Endlich im Rampenlicht

27. Januar 2017 von redaktionguh  
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Frauen haben die Reformation mitgestaltet. Das war lange vergessen. Auch an sie soll über 2017 hinaus erinnert werden.

Die Reformation hat auch Frauen angesprochen und aktiviert. Dass in der Taufe alle zu Priestern berufen sind und alle Menschen einen unmittelbaren Zugang zu Gott haben, haben auch die Frauen gehört, ernst genommen und mit ihrem Leben und Handeln bezeugt. Leider schätzten die Männer ihrer Zeit und nachfolgender Jahrhunderte dies als zweitrangig oder noch weniger ein. Leider ist unser Wissen über diese Frauen verkümmert. Erst allmählich werden sie wiederentdeckt.

Dabei handelten Frauen so mutig, beharrlich und durchsetzungsstark wie Männer, in mancher Hinsicht mit mehr Klugheit und Besonnenheit als viele Reformatoren oder gar Martin Luther selbst. Mir ist das sehr deutlich geworden, als ich mich mit Anna II. zu Stolberg (1504–1574) beschäftigte – eine in vielerlei Hinsicht beeindruckende und überaus kluge Frau, die mit nicht einmal 13 Jahren Äbtissin im Stift zu Quedlinburg wurde. Als Reichsfürstin hatte sie die Kurwürde und war einzig Papst und Kaiser zu Gehorsam verpflichtet.

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Sehr wahrscheinlich sympathisierte sie schon lange mit dem neuen Glauben, wartete aber bis 1539 mit der Einführung der Reformation in Quedlinburg. Sie wollte ihrem katholisch gesinnten Schutzherrn Georg von Sachsen keinen Vorwand geben, sie zu entmachten.

Ihr musste klar gewesen sein, dass er nur darauf wartete. Und auch sein Nachfolger hoffte, Macht und Reichtum des Stifts an sich zu ziehen. So schritt Anna erst nach dem Tod des katholischen Schutzherrn zur Tat, und damit zugleich seinem nachfolgenden evangelischen zuvorkommend.

Die Stadt Quedlinburg verdankt ihr eine neue Kirchenordnung sowie ein völlig neu geordnetes Schul- und Finanzwesen. Sie berief den ersten Superintendenten und führte die Visitation ein. Das Besondere an ihr: Sie wartete den richtigen Zeitpunkt ab. So bewahrte sie – denn Äbtissin blieb sie weiterhin – eine erstaunliche Kontinuität trotz radikaler Umbrüche.

Anna II. zu Stolberg erreichte mit Mut und Klugheit sehr viel.

Für mich ist sie ein ermutigendes Beispiel dafür, auch heute mit Entschiedenheit und Geduld wichtige Veränderungen anzugehen und dabei den langen Atem nicht zu verlieren, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Und dabei im Blick zu haben: Es gibt auch heute so manche wohlmeinende »Schutzherren«, die hinter ihrem Beschützen-Wollen manche Machtbedürfnisse, wenn nicht gar -gelüste, ausleben wollen.

Am Beispiel Annas und der Biografien anderer Frauen habe ich die Reformationszeit besser kennengelernt: Wie komplex dieser Transformationsprozess war, der Kirche und Gesellschaft quer durch alle Schichten erfasste. Wie viele Menschen daran mitwirkten unter ihren jeweiligen, ganz speziellen Bedingungen.

Und ich habe gelernt, was der besondere Beitrag von Frauen war – ob als Fürstin mit großen Entscheidungsbefugnissen, als Verfasserin geistlicher Lieder, als Äbtissin mit geistlichen und weltlichen Leitungsaufgaben oder als Frau eines Reformators, die das Anliegen ihres Mannes nach Kräften unterstützte.

Der Blick zurück schärft den Blick für die Gegenwart, auf die »Frauenfrage« in der Kirche: Wie wirken Frauen heute in den Kirchen? Welche Veränderungen bewirken sie? Wo gehen ihre Worte ins Leere? Wo begegnen sie männlichem Reviergehabe? Was machen sie anders als Männer? Was können gerade sie besonders gut? Inwiefern leiten und führen Frauen anders? Wie veränderten und verändern sich Pfarramt und Gemeindeleben durch Pfarrerinnen, Kantorinnen und Gemeindepädagoginnen?

Mit der 2012 eröffneten Wanderausstellung »Frauen der Reformation in der Region« hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland die Beschäftigung mit Zeuginnen der Reformation angestoßen – weg von Idealgeschichten und nur einer Heldenfigur. Sie hat die bisherige Schattengeschichte der Frauen der Reformationszeit ins Licht der Aufmerksamkeit geholt. Dieser Prozess, hoffe ich, ist mit dem 500. Jubiläumsjahr der Reformation noch lange nicht beendet.

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Frauen unter sich

31. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Frauenmahl: Landesbischöfin Ilse Junkermann kritisierte in Eisenach steigende Rüstungsausgaben und nannte Gerechtigkeit als zwingende Grundlage für Friedensarbeit.

In der Nikolaikirche waren etwa 100 Frauen aus Mitteldeutschland um festlich gedeckte Tische versammelt, das vegetarische Menü bestand aus größtenteils regionalen und saisonalen Zutaten. Wobei es um mehr als Wohlfühl-Atmosphäre und Sinnes-Genüsse ging, denn unter dem Motto »Frauen reFormulieren Frieden« standen Vorträge und Diskussionen auf dem Programm.

Das Elisabeth-Brot der Eisenacher Bäckerei Rabe präsentiert (v. li.) Christine Rabe zusammen mit Oberbürgermeisterin Katja Wolf und Landesbischöfin Ilse Junkermann beim Frauenmahl in der Nikolaikirche. Foto: Sabine Thurau

Das Elisabeth-Brot der Eisenacher Bäckerei Rabe präsentiert (v. li.) Christine Rabe zusammen mit Oberbürgermeisterin Katja Wolf und Landesbischöfin Ilse Junkermann beim Frauenmahl in der Nikolaikirche. Foto: Sabine Thurau

Das Frauenmahl wurde erstmals 2011 in Marburg veranstaltet, inzwischen ist es deutschlandweit zur Reformationsdekade im Angebot. Ziel ist es, dass Frauen aus Medien, Kirche, Kultur, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Reden zu Themen aus Religion und Gesellschaft austauschen. Zum zweiten Treffen der EKM hatten Landesbischöfin Ilse Junkermann und Oberbürgermeisterin Katja Wolf eingeladen.

Impulse gab es bereits zur Begrüßung der Oberbürgermeisterin. Die meisten Männer würden das Treffen wohl als »Frauenplausch« belächeln, doch sie sehe »magische Frauenpower« und der Austausch im geschützten Raum sei wichtig. »In vielen Männerrunden bin ich die einzige Frau«, betonte Katja Wolf – es gelte weiterhin als normal, dass Männer in wichtigen Gremien »unter sich sind«. Welch wichtige Rollen Frauen einnehmen können, belegte sie mit der heiligen Elisabeth. Zudem sei es der Stadt wichtig, zur Reformationsdekade auch Katharina von Bora im Blick zu haben.

»Das Friedensthema brennt mir unter den Nägeln«, betonte die Landesbischöfin, so seien im Bundeshaushalt mit 36,6 Milliarden Euro 2,3 Prozent mehr Ausgaben für Rüstung vorgesehen, die Mittel für zivile Konfliktarbeit sollten hingegen um 200 Millionen Euro sinken. »Frieden ist nur durch ein gerechtes Miteinander möglich«, stellte die Landesbischöfin klar.

In Am Sayad Mahmood vom Ökumenischen Informationszentrum Dresden hat im Umgang mit Männern festgestellt, dass Vertrauen nötig ist, um gegenseitiges Verstehen und damit gesellschaftlichen Frieden zu ermöglichen. Zudem müsse jeder Frieden für sich gefunden haben, ehe Frieden im Außen folgen könne. Dies gelte ebenso für den interkulturellen Austausch. Ihr Appell: »Wenn Schwieriges auf dich zukommt, sei wie ein Komma statt wie ein Punkt.«

Die Journalistin Antje Schrupp stellte klar, dass Gleichheit eine Illusion sei und die unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen und Männern sowie Menschen verschiedener Kulturen anerkannt werden müssten. Vielfalt sollte als bereichernd wahrgenommen werden, doch man müsse ihr auch gerecht werden. Wichtig dabei sei, dass es immer mehrere Lösungen gebe.

Frieden ist erst möglich, wenn der Besiegte die Niederlage klar formuliert, erklärte Susanne Luithlen vom Forum Zivile Friedensdienste in Köln. Da der Terrorismus sich kaum für besiegt erklären werde, sei die Gewalt nicht mit Gewalt überwindbar. Stattdessen müsse präventiv gearbeitet werden, zum Beispiel mit Blick darauf, dass Demütigung das stärkste Motiv für Gewalt sei. Zum Syrien-Konflikt erklärte die Expertin, dass mit präventiver Arbeit die Eskalation vermieden worden wäre.

»Mut zur dünnen Haut, mehr hinhören und hinsehen«, appellierte Viola Kennert an Leitungspersönlichkeiten – empathisch müsse man Bedürfnisse wahrnehmen und Prozesse beobachten, so die Superintendentin von Berlin-Neukölln.

An den Tischen wurde im Anschluss diskutiert. Auf der Speisekarte standen zum Beispiel Elisabeth-Brot, Klöße mit Pilzsoße und Pflaumendessert. Für die musikalische Umrahmung hat sich extra für den Abend die Band »Women in concert« gebildet.

Carola Ritter von der EKM-Frauenarbeit sieht das Frauenmahl als ein »Kommunikationsmittel in die Gesellschaft hinein« an. Neben Pfarrerinnen aus der Partnerkirche in Tansania folgten auch die Landespolitikerinnen Birgit Dietzel und Heike Taubert der Einladung.

Der Termin für das nächste FrauenFestmahl in der EKM ist am 12. August 2017 auf dem Marktplatz in Wittenberg.

Susanne Sobko

Türen auf von Nord bis Süd

31. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Mit gutem Beispiel voran: Pressefahrt der EKM zu offenen Kirchen

Nord: 2017 will die EKM eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehört auch das Herzensprojekt der Landesbischöfin: »Offene Kirchen«.

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen  in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle  Gemeinden,  die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen  der EKM-Initiative »Offene Kirchen«  so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle Gemeinden, die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen der EKM-Initiative »Offene Kirchen« so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Nein, hier ist noch nie etwas passiert. Kein Diebstahl, kein Vandalismus«, sagt Irene Heinecke. Nur einmal, erinnert sich die Pfarrerin, haben zwei Jungen Scheiben der Kirche von Flechtingen im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eingeworfen. Von außen. Damit, dass die Türen des Gotteshauses seit mehreren Jahren tagsüber unverschlossen sind, hatte dieser Ausdruck von Frust und Liebeskummer wahrlich nichts zu tun. Das Altarbild vom Jüngsten Gericht, die seltene Moses-Kanzel aus Stuck oder der Tetzel-Kasten – all dies sind Schätze, Hunderte Jahre alt, mit Geld nicht zu bezahlen, aber der größte Schatz der Kirche ist wohl ihre offene Tür. »Die Möglichkeit, außerhalb der Gottesdienst- und Andachtzeiten hierherzu­kommen, einen Raum zu finden für das Gebet, die Stille, auch zum Weinen, ohne Aufsicht, das ist so wichtig und wertvoll«, sagt Pfarrerin Heinecke, sie lacht, ihre Augen strahlen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann steht neben ihr und nickt. Die Bischöfin spazierte im vergangenen Jahr während eines Reha-Aufenthalts regelmäßig zur Kirche. »Das war eine besondere geistliche Erfahrung«, erinnert sie sich.

Flechtingen, Wegenstedt, Etingen

Es sind aber nicht persönliche Empfindungen, die die Initiative der »Offenen Kirchen« für die Landesbischöfin zur Herzensangelegenheit machen. Das wohl ehrgeizigste Projekt der EKM zum Reformationsjubiläum stellt für die Theologin auch eine Umkehr dar, es ist ein Bußruf: »Verschlossene Türen bedeuten, wir sind uns selbst genug. Aber wir wollen doch für alle da sein, für alle offen sein.«

Eine Order von oben kann die Initiative nicht sein. Das wird besonders im Pfarrbereich von Irene Heinecke deutlich. Während die Flechtinger Kirche bereits seit mehr als 25 Jahren täglich von mittags bis abends geöffnet ist, hat sich der Gemeindekirchenrat des benachbarten Wegenstedts erst in diesem Frühjahr dazu entschlossen. »Wir fanden den Vorschlag der Landeskirche gut. Jeder hat das Bedürfnis nach Stille, und das nicht nur sonntags«, sagt Kirchenälteste Rosemarie Pötsch. Angst vor Vandalismus hat sie nicht. »Falls etwas passiert, steht die EKM hinter uns.«

Die Versicherung gegen Diebstahl und Vandalismus speziell für »Offene Kirchen« wird ab Januar 2017 angeboten, sie kostet 65 Euro pro Jahr und Kirchengebäude. Der Beitrag wird von der Landeskirche subventioniert, dafür sind laut Haushaltsplanung 300 000 Euro eingestellt.

In Etingen, das auch zu Irene Heineckes Pfarrbereich gehört, konnte dieses Angebot von EKM und Ecclesia-Versicherung nicht überzeugen. »Es gingen im Fall der Fälle auch ideelle Werte verloren«, meint Friedrich Widdicke vom Gemeindekirchenrat. Die Kirche zu Etingen wurde 1893 nach achtzehn Monaten Bauzeit errichtet, sie ist innen wie außen aus einem Guss, funkelnde Kron- und Altarleuchter, detailreiche Wandbemalungen –das alles habe man geerbt von den Vorfahren und wolle es in gutem Zustand weitergeben. Die Kirche für jedermann zugänglich zu machen, könne der Gemeindekirchenrat nicht verantworten. Pfarrerin Heinecke kann das nicht nachvollziehen: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Katja Schmidtke

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.


Süd: Porta patet, cor magis – das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Diese alte Zisterzienser-Regel könnte Wahlspruch der Initiative »Offene Kirchen« sein und ist es vielmehr seit 30 Jahren für Pfarrer i. R. Rainer Schmidt aus Mühlberg im Kirchenkreis Gotha. 1986 öffnete er mit Beschluss des Gemeindekirchenrates die St. Lukaskirche. Und das mit Erfolg. Viele Reisende, Familien, Ausflügler und Radler machten seither in der Barockkirche Station. »Kirchen sollten so geöffnet sein«, erklärt Pfarrer Schmidt, »dass die Leute hineingehen und aus dem Getriebe der Welt herauskommen können.« Er wolle diesen heiligen Ort, der auch ein künstlerisches Gesamtwerk sei, niemandem vorenthalten.

Natürlich gäbe es in der Gemeinde bis heute unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von 8 bis 18 Uhr. Einige tragen sich immer noch mit Sicherheitsbedenken. Dafür hat Schmidt Verständnis, die bisherige Praxis habe jedoch gezeigt, dass die Menschen durch eine Öffnung des Gotteshauses mehr gewinnen als verlieren. Nur einmal sei in den vergangenen 30 Jahren etwas gestohlen worden.

Mühlberg, Kapellendorf, Weimar

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte hofft Bischöfin Ilse Junkermann, dass noch viele weitere Gemeinden die von ihr bei der Herbstsynode im vergangenen Jahr angestoßene Frage der offenen Kirchen intensiv durchdenken und besprechen. Denn wenn die Kirche geöffnet wird, soll, wie in Mühlberg, die Gemeinde dahinterstehen. Von oben will und kann die Kirchenleitung dies nicht verordnen. »Die Initiative ist aber die Chance«, so Bischöfin Junkermann, »das Kirchengebäude als Ort der Predigt neu zu entdecken.«

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

Eine Entdeckung der besonderen Art ist ebenso die Dorfkirche von Kapellendorf im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Als ältestes Gebäude des Ortes – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 800 – spielt die Kirche auch bei den Führungen in der Wasserburg Kapellendorf immer eine bedeutende Rolle. »Ich freue mich sehr, dass ich bei jeder Führung darauf hinweisen kann, dass die Kirche für jeden offen steht – unabhängig von den Öffnungszeiten der Burg«, sagt Marie Petermann, Kuratorin der Wasserburg.

Bereits seit den 1980er-Jahren schließen Vertreter der kleinen Gemeinde jeden Tag ihre Kirche für Besucher auf. Und von den 19 000 Besuchern der Wasserburg im Jahr kommen die meisten auch in der Kirche vorbei. Wie dieses Angebot geschätzt wird, davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Aber es gibt auch stille Zeichen davon, wie sehr die Kirche Anlauf- und Ankerpunkt der Menschen geworden ist. »Immer wenn ich die Kirche betrete, brennen am Kerzenständer Lichter. Das zeigt mir, die offene Kirche wird angenommen und regelmäßig genutzt«, so Vikar Conrad Neubert.

Während unverschlossene Häuser und Höfe schon der Vergangenheit angehören, setzt die EKM mit der Initiative »Offene Kirchen« ein Zeichen gegen diesen Trend. Denn eine unverschlossene Kirche nehmen die Menschen als sehr positiv wahr, berichtet Hardy Rylke, Pfarrer der Jakobskirche in Weimar. Auch deren Pforten sind bereits seit vielen Jahren geöffnet. »Ich möchte den Menschen die Gelegenheit geben, das kennenzulernen, was mir zum Leben hilft und was vielleicht auch etwas für sie sein könnte«, so Rylke. Eine geöffnete Kirche zeige den Menschen, ja, ich habe wirklich Interesse an dir. Eine abgeschlossene Kirche dagegen bezeichnet Rylke als Katastrophe, denn jeder Mensch, der die Klinke herunterdrücke, verbinde mit seinem Besuch ein besonderes Bedürfnis. »Wenn wir als Kirche für alle offen sein wollen, dann muss das doch auch für die Gebäude gelten«, so Rylke.

Die Beispiele zeigen, dass das Projekt »Offene Kirchen« ehrgeizig, aber realisierbar ist. Laut Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM, strebt die Evangelische Kirche hier einen Paradigmenwechsel an. »Heute sind die meisten Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche noch verschlossen. 2018 soll dies umgekehrt sein.« Und zwar auch noch lange über das Reformationsjubiläum hinaus. Propst Diethard Kamm betont: »Die Initiative ›Offene Kirchen‹ ist keine Schaufensteraktion. Wir öffnen unsere Gotteshäuser, und offen sollen sie bleiben.«

Diana Steinbauer

Unterwegs mit Luther zum Papst

10. Oktober 2016 von redaktionguh  
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1 000 Pilgernde aus Mitteldeutschland auf ökumenischer Romfahrt: »Wenn am Montagabend der Eröffnungsgottesdienst beginnt, dann beginne ich zu chillen«, sagt Peter Herrfurth, der Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und einer der Organisatoren dieser besonderen Reise.

Bis zum ersten »Halleluja« haben die zum überwiegenden Teil aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg stammenden Teilnehmer aber noch eine 30-stündige Busfahrt vor sich. In elf mitteldeutschen Städten starten am Sonntag 20 Busse mit insgesamt 1 000 Teilnehmenden zwischen sechs und 80 Jahren.

Der ökumenische Gottesdienst in der Kirche Santa Sabina bildet am Montag in Rom den Auftakt der achttägigen Pilgerreise »Mit Luther zum Papst«. Annette Schavan, die Schirmherrin der Pilgerfahrt und deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, nimmt ebenso daran teil wie die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann, der katholische Bischof Gerhard Feige und der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Vor fast 500 Jahren kamen aus dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts Martin Luthers 95 Thesen und trugen maßgeblich zur Kirchenspaltung bei. 2016 bringen die »Mit-Luther-zum-Papst«-Pilger neue, moderne Thesen mit nach Rom. Die Thesen zur Ökumene, zur Bewahrung der Schöpfung oder zum christlich-jüdischen und christlich-muslimischen Dialog wurden vor der Fahrt gesammelt, in einem großen Buch im DIN-A-2-Format gebunden und werden Papst Franziskus überreicht.

Landesbischöfin Ilse Junkermann ist gespannt auf die Reaktion des katholischen Kirchenoberhauptes. Es gebe viel Verbindendes zwischen dem Papst und den Protestanten, findet die Bischöfin. »Er tritt vehement ein für Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit. Er ergreift klar Partei für Flüchtlinge, für Arme, für Gefangene und für alle, die zu kurz kommen. Jemanden mit solcher Herzensüberzeugung und Charisma zu erleben, dessen Wort noch dazu weltweit gehört wird, das ist etwas Besonderes. Auch für Protestanten!«

Die moderne Thesensammlung ist ein Angebot zum Gespräch. »Wir laden ein zum Disput«, sagt Christoph Tekaath. Beim Diözesanjugendseelsorger des Bistums Magdeburg laufen sämtliche organisatorischen Fäden zusammen. »Luther wollte diskutieren und das wollen wir auch! Wir wollen keine neuerliche Spaltung, sondern eine neue Annäherung. Deshalb fahren wir aus dem Lutherland nach Rom.«
Blick-41-2-2016»Mit Luther zum Papst« ist weit mehr als eine touristische Reise mit der obligatorischen Audienz auf dem Petersplatz. Rom nehme sehr wohl wahr, dass die 1 000-köpfige ökumenische Pilgergruppe aus dem säkularen Mitteldeutschland etwas Ungewöhnliches sei, sagt Tekaath, mahnt aber gleichzeitig auch Bescheidenheit an. »Gerade im Heiligen Jahr sind wir trotz der Größe nur eine von vielen Pilgergruppen. Aber der Anlass ist doch etwas Besonderes und das macht ein wenig stolz.«

Matthias Kopischke, Pfarrer für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Evangelischen Landeskirche Anhalts, findet, die Reise nach Rom ist ein Signal, dass »evangelische und katholische Geschwister bereits jetzt gut zusammenarbeiten«. Wie viele der Pilgernden übrigens evangelisch oder katholisch sind, beziehungsweise gar keinen Glauben haben oder anderen Religionen oder Konfessionen angehören, ist nicht bekannt. »Diese Angabe wurde bei der Anmeldung bewusst nicht abgefragt«, sagt der anhaltische Jugendpfarrer.

Die letzte organisatorische Etappe vor der Abfahrt am Sonntag war Anfang Oktober das Teamer- und Mitarbeiterwochenende in der katholischen Bildungsstätte St.-Michaels-Haus in Roßbach bei Naumburg.

Fünfzig junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren werden die 1 000 Pilgernden begleiten; sie wurden auf ihre Aufgaben als Ansprechpartner im Bus, bei Workshops, zu Vorträgen an den Stationen beim Sieben-Pforten-Weg vorbereitet. Der Sieben-Pforten-Weg ist ein modifizierter Pilgerweg auf Basis der »Siebenkirchenwallfahrt« zu den sieben Hauptkirchen Roms. Der berühmte Pilgerweg wurde ökumenisch ergänzt, indem zum Beispiel die Synagoge aufgenommen wurde, der erst im letzten Jahr eingeweihte Lutherplatz und die Christuskirche, Gottesdienstort der deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Roms.

Bei aller ökumenischen Verbundenheit bleiben aber nach wie vor unüberbrückbare Gräben zwischen den beiden Konfessionen. Natürlich werde und könne es keine Mahlgemeinschaft geben, versichert Peter Herrfurth, »aber wir können immer wieder auf die schmerzhafte Wunde hinweisen«.

Der Landesjugendpfarrer hofft, dass in die Abendmahlsfrage Bewegung kommt und es vielleicht doch einmal zur gemeinsamen Feier kommen kann. »Wir sind auf dem Weg und vielleicht werden wir das gemeinsame Abendmahl noch erleben«, so Peter Herrfurth.

Thorsten Keßler

Beten und denken mit Gymnastik

2. September 2016 von redaktionguh  
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Zum Abschluss unserer diesjährigen Sommerinterview-Serie traf Angela Stoye Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrem Magdeburger Büro. Dabei ging es um offene Kirchen, das Reformationsjubiläum und Mission.

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Frau Junkermann, wie war Ihr Urlaub?
Junkermann:
Wunderschön. Wir waren auf Langeoog. Ich hab mich sehr gefreut, im ersten Gottesdienst am Sonntag einen unserer Pfarrer aus der Altmark zu treffen, der als Kurpastor wunderbar gepredigt hat. Mein Mann und ich waren jeden Tag am und im Meer. Ich habe viel gelesen und mit meinem Mann gespielt: Malefiz und Rummikub.

Und jetzt hat der Alltag Sie wieder – zum Beispiel mit dem Echo auf Ihren Aufruf, 2017 alle 4 000 Kirchen in der EKM zu öffnen. Was überwiegt da?
Junkermann:
Es überwiegt die Grundbereitschaft, darüber nachzudenken. Das ist mir viel wichtiger als Lob oder Kritik. Der Aufruf hat eine sehr breite Resonanz. Denn hinter der praktischen Frage der Kirchenöffnung steht die geistliche: Was verkünden unsere verschlossenen Kirchentüren? Ich finde: Zur Kirchenöffnung gehört auch das Vertrauen darauf, dass Kirchenbesucher keine Aufsicht benötigen, sondern Ruhe wollen.

Eine Kritik ist mir sehr nahegegangen. Eine Pfarrerin sagte mir: Sie sagen, wir sollen das Risiko eingehen. Gleichzeitig geht es im größten Teil der Handreichung zu offenen Kirchen aber um Sicherungsmaßnahmen.

Für mich zeigt das die Spannung zwischen Vertrauen und Befürchtungen, zwischen Sicherheitsbedürfnissen und Risiko. Aber: Welches Risiko ist Gott mit uns Menschen eingegangen?! Und wie nehmen wir das als Beispiel und sagen: Das Risiko, das wir eingehen, ist vergleichsweise gering. Es gehört zum Evangelium, im Glauben nicht Sicherheit zu finden, sondern Vertrauen.

Es gibt Gemeinden, die nach Diebstählen Probleme haben, oder?
Junkermann:
Ja. Aber unser Ziel erreicht man in kleinen Schritten. Wenn Gemeinden Aufsicht oder andere Absicherungen haben wollen, sind das solche Schritte. Ich bitte noch einmal alle Gemeinden, Vertrauen zu wagen.

Themenwechsel: Das 500. Reformationsjubiläum – was bedeutet es für Sie?
Junkermann:
Noch einmal zurück zu den offenen Kirchen, denn sie hängen mit 2017 zusammen – mit der Frage, wo wir heute zur Umkehr gerufen sind in unserem praktischen Verhalten. Das ist der Grundruf Jesu, den Luther in seinen Thesen neu zur Sprache gebracht hat: Der Ruf zu wahrer Buße und Umkehr. 2017 können wir als Riesen-Event feiern oder als Umkehr, zum Beispiel von geschlossenen zu offenen Kirchentüren. Reformation heißt auch, dass auch wir uns heute neu vom Evangelium formen lassen. Sie bedeutet nicht Reform oder Veränderung um jeden Preis.

Was unterscheidet 2017 von 1917 oder 1817?
Junkermann:
Dass es 2017 keine Heldenverehrung gibt, sondern die differenzierte Beschäftigung mit dem Menschen Martin Luther, der seiner Einsicht über das, was er in der Bibel gefunden hat, vertraut hat. Und sich nicht durch äußeren Druck hat beirren lassen. Das fasziniert viele bis heute an ihm, wie er seinem Gewissen mehr verpflichtet war als dem Kaiser oder Papst. Gleichzeitig wusste Luther, dass es das Gespräch braucht. Seine Thesen waren ja eine Aufforderung zur Disputation. Auch das brauchen wir heute sehr.

Deutlich wird 2017 auch, dass Luther ein Mensch mit Fehlern und Schwächen war: sein aufbrausendes Wesen, seine Schimpftiraden oder die Tatsache, dass er sich an eigene Einsichten nicht gehalten hat. So ist er im Blick auf das Verhältnis zu Juden oder zu den Bauern eben nicht beim Diskurs geblieben, sondern hat Gewalt befürwortet und gefördert.

Haben Sie eine Lieblingsschrift?
Junkermann:
Ja, »Von der Freiheit eines Christenmenschen«. Weil darin sehr deutlich wird, dass zur Freiheit auch Verantwortung und Bindungen gehören – im Gegensatz zu einer Vorstellung von Freiheit als Schrankenlosigkeit.

Oder ein Lieblingswort?
Junkermann:
Das habe ich als Vikarin in Horb am Neckar im Lutherjahr 1983 am Anfang des Gottesdienstes zitiert: »Die Heilige Schrift ist wie ein Kräutlein. Je länger du daran reibst, desto mehr duftet es.« Das hilft mir bis heute bei der Arbeit an meinen Predigten.

Was erhoffen Sie sich von 2017 für Impulse?
Junkermann:
Dass die Menschen hier merken, wie stolz sie sein können, in dieser Region mit ihrer reichen Geschichte zu leben. Was hier geschah, hat weltweit Bedeutung gewonnen.
Andererseits ist 2017 eine Herausforderung für uns als Kirche und die Gemeinden. Die Kirchenkreise müssen Stellen abbauen, wir Christen werden immer weniger. Dass passt schlecht mit den großen Events zusammen.

Was folgt daraus?
Junkermann:
Die EKM will 2017 ein guter Gastgeber sein. Für die Zeit danach wünsche ich mir, dass unsere Glaubenszuversicht gestärkt wird, auch wenn der Weg unserer Kirche und unserer Gemeinden schwierig ist. Wir können darauf vertrauen, dass Gott uns führt. Wir beschäftigen uns ganz viel mit Defiziten. Das ist berechtigt; das tut weh. Aber wir sollten einen Blick dafür bekommen, was uns geschenkt ist, worin wir (stein-)reich sind. Damit bin ich wieder bei den offenen Kirchen.

Ihrem Lieblingsthema?
Junkermann:
Ja, denn es ist fast unglaublich, in welchem Maß in den vergangenen 25 Jahren die Kirchen wieder aufgebaut worden sind. Diese Schätze sollten wir mit anderen teilen! Vor allem die Menschen, die sich einbringen, sind Schätze. Ich hoffe sehr, dass wir als Kirche offener werden und dass Gottes Geschichte mit uns eine lebendige Geschichte für uns ist. Dass wir nicht an festen Bildern hängen, wie Kirche und Gemeinde sein sollen, vielmehr schauen, was Gott uns jetzt an Menschen und Ressourcen schenkt.

In »Luthers Land« leben die wenigsten Christen. Missionarische Aktionen haben kaum etwas gebracht. Wie kann der Schrumpfungsprozess aufgehalten werden?
Junkermann:
Den Glauben können wir nicht machen. Es gibt dazu ein Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker: »Rede nicht über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst.« Das ist die Herausforderung: Wie lebe ich selber so, dass Menschen mich fragen. Ob der Samen auf fruchtbare Erde fällt oder unter Dornen oder auf Felsen, haben wir nicht in der Hand. Wir sind Säe-Leute. Manchmal dürfen wir ernten. Aber wir wissen nicht, wann die Ernte kommt.

Sommerlogo GuHWie gelingt es Ihnen, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Junkermann:
Mit meinem grünen Filzstift. Damit kennzeichne ich im Kalender die Verabredungen mit meinem Mann. Ich bin froh, dass er als Selbstständiger flexibel sein kann. Mir persönlich hilft es sehr, wenn ich morgens eine Stunde für mich habe für das Gebet, für das Nachdenken – auch das Denken an Menschen, die es schwer haben. Das gelingt mir am besten bei Gymnastik.

Was tun Sie, wenn Sie in Magdeburg frei haben?
Junkermann:
Im Sommer sitze ich gerne auf dem Balkon. Brauche ich Bewegung, bin ich in wenigen Schritten an der Elbe. Mein Mann und ich lieben die Weite der Landschaft, sitzen aber auch gerne in einem Lokal an der Elbe.

Und wenn es regnet?
Junkermann:
Dann lese ich.

Viele Pfarrer sollen ja Krimis lieben …
Junkermann:
Die liebe ich auch. Sehr gerne lese ich zudem Gedichte und Romane. Im Urlaub zum Beispiel »Unterleuten« von Juli Zeh. Es ist unglaublich, wie sie Menschen und die Atmosphäre erfasst.

Auch amerikanische Autoren liebe ich sehr, tauche in ihren Büchern – zum Beispiel denen von Paul Auster oder T. C. Boyle – in eine andere Gesellschaft, Geschichte und Lebensart ein.

Kirchen trotz allem öffnen

1. August 2016 von redaktionguh  
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Propst Kamm: Keine Pauschalverurteilung

Die Anschläge in Deutschland und Frankreich machten ihn sehr betroffen, sagte der stellvertretende Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Propst Diethard Kamm (Gera). Man könne nur im Gebet verharren und so die Angehörigen der Opfer begleiten.

Die Solidarität in München habe ihn beeindruckt, erklärte der Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar. Spontan wurden Häuser und Wohnungen geöffnet, um Menschen aufzunehmen, die nicht mehr nach Hause konnten. Kamm erinnere das an die Kirchenöffnung nach dem Attentat im Erfurter Gutenberg-Gymnasium. »Wir wollen Menschen in unseren Kirchen Schutz geben. Sie sollen Gelegenheit haben, zu beten und zur Ruhe zu kommen.« Der Regionalbischof warnte davor, Menschen, die bei uns Schutz suchen, pauschal zu Verbrechern abzustempeln. »Wir sollten als Kirche wegen der schrecklichen Vorfälle nicht unsere Einstellung zu Flüchtlingen ändern«, so Kamm. Schnelle Antworten würden langfristig nicht wirklich tragen.

Diethard Kamm leitet die Arbeitsgruppe »Offene Kirchen«. Foto: EKM

Diethard Kamm leitet die Arbeitsgruppe »Offene Kirchen«. Foto: EKM

Auch nach mehreren Diebstählen im thüringischen Eichsfeld plädiert Kamm weiterhin für die Öffnung der Kirchen. Es mache keinen Sinn, die Kirchen, die jetzt geöffnet seien, zu schließen. Bei der Synode im Herbst in Erfurt hatte Landesbischöfin Ilse Junkermann die Aktion »Offene Kirchen« vorgestellt. Bis zum Frühjahr 2017 sollen die knapp 4 000 evangelischen Kirchen in der EKM tagsüber geöffnet sein. Diese Aktion stößt in manchen Kirchengemeinden wegen Sicherheitsbedenken auf Widerstand. Die Entscheidung über die Kirchenöffnung liege bei den Kirchengemeinden, so Kamm. Wenn man dort angesichts der Diebstähle im Eichsfeld nun nicht mehr bereit sei, für die Öffnung die Verantwortung zu übernehmen, dann könne die Kirchenleitung dagegen nicht viel tun. »Wir sollten jetzt aber nicht zurückrudern«, so Kamm. Bis zum Jahresende gäbe es in allen Propsteien der EKM Informationsveranstaltungen. Dort würden die Fragen und Bedenken im Zusammenhang mit der Kirchenöffnung erörtert.

Kamm sprach sich in diesem Zusammenhang gegen eine Videoüberwachung in Kirchen aus. Das stehe dem Ansatz der offenen Kirchen entgegen. Kirchenbesucher sollten sich nicht beobachtet fühlen, wenn sie in eine Kirche kommen. Wie man mit der Sicherung sakralen Kunstgutes zukünftig umgehe, müsse allerdings gesondert bedacht werden.

Willi Wild

Theologie ganz praktisch

17. Juli 2016 von redaktionguh  
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Ehemalige gesucht: Wittenberger Predigerseminar wird 200

Es ist eines der ältesten und die einzig verbliebene Ausbildungseinrichtung ihrer Art in Ostdeutschland: das Predigerseminar zu Wittenberg. Nach dem Studium wird die Theologie hier für die angehenden Pfarrer und Gemeindepädagogen ganz praktisch. »Hier reflektieren die Vikare ihr Tun, ihre Theologie, auch ihre eigene Person«, sagt Direktorin Hanna Kasparick.

Die Gründung geht auf den Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. zurück. Auf Kabinettsorder hin wurde 1816 »ein lutherisches Predigerseminarum« anstelle der ehemaligen Universität errichtet. Seinen 200. Geburtstag feiert das Seminar in diesem Herbst mit einem Fest-Wochenende. »Wir können ja längst nicht alle Ehemaligen anschreiben, aber alle, die hier Kurse besucht haben, sind herzlich eingeladen«, sagt Hanna Kasparick. Seit der Wiederaufnahme der Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 haben rund 1 300 Vikare die Ausbildung durchlaufen.

Bis 2012 war das Augusteum Sitz des Predigerseminars. Foto: Archiv

Bis 2012 war das Augusteum Sitz des Predigerseminars. Foto: Archiv

Das Festwochenende beginnt am 30. September, 16 Uhr, mit einem Gottesdienst in der Schlosskirche. Die Predigt hält Landesbischöfin Ilse Junkermann, die Vorsitzende des Seminar-Kuratoriums ist. Im Anschluss wird in den Schlosshof eingeladen, wo der Seminar-Neubau mit Vikars-Unterkünften und Refektorium eingeweiht wird. »Der Bau wird nach Christine Bourbeck benannt, die nach dem Krieg in der Vikarinnen-Ausbildung tätig war und maßgeblich am Pastorinnengesetz der Evangelischen Kirche der Union beteiligt gewesen ist«, erzählt Hanna Kasparick. Über Bourbecks Leben und Wirken wird in einem Vortrag in der Schlosskirche (19 Uhr) berichtet. Ein kurzweiliger Abend mit Texten und Musik erwartet die Besucher. Von 19 bis 22 Uhr öffnen sich die Türen des Neubaus für Neugierige und Interessierte. Vikare führen an sieben Stationen durch das Haus und laden zum Gespräch ein.

Der 1. Oktober startet 9.30 Uhr in der Schlosskirche mit einer Andacht von und mit Bischof Martin Hein aus Kassel. Im Anschluss diskutieren um 10 Uhr eine Journalistin, ein Vikar und ein Propst über die Frage »Was wünschen Sie sich von Ihrem Pfarrer?«. Traditionell zum Mittag gesungen wird auch am Festwochenende, und zwar 12.30 Uhr in der Schlosskirche. Um 15 Uhr wird im Augusteum die Ausstellung »Gehrock, T-Shirt und Talar« eröffnet und ein Begleitbuch mit sieben Essays über den Wandel des Pfarrberufs vorgestellt.

Katja Schmidtke

Anmeldungen bis Mitte September unter Telefon (0 34 91) 5 05 40 oder E-Mail < info@predigerseminar.de>

Erst mal Klinken putzen

26. Juni 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Experiment: Gottes Haus soll nicht zugesperrt sein. Dafür wirbt Landesbischöfin Ilse Junkermann nicht nur, nein, sie fordert es ein. Die Umsetzung des Vorhabens gestaltet sich schwierig.

Diesen Satz hat René Thumser in den vergangenen Monaten oft gehört: »Was sich die Bischöfin da wieder ausdenkt!« Er fällt so oder ähnlich fast immer, wenn er und seine Mitstreiter aus der Arbeitsgruppe »Initiative Offene Kirchen« zu Besuch in Kirchengemeinden sind. Ihre Aufgabe ist es dann, zu übersetzen. »Jedes Kirchengebäude in der EKM soll spätestens ab Frühjahr 2017 tagsüber geöffnet sein.« So hat es Ilse Junkermann bei der Herbstsynode im November in Erfurt gesagt. Der Appell der Bischöfin ist unmissverständlich, an der Basis aber gibt es Missverständnisse.

Einfach so die Kirchentüre aufschließen – für viele eine beängstigende Vorstellung. Beispiele zeigen: Es funktioniert, ohne größere Schäden. Foto: ArTo – Fotolia.com

Einfach so die Kirchentüre aufschließen – für viele eine beängstigende Vorstellung. Beispiele zeigen: Es funktioniert, ohne größere Schäden. Foto: ArTo – Fotolia.com

Das war so zu erwarten. Das war der Preis für die Aufmerksamkeit innerhalb und außerhalb der Kirche. Gottes zahlreiche Häuser in Mitteldeutschland sollen den Besuchern offen stehen, wenn ein halbes Jahrtausend Reformation gefeiert wird. Die EKM möchte sich als gute Gastgeberin zeigen, sie will weder sich noch ihre Gebäude vor den Menschen verschließen.

Aufschließen müssen die rund 4 000 Kirchen aber andere, die Gemeindekirchenräte in den Städten und Dörfern. Und die hören nicht zum ersten Mal von so einer Idee. Es gibt bereits Signets für verlässlich geöffnete Kirchen, für Radwegkirchen, für Pilgerkirchen. Der Erfolg ist mager. An jedes Signet an der Pforte sind Auflagen gebunden, die zu erfüllen nicht überall gelingen kann. Deswegen muss René Thumser vorsprechen. Er muss erklären, dass es eben nicht um Signets und Auflagen geht, sondern um kleine und individuelle Lösungen: Öffnungszeiten im Sommerhalbjahr, am Wochenende und an Feiertagen oder ein Hinweis, wer die Tür auf Wunsch öffnen kann.

Es ist das große Klinkenputzen, bevor sich die Schlüssel in den Schlössern drehen. »In den Gemeinden haben sich Traditionen eingeschliffen: Entweder die Kirche ist zu oder sie ist auf«, sagt René Thumser. Dort, wo sie zu ist – das ist in der Mehrheit der Gemeinden der Fall –, muss es gelingen, diese Tradition zumindest einmal infrage zu stellen. Abzuwägen, was für und was gegen geöffnete Kirchentüren einzuwenden ist. Dagegen spricht die Angst vor Diebstählen und Vandalismus, die Sorgen um zusätzliche Arbeit für die bereits Engagierten und manchmal auch die Meinung, dass ja ohnehin keiner die offene Kirche aufsuchen würde. René Thumser hat Antworten auf all diese Fragen, er kann Ängste und Sorgen relativieren. Einbrüche geschehen aller Erfahrung nach nicht am helllichten Tag, sondern nachts, wenn abgeschlossen ist. Für Schließ- und eventuelle Aufsichtsdienste lassen sich oft auch Partner außerhalb der Kirchengemeinde gewinnen, in den Kirchbauvereinen etwa. Und schließlich: »Offene Kirchen werden sehr wohl aufgesucht.«

Weil die Mitglieder der Arbeitsgruppe nicht für jede der 4 000 Kirchen selber zum Gespräch vorstellig werden können, schon gar nicht bis 2017, haben sie zunächst eine Handreichung für die Gemeindekirchenräte erstellt. Auf zehn Seiten wird mit Argumenten und Erklärungen einer diffusen Furcht Besonnenheit entgegengesetzt. Es gibt technische Sicherungsvorkehrungen, es gibt Versicherungen und vor allem gibt es keine Vorwürfe der Kirchenleitung, wenn trotz allem etwas gestohlen werden sollte.

Erste Kirchengemeinden, etwa jene in Seebach bei Eisenach, sind auf die Handreichung hin schon aktiv geworden. Sie haben René Thumser eingeladen. Im August und September werden in den Propsteien zu diesem Thema auch Workshops für Gemeindekirchenräte geplant. Außerdem soll die digitale Kirchenlandkarte der EKM mit derzeit nur 1 178 Eintragungen vervollständigt werden, damit alle Kirchen und ihre Angebote für Besucher sichtbar werden. Auch das könnte ein Ansporn für Veränderung sein.

Wohl zur Herbstsynode wird es wieder Aufmerksamkeit für dieses Thema geben. Dann sollten erste Zahlen von dort vorliegen, wo der Appell der Bischöfin in die Tat umgesetzt wurde. Und wo es noch Missverständnisse gibt.

Susann Winkel

Die Handreichung und weitere Informationen finden Sie im Internet:

www.ekmd.de/service/offenekirchen

Bischöfin orakelt

7. Dezember 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Sie sehe den Islam auch 2016 nicht als Konkurrenz für das Christentum in Deutschland, sagte Landesbischöfin Ilse Junkermann beim »Weimarer Orakel 2016«. Vielmehr forderte sie eine breite öffentliche Diskussion über christliche Werte und warb darum, den interreligiösen Dialog auch im nächsten Jahr zu befördern. Bei der Veranstaltung im Weimarer Stadtschloss waren Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gefordert, einen Ausblick auf das kommende Jahr und seine Themen zu geben.

Der Politik-wissenschaftler Dietmar Herz verfolgt die Prognosen von Landesbischöfin Ilse Junkermann. Foto: Willi Wild

Der Politik-wissenschaftler Dietmar Herz verfolgt die Prognosen von Landesbischöfin Ilse Junkermann. Foto: Willi Wild

Neben der Landesbischöfin folgten auch der Medizinische Vorstand des Jenaer Universitätsklinikums Jens Maschmann und der Präsident des Thüringer Handballclubs Karsten Döring der Einladung der Thüringer Allgemeinen und der Stiftung Weimarer Klassik. Der Erfurter Politikwissenschaftler Dietmar Herz erwartet, dass sich AfD und Pegida im kommenden Jahr stärker radikalisieren. »Wer von Islamisierung spricht, agitiert. Wir müssten eher über eine Christianisierung nachdenken«, so Herz. Das sieht auch der Präsident der IHK Erfurt, Sparkassen-Vorstand Dieter Bauhaus als große Aufgabe für die kommenden Jahre. »Wir sollten wieder auf die christlichen Werte zurückkommen und als Christen unsere soziale Verantwortung ernst nehmen«, meinte der engagierte evangelische Christ. Eine Re-Christianisierung brauche sicher sehr lange, warf Landesbischöfin Junkermann ein.

Das Bündnis für Mitmenschlichkeit, das am 9. November auf dem Erfurter Domplatz ein deutliches Zeichen für Demokratie und Vielfalt gesetzt habe, zeige, dass bürgerliches Engagement und christliche Werte durchaus in der Gesellschaft vorhanden seien. Junkermann verwies ferner auf das ambi­tionierte Vorhaben der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), bis zum Frühjahr 2017 alle Kirchen dauerhaft täglich öffnen zu wollen. Bis Ende des Jahres 2016 hoffe sie, dass die Hälfte der 4 000 Kirchen auf dem Gebiet der EKM an der Aktion »Offene Kirchen« teilnehmen.

Wie realistisch diese und alle anderen Prognosen waren, soll in einem Jahr beim »Weimarer Orakel 2017« ausgewertet werden.

Willi Wild

»Ich habe mich sehr getragen gefühlt«

18. Oktober 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

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Interview: Zum ersten Mal spricht die Landesbischöfin über die schwere Zeit ihrer Erkrankung und die Aufgaben, die vor ihr liegen

Mehrere Monate konnte Landesbischöfin Ilse Junkermann krankheitsbedingt keine öffentlichen Termine wahrnehmen. Leserinnen und Leser haben bei uns nachgefragt, wie es ihr geht. Willi Wild hat die Landesbischöfin getroffen.

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Frau Landesbischöfin, wie geht es Ihnen?
Junkermann:
Mir geht es schon viel besser, aber noch nicht wieder ganz gut. Ich bin gerade in der Wiedereingliederung, um zu sehen, wie meine Belastbarkeit sich entwickelt. Es handelt sich um eine Hirnhautentzündung, ausgelöst durch einen nicht identifizierbaren Virus. Mein Körper musste es aus eigenen Kräften stemmen, das zehrt. Deshalb muss ich gut aufpassen, dass mein Körper – um die Ärzte zu zitieren – eine Chance hat und ich sie ihm gebe.

Sie waren über ein halbes Jahr krank. Haben Sie in der Zeit einmal daran gedacht, Ihr Amt abzugeben?
Junkermann:
Ja, im Sommer gab es ein paar kritische Tage. Ich habe immer gewartet, dass es besser wird. Ich musste mich in Geduld üben, weil es über Wochen nicht besser wurde. Und dann ist es sogar noch schlechter geworden. Da habe ich gedacht, wenn sich bis September keine Besserung zeigt, muss ich überlegen, ob ich mein Amt aufgebe, denn es ist ja ein wichtiges Amt in der Kirche. Dieses Amt kann vertreten werden, aber nicht auf Dauer.

Apropos Vertretung: Wer macht Ihre Arbeit, wenn Sie so lange nicht da sind?
Junkermann:
Alle Regionalbischöfe und die Regionalbischöfin waren äußerst hilfsbereit, haben eigene Termine abgesagt, um landesbischöfliche Aufgaben wahrzunehmen. Besonders der stellvertretende Landesbischof, Propst Kamm, hat viel übernommen. Dafür bin ich sehr dankbar und habe mich gefreut, auch in dieser Hinsicht getragen zu sein. Ich hätte beispielsweise gern unsere Kirche beim Kirchentag in Stuttgart vertreten und zum Reformationsjubiläum eingeladen. Gut, dass Propst Kasparick als mein Beauftragter die Einladung im Schlussgottesdienst aussprechen konnte.

Haben Sie überhaupt die notwendige Zeit der schrittweisen Wiederherstellung?
Junkermann:
Ich nehme sie mir. Ich muss bewusst entscheiden, wie ich mit meiner Zeit umgehe. Vorrang hat, dass ich wieder ganz gesund werde. Für mich ist neu, dass ich nur im Lassen etwas dazu beitragen kann. Wir leben ja in einer Zeit, die davon ausgeht, dass man durch Tun alles bewältigen kann. Ich kann nichts tun, nur lassen, indem ich Freiräume schaffe, mehr auf Pausen setze. Ich hoffe, dass ich das mit hinübernehmen kann in die Zeit, wenn ich dann wieder ganz gesund bin.

Als Seelsorgerin geben Sie ja den Menschen normalerweise Rat und Hilfe. Nun sind Sie auf Hilfe angewiesen. Wie gehen Sie damit um?
Junkermann:
Die Ärzte in der Uniklinik Magdeburg in der Neurologie haben gut seelsorgerlich gehandelt, indem sie ganz klar benannt haben, wie die Situation ist. Es hieß, mein Körper könne damit umgehen, brauche aber ausreichend Zeit. Das Zuhören und die offene Art der behandelnden Ärzte haben mir gut getan. Ich habe mich aber auch von vielen anderen sehr getragen gefühlt. Viele Grüße haben mich erreicht, Briefe und Karten mit einer großen Anteilnahme. Ich war bis auf die Krise im Sommer über die Wochen gelassen und habe mich selber darüber gefreut, dass ich mich so getragen fühlen und auf Gott vertrauen kann, dass er den Weg für mich weiß.

Der EKM-Gebetskalender liegt Ihnen am Herzen und ist gewissermaßen Chefsache. Was bedeutet Ihnen Gebet, auch in Bezug auf Ihre Erkrankung?
Junkermann:
Das Gebet verbindet uns auch miteinander. Nur so sind wir Kirche: Dadurch, dass Gott uns ruft und uns einen Auftrag in dieser Welt gibt und uns seine Hilfe zusagt. Und wenn wir über den Gebetskalender voneinander wissen und füreinander beten, festigt das unsere Gemeinschaft.

So hoffe ich ganz stark, dass für das geistliche Zusammenwachsen innerhalb dieser großen und weiten Landeskirche das Gebet eine ganz entscheidende Kraft wird. Die äußere Ordnung, gleiche Strukturen und Gesetze, sind auch wichtig, aber das Gebet ist die geistliche Ordnung für unser Leben.

Gebet ist für Sie demnach ein ganz zentraler Punkt?
Junkermann:
Unbedingt, jeder Tag beginnt damit. Ich habe einen persönlichen Gebetskalender mit besonderen Anliegen für jeden Tag. Ich bete beispielsweise für alle neu ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer ein Jahr lang jede Woche. In meine Gebete schließe ich beispielsweise unsere Partnerkirchen und weitere kirchliche Anliegen ein. Das hilft. Das Gebet braucht eine gewisse Disziplin, aber es braucht auch Freiheit. Besonders gerne bete ich im Auto, da kann mich niemand stören und ich sehe die weite Welt und kann meinen Blick zum Himmel wandern lassen, da ich glücklicherweise meistens nicht selber fahren muss.

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

In den letzten Monaten sind viele Flüchtlinge zu uns gekommen. Sind wir als Kirche gerüstet? Wie können wir den Menschen begegnen?
Junkermann:
Ich denke, dass niemand wirklich dafür gerüstet ist. Dass es so viele sind, führt uns vor Augen, was wir in unserem Alltag ausgeblendet haben. Gott legt uns die Not vor die Füße in der kleiner gewordenen Welt. Die große Willkommenskultur, über die sich jetzt manche schon abfällig äußern oder mit großen Bedenken, ob es nicht zuviel ist, zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Viele Menschen haben aber auch Ängste. Und dann gibt es eine Minderheit, die sich diese Ängste und die Unsicherheit zunutze machen will. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Kirche im Vertrauen, dass Gott uns Ängste nimmt und die nötigen Kräfte gibt, beherzt handeln. Wir sollten Jesus ernst nehmen, der sagt, dass er uns in den Fremden selbst begegnet. Es sind nach wie vor genügend Lebensmittel für alle Menschen auf der Erde da, sie sind in der Welt, aber auch in unserem Land schreiend ungleich verteilt. Und wenn die Armen vor unserer Tür liegen, wie es im Gleichnis vom armen Lazarus der Fall ist, dann sind wir gefragt, ob wir jetzt helfen.

Das ist zunächst die tätige Nächstenliebe, die selbstverständlich die Aufgabe von Kirche und Diakonie ist und zu der wir gerufen sind.

Es gibt Forderungen von außen, die Kirche möge ihre Häuser für Flüchtlinge öffnen.
Junkermann:
Dort, wo es möglich ist Menschen aufzunehmen, haben wir das angeboten. Allerdings ist es so, dass wir die Kapazitäten, die benötigt werden, nicht in der erforderlichen Größe zur Verfügung stellen können. Ich weiß aber, dass Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Häuser und Wohnungen öffnen, um Menschen zu beherbergen. Wir haben die Räume im Bischofshaus in der Hegelstraße in Magdeburg angeboten, da laufen die Verhandlungen. Und ich freue mich, Flüchtlinge als Nachbarn zu bekommen neben mir und über mir. Auf der anderen Seite werden viele Gemeinderäume als Orte der Begegnung und Kommunikation genutzt, um sich auf Augenhöhe als Mitmenschen zu begegnen. Dort können Flüchtlinge und Einheimische hinkommen, sich austauschen, Rat und Hilfe suchen.

Was halten Sie von der Vermittlung unserer christlichen Werte, Stichwort: Flüchtlingsmission?
Junkermann:
Mission ist unser Auftrag immer, der Grundauftrag Jesu: Tragt das Evangelium in die Welt. Allerdings stellt sich die Frage, welche Form angemessen ist. Von Carl Friedrich von Weizsäcker stammt das Zitat, das es meines Erachtens auf den Punkt bringt: Sprich nie über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst. Und wenn du gefragt wirst, dann sei auch sprachfähig, dann wisse, was du zu sagen hast.

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