Mit Pferd, Esel und Schafen

13. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Beim »Advent auf der Koppel« in Eichholz wirkten Mensch und Tier beim Krippenspiel mit

Manche Weihnachtsgeschichten beginnen lange vor Weihnachten. Zum Beispiel an einem Mai-Abend auf einer Koppel im Zerbster Ortsteil Eichholz. »Der Mond ging über unserer Hütte auf, und jemand sagte, das sieht ja aus wie der Stall von Bethlehem«, erinnern sich Dr. Birgit Wesenberg und Pfarrer Albrecht Lindemann. Die »Hütte« ist die aus Holz gebaute Bühne für »Rock auf der Koppel«, ein Konzert, das es bereits neun Mal in Eichholz gab und das immer beliebter wird. Aus der Assoziation im Sommer wurde eine Idee und aus dieser am ersten Advent Wirklichkeit in Form von »Advent auf der Koppel«.

Der Pfarrer und die Koppel-Inhaberin, die stets für den Ort engagierte Ärztin, gaben den inhaltlichen Anstoß. Ihrem Aufruf zum spontanen Mittun folgten über 70 Freiwillige aus dem knapp 100-Einwohner-Ort Eichholz und den Nachbarorten. So läuft es hier immer, ohne Verein, aber mit Einsatz. »Hier steht der Gemeinschaftsgedanke über dem kommerziellen Streben. Dafür können wir gar nicht genug danken«, sagt Birgit Wesenberg.

Ein Publikumsmagnet beim ersten »Advent auf der Koppel« war das Krippenspiel mit Menschen und Tieren. – Foto: Helmut Rohm

Ein Publikumsmagnet beim ersten »Advent auf der Koppel« war das Krippenspiel mit Menschen und Tieren. – Foto: Helmut Rohm

So fanden sie auch die Mitwirkenden für ein besonderes Krippenspiel rund um den Koppel-»Stall«, das ein Höhepunkt beim kleinen und doch überaus gut besuchten Adventsmarkt wurde. Nur eine einzige gemeinsame Probe war möglich, und zwar am Vortag der Aufführung. Nicht zuletzt, weil Pferd und Esel und Schafe »mitspielten«. Echte Tiere, auch sie alle Eichholzer.

Albrecht Lindemann, der als Erzähler fungierte, schrieb den Spieltext, den die Akteure noch ein wenig weiterentwickelten. Ausgehend von der Weihnachtsgeschichte nach Lukas thematisiert er Fremde und Flucht auch im Heute, auch mal mit einem Augenzwinkern und doch nachvollziehbar aktuell. Dabei treffen Josef und Maria samt (etwas störrischem) Esel auf ihrem Weg etwa auf das Wirtspaar vom »Ratskrug« – und werden abgewiesen. »Wir sind beide unabhängig voneinander gefragt worden, ob wir mitmachen wollen und haben gern zugestimmt. Auch wenn wir uns über eine positivere Rolle gefreut hätten«, sagt der Zerbster Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD), der gemeinsam mit der Nuthaer Ortsbürgermeisterin Sylvia Rothe diesen Part übernommen hat. »Beide bringen sich immer auch bei ›Rock auf der Koppel‹ ein«, ergänzt Birgit Wesenberg.

Hinter den Eichholzer Aktivitäten steht ein besonderes Anliegen. Für die stark sanierungsbedürftige romanische Dorfkirche gewann die Kirchengemeinde zwar 125 000 Euro. Voraussetzung für die Auszahlung ist jedoch ein hoher Eigenanteil. Der »Advent auf der Koppel« half dabei. Allein das Konzert des Zerbster Stadtchores erbrachte 650 Euro. Für das Krippenspiel ist im nächsten Jahr eine Neuauflage geplant. Erste Mitmachwillige, so der Pfarrer, gibt es bereits.

Helmut Rohm

Tausendfach erzählt, immer wieder neu

12. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

»Es begab sich aber zu der Zeit …« – Kaum eine andere Geschichte der Bibel ist so bekannt wie die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium, auch unter Konfessionslosen. Landauf, landab wird sie zu Weihnachten auf die Kirchenbühne gebracht. Doch Krippenspiel ist nicht gleich Krippenspiel.

Elsterwerda – Die klassische Geschichte unter freiem Himmel
Es war dunkel, es war kalt. So war es in Bethlehem. Und so wird die Szenerie des diesjährigen Krippenspiels in Elsterwerda sein. »Wir feiern den Weihnachtsgottesdienst unter freiem Himmel«, kündigt Pfarrer Kersten Spantig an. Die Idee wurde eher aus einer Not heraus geboren, denn die Stadtkirche ist seit September wegen Bauarbeiten gesperrt. Aber die Kirchengemeinde hatte ohnehin den Wunsch, hinauszugehen in die Öffentlichkeit, präsenter zu sein, unter den Menschen zu sein. Deshalb wurde aus der Baustellen-Not eine Tugend: Das Krippenspiel wird auf dem Marktplatz aufgeführt!

Rund 20 Kinder werden auf der Bühne stehen und die Geschichte von Jesu Geburt erzählen; Kindergarten- und Christenlehrekinder sowie Konfirmanden. Seit vielen Wochen proben sie schon. Viel zu tun hat auch das Vorbereitungsteam, das sich um Licht und Lautsprecher kümmert, um den Kulissenbau und die Werbung.

Die Gottesdienstbesucher werden stehen, deshalb soll die Christvesper kurz, aber prägnant werden; klassisch mit Predigt, gemeinsamem Singen und Krippenspiel. Die Stadtverwaltung, sagt Pfarrer Spantig, hat das Vorhaben sehr wohlwollend begleitet. Der Bürgermeister, der nicht christlich ist, wird den kirchlichen Posaunenchor auf der Trompete begleiten, dann soll »Stille Nacht« erklingen.

Pfarrer Kersten Spantig hofft, dass viele Menschen kommen und staunen. So wie beim »Messias«, den die Kantorei neulich aufführte – wegen der Kirchensperrung in einer Mehrzweckhalle. Das Konzert war gut besucht.

Zeitz – Schon die Kleinsten spielen mit
Es war die Idee der Erzieher. Sie wollten die Vorbereitungen für das traditionelle Krippenspiel des evangelischen Kindergartens in Zeitz auf mehrere Schultern verteilen. Alle Kolleginnen sollten mithelfen. Und so war die Idee geboren, auch alle Kinder einzubeziehen – vom Laufanfänger bis zum Vorschüler.

»Die Großen haben Sprechrollen, auch in Reimform. Das lässt sich für sie leichter merken.« Und die Kleinen? »Sie tanzen, übernehmen Statistenrollen, spielen die Schäfchen auf der Weide bei den Hirten«, sagt Erzieherin Katrin Fuhrmann. Eine halbe Stunde dauert das Krippenspiel, geprobt wird seit Mitte November, aufgeführt wird es bereits am vierten Advent in der Zeitzer Stephanskirche, im Anschluss wird zum Weihnachtsmarkt eingeladen.

Wittenberg – Uwe Birnstein und die Zeitmaschine
Dem Theologen und Journalisten Uwe Birnstein juckte es nach Jahren, in denen er konventionelle Krippenspiele gesehen hatte, in den Fingern. »Ich dachte damals an meinen elfjährigen Sohn. Er sollte nicht jedes Jahr das gleiche Krippenspiel aufführen. Er sollte wieder richtig Spaß haben«, sagt Uwe Birnstein, der damals in Bevern im Weserbergland zu Hause war und heute in Wittenberg lebt. Inspiriert von einem Film aus den 1970er-Jahren, kam ihm die Idee, die beiden Teenager Bastian und Sarah in eine Zeitmaschine zu setzen und nach Bethlehem ins Jahr Null reisen zu lassen.

»Per Zeitmaschine nach Bethlehem« wurde 1999 in Bevern uraufgeführt und gehört mittlerweile zu den beliebtesten Krippenspielen im Land. Das liegt nicht nur daran, dass Konfirmandengruppen oftmals aufwendige Zeitmaschinen selbst bauen und sich die Erwachsenen – durchaus mit kindlicher Freude – um Lichtshow und Nebelmaschine kümmern. Es liegt auch an der zeitgemäßen Sprache, die Birnstein verwendet, ohne sich mit Jugendslang anzubiedern. An den Popsongs, die jede Gemeinde nach Belieben austauschen kann. An der Kreativität, die das Spiel seinen Spielern lässt. Trotzdem bleibt die Weihnachtsgeschichte deutlich erkennbar – und wenn einzig der Engel bei den Hirten biblische Worte spricht: »ich verkündige euch große Freude«, dann hat das eine große Kraft.

»Das Spiel kann Brücken bauen für alle, die nicht mit christlichen Traditionen aufgewachsen sind. Wir gehen auf ihre Sprach- und Hörgewohnheiten ein. Wir zeigen: Wir Christen sind genauso Menschen wie ihr, aber wir haben einen besonderen Glauben und der ist gar nicht so alt, veraltet oder unbedeutend wie ihr denkt«, sagt Uwe Birnstein. Er denkt dabei an die vollen Kirchen gerade zu Weihnachten; in vielen Bänken sitzen ungeübte Gemeindeglieder und Konfessionslose. Uwe Birnstein ist selbst nichtkirchlich aufgewachsen. Aus seiner eigenen Kindheit und Jugend kennt er keine Krippenspiele.

Weimar – Amir spielt den Josef
Pastorin Bettina Reinefeld-Wiegel war verzweifelt auf der Suche nach Josef. Die Konfirmandengruppe, die in diesem Jahr das Krippenspiel für den ersten Gottesdienst am Heiligen Abend in der Herderkirche zu Weimar gestaltet, bestand nur aus Mädchen. »Wir brauchten dringend einen jungen Mann, um die Rolle des Josefs zu besetzen«, sagt die Pastorin. Da kam ihr Amir Mohammed in den Sinn.

Amir heißt eigentlich anders, die Redaktion hat seinen Namen geändert, weil nicht alle in seinem Umfeld sein Christsein positiv sehen. Er ist aus Afghanistan geflohen, er lebte dort als Muslim. Einige Zeit schon kommt er regelmäßig zu den Gottesdiensten in die Herderkirche, fiel der Pfarrerin auf, irgendwann sprach er sie an, sie redeten viel über den christlichen Glauben, im September ließ sich Amir Mohammed taufen. »Ich überlege immer wieder, wo er gut integriert werden kann in unserer Gemeinde, damit er sich wohlfühlt«, erzählt Pastorin Reinefeld-Wiegel. Das Krippenspiel ist so ein Ort.

Amir Mohammed wird den Josef spielen. Die Proben laufen gut. Amir Mohammed liest viel in der Bibel und besonders die Weihnachtsgeschichte, will vertraut werden mit Sprache und Inhalt und auf eine Texthilfe zur Aufführung verzichten. Konfirmandin Annika Halle, die die Maria spielt, hilft und erklärt ihm viel. Zu zweit und ganz in Ruhe sind sie den Text bereits durchgegangen. Pastorin Reinefeld-Wiegel ist glücklich darüber, wie gut die Konfirmandengruppe den jungen Mann aufgenommen hat. »Die jungen Menschen lernen sich und die unterschiedlichen Kulturen kennen«, sagt sie. Das sei Integration pur. Bettina Reinefeld-Wiegel möchte dies weiter fördern: Sie sucht Menschen, die in der Kirchengemeinde jenen Flüchtlingen Deutschunterricht geben, die noch keinen Integrationskurs besuchen.

Halle – Solo für Maria
Die Generalprobe hat sich zum Geheimtipp entwickelt. Weil zu beiden Aufführungen des Krippenspiels in der Paulusgemeinde zu Halle das Gedränge riesig ist, kommen inzwischen viele Familien mit kleinen Kindern am Heiligabend vormittags in das Gottes­haus. Dann ist es ruhiger, dann lässt sich das Krippenspiel genießen und die freudige Spannung von rund 100 Mitwirkenden spüren.

Die Proben für das Krippenspiel-Musical in Halle laufen auf Hochtouren. – Foto: Katja Schmidtke

Die Proben für das Krippenspiel-Musical in Halle laufen auf Hochtouren. – Foto: Katja Schmidtke

In der Paulusgemeinde ist das Krippenspiel als Musical konzipiert, seit 1993 arbeiten Kirchenmusikdirektor Andreas Mücksch und die sprachbegabte Gemeindekirchenrätin Barbara Schatz zusammen und schreiben Musik und Texte selbst. Seitdem sind Klassiker für die Gemeinde entstanden: »Bring mich nach Bethlehem« oder »Eine Stadt liegt in den Bergen« berichten vom Wunder der Weihnacht.

In diesem Jahr wird das Krippenspiel von 2013 wiederaufgeführt. Es erzählt Weihnachten aus Sicht der Hirten. Die Begeisterung der gut zwei Dutzend Jungen und Mädchen des Kinderchors ist groß. Schnell finden sich Spieler und Sänger. Die Rolle der Maria muss ausgelost werden, sie singt ebenso wie die drei Weisen ein Solo. »Wir sind oft erstaunt, wie sich die Kinder immer wieder darauf einlassen«, sagt Barbara Schatz. Das Krippenspiel ist ein Stück Heimat in der großen Gemeinde. Viele junge Leute, die dem Jugendchor entwachsen sind und in anderen Städten studieren und arbeiten, kommen Weihnachten zurück und reihen sich in den Chor ein. Kantor Mücksch findet, das Krippenspiel ist mehr als ein Spiel für Kinder. »Es ist die zentrale Verkündigung an Heiligabend.«

Bad Berka – Die Vertretungspfarrerin und ihr Ideenschatz
Nicht überall können Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kantoren mit so vielen Menschen proben und vorbereiten wie in den Stadtgemeinden. Auf dem Lande fällt so manches Krippenspiel aus, weil es keine Kinder mehr gibt. Das muss nicht sein, findet Friederike Spengler. Sie arbeitet hauptberuflich als Persönliche Referentin von Brigitte Andrae im Landeskirchenamt Erfurt. Als Pfarrfrau und Pfarrerin mit Pre­digtauftrag im Kirchenkreis Weimar weiß sie um die Sorgen und Nöte von Landgemeinden.

Für sie ist das Krippenspiel keineswegs schmückendes Beiwerk, es ist Verkündigung und es ermöglicht der Gemeinde eine Beteiligung daran. »Es ist sogar eine missionarische Art, Gemeinde zu bauen«, hat sie in ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin festgestellt. Wo es keine Kinder und Jugendlichen mehr gab, hat sie Erwachsene zum Krippenspiel motiviert – und oft selbst den Anfang gemacht: »Ich spiele mit. Sie auch?« Die Pfarrerin hat aber auch Gemeinden kennengelernt, wo dies nicht möglich ist. Wenn der Pfarrer zu Heiligabend nicht an allen Orten sein kann, kommt die Vertretung ins Spiel. Friederike Spengler lädt in solchen Fällen immer ihr Auto mit Requisiten voll: die Krippe samt Figuren, Kerzen, Stroh, die Flöte. Vielleicht sogar einen CD-Spieler, falls es keinen Organisten gibt. Daraus lässt sich viel zaubern.

Sie schafft es, die Menschen einzubeziehen, sie aus der Zuschauerrolle zu lösen. Ein Krippenspiel mit Kerzen: eine blaue für Maria, eine gelbe für das Jesuskind, eine weiße für den Engel, eine dicke dunkelrote, die nicht angezündet wird, für Herodes. Auch in Schattenspielen oder mit einem Polylux und Bildern hat Friederike Spengler die Weihnachtsgeschichte schon erzählt. Sie hat Predigten aus der Rolle einer der Figuren gehalten: Wie war es wohl für Maria, was empfanden die Hirten, warum blieb Josef eigentlich bei Maria, und verspürten die Wirte vielleicht Reue?

Perfektionismus ist fehl am Platze. Auch dass Friederike Spengler die Menschen nicht kennt, vor und mit denen sie spielt, ist nicht wichtig. Wann, wenn nicht Weihnachten, geht es um die Botschaft? Und gerade das Neue, das Fehlen von Bekanntem, das oft als Mangel Empfundene kann der Gemeinde helfen, sich dieser tausendfach tradierten Botschaft neu zu nähern.

In diesem Jahr wird Friederike Spengler diesen Versuch wieder wagen: In einem kleinen Ort mit kleiner Kirche feiert sie die Christvesper. »Gerade bin ich mit der Betreiberin eines Ziegenstalls im Gespräch, und dabei ist die Idee entstanden, den ersten Teil des Weihnachtsevangeliums mit der Gemeinde in der Kirche zu lesen und sich dann mit den Hirten auf den Weg zum Stall zu machen«, erzählt sie. »Da bekommt das ›Lasst uns gehen und sehen, was uns der Herr kundgetan hat‹ eine ganz andere Dimension. Im Stall erwartet uns die Krippe und eine Predigt über die Rolle der Hirten in der Weihnachtsgeschichte.«

Katja Schmidtke

Henkelkirche

10. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Neben die Kirche, so mein früherer Nachbar, gehöre im Dorf eine »Henkelkirche«. Er meinte damit die Dorfschenke für den sonntäglichen Frühschoppen. Einst ging man nach dem Gottesdienst dorthin, um die Predigt auszuwerten und die Neuigkeiten auszutauschen. Lang ist’s her.

Viele Henkelkirchen sind geschlossen oder haben schon lange keine Gottesdienstbesucher mehr gesehen. Regelmäßige Gottesdienste sind in kleinen Kirchengemeinden die Ausnahme. Nur Heiligabend, da ist alles anders. In jeder noch so kleinen Kirchengemeinde gibt es eine Christvesper oder, besser noch, ein Krippenspiel. Da ist das ganze Dorf, ob christlich sozialisiert oder nicht, auf den Beinen.

Ein Erlebnis der besonderen Art war für mich der Besuch eines Krippenspiels in einem kleinen Ort mit großem Kirchengebäude. Abgesehen von einer dem Anlass unangemessenen Geräuschkulisse wurden auf den Emporen hochprozentige Getränke durch die Reihen gegeben. Glühwein, Piccolo, Taschenrutscher – ein Sortiment an Hochprozentigem, das jedem Getränkestand auf dem Weihnachtsmarkt zur Ehre gereicht.

Der Gottesdienst? Nebensache. Ich bin irritiert. Nein, ich finde das unmöglich! Habe ich nur ein verklärtes Bild der romantisch-besinnlichen Christnacht? Warum zieht es so viele Menschen Heiligabend in die Kirche, wenn sie mit dem Geschehen so wenig anfangen können und wollen? Warum ist das Kind in der Krippe, wenn überhaupt, nur Beiwerk? Der Engel spricht: »Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.« Stimmt, von einer Auswahl des Publikums ist hier nicht die Rede. Wenn die große Freude allen gilt, sollte man da nicht froh sein, wenn alle kommen? Der Schlusssegen und »Stille Nacht« erreicht schließlich auch alle, ob sie wollen oder nicht. Selbst die auf der zweiten Empore.

Willi Wild

Fürchtet euch nicht!

13. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Weihnachtsoper mit aktuellen Bezügen auf der Theaterbühne in Gera

Die Vorstellung in der Geraer Bühne am Park beginnt mit einem Prolog: »Araber, Juden, Afrikaner, Sinti und Roma, Afghanen, Syrer, Menschen aus dem Fernen Osten, das alles sind wir, die drei Könige, wir kommen aus dem Morgenland, der Stall steht im Morgenland, der Stern ist der Morgenstern, das Kind ist ein Morgenkind.« Gastregisseur Michael Dissmeier hat diese Sätze gemeinsam mit den Mitwirkenden der Weihnachtsoper »Amahl und die nächtlichen Besucher« formuliert. Ihm geht es dabei um aktuelle Bezüge zur Weihnachtsgeschichte.

Amahl und seine Mutter sind tragende Figuren der Oper. Foto: TPT Theater und Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg (Sabina Sabovic)

Amahl und seine Mutter sind tragende Figuren der Oper. Foto: TPT Theater und Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg (Sabina Sabovic)

»Es ist wichtig, die religiösen Aspekte aufzuzeigen, zu hinterfragen und zu beleuchten«, erklärt er. Dissmeier lässt ganz bewusst die drei Könige als zeitlose Gestalten, weiß geschminkt, zunächst völlig unwissend, ihre Gedanken zu Weihnachten entwickeln. Sie sehen so gar nicht abendländisch aus, kommen aus dem Orient und bestechen durch Menschlichkeit. »Lasst uns in Ruhe mit eurem christlichen Abendland«, heißt es da. Sie kritisieren, wie christliche Traditionen in dieser Diskussion instrumentalisiert werden. Sie sprechen über die Kommerzialisierung des Festes und fragen: »Was bedeutet Weihnachten eigentlich heute?«

Die amerikanische Weihnachtsoper in einem Akt »Amahl and the Night Visitors« wird in Deutschland nur selten gespielt. In den USA gehört sie zu den Klassikern in der Weihnachtszeit, ähnlich einem musikalischen Krippenspiel. Begonnen hat ihr Siegeszug mit der Premiere in einem NBC-Fernsehstudio am 24. Dezember 1951, wofür Gian-Carlo Menotti (1911–2007) das Werk komponiert hatte.

»Der gebürtige Italiener hat eine volksnahe Version der Weihnachtsgeschichte gefunden, die sich gezielt mit sozialen Umständen, mit Armut und dem Leben einfacher Familien beschäftigt«, betont Michael Dissmeier. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Amahl, ein gehbehinderter Junge, der mit seiner Mutter in einem spartanisch eingerichteten Haushalt lebt. Die Mutter scheint mit dem fantasievollen Sohn überfordert. Am Tag, als Amahl den Stern von Bethlehem entdeckt, kommen die drei Könige vorbei und bitten um Herberge. Die Mutter kümmert sich rührig um sie. Zwischen Amahl und den Königen entwickelt sich eine Beziehung, die ihn die Gründe ihrer Reise und die Suche nach dem wundervollen Kind verstehen lassen. Er möchte dem Jesuskind seine Krücken schenken, da er nichts anderes geben kann. Da geschieht ein Wunder: Amahl wird von seiner Behinderung geheilt. Er kann jetzt auf eigenen Beinen stehen und die Könige begleiten.

»Weihnachten ist nicht für die Etablierten, Reichen und Leitenden einer Gesellschaft passiert, sondern für die einfachen Menschen, für Fremde«, findet der Regisseur. Der neu geborene König selbst gehörte zu den Ärmsten der Armen. Mit dem Tode bedroht, mussten seine Eltern fliehen, waren Flüchtlinge, haben in Ägypten Asyl gefunden.

Die Aufforderung »Fürchtet euch nicht«, die im Prolog aufgenommen und von Amahl am Ende auf die Kulisse geschrieben wird, erweist sich als eine Botschaft, die über eine konkrete Religion hinausgeht und letztendlich in das echte Weihnachtswunder der Geburt des Erlösers mündet.

Wolfgang Hesse

Weitere Aufführungen in Gera, Bühne am Park: 20. 12., 18 Uhr; 22. 12., 18 Uhr

Sechs Taufen und eine Hochzeit

17. März 2014 von redaktionguh  
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Gemeindeleben: Für eine Familie wurden Paten aus der Kirchengemeinde gesucht und gefunden

»Als sie aber mit ihrem Hause getauft war …«, so erzählt die Apostelgeschichte im 16. Kapitel von der Purpurhändlerin Lydia. Sie und alle, die zu ihrem Haus gehörten, ließen sich taufen.

Dass sich eine ganze Familie taufen lässt, hört man heutzutage selten. Umso ermutigender ist es für eine Kirchengemeinde, wenn sich so eine »Haustaufe« doch einmal ereignet – wie im Fall von Marko und Katja Blankenburg, die sich gemeinsam mit ihren vier Kindern in Schlot­heim (Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen) taufen ließen.

Staunend schauen die Kinder, wie Pfarrer Frank Freudenberg ihren Vater tauft. Im Hintergrund steht Gemeindepatin Barbara Tietz. Foto: Sven Kaiser

Staunend schauen die Kinder, wie Pfarrer Frank Freudenberg ihren Vater tauft. Im Hintergrund steht Gemeindepatin Barbara Tietz. Foto: Sven Kaiser

»Meine Familie hat kirchliche Wurzeln. Ich erinnere mich, dass mein Opa immer die Glocken in der Kirche geläutet hat. Kirche und auch Gott haben mich irgendwie fasziniert«, erinnert sich Marko. Die Bindung der Familie an die Kirche brach in den 1970er Jahren allerdings ab. Die Kinder wurden nicht mehr getauft, auch Marko nicht. Anlässlich seines 40. Geburtstags beschloss der gelernte Seiler gemeinsam mit seiner Frau Katja, dass es jetzt an der Zeit sei, die »Tauf-Lücke« zu schließen und gleichzeitig ihre Ehe unter Gottes Segen zu stellen. Auch bei Katja gab es kirchliche Anknüpfungspunkte aus der Kindheit. »Ich habe beim Krippenspiel mitgemacht, auch wenn meine Familie das nicht unterstützte«, erinnert sich die 28-jährige Hauswirtschaftshelferin. Im Blick auf die eigenen vier Kinder wünschen sich Marko und Katja, dass sie von klein auf den christlichen Glauben kennenlernen, vom einjährigen Oskar bis zum achtjährigen Jannik. Der Drittklässler geht bereits regelmäßig in die Christenlehre. »Da ist Jannik so eifrig dabei, dass er keine Stunde verpassen möchte«, beobachtet sein Vater erfreut.

Bis zu der Lebensentscheidung der Familie, sich taufen zu lassen, spielte christlicher Glaube im Familien- und Freundeskreis keine besondere Rolle. Entsprechend schwierig gestaltete sich die Patensuche. So war auch die Kirchengemeinde gefordert und erkannte die erfreuliche Situation als einen besonderen Auftrag. Zwei »Gemeindepaten« fanden sich, um den Weg der Familie in den christlichen Glauben zu begleiten. Auch der Gemeindekirchenrat machte sich Gedanken, wie Familie Blankenburg ihren Platz in der Kirchengemeinde finden kann.

»Normalerweise entstammen die Paten ja dem Familien- und Freundeskreis der Täuflinge. Dieses Patenamt ist dagegen etwas Besonderes, weil ich die Familie ja bisher kaum kenne«, stellt Barbara Tietz fest, die das Patenamt für den dreijährigen Felix übernommen hat. »Gerade weil es noch so wenig Verbindung zum christlichen Glauben gibt, möchte ich dabei helfen, dass der Same, der durch die Taufe gelegt wurde, zu einem grünen Pflänzchen heranwachsen kann«, sagt die 48-jährige Krankenschwester. Zunächst wollen sie und andere aus der Kirchengemeinde die Tauffamilie näher kennenlernen, damit gegenseitiges Vertrauen wächst. Miteinander können sie später biblische Geschichten entdecken – beim persönlichen Besuch oder bei den Angeboten in der Kirchengemeinde. »Jetzt gibt es noch manche Befremdung, weil man aus einem unterschiedlichen Umfeld stammt. Durch persönlichen Kontakt kann diese Fremdheit abgebaut werden und eine fruchtbare Beziehung zum christlichen Glauben und zur Kirchengemeinde entstehen«, blickt die Patin hoffnungsvoll in die Zukunft.

Katharina Freudenberg

Wo Natur und Gemeinschaftssinn gedeihen

13. Januar 2014 von redaktionguh  
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Die Gemeinde Grimme bei Zerbst ist Siegerin des Umweltpreises der Landeskirche Anhalts

Wenn Gemeinschaftssinn nicht nur Theorie ist, dann kann daraus Großes entstehen. Grimme, 140 Einwohner und nahe bei Zerbst gelegen, ist ein Beispiel für praktizierten Gemeinschaftssinn. »Wir bemühen uns seit Jahren in unser Dorf viel Leben reinzubringen«, so Annemarie Reimann, Kirchenälteste im Ort. Mit »wir« meint die Architektin, die an der Hochschule Anhalt in Dessau-Roßlau arbeitet, nicht nur die evangelische Kirchengemeinde. Von der Freiwilligen Feuerwehr über den kommunalen Gemeinderat bis

»Unser Dorf ist  so schön und lebendig,  wie wir es gestalten«

hin zur Kirche sind sie »ein Konglomerat, das jenseits aller Befindlichkeiten die ganze Bevölkerung mitnehmen will«, wie sie es ausdrückt. Das war der Landeskirche Anhalts im vergangenen Jahr den 1. Platz bei ihrem erstmals ausgelobten Umweltpreis wert. Denn viel hat dieses »Konglomerat« bisher auch für das Umweltbewusstsein in dem kleinen Ort getan.

»Unser Dorf ist so schön und lebendig, wie wir es gestalten«, zieht sich als verbindendes Motto durch das ganze Jahr. Per Haus- und Quartalsbriefen wird zu den regelmäßigen Veranstaltungen in Grimme eingeladen und viele beteiligen sich daran. Sei es zum Frühjahrsputz rund um Friedhof und Kirche, das Osterfeuer im Ort, für das gerade Kinder mit Begeisterung Holz sammeln oder die Konfirmationen und Jugendweihen, wo für jeden Jugendlichen an der symbolischen Schwelle vom Kind zum Erwachsenen auf einer Streuobstwiese ein Baum gepflanzt wird.

Für jeden Jugendlichen im Ort wird zur Konfirmation oder Jugendweihe ein Baum auf der Streuobstwiese gepflanzt. Foto: Annemarie Reimann

Für jeden Jugendlichen im Ort wird zur Konfirmation oder Jugendweihe ein Baum auf der Streuobstwiese gepflanzt. Foto: Annemarie Reimann

Feste sind ebenso ein integraler Bestandteil des Dorflebens. »Jeder kann sich hier mit seinen Talenten einbringen und soll sich angesprochen fühlen«, sagt Reimann. Da wird Kuchen gebacken. Da werden Werke regionaler Künstler ausgestellt. Zum Apfeltag im Herbst rollt regelmäßig eine mobile Apfelpresse an. Menschen aus der Region bringen ihre Äpfel mit und gehen mit frisch gepresstem Apfelsaft, abgefüllt in Tetrapaks, nach Hause. Garantiert 100 Prozent Natur, ohne künstliche Zusätze. Ein Pomologe bestimmt die mitgebrachten Apfelsorten. Korbflechter und Seifenhersteller aus der Region zeigen ihr Können. Ein Imker klärt über die Situation der heimischen Bienen auf. Der Apfeltag ist ein Ereignis in Grimme und für die umliegenden Gemeinden.

Dabei ist er einst aus der Not heraus geboren. Zum 1. Januar 2010 wurde Grimme nach Zerbst eingemeindet.

»Wir haben mehr Ideen als wir je realisieren könnten«

Dadurch fielen viele Fördermittel, auch für das Herbstfest, weg. In gemeinschaftlicher Überlegung wurde schnell das Apfelfest ins Leben gerufen. Auch jenseits des Festplatzes ist Umwelt- und Naturschutz im Alltag ein Thema. Die Dorfgemeinschaft aus Grimme arbeitet eng mit dem Ornithologischen Verein Dessau zusammen. Nist- und Brutkästen für diverse Vogelarten durchziehen Grimme und Umgebung. Die Auszeichnung »Schwalbenfreundliches Haus« ist im Ort auch schon etikettiert. In einem Projekt zur Biodiversität werden alte Samensorten gezogen. In der Vorweihnachtszeit wird zum »Advent in den Höfen« geladen und Heiligabend von der Dorfgemeinschaft ein Krippenspiel gestaltet. »Wir haben mehr Ideen als wir je realisieren könnten«, ist Annemarie Reimann stolz, Teil dieser lebendigen Gemeinschaft zu sein.
Danny Gitter

»Jesus und das liebe Vieh«

21. Dezember 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Junge Gemeinden des Altenburger Landes haben neues Weihnachtsspiel geschaffen

Drei Kamele, zwei Schafe, Ochse und Esel gehören in diesem Jahr zu den Mitwirkenden eines neuen Krippenspieles, das von den Jungen Gemeinden Altenburg, Ehrenhain und Flemmingen geschaffen wurde. Die Ideen hierfür wurden bereits im September in der Jungen Gemeinde Ehrenhain gesammelt und von der Studentin Janine Eichler aus Flemmingen in Textform gebracht. 18 Jugendliche sind beteiligt, die auch ihre Kostüme selbst gestalteten. Nachdem die Rollen verteilt waren, begannen nach den Herbstferien die wöchentlichen Proben, die von der Autorin sowie Pastorin Heike Schneider-Krosse und Jugendwartin Susann Borowansky begleitet werden.

Die Jungen Gemeinden Altenburg, Ehrenhain und Flemmingen laden zu einer Interpretation  der Weihnachtsgeschichte ein, in der Marias Esel seinen Senf zur Volkszählung dazugibt und auch die Kamele und Schafe in das Weihnachtsgeschehen eingreifen. – Foto: Ilka Jost

Die Jungen Gemeinden Altenburg, Ehrenhain und Flemmingen laden zu einer Interpretation der Weihnachtsgeschichte ein, in der Marias Esel seinen Senf zur Volkszählung dazugibt und auch die Kamele und Schafe in das Weihnachtsgeschehen eingreifen. – Foto: Ilka Jost

Die »besonderen Weihnachtsspiele« der Jungen Gemeinden haben inzwischen eine lange Tradition, deren Ursprung im Jahr 1992 liegt. Mit großer Originalität ist es dabei immer wieder gelungen, die Frohe Botschaft aus einem anderen Blickwinkel zu vermitteln. So waren vor einigen Jahren Maria und Josef zu erleben, die mit dem Trabant liegengeblieben und auf der Suche nach Benzin waren. Dieses Mal geht es also um Tiere.

Angesichts von regelmäßigen Fleischskandalen haben sich die Jugendlichen mit dem Stück »Jesus und das liebe Vieh« der innerhalb der Kirche eher selten thematisierten Frage zugewandt: »Sind Tiere in die christliche Botschaft eingeschlossen?«

Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas erzählt: Der Verkündigungsengel kommt auch zu den Niedrigsten in der Gesellschaft, den Hirten. Die Jugendlichen gehen einen Schritt weiter und lassen den Schafen die Frohe Botschaft kundwerden.

»Wer die bisherigen Krippenspiele der Jungen Gemeinden kennt, weiß: dies geschieht natürlich nicht ohne Augenzwinkern«, erklärt die Jugendwartin. Auch Themen wie Toleranz, Eitelkeit und Verständigungsprobleme würden so humorvoll aufgegriffen und regten zum weiteren Nachdenken an. »So sind unsere Heiligen Drei Könige in diesem Jahr Putin, Obama und Assad«, freut sich Susann Borowansky.

Michael von Hintzenstern

Termine: 22. 12., 16 Uhr, Altenburg, Bühne am Weihnachtsmarkt; 24. 12., 22.30 Uhr, Ehrenhain, Kirche

Losgehen, verkündigen, hoffen und Herzen öffnen

1. Februar 2013 von redaktionguh  
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Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräer 3, Vers 15

Es ist Heiligabend. In einem kleinen Bördedorf zwängen sich die Menschen in die Kirche. Es ist wieder so weit. Gottesdienst mit Krippenspiel. Wer rechtzeitig erscheint, hat einen guten Platz. Wer sich unterwegs mehr Zeit nimmt, muss stehen. Am Sonntag Sexagesimä werde ich an selber Stelle eine andere Gottesdienstgemeinde vorfinden. Gute Plätze werden reichlich vorhanden sein, und stehen muss niemand. Es ist schmerzhaft, dass die meisten Menschen, die Gottes Wort hören, denen das Evangelium der Rettung verkündigt wird, nicht wiederkommen – zumindest nicht so schnell!

Wie ein großer roter Faden durchzieht diese leidvolle Erfahrung die Geschichte des Weges Gottes mit den Menschen. Das durch die Wüste wandernde Gottesvolk war seinem Herren trotz aller ­besonderen Erlebnisse nicht treu. Unzählige Menschen begegneten Jesus. Sie haben ihn gehört. Sie haben seine Wunder gesehen. Doch die wenigsten folgten ihm nach. Somit reihen wir uns in die lange Schlange der Prediger und Verkündiger des Glaubens ein, die allesamt mit dem Phänomen »der verschlossenen Herzen« leben und kämpfen mussten.

Der Moment entscheidet das Leben? Das verhärtete Herz zur falschen Zeit: Pech gehabt? Chance vertan? Dieser Gedanke ist für mich unerträglich! Wo wäre die Liebe Gottes? Wo wäre der Sinn unseres Verkündigungsauftrages?

Erik Hannen, ordinierter Prädikant im Kirchenkreis Egeln

Erik Hannen, ordinierter Prädikant im Kirchenkreis Egeln

Mein Blick geht einige Verse weiter: So lasst uns nun mit Furcht darauf achten, dass keiner von euch etwa zurückbleibe, solange die Verheißung noch besteht (Hebräer 4, Vers 1). Ich bin sehr dankbar über diesen Vers. Er schenkt mir Kraft, Hoffnung und Trost. Kraft, immer wieder loszugehen und Gottes Wort zu verkündigen, da ich die Hoffnung haben darf, dass das Hören auf Gottes Stimme und das offene Herz dafür in jedem Moment eintreten könnte. Es tröstet mich, weil es mir auch bewusst macht, dass Gott Zeit schenkt, seine Stimme zu hören und die Herzen zu öffnen.
Erik Hannen, ordinierter Prädikant im Kirchenkreis Egeln

Licht und Schatten

25. Dezember 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Manchmal verharren die Spieler minutenlang ruhig. Foto: Maik Schuck

Manchmal verharren die Spieler minutenlang ruhig. Foto: Maik Schuck


 

Projekt: In Sömmerda spielen Jugendliche aus der Stadt die Weihnachtsgeschichte.

 
Es ist dunkel, es stürmt und regnet, das Stadtzentrum von Sömmerda liegt verlassen da. Wer geht bei so einem Wetter schon freiwillig vor die Tür? Die Krippenspieler in der Bonifatiuskirche tun es. Mit einem Becher Tee sitzen sie entspannt in den kalten Kirchenbänken, probieren Kostüme, telefonieren mit dem Handy – Tatoos und Piercings schimmern im fahlen Licht. Pfarrerin Angela Fuhrmann und Student Lukas Altenburg (22) bauen derweil die Schattenspieltechnik auf. All das hat sich im letzten Jahr genauso ereignet, nur dass das Spiel nicht aufgeführt werden konnte. Ein tragisches Unglück geschah gleich zu Beginn der Vesper – ein Mann verstarb in der Kirchenbank.
 
»Josef« Daniel Futh (22) erzählt schaudernd: »Ich habe an dem Abend meine Jacke schützend vor den Mann gehalten.« –  »Es war grauenvoll, und wir waren geknickt, dass wir’s nicht mehr aufführen konnten«, bedauert »Augustus« Sandro Haak (21).
 
Die beiden jungen Männer und Nadine Klinge (15) waren bereits 2010 dabei, alle anderen kommen seither aus verschiedenen Gründen nicht mehr. Die ganze Gruppe ­gehörte damals zum freien Jugendtreff B 27 in Sömmerda – mit ihrer ganz eigenen Geschichte im Gepäck. »Verlust der Lehrstelle, Kontakt mit Drogen oder der Polizei, Probleme im Elternhaus. Sie alle hatten schlechtere Chancen, als wir es ihnen wünschen«, erläutert Pfarrerin Fuhrmann. Und doch waren sie am Heiligen Abend bereit zur Aufführung. Sie hatten gehofft, dass die Menschen sie wenigstens an diesem Abend einmal mit anderen Augen sähen. Und wirklich waren auch Familie und Kumpels erstmals in die Kirche gekommen, wollten ihr Spiel sehen – als plötzlich … Vergessen ist dies alles nicht.
 
Für die fehlenden Spieler fanden sich Freunde und Konfirmanden. ­Engel Jessica Reibeholz (13) wurde durch ihre Freundin Nadine überredet. Nadine brauchte im letzten Jahr erst einmal einen Glühwein nach dem Schock in der ­Kirche. »Ich habe gezittert und hatte Gänsehaut.« Aber sie ist wieder dabei, schließlich mag sie Engel sehr. »Mein Erinnerungsengel vom letzten Jahr steht bei mir im Regal«, sagt sie leise.
 
Die, die wieder dabei sind, sind entspannter geworden. Man merkt, dass das Spiel jetzt »ihr Ding ist«. Sie lassen zu, dass in der Predigt Porträtfotos von ihnen gezeigt werden. »Ich bin froh, dass es nur ein Schattenspiel ist, ich zeige mich nicht so gern«, betont Sandro. Er war  früher Gast im Jugendtreff. Zurzeit absolviert er eine Maßnahme in der Holzbearbeitung. Dort hat er Lichterbögen gebaut, die auf dem Weihnachtsmarkt in Erfurt verkauft wurden, darauf ist er stolz. »Doch, das mit dem Foto ist schön«, meint Nadine.
 
Sozialpädagoge Willy Küster vom Jugendtreff fotografiert geduldig. Er kennt seine Leute und weiß, was ihnen wichtig ist. Ruhig und geduldig ist auch Angela Fuhrmann. Ihre Stimme ist leise, sie redet mit den Spielern auf Augenhöhe und doch bestimmt: »Richte dich auf. Du bist Josef, es geht dir so gut wie noch nie, das Baby ist geboren. Aber die Handys sind Heiligabend aus!«
 
Die Jugendlichen spielen zum Lukasevangelium, manchmal müssen sie minutenlang ruhig verharren. »Ich setze darauf, dass die Geschichte mit den Menschen etwas macht, dazu brauche ich keine gereimten Anspiele«, erklärt Angela Fuhrmann. »Maria« Luise Neumann (17), die eine Ausbildung zur Kinderpflegerin begonnen hat, sieht das gelassen. »Ich bin getauft und war auch schon öfter mal dabei.« Die anderen kennt sie aus dem Jugendtreff oder von der Straße. Viele wohnen im Wohnblock Tür an Tür.
 
Dass die Menschen durch das Spiel sehen, dass man sich vor diesen Jugendlichen nicht fürchten muss, dass sie nicht nur laut sind und etwas kaputt machen, hofft Pfarrerin Fuhrmann inständig. Dieses Mal muss es gelingen.
 
Regina Englert
 

Ochs und Esel aus Fleisch und Blut

23. Dezember 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Einige Kinder stellten das für die Christvesper eingeübte Krippenspiel schon einmal am 10. Dezember dem MDR-Fernsehen vor. Foto: Gemeinde.

Einige Kinder stellten das für die Christvesper eingeübte Krippenspiel schon einmal am 10. Dezember dem MDR-Fernsehen vor. Foto: Gemeinde.


 

Im altmärkischen Möringen wirken am 24. Dezember lebendige Tiere beim Krippenspiel mit.

 
Maria wird auf dem Esel nach Bethlehem reiten. Dort steht im Stall schon der Ochse und wenig später kommen noch die Hirten mit ihren Schafen dazu.« Wenn Alfredo Rockstroh erzählt, klingt das zunächst wie eine arg gekürzte Fassung der Weihnachtsgeschichte. Wer dem Pfarrer aus Möringen in der Altmark aber genau zuhört, kann sich gut vorstellen, dass der Heiligabend-Gottesdienst etwas ganz Besonderes wird. Denn diese Kurzfassung ist quasi das Drehbuch für ein Krippenspiel mit lebendigen Tieren. »Ich denke, das wird ein großes Spektakel«, sagt Alfredo Rockstroh und hofft vor allem auf gutes Wetter. Bereits im vorigen Jahr waren lebende Tieren beim Krippenspiel dabei, aber in diesem Jahr sollen es noch mehr sein: »In dieser vollkommenen Weise wird es eine Premiere.«
 
Gottesdienste mit Tieren hat Pfarrer Rockstroh in Möringen schon häufiger gefeiert. Denn seine Ehefrau Silvia betreibt eine Nutztierarche. Gemeinsam setzt sich das Ehepaar für den Erhalt alter Nutztierrassen ein. Hier leben zwei Kaltblutpferde, drei Rinder, zwei Ziegen, fünf Schafe, vier Schweine und Geflügel. Nicht nur beim Krippenspiel am Heilig Abend sind die Tiere Teil der kirchlichen Arbeit. Vor allem Kinder und Jugendliche sollen etwas erfahren über die Artenvielfalt der Schöpfung und den Umgang mit den Tieren. Zum Beispiel bei Projekttagen im Rahmen des Biologie-, Sozialkunde- oder Ethikunterrichts. Europaweit gibt es über 200 Nutztierarchen, die sich zum Ziel gesetzt haben, alte, vom Aussterben bedrohte Haustierrassen zu erhalten.
 
Beim Krippenspiel am Heiligen Abend steht die Leonardskirche in Möringen für die Stadt Nazareth. Von hier aus macht sich Josef mit Maria auf dem Esel auf zum Gemeindehaus, pardon, nach Bethlehem, und weil ja bekanntlich kein Raum in der Herberge ist, müssen die beiden weiterziehen auf den Hof der Nutztierarche. Hier wartet schon der Ochse im Stall. Ein Lagerfeuer sorgt für das passende Ambiente und für heiße Getränke wird auch gesorgt.
 
Einen Unterschied zur Weihnachtsgeschichte gibt es aber: Der Ochse im Möringer Krippenspiel ist ein Bulle – ein Cachena-Rind mit beeindruckenden Hörnern. Wenn sie ausgewachsen sind, bringen die kastanienbraunen Tiere bis zu einer halben Tonne auf die Waage. Von dieser Rasse, die ursprünglich in Spanien und Portugal beheimatet war, gibt es in Deutschland nur rund 45 Tiere. Die Hirten werden begleitet von einer kleinen Herde rauhwolliger pommerscher Landschafe. Eine robuste Rasse, die kurz vor dem Aussterben stand, deren Bestände sich aber inzwischen wieder erholt haben. Dieses Landschaf ist von der UNO auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Haustierrassen gesetzt worden.
 
Kinder und Jugendliche aus der Kirchengemeinde sind die Schauspieler, aber ohne die Unterstützung des Gemeindekirchenrates und der vielen Helfer wäre das Krippenspiel in dieser Form nicht denkbar, sagt Rockstroh: »Ich bin sehr dankbar, dass die Gemeinde dieses voll und ganz unterstützt und trägt.«  
 
Thorsten Keßler
 
Die Christvesper »Unterwegs zur Krippe« in der Leonardskirche in Möringen begint um 17 Uhr. Danach folgt die Gemeinde Maria und Josef auf den Hof der Nutztierarche, wo das Krippenspiel weitergeht und mit dem gemeinsamen Singen von »Stille Nacht« endet.
 
www.pfarrbereich.de
www.nutztier-arche-mitgeschoepfe.de
www.vieh-ev.de