Labsal für die Menschen

6. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Lutherdekade: Eisenach steht in diesem Jahr ganz im Zeichen des Themenjahres »Reformation und Musik«

Gründe zum Singen gibt es viele, in diesem Musik-Themenjahr vielleicht besonders zahlreiche – auch bei den Konzerten in Eisenach und anderswo. Foto: epd-bild

Gründe zum Singen gibt es viele, in diesem Musik-Themenjahr vielleicht besonders zahlreiche – auch bei den Konzerten in Eisenach und anderswo. Foto: epd-bild


Das Thema »Reformation und Musik« ist nicht nur eine klingende Hommage an den Reformator. Es rückt zugleich auch den reichen Schatz der protestantischen Kirchenmusik neu ins Bewusstsein.

»Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes, sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich.« So sah Luther die Bedeutung der Musik für die Menschen, für ihr Gemüt, ihren Glauben. Der Reformator war selbst ein Musizierender, hat viel Wert auf die Musik während der Gottesdienste gelegt. Das einfache Volk sollte nicht nur die Worte der Kirche, sondern auch die Musik im Gotteshaus verstehen und mit dem Glauben verbinden.

In der Sonderausstellung »Luthers Bilderbiografie« auf der Wartburg, die am 4. Mai eröffnet wird, werden die Stationen des Reformators auf Leinwandbildern gezeigt. Diese hatte Großherzog Carl Alexander 1872 in Auftrag gegeben und damit drei einstige Wohngemächer des Reformators herrichten lassen. Die Ausstattungen wurden nach 1952 zerstört, die aus 18 Leinwandbildern bestehende Luther-Bilderbiografie konnte jedoch gerettet werden und wird nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Ansonsten steht Eisenach ganz im Zeichen des Themenjahres »Reformation und Musik«. Bereits am Reformationstag des vergangenen Jahres war es in der Georgenkirche – in der Kirche, wo einst Martin Luther predigte und Johann Sebastian Bach getauft wurde – eröffnet worden. »Reformation und Musik« ist nicht nur eine klingende Hommage an den Reformator, sondern erinnert an den reichen Schatz der protestantischen Kirchenmusik und rückt ihn ins Bewusstsein.

Mit einer Fülle an Musikveranstaltungen, Kantaten-Gottesdiensten, Ausstellungen, Konzerten, Workshops wird man in Eisenach dem Themenjahr mehr als gerecht. Bis heute ist die Stadt am Fuße der Wartburg eng mit Musik und bedeutenden Komponisten verbunden. Im Mittelpunkt des musikalisch geprägten Themenjahres stehen neben Martin Luther auch Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann, die ebenso wie der Reformator eng mit der Wartburgstadt verbunden waren.

So schöpfte Johann Sebastian Bach, der 1685 in Eisenach geboren wurde, beim Komponieren tief aus seinem protestantisch geprägten Glauben. Mit zahlreichen Konzerten und Gottesdiensten im Rahmen der Thüringer Bachwochen (30. März bis 22. April) rückt das Schaffen des Komponisten in den Mittelpunkt.

Bach selbst vertonte 30 der 38 Kirchenlieder, die von Luther verfasst wurden, er beschäftigte sich auch mit theologischen Schriften Luthers. »Bach als Lutheraner« heißt deshalb ein Symposium mit Vorträgen, Konzerten, Gottesdiensten und Ausstellungen vom 24. bis zum 28. Februar, zu dem die mitteldeutsche Landeskirche und die Friedrich-Schiller-Universität Jena einladen.

Eisenach verfügt mit Wartburg, Lutherhaus, Bachhaus und Georgenkirche über bedeutende historische Stätten, die Reformation und Musik verflechten. Gerade die Georgenkirche – das bedeutende geistliche Zentrum der Stadt – wird immer wieder Veranstaltungsort sein. Hier werden unter anderen Kantaten zu Gehör gebracht, die Georg Philipp Telemann in seiner Eisenacher Zeit geschrieben hat.

Im Rahmen des Symposiums im Februar werden im Lutherhaus unter anderem Telemanns Kantaten-Textbücher ausgestellt. Der Komponist weilte von 1708 bis 1712 in der Stadt und schrieb während dieser Zeit ganze Zyklen von Kantaten, die in der Georgenkirche uraufgeführt wurden. Mit zahlreichen Veranstaltungen werden die 15. Eisenacher Telemann-Tage vom 7. bis 15. Juli in das Themenjahr der Lutherdekade eingebettet sein. Kantatengottesdieste, Telemann für Kinder, Konzerte, Literarisches zu Telemann werden in dieser besonderen Woche geboten.

Zu den hochkarätigen Veranstaltungen im Themenjahr »Reformation und Musik« gehören aber auch Aufführungen des Südthüringer Staatstheaters auf der Wartburg und im Landestheater Eisenach, Gottesdienste auf der Burg und die Wartburgkonzerte von Deutschlandradio Kultur.

Silvia Rost

www.eisenach.de

Wegmarke

5. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Lutherstatue
 
Nun soll es also eine Dachmarke richten. »Am Anfang war das Wort«, lautet das an ein Bibelwort angelehnte Motto, das die Lutherdekade bis zum Reformationsjubiläum 2017 begleiten wird. Nachdem die 2008 ausgerufene Dekade bislang nicht richtig in Schwung gekommen ist, setzen die Organisatoren nun auf eine Kampagne, die die verschiedenen Angebote zusammenbinden und die Aufmerksamkeit auf ein welthistorisches Ereignis lenken soll. Das ist vermutlich sogar sinnvoll, dürfte allein aber kaum ausreichen. So hat zuletzt selbst die Eröffnung des neuen Themenjahres »Reformation und Musik« in Eisenach keine wirklich große Resonanz erfahren.

Dabei bietet das Reformationsjubiläum jede Menge Anknüpfungspunkte. Egal ob man den Aufbruch Luthers als demokratischen Urknall nimmt, sein Bekenntnis hervorhebt oder die Betonung des eigenen Gewissens in den Mittelpunkt rückt – ohne Wissen um die durch die Reformation ausgelösten Umbrüche in Religion und Gesellschaft, Kunst und Politik bleibt manche Entwicklung bis heute unverständlich. Nicht umsonst setzt der Bund 35 Millionen Euro ein, um die Lutherstätten auf Vordermann zu bringen und so das Augenmerk auf diese besondere Wegmarke zu lenken. Auch das Potenzial ist durchaus da. Nach Angaben der Thüringer Tourismusgesellschaft wollen allein vier Millionen Luther-Touristen in den Freistaat kommen.

Doch um Inhalte zu transportieren, genügt es nicht, sich als Kernland der Reformation zu präsentieren und auf Werbung zu setzen. Sanierte Bauten und Großveranstaltungen sind sicher wichtig, aber eben nur Mittel zum Zweck. Für die Kirche des Wortes sollte zudem die inhaltliche Auseinandersetzung mit Luthers Erbe zählen. Dabei sind auch die Gemeinden vor Ort gefragt. Denn wenn es nicht gelingt, die Lutherdekade an der Basis zu verankern und von den üblichen Gedenkfeierlichkeiten abzuheben, nützt der ganze Aufwand nichts. Dann bleibt die Lutherdekade bestenfalls Stückwerk.

Martin Hanusch

Der lange Weg zu Luther

25. März 2011 von redaktionguh  
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Auch die Wartburg soll eine besondere Rolle im Rahmen der Lutherdekade spielen.	Foto: Jürgen Weidner/Fotolia.com

Auch die Wartburg soll eine besondere Rolle im Rahmen der Lutherdekade spielen. Foto: Jürgen Weidner/Fotolia.com


Reformationsdekade: Luther-Forum stellte Thüringens Vorbereitungen auf das 500-jährige Jubiläum des Thesenanschlags vor.


Wird 2017 lediglich ein Event oder gewinnt die Vorbereitungsphase auf das Jubiläum geistliche Tiefe? Mitte
März kamen Kirchenleute, Touristiker, Vereine und Politiker zu einem Luther-Forum in Erfurt zusammen.

Pilgerer zum Erfurter Augustinerkloster? Zunehmender Bedarf an Übernachtungsstätten? Lothar Schmelz war vor Jahren noch skeptisch: »Da kommt doch keiner!« Der Kurator sollte sich irren, und er tat es gern. Menschen zwischen 20 und 80 Jahren seien es, immer mehr, hat er erfahren, die sich auf den Weg ins Kloster, zu Luther, letztlich zu sich selbst machten. Ab Mai nun stehen ihnen in der Georgenburse – Luthers Studenten-Domizil – elf neue Pilgerschlafplätze entlang des Lutherweges zur Verfügung.

Es ist dies nur ein kleiner von inzwischen Dutzenden Bau- bzw. Pflastersteinen auf Thüringens Weg zum großen Reformationsjubiläum 2017. Von einem Weltereignis, anlässlich dessen viele auf Deutschland schauen würden, sprach Christoph Matschie, Thüringens Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, in der vergangenen Woche beim Luther-Forum im Erfurter Augustinerkloster. Einberufen worden war es als »Schaufenster für die Aktivitäten rund um die Reformationsdekade«, so Thomas A. Seidel. Bei ihm als Beauftragtem der Thüringer Landesregierung für »Luther 2017« laufen seit einem halben Jahr diverse Fäden zusammen, und so war das »Schaufenster« schon recht gut bestückt:

Von dem Vorhaben, Spalatin als »Steuermann der Reformation« in seiner Stadt per Ausstellung und mittels eines Spalatin-Weges stärker ins Bewusstsein zu rücken, berichtete der Altenburger Pfarrer Reinhard Kwaschik. Ein Lutherspiritual mit virtuellen Kulissen schwebt den Apoldaern in ihrer Lutherkirche vor. In Eisenach stehen besonders zwei Stätten im Mittelpunkt der Bemühungen um Luthers Erbe: Zum einen erhält das 1526 entstandene Lutherhaus einen neuen Anbau und wird sich 2015 mit der Ausstellung »Bibel und Bibelübersetzng« neu präsentieren. Zum anderen, so Superintendentin Martina Berlich, habe die Georgenkirche eine Innensanierung »bitter nötig«.

Eigentlich sei man zwischen Eisenach und Erfurt mit seinen vielen Lutherstätten ja nur ein »B-Standort«, bedauerte augenzwinkernd Superintendent Michael Lehmann für seine Stadt Gotha. Und doch haben die Gothaer einen Schatz gehoben: eine herzogliche Gesangbuchsammlung mit über 3.000 Büchern, anhand derer die Traditions­geschichte reformatorischen Liedguts nachgezeichnet werden könne. Die Themen der denkwürdigen Dekade in die Gemeinden zu bringen – bei Reformationsgeschichte vor Ort weiß Gott nicht nur deren strahlende Seite zu beleuchten – dies war Christiane Schulz vom Landeskirchenamt eminent wichtig.

Vor »Superstar-Veranstaltungen« warnte der Wittenberger Propst Siegfried Kasparick: »Wir dürfen mit den Dampfwalzen der Großevents nicht die kleinen Pflänzchen vor Ort kaputt machen.« Tatsächlich ginge es nicht nur um Museales für Gäste und Einheimische auf dem langen Weg zu Luther, sondern auch um geistige Tiefe. Genannt seien als Beispiel dafür die »Denkwege zu Luther«, die die Evangelische Akademie Thüringen jungen Leuten anbietet, aber auch die derzeitigen Augustinergespräche im Erfurter Kloster rund um »Reformation und Freiheit«. Vieles, so wurde deutlich, wird zu verknüpfen sein bis zum Jahr 2017: Impulse aus Gemeinden und Kommunen, länderübergreifen­de Projekte, Finanzierungsfragen. Immerhin sagte Matschie beim Forum schon 3,4 Millionen Euro seitens seiner Landesregierung zu.

Ganz im Sinne Luthers gab Kasparick den Thüringer Akteuren mit auf den Weg, einen Erfolg der Dekade auf keinen Fall erzwingen zu wollen. Bei aller Dynamik sei die Reformation vor 500 Jahren auch eine Bewegung gegen die »Beherrschbarkeit und Machbarkeit der Dinge« gewesen. Ihre geistliche Dimension münde in eine schlichte Erkenntnis: Wir vermögen nichts allein aus eigener Kraft.

Kathrin Schanze

Besser koordienieren

29. Oktober 2010 von redaktionguh  
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Comments Off

Der Kulturausschuss des Bundestages befasste sich Anfang Oktober mit der Lutherdekade. Patrick Kurth, FDP-Abgeordneter aus dem Kyffhäuserkreis, kritisierte die zu nationale Ausrichtung. Benjamin Lassiwe fragte nach.
 

patrick-kurthHerr Kurth, was erwarten Sie von der Lutherdekade?
Kurth: Ich würde mir einige unmittelbare und dringend nötige Schritte wünschen, um die Lutherdekade zu optimieren. Erstens ­bedarf es aus meiner Sicht einer verbesserten Koordination und Bündelung der einzelnen Akteure sowie deren Kompetenzen.
Zweitens müssen sich die Beteiligten breiter aufstellen, wobei die Aktivitäten Wittenbergs als Vorbild dienen sollten. Bisher weitgehend unberücksichtigt ist die weltumspannende Bedeutung und das damit verbundene touristische und wirtschaftliche Potenzial. Ich wünsche mir zudem, das Bewusstsein für das Jubiläum im Ausland zu stärken und die Öffentlichkeitsarbeit internationaler auszurichten.

Im Kulturausschuss haben Sie kritisiert, dass die Dekade zu akademisch und zu theologisch daherkomme. Was heißt das konkret?
Kurth: Das Thema Reformation ist aus wissenschaftlicher Sicht höchst bedeutsam und anspruchsvoll. Die theologische Bedeutung wird richtigerweise auf höchstem Niveau aufgearbeitet und präsentiert. Insgesamt fehlt aber eine ausreichende Berücksichtigung der wirtschaftlichen Aspekte und die enormen Chancen für die beteiligten Regionen. Es muss gerade auch um das Interesse von Personen und vor allem Jugendliche geworben werden, die bislang nicht tief in der Thematik verwurzelt sind.
Die Lutherdekade kann zudem für die Region als Signal der Einheit fungieren. Sie verbindet die drei Bundesländer Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Diese Verbundenheit gilt es, auch in Zukunft zu bewahren.

Wie steht die FDP zu den staatlichen Investitionen in die Dekade?
Kurth: Grundsätzlich begrüßt die FDP, dass die christlich-liberale Koalition es der Bundesregierung ermöglicht, nun in die Förderung von Projekten einzusteigen.
Natürlich darf es nicht bei dem Engagement des Bundes bleiben, vielmehr sind die beteiligten Länder, Kommunen und vor allem auch die Verbände, Kirchen sowie weitere beteiligte Institutionen und Personen gefordert, ihren Beitrag zum Gelingen der Lutherdekade zu leisten, nicht nur rein finanziell.

Welche Rolle soll Wittenberg in der Dekade spielen, und was erwarten Sie für die übrigen Lutherstätten?
Kurth: Die Lutherstadt Wittenberg ist ein herausragender Ort des Wirkens Martin Luthers. Augenscheinlich ist jedoch die Konzentration auf einen Ort nicht das Ergebnis einer entsprechenden Planung, sondern ist eher der Aktivität vor Ort zu verdanken. Eine solche aus Zufälligkeit und Sprunghaftigkeit entstehende Konzentration hilft nicht und ist Beleg für eine bisher mangelnde Gesamtkoordination.

Zielgerichtet

29. Oktober 2010 von redaktionguh  
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Angesichts dieses Traditionsabbruches wird es immer schwieriger, den Kindern und Jugendlichen überhaupt nahezubringen, was es mit der Reformation auf sich hat und wo deren Bedeutung liegt. Solange sie mit dem 31. Oktober eher das Gruselfest Halloween verbinden, bleibt hier noch viel zu tun. (Foto: Paul Bodea/SCX)

Angesichts dieses Traditionsabbruches wird es immer schwieriger, den Kindern und Jugendlichen überhaupt nahezubringen, was es mit der Reformation auf sich hat und wo deren Bedeutung liegt. Solange sie mit dem 31. Oktober eher das Gruselfest Halloween verbinden, bleibt hier noch viel zu tun. (Foto: Paul Bodea/SCX)

Dekaden hat es zuletzt einige gegeben, mit teils mäßigem Erfolg wie im Falle der Dekade zur Überwindung von Gewalt. Bei der Lutherdekade soll das nun anders werden. Hier erwarten die Kirchen eine deutlich größere Resonanz, auch weil das Vorhaben mit dem Reformationsjubiläum 2017 ein klares Ziel hat. Ein Selbstläufer ist die Lutherdekade indes nicht.

Derzeit geht es vor allem um bauliche Fragen und die touristische Vermarktung des Jubiläums. Die sind zweifellos auch wichtig, aber nicht allein ausschlaggebend. Was nützen sanierte Lutherstätten, wenn sich niemand mehr für den Reformator und die bleibende Bedeutung seiner Erkenntnisse interessiert?

Zu Recht mehren sich deshalb die Stimmen derer, die fordern, dass das Reformationsjubiläum und die vorangehende Lutherdekade mehr sein sollten als reine Geschichtspflege. Die Erinnerung an die Reformation müsse eine geistige und geistliche Bewegung sein, die Kultur und Gesellschaft erfasst, forderte jüngst die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr. Denn die Freiheit des Gewissens und der Vorrang des Einzelnen seien keineswegs Themen von gestern.

Im Gegenteil.

Auch der Einspruch gegenüber einer Gesellschaft, in der das Geld dominiert, ist hochaktuell. Doch um diese Bedeutung hervorzuheben, bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung aller. Die Lutherdekade ist eben nicht nur ­etwas für Spezialisten.

Die Herausforderungen liegen jedenfalls auf der Hand. Gerade im Stammland der Reformation steckt nicht nur die evangelische Kirche in einer schwierigen Situation. Wenn in Städten wie Halle oder Magdeburg die Zahl der Christen unter zehn Prozent gerutscht ist, müssten eigentlich alle Alarmglocken schrillen.

Angesichts dieses Traditionsabbruches wird es immer schwieriger, den Kindern und Jugendlichen überhaupt nahezubringen, was es mit der Reformation auf sich hat und wo deren Bedeutung liegt. Solange sie mit dem 31. Oktober eher das Gruselfest Halloween verbinden, bleibt hier noch viel zu tun.

Martin Hanusch

Genug gemeinsame Themen

23. Dezember 2009 von redaktionguh  
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Friedrich Weber, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, sprach in Halle/S. über Ökumene

Prof. Dr. Friedrich Weber ist seit 2004 Braunschweiger Landesbischof und seit März 2004 ACK-Vorsitzender (Foto: landeskirche-braunschweig.de)

Prof. Dr. Friedrich Weber ist seit 2004 Braunschweiger Landesbischof und seit März 2004 ACK-Vorsitzender (Foto: landeskirche-braunschweig.de)

»Wir kümmern uns nicht mehr darum«, sagt der Mann in der ersten Reihe. Was er meint, ist weder resignativ noch ignorant: Er spricht über Glaubensvollzüge in seiner gemischt-konfessionellen Ehe und über die Tatsache, dass es sehr wohl möglich ist, sich den jeweiligen kirchlichen Gepflogenheiten anzupassen. Für Friedrich Weber, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und Bischof der Braunschweiger Landeskirche eine zweigeteilte Botschaft, die sich da an seinen Vortrag im »Montagsgespräch« in der Paulusgemeinde in Halle anschließt. So lobt der Bischof zum einen den unverkrampften Umgang an der Basis und mahnt zum anderen an, dass Ökumene auch die Reflexion und das Wissen um das Trennende und Verbindende braucht.

Weber hatte sich für diesen Abend des 14. Dezember vorgenommen, die Ökumene auf dem Weg der Lutherdekade bis 2017 zu beschreiben. Kenntnisreich und detailliert fasste der ACK-Vorsitzende die Ereignisse, Papiere und Gespräche der vergangenen zehn Jahre zusammen, gab Insiderwissen preis und eigene Erlebnisse zum Besten. Was die Lutherdekade betrifft – da scheint in den verschiedenen Programmen und Schwerpunktjahren kein Platz für die Ökumene. Ohne allzu kritisch mit der eigenen Kirche umzugehen, macht Weber keinen Hehl daraus, dass er hier Chancen verpasst sieht. Er bedient sich einer Äußerung des Magdeburger katholischen Bischofs Gerhard Feige, der bei den Protestanten angefragt habe, ob keiner daran gedacht hätte, dass die Lutherdekade bis 2017 auch etwas mit der katholischen Kirche im Reformationsland zu tun haben könnte. »Ein ernsthaft verärgerter Bischof – zu Recht«, sagt der evangelische Amtsbruder.

Bricht eine neue Eiszeit in der Ökumene an? Die zurückliegenden Jahre zeigen viele Ereignisse und vor allem Papiere, die den Eindruck begründen. Seit 2001 hat die katholische Kirche einige Äußerungen getan, die den gemeinsamen Ökumene-Bemühungen deutlich entgegenstehen. Ein nicht autorisierter Brief aus dem Kirchenamt der EKD in Hannover hat wiederum für Unmut gesorgt. Das Papier wurde zwar zurückgezogen, dann aber anonym in Zeitungen lanciert. Stoff für einen Roman über internationale Verwicklungen. Obendrein gibt es jetzt mit Margot Käßmann eine geschiedene Frau als EKD-Ratsvorsitzende. Äußert da die Russisch-Orthodoxe Kirche laut, was die Katholiken nur denken – dass man mit einer Frau an der protestantischen Spitze nicht reden könne?

Friedrich Weber schlägt bewusst und offenbar in großer Einigkeit mit dem vatikanischen Ökumene-Beauftragen Kardinal Walter Kasper andere Töne an. Da werden gezielt die Erfolge und Gemeinsamkeiten betont. »Wir vergessen, was wir erreicht haben – das ist die eigentliche Gefahr für die Ökumene«, sagt Weber in Halle. Oder auch dies: »Kann man in Deutschland über die eigene Konfession reden in Absehung der anderen Konfession?« Die Annäherung werde nicht über die Frage der Eucharistie gelingen, schätzt Weber nüchtern ein, wohl aber über das Gemeinsame im Glaubensbekenntnis, über die Taufe und die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die katholische und evangelische Kirche 1999 unterzeichnet haben. Weber macht den etwa 50 Zuhörern aus evangelischen und katholischen Gemeinden der Saalestadt den Vorschlag, für die jeweils andere Konfession zu beten: »Wofür ich bete, das ist für mich wichtig.«

Die nahe Zukunft birgt genügend gemeinsame Themen für die Ökumene in Deutschland. Das parallele Schrumpfen, der Traditions- und Wissensverlust in den jüngeren Generationen, Struktur- und Nachwuchsprobleme in den Amtskirchen, gemeinsame Nutzung von Sakralräumen – auch Not macht verbindend erfinderisch. In der Außenwahrnehmung einer säkularen Gesellschaft gewinnt Ökumene noch eine andere Dimension: »Wir leiden an den Schwächen der jeweils anderen und wir müssen lernen, uns an den Stärken der anderen zu freuen.«

Frieder Weigmann