Gott im Gehirn

16. Juni 2017 von redaktionguh  
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Glaube, Kunst und Wissenschaft: In Michelangelos Fresken erkannten Forscher Details des Stamm-, Groß- und Kleinhirnes. Wohnt der Herr tatsächlich in unserem Hirn? Ist unser Gehirn ein Meisterwerk Gottes oder Gott ein Meisterwerk des Gehirns?

Jahre – gar jahrhundertlang galten Glauben und Wissenschaft als Antipoden, mussten Wissenschaftler widerrufen oder sterben, wenn sie Naturgesetze entdeckten, die nicht ins kirchliche Weltbild passten, wenn die Wissenschaft sich gegen die göttliche Schöpfung wandte. Inzwischen fragen Mediziner, Neurobiologen und Physiker unbefangen, ob es so etwas wie ein Gottes-Gen in unserer DNA gibt oder ein Gott-Modul in unseren grauen Zellen.

Auch den Magdeburger Hirnforscher Gerald Wolf treiben diese Fragen um. Der emeritierte Professor leitete jahrelang das Institut für medizinische Neurobiologie an der Otto-von-Guericke-Universität. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung hat den Atheisten zum Skeptiker werden lassen. »Ich bin nicht glücklich mit meinem Atheismus«, sagte Wolf am Rande eines Vortrags in Halle. Er wäre lieber einer jener Menschen, die glauben können.

Religiosität hat wissenschaftlich messbare Vorteile. Glauben spendet Schutz und Trost, gibt dem Leben Sinn, macht die Welt plausibel, stärkt die seelische wie die körperliche Gesundheit und ist der Kitt, der Menschen verbindet.

Trotz all dieser Vorteile ist nicht bei allen Menschen die Glaubensbereitschaft gleich ausgeprägt. Wie die Befähigung zum Glauben in uns kommt oder eben nicht, ist eine Frage, die sich die Wissenschaft stellt, die sie aber nicht beantworten kann.

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Die rund anderthalb Kilo schwere Gehirnmasse eines erwachsenen Menschen besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, sie alle sind tausendfach durch Synapsen verbunden und kommunizieren miteinander. So weit die Hirnforschung auch fortgeschritten ist, so weit sind wir davon entfernt, das Gehirn zu verstehen, sagt Professor Wolf. Warum fühlen Amputierte Schmerzen in den abgenommenen Gliedmaßen? Warum wissen blinde Neugeborene, wie man lächelt? Wenn wir sterben, was passiert dann mit dem Geist, den unser Hirn eigentlich unablässig »produziert«? Woher kommt der Glauben?

Ein sogenanntes Gottes-Gen beschrieb 2004 der US-amerikanische Biochemiker und Verhaltensgenetiker Dean Hamer. Hamer ist nicht unumstritten, er hatte in den 1990er-Jahren eine Kontroverse angestoßen mit seiner Theorie von der Existenz eines Genes, das bei Männern Homosexualität vorbestimme.

Beim Gottes-Gen handelt es sich seinen Forschungen zufolge um ein Molekül in den Nervenzellen, das den Transport glücklich machender Hormone wie Dopamin erleichtert. Für Hamer ist das Molekül auch für religiöse Empfindungen verantwortlich, und es kommt bei gläubigen Menschen in anderer Ausprägung vor als bei Atheisten.

Doch die Debatte um dieses Gottes-Gen ist laut Gerald Wolf ebenso verstummt wie jene um das Gott-Modul, das der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran im Zuge von Forschungen zur Schläfenlappen-Epilepsie gefunden haben will. Eine ganz andere Stelle als Ramachandran fand hingegen der Hirnforscher Andrew Newberg, als er Versuche mit betenden Nonnen und meditierenden Mönchen unternahm. Bei der »unio mystica«, dem Verschmelzen in Gott und mit der Welt, wird eine Hirnregion hinter den Ohren auffällig inaktiv. Geht es also um Religiosität, sind viele Bereiche im Gehirn aktiv, laufen unzählbare biochemische Prozesse ab.
Hat nun Gott unser Gehirn so geschaffen, dass er für uns erfahrbar ist? Oder ist die Befähigung unseres Hirns zum Glauben ein Teil unserer Natur und schnöder Vorteil im Evolutionsprozess? Gerald Wolf beantwortet diese Frage nicht. Seine Zuhörer schickt er mit Verunsicherung, Zweifeln, Fragen nach Hause. Und er sagt noch: »Glauben ist nicht Wissen.«

Katja Schmidtke

Boheme in der DDR

12. März 2017 von redaktionguh  
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Neues Standardwerk: Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus

Es ist die bisher ausführlichste Darstellung von Kunst und Gegenkultur in der DDR und kann auf Grund ihrer minutiösen Quellenkenntnis als wegweisendes Standardwerk bezeichnet werden: die fast 500 Seiten umfassende und reich bebilderte Monografie: »Boheme in der DDR« von Paul Kaiser. Es handelt sich hierbei um die aktualisierte Fassung der 2007 vom Autor an der Humboldt-Universität in Berlin eingereichten Dissertationsschrift, die mit höchstem Expertenlob bedacht wurde. Das Begleitbuch zu der von ihm und Claudia Petzold konzipierten Ausstellung »Boheme und Diktatur in der DDR« im Deutschen Historischen Museum in Berlin (1997/1998) ist seit Jahren vergriffen. Nun liegt ein Prachtband vor, der tiefe Einblicke in das gesellschaftliche Leben und die Situation jener »Kulturschaffenden« gewährt, die sich kritisch gegenüber dem »real existierenden Sozialismus« verhielten und eigene Entwürfe einbrachten.

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Neben 15 Hauptkapiteln, in denen unter anderem die »Boheme als Gegenkultur« und Versuche ihrer »Zersetzung« beleuchtet werden, sind es vor allem die »Fallbeispiele«, die ein lebendiges Bild der speziellen Situation einzelner Protagonisten vermitteln. So musste sich der Leiter der »Klaus Renft Combo« zum Beispiel am 22. September 1975 folgendes vernichtende Urteil der Konzert- und Gastspieldirektion Leipzig anhören, das er heimlich aufzeichnete: »Ich möchte Ihnen im Namen der Kommission mitteilen, dass wir nicht der Auffassung sind, dass dieses Vorspiel heute stattfindet. Und zwar aus folgenden Gründen: Die Texte, die Sie mir übergeben haben …, haben mit unserer sozialistischen Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun. … Wir sind der Auffassung, dass damit die Gruppe Renft als nicht mehr existent anzusehen ist.« (Seite 92)

Im Blick auf die künstlerische Gegenkultur nennt der Autor zwei »institutionelle Schutzmächte innerhalb der DDR – die bundesdeutsche Diplomatie und die Evangelische Kirche«. Die seit 1974 bestehende Ständige Vertretung der BRD in der DDR firmierte diplomatische Empfänge zu künstlerischen Veranstaltungen um, zu denen nicht nur die DDR-Prominenz, sondern auch Verfemte und Ausgegrenzte eingeladen wurden. Hierdurch wurden zahlreiche Begegnungen ermöglicht. Kaiser würdigt aber auch die Rolle der »Offenen Arbeit« der evangelischen Landeskirchen, die seit Ende der 1960er-Jahre »unangepasste Jugendliche und Sondergruppen« sammelte und aktivierte. »In den 1970er-Jahren öffnete sie sich auch für die konfessionslosen Akteure und Gruppen der künstlerischen Boheme und fungierte für diese als Podium, Schutzraum und ›Konfliktregulierungsinstanz‹, auch wenn dieses Engagement innerkirchlich stark umstritten blieb«, heißt es da weiter. Zur inhaltlichen Vertiefung gibt es eine Reihe von Anmerkungen, in denen auch der thüringische Pfarrer Walter Schilling (Braunsdorf) als eine der »Zentralfiguren der Offenen Arbeit« genannt wird. (Seite 392)
Michael von Hintzenstern

Kaiser, Paul: Boheme in der DDR. Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus, 480 Seiten, Dresdner Institut für Kulturstudien, ISBN 978-3-9816461-5-3, 48 Euro

Einheit von Kunst und Handwerk

5. Februar 2017 von redaktionguh  
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Fünf Orgelbauer erhielten in Bad Liebenwerda ihre Meisterbriefe

Oft geschieht es nicht, dass ein Meisterbrief an einen Orgelbauer übergeben wird – der anspruchsvolle Beruf, der Handwerk und Kunst in sich vereint, ist dafür schlicht zu selten. »Meist hat man höchstens alle paar Jahre einen neuen Meister«, sagt Dietmar Schmidt, Vorsitzender des Meisterprüfungsausschusses für Orgel- und Harmoniumbauer der Handwerkskammer Cottbus. Erstmals haben nun im Kammerbezirk Cottbus Orgelbauer ihre Meisterprüfung abgelegt. Und dass es gleich fünf waren, die am 14. Januar in der Südbrandenburgischen Orgelakademie in Bad Liebenwerda (Kirchenkreis Bad Liebenwerda) ihren Meisterbrief erhielten, hat deutschlandweit beträchtlichen Seltenheitswert.

Erhielten ihren Meisterbrief: die Orgelbauer No Sang Ook, Josef Poldrack, Lukas Ehlert, Axel Thomaß und Stefan Pilz (v. l. n. r.). Foto: Karsten Bär

Erhielten ihren Meisterbrief: die Orgelbauer No Sang Ook, Josef Poldrack, Lukas Ehlert, Axel Thomaß und Stefan Pilz (v. l. n. r.). Foto: Karsten Bär

Mit Stefan Pilz aus Leipzig, Lukas Ehlert aus Markersbach und Axel Thomaß aus Finsterwalde sind gleich drei der fünf »Jungmeister« Mitarbeiter des Mitteldeutschen Orgelbaus A. Voigt aus Bad Liebenwerda. Hinzu kommen Josef Poldrack aus Chemnitz, der einen eigenen Orgelbaubetrieb führt, sowie der aus Südkorea stammende No Sang Ook, der im Orgelbau Eule in Bautzen angestellt ist. Während No Sang Ook als Meisterarbeit eine zweimanualige Orgel neu baute, die künftig in einem Kammermusiksaal seines Heimatlandes Platz finden wird, haben die anderen vier Meister für den praktischen Teil ihrer Prüfung historische Orgeln restauriert: Josef Poldrack die Ibach-Orgel von Döblitz (Kirchenkreis Halle-Saalkreis), Axel Thomaß die Jemlich-Voigt-Orgel der Bartholomäuskirche im sächsischen Röhrsdorf, Stefan Pilz die Eule-Orgel in der St.-Afra-Kirche Meißen und Lukas Ehlert die Jehmlich-Orgel in Deuben bei Freital.

Dass die Ehrung der Meister in Bad Liebenwerda durchgeführt wurde, sei auch als Referenz an die Südbrandenburgische Orgelakademie zu verstehen, so Prüfungsausschussvorsitzender Dietmar Schmidt. Die Einrichtung in einem historischen Druckereigebäude am Markt von Bad Liebenwerda, die maßgeblich auf Initiative des Bad Liebenwerdaer Orgelbaumeisters und früheren Kantors Dieter Voigt entstand, will auf vielfältige Weise das öffentliche Bewusstsein für die Orgel als Musikinstrument und den Orgelbau als Handwerk fördern und sich sowohl in die Ausbildung von Orgelbauern als auch von Organisten einbringen.

Karsten Bär

Ausschnitte aus dem Leben

1. November 2016 von redaktionguh  
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Kunst im Krankenhaus: Ausstellung mit Arbeiten von Adam Noack im Klinikum Weimar

Unter dem Titel »Gesellschaften« steht die aktuelle Ausstellung des Künstlers Adam Noack aus der Reihe »Kunst im Klinikum«, die kürzlich im Flur der Radiologie des Sophien- und Hufeland-Klinikums in Weimar eröffnet wurde.

Adam Noack vor einem seiner Bilder im Sophien- und Hufeland-Klinikum. Foto: Thomas Müller

Adam Noack vor einem seiner Bilder im Sophien- und Hufeland-Klinikum. Foto: Thomas Müller

Präsentiert werden Öl- und Acryl-Malereien sowie Pastell- und Markerzeichnungen mit Motiven aus dem Alltag. Dazu zählen Porträts, Familien- und Arbeitsszenen sowie Ausschnitte aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Adam Noack möchte mit seinen Bildern einen Dialog zwischen Betrachter und den eigenen subjektiven Gedanken und Gefühlen in Gang setzen. Seine künstlerischen Arbeiten sind offen und verfügen über breit gefächerte Farbräume.

Adam Noack ist gebürtiger Duisburger. Er hat an der Bauhaus-Universität Freie Kunst studiert. Seit 2013 ist er als freischaffender Künstler in Weimar aktiv.

Die Auswahl der malerischen Arbeiten für die Klinik, die auch zum Verkauf freigegeben sind, hat Adam Noack gemeinsam mit der Weimarer Kuratorin Andrea Dietrich getroffen, die seit dem Jahr 2000 die Ausstellungsreihe im Klinikum betreut. Von jeder Ausstellung werden stets eine oder mehrere Kunstwerke für die Sammlung des Klinikums angekauft und sind seitdem in vielen Bereichen des Gebäudes öffentlich präsent. Die von der Klinikleitung ausgewählten Arbeiten vereinen sich zu einem qualitätsvollen, farbenfrohen Reigen verschiedenster künstlerischer Techniken und inhaltlicher Stoffe. Die Themen reichen von der Landschafts- und Tierfotografie bis zu ideenreichen Porträts und abstrakten Form- und Farbexperimenten in Tusche, Acryl oder Öl.

Michael von Hintzenstern

Liaison von Kunst und Glauben

26. September 2016 von redaktionguh  
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Fast vier Jahrzehnte lang schuf Roland Artus aus Wasungen die Kulissen im Meininger Theater. Im Ruhestand wendet sich der Maler und Grafiker religiösen Themen zu.

Neununddreißig Jahre lang, seit April 1977, war Roland Artus Theatermaler in Meiningen. Seit Juli ist er im Ruhestand, die neue Spielzeit im August hat ohne ihn begonnen. Während im Werkstattgebäude wieder die Arbeit aufgenommen wurde, blieb Roland Artus in Wasungen. Er brauche erst einmal Ruhe zum Denken, sagt der 63-Jährige. Nachdenken über den neuen Lebensabschnitt, in dem er gerade gelandet ist. Ruhestand. Seltsames Wort.

Doch eher Unruhestand. Da sind die Reisen mit seiner Frau in ferne Länder, das Haus, in dem er aufgewachsen ist, der Garten – und sein Engagement für die Kirchengemeinde. Vor allem jedoch sein Glauben und seine Bilder.

Umgeben von seinen Bildern denkt Roland Artus über neue künstlerische Herausforderungen nach. Foto: Susann Winkel

Umgeben von seinen Bildern denkt Roland Artus über neue künstlerische Herausforderungen nach. Foto: Susann Winkel

Im Wohnzimmer holt er einen kleinen Stapel mit Drucken hervor. Sie zeigen in grobem Schwarz-und-Weiß des Holzschnitts Motive zu den Jahreslosungen; die ältesten stammen aus den frühen 80er-Jahren. Es sind meist die ruhigen Wochen um die Jahreswende, in denen Roland Artus Ruhe für diese Aufgabe findet. Erst skizziert er das Motiv, dann schneidet er es spiegelverkehrt in Lindenholz und fertigt Probedrucke an.

Die Entscheidung für den Holzschnitt lässt sich mit Pragmatismus erklären: Mit wenig Aufwand können viele Abzüge geschaffen werden. Zumindest anfangs war das entscheidend, weil es in der DDR keine Kopierer gab. Es gibt aber auch eine ästhetische Begründung. Holzschnitte von Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff waren dem Autodidakten Vorbild; das Arbeiten im Holz, das dem Künstler vieles bereits vorgibt, ist kniffelig und damit reizvoll. Beim Blick auf die Drucke ist Roland Artus kritisch. Nicht immer gefällt ihm heute, wie er die Botschaft der Losungen einst ins Holz brachte, wie er sie plakativ oder symbolisch umsetzte. Auf den Holzschnitt von 1988 zur Jahreslosung »Kehrt um und glaubt an das Evangelium« ist er noch immer stolz.

Zunächst machte er die Holzschnitte nur für sich, dann verschenkte er sie in kleiner Auflage an Freunde, Verwandte, Weggefährten. Um etwas weiterzugeben von seinem Glauben. Irgendwann entstand die Idee, sie auf dem Titelbild des Wasunger Gemeindeblattes abzubilden. Seither hat die Aufgabe eine verbindliche Regelmäßigkeit erhalten.

Wie die Liaison von Kunst und Glauben ihren Anfang nahm, daran kann sich der Wasunger noch gut erinnern. Er zieht ein altes, schweres Buch aus einem Regal: »Halt im Gedächtnis Jesum Christum«. Es erzählt vom Leben Jesu Christi mit Worten und mit den Werken alter und jüngerer Meister. Als Junge hatte er es in der Schlafstube seiner Großeltern entdeckt, der Eindruck der Bilder war stark. »Ich bin ein sehr visueller Typ«, sagt er. Ein Augenmensch, auch wenn er gerne Rockmusik hört. Buchillustrationen, Zigarettenbildchen, Abenteuergeschichten von der Odyssee bis zu Robinson Crusoe – all das habe seine Fantasie als Kind beflügelt.

In dieser Zeit spürte er erstmals dieses starke Gefühl von Geborgenheit bei Jesus Christus, erzählt er. Er habe ein Vertrauen in ihm gefunden, das ihn nicht mehr verlassen hat. Welches er sich auch nicht nehmen ließ durch einen Staat, der dem Glauben mit Skepsis begegnetet. Lachend erzählt Roland Artus vom Donnerwetter, das es gab, als er an die Wand im alten Werkstattgebäude des Theaters, einer wahren Bruchbude, den Berliner Appell schrieb: »Frieden schaffen ohne Waffen.« Er musste ihn wieder übermalen, aber die schwarze Zeichenkohle schimmerte noch Jahre später durch.

Aus dieser Zeit gibt es noch einen Holzschnitt von einer Friedenstaube, die auf eine Offiziersmütze kackt; gedruckt auf einer umgebauten Waschpresse im Mal-Saal. »Meinen Mund habe ich nie so richtig halten können«, blickt der 63-Jährige zurück. Biblische Themen, Christsein, all das sei immer Gesprächsthema bei der Arbeit gewesen. Als er nach der Wiedervereinigung seine Stasi-Akten einsah, erkannte er erst, dass er »manches wohl deutlich unterschätzt« habe. Seine Besuche bei den Friedensdekaden in Meiningen waren ebenso vermerkt wie eine frühe Ausstellung im Gemeindehaus der Stadt.

Susann Winkel

Fantasie in Ton gebrannt

29. August 2016 von redaktionguh  
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Projekt der Pfeifferschen Stiftungen Magdeburg: »Kunst kennt keine Behinderung«


Keramik-Engel flankieren den Altar in der Samariterkirche in Magdeburg. Sie halten Kerzen in den ausgestreckten Händen. Geschaffen haben sie Mitglieder der Kreativwerkstatt der Pfeifferschen Stiftungen, die dem Bereich Behindertenhilfe Wohnen angegliedert ist. Seit 14 Jahren betreut der Künstler Paul Gandhi die behinderten Menschen. Nicht ganz so lange gibt es daneben eine Gruppe, die sich der Malerei widmet. Sie alle zeigen bis zum 9. September einige ihrer Arbeiten in der Kirche auf dem Stiftungsgelände. Die Tanzgruppe unter der Leitung von Birgit Heisel, die es erst seit April gibt, stellt sich mit eindrucksvollen Fotos von Dieter Drewitz vor.

Susann Scharp töpfert seit ihrem 13. Lebensjahr. Dieser Engel ist ihr besonders ans Herz gewachsen. Foto: Renate Wähnelt

Susann Scharp töpfert seit ihrem 13. Lebensjahr. Dieser Engel ist ihr besonders ans Herz gewachsen. Foto: Renate Wähnelt

»Kunst kennt keine Behinderung« ist die Ausstellung überschrieben. Die Künstler im Atelier bei Pfeiffers beweisen mit ihren Arbeiten, dass Fantasie, Talent und Kreativität in jedem Menschen stecken. Ulrike Mann, die die Malgruppe leitet, hat fasziniert beobachtet, wie bei einem Teilnehmer aus dem Ausmalen allmählich das selbstständige Gestalten wird. »Es geht bei uns um Künstlerisches«, unterstreicht sie den Anspruch. Da malt der eine filigran klein, ein anderer setzt große Farbflächen auf das Papier. Mit viel Geduld zeichnet eine Dritte ganze Märchen und biblische Geschichten.

Für Susann Scharp, die unter anderem einen der Altar-Engel ausstellt, ist das Töpfern vor allem ein Ausgleich zur Arbeit in der Elektrodemontage der Pfeifferschen Stiftungen. Sie hat einfach Freude daran und fragt Paul Gandhi immer seltener um Rat. »Kunst ist ein Prozess, die Spannung liegt im Werden«, beschreibt der seinen Anspruch an die Anleitung der Gruppe. »Wir freuen uns, dass wir so weit gekommen sind, an der Gestaltung von Plätzen und Gebäuden mitzuwirken. Dafür danke ich meinen Mitarbeitern.« Auf Magdeburgs Domplatz steht ein Schachbrett, das die Gruppe gestaltete. Und für das Hospiz der Stiftungen ist eine Wandgestaltung im Werden.
»Ich wünsche Ihnen, dass der Erfolg in der Kunst Ihnen im Leben weiterhilft und Sie andere anstecken können mit Ihrer Lebensfreude«, sagte Axel Gutsche bei der Vernissage. Der Bereichsleiter Wohnen ist dankbar, dass die Pfeifferschen Stiftungen das Kunstatelier ermöglichen. Dort werde Kunst gelebt, gebe es einen Schutzraum, sich zu öffnen und Stimmungen auszudrücken. »Wir haben ja schon mehrere Ausstellungen gesehen und können verfolgen, wie sich die Künstler entwickeln«, stellte er fest.

Renate Wähnelt

Bis 9. September, Samariterkirche Magdeburg, 8 bis 18 Uhr

Atmosphäre des Heilens

13. Juni 2016 von redaktionguh  
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Im Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar gab es bisher nahezu 50 Ausstellungen

Es ist ein futuristischer Gebäudekomplex von erhabener Schönheit: das von dem in Kanada lebenden Stararchitekten Carlos Ott konzipierte Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar, zu dem seit 1998 das diakonische Sophienhaus und das städtische Krankenhaus zusammengewachsen sind. Mit dem Neubau der »Opéra Bastille« (1983) in Paris zu internationaler Anerkennung gelangt, war es Ott in der Klassikerstadt besonders wichtig, neben den multifunktionalen Notwendigkeiten eines medizinischen Betriebes eine positive Atmosphäre des Heilens zu schaffen. Dass dabei »Kunst am Bau«, aber auch im Gebäude eine wesentliche Rolle spielen wird, war allen Beteiligten von Anfang an klar. Tomas Kallenbach, der Geschäftsführer des Klinikums, hat dieses Anliegen über all die Jahre konsequent weiterverfolgt und maßgeblich gefördert.

Kuratorin Andrea Dietrich in der aktuellen Ausstellung »Augenblicklichkeiten« mit Fotografien von Thomas Abé im Weimarer Sophien- und Hufeland-Klinikum. Foto: Maik Schuck

Kuratorin Andrea Dietrich in der aktuellen Ausstellung »Augenblicklichkeiten« mit Fotografien von Thomas Abé im Weimarer Sophien- und Hufeland-Klinikum. Foto: Maik Schuck

In Zusammenarbeit mit Prof. Karl Schawelka von der Bauhaus-Universität konnte durch Ankauf und Auftragsvergabe ein Grundstock von 100 Bildern geschaffen werden, die in den langgezogenen Gängen oder einzelnen Stationen zum Hinschauen und Nachdenken anregen. Diese »Dauerausstellung« findet seit Juli 2000 mit der Reihe »KIK – Kunst im Klinikum« eine sinnvolle Ergänzung, die in der »Galerieetage« im Bereich der Radiologie einen festen Präsentationsort gefunden hat. Sie ist aus der Kooperation des Klinikums mit der ACC-Galerie entstanden und wird von Beginn an von der Kuratorin Andrea Dietrich betreut, die in Leipzig Kunstgeschichte studiert hat. Ihr Ziel ist es, »zahlreiche künstlerische Handschriften und thematische Auseinandersetzungen mit aktuellen Zeitbezügen zu zeigen«, erklärt sie im Gespräch mit »Glaube + Heimat«. Dabei legt sie Wert darauf, »in Weimar oder Thüringen wirkende Künstler auszuwählen, die sich poesie- und kraftvoll gleichermaßen der Herausforderung stellen, an diesem galerie- und museumsfernen Ort ihre Arbeiten zu präsentieren bzw. sie speziell für die Klinik zu schaffen«. Wichtig ist der Kuratorin hierbei »ein positiver Inhalt«.

Die Galerieetage biete Raum für »eine große Personalschau mit 50 bis 60 Bildern«, berichtet sie weiter. Oftmals gebe es schon erste Reaktionen beim Aufbau, wenn Klinikpatienten, -mitarbeiter und -gäste vorbeilaufen. »Wir müssen öfter hier zum Schauen kommen!«, hieße es dann ganz spontan.

Andrea Dietrich lobt das gute Miteinander aller Beteiligten, vom Rahmenbauer Fred Kölling bis hin zu den Technikern des Hauses.

Von jeder Ausstellung werden Kunstwerke für die Sammlung des Klinikums angekauft und in öffentlichen Bereichen des Krankenhauses dauerhaft präsentiert.

Die von der Klinikleitung ausgewählten Arbeiten vereinen sich zu einem qualitätsvollen, farbenfrohen Reigen verschiedenster künstlerischer Techniken und inhaltlicher Stoffe. Die Themen reichen von der Landschafts- und Tierfotografie bis zu ideenreichen Porträts und abstrakten Form- und Farbexperimenten in Tusche, Acryl oder Öl.

»Das Sophien- und Hufeland-Klinikum stellt somit nicht nur den Rahmen für die Expositionen, sondern engagiert sich sehr durch seine Ankaufsentscheidungen für die Förderung von zeitgenössischer Thüringer Kunst«, betont die Kuratorin, mit Verweis darauf, dass hier eine der größten Sammlungen im Freistaat entstanden ist.

In den bisher nahezu 50 Expositionen waren gleichermaßen anerkannte Weimarpreisträger wie Otto Paetz oder Walter Sachs vertreten, Hochschulprofessoren wie Peter Heckwolf, Klaus Nerlich oder Martin Neubert, am Beginn ihrer Laufbahn stehende Absolventen der Bauhaus-Universität wie Sibylle Mania, Steffen Groß oder Naomi Tereza Salmon, aber auch Künstler des Lebenshilfe-Werks Weimar/Apolda oder der Mal- und Zeichenschule Weimar.

Unter dem Titel »Augenblicklichkeiten« werden in der aktuellen Ausstellung Arbeiten aus dem umfangreichen Schaffen des Weimarer Fotografen Thomas Abé (34) vorgestellt, die thematisch in unterschiedliche Bereiche unserer täglichen Umwelt passen: Porträts neben (mit Hilfe von Drohnen aufgenommenen) Luftbildern, Werbefotografie neben Hochzeitsdokumentationen, Architektur neben Reportagen. Hier gibt es viele neue Sichtweisen zu ent-
decken!

Michael von Hintzenstern

Handwerk und Kunst

24. April 2016 von redaktionguh  
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Der 16-jährige Raphael Brandstäter komponiert eine Sinfonie für die Paulusgemeinde

Am Anfang, sagt Raphael Brandstäter, habe ihn das Gefühl der Überforderung beherrscht. Er, der 16-Jährige, soll eine Sinfonie für die kirchenmusikalisch stark geprägte Paulusgemeinde in Halle schreiben? Raphael ist überrascht – aber auch dankbar und glücklich, er spricht von einer »riesengroßen Ehre«. Das Musiktalent will jede Chance nutzen und sagt Kirchenmusikdirektor und Pauluskantor Andreas Mücksch zu.

Raphael Brandstäter mit seinen Aufzeichnungen. Foto: Katja Schmidtke

Raphael Brandstäter mit seinen Aufzeichnungen. Foto: Katja Schmidtke

Am 23. Oktober, während eines Literaturgottesdiensts, soll das Auftragswerk uraufgeführt werden. Die Orchestersinfonie bezieht sich auf das Krebstagebuch des Regisseurs, Autoren und Künstlers Christoph Schlingensief »So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein«. Ein schweres, bedrückendes Thema für einen jungen Mann. »Ja, aber ich traue es ihm zu. Raphael beschäftigt sich auch mit ernsten Themen. Er ist ein denkender junger Mensch, der sich an einer Sache festbeißen kann«, sagt Kantor Mücksch. Erstmals vergibt die Paulusgemeinde ein Auftragswerk an einen so jungen Musiker, und Andreas Mücksch ist überzeugt, »wir gehen kein Risiko ein«.

Raphael Brandstäter stammt aus einer musikalischen Familie. Im Alter von fünf Jahren begann er, Geige zu spielen und nennt sie auch elf Jahre später noch sein Lieblingsinstrument. Heute besucht der junge Mann die Latina in den Franckeschen Stiftungen; das Landesgymnasium ist für seinen exzellenten Musikzweig bekannt. Zusätzlich zur Schule nimmt er seit drei Jahren Kompositionsunterricht, denn Raphael macht nicht nur Musik, er schreibt sie auch gern. »Die ersten Versuche habe ich im Alter von sieben Jahren gemacht. Das war relativ früh und relativ fürchterlich«, sagt er heute und lächelt.

Kammermusik, die er für Streicher und Bläser geschrieben hat, wurde schon einmal von Mitschülern aufgeführt. Aber eine Sinfonie für ein ganzes Orchester? »Eine Herausforderung«, sagt er. Am Anfang geht es flott von der Hand, doch dann kommt der Punkt, an dem es stockt und »damit beginnt die richtige Arbeit«. Komponieren bezeichnet der junge Musiker als Handwerk, bei dem es Regeln einzuhalten gilt. Aber diese anzuwenden und zu einer eigenen Handschrift zusammenzusetzen, ist Kunst.

Seine Sinfonie, verrät er schon einmal, wird Anklänge romantischer Musik haben, mit viel Dramatik. »Denn die steckt ja auch im Text, Wut und Verzweiflung, aber auch schöne Augenblicke und Momente, die Kraft geben«, erzählt er. Strenge Programmmusik ist sein Werk nicht, er erzählt nicht das Tagebuch nach; ein wiederkehrendes Leitmotiv wird es aber geben. Gerade ist Raphael Brandstäter in der Phase des Orchestrierens, die Stimmen sind vorhanden, nun werden sie auf das Orchester verteilt. Im Sommer soll er fertig sein; Kantor Mücksch ist gespannt.

Katja Schmidtke

»Wir kommen mit Musik«

15. März 2016 von redaktionguh  
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Initiativen in Kamsdorf und Saalfeld bieten neue Integrationsmöglichkeiten für Flüchtlinge

Orientalische Klänge auf der Oud verweben sich mit europäischer Musik. Junge Leute der Saalfelder Musikschule spielen gemeinsam mit Abdallah Ghbash das von ihm komponierte Lied »For Syrian Children« für Oud und Zupfinstrumente. Astrid Pautzke vom Kunstraum Kamsdorf nennt dies: »Eine Brücke zwischen Orient und Okzident.« Grit und Sven Einsiedel, Astrid Pautzke sowie Jana und Fritz Bauer, die das Zupfinstrumenten-Ensemble »Querdas Saltandas« der Musikschule Saalfeld leiten, organisierten dieses gemeinsame Konzert mit Abdallah Ghbash.

Abdallah Ghbash will zwischen Deutschen und Flüchtlingen musikalische Brücken bauen. Foto: Wolfgang Hesse

Abdallah Ghbash will zwischen Deutschen und Flüchtlingen musikalische Brücken bauen. Foto: Wolfgang Hesse

Dem grausamen Spruch der IS-Terrormiliz »We’re coming to slaughter you (Wir kommen, um euch zu schlachten)« möchte Abdallah Ghbash sein Motto gegenüberstellen: »We’re coming with the music (Wir kommen mit der Musik)«. Mit Musik und Kunst möchte der begabte Musiker für Menschlichkeit und Völkerverständigung werben. Seine Lieder erzählen vom Streben der syrischen Menschen nach Freiheit, von der Situation der Flüchtlinge in türkischen Auffanglagern und vom Leid auf dem Weg über das Meer nach Griechenland.

Sechs Jahre studierte Abdallah Ghbash in Syrien Musik und die Oud, eine orientalische Kurzhalslaute. Wegen massiven politischen Drucks auf seine musikalische Arbeit durch den syrischen Sicherheitsapparat musste der Musiker 2011 Aleppo, seine Heimatstadt, verlassen. Während seines Exils entstanden zwei Alben, eingespielt in Jordanien und in Istanbul. Im Herbst letzten Jahres wurde seine Aufenthaltserlaubnis für die Türkei nicht verlängert. Deshalb nahm der 28-Jährige die beschwerliche Flucht über den Balkan bis nach Deutschland in Kauf und kam schließlich nach Saalfeld. Der eher unpolitische syrische Musiker wünscht sich für die Menschen in seiner Heimat und für den gesamten arabischen Raum ein Ende der Kriegshandlungen und einen friedlichen Wiederaufbau. Persönlich erhofft sich der Musiker, weiter studieren und endlich seine Ideen umsetzen zu können, was ihm in Syrien verwehrt blieb. »Mir liegt es sehr am Herzen, mit der Musik deutsche und geflohene Musiker, Deutsche und Flüchtlinge auf der Ebene von Mensch zu Mensch zusammenzubringen.« Den Menschen, die gegen die Kriegsflüchtlinge in Deutschland demonstrieren, möchte er die Botschaft mitgeben: »Demonstriert nicht gegen die Flüchtlinge, demonstriert gegen den Krieg, vor dem die Menschen fliehen müssen.«

»Musik und Kunst bilden bei der Integration eine Einheit«, meint Astrid Pautzke. »Viele Flüchtlinge bringen allein nur ihr künstlerisches Können mit nach Deutschland.« Seit Sommer 2015 bietet sie mit ihrem kreativen Projekt OASE im Kunstraum Kamsdorf eine Kunstwerkstatt an. »Es ist bereichernd, wenn man diese Menschen kennenlernen kann. Es ergeben sich beim gemeinsamen Arbeiten und Erzählen viele persönliche Kontakte.« Erste Arbeiten dieses Kunstprojektes von Flüchtlingen und Deutschen wurden in einer Ausstellung Ende November letzten Jahres gezeigt.

Wolfgang Hesse

www.kunstraum-kamsdorf.de

Gefühle werden sichtbar

15. September 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Ausstellung im Landeskirchenamt zeigt Arbeiten aus dem Christophoruswerk Erfurt

Wer das Landeskirchenamt im Collegium maius betritt, kommt durch ein modernes Portal in ein Denkmal hinein. Das historische Gebäude ist von Glas umhüllt, bunte Farben prägen es eher nicht. Nun haben ihm Erfurter Künstler einen temporären »Farbenklang« verliehen. Seit vergangener Woche sind in der Galerie und im Treppenhaus Arbeiten von fünf Teilnehmern eines kunsttherapeutischen Projektes des Christophoruswerkes Erfurt zu sehen. Die Ausstellung gab den Auftakt zu vielfältigen Veranstaltungen in der Landeshauptstadt im Rahmen der Erfurter Denkmaltage unter dem Motto »Farben!«.

»Kunst, das ist für mich Freiheit«, schreibt Maik Jaskolowski im Gästebuch zur Ausstellung über sich. »Ich kann mich ausdrücken, ich kann selbst entscheiden, mein Bild ist, wie ich es will und es bleibt.« Ruhe und Konzentration findet er beim Malen, kann vom Alltag abschalten. Seit 2013 nutzt der 36-Jährige das kunsttherapeutische Angebot für Bewohner des Wohnheims in der Spittelgartenstraße. Es hilft geistig und körperlich behinderten Menschen, ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten für sich zu finden und sich neu zu entdecken. Viele von ihnen haben jahrelang nicht oder noch nie gemalt. »Es ist ganz erstaunlich, welche Entwicklungen wir in dieser Gruppe binnen anderthalb Jahren erleben durften«, berichtet die Kunsttherapeutin Ulrike Löber.

Die Ausstellung »Farbenklang« mit künstlerischen Arbeiten aus den Werkstätten des Erfurter Christophoruswerkes kann bis zum 28. November wochentags zwischen 10 und 16 Uhr im Collegium maius besichtigt werden. Foto: Jens-Ulrich Koch

Die Ausstellung »Farbenklang« mit künstlerischen Arbeiten aus den Werkstätten des Erfurter Christophoruswerkes kann bis zum 28. November wochentags zwischen 10 und 16 Uhr im Collegium maius besichtigt werden. Foto: Jens-Ulrich Koch

»Anfangs beispielsweise war es für die Teilnehmer ungewohnt, selber Material oder Farben auszuwählen. Inzwischen treffen sie ganz eigenständig und bewusst solche Entscheidungen – und das sind ganz wesentliche Entwicklungsschritte für sie. Sie haben gelernt, sich ihren Platz einzurichten, sind angeregt, sich zu strukturieren.«

Die Therapeutin gibt Hilfe und In­spiration, aber keine Themen oder Inhalte vor. Da das wöchentliche Malen im Atelierraum der nahen Christophorus-Schule durchgeführt wird, bedeutet das auch Abwechslung im Alltag. »Unsere kunsttherapeutische Arbeit vermittelt die Erfahrung, dass man selber aus sich heraus etwas bewirken kann«, so Löber. »Die Gruppe kommuniziert in einer ganz eigenen Weise miteinander, Gefühle und Stimmungen werden sichtbar.« Bei der Ausstellungseröffnung im Landeskirchenamt waren die Künstler dabei und konnten so ihre Bilder selbst in einer ganz anderen Atmosphäre betrachten, erzählt die Therapeutin. Ihre Arbeit wirkt sich so positiv auf das Selbstwertgefühl ihrer Schützlinge aus.

Das Christophoruswerk legt bei den ihm anvertrauten Menschen viel Wert auf die Stärkung der Persönlichkeit, erläutert Diana Steinbauer, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit. Die gemeinnützige GmbH betreut in Erfurt und Umgebung sowie in Gotha mehr als 700 Menschen, schafft Arbeits- und Beschäftigungsangebote, betreibt Werkstätten, individuelle Wohnformen, Tagesstätten, eine Förderschule sowie Beratungsdienste. Anschließend werden die Werke ihren Platz im Wohnheim finden. Dort sind die Wände in den offenen Wohnbereichen schon lange reserviert.

Katharina Hille

www.christophoruswerk.de

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