Mit dem Herz bei den Menschen

15. Mai 2017 von redaktionguh  
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Tag der Pflege – für Steffi Schmaltz (51) und Hans-Jörg Vollbrecht (47) ist dieser Tag nicht nur einmal im Jahr. Mit der Pflegerin und dem Pfleger sprach Adrienne Uebbing.

Warum haben Sie sich für einen Pflegeberuf entschieden?
Schmaltz:
Ich hab, ganz ehrlich gesagt, keinen anderen gekannt (lacht). In meiner Familie sind sie alle Krankenschwester, und ich hab mit 16 Jahren Krankenschwester gelernt, also nach der 10. Klasse. Wahrscheinlich habe ich mich aus Familientradition dazu berufen gefühlt, zu helfen und in die Pflege zu gehen.
Vollbrecht: Ich hatte mich ursprünglich nicht für den Pflegeberuf entschieden. Das geschah eher aus der Not heraus. Ich bin gelernter Koch und war hier Küchenleiter. Als die Küche geschlossen wurde, ist die Geschäftsführerin auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, in die Pflege zu gehen. Das habe ich dann getan, mich entsprechend weiterqualifiziert und für mich passt das jetzt sehr gut. Es war rückblickend ein Glücksfall. Wenn man mit Menschen umgehen kann und gerne hilft, dann ist das kein Problem.

Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Schmaltz:
Also, ich bin ja noch nie woanders gewesen als berufstätige Frau, ich hab immer diesen Beruf gemacht. Und er macht mir heute noch Spaß, sonst hätte ich das bestimmt schon eher mal aufgegeben. Aber ich bin mit Leib und Seele Krankenschwester. Ich kann nichts anderes und das ist für mich meine Berufung.

Was macht die Diakonie als Arbeitgeber aus?
Schmaltz:
Ich habe 1990 hier angefangen und bin auch in die Brüdergemeine eingetreten. Ich habe mich taufen lassen, zusammen mit meiner Tochter und meiner Mutter. Für mich ist der Glaube sehr wichtig. Und wir sind ja ein christliches Haus: Bei uns finden Gottesdienste statt und auch Andachten. Ganz ehrlich: Das macht für mich sehr, sehr viel aus. Das gibt mir viel Kraft. Meine Mitarbeiter sind nicht alle in der Kirchgemeinschaft, aber viele sind auch christlich, und das gibt mir Kraft.

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht.Foto: Sandra Smailes

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht. Foto: Sandra Smailes

Vollbrecht: Das macht wirklich einen Unterschied, ja. Ich bin Mitarbeitervertreter und wir haben etliche Kollegen, die wegen zwei-, dreihundert Euro mehr in andere Heime gehen. Von denen kommen ganz viele wieder zurück, weil sie sagen: Hier bei der Diakonie erleben wir Gemeinschaft und Teamgeist. Einer springt für den anderen ein, man lässt sich nicht hängen. Normalerweise, Ausnahmen gibt es immer, ist ja klar (lacht).

Wie empfinden Sie das Image des Pflegeberufes, was halten Ihre Familien und Freunde davon?
Vollbrecht:
Na ja, oft kommt ein ganz großes »Chapeau«, man zieht den Hut vor unserer Arbeit, aber: wirklich machen will sie keiner. Und wenn ich wieder einspringen muss, dann kommt schon von der Partnerin ein kritischer Blick. Aber das ist auch, denke ich, legitim.
Schmaltz: Was meinen Freundes- und Bekanntenkreis anbelangt – die schätzen meine Arbeit schon. Viele sagen aber: »Oh, das könnte ich nicht. Und immer feiertags arbeiten und am Wochenende …« Meine Familie hat Verständnis für die ungewöhnlichen Arbeitszeiten, für die Schichtarbeit. Wir kriegen das gut unter einen Hut. Da gibt es keine Fragen, es ist ganz normal, gehört eben dazu – wir kennen es nicht anders.

Frau Schmaltz, führt Ihre Tochter denn die Familientradition fort?
Schmaltz:
Nein. Stellen Sie sich das vor: Sie ist die Einzige, die das nicht kann. Bei uns sind ja alle in der Pflege gewesen: meine Oma, meine Mutter, meine Tante. Als meine Tochter es mal als Ferienarbeit versuchen sollte, hat sie gesagt: »Ich kann das nicht, Mutti.« Die ist aus der Art geschlagen (lacht).
Vollbrecht: Ja, manch einer kann z. B. mit Ausscheidungen von Menschen nicht so gut umgehen oder hat ein sehr starkes Geruchsempfinden. Damit muss man umgehen können.

Warum können Sie jungen Menschen empfehlen, einen Pflegeberuf zu ergreifen?
Vollbrecht:
Erstens, weil Pflegepersonal gebraucht wird. Denn die zu Pflegenden werden nicht weniger. Und außerdem kann man anderen helfen. Man bekommt Dankbarkeit zurück – auf alle Fälle.
Schmaltz: Ich empfehle den Beruf, weil der Dienst an den Menschen in meinen Augen mit das Wichtigste ist, was man machen kann. Und vor allem an den alten Menschen. Es ist nicht immer einfach, das wissen wir selbst. Auch wenn sie sterben – es ist schwierig, damit zurechtzukommen. Manchmal auch für mich, auch noch nach all den Jahren. Aber ich kann den Pflegeberuf nur empfehlen, weil unsere alten Leute bestimmt nicht weniger werden. Und hoffentlich gibt es dann noch Menschen, die das gerne machen.

Wenn Sie einen Wunsch in Bezug auf Ihren Arbeitsplatz frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Vollbrecht:
Mehr Zeit für die Patienten, für die zu Pflegenden, weniger Bürokratie, weniger Dokumentation. Ich glaube, diesen Wunsch haben alle.
Schmaltz: Auf meiner Arbeitsstelle ist es eigentlich wirklich schön und angenehm. Aber ich würde mir wünschen, dass wir vielleicht mehr Zeit hätten für unsere Bewohner. Ein bisschen mehr Zeit, um Gespräche führen zu können – das würde ich mir von von Herzen wünschen. Mal am Bett sitzen zu können, 20 Minuten oder eine halbe Stunde. Und den Menschen, den ich pflege, um den ich mich kümmere, noch besser kennenzulernen und nicht zum nächsten Bewohner zu rennen.

Aus drei wird eins
Die Reform der Pflegeberufe sieht vor, dass ab 2019 die bisher getrennten Bildungswege in der Pflege abgeschafft und in einer gemeinsamen Pflegeausbildung zusammengefasst werden. Wer diese dann drei Jahre lang durchläuft, kann anschließend sowohl als Kranken-, Alten- oder Kinderkrankenpfleger arbeiten. Wer sich aber auf Alten- oder Kinderkrankenpflege festlegen möchte, kann nach zwei Jahren auch in einen spezialisierten Zweig einschwenken. Die neuen Ausbildungsregeln sollen zunächst für sechs Jahre getestet werden.

(G+H)

Der Samariter mit den Bonbons

14. September 2015 von redaktionguh  
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Flüchtlinge: Wie Fabian Groh innerhalb von 48 Stunden zum Seelsorger für Flüchtlinge in Budapest und Saalfeld wurde

Die Bilder von den Flüchtlingen haben ihn nicht mehr losgelassen. Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz will helfen, nicht nur reden. Spontan packt er Wasser, Brot, Plüschtiere und Süßigkeiten in sein Auto und fährt los – ohne Navi, ohne Landkarte. Sein Ziel ist der Ostbahnhof in Budapest. Dort, wo viele Hundert Menschen aus Syrien, Pakistan und anderen Ländern ausharren. Über seine Eindrücke sprach er mit Willi Wild.

Warum sind sie spontan nach Budapest gefahren?
Groh:
Ich hielt das für notwendig. Die Handlungsanweisung dazu finde ich in der Bibel, mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder Matthäus 25, Vers 40: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« Wenn wir als Kirche weitermachen wie bisher und die halb toten Leute vor unserer Tür liegen lassen, dann werden wir dem Herrn nicht gerecht. Ich bin losgefahren und habe mich in Budapest durchgefragt zum Ostbahnhof, zur Keleti-Station. Und bin dort einfach hingegangen.

Was haben Sie vor Ort erlebt?
Groh:
Tausende Menschen lagen und lagerten im Bahnhof auf der Erde, bedroht von Hooligans, geschützt von der Polizei. Ich traf auf Familien mit Kindern, aber auch alte und kranke Menschen. Einige hatten mich gebeten, sie doch nach Deutschland mitzunehmen. Der alte Mann mit Katheter, der neben seinem Rollstuhl auf der Erde lag, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Diese verzweifelte Situation ging mir so zu Herzen, dass ich still stehen blieb und gebetet habe.

Konnten Sie den Menschen helfen?
Groh:
Allein, dass ich da war, die Not gesehen habe, hat den Menschen geholfen. Ich habe zugehört, von meinen Hoffnungen erzählt. Nahrungsmittel und Getränke, die ich mitgebracht hatte, habe ich verteilt. Eine kleine »Schatzkiste« hatte ich ebenfalls eingepackt. Darin waren Bonbons, die ich sonst an Kinder im Gottesdienst verteile. Die Kiste habe ich aufgemacht. Die Kinder, aber auch die Erwachsenen konnten sich Bonbons nehmen. Das Wichtigste war, einfach nur da zu sein, um den Menschen zu zeigen, ihr seid nicht allein und ihr seid willkommen.

In der Nacht sind sie dann wieder zurückgefahren?
Groh:
Das war nicht abzusehen. Nach Mitternacht kamen Busse an. Sie sollten die Flüchtlinge an die österreichische Grenze bringen. Keine Ansage, kein Offizieller. Wir wenigen Freiwilligen haben auf Zuruf denen, die uns verstanden, die Informationen weitergesagt. Einige waren gerade erst eingeschlafen. Mir wurde die Aufgabe zuteil, dafür zu sorgen, dass alle geweckt werden. Das ging auf Zuruf. Eine mir fremde Frau sprach mich an und bat mich zu helfen. Die Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, die meisten aus Syrien, aber auch aus Pakistan, und anderswo, strömten in Richtung der Busse. Nachdem die vielen Menschen den Bahnhof verlassen hatten, habe ich mich auch auf den Weg gemacht. Am nächsten Tag sollte ich schließlich in Thüringen eine Trauung halten.

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Sie wurden von den Ereignissen eingeholt. Ein Zug mit 500 Flüchtlingen war auf dem Weg nach Saalfeld. Wie haben Sie reagiert?
Groh:
Im Autoradio habe ich davon gehört. Obwohl ich müde war, wollte ich doch in Saalfeld dabei sein, in der Hoffnung, Menschen vom Budapester Ostbahnhof wiederzuerkennen. Es war überwältigend am Saalfelder Bahnhof. Da kamen all die Menschen vom Keleti-Bahnhof auf mich zu: der alte Mann im Rollstuhl mit seiner Familie, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Wie am Vorabend in Budapest habe ich ihnen Bonbons aus meiner Schatzkiste gereicht, jetzt in Deutschland. Das hätten wir am Vorabend nicht zu träumen gewagt. Einige haben mich gleich umarmt, und voller Freude haben wir uns in die Augen geschaut.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?
Groh:
Neben dem Dienst in den Gemeinden und der Situation hier vor Ort, gilt mein Engagement den Menschen, die noch weiter südlich von Ungarn unterwegs sind. Ich denke, wir haben als Kirche den Auftrag, uns um diese Menschen zu kümmern. Meine Hoffnung ist, dass wir es schaffen, diese Leute vor der Südgrenze Ungarns zu empfangen. Die Bundeskanzlerin habe ich aufgefordert, das Botschaftspersonal in den europäischen Staaten zu erhöhen, sodass Menschen dort über die Botschaft legal nach Deutschland einreisen können.

Wir brauchen legale Zuwanderungswege nach Deutschland. Es geht nicht, dass wir die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. Wir brauchen legale Fähren, Sonderzüge an den syrischen Grenzen.

Auch unsere Landesbischöfin Ilse Junkermann habe ich gebeten, auf die Deutsche Katholische Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zuzugehen mit diesem Thema. Die christlichen Kirchen haben die Aufgabe, sich für die Flüchtlinge bei der Bundesregierung stark zu machen.

Was ist Ihre Motivation?
Groh:
Schlicht und einfach fühle ich mich als Christ dazu berufen. Das hat auch viel mit meiner Biografie zu tun. Ich bin durch verschiedene Lebenssituationen so geprägt und will Menschen in Not nicht allein lassen. Das ist ein Grund, warum ich Pfarrer bin. Dem Landkreis Saale-Orla habe ich angeboten, in meiner Dienstwohnung Flüchtlinge aufzunehmen. Wir haben ein leer stehendes Gästezimmer und bewohnen zu viert 140 Quadratmeter. im Pfarrhaus. Das ist viel zu viel für uns. Da ist durchaus noch Platz, beispielsweise für eine Mutter mit Kindern.

Armut, Krieg und Unsicherheit

24. Februar 2015 von redaktionguh  
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Das Leben der Christen in den westukrainischen Unterkarpaten

Nur 1 200 Kilometer von uns entfernt liegt im geografischen Mittelpunkt Europas eine Region in der Westukraine, die in Deutschland wenig bekannt ist. Es ist das Gebiet der Unterkarpaten, das sich zwischen den Grenzen zur Slowakei, Ungarn und Rumänien erstreckt. Der 21-jährige Tobias Meyer aus Remptendorf (Kirchenkreis Schleiz) hat das Gemeindeleben der Ungarisch sprechenden Bevölkerung in Beregszász, einer Kleinstadt in der Westukraine, während eines Freiwilligen Diakonischen Jahres kennengelernt. Gemeinsam mit dem ehrenamtlichen Vorsitzenden des Hilfsvereins Unterkarpaten, Christian Ehrler, berichtete er in der Kirche zu Remptendorf über die Situation der armen Landbevölkerung und der Christen in den Unterkarpaten.

Auf dreiviertel der Fläche Thüringens leben rund 1,3 Millionen Menschen. Mehr als tausend Jahre gehörte das Gebiet zu Ungarn und wurde nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zum Spielball kriegführender Mächte. Seit dem Zerfall der Sowjetunion zählen die Unterkarpaten zum ukrainischen Staat. Heute leben hier Ungarn, Ukrainer, Russen, Rumänen, Slowaken und Deutsche mit gegenseitiger Wertschätzung friedlich beieinander.

»Es waren junge Theologiestudenten, die uns Mitte der 1990er Jahre von der Situation in ihrer Heimat erzählten«, erinnert sich Christian Ehrler aus Lengenfeld im Vogtland. »Daraus entwickelten sich persönliche Kontakte. Die große Armut der Menschen dort führte schließlich vor 15 Jahren zur Gründung des Hilfsvereins, der die christliche Nächstenliebe als Maßstab allen Handelns in den Mittelpunkt gestellt hat.« Regelmäßig hilft der Verein mit Geld- und Sachspenden und unterstützt die Arbeit der sozialen Projekte der Reformierten Kirche in den Unterkarpaten, die religiöse Heimat der Ungarisch sprechenden Bevölkerung. Ein Zeichen ihrer Identität ist die Pflege ihrer Muttersprache im Alltag und im Gemeindeleben. Gerade den sozialen Problemen der Landbevölkerung widmet sich diese Kirche und nutzt die Offenheit für das Wort Gottes zur missionarischen und diakonischen Arbeit.

Vier evangelische Gymnasien und Grundschulen, Kindergärten, auch für Kinder der dort lebenden Roma, ein Rehabilitationszentrum für behinderte Kinder, Armenküchen und selbst eine evangelische freiwillige Feuerwehr sind entstanden.

»Mit dem Machtwechsel in Kiew ist das Leben schwieriger geworden«, beschreibt Christian Ehrler die aktuelle Situation. »Zur hohen Arbeitslosigkeit und den geringen Einkommen kommt eine ständig steigende Inflation.« Der Hrywnja, die ukrainische Währung, hat im letzten halben Jahr über 50 Prozent an Wert verloren. »Die Preise steigen und steigen, Arzneimittel haben sich innerhalb des letzten Jahres um 60 Prozent verteuert. Eine Altersrente ist nur knapp 30 Euro wert«, sagt Ehrler. Die Menschen leiden auch unter dem Krieg. Besonders dramatisch ist es für die Familien der eingezogenen Männer, denn neben dem Bangen um das Leben der Söhne, Väter und Ehemänner ist es die Sorge um das tägliche Brot; sind die Männer doch meist die einzigen Ernährer der Familie. Die Angst macht auch vor der Kirche nicht halt. Die Gasrationierung stellt sie vor große Probleme, denn alle diakonischen Einrichtungen werden mit Gas beheizt. »Die Armut und Unsicherheit, aber auch die seelische Belastung wird immer größer«, erfuhr Christian Ehrler vom Bischof der Reformierten Kirche der Unterkarpaten, Sándor Zán Fábián. »Keiner weiß, wie und wann das enden wird. Gern gebe ich die Bitte des Bischofs weiter: Bitte, beten Sie für uns und unser Land.«

Wolfgang Hesse

Backen als Handwerkskunst

6. Mai 2014 von redaktionguh  
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Christo-Bäckerei und Hofladen in Altengesees feiern fünfjähriges Bestehen

Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern.« – so lautet das Motto von Bettina Schmidt, Geschäftsbereichsleiterin Eingliederungshilfe der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein. Optimismus und Zuversicht konnte sie vor sechs Jahren gut gebrauchen. Damals wollte sie ihren Wunsch nach einer eigenen Bäckerei in Altengesees (Kirchenkreis Schleiz) Wirklichkeit werden lassen, die die Wohnheime und Werkstätten des Christopherushofes versorgt. An einen Erfolg glaubte keiner. Schließlich mussten zu der Zeit alle kleineren Bäckereien und Geschäfte im Umkreis geschlossen werden. Auch Bäckermeister Frank Müller war anfangs skeptisch. Bettina Schmidt gelang es trotzdem, ihn zu überzeugen, und so konnte die Bäckerei am 9. April 2009 eröffnet werden. Von Anfang an wurde großer Wert auf die Qualität der Zutaten gelegt. Regionalität und Nachhaltigkeit werden großgeschrieben. Auf Fertigmischungen wird verzichtet, stattdessen vertrauen die Bäcker auf alte Rezepte. Dieses Konzept hat sich bewährt. Über mangelnde Aufträge kann sich die Bäckerei nicht beklagen. Besonders beliebt sind die leckeren runden Bauernkuchen. Selbst manch eingefleischte Hausfrau bestellt zu Festen inzwischen lieber bei der Christo-Bäckerei, als selbst zu backen.

Frank Müller schaut nach den Windbeuteln im großen Ofen. Fotos (2): Astrid Döge

Frank Müller schaut nach den Windbeuteln im großen Ofen. Fotos (2): Astrid Döge

Heute zählt die Bäckerei fünf tariflich angestellte Mitarbeiter. Einer von ihnen ist Sepp Lipfert, der vorher in einer Großbäckerei arbeitete. »In Altengesees ist alles individueller und Backen noch echte Handwerkskunst. Da macht das Arbeiten Freude«, lobt der Bäcker. Auch Steffen Hopfe ist froh darüber, in der Bäckerei tätig sein zu dürfen. Er ist einer der ersten Werkstattmitarbeiter, der früh auf den Beinen ist; um 5.30 Uhr beginnt sein Tag. Sein Spezialgebiet sind Reinigungsarbeiten, denn Brot und Brötchen sind um diese Uhrzeit längst fertig. Nachts um zwei fängt Frank Müller an zu backen. So früh aufzustehen ist den Menschen mit Behinderung nicht möglich. Momentan arbeiten nur drei von ihnen regelmäßig in der Bäckerei. Dennoch sind die Bäckerei und der Hofladen, der ebenfalls seit fünf Jahren existiert, bei den Werkstattmitarbeitern und Wohnheimbewohnern sehr beliebt. Hier haben sie die Möglichkeit, eigenständig einkaufen zu können. Dies wird auch von den anderen Dorfbewohnern, vor allem von den älteren, gern genutzt. So haben die Bäckerei und der Hofladen das ursprüngliche Ziel der Nahrungsversorgung noch übertroffen und sind zu Orten der Inklusion geworden, wo sich Menschen mit und ohne Behinderung ganz selbstverständlich begegnen.

Astrid Döge

Gemeinde ganz neu denken

11. Februar 2013 von redaktionguh  
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Priestertum aller Getauften: Gut besuchter Studientag der Theologischen Fakultät Jena

Nach Luther kann jeder, der »aus der Taufe gekrochen« ist, priesterliche Aufgaben übernehmen. Das kann nicht oft genug gesagt werden.

In manchen Notsituationen muss man sich nur auf das besinnen, was man schon mal gewusst hat. Der Mangel an hauptamtlichen ­Mit­arbeitern einerseits und die Reformationsdekade andererseits haben Luthers Rede vom Priestertum aller Gläubigen wieder in den Fokus gerückt, und das nicht erst seit eben. Wie aktuell sie ist, zeigte das bemerkenswert große Interesse von altgedienten Pfarrern, jungen Theologiestudenten und Ehrenamtlichen im Verkündigungsdienst, die der Einladung zum Studientag der Theologischen Fakultät Jena für den 30. Januar gefolgt waren. Verantwortung übernehmen im Ehrenamt – das ist angesichts der Lage keine Notlösung, die mit Lückenbüßern arbeitet, sondern Hoffnungszeichen für die Kirche von heute und morgen. Es tut ihr einfach gut, wenn sie nicht nur von Spezialisten lebt. Jeder kann und darf sie mitgestalten.

Ehren- und Hauptamtliche gestalten das Gemeindeleben. Auch aus Gottesdiensten sind Lektoren und Prädikanten nicht mehr wegzudenken. Foto: epd-Bild/Enderlein

Ehren- und Hauptamtliche gestalten das Gemeindeleben. Auch aus Gottesdiensten sind Lektoren und Prädikanten nicht mehr wegzudenken. Foto: epd-Bild/Enderlein

Das ist eine Überzeugung, die zu Luthers Zeiten sensationell war. »Dass auch Schneider und Schuster, ja auch Weiber und andere einfältige Idioten« die deutsche Bibelübersetzung »mit höchster Begierde lasen«, und sich nicht scheuten, »mit Priestern und Mönchen, ja auch mit Magistern und Doktoren der heiligen Schrift vom Glauben und Evangelium zu disputieren«, war für den entschiedenen Luthergegner Johannes Cochlaeus ein Skandal. Der Gedanke, dass alles, »was aus der Taufe gekrochen, zu Päpsten, Bischöfen und Priestern ­geweiht« sei und es außer Christus keines Mittlers zwischen Gott und Mensch bedürfe, erschien ihm absurd. Bis heute spaltet das Priestertum aller Gläubigen die beiden großen Kirchen, obgleich es durchaus evangelische Amtsträger gibt. Sie haben eine langjährige Berufsausbildung hinter sich und sind durch die Ordination berufen worden – eine gewisse Ordnung muss sein. Ein geistlicher Qualitätsunterschied zur Gemeinde besteht freilich nicht. Den begründet nach ­Luther keine Priesterweihe, sondern Taufe, Evangelium und Glaube.

Soweit die Theorie. In der Praxis hat sich in den vergangenen Jahrhunderten allerdings eine Pastorenkirche entwickelt, in der die Theologen weitgehend das Sagen hatten und die »Laien« wenig Selbstbewusstsein an den Tag legten. Die Folgen fallen uns heute auf die Füße. Beide Seiten müssen lernen: die einen, Kompetenzen abzugeben; die anderen, Verantwortung zu übernehmen. Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, sieht ihre Landeskirche dabei auf gutem Weg. Beispielhaft führte sie die Gemeindeagende des Kirchenkreises Egeln an, wo Haupt- und Ehrenamtliche es geschafft haben, an sogenannten Regionalsonntagen in jeder Kirche gut besuchte Gottesdienste anzubieten. Im Kirchenkreis Schleiz gibt es unter der Überschrift »Zu den Quellen« ein Andachtsprojekt zur geistlichen Selbstorganisation der Gemeinde. Und im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz ist es die Regel, dass der Sonntagsgottesdienst von Theologen und Nichttheologen gemeinsam vorbereitet wird. Bemerkenswert sind auch die Kompetenzen der Gemeindekirchenräte, die laut Kirchenverfassung von 2009 mit den Hauptamt­lichen zusammen Verantwortung tragen – nicht etwa nur für die Nutzung kirchlicher Gebäude und Personal­fragen, sondern eben auch für die reine Verkündigung und die Feier der Sakramente sowie die Ordnung und Gestaltung des kirchlichen Lebens.

Die Landesbischöfin sieht die Chance, »Gemeinde noch einmal ganz neu zu denken« und die Gaben zu nutzen, die allen Getauften anvertraut sind. »Nach Jahren der finanziellen Konsolidierung bedarf es einer geistlichen Konsolidierung.« Da gibt es nach ihrer festen Überzeugung noch manchen Schatz zu heben.

Christine Lässig