigene Beurteilung über einen Einzelfall an die Stelle von Verwaltung und Gerichten stellen und mit welcher Legitimation?«, fragte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erst vor wenigen Wochen in Dresden die Synodalen der EKD.

Der Bericht des scheidenden EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider stellte demgegenüber klar, dass Flüchtlingshilfe, und dabei ausdrücklich auch das Kirchenasyl, zur Kirche gehöre. »Mein Dank gilt allen Engagierten: Viele Menschen finden durch sie eine neue Heimat, manches Leben wird bewahrt und gerettet. Dieser Einsatz gehört zum Profil von Christenmenschen, Kirchengemeinden und Diakonie – gegen alle Infrage-Stellungen und Anfeindungen«, so Schneider wörtlich.

Schneiders Worte dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Frage auch in Gemeinden nicht unumstritten ist. Seit einigen Wochen führt sie in der Kirchengemeinde Jena zu anhaltenden Diskussionen. Es geht um einen Flüchtling aus Afghanistan, der in der Friedenskirche Aufnahme fand. Der Gemeindekirchenrat, dem auch in diesen Fragen die letzte Entscheidung zukommt, entschied sich für die Asylgewährung. Doch keineswegs einstimmig.

»Kirchenasyl ist der Versuch, geltendes Recht zumindest auf Zeit außer Kraft zu setzen«, betont der Rechtsphilosoph Klaus-Michael Kodalle. Die Kirche habe aber kein Recht, in ihrem Einsatz für Flüchtlinge die Regeln des Rechtsstaates auszuhebeln, so der emeritierte Professor der Jenenser Universität. Zudem hält er es als evangelischer Christ für besonders problematisch, wenn ein solcher Einsatz von den Befürwortern pauschal als »Christenpflicht« deklariert werde.

Jenas Superintendent Sebastian Neuß stellt denn auch klar, dass es nicht um eine Bekenntnisfrage gehe, sondern um eine persönliche Gewissensentscheidung. Und dass damit keineswegs der auch von ihm ebenso geschätzte Rechtsstaat ausgehebelt werden solle. Letztlich gehe es beim Kirchenasyl immer um einen Einzelfall christlicher Verantwortung, ähnlich wie beim Barmherzigen Samariter in der Bibel.

Auch nach etlichen Gesprächen in Jena bleibt ein Dissens innerhalb der Gemeinde. »Es ist wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben und Unterschiede auszuhalten«, ist auch Petra Albert, Ausländerbeauftragte der EKM überzeugt. »Und besonders wichtig ist, dass wir uns dabei gegenseitig nicht das Christsein absprechen.«

Harald Krille

Friedliches Miteinander leben

16. September 2014 von redaktionguh  
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Die diesjährige Interkulturelle Woche, die vom 19. bis 28. September begangen wird, steht unter dem Motto »Gemeinsamkeiten finden, Unterschiede feiern«. Es plädiert für eine offene Gesellschaft, die Fremde nicht ausgrenzt und gegenseitiges Verständnis fördert. Landesbischöfin Ilse Junkermann, Magdeburg, dankt in ihrem Grußwort an die Kirchengemeinden für deren Einsatz und fantasievolle Aktionen und betont, dass Christen durch »Moderation von Gesprächsprozessen, durch Organisation von Veranstaltungen und nicht zuletzt durch die Begegnung und Kontaktpflege mit den neuen Nachbarn« wesentlich zu einem friedlichen Miteinander beitragen. Sie fordert dazu auf, bei den Bemühungen nicht nachzulassen. Denn die Anzahl der Menschen, die Zuflucht in Deutschland suchen, steige. »Diese Menschen erhalten außer Kindergeld und Leistungen im Krankheitsfall keinerlei Sozialleistungen. Insbesondere in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes in Deutschland können sich hieraus erhebliche Härten ergeben. Hier bitte ich Sie um Ihre tatkräftige Unterstützung«, so die leitende Geistliche der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.
Mitteldeutsch-37-2014Ausdrücklich würdigt Junkermann das Engagement, wenn Menschen in Not Kirchenasyl erbitten. »Danken möchte ich Ihnen für all die Stunden, in denen Sie sich für Menschen aus anderen Ländern engagieren und sich für sie einsetzen, mit ihnen Deutsch üben, sie auf Behörden begleiten, die Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen oder mit ihnen beim Tee zusammensitzen und reden. Danken möchte ich allen Kirchengemeinden, die sich einsetzen für Menschen aus anderen Ländern, die die Taufe begehren und diese Menschen selbstverständlich in die Gemeinde integrieren und für ihre Sorgen und Nöte, aber auch für ihre Freude ein offenes Ohr und Herz haben«, schreibt sie weiter.

Zahlreiche Kirchengemeinden werden sich auch in diesem Jahr wieder mit Angeboten an der Interkulturellen Woche beteiligen.

Der bundesweite Auftakt wird am 19. September in Stuttgart sein. In der Landeshauptstadt Thüringens, Erfurt, wird die Woche von Oberbürgermeister Andreas Bausewein am 20. September, 10 Uhr, in der Universität eröffnet. Zu einem interkulturellen Gottesdienst wird am 21. September (10 Uhr) in die Er­furter Predigerkiche eingeladen. Die Magdeburger Hoffnungsgemeinde feiert bereits am 14. September (10.30 Uhr) einen Gottesdienst mit Pfarrerin Cordula Haase und den Akteuren des »Café Krähe«, in dem sich Frauen aus unterschiedlichen Herkunftsländern treffen und kreativ gegen Ausländerfeindlichkeit und Ausgrenzung arbeiten.

Eine Internetseite bietet neben Programmhinweisen auch Bausteine für Gottesdienste, ein Materialheft, Hinweise auf Ausstellungen und gibt Büchertipps und vieles mehr. Weitere Veranstaltungen in Thüringen und Sachsen-Anhalt werden örtlich bekanntgegeben.

(mkz)

www.interkulturellewoche.de