»Eine Bereicherung für alle«

5. Februar 2017 von redaktionguh  
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Fazit von Behindertenvertretern: Inklusion ist noch keine Normalität

Jürgen Schmidt aus Wasungen ist der Vorsitzende des Behindertenverbandes des Landkreises Schmalkalden-Meiningen. Ein Gespräch mit ihm und der ebenfalls im Vorstand engagierten Nicole Strauch aus Meiningen über Chancen und Barrieren.

Herr Schmidt, Sie engagieren sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Überschneidet sich der Begriff mit Integration?
Schmidt:
Vorsicht! Integration heißt, dass jemand – oder etwas – ausgegliedert ist und nun wieder eingegliedert werden soll. Inklusion hingegen bedeutet, dass jemand bereits Teil des Systems ist, aber die Bedingungen müssen für ihn noch geändert werden. Inklusion ist eine große Chance für die Gesellschaft, nämlich alle Menschen mit ihren Fähigkeiten und Gaben zu sehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, statt sie auf ihre Defizite zu reduzieren. Das ist eine Bereicherung für alle.

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Frau Strauch, wie normal ist Inklusion mittlerweile?
Strauch:
Inklusion ist leider noch nicht zur Normalität geworden. Es wird zwar viel über Inklusion gesprochen, aber die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 durch Deutschland ratifiziert wurde, ist bisher eher schleppend vorangekommen und das in allen Bereichen. Ich würde mir besonders wünschen, dass mehr Kitas inklusiv wären und auch der gemeinsame Unterricht an allen Schulen zur Normalität würde. Das wäre schon ein großer Fortschritt.

Schmidt: Zunächst müssen einmal die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn beispielsweise eine Schule neu- oder umgebaut wird, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von Barrierefreiheit. Oft kommt dann das Argument, dass ja gar kein Kind mit Rolli die Schule besucht. Das ist aber auch gar nicht möglich, weil ja die Bedingungen gar nicht gegeben sind. Ist dann erst einmal ein Fahrstuhl da, haben alle etwas davon – Eltern mit Kinderwagen oder ältere Personen.

Erleben Sie Ausgrenzung im Alltag?
Schmidt:
Ja, etwa in den Arztpraxen. Wir haben keine freie Arztwahl, da die Barrierefreiheit nicht überall gegeben ist. Wenn ich Inklusion möchte, muss ich in der Gesellschaft nicht nur ein Bewusstsein dafür schaffen, sondern auch Geld in die Hand nehmen für bauliche Veränderungen. Hier beraten wir in den Behindertenbeiräten über den Landkreis und die Städte Schmalkalden und Meiningen. Das ist ein Teil der Verbandsarbeit. Wir unternehmen aber auch viel und mobilisieren die Menschen, am Leben teilzunehmen, ihre Teilhabe einzufordern. Hilfe zur Selbsthilfe ist sehr wichtig.

Für wie viele Menschen machen Sie sich in Ihrer Region stark?
Schmidt:
In Deutschland haben etwa zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung offiziell anerkannte Behinderungen. Dazu gehören Sinnes-, Körper- oder Lernbehinderungen, angeborene oder im Laufe des Lebens erworbene Behinderungen. Dennoch sind wir im Landkreis gerade einmal dreißig Mitglieder im Verband. Es ist schwer, die Betroffenen zu erreichen und zur aktiven Mitarbeit zu bewegen.

Susann Winkel

Weitere Informationen zur Verbandsarbeit:

www.behindertenverband-sm.de

Bewahrung einer Kostbarkeit

31. Oktober 2012 von redaktionguh  
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Dankgottesdienst anlässlich der Restaurierung der Marienkapelle in Christes

Die aus dem 15. Jahrhundert stammenden, mit Kalkfarben aufgetragenen Wandbilder in der Marienkapelle sind der größte Schatz der ­Kirche zu Christes (Kirchenkreis Henneberger Land). Blickfang dort ist eine Darstellung der Mutter Maria, die das Jesuskind an ihrer Brust nährt. Weitere Heilige säumen die Wände des kaum zehn Quadratmeter großen Raumes. Fachleute schwärmen von einem wahren Kleinod. Für dessen Fortbestand wurde in den vergangenen Monaten gesorgt – im Zuge komplizierter Sicherungs- und Restaurierungsmaßnahmen.

Die Marienkapelle verkörpert den vermutlich ältesten Teil des Gotteshauses. Dieses wurde um 1440 errichtet – finanziert aus den reichlich sprudelnden Einnahmen, die der »Christusborn«, ein angeblich wundertätiger Brunnen, dem Ort bescherte.

Außer einigen Kirchgängern aus dem Dorf waren es in jüngerer Zeit vor allem Denkmalpfleger, Kunsthistoriker und Restauratoren, welche die Marienkapelle aufsuchten. Dies dürfte sich ändern, wenn in Kürze ein 2010 begonnenes Restaurierungsprojekt abschließt und die Marienkapelle für Besucher geöffnet wird.

Diplomrestauratorin Susan Nitsche bei Retuschearbeiten. Foto: Jürgen Glocke

Diplomrestauratorin Susan Nitsche bei Retuschearbeiten. Foto: Jürgen Glocke

Wer klare und kontrastreiche Darstellungen in frischen, leuchtenden Farben erwartet, könnte enttäuscht sein. Eine Übermalung wäre nach Meinung von Experten an der restauratorischen Aufgabe vorbeigegangen. Vielmehr hatten sich die Erhaltungsmaßnahmen in dem »einmaligen und nahezu unberührten Kleinod« darauf konzentrieren müssen, schädigende Faktoren einzudämmen, ein günstigeres Raumklima zu schaffen und bedrohte Teile der Malereien zu sichern. Eingegriffen wurde dabei hauptsächlich dort, wo die Lesbarkeit der Malerei gestört war. Im Ergebnis findet der Betrachter einen Kompromiss vor, allerdings einen, der die Patina der Geschichte bewahrt. Wer etwas Zeit mitbringt und sich mit dem Werk ­beschäftigt, wird erkennen, dass die behutsamen lokalen Eingriffe der ­Restauratorin Susan Nitsche an den Fehlstellen in Putz-, Tünch- und Malschichten durchaus ein besseres Gesamtbild geschaffen haben. Dieses ist zudem dank konservatorischer Maßnahmen langfristig geschützt.

Der zu bewältigende Handlungsumfang war immens, der Zustand der mittelalterlichen Wandmalereien desolat. Als Hauptfeind wurde die hohe Feuchtigkeit im Raum ermittelt. Darüber hinaus wurden zahlreiche weitere die Bau- und Gemäldesubstanz schädigende Einflüsse wie Schmutz, Abwitterung, Mauerwerksbewegungen, Kritzeleien, Algen, Bakterien, Übermalungen und Hausschwamm festgestellt. Erschwerend kam hinzu, dass mehrere Farbschichten und Darstellungsebenen übereinander lagen.

Als Erstes galt es, die Schadursachen zu eliminieren, insbesondere das Eindringen von Feuchtigkeit durch Einbau eines neuen Fußbodens zu verhindern. Erst dann folgten weitere Arbeitsschritte wie die Konservierung des Malereibestands, Schließung der Fehlstellen, Oberflächenreinigung, Überarbeitung ästhetisch störender alter Kittungen sowie die ­Aufstellung eines konservatorischen Pflegeplans.

Mit einem Dankgottesdienst am Reformationstag, um 14 Uhr will die Kirchengemeinde Christes im Beisein von Pröpstin Marita Krüger und Superintendent Martin Herzfeld den ­Abschluss der Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten in der Marien­kapelle feiern. Und allen danken, die mit Tat und Geld zum Gelingen beitrugen. Dazu zählen nicht zuletzt ­Zuschussgeber wie die Kirchliche ­Stiftung Kunst- und Kulturgut in der ­Kirchenprovinz Sachsen, das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, die Untere Denkmalschutzbehörde des Landkreises Schmalkalden-Meiningen und die Gemeinde Christes. Den Gesamtkostenaufwand der Arbeiten 2011 und 2012 bezifferte Gemeindepfarrerin Silke Sauer auf mehr als 90000 Euro.

Jürgen Glocke