Zeugnis der Nächstenliebe

22. April 2012 von redaktionguh  
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Magdeburger Bahnhofsmission feierte ihr 20-jähriges Bestehen

Buchladen und Bäckerei bildeten den Rahmen für den Gottesdienst, mit dem die Magdeburger Bahnhofsmission am 11. April ihr 20-jähriges Bestehen feierte. Während die rund 80 Besucher in der Bahnhofshalle beteten und sangen und der hohe Raum unter dem Glasdach von Bläser- und Orgelklängen erfüllt war, kauften Reisende Zeitungen, belegte Brötchen oder steuerten den Ticketverkauf an. »Hier pulsiert das Leben«, sagte der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige, der mit dem Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg, Christoph Hackbeil, den Gottesdienst leitete. Der Bahnhof als Verkehrsknotenpunkt sei zugleich ein Abbild der Gesellschaft, so Feige weiter. Hier würden Menschen einander willkommen heißen, voneinander Abschied nehmen, Orientierung suchen. Die Bahnhofsmission sei für viele »ein Stück Familie an der Bahnsteigkante« und aus dem Bahnhofsalltag nicht mehr wegzudenken, würdigte der Bischof den Dienst der Mitarbeiterinnen in der ökumenischen Einrichtung. Rund 38000 Menschen kommen heute jährlich – Durchreisende ebenso wie Obdachlose und andere Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen.

Der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige (am Pult) und Propst Christop Hackbeil (vorn li.) leiteten den Gottesdienst zum Jubiläum der Bahnhofsmission, der in der Bahnhofshalle gefeiert wurde. – Foto: Klaus-Peter Voigt

Der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige (am Pult) und Propst Christop Hackbeil (vorn li.) leiteten den Gottesdienst zum Jubiläum der Bahnhofsmission, der in der Bahnhofshalle gefeiert wurde. – Foto: Klaus-Peter Voigt

Propst Hackbeil dankte für »20 Jahre große und kleine Hilfeleistung, freundliche Aufnahme und ökumenische Gemeinschaft«. Er stellte ein Kreuz aus Mosaiksteinen, welches in der Anfang April in Stendal eröffneten Bahnhofsmission hängt und das jeder Gottesdienstbesucher als Bild erhielt, in den Mittelpunkt seiner Predigt über das Gebot der Nächstenliebe. Jedes Steinchen könne für die Buntheit und Vielfalt der Milieus im Land stehen. Das bedeute aber nicht, dass es bessere oder schlechtere Milieus gebe. »Das Kreuz Jesu ist auch ein Protest gegen die Milieuaufteilung unserer Gesellschaft«, so der Propst, »jeder soll so angenommen sein, wie er ist.«

»Mit ihrem Wirken schrieben die Bahnhofsmissionen Sozialgeschichte«, würdigte Christian Baron das Wirken derartiger Einrichtungen, die es seit über 100 Jahren in Deutschland gibt. Waren sie anfangs streng konfessionell getrennt, tragen sie heute vielerorts evangelische und katholische Christen gemeinsam. »Ein glaubwürdiges Zeugnis der Kirchen kann nur ein gemeinsames Zeugnis sein«, so der Vorsitzende Vorstand der Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission weiter.

Die Bahnhofsmission in Magdeburg tragen die Magdeburger Stadtmission und der Caritasverband für das Bistum Magdeburg. Die Bahn stellt die Räume am Gleis 6 kostenlos zur Verfügung. Drei festangestellte und dazu ehrenamtliche Mitarbeiterinnen halten montags bis freitags für 13 Stunden die Türen offen, an den Wochenenden etwas weniger. »In den 20 Jahren haben wir rund 517000 Menschen geholfen«, zieht die langjährige Leiterin der Einrichtung, Liane Bornholdt, Bilanz. Was sie freut, ist, dass die Mobilität behinderter Menschen zugenommen hat und immer mehr von ihnen auf Reisen gehen. Für Reisende in Rollstühlen bietet die Bahnhofsmission seit 2008 als Rastplatz einen Mobilitätsraum zu ebener Erde an. In den vergangenen Jahren haben es die Mitarbeiterinnen immer öfter mit psychisch kranken Menschen zu tun, die in ihrer Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit dort Rat und Hilfe suchen. »Der Bahnhof ist auch ein sozialer Brennpunkt«, sagt Liane Bornholdt, »und ein Seismograf der Not.«

Angela Stoye