Der Blick in den Spiegel: Gnade im Hier und Jetzt

5. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

2. Korinther 6, Vers 2

Kennst du den Moment am Morgen vor dem Spiegel? Wenn du dich hübsch machst für den neuen Tag. Wenn du die Maske anlegst, die dich in den Tag begleiten wird. Oder den Moment im Laufe des Tages vor dem Spiegel? Nur flüchtig, im Vorbeigehen. Wenn die Maske, die du dir morgens angelegt hast, langsam Risse bekommt von den Mühen des Tages?

Karl Weber, Vikar in Weimar

Karl Weber, Vikar in Weimar

Manchmal halte ich diesem Blick in den Spiegel nicht stand. Weil mich Fragen bedrängen. Fragen der Seele hinter der Maske: Wer bist du? Wer willst du sein? Und vor allem: Warum bist du nicht so, wie du sein willst? Kennst du diesen Moment vor dem Spiegel, zurückgeworfen auf die Frage nach dir selbst? Mensch, wo bist du? Mensch, wer bist du? Mensch, wo ist deine Liebe? Manchmal halte ich diesen Fragen nicht stand. Dann drehe ich mich weg, gehe weiter und bleibe, wie ich bin. Bleibe hinter der Maske, hinter der ich mich so gut verstecken kann. Doch die Fragen bleiben. Und das dunkle, brüchige Bild aus dem Spiegel bleibt. Wird zur Sehnsucht. Zum Sehnen nach Fülle. Zum Durst nach Vollkommenheit. Zur Hoffnung auf Gnade und Heil – im Hier und Jetzt.

Einmal wird das brüchige Du, das mir aus dem Spiegel entgegenkommt, einmünden in das große Du der Ewigkeit. Dann werde ich das Ja Gottes zu mir ganz hören können. »ICH bin, der ich bin – hab Mut, DU zu sein.« Dann werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Keine Begrenzung mehr. Keine Brüche. Kein schemenhaftes Bild, sondern Licht und Ganzheit. Aus dem rastlosen Sehnen wird Ruhe. Aus dem brennenden Durst nach Vollkommenheit wird Fülle. Aus der Ahnung vom Glück wird Wissen. Wenn ich erkenne, wie mich Gott erkannt hat – dann ist Gnade und Heil.

Und bis dahin schaue ich in den Spiegel. Jeden Tag. Und wenn ich die Kraft finde, dem Blick standzuhalten, und den Mut aufbringe, unmaskiert durch den Tag zu gehen, dann entdecke ich sie schon jetzt – die vollkommenen Momente in meinem Leben, in denen aus Sehnsucht und Hoffnung Ruhe und Gewissheit werden. Zeit der Gnade im Hier und Jetzt. Tage des Heils.

Karl Weber, Vikar in Weimar

Einen Neuanfang geschenkt bekommen

16. April 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5, Vers 17

Ich sehe aus dem Fenster. Blauer Himmel, frische Luft, die Sonne strahlt. Ein Frühlingsmorgen im April 2016. Zwei Wochen nach Ostern. In meinem Kopf diese beschwingte Melodie. »All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und gro-o-ße Treu; sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verla-a-a-ssen mag.« Ich singe leise vor mich hin. Es klingt bestimmt: »Drauf jeder sich verlassen mag.« Auf die große Treue und Gnade Gottes. Die neu ist jeden Tag, so frisch wie der Morgen. Egal wie frisch ich mich fühlen mag. Ob die Tage ganz am Anfang frischer waren? Und anders aussahen? Der Himmel noch blauer, die Sonne noch strahlender – und roch die Luft anders? Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Das war der allererste Anfang, das große Beginnen. Und selbst wenn ich nicht daran glauben könnte, dass es unser Gott war, so muss es doch einen Anfang gegeben haben. Das erste Mal Licht und danach wieder Dunkelheit, die erste Welle im Wasser, der erste Tau auf Gras, die erste Blume sprießt aus der Erde, der erste Vogel schlägt zum ersten Mal mit seinen Schwingen, ein Mensch steht auf und läuft umher, der erste Blick zu einem anderen, der erste Kuss, das erste Mal. So viele Anfänge seitdem.

Manche sagen, jeder Morgen sei ein neuer Anfang. Und was ist mit den durchwachten Nächten? Mit den Sorgen, die mit mir aufstehen, und dem Berg von unerledigten Aufgaben, der sich vor mir herschiebt? Wenn ich das Lenkrad in voller Fahrt herumreißen würde, um eine neue Richtung einzuschlagen, dann wäre das nicht nur für alle Verkehrsteilnehmer gefährlich, sondern auch einfach zu schnell. Mein Leben ist ja kein Actionfilm. Ich brauche Ruhe für den Neustart. Zum Neubeginnen muss es vorher eine Pause gegeben haben; und das Alte ist weggeräumt, abgehakt, erledigt und verarbeitet. Eine Heidenarbeit!

Aber manchmal bekomme ich mittendrin einen Neuanfang geschenkt. Dann ist alles bereitet: Ich stelle mich in die Startlöcher, der Himmel über mir ist besonders blau und es riecht wie frisch gelüftet.

Felicitas Kühn, Pfarrerin der Evangelischen Regionalgemeinde Kölleda

Neue Ich-Version in Christus

25. April 2015 von redaktionguh  
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Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5, Vers 17

Altes vergangen, neues geworden. Der Herr macht ein Update, wie bei einem Computer. Das Alte wird gelöscht, das Neue tritt an seine Stelle. Eine neue Version. Verbessert, rundum überarbeitet. Jetzt kann es losgehen, das neue Leben. Wenn ich in Christus bin dann bekommt mein Leben ein Update. Die neue Kreatur ist das Ich 2.0.

Ich kann meinen Nächsten liebevoll behandeln, Verständnis zeigen für Menschen die ich nicht mag, mich politisch und sozial engagieren. Ihnen fallen sicher noch viele andere Sachen ein.

Martin Weber, Vikar in Jena

Martin Weber, Vikar in Jena

Nur leider gibt es ein entscheidendes Problem in diesem spontanen Vergleich, einen Grund, warum dieser Traum vom Update nicht so richtig funktionieren mag: Wir sind keine Programme, in deren Code man schnell einen Befehl ändert und es sofort wieder rundläuft. Wir lieben und verstoßen, sind selbstlos und selbstsüchtig. Deswegen wissen Sie und ich aus eigener Erfahrung: Mit Jesus zu leben, zu glauben, zu beten, zu versuchen sich an ihm ein Beispiel zu nehmen, das befreit mich nicht vom Scheitern. Es bewahrt mich auch nicht davor, ungerecht über andere zu reden oder sie zu benachteiligen. Es bewahrt mich nicht davor, andere mit Worten und Taten zu verletzten. Nicht aus Versehen, sondern auch mutwillig. Weil ich Zorn in mir fühle oder weil ich selbst verletzt bin.

Was heißt es also, eine neue Kreatur sein? Eine Dame im Bibelgesprächskreis hat ein schönes Bild dafür gebraucht, was ich Ihnen nicht vorenthalten will: »Man geht durchs Leben und tritt doch wieder in den Schlamm und versinkt ein Stück. Dann buddelt und gräbt man, um wieder freizukommen. Mit Gottes Hilfe klappt das auch oft.«

Eine neue Kreatur sein, das heißt für mich zu merken, wo ich feststecke. Zu versuchen, etwas zu ändern. Eingestehen, wo ich trotzdem nicht weiterkomme. Auf die Hand zu hoffen, die mich aus dem Schlamm herauszieht. Denn der Wochenspruch kann auch von der anderen Perspektive gelesen werden: »Ist Christus in jemandem, so ist dieser eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen«.

Martin Weber, Vikar in Jena

Aus dem Glauben Hoffnung schöpfen

9. Mai 2014 von redaktionguh  
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Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5, Vers 17

Für Christen ist dieser Wochenspruch ein einleuchtender Satz: Durch die Taufe sind wir »in Christus«. Aber im Alltag ist den Getauften der Gedanke, »in Christus« zu sein, häufig nicht mehr so gegenwärtig. Das aber ist unser Auftrag als Christen: uns täglich neu auf die Taufe zu besinnen und dies in unserem Alltag sichtbar werden zu lassen.

Der Apostel Paulus ermutigt uns auch im weiteren Verlauf des Korintherbriefes: »Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.« Wer mit Christus verbunden ist, erfährt, wozu er bestimmt ist: nicht zur Traurigkeit, sondern zur Freude; nicht zum Tod, sondern zum Leben.

Antje Tillmann (CDU), Bundestagsabgeordnete

Antje Tillmann (CDU), Bundestagsabgeordnete

In diesem Sinne wünsche ich uns Mut und Bereitschaft, »in Christus« zu sein, und habe die Gewissheit, dass diese Liebe und Freude uns und unser Tun prägt. Aufgabe christlicher Politik ist es, das Leben als Geschenk Gottes in den Vordergrund zu stellen. Bei vielen schwerwiegenden Entscheidungen gilt es abzuwägen zwischen verschiedenen Werten im menschlichen Zusammensein. Gelingt es zum Beispiel Eltern voraussichtlich behinderter Kinder die Kraft zu geben, sich trotzdem auf ein Leben mit Kind zu freuen, oder eröffnet man den vermeintlich leichten Weg, nicht perfektes Leben gar nicht erst zuzulassen? Lehnen wir aktive Sterbehilfe strikt ab oder gibt es Fälle, in denen auch unser christlicher Glaube das selbstbestimmte Sterben für einen Ausweg hält? Fest steht, dass Menschen im Sterben nicht alleine sein dürfen und Politik alles dafür tun muss, Angehörige und Pflegekräfte bei der Begleitung zu stärken. Aus meinem Glauben ziehe ich die Hoffnung, nach Abwägung aller Argumente eine gute Entscheidung treffen zu können.

Lassen Sie sich heute, am Sonntag Jubilate, und immer wieder anstecken von dieser Hoffnung und Begeisterung für das Leben und für Gott.

Antje Tillmann (CDU), Bundestagsabgeordnete

Gott will uns heute begegnen, nicht irgendwann

8. November 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.
2. Korinther 6, Vers 2

In was für einer Zeit leben wir? Wenn wir unsere Nachbarn oder Kollegen danach fragen, werden wir sehr unterschiedliche Antworten zu hören bekommen. Je nachdem, was diese gerade bewegt, werden wir auf viele Aufgaben und Probleme gestoßen, die ihre Lebenszeit gerade bestimmen. Welche Antwort gibt uns das Kirchenjahr?

Die Tage sind jetzt dunkler, das Kirchenjahr geht langsam zu Ende. Volkstrauertag und Totensonntag, wie der Ewigkeitssonntag volkstümlich auch genannt wird, schließen es ab. Unser Blick wird auf das Ende gerichtet. Für viele Menschen eine sehr emotionale Zeit. Sie ist geprägt von der Erinnerung an liebe Menschen, die einmal zu uns gehört haben. Darum lebt in diesen Tagen auch die Trauer wieder auf. Die biblischen Texte, die den letzten Sonntagen im Kirchenjahr zugeordnet sind, haben einen ­ernsten Klang, durch den ganz fein hindurch­schimmert: Das Ende gehört Gott. Und jetzt, am drittletzten Sonntag im Kirchenjahr, hören wir: Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

Propst Reinhard Werneburg, Bad Berka

Propst Reinhard Werneburg, Bad Berka

Jeder Augenblick wird nur einmal gelebt und erlebt. Aus der Einmaligkeit der Zeit erwächst als Frucht die Ewigkeit. Die Einmaligkeit ist wie die Ewigkeit ein Gottesgeschenk. Wir sind gerufen in eine bestimmte Zeit und haben eine Zeitspanne, über die wir nicht verfügen. Darum ist jeder Augenblick kostbar und wertvoll und einzig, unersetzbar durch etwas anderes. Darum, weil uns Gott heute begegnen will: Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade.

Wenn Jesus uns berührt, uns anrührt mit seinem Geist, durch sein Wort, durch das Sakrament, dann schenkt er uns damit zugleich, dass wir unser Leben, unser kleines und angefochtenes und bedrängtes und auch bedrohtes Leben nicht mehr von der Nähe und Gegenwart Gottes losgelöst sehen können; und von dem, was in Gottes Reich gilt. Jetzt, heute, nicht irgendwann. Und das Ende gehört Gott. Diese Klarheit macht auch dunkle Tage hell.

Propst Reinhard Werneburg, Bad Berka