Samba für die Seele

24. April 2016 von redaktionguh  
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Wohl nie gab es mehr gedruckte Noten als heute, und gleichzeitig war das Selbersingen nie so aus dem Lebensalltag verdrängt. Lassen Sie doch einen Moment die Zeitung sinken, schließen Sie die Augen und beginnen leise ein Lied zu summen, zu singen, und horchen Sie, was es in Ihnen und Ihrem Umfeld anstößt!

Viele gute Gründe sprechen dafür, die musikalischen Schätze der Kirche aus Tradition und Gegenwart singend zu pflegen und zu bewahren. Mir scheint, wir schreiben und reden darüber umso mehr, je mehr es uns abhandenkommt. Außerdem könnte es sogar sein, dass der »Musikmarkt« der ökonomisierten Wohlstandsgesellschaft gar nicht mehr das trifft, was wir gern als Gottesgeschenk preisen. Wenn Musik über Kopfhörer nicht mehr Kommunikation, sondern Isolation fördert; wenn sie derartig pusht, dass sie als eine Spielart von Gewalt erfahrbar wird; wenn sie als süßer Zuckerguss die Sinne verkleistert, anstatt Wahrnehmung zu schärfen, zu vertiefen; wenn die Klangberieselung in Kaufhäusern bis in den Fahrstuhl und die Toiletten reicht und Musik als Stimulanz missbraucht und letztlich verachtet wird. So werden wir unfähig zur Stille.

Aber jedes Ohr hat einen hohen Anspruch an Klang und kann außergewöhnlich gut differenzieren. Wenn wir hörend singen, sind wir auf einer guten und wichtigen Spur. Dabei kann ein Lied der Trauer natürlich ein Blues sein, kann Wut und Empörung berechtigt Stilmittel des Rock benutzen und ein fröhliches Lied als Samba daherkommen: Es geht nicht um die Stilrichtung, sondern darum, offenohrig zu sein, der Schwerhörigkeit der Seele zu entkommen, offen für Begegnung. Laden Sie mich doch einfach ein: <mathias.gauer@ekmd.de>

Mathias Gauer

Der Autor ist Landessingwart der EKM.

Chorsänger leben länger

24. April 2016 von redaktionguh  
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Kirchenmusik: Warum Singen glücklich macht und Kirchenchöre eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe haben

Wer zu Hause singt, schafft sich eine positive Stimmung, ergaben wissenschaftliche Untersuchungen. Und schon der Kirchenlehrer Augustinus wusste: Wer singt, betet doppelt.

Es ist keine Glaubensfrage: »Jeder Mensch kann singen, man muss es nur tun!« Ulrike Rynkowski-Neuhof lässt Ausreden nicht gelten. Die Professorin für Gesang und Stimmbildung an der Hochschule für Musik in Weimar weiß, viele Erwachsene singen nicht, weil man ihnen in der Grundschule gesagt hat, dass sie es nicht könnten. Beschämende Erfahrungen aus der Kindheit prägten oft ein Leben lang. Zudem förderten perfekt klingende Vorbilder aus der Konserve die übernommenen Annahmen. Dabei gehe es gar nicht um Perfektion und Talent, sondern darum, die eigene Stimme zu entdecken, erklärt Rynkowski-Neuhof. »Jede Stimme ist einzigartig!« Aber diese Einzigartigkeit auszuhalten, müsse man lernen. Anleitung und Training seien so wichtig wie im Sport.

Einer brummt immer – trotzdem: Erlebnis geht vor Ergebnis, das gilt auch für den gemeinsamen Gesang. Illustration: Nel/Ioan Cozacu

Einer brummt immer – trotzdem: Erlebnis geht vor Ergebnis, das gilt auch für den gemeinsamen Gesang. Illustration: Nel/Ioan Cozacu

Der Kinderlieder-Hit von Hella Heizmann bringt es auf den Punkt: »Wer nicht singen kann, der summt halt, wer nicht summen kann, der brummt halt, wer nicht brummen kann, der klatscht halt. Hauptsache, du bist dabei!« Gerade kleine Kinder profitieren von Gesangsstunden, ist die Erfahrung von Mathias Gauer, Landessingwart der EKM. Kirche ist seiner Meinung nach gut beraten, in Stimmbildung und gemeinsames Singen in den Kindergärten zu investieren. »Früher war das Singen eine allgemeine Kulturtechnik«, so Gauer. Heute werde leider in den Familien nur noch selten gesungen. Deshalb sei es wichtig, Erzieherinnen und Erziehern in der Ausbildung das kindgerechte Singen zu vermitteln. »Singen ist wie eine ansteckende Gesundheit, wenn jemand anfängt, dann singen andere mit«, ist sich der Landessingwart sicher. Singen ist erwiesenermaßen gesund. Es fördert die soziale, psychische und körperliche Fitness. Abwehrkräfte werden aktiviert, Stress abgebaut und die Sauerstoffversorgung der Organe verbessert. »Singen müsste zum normalen Lebensalltag gehören«, fordert Gauer. Wer allerdings nur aus gesundheitlichen Gründen zum Kirchenchor gehe, täte ihm leid. Singen mache Freude, vor allem in Gemeinschaft. Singen als Balsam für die Seele funktioniere bis ins hohe Alter, erlebt Ulrike Rynkowski-Neuhof, wenn sie sich mit ihrem Senioren-Singkreis zur Stimmbildung trifft. Natürlich lasse im Alter die Stabilität und Tonhöhe nach, aber durch regelmäßiges Training kann ein »reifer Stimmklang« gefestigt werden. Höchstleistungen seien im Alter nicht mehr zu erwarten, trotzdem, da ist sich die Musikprofessorin und EKM-Synodale sicher, bereichert der gemeinsame Gesang ein Leben in jedem Alter.

Von der gemütsaufhellenden Wirkung ist bereits im Alten Testament die Rede. Mit Gesang und Harfenspiel befreite schon David König Saul von depressiven Stimmungen. Über drei Millionen Menschen in Deutschland singen in Chören. Der Münsteraner Musikpsychologe Karl Adamek hat herausgefunden, dass Choristen lebenszufriedener und ausgeglichener sind. Durch regelmäßiges Singen verbinden sich Synapsen im Gehirn neu und machen die Sängerin, den Sänger klüger. Chorsingen kann wohl sogar lebensverlängernden Einfluss haben, ergab eine Untersuchung schwedischer Forscher. Trotzdem gehe die Singkompetenz gesamtgesellschaftlich gesehen zurück, stellt Landessingwart Gauer fest. Kirchenchöre und gemeindlicher Gesang im Gottesdienst erfüllten deshalb auch eine wichtige Aufgabe. Im Zentrum für Kirchenmusik der EKM sind 850 Chöre mit etwa 15 000 Sängern erfasst. Geleitet werden die Gesangsgruppen von 185 Kirchenmusikern und 400 ehrenamtlichen Chorleitern. Neben Kirchen- und Kinderchören vervollständigen Gospel- und Jugendchöre das Angebot.

Die Bibel ist voll von Gesang. Klagelieder, Danklieder, Lieder der Freude, des Jubels oder aber Liebeslieder. »Singt Gott in eurem Herzen«, heißt es im Kolosserbrief. Von Einschränkungen oder Begabung ist nicht die Rede. Auf geht’s! Das Evangelische Gesangbuch hat viel zu bieten: »Ich singe Dir mit Herz und Mund, Herr meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden kund, was mir von Dir bewusst.«

Willi Wild