Vom Neckar an die Elbe
4. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Unterschiedliche Traditionen zusammenzuführen gehört zum Amt der neuen EKM-Bischöfin Ilse Junkermann. Am vergangenen Sonnabend allerdings musste sie zuerst einmal die EKM-Torte teilen. (Foto: Viktoria Kühne)
Ilse Junkermann wurde erste Bischöfin der neuen mitteldeutschen Kirche.
Am vergangenen Sonnabend wurde Ilse Junkermann in Magdeburg feierlich in das Amt der ersten Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eingeführt. Ihr Büro, nur wenige Schritte vom ersten gotischen Dom Deutschlands entfernt, hat die 52-jährige Theologin bereits bezogen und den Blick auf die zwischen den Blättern der Bäume durchschimmernde Elbe schätzen gelernt.
In ihrem bisherigen Stuttgarter Arbeitszimmer lag der Neckar für Blickkontakte zu weit weg. Doch umso näher war ihr in den ersten 19 Lebensjahren die Jagst, an deren Ufer in Dörzbach der Bauernhof ihrer Eltern lag. Die Landwirtschaft hinterließ nicht nur eine biografische Spur, die Pfarrerin sieht in ihr durchaus auch Parallelen zum Alltag von Kirchengemeinden. Da sei zum Beispiel »diese selbstverständliche Mitarbeit« aller Familienangehörigen, »da kommt es auf jeden Einzelnen an«, sagt die geschiedene Mutter eines 18-jährigen Sohnes. Weitere wichtige Erfahrungen seien die »Einheit von Leben und Arbeit« gewesen, aber auch, die Natur anzunehmen, wie sie ist.
Ihrem Theologiestudium in Tübingen und Göttingen folgte 1987 eine Rückkehr aufs Land mit einem Pfarrdienst in kleinen Orten am Neckar sowie in Stuttgart. Junkermann wurde dann 1994 Studienleiterin im Pfarrseminar in Stuttgart-Birkach. Drei Jahre später erhielt sie eine Berufung in die Kirchenleitung, in der sie als Oberkirchenrätin dem Dezernat für Personal- und Ausbildungsfragen vorstand.
Die Übernahme der Dezernatsleitung habe sie nicht angestrebt – die Anfrage dazu kam überraschend, genauso wie für das Bischofsamt auch«, erinnert sie sich. Ohnehin wollte sie nach einer gewissen Zeit wieder zurück in den Pfarrdienst. Nun hat sie mit ihrem Amt auch die erste Predigtstelle im Magdeburger Dom inne.
Als Bischöfin zähle sie zu ihren wichtigsten Aufgaben die Frage, »welches Bild vom Menschen unser Handeln in Kirche und Gesellschaft bestimmt«. Unterschiede zwischen den alten und den 1990 hinzugekommenen Bundesländern gelten dabei für sie nicht: »In Ost wie in West herrscht das drängende Thema vor: Ist der Mensch nur etwas wert, wenn er etwas leisten kann?« Das betreffe vor allem die immer älter werdende Bevölkerung und die hohe Arbeitslosigkeit.
Zudem stehen der Kampf gegen Rechtsextremismus als gesamtdeutsches Problem sowie die Stärkung der Demokratie für sie im Mittelpunkt. Engagieren will sie sich auch beim Erhalt von Natur und Umwelt. Allerdings, so räumt sie ein, sei es mitunter eine schwierige Gratwanderung zwischen der Nutzung und dem Schutz der Natur.
In der neuen Landeskirche will sich Junkermann vor allem der Integration der verschiedenen Traditionen widmen. Dabei müsse deutlich gemacht werden, »dass Unterschiedlichkeit Reichtum ist und keine Last«. Die mitteldeutsche Kirche, zu der sich zu Jahresbeginn die Thüringer Landeskirche und die Kirchenprovinz Sachsen zusammengeschlossen hatten, zählt zwischen der Altmark in Sachsen-Anhalt und Südthüringen rund 900000 Mitglieder.
Im vergangenen Sommer, als es Andeutungen gab, dass sie für eine Kandidatur angefragt werden könnte, ist Ilse Junkermann nach Magdeburg gefahren. Sie wollte ganz allein die Frage klären, ob ein Leben in der Stadt für sie überhaupt vorstellbar wäre. »Die Antwort war eindeutig Ja. Und nun freue ich mich darauf!«
Karsten Wiedener (epd)
Hohe Erwartungen
4. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Sie wurde nicht nur in einem feierlichen Gottesdienst ins Amt gesetzt, sondern sie hat sich auch selbst gut eingeführt. »Die ist mutig«, raunte eine Besucherin während der Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann, als diese auf charmante Art den »Typen« – denen aus der Kirchenprovinz Sachsen und denen aus Thüringen – den Spiegel vorhielt. Es scheint, dass Ilse Junkermann keine Angst vor heißen Eisen hat. Und das ist gut so. Denn die Erwartungen an eine klare Linie und an die Fähigkeit, die neue Kirche zusammenzuführen, sind groß. Sie hat die Gemeinden auf einem riesigen Territorium kennenzulernen und Präsenz zu zeigen. Und sie muss mit den Vorurteilen umgehen. Die Unterschiede der Regionen kann man nicht wegreden. Sie gehören zur Buntheit der mitteldeutschen Kirche, deren Oberhirtin Ilse Junkermann nun ist.
Für sie bedeutet das neue Amt: genau hinhören, Ängste ernst nehmen und Mut machen zu unkonventionellen Lösungen und zum Annehmen der jeweils anderen Teilkirche mit ihrer Geschichte, ihren Stärken und Schwächen. Für die Menschen in der EKM heißt es: als mündige Christen agieren und offen sagen, wo der Schuh drückt. Es bedeutet auch: sich engagieren und nicht abwarten, was »die da oben« entscheiden. »Wir sind die Kirche« und tragen ebenso Verantwortung dafür, was in den Gemeinden geschieht oder eben nicht geschieht.
Aus den Stimmen im Magdeburger Domgarten war nach der Amtseinführung viel Zuversicht zu hören, dass sie die richtige Bischöfin für die anstehenden Aufgaben sein könnte. Sie selbst hat in ihrer Antrittspredigt hierfür die Strategie genannt, nämlich dass »Frömmigkeit und Gelassenheit zusammengehören«. Mut wird Ilse Junkermann tatsächlich brauchen, denn von Salzwedel bis Sonneberg, von Arenshausen bis Lauchhammer wird man jeden ihrer Schritt beobachten und manche Worte auf die Goldwaage legen.
Dietlind Steinhöfel

Einführung von Landesbischöfin Ilse Junkermann (Fotos: Viktoria Kühne)
Bischofseinführung Ilse Junkermann
4. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Sie ist die erste Frau an der Spitze einer ostdeutschen Landeskirche: Ilse Junkermann. Mit dem Amtsantritt der 52-jährigen Theologin aus Württemberg beginnt auch für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) eine neue Zeitrechnung.
Die entscheidende Frage vor der Einführung stellt der bayrische Bischof Johannes Friedrich, leitender Geistlicher der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). »Liebe Schwester Ilse Junkermann, bist du bereit, den Dienst als der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zu übernehmen, mit der Synode und allen, die in der Kirche Dienst tun, zusammenzuarbeiten und deinen Dienst so auszuüben, wie du es in deiner Ordination versprochen hast zur Ehre Gottes und zum Wohl der Kirche Jesu Christi?« »Ja, mit Gottes Hilfe«, antwortet die neue Bischöfin sichtlich bewegt. Zuvor hat der badische Landesbischof Ulrich Fischer, Vorsitzender der Union Evangelischer Kirchen (UEK), auf eine Zäsur hingewiesen. Erstmals stehe nun eine Frau an der Spitze einer ostdeutschen Landeskirche.
Zur feierlichen Einführung der bisherigen Stuttgarter Oberkirchenrätin in ihr neues Amt sind am 29. August mehr als 1200 Menschen in den Magdeburger Dom gekommen. Alles, was in der Kirche Rang und Namen hat, ist dabei: die Spitzen der EKD-Gliedkirchen und Gäste aus der Ökumene ebenso wie die beiden Altbischöfe Axel Noack und Christoph Kähler, dazu zahlreiche Prominente aus Politik und Gesellschaft. »Es passiert ja nicht alle Tage, dass eine Bischöfin eingeführt wird«, kommentiert ein Gast das Geschehen. Beeindruckt sind die Gottesdienstbesucher aber auch von der Atmosphäre im Dom, angefangen vom Einzug über die Einsegnung bis hin zur musikalischen Gestaltung durch drei Chöre und den Auswahlchor des Posaunenwerkes.
Dass die neue Frau an der Spitze der noch jungen EKM die Aufgabe gern übernimmt und sich nicht scheut, auch heiße Eisen anzupacken, wird bereits in ihrer Predigt über das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner deutlich. So warnt Ilse Junkermann einerseits vor einer Frömmigkeit, die leicht in eine heuchlerische Überheblichkeit kippen könne, und fragt, »wie wir mit unserer Frömmigkeit in die säkularisierte Gesellschaft Mitteldeutschlands gehen«.
Zugleich greift sie die aktuelle Situation in der aus der Thüringer Landeskirche und der Kirchenprovinz Sachsen entstandenen EKM auf und macht den Menschen Mut, die Unterschiede nicht nur in »groben Strichen« wahrzunehmen. Die beiden nunmehr vereinigten Landeskirchen hätten mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick erscheine, betont die Bischöfin. Bei den Zuhörern im Dom stößt der nachdenkliche und offene Ton durchaus auf Zustimmung. »Wir hoffen, dass sie gut einsteigt, und wünschen, dass ihr die ganze Zusammenführung gelingt«, sagt Christine Brünner aus Bad Sulza, die mit einer Gemeindegruppe nach Magdeburg gekommen ist.
Beifall gibt es schließlich auch beim Festempfang im Domgarten, bei dem der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber den Reigen der Grußworte eröffnet. Er hebt vor allem die Verbindung der lutherischen und unierten Tradition in der neuen Landeskirche hervor, die seit Anfang des Jahres gut 900000 Christen vereint. Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz fordert die Kirche auf, ihre Botschaft so zu vermitteln, dass sie von anderen annehmbar wird, ohne Annehmlichkeiten zu versprechen. Sein Thüringer Amtskollege Bernward Müller spricht von einer »großen und verantwortungsvollen Aufgabe«, die die neue Bischöfin übernehme. In der nunmehr vereinten Kirche müssten nicht nur die Strukturen mit Leben gefüllt werden, sondern auch alle Menschen eine Heimat finden.
Für die katholische Kirche begrüßt der Magdeburger Bischof Gerhard Feige die Amtskollegin. »Als einer gesellschaftlichen Minderheit ist uns Ökumene schon lange kein Fremdwort mehr«, sagt er. Sicher müsse jede Kirche ihren eigenen Weg finden und gehen, und doch dürfte keine Kirche die anderen Christen aus dem Blick verlieren oder bewusst vernachlässigen. Persönlich wird es am Ende, als der württembergische Landesbischof Otfried July und eine kleine Delegation aus dem nordwürttembergischen Dörzbach/Jagst, dem Heimatort Ilse Junkermanns, der neuen Bischöfin alles Gute auf ihrem weiteren Weg wünschen. Die größten Lacher haben freilich die Superintendentinnen und Superintendenten auf ihrer Seite. Sie bringen der Landesbischöfin ein musikalisches Ständchen dar und bereiten sie so auf ihre Aufgaben vor. »Du merkst es schon«, heißt es dort, »du bist im Kernland der Reformation.«
Martin Hanusch






