Frühjahrsputz beim Datenschutz

2. Juli 2018 von redaktionguh  
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Die Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) hat in fast allen Bereichen für erhöhten Arbeitsaufwand gesorgt. Welche Auswirkungen hat das in den Kirchengemeinden? Sabine Kuschel sprach darüber mit Kirchenrechtsrat Thomas Brucksch, Leiter des Referats für Allgemeine Rechtsfragen im Landeskirchenamt der EKM.


Was ändert sich mit der DSGVO für die Kirchengemeinden?
Brucksch:
Zunächst möchte ich erwähnen, dass es Datenschutz auch schon vor dem 24. Mai gab. Seit den 1970er Jahren existieren Datenschutzgesetze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie waren dem staatlichen Datenschutzrecht nachgebildet. Mit einem eigenen Datenschutzrecht können kirchliche Besonderheiten besser abgebildet werden.

Wichtig ist, dass der Artikel 91 der neuen DSGVO festlegt, dass die Kirchen weiterhin ihr Recht anwenden können, wenn sie es mit der Datenschutzverordnung in Einklang bringen. Dafür steht das neue Datenschutzgesetz der EKD, das innerhalb der evangelischen Kirche und der Diakonie zur Anwendung kommt. Bei den inhaltlichen Vor­aussetzungen für die Datenverarbeitung hat sich fast nichts geändert. Das meiste, was zuvor datenschutzrechtlich zulässig war, ist geblieben. Was zuvor unzulässig war, ist es jetzt auch.

Wenn sich wenig ändert, bleibt dann für die Gemeinden alles beim Alten?
Brucksch:
So weit würde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen. Das Problem ist, viele wussten gar nicht, was datenschutzrechtlich zulässig ist oder nicht. Datenschutzrecht ist aufwendig, das ist ein Problem. Viele fragen sich jetzt, dürfen wir das. Die Frage inhaltlich zu klären, ist aufwendig.

Thomas Brucksch. Foto: EKM

Thomas Brucksch. Foto: EKM

Ich vergleiche die Situation mit einem Frühjahrsputz beim Datenschutz. Es ist zu fragen, was die Gemeinden dazu auf ihren Webseiten sagen, wie sie mit Fotos im Gemeindebrief und Internet umgehen und welche Daten im Gemeindebrief veröffentlicht werden. Verändert hat sich die »Bürokratie« um die eigentliche Datenverarbeitung herum. Eingeführt wurde beispielsweise eine sogenannte Rechenschaftspflicht. Datenverarbeitende Stellen sollen umfassend darüber Auskunft geben können, was sie mit personenbezogenen Daten machen. Auf kirchengemeindlicher Ebene passiert da aber nicht so viel, weil in den neuen kirchlichen Regelungen Schwellenwerte für bestimmte Pflichten eingebaut wurden.

Heißt das, dass die Kirchengemeinden mit etwas Sorgfalt eigentlich nichts falsch machen können?
Brucksch:
Wahrscheinlich erfüllt man nie alle Vorgaben des Datenschutzes. Fatal wäre, wenn wir deshalb darauf überhaupt nicht achten würden. Ein Großteil der Fragen löst sich schon mit gesundem Menschenverstand. Wenn man sich kundig macht und zu einem verantwortlichen Umgang kommt, hat man seinen Teil erfüllt.

Gibt es eine Aufsicht?
Brucksch:
Der Datenschutzbeauftragte der EKD ist auch in der EKM die unabhängige Datenschutzaufsicht und nicht der staatliche Datenschutzbeauftragte.

Bieten Sie den Kirchengemeinden Hilfe an?
Brucksch:
Ja, seit Mitte Mai nehmen wir erheblichen Nachfragebedarf wahr. Wir bieten verschiedene Schulungen und Fortbildungsveranstaltungen im Landeskirchenamt an, geben Einführungen in den Kirchenkreisen. Informationen, Termine und Ansprechpartner finden sich auf unserer Website.

Bei der EKM-Archivtagung war der Datenschutz Thema. Welche Relevanz hat das neue Gesetz für die Archive?
Brucksch:
Grundsätzlich gilt: Datenschutzrecht schützt lebende Personen aus Fleisch und Blut. Auch im staatlichen Recht. Die Archive betrifft das neue Gesetz deshalb nur eingeschränkt. Was in den Akten der Archiven steht, sind Sachverhalte, die so lange her sind, dass man zumeist davon ausgehen kann, dass die betreffenden Personen verstorben sind. Damit sind die Angaben datenschutzrechtlich nicht mehr relevant. Mit dem Tod endet die Anwendbarkeit des Datenschutzrechtes. Der Verstorbene ist nicht rechtlos, aber es greifen andere rechtliche Kategorien.

Kirchenbücher aus dem 18. Jahrhundert unterliegen nicht mehr dem Datenschutzrecht, sondern dem Archivgesetz.

www.ekmd.de/kirche/themenfelder/datenschutz.html

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Lebendigkeit statt Perfektion

14. August 2017 von redaktionguh  
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Impulse nach innen: Auch den Kirchengemeinden im Norden machen Mitgliederschwund und Einsparungen zu schaffen. Trotzdem soll kirchliches Leben aufrechterhalten werden. Mit dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, Propst Christoph Hackbeil, sprach Angela Stoye.

Herr Hackbeil, stellen Sie sich vor, Sie wären Tourismusmanager. Wo würden Sie die Menschen in Ihrem großen Sprengel hinschicken?
Hackbeil:
Auf die »Straße der Romanik«, denn die ist wirklich eine gute Idee – mit einer Einschränkung: Die großen Kirchen wurden jüngst noch mehr hervorgehoben. Ich würde dazu noch ein paar wunderbare kleine Kirchen empfehlen wie Melkow und Wust bei Jerichow. Nördlich des Huy liegt zum Beispiel Deersheim mit zwei romanischen Kirchen. Auch ein Abstecher nach Calbe an der Saale mit der Kirche in Gottesgnaden lohnt sich.

Da haben Sie eine Vorlage geliefert: Kleine Dorfkirchen sind oft verschlossen. Das kommt bei Besuchern nicht gut an …
Hackbeil:
Auch ich wünsche mir, dass mehr Kirchen zuverlässig geöffnet werden. Und der Prozess hin zu mehr offenen Kirchentüren ist in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Gang. Die Gemeinden werden informiert und geschult. Da sind die Kirchenkreise dran. Aber das Kirchenöffnen geht – wie vieles – nicht von heute auf morgen.

Das Ziel, im 500. Jubiläumsjahr der Reformation alle 4 000 Kirchen der EKM zu öffnen, wird nicht erreicht …
Hackbeil:
Das ist leider so. Ich sehe das Problem von zwei Seiten: erstens von Seiten der Touristen. Für sie ist eine offene Kirche ein Zeichen von Gastfreundschaft, eine verschlossene nicht.

Zweitens: Eine Kirche, die kaum noch benutzt wird, wird auch im eigenen Ort kaum noch wahrgenommen. Sehr wichtig ist deshalb, dass die Kirche für die Menschen ihres Ortes offen ist.

Zum Beispiel: Eine kleine Dorfkirche, die von einem Friedhof umgeben ist, kann sonnabends aufgeschlossen werden, wenn viele Menschen zur Grabpflege kommen. Auch Andachten können in dieser Zeit gehalten werden. Das regelmäßige Aufschließen ist deshalb auch ein wichtiger Impuls nach innen. Im Übrigen produzieren wir mit dem Starren auf Zahlen unnötigen Verdruss. Dem Landeskirchenrat liegt etwas daran, dass Bewegung in die Sache kommt.

Für mich hat es den Anschein, als ob man mehr auf »Leuchttürme« setzt denn auf Angebote in der Fläche.
Hackbeil:
Wir haben auch »Leuchttürme« auf dem Lande, wie ehemalige Klöster – Arendsee, Drübeck oder Neuendorf bei Gardelegen –, von denen die Menschen heute noch sagen, dass sie beim Betreten eine besondere Atmosphäre spüren. Kloster Jerichow beispielsweise ist offen und es gibt den Sommer über tägliche Andachten. Aber auch kleinere Orte bieten Besonderes, etwa die Schlosskirche in Erxleben, wo sich ein rühriger Verein nicht nur um den Gebäudeerhalt kümmert, sondern auch die Geschichte hebt. Oder der Ort Gnadau, eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine, in dem der Glaube Gestalt angenommen hat.

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, die Zahl der Mitarbeiter auch. Überall muss gespart werden. Wie sollen Haupt- und Ehrenamtliche alle Aufgaben in der Fläche bewältigen?
Hackbeil:
Die Pfarrer und die anderen kirchlichen Mitarbeiter stehen vor einer Riesenaufgabe. Dabei sind die Pfarrstellen in der Altmark mit teils 20 Dörfern und mehr noch einmal eine besondere Herausforderung. Wenn Pfarrer in einigen Jahren in den Ruhestand gehen, wissen sie, dass ihre Stelle nicht mehr besetzt wird. Auf diesen Abschied hin zu leben, ist nicht leicht.

Ich ziehe den Hut davor, wie viele Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker unverdrossen weiter ihren Dienst tun. Daher denke ich: Das kann nicht nur an den Zahlen liegen, sondern auch am Betriebsklima.

Woraus schließen Sie das?
Hackbeil:
Ich habe vor Kurzem die Ergebnisse einer Studie gelesen, die in zwei Landeskirchen zur gesundheitlichen Situation von Pfarrerinnen und Pfarrern gemacht wurden. Da zeigte sich: Die Sorge vor Burnout und Depressionen wurde auf dem Land weniger dort gesehen, wo alle Mitarbeiter gut zusammenarbeiteten. Ich sehe die Tendenz zu verbindlicher regionaler Zusammenarbeit als unumkehrbar an, sodass sich drei, vier, fünf Mitarbeiter als regionales Team verstehen und sich mit Mut den veränderten Verhältnissen stellen. Das schließt auch die Ehrenamtlichen mit ein.

Stichwort Ehrenamt: Werden die Aufgaben, die nicht mehr bezahlt werden können, vermehrt auf sie abgewälzt, also Ehrenamtliche als Lückenbüßer?
Hackbeil:
Das höre ich manchmal. Aber ich erlebe auch anderes. Immer dort, wo Ehrenamtliche das Gemeindeleben selber gestalten, sind sie ganz anders motiviert und halten auch die Leute zusammen. Mit großer Hochachtung erlebe ich Menschen im Prädikantendienst.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass die Verwaltung oft noch immer so gestaltet ist, dass sie – trotz gegenteiliger Aussagen – ehrenamtliches Engagement oft erschwert statt erleichtert: lange Wege, mehrfache Wege, Wartezeiten und so weiter. Das entmutigt. Da hat die EKM ein selbstgemachtes Problem, das nur durch besseren Service zu lösen ist.

Um dann was in Zukunft besser zu können?
Hackbeil:
Sich auf die geistlichen Aufgaben zu konzentrieren. Denn eine Kirchengemeinde ist etwas anderes als ein Verein. Ich sehe das Öffnen der Kirchen nicht als technischen Vorgang an, sondern als geistlichen.

Dazu gehört auch, dass zum Beispiel der Altar mit Blumen geschmückt wird oder dass Gesangbücher gleich am Eingang bereitliegen. Kurz: ein Wachsein dafür, wie große theologische Fragen in kleinen praktischen Bezügen gedacht werden können.
So ein Beispiel habe ich nach Pfingsten in Hagenau, einer kleinen Kirche bei Osterburg erlebt. Da habe ich gespürt: Hier wirken Älteste, die alles im Blick haben. Obwohl es dort nur selten Gottesdienste gibt: Wenn, dann ist es ein richtiges Fest, ein Höhepunkt im Dorfleben.

Stichwort Regionalisierung. Wann werden die Gemeindeglieder wirklich selbstverständlich zum Gottesdienst in das Nachbardorf fahren?
Hackbeil:
Wenn die erste Frau zur katholischen Priesterin geweiht wird … – will sagen: Unter dem Sparzwang dürfen wir nicht den Eindruck erwecken, alle Probleme müssen mit dem neuen Stellenplan bis 2019 gelöst sein. In manchen Kirchenkreisen war das schon vor Jahrzehnten dran, zum Beispiel ab den 1970er-Jahren im damaligen Kirchenkreis Merseburg. Woanders kommt die Regionalisierung erst jetzt an die Reihe. Prozesse sind dran, wann sie dran sind.

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Wichtig ist, das Miteinander von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu fördern. Wichtig ist, den Menschen Mut zu machen, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Geduld zu haben und sich nicht darüber zu beklagen, wo etwas nicht ist, sondern schauen, wo etwas wächst.

Bei den Menschen, die wollen, dass alles wieder so ist wie vor 50 Jahren, ist doch vor allem der Wunsch nach Gemeinschaft sehr groß. Wir sollten ihnen die Gelegenheit in neuen Formen der Gemeinschaft geben, verbunden mit einer spürbaren geistlichen Mitte.

Wie kann das geschehen?
Hackbeil:
Durch das Gebet – in traditioneller Form und in neuem Gewand. In der EKM gibt es seit Oktober 2015 den Gebetskalender. Etwa 80 Menschen bekommen – jede Woche aktualisiert – Mails mit Gebetsanliegen. Einzelpersonen machen hier genauso mit wie die Kommunitäten. Für diese gewachsene Gemeinschaft bin ich sehr dankbar. Aber an den Gebeten könnten sich noch mehr beteiligen.

Zweitens das Abendmahl: Ich finde, wenn in kleinen Kirchen nur noch wenige Male im Jahr Gottesdienst gefeiert wird, sollte immer auch ein Abendmahl dazugehören. Leider ist dem nicht so. Aber unter dem Gemeinschaftsaspekt gesehen, könnten sich Pfarrer und Gemeinden bei weniger Gottesdiensten sogar darauf verständigen, diese immer mit Abendmahl zu feiern. Denn wir sind nicht nur unter das Wort Gottes gerufen, sondern auch an den Tisch Jesu geladen!

Und wir können nicht ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen fordern, wenn wir das Sakrament in unseren Kirchen nicht mehr als tragende Praxis erleben!

Heißt das, dass die weniger werdenden Mitarbeiter noch mehr tun sollen?
Hackbeil:
Nein. Die hohe Belastung der Mitarbeiter macht mir Sorgen. Viele laden sich schon jetzt zu viel auf. Ich habe große Achtung vor dieser Einstellung, aber wir müssen alle darüber nachdenken, wie es anders gehen kann. Leider habe ich kein Rezept, das hat keiner. Aber dass Zeit zur gemeinsamen Suche bleibt, gehört zur geistlichen Klärung. Ich finde es gut, dass die Landeskirche für Pfarrerinnen und Pfarrer Möglichkeiten des Ausgleichs und zum Auftanken schafft, etwa durch Studiensemester, Sabbatzeiten, Aufenthalte im Kloster und anderes.

Geht der Trend nicht doch hin zum Gottesdienst vom Fließband?
Hackbeil:
Ich habe als Dorfpfarrer auch drei Mal am Sonntag Gottesdienste halten müssen und war von Mal zu Mal müder. In meiner Anfangszeit als Propst habe ich gemeint, in meinen Predigten besonders viel Staatstragendes unterbringen zu müssen. Alle Themen, die unsere Kirche jetzt bewegen, in zehn Minuten! Dabei habe ich mich ziemlich verspannt. Erst eine Fortbildung, ein Predigt-Coaching, hat mir geholfen. Da habe ich das Gegenteil gelernt. Weniger ist oft mehr.

Das klingt nach noch mehr Arbeit statt Entlastung.
Hackbeil:
Nein. Denn es muss nicht alles perfekt sein. Alle streben nach Perfektion, aber die Lebendigkeit ist der wesentliche Aspekt, den man nicht über Bord werfen darf. Vier Mal oder öfter eine Predigt vorzulesen ist für mich keine Lösung. Ein bisschen Sicherheit durch das Manuskript ist gut. Aber ein Pfarrer, eine Pfarrerin sollte – im lutherischen Sinne – sich dessen fröhlich gewiss sein, was zu tun ist. Zeigen, wo mich das Wort der Schrift berührt hat.

Propst Hackbeil, der Sommerurlaub an der Ostsee und im Harz liegt hinter Ihnen. Was bringt die nächste Zeit für Sie persönlich?
Hackbeil:
Nach Fortbildungen in »Führen und Leiten« und in klinischer Seelsorge befinde ich mich in einer Ausbildung zum geistlichen Begleiter. Denn der Austausch über den geistlichen Kern unseres Tuns ist doch das Wichtigste überhaupt.

Christoph Hackbeil, Jahrgang 1956, ist seit Januar 2009 Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg und Inhaber der ersten Pfarrstelle am Stendaler Dom. Seine Wahl war die erste Propstwahl in der EKM.

Propst Hackbeil stammt aus Leipzig, wo er die Thomasschule besuchte und im Thomanerchor sang. Nach dem Theologiestudium in Leipzig war er drei Jahre Studieninspektor am Reformierten Konvikt in Halle. Danach wechselten er und seine Frau Ulrike, ebenfalls Pfarrerin, in die Altmark nach Mieste und Gardelegen. Von 2000 bis zu seinem Amtsantritt als Regionalbischof war Christoph Hackbeil Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Das Ehepaar Hackbeil hat drei erwachsene Söhne und vier Enkel. (G+H)

»Der demografische Wandel trifft uns hart«

29. August 2016 von redaktionguh  
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Im Jahr 2025 könnte die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland etwa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahler haben. Wie stellt sie sich darauf ein? Sabine Kuschel sprach darüber mit Finanzdezernent Oberkirchenrat Stefan Große.

Herr Oberkirchenrat Große, wie stellt sich die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) auf den demografischen Wandel ein?
Große:
Die EKM kann sich allein aus ihren Kirchensteuern nicht finanzieren. Lediglich etwa 50 Prozent der Einnahmen sind Kirchensteuern unserer Mitglieder. Etwa 30 Prozent der Einnahmen kommen aus dem Finanzausgleich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und damit von der Gemeinschaft der Geberkirchen. Und etwa 20 Prozent sind Staatsleistungen von den Bundesländern, aufgrund der Staatskirchenverträge aus den frühen 1990er-Jahren.

Stefan Große (57), Leiter des Finanzdezernates im Landeskirchenamt Erfurt. Foto: Harald Krille

Stefan Große (57), Leiter des Finanzdezernates im Landeskirchenamt Erfurt. Foto: Harald Krille

Der demografische Wandel trifft uns hart, aber auch ganz unterschiedlich: Im Norden der EKM wirkt er tendenziell stärker, im Süden aufgrund der höheren Kirchlichkeit weniger. Aber in etlichen Städten nimmt die Gemeindegliederzahl wegen des gesellschaftlichen Trends, in die Städte und Ballungszentren zu ziehen, zu. Mit dem Finanzgesetz ist es uns schon ganz gut gelungen, die unterschiedlichen Situationen in der EKM zu berücksichtigen. Es setzt ganz bewusst nur Rahmenbedingungen für die Arbeit in den Kirchenkreisen und Kirchengemeinden. Dort kann die Arbeit dann auf die unterschiedlichen Voraussetzungen eingestellt werden. Der Schwerpunkt liegt darin, den Verkündigungsdienst finanziell zu gewährleisten. Zuerst kommen also die Inhalte. Dafür geben wir das meiste Geld aus.

Die Formel für die Berechnung der zu finanzierenden Stellen für den Verkündigungsdienst kommt mit wenigen Kriterien aus: Gemeindegliederzahl, Einwohnerzahl, die Zahl der Landgemeinden und der prozentuale Christenanteil. Das sind die Makrokriterien. Aufgabe der Kirchenkreise ist es, ihrer jeweiligen Situation und Einsicht angepasste Mikrokriterien zu entwickeln und auf der Grundlage dieser Mikrokriterien die Stellen, die sie aufgrund der Makrokriterien zur Verfügung haben, im Kirchenkreis aufzuteilen. Lebendig wird das Prinzip durch eine transparente und offene Auseinandersetzung im jeweiligen Kirchenkreis.

Wo soll in den nächsten Jahren gespart werden?
Große:
Wir hatten in den letzten Jahren ein gutes Kirchensteueraufkommen. Nur muss man auch sehen, dass EKD-weit seit 1994 die staatlichen Steuern um 50 Prozent gestiegen sind, die Kirchensteuern um durchschnittlich nur 18 Prozent, die Kosten aber um
40 Prozent. Die Entwicklung der Gemeindeglieder ist weiter rückläufig!

Wir gehen nach derzeitiger Planung davon aus, dass wir im Jahr 2025 mit dem Renteneintritt der Babyboomer-Generation 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahler aus dem Bereich der Erwerbstätigen haben werden. Damit werden die Einnahmen sinken und wir müssen die Ausgaben anpassen. Das ist bitter, wird aber nicht weniger bitter, wenn wir die Augen davor verschließen. Wenn wir uns aber heute unaufgeregt darauf einstellen, nicht in Panik verfallen, angemessen langfristig planen und die Chancen aus der vergleichsweise guten Situation heute nutzen, wird auch dies – mit allen Schwierigkeiten – gestaltbar sein.

Wir versuchen zunächst die Einnahmen zu stabilisieren. Neben der Kirchensteuer gibt es noch weitere Einnahmen, wie zum Beispiel die Einnahmen aus Grundstücken. Hier denke ich insbesondere an die Pachteinnahmen aus dem Pfarrland, die den Kirchenkreisen zur Verfügung stehen. Immerhin finanzieren die Kirchenkreise der EKM gegenwärtig rund 140 Pfarrstellen aus den Pfarrlandeinnahmen. Dem Baulastfonds der Kirchenkreise fließen aus den Pachten rund 5 Millionen Euro zu. Deutlich Luft nach oben gibt es beim Gemeindebeitrag, der in voller Höhe in der jeweiligen Kirchengemeinde bleibt. Wie bei allen Spenden kommt es sehr darauf an, ob und wie geworben wird, ob es konkrete Projekte
gibt, die den Beitrag plausibel machen.

Wo muss oder soll denn nun konkret gespart werden?
Große:
Sparen ist übrigens eine Bezeichnung, die nicht zutreffend ist. Wer spart, legt etwas von dem, was er übrighat, auf die hohe Kante. Wir versuchen von dem Geld, das wir heute schon zu wenig haben, weniger auszugeben. Dabei kommen wir an dem Schwerpunkt, dem Verkündigungsdienst, leider nicht vorbei. Ab Januar 2019 müssen die Kirchenkreise ihre bisherigen Stellenpläne aufgrund der veränderten Kriterien anpassen. Das wird zu einer zusätzlichen Einsparung von rund 80 Stellen im Verkündigungsdienst der 37 Kirchenkreise führen.

Das Finanzgesetz legt auch fest, dass die Finanzierung der Ebene der Landeskirche und aller ihrer Aktivitäten an die Entwicklung auf der Ebene der Kirchenkreise und Kirchengemeinden gekoppelt ist.
Große:
Das betrifft alle gesamtkirchlichen Aufgaben vom Zuschuss für die Diakonie über die Finanzierung des Pädagogisch-Theologischen Instituts, der Evangelischen Akademien, der Tagungshäuser, der Sonderseelsorge bis hin zum Landeskirchenamt oder Zuschüssen für die Kirchenzeitung, um ein paar Beispiele zu nennen. Es kann in der EKM nicht auf der Ebene der Kirchenkreise und Kirchengemeinden weniger und auf der Ebene der Landeskirche mehr Geld ausgegeben werden. Daher hat Präsidentin Andrae in ihrem Sommerinterview auf den Betrag von 2,5 bis 3 Millionen Euro hingewiesen, den die Landeskirche bis 2019 einsparen muss. Das wird hart und für das Landeskirchenamt kann ich sagen: Wir sind schon mitten in den Diskussionen.

Wie kann vermieden werden, dass der nächsten Generation Lasten übergeben werden?
Große:
Wir haben in den vergangenen Jahren auf dem Weg der finanziellen Konsolidierung der EKM einiges geschafft. Die guten Kirchensteuer-Jahre waren da hilfreich. Wir konnten gerade bei der Sicherung der Pensionsansprüche Fortschritte erreichen. Gleichzeitig bescheinigt uns ein Versorgungsgutachten eine Lücke bei der Absicherung von immer noch 122 Millionen Euro. Diese wäre durch eine entsprechende Sonderzahlung zu schließen. Daran arbeiten wir. Wäre sie geschlossen, hätten wir im Haushalt Mittel frei. Diese könnten gezielt eingesetzt werden, um langfristig weitere Mittel zu akkumulieren, die die zukünftigen Haushalte derer, die nach uns Verantwortung tragen, entlasten würden.

Gut ist auch, dass die EKM selbst keine Kredite zur Finanzierung des laufenden Haushalts benötigt. Die Kreditbelastung der Kirchenkreise und Kirchengemeinden ist ebenfalls rückläufig. Kredite auf diesen Ebenen wurden stets nur für Investitionsvorhaben und im Regelfall auch nur für 10 Jahre aufgenommen.

Der Blick in die Zukunft: Wie wird die EKM im Jahr 2025 aussehen? Wo liegen ihre Schwerpunkte?
Große:
In zehn Jahren sind wir, so Gott will und keine Katastrophen eintreten, finanziell so solide wie heute. Wir werden hoffentlich Chancen noch zu nutzen wissen.

Dazu gehören für mich die Erprobungsräume, die hoffentlich bis dahin Nachahmer gefunden haben. Innovationsfreude sollte uns beflügeln und stärker sein als manche Klage, die bestimmt ihre Berechtigung hat, aber nicht das letzte Wort haben sollte. Schön wäre es auch, wenn dann in der EKM wieder stärker über Inhalte und erst in zweiter Linie über Geld gesprochen würde. Kirche ist zuerst eine lebendige Gemeinschaft, die Christen zusammenführt, die sie gestalten wollen, und das nicht mit dem Taschenrechner, sondern mit dem Bekenntnis zu dem, der da war, der da ist und der da sein wird.

Mitteldeutsch-2-35-2016

Arme – mitten unter uns?

16. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Kirche und Armut: In einer immer tiefer gespaltenen Gesellschaft bedarf es mehr Sensibilität und anderer Strukturen – auch in den Kirchen

Jeder kennt die bettelnde Frau in der Innenstadt, den Mann, der die Mülleimer durchwühlt. Doch es gibt auch eine Armut, die kaum jemand wahrnimmt und die einsam macht. Wie Friedrich W. es erlebt hat.

Für Jesus war es klar – am Ende zählt nur eins: »Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan« (Matthäus 25,40). Deshalb zieht sich das Engagement für Arme durch die Geschichte des Christentums, durch die Geschichte der Kirchen. Sicher in manchen Zeiten stärker, in anderen schwächer ausgeprägt. Bis heute gilt: Man tut etwas »für« die Armen.

Doch genau hier liegt schon der erste Knackpunkt. »Feiern bei Ihnen in der Gemeinde die Alkoholkranken und Obdachlosen mit Ihnen das Abendmahl? Sitzen im Gottesdienst regelmäßig auch nicht so gut riechende Menschen mit abgetragener, schmutziger Kleidung neben Ihnen?«, fragt Friedrich W.* Das sei doch das Problem, dass wir zwar gern etwas »für« die Armen tun, sie aber eigentlich in den Kirchengemeinden nicht wirklich vorkommen. Sie tauchen höchstens in den Beratungsstellen der Diakonie auf, in den Wärmestuben der Stadtmission, vor der Essensausgabe der Tafel. Und dort sind die Fronten klar. Hier die Starken, Helfenden, da die Schwachen, Armen.

Friedrich W. weiß, wovon er redet. Der einst selbstständige Computerspezialist aus einer mitteldeutschen Großstadt hat es im eigenen Leben erfahren, was es bedeutet, wenn Armut von einer statistischen Größe zu einer persönlichen Erfahrung wird. Damals, als er plötzlich ohne Frau, aber mit sechs Kindern allein dastand. Als ein großer Auftraggeber abgewickelt wurde und er die offenen Rechnungen für monatelange Arbeit in den Wind schreiben konnte. Als in der Wohnung nur noch Möbel vom Sperrmüll standen und im Schrank abgetragene Kleidung hing. Als die demütigenden Wege zu und die »Bevormundung« durch die Sozialbehörden begannen.

»Da habe ich begriffen, wie tief gespalten unser Land ist«, sagt W. Damals kaufte er sich mit Unterstützung des Sozialamtes einen guten Anzug. Damit er als Freiberufler bei den Kunden ordentlich auftreten konnte. Denn auch das lernte W.: »Maskenball – das Äußere zählt!« Mitspielen ist angesagt im Kampf gegen den totalen Abstieg.

Den Anzug hat er wirklich nur bei Kundenbesuchen angezogen. Nicht einmal zum Gottesdienst. In den ging W. sowieso immer seltener. »Es gab Zeiten, da hatte jeder in der siebenköpfigen Familie 40 Pfennige pro Tag zur Verfügung. Wenn dann am Sonntag der Kollektenteller kam, dann war es mir einfach nur peinlich.«

Erich Fromm, deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe, beschrieb in seinem Buch »Die Kunst des Liebens« genau diesen Aspekt: »In der Sphäre der materiellen Dinge ist Geben Reichtum. Nicht der, der hat, ist reich, sondern der, der viel gibt.« »Armut«, fährt er fort, sei nicht nur wegen des unmittelbaren Leides so erniedrigend, sondern weil sie »den Armen der Freude des Gebens beraubt«.

Mittelstand unter sich: Wo finden sich die Armen in der Kirche, wo ist man sensibel für die versteckte, verschämte Armut? Foto: epd-bild

Mittelstand unter sich: Wo finden sich die Armen in der Kirche, wo ist man sensibel für die versteckte, verschämte Armut? Foto: epd-bild

Es ist frustrierend, in der Vorweihnachtszeit beim Bummel mit Kollegen über den Weihnachtmarkt nicht auch mal eine Runde Glühwein ausgeben zu können. Deshalb geht man lieber gar nicht mehr mit. Es schmerzt, wenn andere nach dem Gottesdienst vom Urlaub erzählen, den man sich selbst schon seit Jahren nicht mehr leisten konnte. Deshalb hält man sich lieber von den Gesprächen fern. Es ist demütigend für Kinder, die Einladung zum gemeinsamen Kinobesuch ausschlagen zu müssen, weil einfach kein Geld dafür vorhanden ist. Ja, Armut schmerzt. Und macht einsam.

Friedrich W. erinnert sich noch wie heute an ein Gemeindefest. Früher, vor der Wende, waren Kaffee und Kuchen hier immer kostenlos. Doch plötzlich wurde dafür kassiert. Leise schob er den Teller mit dem Kuchen und die Tasse mit dem Kaffee wieder zurück … Armut macht einsam. Und das Schlimmste sei, dass es in der Kirche kaum Strukturen gebe, die dem entgegenwirken, sagt er.

Da führen Konfirmandenfreizeiten in andere Länder. Doch was macht die alleinerziehende Mutter, deren Lohn nur durch Aufstockung vom Amt überhaupt zum Leben reicht? Natürlich kann jederzeit ein Antrag auf Beihilfe oder Kostenübernahme gestellt werden. Doch wer bedenkt, was es für Betroffene bedeutet, sich als »arm« und »bedürftig« zu outen?

Friedrich W. hat es geschafft. Durch Glück und Fleiß. Irgendwann Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts machte er eine kleine Erbschaft. Irgendwann kamen wieder Aufträge. Bis zum Ruhestand konnte er noch einmal »richtig gut Geld verdienen«. »Jetzt gehöre ich wieder zur anderen Seite«, sagt W. Doch damit will er sich nicht abfinden. Es muss sich etwas ändern. Im Staat, in der Gesellschaft, in der Kirche.

Eine Sache hat er bereits geändert. In seiner Kirchengemeinde wird bei Festen kein Kaffee und Kuchen mehr verkauft. Nur eine Spendenbüchse steht auf dem Tisch. Mit dem Ergebnis, dass am Ende jedes Mal mehr Geld in der Kasse ist als beim früheren Verkauf. »Es rechnet sich sogar«, freut sich Friedrich W.

Harald Krille

* Name geändert

Gemeindeglieder als Mitgestalter

5. Mai 2014 von redaktionguh  
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Anhalt: Landessynode beriet über Chancen ländlicher Kirchengemeinden

Die kleinste evangelische Kirche in Deutschland sucht neue Wege.

Weit schweift der Blick vom Schloss Ballenstedt ins östliche Harzvorland – die prachtvolle Kastanienallee hinunter bis hinüber zur Windkraftanlage bei Aschersleben. Das heute etwa 8 100 Einwohner zählende Ballenstedt wird als die »Wiege Anhalts« bezeichnet, eines der Identitätsattribute der Evangelischen Landeskirche Anhalts, der kleinsten in Deutschland. Im Schloss Ballenstedt trafen sich am 25. und 26. April die Landessynodalen Anhalts. Neben Gesetzen und Wahlen stand das Thema »Kirche auf dem Lande – Probleme und Chancen der Kirchengemeinden in der Fläche« auf der Tagesordnung.

Das Schloss Ballenstedt war Tagungsort der Landessynode Anhalts. An diesem geschichtsträchtigen Ort wurde Kirchenpräsident Joachim Liebig (Foto) für eine zweite sechsjährige Amtszeit wiedergewählt. Foto: Jürgen Meusel

Das Schloss Ballenstedt war Tagungsort der Landessynode Anhalts. An diesem geschichtsträchtigen Ort wurde Kirchenpräsident Joachim Liebig (Foto) für eine zweite sechsjährige Amtszeit wiedergewählt. Foto: Jürgen Meusel

Die Landeskirche ist geprägt von ländlichen Strukturen. Die größte Stadt ist Dessau-Roßlau, Sitz des Landeskirchenamtes, mit knapp 84 000 Einwohnern. Umso härter trifft die Kirche die Landflucht und der demografische Wandel. Der Bernburger Pfarrer Matthias Kipp sprach in seinem Impulsreferat am Sonnabend von dramatisch gefallenen Mitgliedszahlen. Die Landeskirche zählt insgesamt rund 40 300 Kirchenmitglieder. Er warnte jedoch gleichzeitig davor, die Zukunft der Kirche nur in den Städten zu sehen. Denn dann müsse man »weiße Flecken« hinterlassen. »Es gibt viele Argumente für Kirche auf dem Lande«, betonte der Theologe, zumal sich die Kirchengebäude und die kirchlichen Friedhöfe »nicht in Luft auflösen«, auch wenn es dort kein Gemeindeleben mehr gäbe.

Kipp stellte Modelle vor, wie man in Frankreich, England oder in der katholischen Kirche mit der Situation umgeht. Denn alle hätten ähnliche Probleme. In Frankreich zum Beispiel seien drei Lebensquellen wichtig: Gebet, Verkündigung und Nähe, das funktioniere ohne Pfarrer und ohne Struktur.

Der Köthener Kreisoberpfarrer Dietrich Lauter machte an einem Beispiel deutlich, dass wir heute noch mit dem Anspruch leben wie nach 1945, wo es noch zehnmal so viele Christen gegeben habe: Beim Pfarrer ruft eine Frau an, sie könne nicht zum Gottesdienst kommen, und Frau X sei krank und Frau Y bekäme Besuch. »Da brauchen Sie gar nicht zu kommen.« Das mache deutlich, dass Gottesdienst nicht mehr als öffentliches Angebot verstanden würde.« Patentlösungen gebe es nicht. Es müssten individuelle Lösungen gefunden werden und man müsse lernen, im Team zu arbeiten. Klar wurde auch, dass Ehrenamtliche eine wichtige Rolle spielen, dass sich Gemeindeglieder nicht mehr als Zuschauer verstehen, sondern als Mitgestalter. Ein Weg dorthin ist die Initiative »Anhalt betet«, die jetzt anläuft. Mithilfe eines Faltblattes können in jeder Gemeinde regelmäßig Menschen zusammenkommen, ohne dass ein Pfarrer vor Ort ist.

Zur Rolle von Lektoren äußerte sich Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau. Sie seien keine Kopien des Pfarrers, sondern sollten »so eingesetzt werden, dass sie selber noch Freude am Gottesdienst haben«.

Dass Anhalt seine Kleinheit als Chance wahrnimmt, betonte Kirchenpräsident Joachim Liebig. »Ich bin überzeugt, dass wir als Landeskirche auf Dauer stabil sein werden«, sagte er in seinem Synodenbericht. Liebig war als Oberhaupt der Kirche in Anhalt am Sonnabend mit großer Mehrheit für eine zweite Amtszeit wiedergewählt worden.

Dietlind Steinhöfel

www.landeskirche-anhalts.de/projekte

Willkommenskultur üben

10. Februar 2014 von redaktionguh  
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Flüchtlinge: Kirchengemeinden können für sie viel tun, sie sollten aber auch ihre Grenzen kennen

Kriege in der Welt wirken bis in die Städte und Dörfer Mitteldeutschlands hinein. Immer mehr Flüchtlinge suchen hier Schutz. Wie können Kirchengemeinden helfen?

Die Frage, wie Kirchengemeinden Flüchtlingen helfen können, kann nicht einheitlich beantwortet werden. »Es gibt auch Gebiete in der EKM und Anhalt, wo das Problem nicht offensichtlich ist«, sagt Petra Albert, Beauftragte für Migration und interreligiösen Dialog in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Anhalt. Manche Gemeinden reagierten aus Unsicherheit zurückhaltend, und wieder andere seien offen und überlegten, wenn Leute vor ihrer Tür stehen, was sie tun können.

Syrische Flüchtlingsfamilien brauchen nicht nur materielle Unterstützung. Foto: epd-bild/ Guenay Ulutuncok

Syrische Flüchtlingsfamilien brauchen nicht nur materielle Unterstützung. Foto: epd-bild/ Guenay Ulutuncok

Notwendig ist das, denn die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland, die den einzelnen Bundesländern zugewiesen werden, ist deutlich gestiegen. In Sachsen-Anhalt zum Beispiel wurden im vergangenen Jahr in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) in Halberstadt 4 333 Erst- und Folgeanträge von Asylsuchenden registriert. 2012 waren es nur 2 683 Anträge. Bis Mitte März dieses Jahres soll die Erstaufnahmekapazität von 800 auf 1 000 Plätze erweitert werden. Die ZASt verteilt die Flüchtlinge auf kreisfreie Städte und Landkreise. Vermehrt sollen sie anstatt in Sammelunterkünften dezentral in Wohnungen untergebracht werden.

Wenn Flüchtlinge dann gezielt an die Tür einer Kirchengemeinde klopfen, hat das unterschiedliche Gründe. Der naheliegende: Sie sind Christen und wollen den Gottesdienst besuchen. »Normalerweise«, so Petra Albert, »wird die Religionszugehörigkeit der Flüchtlinge nicht abgefragt. Aber etwa 50 Prozent sind Christen aus verschiedenen Konfessionen, die Anschluss suchen.« Sie würden aus ihren Heimatgemeinden die Sitte kennen, dass man Neue im Gottesdienst öffentlich begrüßt. »Hier ist das nicht so üblich; das kommt bei den Neuen so an, als ob sie nicht willkommen wären.« Aber das ließe sich schon mit einigen Worten ändern. »Viele Flüchtlinge stammen aus Kulturen, in denen Gastfreundschaft ein großer Wert ist. Mit unserer Zurückhaltung können sie oft nicht umgehen«, sagt die Ausländerbeauftragte.

Oft wenden sich Menschen aus dem persischen Sprachraum mit der Bitte um die Taufe an die Gemeinden. Zudem würden Flüchtlinge mit praktischen Anliegen vorstellig. Hier sei es wichtig, dass Gemeinden klare Grenzen ziehen bei dem, was sie leisten können: Taufunterricht mithilfe eines Dolmetschers – ja; Kinder betreuen und Deutsch üben – ja; Beratung, die hohe Spezialkenntnisse erfordert – nein. Hier sei es wichtig, sie an Fachleute weiterzuvermitteln, denn »schlechte Beratung nützt den Menschen nichts«.

Was ihnen hilft, ist auch eine finanzielle Unterstützung. In der EKM werden in diesem Jahr zwei Kollekten gesammelt: am Sonntag Invokavit für Therapien für traumatisierte Flüchtlinge, am Buß- und Bettag für die gemeindebezogene Ausländerarbeit. »Das Geld wird auch abgefragt«, blickt Petra Albert auf Sammelergebnisse vergangener Jahre zurück, »aber wir konnten nicht alles abdecken.« Deshalb begrüßt sie die Initiative des katholischen Bistums Magdeburg für den Fonds »Flüchtlingshilfe Sachsen-Anhalt«, der mit 60 000 Euro ausgestattet ist und mittels Spenden aufgestockt werden soll.

Grundsätzlich ist Petra Albert froh darüber, dass Kirchengemeinden ihre Stimme für Flüchtlinge erheben, zum Beispiel dann, wenn in einzelnen Orten Initiativen Stimmung gegen die Unterbringung von Flüchtlingen machen. »Pfarrerinnen und Pfarrer übernehmen dann selbstverständlich die Aufgabe, alles auf eine Gesprächsebene zu bringen.« Da gebe es kein Schweigen und kein Wegducken. »Die meisten Flüchtlinge, die zu uns kommen, wollen arbeiten.«

Daher helfe es überhaupt nicht, Stimmung gegen sie zu schüren. »Diese Menschen machen sich doch auf den Weg, weil sie in ihrer Heimat für sich überhaupt keine Lebensperspektive sehen«, gibt sie zu bedenken.

Angela Stoye

Kontakt: Petra Albert, Beauftragte für Migration und interreligiösen Dialog in der EKM und Anhalt, Telefon (03 91) 5 34 63 93, E-Mail <petra.albert@ekmd.de>

Flut gewaltiger als vor elf Jahren

9. Juni 2013 von redaktionguh  
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Kirchengemeinden bieten Hochwasseropfern Notunterkünfte an

Das Hochwasser in Mitteldeutschland geht in Thüringen zwar zurück. Die Lage in Sachsen-Anhalt hat sich jedoch noch nicht entspannt. So sind Parks und das Dessau-Wörlitzer Gartenreich bedroht. Der Ort Altjeßnitz bei Raguhn und der Ortsteil Jeßnitz West, beide in der Landeskirche Anhalts gelegen, sind überflutet. Jeßnitz selbst ist von der Außenwelt abgeschnitten. »Unser Mitgefühlt und unsere Gebete sind jetzt bei allen Menschen, die vom Hochwasser betroffen sind – in Anhalt und darüber hinaus«, sagte Kirchenpräsident Joachim Liebig. Noch sei es zu früh für konkrete Maßnahmen der Landeskirche. Die Pfarrerinnen und Pfarrer stünden jedoch für seelsorgerliche Anliegen zur Verfügung.

Foto: privat

Foto: privat

Für Betroffene des Hochwassers an der Weißen Elster im thüringischen Gera stehen seit Montag mehrere Notunterkünfte bereit. Neben Turnhallen biete auch das Evangelische Gemeindehaus in der Talstraße Unterkünfte an. Die ostthüringische Stadt erlebte die schwerste Naturkatastrophe seit 1954 und 1981. Teile der Innenstadt seien ebenso überflutet wie der Ortsteil Untermhaus. Das Lutherhaus und die dort angesiedelte Kirchenkreis­sozialarbeit stehen unter Wasser. Bei weiter steigenden Pegelständen sei mit der Trinitatiskirche die älteste ­Kirche der Stadt gefährdet. Auch der Regionalbischof des Sprengels Gera-Weimar, Propst Diethard Kamm, konnte seine Wohnung nicht betreten. Er rief dazu auf, als Christinnen und Christen im Gebet und mit praktischer Hilfe den Menschen beizustehen, die durch das Hochwasser in Not geraten sind.

In Thüringen haben die Wassermassen entlang von Saale, Weiße Elster, Ilm, Werra und selbst kleineren Flüssen Spuren der Verwüstung hinterlassen. Bersonders betroffen ist die ostthüringische Stadt Greiz, wo über 100 Menschen evakuiert wurden.

In Halle steht die Kindertagesstätte St. Georgen unter Wasser. Ungeachtet dessen helfen Pfarrer und Gemeindeglieder tatkräftig, gegen die Gefahr anzukämpfen. Außerhalb der Saalestadt, im Pfarrhaus Lochau, wurden Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Das sei bei Überflutung des Deichs gefährdet. Die Johannesgemeinde in Halle will bei Bedarf Notquartiere zur Verfügung stellen.

Großveranstaltungen wie Luthers Hochzeit in Wittenberg oder die Händelfestspiele mussten abgesagt werden. Die Elbe erwartet noch die Wassermassen aus Tschechien. Das Wasser aus Saale und Mulde könnte womöglich nicht abfließen. Somit ist das Bangen noch nicht vorüber.

(mkz)

Es geht nur gemeinsam

27. November 2012 von redaktionguh  
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Modell: Im Kirchenkreis Jena wird der Strukturprozess wissenschaftlich begleitet

Die Streichung und Zusammenlegung von Pfarrämtern beschäftigt die Kirchengemeinden landauf und landab.

Die Kreissynoden hatten in den vergangenen Wochen zum Teil weitreichende Entscheidungen zu treffen, wie die Kreissynode von Jena. Aber etwas läuft anders im ostthüringischen Kirchenkreis: Er hat sich Hilfe von außen geholt.

»Mein theologischer Ansatz ist, dass wir perspektivisch gemeinsam und gabenorientiert arbeiten müssen«, sagt Diethard Kamm, seit 1999 Superintendent in Jena. »Und so etwas geht nur in Regionen, weil ich niemanden kenne, der alle Gaben besitzt.« Die Umsetzung blieb nicht ohne Widerstand. Vor allem hatten viele das Gefühl, die Regionalisierung sei »am Reißbrett« entstanden, obwohl zuvor die Kreissynode eingebunden war, erinnert sich Kamm. Der Eindruck »Wir haben zwar zugestimmt, es aber eigentlich nicht gewollt« schwebte im Raum.

Der Kirchenkreis ging auf Rüdiger Trimpop vom Lehrstuhl Arbeits-, Betriebs- und Organsiationspsychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu, um den Prozess wissenschaftlich begleiten zu lassen und Erfahrungen aus Umsetzungsprojekten in der Wirtschaft zu nutzen. Der Professor für ­Arbeitspsychologie und die junge ­Psychologin Iris Seliger sind auch in der jetzt folgenden Umsetzungsphase in den gelebten Alltag dabei. Nun wird die Struktur mit Leben erfüllt. Iris Seliger, selbst evangelisch und Kennerin der kirchlichen Stukturen, führte zunächst Interviews mit Haupt- und ­Ehrenamtlichen im Kirchenkreis. Sie erstellt in ihrer Diplomarbeit eine Bestandsanalyse. Auf dieser Grundlage wurden Vorschläge für Veränderungen erarbeitet. »Über ein Jahr haben wir zusammengesessen«, erzählt die junge Frau, die nun die Begleitung im Rahmen ihrer Doktorarbeit weiterführt. Doch der Eindruck, dass »die oben« entscheiden, war noch lange nicht ausgeräumt. Anfangs sei eine Gruppe von rund 20 Leuten alle vier Wochen, in der Endphase jede Woche zusammengekommen. Inhaltliche Konzepte wurden erarbeitet und geprüft, wie sie zu erreichen wären. Die einzelnen Vorschläge wurden in die Gemeinden gegeben.

Foto: Lars/Wikipedia

Foto: Lars/Wikipedia

»Der Prozess ist nicht zu Ende. Es reicht nicht, Strukturen zu verändern, sondern wir müssen sie mit Inhalten füllen«, ergänzt Diethard Kamm. Der Kontakt zur Universität und Iris Seliger habe Professionalität in den Prozess gebracht. Die Befragten seien offener gewesen als gegenüber dem Superintendenten. Nicht nur der Kirchenkreis, mit knapp 20000 Gemeindegliedern einer der kleinsten in der EKM, habe profitiert, sondern ebenso die 29-jährige Psychologin. »Im Prozess haben wir alle gelernt und sind gewachsen, die Gemeindeglieder, die Hauptamtlichen und auch die Begleiter«, bescheinigt Kamm.
»Aus meiner heutigen Sicht war das die einzige Möglichkeit, eine optimale Struktur zu gestalten«, beurteilt die Präses der Kreissynode, Katharina Elsässer, die wissenschaft­liche Begleitung. »Zwar können nicht alle Forderungen und Wünsche erfüllt werden, aber vieles wurde genau geprüft und man konnte entgegenkommen.« Vor allem in den ländlichen Gemeinden sei der Wunsch nach mehr Personal im Verkündigungsdienst sehr laut geäußert worden, »zum Teil berechtigt«. Trotzdem empfindet die Präses, dass es recht harmonisch zuging. Durch die Sicht von außen seien die Diskrepanzen ­relativiert worden. »Es hilft sehr, wenn jemand moderiert«, sagt sie.

Es sei viel Sensibilität erforderlich gewesen, blickt Iris Seliger zurück. Vertrauen musste aufgebaut, das Projekt ernst genommen werden. Genauso sei der Umgang mit Zeit ein wichtiger Faktor: Man müsse Druck aufbauen, aber nicht so viel. Denn gerade die Ehrenamtlichen fühlten sich bei diesem hohen Einsatz überfordert.

»Frau Seliger hat uns immer wieder ermahnt, dass wir den Prozess zum Abschluss bringen und dabei gelassen bleiben«, ergänzt der Super­intendent. »Wir sind auch deshalb drangeblieben, weil es Geld gekostet hat.« 10000 Euro wurden bisher investiert, 5000 hatte die Landeskirche dazugegeben. Damit konnte ein kleiner Teil von Hunderten an Arbeitsstunden der Doktorandin vergütet werden. Damit es weitergeht, hat die Kreissynode am vergangenen Sonnabend noch einmal 10000 Euro im Haushalt bewilligt.

»Es ist ein schmerzlicher Prozess, sich von Gewohntem zu verabschieden. Da muss Raum für Trauerarbeit sein«, sagt Diethard Kamm. »Trotzdem: Wenn wir immer weniger berufliche Mitarbeiter haben, müssen wir uns was einfallen lassen. Die Leute sollen nicht von A nach B gehen ­müssen. Die Kirche offen halten, das Evangelium lesen – das können auch Gemeindeglieder. Aber sie brauchen dazu eine klare Beauftragung ihrer Gemeinde. Ich habe die Vision, dass man sich in zehn Jahren gar nicht mehr vorstellen kann, mal nicht im Team gearbeitet zu haben.«

Arbeitskreise aus Haupt- und Ehrenamtlichen machen sich vor Ort ­inzwischen weiter Gedanken über die Zukunft, begleitet von der jungen Psychologin. Die Zeitinvestition würde sich lohnen, meint Iris Seliger, weil langfristig eine Entlastung eintrete. Die Ehrenamtlichen brauchen Rückendeckung und Motivation von den Hauptamtlichen. Wichtig sei zudem, eine Sicht auf den gesamten Kirchenkreis zu entwickeln. Jedenfalls, so Iris Seliger, sei es »sehr spannend, weil es wenige Modelle gibt in der Orga­nisationspsychologie, die Non-Profit-Organisationen im Blick haben, schon gar nicht die Kirche«.

Dietlind Steinhöfel

www.uni-jena.de/Leitung_p_145279. html