Frieden stiften
20. Mai 2011 von redaktionguh
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Eröffnung der Internationalen ökumenische Friedenskonvokation (IöFK) am 18. Mai in Kingston, Jamaika. © Peter Williams/WCC
Nein, die Welt ist keineswegs friedlicher geworden, seit der Weltkirchenrat vor zehn Jahren die »Dekade zur Überwindung von Gewalt« aufgerufen hat. Damals stand die Welt unter dem Schock der Anschläge vom 11. September.
Heute müssen wir nicht erst nach Libyen oder in die Elfenbeinküste schauen, wo blutige Bürgerkriege toben, oder nach Afghanistan und Pakistan. Auch in unserer Umgebung herrscht nicht unbedingt Frieden. Die Gewaltexzesse auf Straßen, Schulhöfen und zuletzt auf einer Berliner U-Bahn-Station, als ein Jugendlicher wahllos einen Passanten niedergetreten hat, machen deutlich, dass die Welt von der Überwindung der Gewalt weit entfernt ist.
Bei der am Dienstag in Kingston (Jamaika) begonnenen Friedenskonferenz zum Abschluss der Dekade soll nun Bilanz gezogen werden, wie es um die Anstrengungen bestellt ist. Immerhin sind in den zurückliegenden Jahren kirchliche Beauftragte eingesetzt und Kampagnen gestartet worden.
Ob es immer gleich im Rahmen einer Dekade geschehen muss, kann getrost bezweifelt werden. Keine Kirche dürfte bereit und willens sein, sich über einen derart langen Zeitraum mit einem Thema zu befassen. Zudem hat die Dekade in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle gespielt.
Dass das Anliegen trotzdem richtig und wichtig bleibt, wird niemand ernsthaft infrage stellen. Es hat sogar kleine Erfolge gegeben. Die Kirchen sind sensibilisiert für jede Form religiöser Gewalt. Und ohne ihren Einsatz wäre es nicht zu einer Lösung im Sudan gekommen. Darüber hinaus braucht es jedoch weitere Anstrengungen für den Frieden. Das setzt voraus, dass wir auch bereit sind zurückzustecken.
Wenn die Christen Frieden stiften wollen, müssten sie auch die Wirkung ihres Verhaltens auf andere Menschen und die Umwelt erkennen, schreibt der Ökumenische Patriarch Bartolomaios I. in seiner Botschaft. Frieden ohne Gerechtigkeit ist nicht möglich. Es bleibt Aufgabe der Kirche, darauf aufmerksam zu machen – auch über das Ende der Dekade hinaus.
Martin Hanusch
Keine Nebensache
13. Mai 2011 von redaktionguh
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Ist Glauben doch nur Privatsache? Wenn es nach den Verantwortlichen der am Montag begonnenen Volkszählung geht, dann muss diese Frage wohl bejaht werden. Denn anders als der Familienstand, die Staatsangehörigkeit oder das Wohneigentum muss die Religionszugehörigkeit bei der umstrittenen Datensammlung nicht unbedingt angegeben werden. Dass sie bei der Volkszählung überhaupt abgefragt wird, ist letztlich dem Einsatz der Kirchen zu verdanken. In anderen Ländern der Europäischen Union gehören solche Angaben keineswegs dazu.
Was zunächst wie eine Nebensache anmutet, hat jedoch durchaus Methode. Derzeit ist in der Gesellschaft ein bedenklicher Trend zu beobachten.
Entweder Religion wird als Ursache von Konflikten wahrgenommen – wie zuletzt in Ägypten bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und koptischen Christen – oder eben als reine Privatangelegenheit.
Das erinnert schon fast an DDR-Zeiten, als der Einfluss der Kirchen immer weiter zurückgedrängt worden ist. Natürlich geschieht das heute nicht allein aus ideologischen Gründen. Aber die Stimmen, die eine strikte Trennung von Kirche und Staat fordern, werden auch hier lauter. Zugleich wird Kirche als etwas Verzichtbares abgetan.
Ganz unschuldig ist sie nicht an dieser Entwicklung.
Wenn selbst die Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt, meint, die Kirche solle sich aufs »Kerngeschäft« konzentrieren, dann impliziert das einen Rückzug aus der Gesellschaft. Kirche muss jedoch immer auch außerhalb der eigenen Mauern präsent sein – nicht als Selbstzweck, sondern weil sie etwas zu sagen hat. Denn das Christentum ist trotz des Mitgliederrückgangs eine zentrale Basis für die Werte, die unsere Gesellschaft prägen und tragen.
Dazu braucht es freilich Menschen, die nicht nur offen zu ihrem Christsein stehen, sondern auskunftsfähig sind, damit der Glaube nicht zur Privatsache verkümmert.
Martin Hanusch
Rettung zum Leben
28. April 2011 von redaktionguh
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Sind wir noch zu retten? Angesichts der täglichen Nachrichten entsteht mitunter ein apokalyptisches Bild. Aber wir kriegen das schon in den Griff, mögen die meisten denken: die Atomkrise, die Zuwanderung, die Gewalt, die Finanzen – und das Leben überhaupt. Ach, ja, das Leben sowieso: Die Menschheit verfügt über hochtechnisierte Medizin, kann Leben verlängern und verkürzen oder gar nicht erst wachsen lassen.
Die Diskussion gerade um die Präimplantationsdiagnostik (PID) zeigt aber auch: Es gibt Zweifel an der Machbarkeit. Und das Erschrecken, wenn Mütter und Väter von Kindern mit Behinderung offen oder hinter vorgehaltener Hand hören »So etwas muss doch heute nicht mehr sein«, ist noch da!
Wer darf über das Recht auf Leben urteilen? Sind wir dazu in der Lage?
Aus gutem Grund wurde in unserer Kultur die Todesstrafe abgeschafft. Weil der Mensch eben nicht unfehlbar in seinem Urteil ist. Das sollte auch für ungeborene Kinder gelten. Vorgeburtliche Untersuchungen können Krankheiten aufdecken. Das ist gut so, weil dem Kind nach der Geburt mitunter schnell geholfen werden kann. Das ist fragwürdig, wenn es zu einer Spätabtreibung führt. Hat ein behindertes Kind kein Lebensrecht?
Genauso könnte man fragen: Haben wir »Normale« ein Lebensrecht?
Der Mensch vermag nicht Herr über Leben und Tod zu sein. Er muss seine Grenzen erkennen, denn die Besinnung auf das Leben ist seine Aufgabe: Leben annehmen, Mutmachen zum Leben, weil Gott uns Hoffnung gegeben hat für alle, auch für schwierige Situationen. Hoffnung kommt von Ostern her, von der Auferstehung, die den Tod überwindet. Christen können und sollen diese Hoffnung in die Welt tragen. Verbunden mit der Demut vor dem, der allein das Leben gibt.
Sind wir noch zu retten? Ja, Gott rettet uns zum Leben.
Dietlind Steinhöfel
Beigeschmack
25. Februar 2011 von redaktionguh
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Manchmal zählt nur die Tatsache, dass es überhaupt ein Ergebnis gibt. So ist es wohl auch im Falle der Einigung bei den Hartz-IV-Gesprächen vom vergangenen Wochenende.
Nach achtwöchigen, zum Teil quälenden Verhandlungen haben sich Regierungskoalition, SPD und die Bundesländer endlich auf eine Reform verständigt. Demnach werden die Leistungen für Hartz-IV-Bezieher um fünf auf 364 Euro und mit Beginn des Jahres 2012 noch einmal um drei Euro angehoben.
Außerdem wird das Bildungspaket für rund 2,5 Millionen bedürftige Kinder aufgestockt. Die Neuregelung soll so dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes folgen, das vor einem Jahr eine transparentere Berechnung angemahnt hatte.
Doch ein schaler Beigeschmack bleibt nach dem jetzigen Kompromiss.
Vor allem die willkürliche Festlegung bei der Erhöhung der Regelsätze sorgt für Kritik. Die Diakonie ist bei ihren Berechnungen zu ganz anderen Zahlen gekommen. Ohnehin gehen viele Beobachter davon aus, dass die Entscheidung erneut in Karlsruhe landen wird.
Was aber weit schwerer wiegt als das parteipolitische Hickhack um fünf oder acht Euro, ist die Frage, wie es um die Teilhabegerechtigkeit steht. Solange Menschen keine Chance erhalten, aus ihrer Notlage herauszukommen bzw. selbst genug zu verdienen, bleibt Hartz IV ein Stigma. Die Menschen benötigen jedoch nicht nur mehr Geld, sondern das Gefühl, gebraucht zu werden. Das freilich kann keine Sozialreform leisten.
Einziger Lichtblick der jetzigen Kompromisslösung ist deshalb die Erhöhung des Bildungspaketes für die Kinder.
Wenn künftig mehr Geld für die Schulsozialarbeit, Bildungsangebote und Mittagessen zur Verfügung stehen, kommt das den wirklich Bedürftigen zugute. Damit wird auch etwas für die Bildungsgerechtigkeit getan, um die es sonst nicht zum Besten bestellt ist. Zudem scheint sich endlich die Erkenntnis durchzusetzen, dass nach der Bankenrettung und den Konjunkturpaketen auch etwas für die Familien getan werden muss.
Martin Hanusch
Reformsignal
18. Februar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Es gleicht einer kleinen Sensation. Knapp 150 deutschsprachige katholische Theologieprofessoren haben Anfang Februar einen Reformkatalog vorgelegt, der es in sich hat. Darin fordern sie nicht nur eine Lockerung des Pflichtzölibats und die Zulassung von Frauen zum kirchlichen Amt, sondern mehr Mitspracherechte der Basis bei der Wahl von Pfarrern und Bischöfen und ein anderes Rechtsverständnis. Zugleich werben sie für einen »offenen Dialog ohne Tabus« über Macht- und Kommunikationsstrukturen.
Die Hamburger Wochenzeitung »Die Zeit« befand, dass solche Kritik Rom nur gut tun könne, und die »Mainpost« in Würzburg witterte sogar einen »Hauch von Wittenberg«.
Das trifft in gewisser Hinsicht sogar den Kern.
Denn den Autoren des Memorandums, das inzwischen von 200 Professoren unterzeichnet ist, geht es um eine tiefer gehende Reform ihrer Kirche. Auch der Zeitpunkt für den Vorstoß ist mit Bedacht gewählt. Ein Jahr nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals und gut sechs Monate vor dem Papstbesuch wollen die Theologieprofessoren ein Zeichen setzen und zum Dialog anregen. Deshalb bleiben sie auch nicht beim Zölibat stehen, sondern fordern angesichts des Priestermangels ein neues Amtsverständnis und ein Umdenken in der Kirche.
Dabei wird die Kritik sehr moderat vorgetragen. Offenbar hoffen die Unterzeichner, damit eher Gehör zu finden als mit einem blanken Konfrontationskurs. Zudem dient es wohl der eigenen Sicherheit. Ein Drittel der deutschsprachigen Theologieprofessoren kann auch die Glaubenskongregation nicht schassen, wo der einzelne vielleicht um die Lehrbefugnis bangen müsste.
Was jedoch weit schwerer wiegt: Den Autoren geht es um eine Erneuerung der kirchlichen Strukturen, die nicht in ängstlicher Abschottung von der Gesellschaft gelingen könne, sondern nur mit der Mut zur Selbstkritik.
Das ist bestimmt noch kein reformatorischer Paukenschlag, aber ein Signal, das auch Rom nicht einfach ignorieren dürfte.
Martin Hanusch
Ideal und Wirklichkeit
11. Februar 2011 von redaktionguh
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General Fritz, Kommandeur des Feldlagers Mazar-il-Sharif und EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider am 2. Februar 2011 in Mazar-i-Sharif. (Foto: EKD)
Es ist eine bekannte Tatsache: Ideal und Wirklichkeit stimmen selten überein. Das wird jeder bestätigen können, der einigermaßen ehrlich zu sich selbst ist. Gleiches gilt für das religiöse Dogma und das reale Leben. Wobei das anders geartete Leben nicht zwangsweise gegen die Richtigkeit des Dogmas oder des Ideals spricht.
An dieser Diskrepanz haben sich schon viele gerieben, mancher ist gar daran zerbrochen. In einer ähnlichen Zerreißprobe stehen derzeit auch die Evangelische Kirche in Deutschland und ihr Repräsentant Nikolaus Schneider. Denn wer wollte bestreiten, dass der Satz »Krieg darf um Gottes Willen nicht sein« richtig ist?
Und dennoch zeigen die Geschichte und die Gegenwart, dass es Umstände gibt, die gewaltsame Intervention, also Krieg, rechtfertigen – oder zumindest als das kleinere Übel erscheinen lassen. Und natürlich hatte und hat Margot Käßmann mit ihrem berühmten und viel zitierten Satz »Nichts ist gut in Afghanistan« recht.
Solange am Hindukusch Menschen sterben, ob »schuldig« oder »unschuldig«, ist nichts wirklich gut.
Doch das Leben ist vielschichtiger. Zwischen gut und nicht gut gibt es eine breite Spanne von besser oder schlechter. Von daher ist die differenzierte Sicht auf die Verhältnisse und Umstände in Afghanistan, die der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider nach seinem Besuch in dem Land vertritt, aufrichtig zu begrüßen. Und sie ist auch kein Verrat an protestantischen Überzeugungen oder gar dem Evangelium. Weiterhin gilt, dass friedliche Mittel zur Konfliktbewältigung den Vorrang haben sollen und müssen.
Dennoch kann ich als evangelischer Christ Hochachtung haben vor den Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens und gemäß ihrer Erkenntnis versuchen, die Umstände in Afghanistan ein wenig besser zu machen. Ob als zivile oder als bewaffnete Aufbauhelfer.
Harald Krille
Chancenreich
16. Dezember 2010 von redaktionguh
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Wirklich überraschend ist das Ergebnis nicht: 43 Prozent der Deutschen wollen nach einer Umfrage Weihnachten in die Kirche gehen. Allerdings täuscht das Ergebnis darüber hinweg, dass 53 Prozent der Befragten dezidiert erklärt haben, keinen Gottesdienst besuchen zu wollen. Zudem lesen sich die Zahlen im Osten ein wenig anders. Hier sind es gerade einmal 21 Prozent, für die ein Kirchgang unbedingt zum Weihnachtsfest dazugehört. Dennoch zählen die Gottesdienste am Heiligen Abend natürlich zu den am besten besuchten im ganzen Jahr.
Das liegt auch daran, dass das Weihnachtsfest trotz mancher Vorbehalte für viele Menschen nach wie vor attraktiv ist. Als Familienfest steht es bei den meisten Zeitgenossen hoch im Kurs. Zwar bleiben dabei christliche Inhalte oft auf der Strecke. So erscheint Weihnachten heute vor allem als Beitrag zur Erhöhung des Umsatzes im Einzelhandel und als »winterliches Dekorationsmotiv«.
Die Kirchen sollten nach Ansicht des Bonner Kulturwissenschaftlers Gunther Hirschfelder gleichwohl nicht jammern, sondern »die neuen Formen der Weihnacht trotz Kommerzialisierung als Chance begreifen«. Zum Glück gehören die Klagen über die Weihnachtschristen, die lediglich Heiligabend den Weg in die Kirche finden, heute zumeist der Vergangenheit an.
Denn Chancen bietet das Christfest zuhauf: Dazu gehört, dass es neben den Gottesdiensten vielerorts auch Angebote für Einsame und Bedürftige gibt. Hier haben Kirche und Diakonie die Möglichkeit, ganz praktisch etwas von der Hoffnung weiterzugeben, die die Geburt Jesu darstellt.
Eine besondere Rolle kommt ferner dem Nachwuchs zu. Auch wenn Kinder und Jugendliche nicht in Scharen in die Kirchen strömen, muss ihnen zumindest der Weg bereitet werden. Weihnachten ist schließlich ein guter Anlass zu zeigen, was Christsein bedeutet. So gilt es die Gelegenheit zu nutzen, um die gute Botschaft wirklich unters Volk zu bringen – nicht nur, aber gerade zur Weihnachtszeit.
Martin Hanusch
Perfekte Welt?
10. Dezember 2010 von redaktionguh
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Der Aufschrei war gewaltig: Da hatte der Internet-Dienst Wikileaks, der schon in den letzten Monaten Geheimdokumente über die Kriege im Mittleren Osten öffentlich gemacht hatte, nun auch die Dossiers amerikanischer Diplomaten über die Regierungsmannschaft der Bundesrepublik und anderer Länder ins Netz gestellt. Dort lässt sich nun nachlesen, dass die Kanzlerin als nicht sehr kreativ, aber als willenstark und beharrlich eingeschätzt wird.
Na und? Auch die weniger ausgewogenen Beurteilungen zum Beispiel vom Außen- oder vom Wirtschaftsminister benutzen doch nur ähnliche Attribute wie viele Medien. Und ist es nicht Aufgabe der Diplomaten, ihre Auftraggeber mit realitätsnahen Einschätzungen der Verhandlungspartner zu versorgen?
Was also ist der Skandal?
»Das Ende der Vertraulichkeit«, titelt ein Mediendienst. Sicher, es ist unerfreulich, wenn ein Freund (eine merkwürdige Kategorie im Politikbetrieb) seine realistische Einschätzung von mir in der Öffentlichkeit breit tritt. Freundschaft braucht auch Vertrauen und geschützte Räume. Doch warum tut die Wahrheit so weh?
Der eigentliche Skandal ist, dass dies ein Skandal werden konnte.
Denn das zeigt, in welcher unbarmherzigen Welt wir inzwischen angekommen sind: Jeder, der irgendeine Rolle in der Öffentlichkeit spielt, muss perfekt sein. Dass zu jedem Menschen neben Stärken auch Schwächen gehören, ist nicht vorgesehen oder wird als Fehler gebrandmarkt.
Diese Forderung nach Perfektionismus schlägt durch bis in die Bewerbungsmappe der Lehrlinge. Und die, die noch nicht sich und eine Karriere aufgegeben haben, retuschieren unter Druck ihr Bild für die Öffentlichkeit auf Hochglanz.
Das in der Weihnachtszeit gern gespielte Märchen von des Kaisers neuen Kleidern und ein bisschen Bibellektüre könnten uns helfen, wieder realistischer und gleichzeitig barmherziger mit uns umzugehen.
Tilman Baier
Weit mehr als Nothilfe
2. Dezember 2010 von redaktionguh
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Das evangelische Hilfswerk »Brot für die Welt« hat die bundesweite 52. Spendenaktion am Sonntag (28.11.2010) in der Marktkirche in Wiesbaden mit einem Gottesdienst eröffnet. (Foto: epd/Brot für die Welt)
Es ist längst eine gute Tradition: Alle Jahre wieder startet am ersten Advent die Aktion »Brot für die Welt«. Mit dem Slogan »Es ist genug für alle da« soll erneut auf den Skandal aufmerksam gemacht werden, dass es zwar ausreichend Nahrungsmittel für alle Menschen gibt, die Not in den ärmsten Ländern aber keineswegs gebannt ist. So hungern heute weltweit mehr Menschen als noch vor 20 Jahren.
Nach Angaben der Welthungerhilfe stieg ihre Zahl trotz der Fortschritte in Asien und Lateinamerika sogar um 75 Millionen auf 925 Millionen Menschen. Besonders gravierend hat sich die Lage in der Demokratischen Republik Kongo, in Burundi und Nordkorea verschlechtert, geht aus dem Welternährungs-Index hervor. Insgesamt 29 Ländern der Erde bescheinigt der Index eine ernste oder »gravierende« Hungersituation.
Natürlich kann das evangelische Hilfswerk »Brot für die Welt« hier nicht allein Abhilfe schaffen. Neben der Entwicklungshilfe sind an dieser Stelle vor allem die betroffenen Länder selbst gefordert. Denn oft genug sind es Misswirtschaft und Korruption vor Ort, die eine bessere Versorgung der Menschen verhindern. Zudem sind die Industrieländer von den selbstgesteckten Milleniumszielen, den Anteil der Hungernden bis 2015 im Vergleich zu 1990 zu halbieren, noch meilenweit entfernt.
Trotzdem wird es weiter notwendig sein, dass die Aktion »Brot für die Welt« Hilfe zur Selbsthilfe leistet. Die Bilanz der seit mehr als 50 Jahren bestehenden Aktion kann sich jedenfalls sehen lassen: Mehr als 1000 Projekte in 77 Ländern hat sie zuletzt gefördert. Doch ebenso wichtig wie diese materielle Nothilfe ist die Erinnerung daran, dass es nicht allen Menschen so gut geht wie uns. Denn auch das zeigt die Aktion eindrücklich: Ohne das Engagement der vielen Helfer und Spender gäbe es nicht nur mehr Hunger in der Welt, sie wäre auch sonst weitaus ärmer – an Mitmenschlichkeit.
Martin Hanusch
Verfolgt
12. November 2010 von redaktionguh
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Christen leben gefährlich. Das trifft zwar glücklicherweise bei uns nicht (mehr) zu, in anderen Regionen der Welt aber zweifellos. Das Geiseldrama in einer syrisch-katholischen Kirche in Bagdad, bei dem Ende Oktober islamische Terroristen gezielt Christen erschossen, hat das einmal mehr vor Augen geführt.
Vertreter aller Kirchen reagierten entsprechend bestürzt.
Doch es ist keine neue Erkenntnis, dass Christen in vielen Ländern der Erde ihren Glauben nicht ohne Weiteres praktizieren können, sondern deswegen bedroht sind. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) geht sogar davon aus, dass das Christentum heute die weltweit am meisten verfolgte Religion darstellt.
Vor allem in islamischen Ländern haben es Christen schwer.
Der schleichende Exodus aus dem Irak ist ein beredtes Zeichen dafür. Immer mehr Christen sehen hier keine Lebensgrundlage mehr. Trotzdem erscheint die Verfolgung nicht nur eine Sache von korantreuen Fanatikern. Auch in Nordkorea, China, Laos oder Eritrea müssen Christen um Leib und Leben fürchten. Nach Angaben des Hilfswerkes Open Doors werden heute weltweit etwa 100 Millionen Christen bedroht und verfolgt.
Die Kirchen haben längst erkannt, dass die solcherart bedrängten Glaubensgeschwister Unterstützung brauchen.
So hat die EKD erstmals in diesem Jahr zu einem Gebetstag aufgerufen, die Evangelische Allianz folgt jetzt am 14. November mit ihrem traditionellen weltweiten Gebetstag. Solche Gebetszeiten sind beileibe keine Alibiveranstaltungen: Sie beweisen den verfolgten Christen, dass sie mit ihrem schweren Schicksal nicht vergessen sind.
Ferner zeigen sie in einer säkularisierten und wenig informierten Öffentlichkeit, dass die Kirchen und Christen zusammenstehen, weil sie zu einer weltweiten Gemeinschaft gehören. Gleichwohl dürfen solche Gebete nicht dazu benutzt werden, den Konflikt zwischen Christen und Muslimen zu schüren. Das wäre wohl kaum im Sinn einer Problemlösung – und christlich schon gar nicht.
Martin Hanusch






