Um Schimmels willen! – Mysteriöser Pilzbefall an Orgeln

11. September 2017 von redaktionguh  
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Vor zwei Jahren ist in der EKM eine Online-Umfrage zum Schimmelbefall an historischen und neuen Orgeln gestartet worden. Bei der Befragung ging es zum einen um die Gefährdung der Instrumente, aber auch um gesundheitliche Risiken. Über das Ergebnis sprach Michael von Hintzenstern mit Christoph Zimmermann, dem Orgelreferenten im Landeskirchenamt.

Ungefährlich: Was wie Staub aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schimmelpilz, von dem aber keine Gefahr ausgehen soll.  Foto: Christoph Zimmermann

Ungefährlich: Was wie Staub aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schimmelpilz, von dem aber keine Gefahr ausgehen soll. Foto: Christoph Zimmermann

Wie viele Gemeinden haben sich beteilig und welche Ergebnisse konnten ermittelt werden?
Zimmermann:
Unser Online-Fragebogen wurde für ca. 400 Instrumente aus den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ausgefüllt. Das hat unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen und freut uns sehr. Es handelt sich dabei um Instrumente mit und ohne Schimmelbefall. Die Umfrage war Teil eines durch die EKM initiierten Forschungsprojektes zu den Ursachen des zugenommenen Schimmelbefalls an Orgeln. Im Ergebnis dieser Befragung wurden etwa 50 Orgeln besichtigt und untersucht. Daraus wurden noch einmal 20 Instrumente für eine vertiefte Untersuchung ausgewählt. Ziel des Forschungsprojektes ist zunächst die Untersuchung der Ursachen für diesen Befall.

Welche Ursachen gibt es?
Zimmermann:
Klar ist, dass die Klimaverhältnisse in der Kirche und speziell in der Orgel eine große Rolle spielen. Wieweit auch die Beschichtungen auf den Oberflächen eine Rolle spielen, ist noch nicht abschließend geklärt.

Was sollen Kirchengemeinden unternehmen, deren Orgeln von Pilzen befallen sind?
Zimmermann:
Grundsätzlich sind die zuständigen Orgelsachverständigen erste Ansprechpartner zu den Fragen der Orgel. Unser Forschungsprojekt ist noch nicht abgeschlossen. Wir empfehlen zunächst, möglichst keine Eingriffe (Reinigung nur wegen Pilzbefall, Behandlung mit Fungiziden o.ä.) vorzunehmen, sondern die Projektergebnisse abzuwarten. Sinnvoll ist aber, geeichte Messgeräte (Datenlogger) in den betroffenen Instrumenten und Kirchenräumen auszulegen. Die Temperatur- und Feuchtedaten von wenigstens einem Jahr sind für eine Bewertung der örtlichen Klimasituation sehr hilfreich.

Kann man nach dem jetzigen Forschungsstand gesundheitliche Gefährdungen ausschließen?
Zimmermann:
Es hat sich bei unseren untersuchten Instrumenten herausgestellt, dass fast ausschließlich Pilze der Aspergillus-glaucus-Gruppe anzutreffen sind. Von diesen geht im Normalfall keine Gesundheitsgefahr aus. Auch wirken sie nicht holzzerstörend. Bei einer anstehenden Reinigung durch Fachleute sollten diese sich trotzdem mit entsprechendem Schutz ausrüsten, um im Einzelfall eine mögliche allergische Reaktion auszuschließen.

Wie soll in Zukunft – auch bei Baumaßnahmen – mit drohendem Pilzbefall umgegangen werden?
Zimmermann:
Im November findet im Rahmen des Forschungsprojektes ein Kolloquium in Erfurt statt. Dabei werden die bis dahin ausgewerteten Ergebnisse Orgelsachverständigen, Orgelbauern und Kirchenbaureferenten vorgestellt und diskutiert. Dies wird uns hoffentlich in einigen Punkten Klarheit bringen und die Grundlage sein, auf der wir in einem Folgeprojekt auf konkrete Handlungsmuster hoffen.

Immer wieder alles auf Anfang

22. April 2017 von redaktionguh  
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Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

1. Petrus 1, Vers 3

Vom Weiß des Stoffes war beinahe nichts mehr zu erkennen. Sie hatten sie eingelebt, ihre Taufkleider. Die Täuflinge, die in der Alten Kirche in der Osternacht getauft wurden, trugen die ganze Woche das Gewand der wiedergeborenen Hoffnung. Am Sonntag »Quasimodogeniti« gingen sie nun wieder darin zum Gottesdienst: vorbereitet mit der Taufe, verbunden mit dem Leben. Die erste Woche danach. Was mag alles in den Fasern des Stoffes hängengeblieben sein? Der Staub der Straße? Sicher. Der Schweiß der Arbeit? Sehr wahrscheinlich. Die Abdrücke liebevoller Umarmungen und stürmischer Begrüßungen? Hoffentlich. Der Tropfen Wehmut über das erste Scheitern nach dem Erlöstsein? Auch der gehört dazu … Eingelebt eben.

Quasimodogeniti: Wie die neugeborenen Kinder. Der Gottesdienst am Sonntag nach der Taufe weist auf den Anfang. Immer wieder alles auf Anfang. Seid wie die Kinder: wieder und wieder Anfänger. Lasst den Glauben in euch wachsen, nehmt zu in der Hoffnung, lasst euch seine Barmherzigkeit einfach gefallen. Fragt nicht nach dem Tod, lebt vielmehr mit IHM!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Nein, keine Romantisierung des Kindlichen, keine Überhöhung, keine Niedlichkeiten lese ich hier. Vorbild sind sie, die Kinder, in ihrem Anfangen, ihrem Neubeginn. Der Petrusbrief malt dieses Bild förmlich vor unsere Augen: »Die Milch des Anfangs, zu der kehrt immer wieder zurück. Stärkt damit euern Glauben.« Das Neugeborene als Vorbild für das gierige Trinken der guten Anfangsspeise – wer in das Gesicht eines gerade sattgetrunkenen Säuglings blickt, der selig einschläft, weiß, was der Briefschreiber meint. Ostern erinnert uns daran: Kein Kleid ist zu eingelebt, zu verschmutzt, zu zerrissen, zu verbraucht – die Taufe setzt alles auf Anfang. Jeder Sonntag trägt die Chance eines solchen Taufgedächtnisses wie ein Taufkleid in sich: Wiedergeborensein zu einer lebendigen Hoffnung. Heute. Gott sei Dank!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt

Die Schlüsselfrage ist geklärt: Der Himmel steht offen

16. April 2017 von redaktionguh  
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Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 1, Vers 18

Der Schlüssel ist übergroß, sein geschmiedeter Bart wird durch ein Kreuz geziert. Wer den Schlüssel in die Hand bekommt, weiß sofort: Hiermit kann nur eine Kirchentür geöffnet werden. Die mächtige Holztür knarzt beim Schließen. Ich lausche auf das Geräusch des Schlüssels im altertümlichen Schloss. »Ach, wie schön«, sage ich zum neben mir stehenden Küster, »noch keine Schließanlage, deren Schlüssel sich an meinem Bund von keinem einer Bürotür unterscheidet!« Der Mann schmunzelt »Braucht es auch nicht, Frau Pfarrer, solch ein Schloss ist schwerer zu knacken als ein Sicherheitsschloss. Die Alten haben gewusst, was sie taten!« Er hält mir die Tür auf und vergräbt den Schlüssel wieder tief in seiner Manteltasche. Sicher ist sicher.

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Die Schlüsselfrage ist eine Machtfrage. Wer den Schlüssel hat, erhält ungehindert Eintritt, muss nicht andere um Erlaubnis fragen. Wer den Schlüssel hat, bestimmt, wer drin ist und wer draußen bleiben muss. Wer den Schlüssel hat, kann einsperren und befreien.

Zu Ostern wird die Schlüsselfrage ein für alle Mal geklärt: Er, der Christus Gottes, überlebt den Tod und geht durch die Hölle. Den Schlüssel hält er fest in seiner Hand. »Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?« singt uns das Brahms’sche Requiem aus der vagen Hoffnung der Totenmesse in die feste Gewissheit der Osternacht hinüber.

Im Buch der Heilpflanzen von Hildegard von Bingen wird die Schlüsselblume beschrieben. Sie blüht als eine der ersten Frühlingsblumen und ergießt ihr Sonnengelb zu Ostern in Wälder und über Wiesen. Hildegard beschreibt die wohltuende Wirkung der Pflanze, von der man alle Teile nutzen kann. Sie preist die Blume als Wunder der guten Schöpfung Gottes und tauft sie »Himmelschlüssel«. Mit ihren Blüten, in deren Anordnung man einen Schlüsselbund erkennen kann, erinnert sie uns daran:

Seit Ostern steht uns der Himmel offen. Die Schlüsselfrage ist geklärt!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

»Ermöglicher« – und nicht »Verhinderer«

1. August 2016 von redaktionguh  
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In entspannter Atmosphäre auf ihrem Balkon in der Erfurter Altstadt traf Willi Wild die Präsidentin des Landeskirchenamtes, Brigitte Andrae, zum Gespräch. Es ging dabei um aktuelle Herausforderungen, Kritik aus den Kirchengemeinden und Perspektiven.

Das Landeskirchenamt ist mitten in Erfurt und Sie wohnen unweit des Domplatzes. Was bekommen Sie von den Demonstrationen am Dom mit und was bewegt Sie dabei?
Andrae:
Auf meinem Nachhauseweg komme ich am Domplatz vorbei. Den Mittwochs-Demonstrationen kann ich da gar nicht entgehen. Ich finde die Polarisierung in der Stadt und insgesamt in der Gesellschaft erschreckend, auch wenn die Zahl der Demonstranten zurückgegangen ist. Natürlich bewegt mich die Frage, wie wir die Menschen, die zu uns gekommen sind, integrieren können.

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Mein Mann und ich gehören zum Unterstützerkreis der Begegnungsstätte »Café Paul« in der Predigergemeinde. Dort treffen sich Menschen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak. Das sind erst mal ganz einfache Begegnungen. Ich lerne aber dabei sehr viel über die Menschen und habe plötzlich ein ganz konkretes Bild über die Lebenswirklichkeit von Mustafa und Maarouf. Aber auch sie erfahren etwas über mich.

Wie begegnen Sie auf der anderen Seite Menschen, die Angst vor Überfremdung haben und das christliche Abendland in Gefahr sehen?
Andrae:
Sicher gibt es in unserer Kirche Menschen, die solche Ängste haben. Grundsätzlich müssen wir als Kirche die Ängste vor dem Fremden oder die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ernst nehmen. Was wir derzeit an Gewalt, Krieg und Zerstörung von Lebensgrundlagen erleben, verursacht Ängste. Da nehme ich mich gar nicht aus. Es ist wichtig, eine Gesprächsbasis zu finden.

Was bedeutet das im Umgang mit anderen Religionen?
Andrae:
Da bin ich Lernende. Ich merke immer wieder, wie wenig ich über andere Kulturen, andere Religionen und die Lebenswelten anderer weiß. In der Begegnung wächst mein Verständnis. Ich bin ein offener Mensch und empfinde Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern als Bereicherung. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass mein Arbeitsplatz nicht in Gefahr ist und dass die Flüchtlinge für mich keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sind. Deshalb kann ich mir kein Urteil über Menschen erlauben, die ihre Existenz bedroht sehen.

Seit fünf Jahren ist das Landeskirchenamt der EKM jetzt in Erfurt im Collegium maius mitten in der Altstadt. Welche Verbindung haben Sie als Kirchenbehörde zur Stadt?
Andrae:
Eine enge Verbindung habe ich von Anfang an angestrebt. Dem Ort, dem Collegium maius, der alten Erfurter Universität mit Martin Luther als berühmtesten Schüler und Lehrer, fühlen wir uns verpflichtet. So oft es möglich ist, öffnen wir unser Haus für Veranstaltungen. Die »Collegium-maius-Abende« werden gut angenommen. Wir wollen unser Haus öffnen und wir wollen den gesellschaftlichen Diskurs. Für mich ist die Kunst im Landeskirchenamt ganz wichtig. Regelmäßig organisieren wir Ausstellungen und laden ein zur Teilnahme an unseren geistlichen Angeboten, den Morgengebeten und mittwochs zum Mittagsgebet in der Michaeliskirche, gegenüber dem Landeskirchenamt.

Viele Mitarbeitende im Landeskirchenamt engagieren sich ehrenamtlich. Wir haben im Haus für Flüchtlinge gesammelt oder die Arbeit der Stadtmission unterstützt.

Sie wollen erstmals die Öffentlichkeit ins Landeskirchenamt einladen. Was haben Sie vor?
Andrae:
Am 10. September von 10 bis 14 Uhr gibt es einen »Tag der offenen Tür«. Wir wollen unsere Arbeitsbereiche vorstellen und Menschen einladen, mit uns ins Gespräch zu kommen. Ein Angebot, das weit über Erfurt hinausgeht. Kirchengemeinden und Mitarbeitende sind eingeladen, ihr Landeskirchenamt zu besuchen, um beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit der EKM kennenzulernen oder sich über das EKM-Projekt zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen zu informieren. Aber auch Fragen nach der Funktionsweise unseres Finanzsystems in der EKM werden fachkundig beantwortet. Ich möchte die Kirchengemeinden ermuntern, die Möglichkeit für einen Gemeindeausflug zu nutzen.

Das Verständnis für die Arbeit und die Arbeitsweise des Landeskirchenamtes scheint an der Basis nicht sehr ausgeprägt. Angesichts von Strukturreformen, Stellenkürzungen oder der Zusammenlegung von Kirchengemeinden wächst der Unmut. Viele fragen sich, wohin soll die Reise gehen? Was ist das Ziel?
Andrae:
Die Frage nach dem Ziel ist eine gemeinsame und vor allem eine geistliche Frage, die alle Ebenen unserer Landeskirche betrifft. Die Rahmenbedingungen für die kirchliche Arbeit haben sich, auch im gesellschaftlichen Kontext, in den letzten Jahren erheblich verändert. Ich sehe die zentrale Funktion des Landeskirchenamtes darin, unter den geänderten Rahmenbedingungen das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Gemeinden zu ermöglichen und zu gewährleisten. Wir wollen »Ermöglicher« und nicht »Verhinderer« sein. So hat sich bei den Schwerpunkten der Arbeit im Landeskirchenamt einiges verändert. Unsere Aufgaben als Aufsicht gehen zurück, die der Beratung und Dienstleistung nehmen zu. Wir bieten in einigen Bereichen Spezialwissen an, das in Kreiskirchenämtern oder auf Kirchengemeindeebene so nicht vorgehalten werden kann.

ErSommerlogo GuHreicht Sie die Kritik aus den Kirchengemeinden?
Andrae:
Ja, natürlich erreicht mich die Kritik. Und ich nehme wahr, dass es unter den geänderten Rahmenbedingungen für die Gemeinden und Kirchenkreise nicht leicht ist, Schwerpunkte zu setzen oder die Arbeit in bestimmten Bereichen neu zu organisieren. Die Verantwortung liegt vor Ort. Über den Stellenplan für den Verkündigungsdienst beschließt die Kreissynode. Wie die konkrete Dienstanweisung für die Pfarrerin oder den Pfarrer aussieht, wird zwischen diesen und den Kirchengemeinden unter Beteiligung des Superintendenten ausgehandelt. Das Landeskirchenamt hat lediglich eine Rahmenanweisung erlassen, um einer Überlastung vorzubeugen. Damit wollen wir die Pfarrerinnen und Pfarrer im Verkündigungsdienst unterstützen.

Das Reformationsjubiläum wirft seine Schatten voraus. Da müssen im Landeskirchenamt der EKM große Aufgaben geschultert werden. Was ist Ihnen wichtig?
Andrae:
In erster Linie wollen wir als EKM gute Gastgeber sein. Natürlich sind wir stolz auf die vielfältigen Schätze, die wir in der EKM haben. Die schönen Kirchen, die wunderbare Kirchenmusik, die Kunst und die Menschen in unseren Kirchengemeinden. Wir wollen zeigen, dass wir eine lebendige Kirche sind, die sich – ganz im Sinne der Reformation – verändert. Das Reformationsjubiläum ist eine Chance, dass wir als EKM noch stärker unsere gemeinsame Identität finden. Wir gehören zusammen und vieles verbindet uns, ob wir in Eisenach oder in der Altmark leben.

Welche Perspektive hat Ihrer Meinung nach die EKM?
Andrae:
Eine Frage, die uns weiter beschäftigen wird: Wie kann es uns gelingen, neben dem Bewährten etwas Neues zu etablieren, in den Veränderungsprozessen, in denen wir uns befinden? Gute Traditionen erhalten und Neues ausprobieren. Ein gutes Nebeneinander von Tradition und Innovation. In den »Erprobungsräumen« nehmen missionarische Projekte einen wichtigen Platz ein. Bunte Vielfalt anstatt ausschließlich starrer Formen.

Eine zweite wichtige Frage ist, wie es uns gelingt, religiöse Themen in die Gesellschaft einzubringen. Wo erreichen wir die Lebenswirklichkeit der Menschen? Da ist Phantasie gefragt. Ich wünsche mir natürlich auch eine Kirche, die verantwortlich mit ihren Ressourcen umgeht. Und ich wünsche mir, dass man gerne in dieser Kirche arbeitet. Sei es im Haupt- oder im Ehrenamt. Wenn wir etwas von der Freude des Evangeliums ausstrahlen, fände ich das wunderbar.

Sie hatten im vergangenen Jahr einen runden Geburtstag?
Andrae:
Ach ja.
Sonne-web

Denken Sie schon über die Zeit nach dem Berufsleben nach? Und welche Ziele haben Sie, was möchten Sie bewegen?
Andrae:
Ich bin 60 geworden. Nach wie vor macht mir die Arbeit viel Freude. Die verbleibenden fünf Jahre bis zu meinem Ruhestand möchte ich nutzen, um zwei Anliegen zu befördern: Das ist zum einen die strategische Personalentwicklung für den Verwaltungsdienst in der EKM. Hier haben wir für die Entwicklung und Implementierung ein Projekt für das Landeskirchenamt und exemplarisch in drei Kreiskirchenämtern aufgelegt. Zum anderen: Wie gelingt es, das Landeskirchenamt noch stärker zukunftsfähig zu machen? Wie können wir den Erwartungen der Adressaten noch besser entsprechen? Wo setzen wir inhaltliche Schwerpunkte? Diese Fragen sind vor dem Hintergrund der Einsparungen in 2019 zu lösen. Nach jetzigem Stand sind auf der landeskirchlichen Ebene zweieinhalb bis drei Millionen Euro einzusparen.

Und das, obwohl sich die Einnahmesituation im vergangenen Jahr doch erheblich verbessert hat?
Andrae:
Die Einnahmen im Haushalt der EKM bestehen nur zu 50 Prozent aus eigenen Mitteln, der Kirchensteuer, 30 Prozent kommen aus dem EKD-Finanzausgleich und 20 Prozent sind Staatsleistungen. Trotz der Einnahmesteigerung geht die Gemeindegliederzahl kontinuierlich um jährlich zwei Prozent zurück. Bis 2025 wird es circa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahler in der EKM geben. Darauf müssen wir auf der Ausgabenseite reagieren.

Ihre Aufgabe nimmt Sie sehr in Beschlag. Gibt es da überhaupt noch ein Leben außer des Amtes?
Andrae:
Gott sei Dank! Ja.

Wobei können Sie entspannen?
Andrae:
Mein Mann und ich entspannen, wenn wir mit unseren beiden Kindern und deren Familien zusammen sind. Mit unseren beiden Enkelinnen fahren wir in den Urlaub an die Ostsee. Die Große wird elf und die Kleine ist fünf, die kommt das erste Mal mit. Wir lieben das Meer. Anschließend sind wir in Mecklenburg mit unserem alten DDR-Faltboot unterwegs.

Daneben interessiere ich mich für Kunst oder sitze gern mal gemütlich in einem Café.

Gefühle werden sichtbar

15. September 2014 von redaktionguh  
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Ausstellung im Landeskirchenamt zeigt Arbeiten aus dem Christophoruswerk Erfurt

Wer das Landeskirchenamt im Collegium maius betritt, kommt durch ein modernes Portal in ein Denkmal hinein. Das historische Gebäude ist von Glas umhüllt, bunte Farben prägen es eher nicht. Nun haben ihm Erfurter Künstler einen temporären »Farbenklang« verliehen. Seit vergangener Woche sind in der Galerie und im Treppenhaus Arbeiten von fünf Teilnehmern eines kunsttherapeutischen Projektes des Christophoruswerkes Erfurt zu sehen. Die Ausstellung gab den Auftakt zu vielfältigen Veranstaltungen in der Landeshauptstadt im Rahmen der Erfurter Denkmaltage unter dem Motto »Farben!«.

»Kunst, das ist für mich Freiheit«, schreibt Maik Jaskolowski im Gästebuch zur Ausstellung über sich. »Ich kann mich ausdrücken, ich kann selbst entscheiden, mein Bild ist, wie ich es will und es bleibt.« Ruhe und Konzentration findet er beim Malen, kann vom Alltag abschalten. Seit 2013 nutzt der 36-Jährige das kunsttherapeutische Angebot für Bewohner des Wohnheims in der Spittelgartenstraße. Es hilft geistig und körperlich behinderten Menschen, ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten für sich zu finden und sich neu zu entdecken. Viele von ihnen haben jahrelang nicht oder noch nie gemalt. »Es ist ganz erstaunlich, welche Entwicklungen wir in dieser Gruppe binnen anderthalb Jahren erleben durften«, berichtet die Kunsttherapeutin Ulrike Löber.

Die Ausstellung »Farbenklang« mit künstlerischen Arbeiten aus den Werkstätten des Erfurter Christophoruswerkes kann bis zum 28. November wochentags zwischen 10 und 16 Uhr im Collegium maius besichtigt werden. Foto: Jens-Ulrich Koch

Die Ausstellung »Farbenklang« mit künstlerischen Arbeiten aus den Werkstätten des Erfurter Christophoruswerkes kann bis zum 28. November wochentags zwischen 10 und 16 Uhr im Collegium maius besichtigt werden. Foto: Jens-Ulrich Koch

»Anfangs beispielsweise war es für die Teilnehmer ungewohnt, selber Material oder Farben auszuwählen. Inzwischen treffen sie ganz eigenständig und bewusst solche Entscheidungen – und das sind ganz wesentliche Entwicklungsschritte für sie. Sie haben gelernt, sich ihren Platz einzurichten, sind angeregt, sich zu strukturieren.«

Die Therapeutin gibt Hilfe und In­spiration, aber keine Themen oder Inhalte vor. Da das wöchentliche Malen im Atelierraum der nahen Christophorus-Schule durchgeführt wird, bedeutet das auch Abwechslung im Alltag. »Unsere kunsttherapeutische Arbeit vermittelt die Erfahrung, dass man selber aus sich heraus etwas bewirken kann«, so Löber. »Die Gruppe kommuniziert in einer ganz eigenen Weise miteinander, Gefühle und Stimmungen werden sichtbar.« Bei der Ausstellungseröffnung im Landeskirchenamt waren die Künstler dabei und konnten so ihre Bilder selbst in einer ganz anderen Atmosphäre betrachten, erzählt die Therapeutin. Ihre Arbeit wirkt sich so positiv auf das Selbstwertgefühl ihrer Schützlinge aus.

Das Christophoruswerk legt bei den ihm anvertrauten Menschen viel Wert auf die Stärkung der Persönlichkeit, erläutert Diana Steinbauer, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit. Die gemeinnützige GmbH betreut in Erfurt und Umgebung sowie in Gotha mehr als 700 Menschen, schafft Arbeits- und Beschäftigungsangebote, betreibt Werkstätten, individuelle Wohnformen, Tagesstätten, eine Förderschule sowie Beratungsdienste. Anschließend werden die Werke ihren Platz im Wohnheim finden. Dort sind die Wände in den offenen Wohnbereichen schon lange reserviert.

Katharina Hille

www.christophoruswerk.de

Veränderung geht nicht von oben

10. April 2013 von redaktionguh  
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Oberkirchenrat Christoph Hartmann geht in den Ruhestand

Den Schreibtisch im Erfurter Landeskirchenamt hat Christoph Hartmann schon geräumt. Der Oberkirchenrat und Leiter des Dezernats Gemeinde der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) feierte im März seinen 65. Geburtstag und geht nun in den Ruhestand. Der Abschied »ist so eine Mischung aus Vorfreude und einer gewissen Wehmut«, bekennt der Theologe. Zur Vorfreude gehört, mehr Zeit zu haben für die Enkel, für Freundschaften, Zeit für Kultur, auch fürs Wandern und Fahrradfahren. »Mir fällt da viel ein«, sagt er und lächelt. Vor allem aber sei er froh, nicht mehr jede Woche nach Erfurt fahren zu müssen und nur die Wochenenden in Halle zu verbringen, wo er mit seiner Frau Brigitte wohnt.

Er brachte seine Erfahrungen in den Vereinigungsprozess ein: OKR Christoph Hartmann. Foto: Dietlind Steinhöfel

Er brachte seine Erfahrungen in den Vereinigungsprozess ein: OKR Christoph Hartmann. Foto: Dietlind Steinhöfel

Er lasse jedoch auch viel zurück. Da ist das gute Team, die ausgesprochen guten Arbeitsbedingungen im Amt und vor allem manche unerledigten Sachen, die nun sein Nachfolger Christian Fuhrmann in die Hand nehmen muss.

Neun Jahre war Hartmann Gemeindedezernent der EKM, zuvor Leiter des Referats Theologie, Leitung der Kirche, Gottesdienst und Gemeindeaufbau im Magdeburger Konsistorium. Er hat viel praktische Erfahrung mit ins Amt gebracht, war als junger Pfarrer zehn Jahre in der Altmark, ­später in Halle und seit 1989 zunächst Dozent am katechetischen Seminar Wernigerode, dann Direktor des Pädagogisch-Theologischen Instituts Kloster Drübeck. Den Prozess der Vereinigung der Kirchenprovinz und der Thüringer Landeskirche hat er intensiv mitgestaltet.

Beim Prozess über Kooperation, Föderation und schließlich Fusion habe man schnell gemerkt: »Wir haben dieselben Probleme. Wir sitzen in einem Boot. Bald wurde deutlich, dass uns mehr verbindet als gedacht.« Das seien nicht nur Probleme, sondern auch die Erfahrungen aus der Zeit im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Die gelehrt hat, sich als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft zu verstehen und sich gegenseitig zu tragen.

Was Christoph Hartmann geprägt hat, sind seine Erfahrungem aus den ersten Jahren im Gemeindepfarramt. Ein Kommilitone und er suchten sich zwei Pfarrstellen in Nachbarschaft, ein dritter habe sich dazugesellt. »Das war eine richtig gute Gemeinschaft, wo wir die dörflichen Gemeinden ein ­wenig aufeinander zuführen konnten. Wir haben miteinander theologisch gearbeitet und über die Grundfragen des Dienstes diskutiert.« Das sei in den 1970er Jahren ungewöhnlich gewesen. Aus diesem Miteinander heraus prägte sich die Gewissheit: »Ich muss es nicht alleine schaffen.« Schon im Vikariat habe er erlebt, wie drei Pfarrer mit einer Kantorin und einer Katechetin die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam verantworteten.

Für Hartmann ist solches ­Mit­einander die Zukunft. Ihm macht jedoch Sorge, dass ihm hier und da müde, erschöpfte Menschen begegnen. »Hierauf müssen wir große Aufmerksamkeit verwenden«, betont er. Denn erschöpfte Menschen bekommen keine neuen Ideen. »Die Kunst wird darin bestehen, viel mehr wegzulassen, damit das, was wir tun, mit Freude und gut geschieht.« Die Kirche müsse sich aus der Kirchengemeinde und anderen Gemeindeformen her aufbauen, sie könne nicht durch Beschlüsse von oben verändert werden. Dies sei in einschlägigen Papieren, die 2002/03 in den damaligen Landes­kirchen ausgearbeitet wurden, so gesehen worden: »Gemeinde gestalten und stärken« hieß das in der Kirchenprovinz und »Beteiligungsoffene Gemeindekirche« in der Thüringer Landeskirche. Aus landeskirchlicher Sicht meinten wir mit einigem Stolz: »Jetzt haben wir mal alles schön aufgeschrieben. Alle Leute werden begeistert sein.« Doch man habe das an der Basis zwar freundlich aufgenommen, aber es hat erst einmal wenig bewirkt. »Da habe ich sehr gelernt, dass Veränderungsprozesse nicht von der Leitungsebene durchgesetzt werden können. Das funktioniert nicht.« Es müsse umgekehrt gehen. Aber das sei ein langer Prozess. In diesen kann sich Christoph Hartmann nun in seiner Heimatgemeinde einbringen.

Dietlind Steinhöfel

Verabschiedung von OKR Christoph Hartmann im Rahmen des Eröffnungsgottesdienstes der Landessynode: 11. April, 13.30 Uhr, Stadtkirche Wittenberg

Mit Scherben auf den Weg

15. Mai 2011 von redaktionguh  
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In Magdeburg und Eisenach werden die Kirchenamtsstandorte aufgelöst.
 

Der strahlende Sonnenschein in Magdeburg und Eisenach konnte nicht über den Schmerz hinwegtäuschen. Am 5. Mai nahmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kirchenamtes in Magdeburg mit einem Gottesdienst Abschied aus dem alten Gemäuer am 800-jährigen Dom; am Tag darauf sagten die Eisenacher dem Haus auf dem Pflugensberg ade. Da flossen schon mal ein paar Tränen.

Beide Gebäude haben ihre Tradition: Im Mai 1816 wurde das Magdeburger Amt als oberste Kirchenverwaltung für die preußische Provinz Sachsen eingerichtet. Die einstige Fabrikantenvilla in Eisenach wurde zwar erst 1921 Thüringer Landeskirchenamt, galt jedoch als schönster Bischofssitz Deutschlands.
 

Die bisherigen Kirchenamtsstandorte in Magdeburg und Eisenach.

Die bisherigen Kirchenamtsstandorte in Magdeburg und Eisenach.


 
Bald kommen die Umzugswagen. In der 20. Kalenderwoche nach Eisenach, in der Woche darauf rollen sie aus Magdeburg in die Thüringer Landeshauptstadt.

»Als die Entscheidung ­damals bekannt wurde, haben wir erst einmal geschluckt«, erinnern sich Annegret und Gotthard Anger. Die Mitarbeiterin der Finanzabteilung und der IT-Fachmann, der seit 1990 im Konsistorium in Magdeburg angestellt ist, nahmen den Beschluss der Föderationssynode, die Kirchenverwaltungen von Eisenach und Magdeburg in Erfurt zusammenzuführen, als »Fingerzeig« für etwas Neues. »Es wäre uns sicher schwerer gefallen, ­wären die Kinder noch klein«, sagen beide.

Da sie inzwischen erwachsen sind, wurde das Haus in Burg verkauft und eine Wohnung in Thüringen gesucht. Schmerzhafter ist da schon der ­Abschied aus der Kirchengemeinde, in der beide seit zwei Jahrzehnten verwurzelt sind. Auch wenn Angers es positiv nehmen, sehen sie klar, dass anderen der Wechsel schwerfällt.

Die Eisenacherin Rosemarie Nennstiel (62) arbeitete 35 Jahre auf dem Pflugensberg. Schon ihre Eltern waren 1966 als Hausmeister ins Landeskirchenamt gezogen. »Es schmerzt mich besonders«, bekennt sie. Nun wird die Verwaltungssekretärin noch ein Jahr nach Erfurt fahren, dann greift ihre ­Altersteilzeit. »Magdeburger und Eisenacher sind zwei Welten«, meint sie.

Angela Knötig (46) ist zuversichtlicher. »Ich kenne ja auch schon einige«, sagt die Leiterin der Schriftgutverwaltung. Und für Edward Schuchardt (38) von der Finanzabteilung ist es sogar eine Erleichterung. Er wohnt in der Nähe Erfurts. So sind die Gefühle trotz allem recht unterschiedlich.

Zudem ziehen nicht alle mit. Aus Magdeburg sind es nur 26, aus Eisenach 86. Manche gehen in den Ruhestand oder haben in anderen kirchlichen Einrichtungen Arbeit gefunden. Andere sind in den Archiven an den alten Standorten beschäftigt. Zu den insgesamt 41 Mitarbeitern, die in Magdeburg bleiben, gehören u.a. die im Büro der Landesbischöfin, im Kinder- und Jugendpfarramt und Ökumenezentrum.

Alle wurden in den Gottesdiensten einzeln gesegnet. Präsidentin Brigitte Andrae überreichte eine kleine Tonscherbe. Die kommt nicht von ungefähr: Als ­Erfurt als künftiger Standort feststand, lag wenig später ein Scherbenhaufen vor dem Haus in Magdeburg. Die ­Eisenacher bedauern, dass »Luthers liebe Stadt« den Bischofssitz verloren hat, wie die ehemalige Mitarbeiterin Anita Herrmann (74) beklagt.

Ob sich so viele Scherben kitten lassen?

Bischöfin Ilse Junkermann beantwortete die Frage in ihrer Predigt mit einem vorsichtigen Ja. Keiner sei nur ängstlich oder nur zuversichtlich. Sie erinnerte an das Psalmwort: Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Es könne Frieden werden zwischen einander widerstreitenden Gefühlen. Denn der Gott der Hoffnung sei auch ein Gott der Geduld und des Trostes. So steht die Zuversicht im Raum, dass eine gute Gemeinschaft im neuen Landeskirchenamt wachsen wird.

Dietlind Steinhöfel/Angela Stoye