Es bleibt ein Experiment

12. Februar 2017 von redaktionguh  
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Gibt es in Deutschland genug engagierte Protestanten, um neben dem Berliner Kirchentag auch die sechs mitteldeutschen Kirchentage auf dem Weg zu einem Erfolg werden zu lassen? Mit den Posaunenchören in Leipzig, den Friedensthemen in Magdeburg oder den Umweltthemen in Dessau könnte das klappen.

Freilich – der Begriff »Erfolg« ist wie bei vielen anderen Themen auch an dieser Stelle relativ. Wer die Kirchentage auf dem Weg mit den Kirchentagen der DDR vergleicht, wird ebenso scheitern müssen wie bei einem Vergleich mit dem großen Deutschen Evangelischen Kirchentag. Die Kirchentage auf dem Weg werden anders sein. Sie werden eine neue Veranstaltungsform sein, die es so im deutschen Protestantismus noch nicht gab.

Es werden Treffen sein für Engagierte, für Spezialisten, die sich abseits des großen Trubels in Berlin einem bestimmten Thema widmen wollen. Für Menschen, die vor dem großen Festgottesdienst in Wittenberg nicht die Menschenmassen der Großstadt, sondern die historischen Wirkungsstätten Luthers besuchen wollen. Für Christen aus Mitteldeutschland, die einen Kirchentag vor der Haustüre erleben.

Aber lohnt sich für so etwas der große Aufwand, wenn doch nur 5 000 Menschen nach Halle oder Dessau kommen werden? Auch das hängt davon ab, wo man den Maßstab setzt.

Wenn die 5 000 hinterher sagen, dass sie eine schöne Zeit in Halle und Eisleben hatten, und sich an diese Reise im Jahr 2017 ganz besonders gern zurückerinnern, wäre das jedenfalls ein besseres Ergebnis, als wenn 20 000 kommen, die am Ende typisch protestantisch, also grummeld unzufrieden sind. Und ansonsten dürfte es so sein wie bei allen Experimenten: Mehr wird man erst an deren Ende wissen.

Benjamin Lassiwe

Unterwegs nach Wittenberg

10. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

In Mitteldeutschland gibt es zeitgleich mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag die Kirchentage auf dem Weg.

Die Bläser treffen sich in Leipzig. Wer gerne Schiff fährt, kommt nach Magdeburg. Und für Gospelfans sind Halle und Eisleben eine gute Wahl. Bis zu 100000 Menschen werden erwartet, wenn parallel zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg vom 25. bis 28. Mai in den acht Städten Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Jena und Weimar, Dessau-Roßlau sowie Halle und Eisleben insgesamt sechs Kirchentage auf dem Weg stattfinden sollen. In der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt in Berlin wurde jüngst das rund 2000 Veranstaltungen umfassende Programm dieser Treffen vorgestellt.

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

»Kirchentage auf dem Weg gibt es nur im Jahr des Reformationsjubiläums«, sagte der Abteilungsleiter Marketing des Vereins Reformationsjubiläum 2017, Christof Vetter. Im Unterschied zu dem zeitgleich stattfindenden Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Potsdam böten sie etwas intimere Veranstaltungen, »wer nicht zum großen Kirchentag nach Berlin fährt, weil ihm das zu groß ist, fährt vielleicht nach Mitteldeutschland«.

Dabei werden die Kirchentage auf dem Weg schon von der Teilnehmerzahl her höchst unterschiedlich aussehen: In Halle und Dessau werden von den Veranstaltern jeweils nur 5000 Menschen erwartet. Leipzig dagegen, wo im vergangenen Jahr der Katholikentag stattfand, wird mit 50000 erwarteten Besuchern in die Nähe eines klassischen Kirchentags kommen. Denn dort treffen sich schwerpunktmäßig die Posaunenchöre, proben für den großen Festgottesdienst in Wittenberg und veranstalten am Tag zuvor ein großes Festkonzert auf dem Marktplatz.

In Magdeburg wird das Zentrum Frieden angesiedelt sein, in Jena und Weimar finden sich Samba-, Capoeira- und Folk-Bands aus allen Teilen Deutschlands ein, darunter auch Musiker von Rio Reisers Protestband »Ton, Steine, Scherben«.

Und in Dessau steht wegen des dort ansässigen Umweltbundesamtes die Bewahrung der Schöpfung ganz oben auf dem Kirchentagsprogramm. »Wir streiten und fragen, feiern und singen, beten und schweigen nicht allein in Berlin beim 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag«, sagt Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au.

Man veranstalte Kirchentage auch dort, »wo die reformatorischen Ideen groß wurden, von wo aus sie verbreitet und weitergedacht wurden«. Dabei wolle man auch nicht verkennen, in welchem Umfeld die Veranstaltungen stattfänden: »Nichts, was mit Religion und Glauben zu tun hat, ist in Berlin und Mitteldeutschland selbstverständlich.«

Selbstverständlich bei einem Kirchentag ist dagegen der Auftritt der EKD-Lutherbotschafterin Margot Käßmann. Während sie am Donnerstag auf dem Berliner Kirchentag zu Gast ist, wird sie am Freitag und Samstag der Kirchentagswoche vor allem bei den »Kirchentagen auf dem Weg« präsent sein. »Die Kirchentage auf dem Weg nehmen auf, dass die Region Mitteldeutschland für die Reformationszeit prägend war«, sagt Käßmann. »Sie laden ein, Orte der Reformation kennenzulernen und den Menschen in diesen Orten zu begegnen.« Weil die Veranstaltungen kleiner sind als die des großen Kirchentags in Berlin, sind auch die Eintrittskarten etwas günstiger: Die Dauerkarte in Dessau oder Leipzig kostet 59 Euro, während sie in Berlin mit 99 Euro zu Buche schlägt. Für das gesamte Projekt der Kirchentage auf dem Weg, das wie der Berliner Kirchentag auch in den großen Festgottesdienst in Wittenberg mündet, haben die Veranstalter Kosten von 12,5 Millionen Euro kalkuliert: Zwei Millionen Euro werden dabei von den gastgebenden Kommunen aufgebracht – entweder als Bargeld oder als geldwerter Vorteil. »Die Stadt Dessau hat uns beispielsweise angeboten, dass ihr Bauamt unsere Bühne gleich selbst konstruiert«, sagt der Geschäftsführer des Reformationsjubiläums, Hartwig Bodmann. »So brauchen wir keinen Architekten mehr, und die Bühne ist auch gleich genehmigt.«

Und die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen unterstützen die Veranstaltungsreihe mit 4,8 Millionen Euro. Den Rest will der Kirchentag über Teilnehmerbeiträge, Spenden, Sponsoring und die Unterstützung der beteiligten Landeskirchen selbst aufbringen.

Benjamin Lassiwe

Einheit von Kunst und Handwerk

5. Februar 2017 von redaktionguh  
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Fünf Orgelbauer erhielten in Bad Liebenwerda ihre Meisterbriefe

Oft geschieht es nicht, dass ein Meisterbrief an einen Orgelbauer übergeben wird – der anspruchsvolle Beruf, der Handwerk und Kunst in sich vereint, ist dafür schlicht zu selten. »Meist hat man höchstens alle paar Jahre einen neuen Meister«, sagt Dietmar Schmidt, Vorsitzender des Meisterprüfungsausschusses für Orgel- und Harmoniumbauer der Handwerkskammer Cottbus. Erstmals haben nun im Kammerbezirk Cottbus Orgelbauer ihre Meisterprüfung abgelegt. Und dass es gleich fünf waren, die am 14. Januar in der Südbrandenburgischen Orgelakademie in Bad Liebenwerda (Kirchenkreis Bad Liebenwerda) ihren Meisterbrief erhielten, hat deutschlandweit beträchtlichen Seltenheitswert.

Erhielten ihren Meisterbrief: die Orgelbauer No Sang Ook, Josef Poldrack, Lukas Ehlert, Axel Thomaß und Stefan Pilz (v. l. n. r.). Foto: Karsten Bär

Erhielten ihren Meisterbrief: die Orgelbauer No Sang Ook, Josef Poldrack, Lukas Ehlert, Axel Thomaß und Stefan Pilz (v. l. n. r.). Foto: Karsten Bär

Mit Stefan Pilz aus Leipzig, Lukas Ehlert aus Markersbach und Axel Thomaß aus Finsterwalde sind gleich drei der fünf »Jungmeister« Mitarbeiter des Mitteldeutschen Orgelbaus A. Voigt aus Bad Liebenwerda. Hinzu kommen Josef Poldrack aus Chemnitz, der einen eigenen Orgelbaubetrieb führt, sowie der aus Südkorea stammende No Sang Ook, der im Orgelbau Eule in Bautzen angestellt ist. Während No Sang Ook als Meisterarbeit eine zweimanualige Orgel neu baute, die künftig in einem Kammermusiksaal seines Heimatlandes Platz finden wird, haben die anderen vier Meister für den praktischen Teil ihrer Prüfung historische Orgeln restauriert: Josef Poldrack die Ibach-Orgel von Döblitz (Kirchenkreis Halle-Saalkreis), Axel Thomaß die Jemlich-Voigt-Orgel der Bartholomäuskirche im sächsischen Röhrsdorf, Stefan Pilz die Eule-Orgel in der St.-Afra-Kirche Meißen und Lukas Ehlert die Jehmlich-Orgel in Deuben bei Freital.

Dass die Ehrung der Meister in Bad Liebenwerda durchgeführt wurde, sei auch als Referenz an die Südbrandenburgische Orgelakademie zu verstehen, so Prüfungsausschussvorsitzender Dietmar Schmidt. Die Einrichtung in einem historischen Druckereigebäude am Markt von Bad Liebenwerda, die maßgeblich auf Initiative des Bad Liebenwerdaer Orgelbaumeisters und früheren Kantors Dieter Voigt entstand, will auf vielfältige Weise das öffentliche Bewusstsein für die Orgel als Musikinstrument und den Orgelbau als Handwerk fördern und sich sowohl in die Ausbildung von Orgelbauern als auch von Organisten einbringen.

Karsten Bär

Gesungene Reformation

13. Januar 2017 von redaktionguh  
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Die Palette der kirchen-musikalischen Höhepunkte im Reformationsjahr 2017 reicht von Luthers eigenem Liedschaffen über große Oratorien bis hin zu Musicals.

Die Reformation war von Anfang an eine Singbewegung, vor allem Luthers Lieder wurden zum Markenzeichen der evangelischen Kirche. Für ihn war die Musik »eine der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes«. 1524 schuf er zusammen mit dem »Ur-Kantor« der evangelischen Kirchenmusik, dem in Kahla geborenen und in Torgau wirkenden Johann Walter, ein vierstimmiges Chorgesangbuch, dem bald eine Ausgabe für die Gemeinden folgte. Von den 40 Liedern, die Luther verfasste, stehen heute noch 31 im Evangelischen Gesangbuch. Sie sind von zahlreichen Komponisten immer wieder neu bearbeitet worden. Dies nahmen die Kantoren des Kirchenkreises Eisenberg zum Anlass, eine Konzertreihe zu konzipieren, in der – passend zum kirchlichen Festkalender – »sein gesamtes Liedschaffen an zwölf Konzertorten gewürdigt wird«, ist von Kantor Philipp Popp zu erfahren. Luthers nachweihnachtliche Lieder eröffnen den Reigen in Hermsdorf (22. Januar).

Posaunenklänge, das Pop-Oratorium »Luther« oder Chormusik: Kirchenmusikalische Höhepunkte im Reformationsjahr in Mitteldeutschland. Grafik: G+H; Fotos: Harald Krille, Creative Kirche Witten, Ute Nicklisch

Posaunenklänge, das Pop-Oratorium »Luther« oder Chormusik: Kirchenmusikalische Höhepunkte im Reformationsjahr in Mitteldeutschland. Grafik: G+H; Fotos: Harald Krille, Creative Kirche Witten, Ute Nicklisch

In der Georgenkirche in Eisenach kreuzten sich die Lebenswege von Martin Luther und Johann Sebastian Bach, die hier im Abstand von 200 Jahren in der Kurrende gesungen haben. In der Taufkirche des Komponisten wird es über einhundert musikalische Angebote geben. Zu den Höhepunkten gehören die Auftritte von drei bedeutenden Knabenchören: der Tölzer Knabenchor gastiert mit Bachs »Matthäus-Passion« (14. April, 15 Uhr), die Kruzianer aus Dresden auf einem »Musikfest für Martin Luther« (28. April, 19.30 Uhr) und die Thomaner aus Leipzig zu den »Telemann-Tagen« (20. Juni, 19.30 Uhr).

In Magdeburg wird dazu eingeladen, innerhalb des »Kirchentages auf dem Weg« am 26. Mai an den Proben in der Johanniskirche teilzunehmen (ab 9.30 Uhr) und bei der Aufführung von Joseph Haydns »Schöpfung« bei der Aufführung des Oratoriums (16 Uhr) mitzusingen. Das gleiche Werk studiert ein Projektchor zur Thüringer Landesgartenschau in Apolda ein (24. Juni, 17 Uhr, Lutherkirche).

Auffallend ist, dass neben den alljährlichen »Highlights« gleich mehrere der großen Oratorien von Felix Mendelssohn Bartholdy aufgeführt werden: »Lobgesang« in Aschersleben (24. September, 17 Uhr, St.-Stephani-Kirche) und Saalfeld (1. Oktober, 17 Uhr, Johanneskirche), »Elias« in Rudolstadt (13. Mai, 19 Uhr, Stadtkirche) sowie »Paulus« in Merseburg (17. September, 18 Uhr, Dom) und Dessau (31. Oktober, 17 Uhr, Johanniskirche).

Groß ist die Zahl an Wiederentdeckungen. Dazu gehört das Oratorium »Abbadona« von August Mühling (1786 bis 1847), der ab 1843 Domorganist in Magdeburg war, das die Hochschule für Kirchenmusik in Halle präsentiert (29. Mai, 19.30 Uhr, Pauluskirche). Das Oratorium »König David« von Carl Gottlieb Reißiger (1798–1859), der als Nachfolger Carl Maria von Webers als Hofkapellmeister in Dresden wirkte, wird in der St. Jacobikirche Köthen vom dortigen Bachchor dargeboten (5. Juni, 17 Uhr). Das Oratorium »Luther in Worms« von Ludwig Meinardus (1827–1896), für dessen Aufführung sich Franz Liszt einsetzte und das 1883 dem Komponisten zu internationaler Berühmtheit verhalf, wird in Weimar der Vergessenheit entrissen (11. November, 19.30 Uhr, Stadtkirche).

Die Gattung »Musical« erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Dabei gibt es für die eigenen Bedürfnisse selbst geschaffene Stücke ebenso wie überregional vertriebene Kompositionen. Zu einem Zentrum entwickelt sich dabei Rudolstadt, wo gerade das Musical »Fröbel und Luther« von Katja Bettenhausen erarbeitet wird (18. Juni, 14 Uhr, Stadtkirche). »Jona – erst verschluckt, dann ausgespuckt« von Michael Pen­kuhn-Wasserthal wird von der Paulus-Singschule Magdeburg einstudiert (8. Mai, 17 Uhr, Pauluskirche). Das Leben des Reformators steht im Mittelpunkt eines Musicals von Gerd-Peter Münden, das in Weimar (27. Mai, 16.30 Uhr, Stadtkirche), Apolda (9. September, 16 Uhr, Lutherkirche) und Meiningen (17. September, 17 Uhr, Stadtkirche) zu erleben ist.

Michael von Hintzenstern

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

Streit im Namen des Königs

24. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Bizarrer Konflikt: Im Bereich der EKM gibt es mittlerweile zwei Hilfsvereine, die sich auf den Namen des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf (1594–1632) berufen.

Die Geschichte: Es begann im 19. Jahrhundert in Sachsen und Hessen. Protestantische Christen wollten Glaubensgeschwistern helfen, die als Minderheiten in katholischen oder orthodoxen Ländern lebten. Bald entstanden hin und her Hilfsvereine, die sich auf den Namen des Schwedenkönigs Gustav Adolf bezogen. Man schuf eine gemeinsame Plattform in Leipzig, die seit 1948 als Gustav-Adolf-Werk (GAW) firmiert. Ost und West gingen in DDR-Zeiten notgedrungen getrennte Wege, hielten aber an der Gemeinschaft fest. 1992 gründete sich das gemeinsame GAW als Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) neu und nahm seinen alten Sitz in Leipzig ein.

In der Thüringer Kirche wie in der der Kirchenprovinz Sachsen gab es ebenfalls selbstständige Gustav-Adolf-Werke, die in den jeweiligen Landeskirchen die Hilfswerksidee vertraten, Spenden sammelten. Alles ging gut, bis sich 2009 die beiden Landeskirchen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zusammenschlossen.

Die Spitzen beider GAW-Vereine aus Thüringen und Sachen-Anhalt verhandelten miteinander, stellten die Weichen ebenfalls auf Zusammenschluss. Ein Verein mit zwei Untergruppen sollte entstehen. Doch im Thüringer Vorstand kam es zur Revolte. Man wollte die seit 150 Jahren bestehende Selbstständigkeit nicht aufgeben. Der Vorsitzende trat daraufhin zurück, ein neuer Vorstand formierte sich.

Der Konflikt: Vonseiten der Landeskirche entschied man administrativ. Ein neues GAW der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland wurde 2012 gegründet, das provinzsächsische Werk löste sich selbst auf. Den widerständigen Thüringern teilte man kurzerhand den kirchenamtlichen Beschluss zur Aufhebung des GAW der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen (GAW LKTh) mit. Doch die Verantwortlichen legten Widerspruch ein und beriefen sich darauf, dass sie auch als Werk der Kirche in DDR-Zeit ein selbstständiger Verein geblieben seien, der nur von der ordentlichen Mitgliederversammlung aufgelöst werden könne.

Die Eskalation: Die Kirchenleitung reagierte unter anderem mit Disziplinarverfahren gegen den Vorsitzenden, Pfarrer Johannes-Christian Burmeister, den Stellvertreter, Pfarrer Martin Michaelis, und zwei weitere Vorstandsmitglieder. Harte Vorwürfe standen im Raum: Schädigung des Ansehens der EKM, Amtsmissbrauch, Dienstsiegelmissbrauch. Michaelis musste wegen des Verfahrens unter anderem sein Amt als gewählter Vorsitzender der Pfarrervertretung der EKM ruhen lassen.

Die Rehabilitation: 2015 traf man sich vor dem Verwaltungsgericht der EKD in Hannover wieder. Dort holte sich die Landeskirche allerdings eine juristische Abfuhr. Am Ende schloss man einen Vergleich, dessen Kernsatz die aufmüpfigen Pfarrer bestätigte: »Die Beklagte (die EKM – d. Red.) erkennt an, dass das GAW LKTh als nichtrechtsfähiger Verein (…) außerhalb der Kirche fortbesteht. Dessen Name wird in ›Lutherischer Gustav-Adolf-Verein Thüringen‹ geändert.« Außerdem seien alle Disziplinarverfahren einzustellen, eingezogene Gegenstände und Unterlagen an den Verein zurückzugeben.

Die unterschiedlichen Sichten: Für das Gustav-Adolf-Werk der EKM ist ebenso wie für die Leipziger Zentrale klar, dass der neue alte Verein nichts mehr mit dem Gustav-Adolf-Werk zu tun hat. Er sei ein freier Hilfsverein außerhalb der Kirche, wie ihn jede Person gründen könne. »Schon der Name ist für uns ein Widerspruch in sich«, erklären der Hallenser Propst Johann Schneider als Vorsitzender des GAW der EKM sowie der Leipziger GAW-Generalsekretär Enno Haaks unisono. Unterstütze das Hilfswerk doch weltweit evangelische Gemeinden ohne Fokussierung auf die lutherische Fraktion. Der Lutherische Gustav-Adolf-Verein Thüringen freilich wird nicht müde, sich im Mitteilungsblatt des Thüringer Pfarrvereins als »das Original« in Sachen GAW darzustellen. Und: Als besonders bitter empfindet man die Tatsache, dass es vonseiten der Kirchenleitung bisher keine Entschuldigung gegenüber den betroffenen Pfarrern gegeben habe.

Die Folgen: Was unter dem Streit bis heute allerdings am meisten leidet, ist die Hilfe für die Minderheitengemeinden im Ausland. GAW-Vorsitzender Schneider hat es selbst schon erlebt, dass kirchliche Mitarbeiter vor dem Hintergrund der Konkurrenzsituation sagen: Lasst uns in Ruhe mit dem ganzen GAW.

Der Wunsch: Als Geistlicher hat Schneider allerdings noch ein anderes Anliegen: »Als Kirche, die das Wort von der Versöhnung predigt, müssen wir auch selbst Versöhnung leben.« Deshalb sei es Zeit für ein gemeinsames Gespräch jenseits aller rechtlichen Wertungen. Voraussetzung sei aber, »dass beide Seiten bereit sind, ihre eigene Wahrnehmung im Lichte des Evangeliums zu sehen«.

Harald Krille

Vorreiter der Ökumene

19. September 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Vereinigte Domstifter zeigen in Zeitz Sonderausstellung zu Bischof Julius Pflug

Im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 und der Vielzahl an Veranstaltungen reihen sich die Vereinigten Domstifter mit einer eigenen Sonderausstellung ein. Sie wird am Pfingstmontag, 5. Juni, unter dem Titel »Dialog der Konfessionen – Bischof Julius Pflug und die Reformation« in Zeitz (Burgenlandkreis) eröffnet.

Die Schau lenkt den Fokus auf ein spezielles Thema: »Es ist die einzige Ausstellung zum Thema Ökumene«, betont Holger Kunde, Stiftsdirektor bei den Vereinigten Domstiftern zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstiftes Zeitz. Im Mittelpunkt steht der letzte katholische Bischof der Diözese Naumburg, Julius Pflug (1499 bis 1564). Die Schau blickt nicht nur in die Geschichte zurück, sondern soll einen Bogen zur Gegenwart schlagen: Pflug könne in der aktuellen Zeit Impulse und eine Botschaft vermitteln. »Wir hoffen, Julius Pflug als Identifikationsfigur für Zeitz mit positiver Ausstrahlung aufzubauen. Er ist ein Sinnbild für Toleranz und Respekt«, führt Holger Kunde weiter aus. Die Ausstellung solle über Zeitz hinaus wirken, betont der Stiftsdirektor. Erwartet werden bis zum Abschlusstag schätzungsweise 25 000 bis 30 000 Besucher zu Allerheiligen am 1. November 2017.

Blick von oben auf das Gelände von Schloss Moritzburg in Zeitz, das einer von vier Ausstellungsorten ist. Foto: Vereinigte Domstifter

Blick von oben auf das Gelände von Schloss Moritzburg in Zeitz, das einer von vier Ausstellungsorten ist. Foto: Vereinigte Domstifter

Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, und Pfarrer Martin Junge, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, werden die gemeinsame Schirmherrschaft übernehmen und der feierlichen Eröffnung in Zeitz beiwohnen.

Julius Pflug wurde 1499 in Eythra, einem Dorf nahe Leipzig, geboren. Sein Vater war Berater des Herzogs Georg des Bärtigen. Pflug begann sein Studium mit elf Jahren an der Universität Leipzig, war Schüler des Humanisten, Philologen und Theologen Petrus Mosellanus und beendete in Bologna seine Studien. Im Anschluss wurde er Kanoniker des Domkapitels Meißen. Im Jahr 1522 erfolgte Pflugs Ernennung zum Dompropst in Zeitz, im Jahr 1540 zum Domkapitular von Naumburg und ein Jahr später zum Bischof. In den Jahren 1542 bis 1547 hielt sich der Theologe meistens im Exil in Mainz auf. Er beschäftigte sich besonders mit den Thesen Martin Luthers und war auf Ausgleich der Konfessionen bedacht. Pflug starb 1564 in Zeitz.

Zu den großen Vorhaben in Vorbereitung der kulturhistorischen Schau zählt die Umgestaltung der Zeitzer Stiftsbibliothek. Der Bücherfundus des Bischofs Julius Pflug bildet rund ein Fünftel der Stiftsbibliothek und zählt zu den bemerkenswertesten humanistischen Sammlungen Europas. Die mehr als 10 000 Druckschriften widmen sich verschiedenen Wissensgebieten, einige sind mit Widmungen versehen.

Die Bibliothek ist einer von vier Ausstellungsorten. Im Museum im Schloss Moritzburg, im Dom zu Zeitz St. Peter und Paul sowie in der evangelischen Pfarrkirche St. Michael werden weitere Exponate zu verschiedenen Themen gezeigt. Das mittels wertvoller Leihgaben und medialer Inszenierungen wiedererstandene Arbeitszimmer des gelehrten Bischofs bildet neben dem Hauptaltar mit dem Salvator von Lucas Cranach d. Ä. sowie der Nonnenkapelle mit ihren umfassenden Wandmalereien aus der Zeit um 1517 in der Pfarrkirche einen Höhepunkt der Ausstellung. »Zeitz hat zudem einen Schatz an Luther-Schriften«, so Kerstin Wille, Sprecherin der Vereinigten Domstifter.

Constanze Matthes

www.reformation-zeitz2017.de

Chorsingen entspannt

11. Juli 2016 von redaktionguh  
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Premiere: Singwoche für Erwachsene mit Chorerfahrung

Unter dem Gewölbe der Winterkirche in der Dessauer Petruskirche blicken die neun Frauen und vier Männer konzentriert auf ihre Notenblätter. Sie bilden einen Halbkreis um Matthias Pfund am E-Piano. Der Landeskirchenmusikdirektor der Landeskirche Anhalts stimmt an, gibt Einsätze, dirigiert und unterbricht auch immer wieder den Gesang. Eine Singwoche für Erwachsene mit Chorerfahrung ist Premiere in der anhaltischen Landeskirche. Die Teilnehmenden stammen nicht nur aus Anhalt, sondern unter anderem auch aus dem sächsischen Bautzen, wo Matthias Pfund Kantor und Organist der Kirchgemeinde St. Petri war, ehe er als Landeskirchenmusikdirektor nach Dessau berufen wurde.

Die Petruskirche Dessau war für eine Woche Probenraum des Kammerchores auf Zeit. Foto: Thorsten Keßler

Die Petruskirche Dessau war für eine Woche Probenraum des Kammerchores auf Zeit. Foto: Thorsten Keßler

Eine Woche lang, von Sonnabend bis Sonnabend, wurde mindestens sechs Stunden täglich geprobt. Drei Stunden am Vormittag ab halb zehn, drei am Nachmittag ab 15 Uhr, und manchmal wurde sogar noch eine Probe in die Abendstunden gelegt. Eingeübt hat der temporäre Kammerchor in dieser Zeit ein Dutzend Lieder aus vier Epochen. Einige Stücke hatten die erfahrenen Sängerinnen und Sänger innerhalb eines halben Tages drauf und haben damit gleich am ersten Sonntag in zwei Gottesdiensten in Dessau in der Petruskirche und der Johanneskirche mitgewirkt. Aber Matthias Pfund hat auch manches anspruchsvolle Stück ausgesucht. »Ein wirklich sehr schwieriges Stück, das mich schon ziemlich lange gereizt hat, ist der fünfstimmige 116. Psalm von Melchior Franck. Zehn bis elf Minuten A-cappella-Musik vom Feinsten, aber auch ziemlich kompliziert«, räumt Pfund ein.

Vom fünfstimmigen Psalm bis Gospel

Von Gregorianik bis Gospel reicht das Spektrum. »Die Gospels erweitern das Programm des Chores«, sagt Matthias Pfund, der sich dafür aber Unterstützung von Katrin Götz geholt hat. Matthias Pfund kennt die Musikerin noch aus Zwickau von einer seiner früheren Stationen als Kantor. Katrin Götz leitet einen Gospelchor im niedersächsischen Buxtehude in der Nähe von Hamburg. Sie fühlt sich durch den Gesang immer wieder körperlich und geistig bereichert. »Sauerstoff durchflutet den Körper und das Singen der spirituellen Texte in der Gemeinschaft ist ein ständiges Gebet«, sagt sie. »Man fühlt sich gottesnah!«

Für die Sängerinnen und Sänger, die sich für die Singwoche Urlaub nehmen, sind die Proben trotz der straffen Übungseinheiten mehr Entspannung als Stress. Claudia Pusselt kommt aus Leipzig zur Singwoche, ist aber in Anhalt aufgewachsen und hat schon im Lutherchor und der Dessauer Kantorei gesungen. »Ich genieße das, mal wieder anspruchsvolle Dinge zu lernen.« Ulrike Bernhardt aus Wörpen bei Coswig hat ihre musikalische Heimat im Lutherchor und der Dessauer Kantorei und kennt solche straff durchgetakteten Probenwochen. Nein, Stress sei das nicht, im Gegenteil. »Chorsingen ist Entspannung, man schaltet ab und die Gemeinschaft gibt viel zurück.«

Gleich dreimal trat der Singwochenchor dann am zweiten Wochenende auf; am Sonnabend in Weißenfels und am Sonntag zum Gottesdienst in der Johanneskirche in Dessau, sowie als Abschluss am 3. Juli in der Patronatskirche in Klieken.

Thorsten Keßler

Hirte der Hirten

12. Juni 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Ein Nachruf zum Tod von Propst Siegfried T. Kasparick. Der Beauftragte für Reformation und Ökumene ist nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben.

Ein großer von Empathie getragener Schmerz durchzieht unsere Evangelische Kirche in Mitteldeutschland. Auch wenn ich wohl weiß und glaube, dass »wir hier keine bleibende Stadt (haben), sondern die zukünftige suchen« (Hebr.13,14), gebe ich der Trauer recht und fühle mich durch den Tod meines Bruders in Christus, meines Freundes und Kollegen tief angerührt. Siegfried Kasparick, der leidenschaftliche und zugewandte Prediger, der passionierte Seelsorger, der weithin geachtete Ökumeniker und kompetente theologische Gesprächspartner wurde nach kurzer, schwerer Krankheit heimgerufen. Unsere Herzen wollen noch nicht fassen, was uns der Verstand sagt: Seine uns vertraute Stimme schweigt. Sein guter Rat fehlt uns.

Wir danken Gott

Wir halten inne: Vergangenes zieht in Gedanken vorbei. Wir danken Gott für die Gaben, die er ihm mit auf den Weg gab. Wir danken Siegfried Kasparick für seine unermüdliche Freudigkeit, uns das Evangelium zu bezeugen. Und: Wir stehen im Gebet an der Seite seiner Frau und seiner Familie.

In der Zeit des Abschiedes schauen wir zurück auf das, was uns vor Augen ist, aber auch, wie wir ihn oft ganz persönlich wahrgenommen haben. Geboren im brandenburgischen Herzberg (1955); Studium der evangelischen Theologie in Naumburg, Berlin und Leipzig; Vikariat; als Ephorus, Repetent und Assistent am Sprachenkonvikt in Berlin tätig; 1986 erste Pfarrstelle in Osterburg; 1991 amtierender Super­intendent; 1993 Direktor am Predigerseminar der Evangelischen Kirche der Union in Brandenburg; 2001 Wahl durch die Synode der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen zum Propst des Kurkreises Wittenberg; später Regionalbischof; zeitweise stellvertretender Landesbischof; seit 2012 Beauftragter der Landesbischöfin für Reformation und Ökumene.

Sein Werdegang hat ihn in seiner Theologie, in seinem Verständnis von Kirche und ihren Strukturen, in seinem Zugang zu den Menschen bereichert. Bei den Föderations-, später Fusionsverhandlungen, in denen es beispielgebend für die EKD nicht nur um den Zusammenschluss zweier bis dahin selbstständig agierender Landeskirchen, sondern auch um das Miteinander »bekenntnisverschiedener« unierter und lutherischer Kirchen handelte, bedeutete es einen nicht zu unterschätzenden Vorteil, in Siegfried Kasparick und anderen profilierte Gegenüber zu haben, wenn natürlich auch »zunächst« als ausgewiesene Anwälte ihrer Kirche, der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. In dieser Situation lernte ich ihn als Thüringer kennen und schätzen.

Seine Gaben

Er war ein Diplomat, der zu moderieren verstand. Ein überaus geschätzter »kirchlicher Außenminister«, der seine reformatorische Kirche mit Herz, Verstand, manchmal auch mit Humor in der Ökumene vertrat. Aus der Orthodoxie vermittelte er andere Sichten auf Russland, die Ukraine, auch auf Themenfelder wie Autorität oder Homo­sexualität. Er war geradezu geschaffen für das Amt der Einheit, das bischöfliche Amt der Draufsicht und der geistlichen Entscheidung. Sei es in kritischen Zeiten des Föderationsprozesses, sei es in Synoden.

Siegfried Kasparicks Stärke beruhte oft gerade in der nicht ausgegebenen Macht: Er musste in Debatten und Diskursen nicht gewinnen, er war menschlich wie theologisch frei und unabhängig. Er erwartete von der Schrift her begründete, hermeneutisch durchdachte Antworten und war von daher kollegial auf Augenhöhe. Er war im besten Wortsinn pastor pastorum. Kein Dienstvorgesetzter, sondern ein Friedensstifter, der sich mit hohem persönlichem Einsatz dreingab.

»Non vi, sed verbo – ohne Gewalt, sondern aus dem Wort« – hat Martin Luther seine Wittenberger Invokavitpredigten im März 1522 überschrieben, um einer Radikalisierung der Reformation zu hindern.

Siegfried Kasparick, der sich mir gegenüber nie als Lutheraner bezeichnet hat, hätte gerade diesen Ansatz sehr wohl für sich in Anspruch genommen. Gleichwohl soll nicht verschwiegen werden, dass er auch ein »Leiden an seiner Kirche« kannte.

So soll es sein

Hebräer 13,14 geht von der Endlichkeit oder auch der Vorläufigkeit menschlicher Planungen aus. Das heißt: Gott schafft in Christus Neues, so die offenbarende Orientierung der Schrift.
Der aus dieser Perspektive Raum und Hoffnung schaffende Friede schenke unserem Bruder und Kollegen, dem Ehemann und Familienvater Siegfried Kasparick die Erfüllung seines Glaubens. »Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Tost sein. Kyrieleis.«

Hans Mikosch

Der Autor ist promovierter Theologe und war Propst des Sprengels Gera-Weimar.

»O Tannenbaum« im Mai

23. Mai 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

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In Goldlauter-Heidersbach feiert man den Pfarrerssohn und Liederdichter Ernst Anschütz

Wenn am 22. Mai am Pfarrhaus in Goldlauter-Heidersbach im Kirchenkreis Henneberger Land aus vielen Kehlen das Weihnachtslied »O Tannenbaum« erklingt, dann haben die Sängerinnen und Sänger nicht etwa zum falschen Liederbuch gegriffen. Ganz im Gegenteil. Den berühmten Weihnachtsklassiker, den kennt hier jeder von der ersten bis zur letzten Zeile auswendig, da braucht’s keine Textvorlage. Und dass das Lied mitten im Wonnemonat Mai gesungen wird, ist natürlich auch kein Versehen.

Denn der weihnachtliche Evergreen ist auf das engste mit dem bekanntesten Sohn des Ortes verbunden. Gemeint ist der Lehrer, Texter und Komponist Ernst Anschütz (1780–1861). Ihm zu Ehren wird an diesem Sonntag hier ein Liederwanderweg eingeweiht und eröffnet – natürlich mit viel Gesang und auf Schusters Rappen.

Auf dem neuen, rund vier Kilometer langen Rundweg wird auf sechs Liedertafeln Bezug auf die Verdienste genommen, die Ernst Anschütz an den dort aufgeführten Weisen hat. Neben »O Tannenbaum« sind dies die Lieder »Fuchs, du hast die Gans gestohlen«, »Ein Männlein steht im Walde«, »Es klappert die Mühle am rauschenden Bach«, »Wenn ich ein Vöglein wär« und »Alle Jahre wieder«.

Wanderparadies Suhl: Die neuen Schilder des Ernst-Anschütz-Liederwanderweges ziert ein Vöglein mit Noten. An diesem Sonntag wird der Gedenkweg an den Pfarrerssohn aus Goldlauter-Heidersbach eröffnet. Foto: Norbert Seidel

Wanderparadies Suhl: Die neuen Schilder des Ernst-Anschütz-Liederwanderweges ziert ein Vöglein mit Noten. An diesem Sonntag wird der Gedenkweg an den Pfarrerssohn aus Goldlauter-Heidersbach eröffnet. Foto: Norbert Seidel

»Ernst Anschütz war musikbegeistert und hatte sich im Verlaufe seines Lebens auf vielfältige Weise der Musik verschrieben. Mal verfasste er zu bekannten Melodien kindgerechte Texte, mal versah er bereits vorhandene Liedtexte mit eingängigen Melodien«, erklärt Birgitt Zühl, die stellvertretende Vorsitzende des Fremdenverkehrsvereins von Goldlauter-Heidersbach. Das weithin bekannte »O Tannenbaum« zum Beispiel sei erst durch Ernst Anschütz zu einem Weihnachtslied geworden. Unter Beibehaltung der ersten Strophe, die von einem Komponisten-Kollegen stammte, hatte er dem Lied die heute bekannten Strophen zwei und drei hinzugefügt.

In Goldlauter-Heidersbach kennt jedes Kind Ernst Anschütz, der 1780 hier als Sohn des damaligen Ortspfarrers geboren wurde. Bis zum 18. Lebensjahr hatte er hier gewohnt. Danach verschlug es ihn für immer nach Leipzig. Dort studierte er zunächst Theologie und widmete sich anschließend seiner langjährigen Lehrertätigkeit. »In Bezug auf die Musik hat er zwischen 1824 und 1830 drei Hefte bei Reclam als erste Schulgesangbücher herausgegeben«, weiß Birgitt Zühl aus Überlieferungen zu berichten. Bei der Veröffentlichung seiner Bücher habe Anschütz auf große Honorare verzichtet, um sie für die Kinder in der Schule bezahlbar zu halten.

Die Wertschätzung für den verdienstvollen Sohn des Ortes ist in Goldlauter-Heidersbach allgegenwärtig. Ihm zu Ehren gibt es am Pfarrhaus schon seit Langem eine Gedenktafel und einen Gedenkstein. An einer markanten Brücke im Ort erinnert ein Holzrelief an ihn und auch eine hiesige Straße trägt seinen Namen.

Und nun gibt es im schönen Goldlauter-Heidersbach, wohin die meisten Urlauber des Wanderns wegen kommen, auch einen Ernst-Anschütz-Liederwanderweg. »Der neue Wanderpfad ist ein erfolgreiches Gemeinschaftswerk von vielen regionalen Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Vereinen, die sich in den vergangenen anderthalb Jahren von der Planung bis zur Fertigstellung mit großem Eifer in das Projekt einbrachten«, hebt Birgitt Zühl hervor. Ihnen allen gelte ein großes Dankeschön und ein herzliches Willkommen zur Eröffnung des Weges.

Zur Premierenwanderung am 22. Mai ab 14 Uhr wird der Rundweg in voller Länge begangen. Der Fremdenverkehrsverein hat dazu die Kinder des Kindergartens, den Heimatchor und den Kirchenchor Goldlauter-Heidersbach eingeladen. Zusammen mit den hoffentlich vielen Wanderfreunden aus nah und fern werden sie an den sechs Liedertafeln die bekannten Weisen singen. Am Pfarrhaus, wo die Tour endet, klingt das Fest zu Ehren von Ernst Anschütz mit gemütlichem Beisammensein aus.

Steffi Seidel

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