Wandernde Orgelpfeifen

14. November 2016 von redaktionguh  
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Trost-Orgel Waltershausen: Neun Töne in Holzhausen wiederentdeckt

Für die Übergabe der bei der Restaurierung der Johann-Michael-Hesse-Orgel (1788) in Holzhausen (Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau) wiederentdeckten Originalpfeifen aus der Trost-Orgel in Waltershausen hatte man ein besonderes Datum gewählt: die Aufführung der Symphonie-Kantate »Lobgesang« von Felix Mendelssohn Bartholdy mit der Thüringen-Philharmonie Gotha, dem Ensemble Vocale Waltershausen und der Kantorei Radeberg unter Leitung von KMD Theophil Heinke am Reforma­tionstag in der vollbesetzten Stadtkirche von Waltershausen.

Rückgabe der Orgelpfeifen vor dem Festkonzert: KMD Theophil Heinke, Gabi Damm vom Orgelverein Holzhausen und Orgelbaumeister Joachim Stade (v. l. n. r.)  Foto: Orgelverein Holzhausen

Rückgabe der Orgelpfeifen vor dem Festkonzert: KMD Theophil Heinke, Gabi Damm vom Orgelverein Holzhausen und Orgelbaumeister Joachim Stade (v. l. n. r.) Foto: Orgelverein Holzhausen

Vor Konzertbeginn wurden die Fundstücke, die sich im Zuge der Res­taurierungsarbeiten in der Werkstatt der Orgelbau Waltershausen GmbH inzwischen auf neun originale Trost-Pfeifen erhöht haben, feierlich überreicht. Orgelbaumeister Joachim Stade erläuterte dabei die Hintergründe der Entdeckung.

Bei der Analyse des Pfeifenwerkes der Hesse-Orgel von Holzhausen seien Tilman Reinhardt, dem Pfeifenmacher der Firma, einzelne nachträglich eingetauschte Pfeifen aufgefallen, die typische Merkmale der Bauweise von Gottfried Heinrich Trost zeigten. Dies überraschte besonders, da dessen Bauform sehr charakteristisch sei. »Als sich dabei auch noch eine trichterförmige Pfeife fand«, so Stade weiter, »erhärtete sich unser Verdacht, dass es sich um Pfeifen aus der Trost-Orgel in Waltershausen handelt.« Trichterförmige Pfeifen kommen im barocken Orgelbau relativ selten vor.

Doch wie waren diese Pfeifen in die Orgel von Holzhausen gelangt?

Die Orgelbauer stellten fest, dass Michael Hesse (zweite Generation der Firma) in den Jahren 1852 bis 1855 an der Trost-Orgel gearbeitet und einige Register umdisponiert hat. Zu diesem Zeitpunkt sei die Orgel in Holzhausen jedoch längst fertiggestellt gewesen.

Doch dann ergab sich eine andere Spur: Im Jahre 1897 hatte Hugo Böhm die Trost-Orgel nicht nur mit einem neuen Gebläse ausgerüstet, sondern auch die »moderne Tonhöhe« der Orgel hergestellt, indem er das gesamte Pfeifenwerk um zwei Halbtöne versetzte und die tiefen Töne C und Cis ergänzte. Dabei blieben entsprechend die beiden obersten Töne h″ und c′′′ übrig, die er entfernte. »Im gleichen Jahr«, berichtet Joachim Stade weiter, »arbeitete Hugo Böhm nun auch an der Orgel in Holzhausen. Hier griff er offensichtlich auf die solide gefertigten Restpfeifen der Trost-Orgel zurück, um kleine, beschädigte Pfeifen zu ersetzen. Tatsächlich lassen alle aufgefundenen Pfeifen originale Signaturen h″ oder c′′′ erkennen …«

Da in der Trost-Orgel die letzten beiden Töne nicht original erhalten sind, ist der Fund von besonderem Interesse. Joachim Stade ist davon überzeugt, dass sich weitere Originalpfeifen in anderen Orgeln befinden, an denen Hugo Böhm in jener Zeit arbeitete. »Immerhin dürfte er noch circa 70 weitere Pfeifen der Trost-Orgel in seiner Ersatzkiste gehabt haben!«

Die Originalpfeifen werden in der Stadtkirche von Waltershausen ausgestellt, bis sie später wieder ihren Platz in der Trost-Orgel bekommen. »In Holzhausen sind aus klanglichen Gründen andere Pfeifen vonnöten«, berichtet Gabi Damm vom Orgelverein Holzhausen, sodass man die kleinen Pfeifen gerne wieder zurückgegeben habe. Dennoch wurde die neuentdeckte, alte »Orgelverwandtschaft« feierlich besiegelt: Der Orgelverein Waltershausen wurde mit einer Spende Pfeifenpate bei der Holzhäuser Orgel, die nach umfassender Restaurierung Ende kommenden Jahres wieder in der Dreifaltigkeitskirche erklingen soll.

Michael von Hintzenstern

Christen bislang kein Thema

10. Juni 2016 von redaktionguh  
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Gemeindemitglieder aus dem Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau fordern eine Debatte über die Religionsfeindlichkeit in der DDR und deren Folgen.

Der 17. Juni wird in Thüringen erstmals als Gedenktag für die Opfer von SED-Unrecht begangen. Der Tag des Volksaufstandes in der DDR bietet nach Ansicht der Thüringer Landesregierung die Chance auf eine neue Herangehensweise an die Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Der Überwachungsapparat, die Strafverfolgung von Oppositionellen und Repu­blikflüchtigen, die Thematisierung von Schuld, Zwangsadoption und Zwangsaussiedlung sollen Teil des Prozesses sein. Einzig die Christenfeindlichkeit kommt dabei nicht vor.

Diskriminierung

Christen im Osten Deutschlands, die die DDR noch erlebt haben, können von Diskriminierung auf vielen Ebenen des Lebens berichten. Wer sich für die Konfirmation oder Firmung anstatt der »freiwilligen« Jugendweihe entschied, dem musste klar sein, dass die Ausbildungs-, Berufs- und Studienwünsche meistens eines bleiben würden: Wünsche. Christen wurden nicht nur in ihrer Religionsausübung eingeschränkt, sie wurden diskriminiert, ihr kirchliches Tun ins Verborgene, ins Private verbannt. Gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone noch 95 Prozent der Bürger einer der beiden Kirchen an, so sind es heute gerade noch 20 Prozent.

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

»Was die Minimierung der Christenzahlen angeht, hat die DDR ganze Arbeit geleistet«, erklärt Pfarrer i. R. Gerhard Sammet aus Ilmenau. Diese Entwicklung ließe sich nicht ungeschehen machen, doch Sammet hofft darauf, dass die Christen- und Religionsfeindlichkeit in der DDR endlich auch Thema einer umfassenden Aufarbeitung der Thüringer Landesgeschichte wird. Darum hat er gemeinsam mit dem Mathematiker Pedro Hertel einen offenen Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition formuliert. Darin beschreiben die Autoren, welche Repressalien Christen in der DDR erleiden mussten.

»Dieser Brief legt den Finger in die Wunde und beschreibt ein großes Dilemma«, betont Christian Dietrich, Landesbeauftragter des Freistaates Thüringen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Auch er glaubt, dass die Christenfeindlichkeit des Regimes bisher zu wenig offen thematisiert worden ist. Darin kritisiert Dietrich auch die Kirchen. Anpassung, das eigene Bekenntnis, Erpressungsversuche des Staates, all das sei bisher zu wenig betrachtet worden.

Die Thüringer Landesregierung, zu deren Koalition auch die Partei die LINKE gehört, bekennt sich im Koalitionsvertrag zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. »Seit Regierungsantritt haben sich zahlreiche Menschen an uns gewandt. Darunter war aber keine einzige Anfrage zur Christenfeindlichkeit. Daraus resultiert auch, dass wir bisher keine Projekte in diese Richtung angedacht haben«, erklärt Staatssekretärin Babette Winter.

Aufarbeitung des Unrechts

Die Landesregierung will mit beiden Seiten ins Gespräch kommen. Gespräche, das ist es auch, was die Verfasser des offenen Briefes wollen: »Es geht uns nicht darum, Entschädigungen für erlittenes Unrecht zu verlangen. Wir wollen mit dem Brief eine Entwicklung, einen Gesprächsprozess darüber in Gang setzen, was diese Religionsfeindlichkeit in der Bevölkerung bewirkt hat und was davon bis heute nachwirkt«, so Sammet. Denn die Rolle und der Platz der Kirchen in der Gesellschaft – damals wie heute – sei ein wichtiges Thema. Darum fordert Mitverfasser Pedro Hertel, dass sich der Landtag mit dem Thema in einer öffentlichen Fragestunde befasst. Und auch eine weitere Debatte innerhalb der Kirchen sei nach seiner Ansicht notwendig. Forschungsergebnisse belegen, dass nicht einmal jedes zweite Opfer von SED-Repressionen über seine Erfahrungen spreche.

Opfer meist sprachlos

Auch Personen, deren Schicksal im offenen Brief von Gerhard Sammet und Pedro Hertel an die Regierungskoalition angedeutet wurde, scheuten sich heute noch, an die Öffentlichkeit zu gehen. »Opfer würden dann gezwungen, sich wiederum mit den Erniedrigungen und den Tätern auseinanderzusetzen«, erklärt Christian Dietrich. Das sei meist nicht hilfreich. Gerade die Auseinandersetzung um Religionsfreiheit ist konfliktträchtig. Das Recht, seinen Glauben in der eigenen Familie und öffentlich zu leben, ist bis heute nicht selbstverständlich. Christian Dietrich glaubt nicht, »dass Aufarbeitung das Ziel hat, dass sich wieder alle lieb haben«.

Vielmehr sollte es darum gehen, das Geschehene zu benennen und Dialoge mit gesellschaftlichen Gruppen zu führen, um in der aktuellen Auseinandersetzung achtsamer miteinander umzugehen.

In der DDR-Vergangenheit gäbe es nicht nur Täter und Opfer, nicht nur Schwarz und Weiß, betonte Staatssekretärin Babette Winter. Entschuldigen könne sich nur, wer schuldig geworden sei, vergeben könne nur der, der Opfer gewesen sei. Für die Landesregierung aber gelte, »dass wir anerkennen, dass es Unrecht war, und das muss es uns wert sein – auch noch in zehn Jahren«.

Diana Steinbauer

Offener Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition

“Fremdenfeindlichkeit” ist ein böses Wort. Im vergangenen fahr 2015 haben wir mehr als genug davon, auch im persönlichen Leben, erfahren müssen. Wir kennen sehr viele Christen, die in ganz Deutschland Herzen und Türen geöffnet haben, um Flüchtlingen zu begegnen und für sie da zu sein. Bis zur Friedlichen Revolution 1989 haben wir Christen in der DDR auch eine spezielle Feindlichkeit erfahren: “Christenfeindlichkeit”. Wir können uns also in die Opfer von Feindlichkeiten jeglicher Art hineinversetzen. Von der Christenfeindlichkeit in der DDR, die wir erleben mussten, berichtet dieser “Offene Brief”. Nach dem Krieg gehörten in der damaligen SBZ etwa 95% der Einwohner einer der beiden großen Kirchen an. Heute sind es nur etwa 20% der Einwohner in den jungen Bundesländern. Wie ist es dazu gekommen? Schon 1956 referierte der katholische Bischof Otto Spülbeck aus Meißen auf dem Kölner Katholikentag: “Wir Christen leben in der DDR in einem Haus, das wir nicht gebaut haben. Wir halten auch die Fundamente dieses Hauses für falsch, Wir dürfen in diesem Haus nur die Treppen säubern.” Diese Feststellung erregte damals großes Aufsehen, besonders natürlich in der DDR. Die Machthaber monierten: Der Sozialismus ist für alle da! Schon ab 1945 hatte die SED in der SBZ die Weichen gestellt: nur eine sozialistische Kinderorganisation: Junge Pioniere (FP) und nur eine sozialistische Jugendorganisation: Freie Deutsche Fugend (FDJ). Aber 1945 war mit den Kirchen abgesprochen worden: Nach Überwindung der Kriegsschäden – auch in den Köpfen – könnt ihr Christen selbständige Organisationen gründen. Dieses Versprechen wurde NIE eingelöst. Das Gegenteil war der Fall. Es gab massive Maßnahmen z. B. gegen die Mitglieder der “Jungen Gemeinde” in der evangelischen Kirche. Sie wurden insbesondere sichtbar von 1950 bis 53, wo z. B. an der Schiller Universität Jena Studenten deshalb exmatrikuliert und verfolgt wurden, was bei der Aufarbeitung der Geschichte der Universität Jena nach 1989 beispielhaft nachgewiesen wurde. Jugendweihe und andere pseudosakrale Riten wurden eingeführt. Die Teilnahme der Kinder und Jugendlichen war angeblich freiwillig, wehe aber denen, die diese Freiwilligkeit in Anspruch nehmen wollten. Berufswünsche, Studienwünsche wurden negativ beeinflusst, wenn ein junger Mensch kein Junger Pionier, nicht in der FDJ war oder nicht an der Jugendweihe teilnehmen wollte. Lebenswege wurden verbaut. Die Konfirmation wurde “erfolgreich” in den Hintergrund gedrängt, sie brachte den Jugendlichen Nachteile. Dieser Trend hat sich bis heute erhalten, etwas, was die damaligen Kinder und heutigen Eltern nie kennengelernt haben, das erwarten sie von eigenen Kindern nicht, viele freuen sich über das Ritual der Jugendweihe, das Fest und Geschenke. Da jede Öffentlichkeitsarbeit der Kirchen verboten war, wurde die Tätigkeit der Kirchen und der christlichen Religion immer mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt. In vielen Bereichen hatte es den Anschein, als sei die Kirche schon tot oder ihre Seelsorge sei überflüssig geworden, sei nur noch Sterbehilfe für wenige alte Menschen. Ein konkretes Beispiel: Ein junger Schüler im heutigen Thüringen hatte in allen Fächern Bestnoten. Ihm fehlten für das schulische Weiterkommen allerdings die Zugehörigkeit zu den JP und die Jugendweihe. Im Gespräch mit dem damaligen Rat des Kreises, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Abteilung Inneres, der zuständige Ansprechpartner für Kirchenfragen: “Der Schulrat ist ein Stalinist, er hasst jeden Christen persönlich”. Diese Erklärung des stellvertretenden Vorsitzenden war schon recht offen – aber niemals hätte er schriftlich dazu gestanden. Trotz aller danach geführten Gespräche, schriftlichen Eingaben von Eltern und dem Pfarrer, trotz der schulischen Bestleistungen wurde der damals 14jährige Schüler nicht zur EOS (Erweiterte Oberschule) zugelassen, damit von Abitur und Erreichen der Studienreife bewusst ausgeschlossen. Weil er Christ war! Das Verhalten des DDR-Staates (SED-Einparteienherrschaft) gegenüber Christen bewegte sich wie auf einer schiefen Ebene, fast unmerklich gab es Absagen, Verunsicherungen, Ausgrenzungen. Andererseits wurden Ausnahmen gemacht und diese dazu benutzt, um sagen zu können: “Na, der hat es doch auch geschafft.” Wie verlogen, verunsichernd und zersetzend. Unter dieser systematischen Benachteiligung christlicher Kinder kam es 1976 zu einem tragischen Höhepunkt. Am 18. August 1976 verbrannte sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz in Zeitz im Talar und in aller Öffentlichkeit und starb. Er hatte bei sich das Spruchband: “Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an. Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.” Der Liedermacher Wolf Biermann nannte dieses Geschehen “Republikflucht in den Tod”. Diese Selbstverbrennung konnte vor der Öffentlichkeit nicht verborgen werden. Die SED-Presse sprach von einem “geistig gestörten Pfarrer”, von einem “Einzelgänger”. Dieses “Zeichen von Zeitz” änderte auch nichts an der Kirchenpolitik der SED. Eigentlich muss es heißen: an der “Christenpolitik”. Weitgehend wurden kirchliche Institutionen und Amtsträger geschont (Kampf gegen die Kirchen wäre für die DDR-Außenpolitik nicht förderlich gewesen), aber nach dem Motto: “Die Hirten schonen, die Schafe zerstreuen und unterdrücken” wurden ostdeutsche Christen in ihren Aktivitäten auf das Äußerste eingeschränkt. Zudem wurden sie an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen: an ihren Kindern. Die Drohung hieß: “Sie wollen doch, dass aus Ihren Kindern einmal etwas wird, dann müssen Sie …!”

Bereits am 30. Mai 1968 ließ der SED Chef und Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ohne Not die aus dem 15. Jahrhundert stammende, im Zentrum Leipzigs gelegene Universitätskirche trotz aller Proteste, sprengen. Sie war seit Jahrhunderten Teil des Leipziger universitären Lebens, Martin Luther predigte hier und J. S. Bach spielte auf der 0rgel. Ulbricht wollte diese Kirche nicht. Das genügte. Kein kirchenfeindlicher Unrechtsstaat? Von Herrn Bodo Ramelow wird erzählt, dass er sich während seiner westdeutschen Zeit für Menschen mit Berufsverbot eingesetzt hat. Für tausende junge Christen gab es in der DDR unausgesprochene Berufsverbote: Wo gab es einen Polizisten, der Christ war? Wo gab es einen Schuldirektor, der Christ war? Wo gab es einen Rektor einer Hochschule, der Christ war? Wo gab es Jurastudenten, die Christen waren? Diese Reihe ließe sich weiter fortsetzen. Manchmal gab es einen Stellvertreter aus einer Blockpartei, der aber “nichts zu sagen hatte”, der als Alibifunktion an diesem Platz war. Diese Berufsverbote wurden wie selbstverständlich von den Menschen hingenommen, als sei dies in jedem Staat der Welt so. Nach der 10. vergeblichen Beschwerde hörten fast alle auf, sich zu beschweren. Zwei fahre vor der Friedlichen Revolution wurde sozusagen als letzter Versuch, von der Stasi initiiert, der “Bund der Freidenker” gegründet. Der Vorsitzende diese Bundes in unserem Kreis Ilmenau, Herr Prof. L., sagte im persönlichen Gespräch: “Dieser Bund wird die letzten Christen ausrotten. Die marxistisch-leninistische Weltanschauung ist allmächtig, weil sie wahr ist. Also Christen macht Platz!”. Eine gefährliche Drohung, aber nur bis zum Herbst 1989 gültig. Im Rückblick auf die Jahrzehnte von 1945-1989 muss man dem DDR-Unrechtsstaat bescheinigen, dass er in seinem Sinne ganze Arbeit an der Minimierung der Christenzahlen geleistet hat. Insbesondere die Stasi, Schild und Schwert der SED, ein Geheimdienst der außerhalb des Rechts stand und Menschen ungebremst, ungehemmt und unkontrolliert bespitzeln, verfolgen, zersetzen und sogar töten konnte, schürte die Grundängste der Menschen. Christen waren Feinde, die sich nicht anpassen wollten und zu einer Minderheit gemacht wurden. Die Thüringer Partei die LINKE hat als direkte Nachfolgepartei der SED im Herbst 2014 in dem Koalitionsvertrag als Zugeständnis an SPD und Bündnis 90/Grüne stehen, dass die DDR in der “Konsequenz ein Unrechtsstaat” gewesen sei. Aber was haben die Thüringer von einer solchen Aussage zu erwarten? Aufarbeitung? Auseinandersetzung mit allem, was Unrechtsstaat bedeutet, z. B. Einparteiendiktatur? Entschuldigungen für vielfach begangenes Unrecht, auch an Christen? Nichts davon spürt man. Bisher ist von wenigen Einzelschicksalen abgesehen, kein einziges Wort über die 44 Jahre Christenfeindlichkeit in der SBZ/DDR gesagt worden. Als hätte es diese schlimmen und folgenschweren Tatsachen und Vorgänge nicht gegeben. Man hört nur vom Streit der alten Genossen von der Basis und Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche über den Begriff, “Unrechtsstaat DDR” von denen, die nun in “Amt und Würden” sind. Im 0ktober 2014 hat der angesehene Politikwissenschaftler und langjährige Vorsitzende der Stiftung Ottersberg Hanns-Joachim Veen im Detail erläutert, weshalb die DDR für hinein Unrechtsstaat war (Thüringer Allgemeine, 8.10.2014).Diese Haltung der Partei die LINKE zu ihrer eigenen SED-Vergangenheit mit der Verantwortung für verursachtes Unrecht, auch gegenüber Christen, macht echte Aufarbeitung unmöglich. Es würde von den Mandatsträgern doch dann eigentlich erfordern, aus Ihrer Partei auszutreten. Wie kann man diese 44 Jahre aufarbeiten, in denen eine Demenz besonderer Art gewachsen ist, in der Menschen schließlich dachten und sagten: “wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben!” Schaut man auf die Fraktion der Partei die LINKE im Thüringer Landtag, so ist festzustellen, dass von den 28 Mitgliedern mindestens 16 schon bis 1989 im Unterdrückungsapparat der SED-Partei auf Kreis- oder Bezirksebene beteiligt waren. Wenn dem Reden ein Tun folgen sollte, dann müsste die Aufarbeitung der Christenfeindlichkeit und des Christenhasses von 1945 bis 1989 endlich beginnen. Allein Herr Ministerpräsident Bodo Ramelow, durch seine westdeutsche Vergangenheit unbelastet vom Vorwurf des DDR Unrechtstaates, spricht ständig davon, wie viel ihm sein evangelischer Glaube bedeutet. Eine Bibel liegt auf seinem Schreibtisch, durfte die Öffentlichkeit erfahren. Aber reichen diese Worte und die zur Schau gestellte Bibel? Herr MP Ramelow hat sich pauschal für in der DDR geschehenes Unrecht entschuldigt, hat sich also für Dinge entschuldigt, die er als westdeutscher Gewerkschaftsfunktionär nicht begangen hat und nie persönlich erfahren musste. Feststeht, dass Herr Ramelow als aktiver evangelischer Christ in der DDR kein erfolgreicher Gewerkschaftsfunktionär geworden wäre. Offen als aktiver Christ in der DDR zu leben und eine erfolgreiche berufliche Karriere zu machen schlossen sich aus. Keinerlei Einsicht oder gar Reue bezeigen dagegen ehemalige SED-Mitglieder, die heute in der Thüringer Linkspartei in der Regierung und in verantwortlichen Positionen sitzen. Noch nie hat Bodo Ramelow in der Öffentlichkeit ein Wort darüber verloren oder sich zudem Unrecht bekannt, welches seine Vorgängerpartei den Christen und ihren Familien in der DDR-Zeit angetan hat. Wir fordern Herrn Ramelow auf, Stellung zu beziehen zum Thema der Christenverfolgung in der ehemaligen DDR und sie öffentlich erkennbar zu thematisieren. Man hört, dass Mitgenossen untereinander lästern: “Von uns aus kann er auch noch der katholischen Kirche beitreten – Hauptsache wir gewinnen dadurch wieder Wahlen”. Wie makaber. Unser Offener Brief soll zum Nachdenken anregen und das Gespräch unter Christen und Nichtchristen fördern. Wir sind Menschen der Hoffnung, weil wir Christen sind! Wir plädieren für eine “ansteckende Gesundheit” für unsere Demokratie, die in Freiheit auch gelebtes Christsein erlaubt. Wir wissen, dass alle Freiheitsliebenden Demokraten diesen offenen Brief unterschreiben (im Sinne von Sophie Scholl: “… was viele denken, aber nicht sagen” am 22. Februar 1943, dem Tag ihrer Hinrichtung vor ihrem Richter in München). Dann braucht ein Herr Dittes (innenpolitischer Sprecher der LINKEN) nicht mehr zu einer Demo aufrufen “Es gibt 1000 Gründe Deutschland zu hassen”, dann gibt es gute Gründe offen und hilfsbereit zu anderen Menschen zu sein. Mit hoffnungsvollen Grüßen und den besten Erfolgswünschen beim Lesen, Nachdenken und Handeln.

Pedro Hertel
Gerhard Sammet

Macht eure Kirchentüren auf

30. November 2015 von redaktionguh  
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Herbstsynode: Das Kirchenparlament der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland diskutierte kontrovers

Flüchtlingshilfe, Öffnung der Kirchengebäude und die Perspektiven der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, waren die Schwerpunkte der Herbsttagung der Landessynode.

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Michael Grolm. Foto: Diana Steinbauer

Zukünftig sollen Kirchentüren nicht mehr verschlossen sein: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Dieter Lemberg, der Präses der Landessynode, am Portal der Erfurter Michaeliskirche; sie laden Menschen ein, kirchliche Räume zu besuchen und die Kirche kennenzulernen. Foto: Willi Wild

Dieser Satz der Landesbischöfin ließ die Synodalen aufhorchen: »Unsere jahrhundertealten Modelle und Formen, Gemeinde und Kirche Jesu Christi zu sein, sind an ihr Ende gekommen.« Vor 80 Synodalen rief Junkermann dazu auf, Kirche und Gemeinde ganz neu zu denken und zu leben. Kirche, so die Landesbischöfin, sei von jeher ein dynamischer Prozess, sie konstituiere sich immer wieder neu. Alte Wege zu verlassen, sei kein Zeichen des Verlustes, sondern des Aufbruchs. »Es braucht eine große Offenheit für offene Prozesse«, so die Bischöfin weiter.

Sicherheit und Stabilität

Dies traf im großen Saal des Landeskirchenamtes in Erfurt nicht bei allen auf Zustimmung. Der Synodale Michael Pabst (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) gab zu bedenken, dass gerade die Kirchen im ländlichen Bereich mit ihren Traditionen und Werten auch für Stabilität und damit Sicherheit stünden, nach der sich viele Menschen sehnten. Veränderungen könnten zur Verunsicherung an der Basis führen.

Der Diskurs in dieser Frage hat gerade erst begonnen und dennoch ist klar: Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist dabei, für die Zukunft neue Wege zu beschreiten. Das gilt ebenso für die Willkommenskultur in der EKM. Nicht nur gegenüber Flüchtlingen, sondern auch gegenüber Menschen, die sich der Kirche nicht oder nicht mehr verbunden
fühlen.

»Jedes Kirchgebäude soll spätestens ab Frühjahr 2017 tagsüber geöffnet sein«, so Landesbischöfin Junkermann. Das gelte für 3 950 der insgesamt 4 031 Kirchen in der EKM. Es solle einer echten Begründung bedürfen, die Kirche verschlossen zu halten. Natürlich seien solche Öffnungen im Hinblick auf Vandalismus, Diebstahl und Sachbeschädigung auch mit Risiken verbunden.

Mit anderen für andere

Dennoch betonte Junkermann: »Wir wollen Kirche mit anderen und für andere sein, eine öffentliche Kirche.« Die Öffnung der Kirchen wurde auch von vielen Synodalen als große Chance in der Vermittlung des Glaubens und kirchlicher Traditionen gesehen. Es gibt aber auch Bedenken. So führte beispielsweise die Synodale Angelika Greim-Harland, Superintendentin im Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau, an, dass es Menschen brauche, die als Ansprechpartner in diesen geöffneten Räumen zur Verfügung stünden. »Nur die Türen aufzuschließen reicht nicht aus«, meinte sie.

Dass der Wunsch zur Öffnung vorhanden ist, zeigt eine aktuelle Umfrage zur Initiative »Offene Kirchen« auf den Internetseiten des MDR. Bisher sprachen sich 99 Prozent aller Teilnehmer dafür aus, Kirchen ganztägig geöffnet zu halten.

Der Bericht der Landesbischöfin wurde diesmal erstmalig via Livestream im Internet übertragen. Außerdem konnte die Tagung beim Nachrichtenkurzdienst Twitter verfolgt werden.

Protest der Landwirte

»Die agrarindustrielle Großflächenlandwirtschaft zerstört die Lebensgrundlage vieler Arten, aber auch die Lebensgrundlagen bäuerlicher Existenzen hier und in der sogenannten dritten Welt. Die Kirche steht hier in besonderer Verantwortung.« Das hat Reiko Wöllert, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) am Rande der Landessynode erklärt. Gemeinsam mit dem AbL-Vorsitzenden Michael Grolm übergab Wöllert Landesbischöfin Ilse Junkermann Vorschläge für Kriterien bei der Verpachtung von Kirchenland. Junkermann versicherte, die EKM strebe nach einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Boden, der ihr anvertraut sei. »Grund und Boden ist mehr als eine Ware, die bestimmt wird durch Angebot und Nachfrage«, betonte die Landesbischöfin. Bei der Synode war auch die Evaluation des Pachtvergabeverfahrens eines der viel diskutierten Themen.

Das Kirchenparlament hat bei seiner Herbsttagung auch den Haushalt für das Jahr 2016 in Höhe von 173 Millio­nen Euro einstimmig verabschiedet. Über drei Viertel der Plansumme gehen in die Kirchenkreise und Kirchengemeinden. Für die landeskirchenübergreifenden Verpflichtungen sind knapp 3,5 Millionen Euro vorgesehen. Damit verbleiben 21 Prozent für die Aufgaben der Landeskirche mit ihren Werken und Einrichtungen.

Diana Steinbauer und Willi Wild

Kirche bleibt im Dorf

29. Juni 2015 von redaktionguh  
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Der »Goldene Kirchturm« für Thüringen geht in diesem Jahr an den Kirchbauförderverein Golmsdorf-Beutnitz (Kirchenkreis Jena). Die mit 3 000 Euro dotierte Auszeichnung wurde am Sonnabend beim Jahrestreffen der Thüringer Kirchbaufördervereine in Neudietendorf verliehen. Die Fördervereine der Kirchengemeinden Altersleben und Gügleben (beide Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau) wurden mit den zwei Anerkennungspreisen geehrt, die jeweils mit 1 000 Euro dotiert sind.

Der Erhalt der Kirche St. Barbara in Golmsdorf wird von den Einwohnern mitgetragen. Foto: Gabriele Köhler

Der Erhalt der Kirche St. Barbara in Golmsdorf wird von den Einwohnern mitgetragen. Foto: Gabriele Köhler

Für die Kirche in Golmsdorf hatte der Verein 45 000 Euro Spenden gesammelt. Zudem soll im Kircheninnenraum ein Kolumbarium gebaut werden, also eine Stätte zur Aufbewahrung von Urnen. Dem Verein in Golmsdorf-Beutnitz sei es gelungen, die gesamte Bevölkerung für die Sanierung und den Erhalt der Golmsdorfer Kirche zu mobilisieren, begründete Propst Reinhard Werneburg, Beauftragter für Kirchbaufördervereine in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), die Auszeichnung.

Zum Engagement des Fördervereins in Altersleben sagte Werneburg: »Der Verein der 350-Seelen-Gemeinde hat einen langen Atem bewiesen bei der Sanierung der Kirche: die Orgel wurde saniert, die Kanzel, das Glockenhaus, die Emporentreppe. Die Menschen wollen ihre Kirche im Dorf erhalten und sind hartnäckig und engagiert drangeblieben in den vergangenen Jahren.« Den Förderverein der Kirche in Gügleben habe die sechsköpfige Jury ausgewählt, »weil er sehr kreativ war bei der Akquise von Spenden für die Sanierung des Kirchendachs, unter anderem mit der Idee, Spendenziegel zu verkaufen«.

(epd)