Dissens offen zutage getreten

4. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Synode: Eine Chronologie der Ereignisse des späten Mittwochnachmittags bei der Herbsttagung in Erfurt, die für Ratlosigkeit und in Teilen für Unverständnis sorgten.

Damit hatte keiner der 80 Syno­dalen gerechnet, als kurz vor dem Abendbrot Synodenpräses Dieter Lomberg noch zwei Entscheidungen aus dem Landeskirchenrat angekündigte. Vermutlich hätten sich die Synodalen bei der Aussprache zum Bericht der Präsidentin des Landeskirchenamtes, Brigitte Andrae, kürzer gefasst, wenn sie geahnt hätten, was ihnen noch bevorsteht.

Amtszeitverlängerung für Propst Hackbeil

Zunächst trat Landesbischöfin Ilse Junkermann als Vorsitzende des Landeskirchenrates ans Mikrofon. Sie teilte dem Kirchenparlament mit, dass das 22-köpfige Leitungsgremium der Landeskirche beschlossen habe, bei der Landessynode einen Antrag auf die Verlängerung der Amtszeit von Propst Christoph Hackbeil, dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, zu stellen. Dass sie dabei versehentlich von einer Verlängerung »bis zum Ende seines Ruhestandes« sprach, machte ihre Nervosität deutlich. Warum die Landesbischöfin in dieser Situation angespannt war, sollte die anschließende Verlautbarung ihres Stellver-
treters, Propst Diethard Kamm, zeigen.

Keine Verlängerung für Landesbischöfin

Der Regionalbischof des Sprengels Gera–Weimar verkündete, dass der Landeskirchenrat auf seiner Sitzung am 20. Oktober beschlossen habe, keinen Antrag auf eine Verlängerung der Amtszeit von Landesbischöfin Ilse Junkermann zu stellen. Kamm wörtlich: »Der Landeskirchenrat würdigt insbesondere die Prägung des Bischofsamtes in unserer noch jungen Kirche, gerade in der Phase des Zusammenwachsens sehr unterschiedlicher geistlicher und struktureller Traditionen durch Landesbischöfin Junkermann und dankt ihr für ihren Dienst. Er hofft auf eine weitere gute gemeinsame Arbeit in den nächsten zwei Jahren bis zum Ablauf ihrer Amtszeit.« Im ausführlichen Austausch und in gründlicher Beratung sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass dann andere und neue Impulse der Konsolidierung und des Aufbruchs in die Gesellschaft für die EKM wichtig seien, sagte Kamm – und ging wieder an seinen Platz.

Junkermann: »Entscheidung schmerzt mich«

Noch ehe die Synodalen so richtig fassen konnten, was da gerade ex cathedra verkündet wurde, trat die Landesbischöfin ein weiteres Mal ans Mikrofon und verlas eine vorbereitete Erklärung:

Stand nicht zur Abstimmung: Der Antrag an die Synode auf Amtszeitverlängerung der Landesbischöfin wird vom Landeskirchenrat gestellt. Im Bild heben die Synodalen ihre Stimmkarte zur Abstimmung, um einen Antrag in einen Ausschuss zu verweisen. Foto: Willi Wild

Stand nicht zur Abstimmung: Der Antrag an die Synode auf Amtszeitverlängerung der Landesbischöfin wird vom Landeskirchenrat gestellt. Im Bild heben die Synodalen ihre Stimmkarte zur Abstimmung, um einen Antrag in einen Ausschuss zu verweisen. Foto: Willi Wild

»Hohe Synode, jetzt verstehen Sie, warum ich eben so aufgeregt war. Ich möchte zu dieser Entscheidung sagen: Ich war gerne zu einer Verlängerung meiner Amtszeit bereit. Sie kennen mein Engagement und meine Begeisterung für diese Kirche. Insofern schmerzt mich diese Entscheidung. Zugleich und selbstverständlich respektiere ich sie. Zu diesem Zeitpunkt schafft dieser Beschluss Klarheit, auch für mich selbst. Ich bin gespannt, was Gott mit mir für meine restliche Dienstzeit bis zu meinem Ruhestand vorhat und was mit unserer Kirche.

Gottes guter Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit helfe uns, bei unserer Aufgabe die beiden noch verbleibenden Jahre gut und konstruktiv miteinander zu gestalten. Ich sehe meine Aufgabe insbesondere darin, in dem großen Veränderungsprozess, in dem wir uns befinden, die Gemeinden und die Verantwortlichen zu begleiten. Sei es in mancher Trauer und Ratlosigkeit, sei es in den neuen Aufbrüchen. Dafür und für die weitere Zusammenarbeit mit Ihnen und mit allen Verantwortlichen in den Gemeinden in unserer Kirche will ich und werde ich weiter meine Kräfte einsetzen und natürlich auch für die Vertretung unserer Kirche nach außen.«

Vizepräses Steffen Herbst: »Erschrocken und traurig«

Die Synodalen waren sprachlos. Steffen Herbst, der 1. Vizepräses der Synode aus Königsee (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) ging ans Rednerpult und sagte nur einen Satz: »Frau Landesbischöfin, ich bin erschrocken und traurig.« Vermutlich sprach er damit vielen Delegierten aus dem Herzen. Beim anschließenden Abendbrot im Augustinerkloster und die Tage darauf war die Entscheidung und die Art der Verkündung sowie der Entgegnung Gegenstand vieler Diskussionen am Rande der Herbsttagung der Synode. Vor allem wurde nach den Gründen gefragt, die zu dieser Entscheidung geführt hätten. Da es sich aber um einen Beschluss aus einer nichtöffentlichen Sitzung handelte, blieben und bleiben die Gründe unter Verschluss.

Neuwahl vermutlich im Frühjahr 2019

Landesbischöfin Ilse Junkermann war von der Landessynode im März 2009 für eine Amtszeit von zehn Jahren gewählt worden. Das Bischofswahlgesetz lässt mehrere Amtsperioden und damit eine Wiederwahl zu. Ist das Ruhestandsalter nicht weiter als fünf Jahre entfernt, kann die Landessynode die Amtszeit per Beschluss einmalig bis zum Eintritt in den Ruhestand verlängern.

Nach der Entscheidung des Landeskirchenrats tritt nun der Bischofswahlausschuss zusammen, um der Synode vermutlich im Frühjahr 2019 Wahlvorschläge zu unterbreiten. Dem Bischofswahlausschuss gehören neben den Mitgliedern des Landeskirchenrats sechs weitere Synodale sowie je ein Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und der Union Evangelischer Kirchen (UEK) an. Das Oberhaupt der EKM wird dann von der Landessynode gewählt.

Willi Wild

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Ein Gschmäckle

3. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Das war ein Paukenschlag. Normalerweise ist der Antrag auf Verlängerung der Amtszeit eines Regionalbischofs oder einer Landesbischöfin Formsache, wie das Beispiel der Amtszeitverlängerung des Stendaler Regionalbischofs Christoph Hackbeil zeigt. Umso verwunderlicher ist das Vorgehen bei der Landesbischöfin. Nicht die Tatsache, dass ihre Amtszeit nicht verlängert werden soll, verwirrt, sondern die Art und Weise sowie der Zeitpunkt der Verkündung. Aber auch die Erklärung, die Ilse Junkermann bei der Synode und im Brief an die Kirchengemeinden abgab, wirft Fragen auf. Nicht nur Synodale sind ratlos.

Wenn sich der Landeskirchenrat in geheimer Abstimmung gegen eine Amtszeitverlängerung seiner Vorsitzenden ausspricht, offenbart das – allen gegenseitigen Vertrauensbekundungen zum Trotz – einen Graben zwischen Leitungsgremium und Landesbischöfin. Über die Gründe, die dazu geführt haben, lassen beide Seiten die Öffentlichkeit im Unklaren. Und so bleibt, wie man im Schwäbischen sagt: ein Gschmäckle.

Im Jahr 2019 stehen große Veränderungen an. Die Kirchengemeinden und -kreise, auch das Landeskirchenamt müssen sparen. Wie werden die nächsten zwei Jahre gestaltet? Wie kann der geplante Umbau der Kirche gelingen? Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit sind mehr denn je gefragt. Das zeigte bei der Synode auch der emotionale Vortrag der Eingabe aus dem Kirchenkreis Elbe-Fläming und die sich anschließende engagierte Diskussion.

Es geht um die Zukunft des Verkündigungsdienstes und die der Kirchengemeinden. Die existenziellen Herausforderungen in unserer Kirche erfordern gerade jetzt Einheit und geistliche Leitung.

Willi Wild

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Wir müssen reden

13. November 2017 von redaktionguh  
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Über die »Ehe für alle« gibt es in der Landeskirche Gesprächsbedarf

Die Ehe ist ein weltlich Ding – und birgt doch eine geistliche Dimension, ganz besonders die im Sommer vom Bundestag beschlossene »Ehe für alle«. Eine kirchliche »Ehe für alle« wollte die Jugend der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands bereits im Frühjahr auf den Weg bringen. Doch dazu kam es nicht. Die Synodalen baten stattdessen um Geduld und beauftragten den Landeskirchenrat, ein Format zu finden, um weiter über die Gleichstellung der Ehe zu sprechen.

Dieser Prozess ist nun in Gang gesetzt, sagte Landesbischöfin Ilse Junkermann. Auch der Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau müsse sich damit beschäftigen, ob dem veränderten staatlichen Gesetz ein verändertes kirchliches Handeln folgt oder nicht. Aktuell liegt die Entscheidung über die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares bei Pfarrer und Gemeinde.

Kern der Debatte ist für Junkermann die unterschiedliche Schriftauslegung und der Umgang damit. Die »Ehe für alle« kann zu einer schweren Gewissensbelastung werden, wenn auch für eine Minderheit. Darf sich eine Mehrheit darüber hinwegsetzen? Wieweit können sich Christen belasten, wo müssen sie akzeptieren, unterschiedlicher Meinung zu sein? Auch die Frage, warum Trauung und »Gottesdienst anlässlich der Eheschließung« unterschieden werden, will die EKM diskutieren.

Die Landesbischöfin betonte: »Ich bin froh, dass es die Segnungen gibt. Ich bin auch froh, dass die rechtliche Gleichstellung in unserer Gesellschaft möglich ist.« Ordnung gibt der Freiheit Raum, zitierte die Bischöfin Martin Luther. Alles andere sei Willkür. »Aber wir sollten andere ernst nehmen, deren Gewissen belastet ist, und das nicht per Mehrheitsbeschluss übergehen«, sagte Junkermann. Die Bischöfin hat die Sorgen jener im Blick, die die Gefahr einer Kirchenspaltung sehen.

Joachim Liebig, Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts, begrüßte die ordnende, rechtliche Klarstellung durch die »Ehe für alle«. Für die Kirche sei es aber nicht nötig, alle staatlichen Beschlüsse geistlich nachzuvollziehen.

Ob homosexuelle Paare gesegnet werden, entscheiden in Anhalt Gemeinde und Pfarrer gemeinsam. Sind sie dazu nicht bereit, ist der Oberpfarrer aufgefordert, eine Lösung zu finden. »Wir hatten bisher, soweit ich sehen kann, einen einzigen Fall. Und da gab es keinen Konflikt«, sagte Liebig. Als Kirchenpräsident sei er sehr zufrieden mit der derzeitigen Situation. Der für Anhalt gefundene Modus trage das neue Gesetz mit. Deshalb rechne er nicht damit, dass sich die Synode in absehbarer Zeit mit dem Thema befassen muss.

In seiner Zeit als Gemeindepfarrer hat Liebig auch Anfragen homosexueller Paare bekommen: »Ich habe das nicht machen können.« Aber es gehöre zur innerkirchlichen Toleranz und Einheit, anders getroffene Entscheidungen von Kirchenältesten und Pfarrern zu akzeptieren. Es sei verheerend, diese Grundsatzfrage als Mittel zur Kirchenspaltung zu verwenden: »Das ist furchtbar. Das ist entsetzlich. Und das darf auf keinen Fall passieren.«

Katja Schmidtke

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Landesbischöfin: »Die Kirche ist am Ende«

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Podium: Junkermann unterstreicht Notwendigkeit, neue Formen zu erproben

Erreicht Sie unsere Verzweiflung aus den Gemeinden – wir haben kein Personal. Wer soll sich um die Arbeit mit Kindern kümmern?«, brach es aus einer Kirchenältesten heraus. Sie war zu Festandacht und anschließender Podiumsdiskussion »Der Weg der Kirche nach 2017« mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und der Ostbeauftragten Iris Gleicke gekommen, mit der die Torgauer Gemeinde am 5. Oktober der Einweihung der Schlosskapelle durch Martin Luther im Jahr 1544 gedachte.

Die Frauen hatten in Vorträgen skizziert, dass sich Christen und Kirche politisch einmischen dürfen und sollen. Die Landesbischöfin wertete die Erfahrung der Kirchentage auf dem Weg aus, bei denen Menschen vor allem zu den kostenlosen Angeboten unter freiem Himmel kamen. Verkündigung müsse durch alle geschehen, nicht nur durch die Hauptamtlichen, und mit neuen Formen, schlussfolgerte sie.

Wie jedoch soll das Neue – das Herausgehen aus den Kirchen auf die Straßen und Plätze – mit immer weniger Personal gelingen? »Die Kirche ist in der Krise! Luther würde missionieren«, sagte ein Zuhörer. Ein anderer kritisierte, er sei im Gottesdienst nicht als Mitgestalter gefragt.

Weder Staats- noch Volkskirche

»Ja, wir sind am Ende mit unseren Modellen und Vorstellungen, wie Kirche und Gemeinde sein soll. Das ist die Krise der Kirche – seit hundert Jahren. Wir sind nicht mehr Staatskirche und auch nicht mehr Volkskirche«, sagte Ilse Junkermann. Wie sie mit dieser Erkenntnis umgeht, kleidete sie in Fragen: Wie kann es gelingen, dass wir Abschied nehmen von festen Gemeindebildern und neue Formen annehmen? Wie können wir den Blick weiten für das, was da ist? Offenbar möchten Menschen ihre eigenen Ideen umsetzen und nach dem Ende eines Projekts gehen können, sagte sie. »Wir brauchen neue Ideen, auch wenn es Eintagsfliegen sind«, warb sie für Mut zum Ausprobieren. Begeistert ist die Landesbischöfin vom Theaterstück »HerrInnen Käthe«, das Torgauer Gymnasiasten schrieben und aufführten. Es zeige die Gleichwertigkeit aller Menschen. Auf die Frage, wie viele der Jugendlichen konfirmiert seien, erwiderte sie trocken: »Sehen Sie, das ist Ihr altes Gemeindebild.«

Die Kirche befinde sich in einem ähnlich umwälzenden Prozess wie zur Reformationszeit. Kirche und Gemeinde müssten viel mehr von dem her gestaltet werden, was da ist und nicht nach Wunschbildern, wie es sein sollte. »Sendung ist ein offener Prozess«, sagte die Landesbischöfin in zweifelnde Gesichter.

Renate Wähnelt

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Offenheit braucht Zeit

1. September 2017 von redaktionguh  
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Das große Ziel: 95 Prozent der Kirchen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sollen im Reformationsjahr offen sein, so der Wunsch der Kirchenleitung. Was ist daraus geworden?

Mehr als 4 000 Kirchen gibt es in der EKM. Und all diese Gotteshäuser sollten innerhalb des Reformationsjubiläumsjahres zu offenen Kirchen werden. So die Idee der Landeskirche. »Das Ziel, was ich angegeben habe – 95 Prozent geöffnete Kirchen Ende 2017 –, werden wir bestimmt nicht erreichen«, stellt Landesbischöfin Ilse Junkermann heute fest. Ein Fazit, das für viele Begleiter der Ini­tiative »Offene Kirchen« ernüchternd ist. Dennoch glaubt Junkermann, dass in den vergangenen Monaten ein Stein ins Rollen gekommen ist, der – auch wenn es längere Zeit brauchen wird – doch ins Ziel treffen werde. Die Zahl 95 ist für Junkermann vor allem eine symbolische: »Sie steht dafür zu sagen, dass die Mehrheit geöffnet ist«, erklärt Junkermann. Nach der neuesten Erhebung sind derzeit 1 000 Gottes­häuser in der EKM »offene Kirchen«. »Laut der Umfrage, die wir vor einem Jahr gemacht haben, waren zwölf Prozent der Kirchen geöffnet. Heute sind es mit 1 000 ein Viertel. Das bedeutet eine Verdopplung«, so Junkermann. Bis heute, so glaubt die Landesbischöfin, habe sich in den Gemeinden viel verändert, denn das Herumdrehen des Schlüssels und das Öffnen der Türen sei nicht nur ein äußerer Vorgang. Ihm entspreche eine innere Haltung, betont die Landesbischöfin.

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen.  Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin  Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen. Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Das Thema »Offene Kirchen«, so der Wunsch der Kirchenleitung, solle alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in der EKM beschäftigen. Was heißt überhaupt »offene Kirche«? Dafür haben die Kirchengemeinden unterschiedliche Antworten gefunden. Die einen öffnen 24 Stunden, andere nur im Sommer, wieder andere nur von Donnerstag bis Sonntag. Die gängige Praxis ist mit zahlreichen Kirchenältesten diskutiert worden. Denn die Kirche öffnen zu wollen, wirft praktische Fragen auf: Wer soll öffnen und wie oft? Was geschieht mit der kostbaren Ausstattung? Was passiert im Schadensfall?

Viele Gemeindeglieder hatten und haben Bedenken. Das weiß auch die Landesbischöfin. Vor allem die Befürchtung, in der Kirche könnte etwas gestohlen oder beschädigt werden, kennt sie. »Man muss Ängste ernst nehmen, man kann sie nicht zerstreuen. Es gibt die Möglichkeit einer Versicherung, auch wenn eine Entschädigung wertvolles Kunstgut nicht ersetzen kann.« Laut Junkermann wurden in der EKM in den vergangenen acht Monaten 160 Versicherungen für offene Kirchen abgeschlossen. Vandalismus und Zerstörung seien sicher schlimm, dennoch solle man sich in den Kirchengemeinden mit der Frage auseinandersetzen, was wichtiger sei: »die Botschaft und die Offenheit für andere oder unser Besitz, unser Haben?«

Mit der Botschaft Jesu Christi und geöffneten Kirchen ein Willkommensangebot auch an die senden, die bisher nicht den Weg in eine Kirche gefunden haben, das war und ist die Idee hinter den »offenen Kirchen«. Ausgangspunkt dabei sei das starke Bedürfnis vieler, in einem Kirchenraum still zu werden, innezuhalten und in dieser besonderen Atmosphäre den Weg zu sich und zu Gott zu suchen. Dieses Bedürfnis hätten Gläubige wie Nichtgläubige, ist sich die Landesbischöfin sicher. Und während Kirchenmitglieder in der Regel wüssten, wo und wie sie mit Gott in Verbindung treten könnten, kann der freie Zutritt zu einer Kirche eine Brücke für Kirchenferne sein.

Die Landesbischöfin bekräftigt: »Die Botschaft einer verschlossenen Tür kommt an. Ich denke, dass sich viele Kirchenälteste dessen gar nicht bewusst sind, dass es sich hier um eine negative Botschaft handelt.« Die Kirchen öffnen und mit niederschwelligen Angeboten die Menschen einladen, das müsse das Ziel für die Zukunft sein. In diesem Jahr sei aber auch die Erkenntnis gewachsen, dass dieses Ziel nicht in kurzer Zeit erreichbar sein wird.

Diana Steinbauer

www.ekmd.de/service/offenekirchen

Schlechte Verlierer?

17. Juli 2017 von redaktionguh  
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»Sie kündigen uns – wir kündigen Ihnen« – Mit diesen Worten teilte ein Landwirt aus dem Kirchenkreis Gotha der Landesbischöfin im Mai erbost den Kirchenaustritt seiner gesamten Familie mit. Was war geschehen?

Familie Selz, die im Kirchenkreis Gotha breite Flächen Ackerland bewirtschaftet, hat auch von der Kirche Land gepachtet. Nun bewarb sich der Ökobetrieb um eine Verlängerung der Nutzungsrechte für verschiedene Flurstücke in Gotha-Siebleben. Die Familie führte bei der Bewerbung ihre Erfahrung als Landwirte und bisherige Pächter, den von ihnen betriebenen ökologischen Anbau, ihre Ortsansässigkeit und ihre Kirchenmitgliedschaft ins Feld und bot den geforderten Mindestpachtzins. Doch neben den Betreibern des Ökohofes Selz gab es fünf weitere Bewerber.

Hans Selz bekam den Zuschlag nicht. Damit hatten er und seine Familie nicht gerechnet. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, erfüllten sie doch fast alle der erfragten Kriterien. Selz wirft der Kirche vor, nur nach dem Preis gegangen zu sein. »Da unsere Familie im Betrieb, wie es uns die Kirche vormacht, auch wirtschaftlich denken muss, haben wir das gleichermaßen gehandhabt. Sie kündigen uns, wir kündigen Ihnen«, heißt es in dem Schreiben an Landesbischöfin Ilse Junkermann, das »Glaube + Heimat« vorliegt.

Erntezeit: Kirchenland ist begehrt. Etwa drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in ­Mitteldeutschland gehört den evangelischen Kirchen. Die ­Verpachtung des Landes bringt Geld, aber manchmal auch ­Ärger. – Foto: ValentinValkov – stock.adobe.com

Erntezeit: Kirchenland ist begehrt. Etwa drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in ­Mitteldeutschland gehört den evangelischen Kirchen. Die ­Verpachtung des Landes bringt Geld, aber manchmal auch ­Ärger. – Foto: ValentinValkov – stock.adobe.com

Selz wirft der Kirche vor, im Verfahren befangen gewesen zu sein, habe doch jetzt ein Bewerber den Zuschlag erhalten, der zum einen mehr geboten habe, aber auch aktives Mitglied der Synode sei. »Wir denken, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche enormen Schaden durch solches Tun erleidet«, heißt es in dem Schreiben.

Bernd Hänel, Amtsleiter des Kreiskirchenamtes Gotha und mit dem Fall betraut, hat Verständnis für die Enttäuschung. Dennoch stellt er fest, dass sich das Kreiskirchenamt klar an die Vergabekriterien gehalten habe. »Wenn ein Pachtvergabeverfahren eingeführt ist, dann ist eben ein Wettbewerb eröffnet«, so Hänel. Er schildert, dass sich unter den fünf Bewerbern zwei herausbildeten, Familie Selz und der neue Pächter. Nach allen Kriterien habe zwischen beiden, was die Voraussetzungen und auch das kirchliche Engagement anbelangt, Gleichstand geherrscht. Am Ende entschied der Preis. Das hat für Hänel nichts Anrüchiges: »Landwirte sind Wirtschaftsfachleute und sie wissen, dass der Preis entscheidet.«

Es werde darauf geachtet, dass ein Landwirt nicht mehr als 30 bis 40 Prozent Kirchenland bewirtschafte, so Hänel. Außerdem werde geprüft, ob sich für den unterlegenen Bieter eine existenzgefährdende Situation ergebe. Dies sei im Fall Selz eindeutig nicht der Fall. Das betont auch Konsistorialrat Diethard Brandt vom Dezernat Grundstücke der EKM. Er spricht von einer »ganz bitteren Erfahrung für alle Seiten«. Für Selz, der auf einen Teil seiner zu bewirtschafteten Fläche verzichten müsse, aber auch für die Kirche, die auf einen Schlag fünf engagierte Mitglieder verloren habe. Brandt widersprach der Darstellung, es läge hier Willkür seitens der Kirche vor. Es habe keine Kündigung und auch keine Wegnahme des Landes gegeben. Die Verlängerung oder auch Nichtverlängerung einer Pacht sei Teil eines ganz normalen Verfahrens, das als besonders fair prämiert wurde. So empfehle beispielsweise der Städtebund Sachsen-Anhalt das Pachtverfahren der EKM seinen Kommunen.

Das angewandte wettbewerbsoffene Verfahren soll dem fairen Wettbewerb dienen, die Wirtschaftlichkeit fördern, transparent und diskriminierungsfrei sein, Interessenkollisionen und Befangenheit ausschließen und effektiv sein. Bei der Begutachtung der Bewerber, so heißt es, »muss in besonderer Weise darauf geachtet werden, dass es bei der Pachtvergabe im Bereich der EKM nicht um die reine Optimierung der Vermögensverwaltung geht, sondern in welchem Umfang die sozialen und kirchlichen Gesichtspunkte ausgewogen Berücksichtigung gefunden haben«. Das bisherige Verfahren und auch die ab Oktober neu angewendeten Kriterien seien gerecht, dennoch existiere ein gewisser Grundkonflikt, so Brandt.

Die Kirche wird oft über ihre Flächen wahrgenommen. Es ist der Landbesitz, mit dem Gemeinden und Pfarreien ausgestattet sind. Sie prägen das Bild von Kirche unweigerlich, und das schon seit Jahrhunderten. »Grund und Boden sind uns anvertrautes Schöpfungsgut«, erklärt Diethard Brandt. »Deshalb darf man nicht nur nach dem Preis gehen, aber es geht auch nicht, dass Geld gar keine Rolle spiele«, so Brandt. Denn Fakt ist, dass circa zwölf Prozent der Ausgaben im landeskirchlichen Haushalt allein durch die Einnahmen aus kirchlichem Grundbesitz gedeckt werden. Ein Großteil dieser Einnahmen ist für die Personalkosten in der EKM bestimmt. Ein wichtiger Baustein, auf den die EKM angewiesen ist, und zwar stärker als andere Landeskirchen, deren Kirchensteuereinnahmen um ein Vielfaches höher sind als hierzulande.

Daraus ergibt sich, was auch der Konflikt mit Familie Selz andeutet: ein Spagat zwischen dem Auftrag der kirchlichen Verwaltung und der gesellschaftlichen Erwartung. Das Pachtverfahren der EKM hatte in seiner derzeitigen Form 25 Jahre Bestand. Die Landessynode hat es in einer Evaluation neu bewertet und verbessert. Im Oktober sollen die neuen Richtlinien in Kraft treten. Die Synodalen haben sich in ihrer Bewertung ganz klar gegen den Schutz von Altpächtern ausgesprochen.

Diana Steinbauer

»Ich hänge nicht an Zahlen«

12. Juni 2017 von redaktionguh  
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Gesprächsbedarf: Im Reformationsjahr jagt ein Ereignis das nächste. Die Landesbischöfin der Lutherländer muss da allgegenwärtig sein. Für ein Gespräch mit Renate Wähnelt von der Kirchenzeitung hat Ilse Junkermann noch einen Termin im vollen Kalender freigeräumt.

Reformation geht weiter – so heißt der Slogan der EKM. Welche nachhaltigen Effekte erhoffen Sie sich vom Reformationsjahr und wo werden für Sie bereits Auswirkungen für die Kirchengemeinden sichtbar?
Junkermann:
Viele Gemeinden und Kirchenkreise haben wunderbare Ausstellungen, Theaterstücke und vieles mehr über ihre örtliche Reformationsgeschichte geschaffen. Zahlreiche Gäste sind gekommen, sodass viele ihren Ort mit den Augen der Gäste sehen lernen und stolz auf ihre Geschichte sind. Bei der Vorbereitung der Kirchentage haben sehr unterschiedliche Menschen zusammengearbeitet.

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Ich bin sicher, dabei sind viele Fäden aus der Kirche heraus in die Gesellschaft, in das Gemeinwesen vor Ort hinein, gesponnen worden. Diese Entwicklung kann sich als nachhaltig erweisen. Und ich hoffe, dass wir sprachfähig werden im Glauben. Dass ich sagen kann, was Glauben mir bedeutet und mit mir macht.

Denken Sie, dass so der Mitgliederschwund gestoppt werden kann? Die Mitgliederzahlen in der EKM sind seit der Fusion von 1,1 Millionen auf 750 000 zurückgegangen. Finden Sie sich damit ab?
Junkermann:
Propst Kasparick hat immer wieder betont, dass wir nicht weniger werden, sondern mehr. Er hatte recht. Allerdings nicht mehr Mitglieder und Kirchensteuerzahler. Doch mehr Menschen kommen zu uns und arbeiten mit, in den Chören, bei der Flüchtlingsarbeit, an den Tafeln. Dort wird gemeinsam Christsein gelebt – auch von vielen ohne Kirchenmitgliedschaft. Das stellt uns vor die Frage, ob wir uns in erster Linie als einen Verein mit zahlenden Mitgliedern verstehen. Oder ob es vorrangig ist, Menschen auf dem Weg zu Glauben und Gemeinde zu begleiten, gemeinsam mit ihnen auf dem Weg zu sein.

Das klingt grundsätzlich. Was bedeutet es denn?
Junkermann:
Es ist grundsätzlich. Wir sind seit bald einem Jahrhundert in einem Transformationsprozess weg von der Staatskirche. In der DDR gab es eine Entwicklung zur Verkündigungskirche und Kirche als Lerngemeinschaft, die mit der Wende erst einmal ein vorläufiges Ende gefunden hat. Jetzt sollten wir wieder daran anknüpfen.

Christsein ohne Kirchenmitgliedschaft bedeutet, dass sich Kirche sehr verändern muss.
Junkermann:
Ja! Der »Apparat Kirche« hat sich schon mit der Fusion zur EKM geändert. Wir müssen uns weiter über eine Vereinfachung der Verwaltung Gedanken machen. Im Bischofskonvent und im Landeskirchenrat diskutieren wir, ob es wirklich nötig ist, Diakoniemitarbeitern und Lehrkräften zu kündigen, wenn sie nach einer gewissen Zeit ihre Loyalität nicht durch die Taufe »beweisen« wollen. Und: Ich bin froh über die Erprobungsräume für eine andere Gemeindearbeit. Wir müssen mehr schauen, was wir weglassen können, und stärker die Gaben nutzen, die in den Gemeinden vorhanden sind.

Das hört sich so an, dass es die Ehrenamtlichen richten sollen. Gemeinden und Kirchenkreise empfinden, dass »die da oben« entscheiden.
Junkermann:
Da hat sich doch bereits viel verändert durch die Gestaltungsmöglichkeiten der Kirchenkreise bei der Finanz- und Stellenplanung. Und ja, die Lektoren und Prädikanten sind ein großer Schatz für das gottesdienstliche Leben. Doch grundsätzlich steht an, dass wir Abschied nehmen von festen Bildern, wie Gemeinde sein muss. Das macht den Blick frei, darauf, welche Schätze und Gaben in einer Gemeinde sind, was konkret vor Ort als Aufgabe für Zeugnis und Dienst vor den Füßen liegt und mit wem – auch mit Nichtmitgliedern – so Gemeinde gebaut werden kann.

In den Gemeinden werden die Seelsorger vermisst. Kommt das bei Ihnen an?
Junkermann:
Bei mir kommt ein großer Schmerz an, was nicht oder nicht mehr geht. Ich spüre eine große Sehnsucht nach Trost und Zuspruch. Wir sind mitten in einer Entwicklung, die mit Trauer verbunden ist. Doch wie trauert eine Organisation, wie gestalten und begleiten wir diesen Trauerprozess? Da ist im Unterschied zur individuellen Trauer noch fast nichts erforscht.

Aus der Seelsorge wissen wir, Kraft zu Neuem wächst daraus, dass ich Trauer zulasse, mit all ihren Begleiterscheinungen, auch der Wut und dem Schmerz. Und dass mir dabei jemand zur Seite steht und zuhört. Ich fürchte, das ist bei allen noch nicht genügend im Blick, dass das zuerst dran ist. Das brauchen wir für den Bewusstseinswandel, dass Kirche und Gemeinde nicht dort sind, wo der Pfarrer ist. Gemeinde ist da, wo ich als Christ mit anderen Christen bin. Wichtig ist doch, dass Gottes Wort in der Gemeinde lebendig ist. Die Form ist völlig offen.

Sie ermutigen also die Gemeinden, einfach zu tun, was sie für nötig halten.
Junkermann:
Bei Konventen wird häufig gefragt, was ausprobiert werden darf. Im Prinzip alles. Ich will mit den Ordinierten der letzten Jahre im Herbst Rückschau halten, welche Ideen sie haben umsetzen können und warum oder warum nicht.

Neben Ihrer Ermutigung steht Ihre Forderung, die Kirchen offen zu halten. Was ist aus der Aktion geworden – zählen Sie die offenen Kirchen?
Junkermann:
Ich hänge nicht an Zahlen. In vielen Gemeindekirchenräten wird über die Kirchenöffnung diskutiert. Es hat ein Nachdenken eingesetzt, was wir mit geschlossenen und mit offenen Kirchen verkündigen. Aber auch hier gilt, dass jede Gemeinde verantwortungsvoll entscheiden muss, was für sie wichtig und sinnvoll ist. Und damit meine ich sowohl die Kirchen- als auch die Ortsgemeinde, denn so manches Nichtmitglied freut sich über die Chance zum Innehalten oder neugierigen Schauen, wenn es keine Angst vor einer Blamage wegen vermeintlich falschem Verhalten gibt. Die Aktion ist keine Verordnung, sie hat einen
Prozess in Gang gesetzt.

Die allgemein schwindende Bindung an die Kirche …
Junkermann:
… ist übrigens ein seit dem 19. Jahrhundert stattfindender Prozess, unter anderem weil die Kirche sich zu wenig auf das Arbeitermilieu eingestellt hat …

… und wird begleitet von Austritten namhafter Menschen wie Professor Wulf Bennert, engagierter Christ seit sechs Jahrzehnten. Sein Schritt bewegte viele Menschen, wie Leserbriefe zeigen. Warum sind Sie auf seinen Brief nicht eingegangen, gab es ein Gesprächsangebot Ihrerseits?
Junkermann:
Er hat mir seinen Austritt mitgeteilt. Es ist schwer zu sprechen, wenn der Schritt bereits vollzogen ist. Professor Bennert hat auch nicht um ein Gespräch gebeten. Ich bedauere seinen Schritt, und ich bedauere, dass er den Gesprächsfaden gekappt hat. Ich habe auf seine Mitteilung auch geantwortet.

Der Umgang mit der AfD spaltet Gemeinden. Berlins Bischof Markus Dröge hält die AfD für Christen nicht wählbar. Wie stehen Sie dazu?
Junkermann:
Die AfD ist zum Teil undurchsichtig und rätselhaft, sodass ich als Wählerin nicht weiß, was ich wirklich wähle. Doch das, was ich weiß, widerspricht meinen christlichen Überzeugungen und lässt mich abraten, die AfD zu wählen. Wer sie wählt, wählt zum Beispiel einen erschreckend undemokratischen Leitungsstil wie in Sachsen-Anhalt oder einen Björn Höcke mit, der offen die Verachtung fremder Menschen propagiert. Das ist mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Grundsätzlich gebe ich jedoch keine Wahlempfehlung, sondern ermutige, überhaupt zu wählen.

Wie gehen Sie mit AfD-Mitgliedern in den Kirchengemeinden und in Gemeindekirchenräten um? Haben Sie Kenntnis von Problemen in Gemeinden?
Junkermann:
Es ist die Frage, wie wir beieinander sind mit unterschiedlichen politischen Einschätzungen. Wir wollen die Vielfalt bewahren und auch bei unterschiedlichen Überzeugungen im Gespräch bleiben. Das unterscheidet uns von einer Partei. Wir sind offen für alle, aber nicht offen für alles. Wo die Ebenbildlichkeit infrage gestellt wird, wo mit Hass gesprochen wird, dort ist eine Grenze. Wir grenzen nicht Menschen aus, aber Auffassungen, die mit dem Evangelium unvereinbar sind. In den Gemeinden soll eine Atmosphäre herrschen, in der Ängste und Sorgen geäußert werden dürfen, ohne eine Verurteilung fürchten zu müssen, wo aber das Recht und die Würde von anderen nicht in Frage gestellt werden.

Osterwort

15. April 2017 von redaktionguh  
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Aus dem Dunkel kommen sie, Maria von Magdala und die andere Maria. Wie ein Leichentuch liegt dieses Dunkel über ihnen, seit Jesus gekreuzigt wurde und gestorben ist. Erstarrt in Schreck und Trauer sind sie. Sie können nicht fassen, dass alles zu Ende sein soll, sein Leben und ihr Leben mit ihm.

Zwei von ihnen machen sich auf den Weg. Sie waren mit den anderen Jüngerinnen in Jesu Nähe geblieben – auch als er gekreuzigt wurde, auch als er starb, auch als er begraben wurde. Die Jünger flohen, einzig die Frauen waren geblieben. Während die Männer noch im Dunkel ihres Versagens, ihrer Scham und ihrer Angst verharren, machen die Frauen sich schon auf den Weg. Die Liebe zu ihm setzt sie in Bewegung. Noch einmal wollen sie ihn berühren. Den Geruch des Todes wollen sie von ihm nehmen mit wohlriechenden Ölen.

Als sie zum Grab kommen, gerät die Welt aus ihren Fugen. Die Erde bebt. Ein Engel erscheint. Die Wächter erstarren vor Angst und Furcht. Und die Frauen? Der Engel schickt sie auf den Weg, die frohe Botschaft zu verkündigen: Der Gekreuzigte ist auferstanden! Ostern setzt in Bewegung und lässt herauskommen aus dem Dunkel von Leid und Not, Versagen und Schuld.

Ostern sendet uns auf den Weg des Lebens, hin zu Menschen, denen es übel ergeht: hin zu Kranken, Flüchtlingen, Kindern in Armut, Obdachlosen. Ostern lässt wider alle Vernunft hoffen, dass das Leben stärker ist als der Tod. Frohe, bewegte Ostern wünsche ich Ihnen allen!

Ihre Landesbischöfin
Ilse Junkermann

Luther nicht verwässern

2. April 2017 von redaktionguh  
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Das Reformationsjubiläum in diesem Jahr soll ein Christusfest werden; die Erinnerung an Martin Luthers legendären Thesenanschlag vor 500 Jahren soll ein Zeichen der Ökumene sein. Mit diesen Zielen sind die Organisatoren aus der evangelischen Kirche angetreten. Und die Katholiken ziehen mit. Ein ökumenischer Versöhnungsgottesdienst mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und dem katholischen Bischof Ulrich Neymeyr am Sonntag im Kloster Volkenroda zeugte davon.

Aber passen Luther und Ökumene zusammen? Eigentlich ja, denn Luther wollte die christliche Kirche nicht spalten. Andererseits nein, denn seine Erkenntnisse von Gottes Gnade, der Freiheit eines Christenmenschen, dem Sakramentsverständnis sowie der Fehlbarkeit des Papstes müssen unverwässert bewahrt bleiben – solange wir uns noch evangelisch-lutherische Kirche nennen wollen.

Wenn nun namhafte Theologen ihre Kritik an der EKD äußern, das Reformationsjubiläum im Zeichen der Ökumene zu verwässern, dann lässt das aufhorchen. Wir dürfen in diesem Jahr die Vielfalt christlicher Kirchen feiern, die Luther ermöglicht hat. Wir dürfen feiern, dass wir trotzdem eine Familie sind, auf Christus bezogen.

Diesen Familiengedanken leben gerade auch viele Kirchengemeinden. Denn Lutheraner nutzen dieses Jahr für vertiefte Beziehungen zu ihren katholischen Nachbarn, laden sie zu Themen in die Gemeinde ein oder diskutieren im Kirchenvorstand mit ihnen. Das ist gelebte Ökumene, Miteinander statt Nebeneinander, das uns gut tut – auch im 500. Jahr der Reformation. Aber vergessen wir dabei nicht, was der Anlass für dieses Jubiläum ist!

Uwe Naumann

Der Autor ist Redakteur bei »Der Sonntag«, der Kirchenzeitung in Sachsen.

Zehn Diakone eingesegnet

27. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Landesbischöfin Ilse Junkermann und Diakon Hanno Roth haben am Sonntag sieben Diakoninnen und drei Diakone aus verschiedenen Landeskirchen in der Eisenacher Nikolaikirche für ihren zukünftigen Dienst eingesegnet. Die zweieinhalbjährige, berufsbegleitende Ausbildung absolvierten sie am Diakonischen Bildungsinstitut Johannes Falk (DBI) in Eisenach. Die Absolventen arbeiten beispielsweise als gemeindepädagogische Mitarbeiter, als Erzieherinnen, in der Altenpflege oder der Stadtmission und engagieren sich ehrenamtlich in unterschied­lichen Bereichen.

Als Diakone sind sie nun auch zur Verkündigung und Gottesdienstleitung sowie zum Spenden der Sakramente Taufe und Abendmahl berechtigt. Zurzeit gibt es rund 440 Diakoninnen und Diakone, die in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) eingesegnet wurden (mehr zu diesem Thema in Ausgabe Nummer 10).

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