Das haben wir schon immer so gemacht. Neues wagen!

3. März 2018 von redaktionguh  
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Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Lukas 9, Vers 62

Jeder kennt sie, die kleinen und großen Furchen. Der Blick in den Spiegel offenbart sie, die Falten im Gesicht. Manche verlaufen geradlinig, manche gebogen, andere verzweigen sich. Einige dieser Furchen finden sich dort seit vielen Jahren, andere sind kürzlich erst dazugekommen. Sie alle erzählen auf ihre Weise von einem Stück Lebensgeschichte.

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

An die glücklichen Momente erinnern die Lachfalten. Manche Linien auf der Stirn zeigen Verwunderung, Erstaunen oder auch Zweifel. Über der Nasenwurzel verraten die zur Stirn aufsteigenden Fältchen angestrengtes Nachdenken und vielleicht auch so manchen von Wut geprägten Augenblick. All diese Emotionen und Erinnerungen haben sich uns tief eingeprägt. Sie sind entstanden aus den Begegnungen mit anderen Menschen – Eltern und Geschwistern, Freunden, Kollegen auf Arbeit, dem Tankwart, der Friseurin, der Pfarrerin, dem Arzt, der Lehrerin. Sie alle sind Teil unserer persönlichen »Furchengeschichte«, die unser Tun im Hier und Jetzt beeinflusst.

Der Wochenspruch warnt uns davor, unseren Blick zu stark auf die geprägten Linien unseres Lebens zu richten und uns davon gefangen nehmen zu lassen. Wie schnell ist man dabei zu sagen: »Ich bin eben so, daran ändert sich nichts mehr« oder »Das haben wir schon immer so gemacht, das bleibt so.« Wenn man auf den eingetretenen Wegen läuft, ist man scheinbar auf der sicheren Seite. Eine neue Furche zu graben, erfordert Mut und letztlich tiefes Vertrauen. Das Reich Gottes wird uns in der Bibel als etwas Dynamisches beschrieben – ein Baum, der aus einem Senfkorn erwächst, ein Schatz oder eine Perle, für die man alles verkauft. Da gibt es viele Überraschungen und ungewohnte Wege. So sind wir eingeladen, unsere Augen und unser Herz weit zu machen – erwartungsvoll, wie Gott sein Reich mit uns und durch uns gestalten möchte. Der Blick für das Neue geht nach vorn – hin zu den neuen Furchen, die wir als Teil von Gottes Reich mitgraben und dadurch auch selbst verändert werden.

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Der Tod ist nicht das Ende – Fortsetzung folgt

25. November 2017 von redaktionguh  
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Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.

Lukas 12, Vers 35

So gedenken wir des Endes. Und es sind so viele Kerzen in diesem Jahr. Wir nennen die Namen, den Geburtstag, den Sterbetag, und wir entzünden eine Kerze für jeden. Für jeden einzelnen Menschen, der von uns gegangen ist, für jeden, der Licht in unser Leben gebracht hat als Ehefrau, Vater, Kind, Freund.

Beim Entzünden kommen die Erinnerungen. An die Menschen auf den Fotos neben ihrem eigenen Sarg, ihrer Urne, sie lachen, sind am Höhepunkt ihres Lebens. Junge Menschen, so wie sie vor vielen Jahren aussahen, in schwarz-weiß, oder noch keine zehn Jahre her, im Urlaub, den Arm um den Mann gelegt oder auf die Schulter der Kinder, im Kreis der Freunde. Alte Menschen bei Jubelfeiern, stolz an der Stirnseite des Tisches bei ihrem 80sten Geburtstag, oder bei der Diamentenen Hochzeit, frische Frisuren, noch einmal mobilisierte Kräfte. Wir halten inne, lassen das Licht wirken. Dann die nächste Kerze, der nächste Name. Bilder vom Moment des Abschiedes, trauernde Angehörige, Tränen, Trost. Es ist ein Ende.

Sophie Kersten, Pfarrerin in Langula-Kammerforst

Sophie Kersten, Pfarrerin in Langula-Kammerforst

Aber lasst die Lichter brennen! Entzündet das Licht des Erinnerns am Licht der Ewigkeit! So oft haben wir eine Kerze in unseren Gottesdiensten dieses Jahr angezündet. Wenn Gott einen Menschen aus unserer Mitte heimgerufen hat. Wir kündigen ihn ab, wir beten für ihn und die Angehörigen, und wir entzünden schon hier, mitten im Kirchenjahr, eine Kerze für ihn. Entzünden das Licht der Trauer am Licht der Auferstehung! Das rote Licht begleitet uns im Gottesdienst, steht unter dem Kreuz auf dem Altar, nimmt unsere Gedanken, den Trost, den gemeinsamen Gesang, Gottes Segen in sich auf. Bei den letzten Tönen der Orgel geben wir es den Angehörigen mit nach Hause.

Dieses Licht der Gemeinschaft und des Mitfühlens, entzündet für die Stunden der Einsamkeit und der Dunkelheit. Ein Leben ging zu Ende. Ein Leben beginnt. Hier fühlen wir uns mit Schwärze umhüllt, dort, so lassen wir es uns zusagen, ist reines Licht. Unser Leben fängt Feuer am Licht der Auferstehung. Es ist ein Anfang, denn … (Fortsetzung folgt)

Sophie Kersten, Pfarrerin in Langula-Kammerforst

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Suchen und finden – eine Lebensaufgabe für Gott und uns

11. Juni 2016 von redaktionguh  
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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, Vers 10

Wie viel Zeit am Tag verbringen Sie mit Suchen? Schlüsselbund? Handy? Zettel? Aber was wir eigentlich suchen, ist: das Leben. Oder ich kann auch sagen, was wir eigentlich suchen, ist: uns selbst. Unser Innerstes. Unsere Seele. Wer wir eigentlich sind – oder sein wollen. Denn auch das kann verloren gehen.

Erik Dremel, Studienleiter im Evangelischen Konvikt in Halle

Erik Dremel, Studienleiter im Evangelischen Konvikt in Halle

In der Bibel gehen Groschen verloren, und Schafe werden gefunden, Söhne gehen verloren und werden wiedergefunden. Menschen werden als »verloren« bezeichnet, wenn sie sich selbst verloren haben. Und sich entfernt haben: von Gott.

Der Zöllner Zachäus ist so ein Mensch, der sich selbst verloren hat. Jesus geht ihm nach und sucht ihn (be-sucht ihn!), und durch diese Hilfe kann sich Zachäus wieder finden. Abschließend sagt Jesus diesen Satz: »Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.«

Aber ich meine, es geht beim »Verlieren« nicht nur um die großen Sünder oder die echten Sünden, sondern es geht auch um mein Gefühl, dass ich selbst irgendwie unterwegs verloren gegangen bin. Dass im normalen Alltagsleben meine Träume, meine Hoffnungen, ich selbst – irgendwie herunterfallen. Unbemerkt aus der Hosentasche rutschen wie ein verlorenes Geldstück. Dann muss ich zurückschauen und nachdenken: wo und wann ist das eigentlich passiert. Vermutlich muss ich sogar ein Stück Wegs zurückgehen, um mich selbst wieder zu finden. Zachäus hatte Hilfe von Jesus. Der hat ihn bei der Hand genommen und ist mit ihm nach Hause gegangen, wodurch sich Zachäus wieder gefunden hat.

Benedikt von Nursia, der Gründer des europäischen Mönchtums, gibt umgekehrt einen Rat: So wie wir sicher sein können, dass Gott uns sucht, bis er uns findet – so sollen wir uns unsererseits auf die Suche nach Gott machen. Nicht nur in der Kirche oder in der Bibel, sondern überall, in allen Dingen, in allen unseren Handlungen und Begegnungen, sollen wir Gott suchen – so wie er uns sucht.

Erik Dremel, Studienleiter im Evangelischen Konvikt in Halle

Klar. Verständlich. Hörbar. – Der stille Übersetzer

28. Mai 2016 von redaktionguh  
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Christus spricht zu seinen Jüngern: »Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.«

Lukas 10, Vers 16

Kennen Sie das Spiel »Stille Post«, bei dem einer dem anderen ein Wort ins Ohr flüstert und das dann in einem Kreis von der einen Person zur nächsten immer weitergegeben wird? Kleine Kinder können herzhaft darüber lachen, wenn aus einem Wort am Ende ein ganz anderes geworden ist.

Ramón Seliger, Vikar in Weimar

Ramón Seliger, Vikar in Weimar

Und wir Großen können dabei erkennen, wie schwierig es um das gegenseitige Verstehen bestellt ist. Hören und Verstehen ist eben kein Kinderspiel. Nicht alles, was ich sage, kommt beim anderen auch so an, wie ich es meine. Eine alltägliche Erfahrung.

Was aber heißt das für unsere Rede von Gott? Im Spruch für diese Woche sendet Christus seine Jünger, sendet er uns in die Welt, in alle Welt, wie es am Ende des Matthäusevangeliums heißt: Wer euch hört, der hört mich. Ein Zuspruch, aber auch ein Anspruch. Wie bei der Stillen Post gilt es, seine Botschaft von der Liebe Gottes weiterzugeben. Christus traut uns eine Menge zu.

Wie muss mein Reden beschaffen sein, damit mich die Menschen in einem weitgehend säkularisierten Umfeld verstehen können? Worin liegt meine Verantwortung für ihr Hören? Meine Rede von Christus muss hörbar sein. Sie muss verständlich sein und ausgehen von den Fragen und Nöten der Menschen in ihren verschiedenen Lebenslagen. Keine Fremdsprache, keine Antworten auf Fragen, die keiner stellt.In Christus ist Gott in unsere Welt gekommen. Er will hörbar sein. Um unseretwillen. Er hat sich nicht abgegrenzt, sondern ist zu den Zöllnern und Sündern und Ungläubigen gegangen. Hat ihre Sprache gesprochen, um gehört zu werden. Christi Auftrag ist Zuspruch und Anspruch. Als Christ habe ich einen Auftrag in dieser Welt: den Menschen die Liebe Gottes zu verkündigen. Klar. Verständlich. Hörbar. Dafür braucht es als stillen Übersetzer den Heiligen Geist und manchmal auch den Mut, sich nicht mit dem eigenen Reden zu begnügen, sondern auf das Hören und Verstehen des Gegenübers zu achten. Damit, wer uns hört, Christus hört.

Ramón Seliger, Vikar in Weimar

Die Reise nach Jerusalem

6. Februar 2016 von redaktionguh  
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Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Lukas 18, Vers 31

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem. Was muss ich sehen, um hinauf zu gehen? Reicht nicht, gehen? Muss ich sehen, um zu verstehen? Das bekannte Gruppenspiel »Die Reise nach Jerusalem« war schon in Kindertagen nicht unbedingt mein Favorit. Hier half vor allem Durchsetzungsvermögen und Ellenbogenmentalität. Einer nach dem anderen verlor seinen Anspruch auf Geborgenheit und Sitzplatz, – ein organisierter Streit um Heimatrecht und Bloßstellung der Nichtdazugehörigen. Am Ende blieb nur einer übrig. Der einsame Gewinner. Ach, Jerusalem, Findelkind Gottes, Tochter Zion, zukünftige Braut, wie viel Gewinner und Verlierer hast du schon gesehen? Wie viele Tränen, wie viel Blut der Schöpfung sind schon über Dich gekommen? Juden, Christen, Muslime haben ihren Kompass nach dir ausgerichtet. Mitten drin, Gott selbst, in Jesus aus Nazareth.

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein-Liebenrode

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein-Liebenrode

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem. Eine alte Route auf der Du uns, Jesus, an die Hand nimmst, mit Blick für das Verlorene und wieder zu Findende. Ein Weg, der uns zeigt, was uns geschenkt und anvertraut ist, uns lehrt und mahnt und von den letzten Dingen spricht. Ein Weg, auf dem Du alle Niederungen menschlicher Gewalt erleidest, durch Schmerz und Tod gehen musst, um Gottes Willen. Dein Weg. So schreiben die Propheten auch vom Menschensohn, dem (guten) Hirten. Dieser Weg lässt uns nicht unberührt. Deine Tränen, Jesus, über Jerusalem, nehmen uns in Verantwortung für die Versöhnung und den Frieden für die Heilige Stadt, die ohne den Frieden in der Welt nicht sein werden. Du hast uns hineingenommen in die Reise nach Jerusalem, – bist unser Reiseleiter. Und darum wissen wir, sie geht gut aus, die Reise. Ein neuer Spielplan ist gegeben. Der fehlende Platz ist nicht vorprogrammiert.

Wir kommen mit Jesus Hilfe an, und es wird himmlisch werden, wenn wir uns denn einander sehend, auf den Weg machen, nach Jerusalem.

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein-Liebenrode

Männermordende Jungfrau Maria?

21. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Theologie: Maria als Symbol für die Gleichwertigkeit der Geschlechter – ein Plädoyer für die Beibehaltung der Lehre von der Jungfrauengeburt

»Geboren von der Jungfrau Maria« ist wohl der umstrittenste und am meisten lächerlich gemachte Satz des Glaubensbekenntnisses. Ein evangelischer Theologe hält dagegen.

Wie stellen Sie sich Maria vor? Wie kommt Sie Ihnen ins Bild? Vor dem inneren Auge? Auf den allermeisten Bildern wird sie dargestellt als junge, gleichwohl gereifte Frau, die um ihre Verantwortung weiß. Mein Vater sagte immer, wenn er mit Respekt von einer Frauenpersönlichkeit sprach – zum Beispiel von der Mutter eines meiner besten Freunde, die neben diesem Freund noch zehn andere Kinder geboren hatte: »Frau N. N. kann für Mutter Maria Bild stehen!« Das hat meine Vorstellung von Maria geprägt. Aber genau darin haben Vater und Sohn geirrt.

Und wie: Denn wenn man der Weihnachtsgeschichte folgt, dann ist durch die Bezeichnung, die Maria bekommt und die Luther mit der Wendung »mit Maria seinem vertrauten Weibe« (Lukas 2,5) übersetzt, eins klar: »Vertraut« heißt »rechtsverbindlich verlobt«. Aber noch nicht »heimgeholt« ins Haus des Bräutigams. Maria war »verlobt« mit Josef. Das bedeutet: Er lebte mit ihr noch nicht in ehelicher Gemeinschaft von Tisch und Bett. Aber seine Verehelichung stand verbindlich an.

Nun war in der damaligen Zeit das Verlobungsalter, in dem Eltern die jeweilige Verlobung anzettelten und justiziabel machten, zehn bis dreizehn Jahre. Maria also war keine »reife Frau«. Sondern blutjung. Ein just herangewachsener weiblicher Mensch. In der Pubertät. Gerade entwickelt. Dem Alter nach etwas jünger als unsere Mädchen, die zur Konfirmation gehen. Jedenfalls noch am Anfang eines geschlechtsbewussten Lebens. »… und sie war schwanger.« Eine Katastrophe! Das war – so ein syrisches Sprichwort – »wie barfuß über Feuer, Dornen und Steine gehen«.

Und die Weihnachtsgeschichten bei Lukas und Matthäus sind darin geradezu überschwänglich, dass sie Maria als Jungfrau darstellen. Sie war also – sprechen wir es aus – eine sehr junge Frau, die noch nie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatte. Auch nicht mit Josef. Aber: »… sie war schwanger.«

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich:  Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem oben abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich: Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem unten abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Also: Jungfrauengeburt. Und das ist nun ein Glaubenssatz, zu dem in der Theologiegeschichte Reichliches gesagt, gezetert und dogmatisiert worden ist. Darüber liegt ein ganzer Theologenschutt. Lässt sich das »Glaubenssymbol« von der »Jungfrauengeburt« freilegen? Es bringt etwas Elementares zum Ausdruck: Gott selber ist in das Leben Marias eingezogen. Gott hat sie einzigartig einbezogen in die Geschichte seiner Zuwendung zur Welt und seiner Liebe zu den Menschen.

Der ewige Gott höchstselbst wird im Leib der Maria Mensch. Der Ewige zieht ein in Marias Körper, um geboren zu werden als Mensch in der Zeit. Als jemand von uns. Als Mitmensch. Und wie am Anfang aller Zeit, wie in der Schöpfung, geschieht hier die Erschaffung des Menschensohns ganz von Gott aus: »… geboren von der Jungfrau Maria.«

Und nun gibt es brisante Schlussfolgerungen aus der Lehre, dass in der Weihnacht, bei dieser Geburt am Anfang eines menschlichen Lebens, nicht der Mensch steht, sondern der ewige Gott: Hier, bei Maria, der Jungfrau, stehen nicht Klugheit, Frömmigkeit, schneidige Tüchtigkeit oder unwiderstehliches Begehren eines Mannes als auslösende Faktoren. Nicht der Mann ist die »Krone der Schöpfung«. Der verführerische Mann – hier spielt er nicht wie sonst bei so vielen gewollten und ungewollten Zeugungen die erste Geige. Er ist ausgeschaltet.
Das eher konservative Wochenmagazin »Focus« bringt es auf den Punkt, wenn es vor einiger Zeit eine Titelgeschichte über Maria so beschließt: »Maria mit dem Ei des Erlösers, das nach christlichem Glauben vom Heiligen Geist befruchtet wurde, birgt eine geradezu männermordende Botschaft: Man braucht die Kerle gar nicht. Das ganze Machogehabe ist aufgeplusterte Wichtigtuerei. Die Menschheit braucht die Männer nicht, um erlöst zu werden. Theologisch gesprochen: Die Kirche braucht nur Gott – und nichts dazwischen. Eine gefährliche These für den Bestand der Machos und ihres Klerus.« Im Ernst: Das Dogma von der Jungfrauengeburt ist wohl nicht gerade »männermordend«. Es ist aber Demütigung: die Demütigung des Mannes und all seiner Mächtigkeiten.

Und es ist Antwort auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter: Am Anfang (nach der alten biblischen Schöpfungsgeschichte) war der Mann das erste Werk des Schöpfers vor der Frau. Nun hat hier in der Zeitenwende, bei der Erschaffung des einen neuen Adam, zur Erlösung der Welt, die Frau das Primat: Vorrang und Vorrecht vor dem Mann. Hier steht sie im Vordergrund. In der Gestalt einer blutjungen Frau, in Maria, der Jungfrau. Also in einer Gestalt, die nicht wenige Männer so aufreizend finden, dass sie Frauen und dabei sich selber in ihrer Würde verletzen, schwer verletzen.

Maria jedoch steht dafür als Zeichen, dass es in der Schöpfung Gottes keine unterjochenden, demütigenden und verletzenden Begehrlichkeiten des Mannes geben darf. In diesem jungen Mädchen würde sich der Mann ja an Gott selber vergreifen. Sie steht aber auch dafür, dass es keine Unterwerfung und Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann geben darf, sondern nur – wirklich: nur! – Partnerschaft!

Der christliche Glaube geht nicht auf in Tatsachenspekulationen. Das Dogma von der jungfräulichen Zeugung ist ein wirkmächtiges Glaubenssymbol. Es hat in erster Linie und vor allem den Sinn, den souveränen Entschluss Gottes und das Einverständnis der einen Jungfrau zu bezeugen.Gott kommt nicht ohne uns zum Heil. In der Menschwerdung seines Sohnes rettet er die Welt und die Menschen aus ihrem Sumpf. Aber er sucht auch die Antwort, das verantwortliche Ja des Menschen, das Einverständnis, für das Maria als Vorbild gelten darf.

Wer sich nunmehr in dieser Sache in biologische Spekulationen über die Beschaffenheit des Unterleibs der Maria verliert, wer eine mögliche Vergewaltigung der Maria konstruiert oder sich in Annahmen hinsichtlich der Zeugungsfähigkeit des heiligen Josef ergeht, ist ein theologischer Einfaltspinsel.Was musste sich der arme Josef in der christlichen Bildergeschichte gefallen lassen! Wurde er doch oft als Greis gepinselt, damit auch niemand auf falsche Gedanken kommt.

Ich plädiere für die Beibehaltung und Ehre des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Im Nizänischen Glaubensbekenntnis – formuliert 325 nach Christi Geburt beim Konzil von Nizäa –
heißt es feierlich: »Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er« – nämlich der wahre Gott in seinem Sohn Jesus Christus – »vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Es ist dies die Substanz des hohen Symbols, des Dogmas von der Dreifaltigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, von der Menschwerdung Gottes durch die Kraft des Geistes im Kind von Bethlehem. Weihnachten ist auch die Feier des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Es ruft uns, Männern wie Frauen, mit Tiefsinn und Feierlichkeit zu: Wegen dieses einen Menschen bist du Gottes geliebtes Kind; eben um des Kindes willen, das die Jungfrau Maria zu Bethlehem in der Kraft des Geistes geboren hat – »wohl zu der halben Nacht«.

Rolf Wischnath

Prof. Dr. Rolf Wischnath (67) war Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt an der Universität Bielefeld Dogmatik.

Glaube wächst durch Teilen

1. August 2015 von redaktionguh  
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Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Lukas 12, Vers 48

Das musst du aber teilen!« Da reichte bei mir die Freude oft nicht, als Besuch uns damals noch kleinen Kindern etwas mitbrachte. Erst einmal war da große Freude. Doch dann: teilen. Nur die Hälfte behalten dürfen. Die Hälfte ist immer zu wenig, oder?

Christian Göbke, Pfarrer in Hamersleben

Christian Göbke, Pfarrer in Hamersleben

Schokoriegel oder Kuscheltiere teilen, das mag noch gehen. Der Spruch dieser Woche aber überfordert mich. Mir soll viel gegeben und anvertraut sein? Mein Gefühl sagt mir, dass das bisschen von dem, was ich habe, nun auch noch weggenommen werden soll. Beim Abgeben und Gefordert-Werden kommt keine Freude auf. Der Vers drängt mich, zunächst einmal über verschiedene materielle Güter nachzudenken.

Sicherlich haben manche mehr Güter als andere. An diesen Zustand haben wir uns gewöhnt. Hier solidarisch zu werden fängt jedoch nicht beim Geben an. Hinderlich sind oft genug die Gedanken, die dem anderen keine Unterstützung gönnen. »Man selbst hat schließlich auch niemals Hilfe erfahren«, sagen manche. Und die Logik ist dann: Wenn es mir schlecht gegangen ist, so ist es vollkommen in Ordnung, dass es anderen auch schlecht geht. Traurig, wenn solche Gedanken unser Denken prägen.

Viel gegeben und anvertraut sein. Wenn ich meinem Glauben nachspüre, dann trau ich mich oft gar nicht zu sagen, dass ich ihn mag. Eigentlich rede ich viel lieber vom Zweifeln und davon, dass mein Glaube schwach ist. Aber im Endeffekt merke ich, dass der Glaube in mein Leben gekommen ist wie ein Schatz. Er ist sehr zerbrechlich. So zerbrechlich wie wertvolle, filigrane Dinge eben sind.

Betrachte ich meinen Glauben an Jesus Christus als einen Schatz, den ich so vielen wie nur möglich zeige, dann erfüllt sich das Bibelwort aus dem Lukasevangelium von allein. Denn ich teile nur, was ich habe. So erfüllt es mich mit Freude, das Gegebene weiterzugeben und das Anvertraute bestimmungsgerecht zu verwalten.

Die Hälfte ist eben nicht zu wenig. Sondern der Glauben vermehrt sich dadurch, dass wir ihn teilen.

Christian Göbke, Pfarrer in Hamersleben

In einer Welt des täglichen Neuanfangs

20. Juni 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, Vers 10

Überrascht war die Öffentlichkeit inmitten von Jericho. Dabei waren die Dinge doch eigentlich klar. Jeder wusste ganz genau, wer gut und wer böse ist. Alles schien geregelt und festgelegt zu sein. Auch der Einzelne war in seiner Rolle festgelegt. Das war damals nicht anders als heute. Der Zöllner Zachäus gehörte zu den Bösen, zu den Geldeintreibern. Das war einer von der üblen Sorte. Darin waren sich alle einig. So ein Feindbild hat ja auch etwas Gutes. Was ist so schlecht daran, selbstgerecht zu sein? Fühlt sich doch gut an, oder? Warum nur wollte sich Zachäus nicht mit seiner ihm zugedachten Rolle abfinden? Warum hat er die Mühe auf sich genommen, auf einen Baum zu steigen? Vielleicht weil er ahnte, dass da jemand kommt, der Fragen stellt, der nach dem sucht, was verloren ist.

Marita Koerrenz, Pfarrerin und Dozentin für Religionspädagogik an der Universität Jena

Marita Koerrenz, Pfarrerin und Dozentin für Religionspädagogik an der Universität Jena

Was war verloren gegangen in Jericho? Vielleicht die Chance zu einem Neuanfang, vielleicht die Möglichkeit der Perspektivänderung. Jesus von Nazareth stellte die Dinge, die geregelt und festgelegt zu sein schienen, infrage. Er hat sich einladen lassen; er ist eingetreten in das Haus eines Zöllners, den die Mehrheit der Leute aus Jericho abgeschrieben hat. Und allein diese Zuwendung, diese ganz und gar ungewöhnliche Geste reichte aus, um aus dem verhassten Zachäus einen komplett anderen Menschen zu machen: »Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück« (Lukas 19, Vers 8 b).

Wie anders würde unsere Welt aussehen, wenn es mehr Menschen wie Zachäus geben würde? Doch wie anders würde unser eigenes Leben aussehen, wenn wir eine Chance der Veränderung bekommen würden und uns aus unserer festgelegten Rolle immer dann befreien könnten, wenn sie uns so einengt, dass wir nicht mehr der Mensch sein können, als den uns Gott gewollt hat: als einen Mensch, der jeden Tag neu anfangen darf.

Marita Koerrenz, Pfarrerin und Dozentin für Religionspädagogik an der Universität Jena

Fallen lassen in ein neues Leben

7. März 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Lukas 9, Vers 62

In den traditionellen Gewerken war es lange üblich, sich nach der Ausbildung für einige Jahre auf den Weg zu machen. Ohne festen Wohnsitz, ohne sicheres Einkommen, mit einem Silberohrring, der gerade so viel wert war, davon das Begräbnis zu bezahlen.

Die Walz will gut vorbereitet sein: Es braucht einen erfahrenen Gesellen, der die ersten Schritte mit geht. Der Haushalt muss aufgelöst, das Leben in Ordnung gebracht werden.

Dann ist er da: der Tag der Abreise. Der Geselle muss über das Ortsschild klettern und seiner Heimat für zwei Jahre und einen Tag den Rücken kehren. Freunde und Verwandte helfen dem Gesellen auf das Schild. »Hoch muss der Kerl! Bei uns soll er bleiben. Loslassen muss ich ihn! Halten will ich ihn. Festhalten und mit ihm alles, wie es war.«

Conrad Krannich, Vikar in Schmölln

Conrad Krannich, Vikar in Schmölln

Irgendwann sitzt er da oben: Bruder, Freund, Sohn. Noch kann er zurück. Kann herabsteigen und doch nicht einfach zurückgehen. Kann sitzen bleiben zwischen den Leben. Alles festhalten, wie es war?

Der Geselle auf dem Ortsschild. Bis hierher ist er gekommen; jetzt muss er weiter. Er schaut zurück, ein letztes Mal. Schaut herab. Überblickt, was war.

Es war einmal, und ist doch sein Leben: die Erlebnisse, die Menschen, die ihn zu dem gemacht haben, der er ist. Rückgrat. Rückenwind.

Dann klettert er nicht vom Schild herab. Er springt nicht herunter. Er schließt die Augen. Und lässt sich fallen – in die ausgebreiteten Hände seiner künftigen Weggefährten. Lässt sich fallen in sein neues Leben.

Nach vielen Schritten der Vorbereitung jetzt kein Schritt. Nach der mühsamen Kletterei jetzt keine Kraft. Und doch das Schwerste von allem: Loslassen, sich Fallenlassen.

Er fällt. Sie richten ihn auf. Damit er gar nicht versucht ist, sich noch einmal umzuschauen, hält ihm ein Geselle die Augen zu. Und dann zieht er los. Mit ihnen. Ohne uns. Ohne mich. »Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für
das Reich Gottes.«

Conrad Krannich, Vikar in Schmölln

Advent mit Spannkraft

7. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Lukas 21, Vers 28

Am Ende der Rede ein echtes Finale. Alle Perspektiven sind beleuchtet. Er ruft: »Seht auf und erhebt eure Häupter!« Einer Antwort kann ich mich nicht entziehen, alles in mir spricht: »Ja, ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.« – Worte des Psalms 121 bahnen sich in mir den Weg. Sie sind noch präsent. Mit jüdischen Schwestern und Brüdern betete ich den Psalm hebräisch und deutsch am Gedenktag der Novemberpogrome. Das ist noch nicht lange her. Es war die Suche – die Frage nach Trost: »Woher kommt mir Hilfe?« Ein Dialog zwischen den Tagen des alten Kirchenjahres und der Adventszeit entspinnt sich. Adventliche Psalmen und Halleluja-Verse mischen sich kräftig ein in dieses Gespräch meiner Gedanken.

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

Aufsehen – das ist das Kontinuum, was mich über den Wechsel des Kirchenjahres begleitet. Die Bitte um Trost ebenso wie die ermutigende Ausschau am zweiten Advent: Seht auf und erhebt eure Häupter.

Davon fühle ich mich angesprochen, weil der Wochenspruch sich nicht auf eine kleine Bewegung beschränkt, etwa nur auf einen Wimpernschlag. Den Blick kann ich durch eine Augenbewegung verändern; aber das Haupt, meinen Kopf erheben – das erfasst den ganzen Körper. Das habe ich erlebt, als ich bewusst den Liedruf des Wochenspruchs (EG 21) in einem Gottesdienst vernahm. Ich kann bis heute dem nachspüren, zuerst die langsame Bewegung des Kopfes nach oben, zugleich ziehen sich die Schultern nach hinten, das Rückgrat strafft sich. Der ganze Körper bekommt Spannung – der Atem geht frei, der Blick wird offen.

Das wünsche ich Ihnen für die zweite Adventswoche. Begegnen Sie den kommenden Tagen nicht mit geneigtem Haupt, sondern mit erhobenem Kopf, nicht mit hängenden Schultern, sondern mit Spannkraft, Energie und Freude. »Warum?«, fragt da jemand. »Warum sollte ich?« – »Jesus kommt«, möchte ich mit Hanns Dieter Hüschs Dezemberpsalm antworten. »Jesus kommt, schmück dein Gesicht. Mein Auge lacht und färbt sich voll mit Glück.«

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

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