Es fängt gerade erst an

6. November 2017 von redaktionguh  
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Die Lutherdekade ist vorbei, die Erinnerung an die Zeit der Reformation noch lange nicht. Im Kurtheater Bad Liebenstein zeigen sie »Luthers Entführung«.

Zehn Themenjahre lang hat es allerorts und in aller Weise geluthert. Nun ist es gut mit der Lutherei. »Keineswegs!«, sagen sie in Bad Liebenstein (Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach). Denn sie haben gerade erst angefangen mit der Erinnerung an Reformation und Kirchenspaltung.

Wer Christian Storch, dem Intendanten des Bad Liebensteiner Kurtheaters, zuhört, der glaubt zunächst einmal, sich verhört zu haben. Er spricht von der Mitte der Luther-Dekade, von vier verbleibenden Jahren, für die sie etwas Besonderes suchten für die Stadt. Aber man hat ganz richtig gehört. Mögen die anderen des Thesenanschlags in Wittenberg anno 1517 gedenken, der mehr Legende als Fakt ist. In dieser Region haben sie ihr eigenes Reformations-Ereignis – die Entführung Martin Luthers im Jahr 1521.

Es war am späten Nachmittag des 4. Mai 1521. Nach einem Aufenthalt in Möhra, dem Stammort der Familie Luther, hat sich die Reisegruppe um den Reformator wieder auf den Weg gemacht. Von Worms sind sie zurückgekehrt, vom Reichstag, wo man Luther für vogelfrei erklärt hat. Sein Leben ist in Gefahr – und es scheint ernst zu werden, als die Gruppe im Glasbachgrund bei Steinbach nahe Bad Liebenstein von vermummten Reitern überfallen wird. Schreie sind zu hören; was folgt, ist Geschichte.

Luther-Darsteller Jethro D. Gründer ist zugleich auch Autor und Regisseur des Stücks. Foto: Heiko Matz

Luther-Darsteller Jethro D. Gründer ist zugleich auch Autor und Regisseur des Stücks. Foto: Heiko Matz

Luther wird im geheimen Auftrag seines Landesherrn, Friedrich dem Weisen, auf die Wartburg gebracht. Dort übersetzt er inkognito als Junker Jörg in nur elf Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Der neue Glaube erstarkt, zehn Jahre später wird sich in Schmalkalden ein Bund aus neugläubigen Fürsten und Reichsstädten gründen, um ihn zu verteidigen. Die Entführung als Schlüsselereignis für die Sache der Reformation – davon wollen sie in Bad Liebenstein erzählen; im Jahr 2017 und in den folgenden Jahren bis 2021. Dafür wurde eigens ein Theaterstück in Auftrag gegeben, das die hiesige Historie in den Mittelpunkt stellt, dem Verbürgten aber noch Liebe und Humor als Zutaten beigibt.

So war es gewünscht und so hat es Jethro D. Gründer für das Kurtheater geschrieben. Der Titel des Schauspiels: »Luthers Entführung«. Ende September war die Uraufführung zu sehen. Nun gibt es zwei weitere Vorstellungen.
Gründer, der sich mit seiner Idee erst in einem Wettbewerb durchsetzen musste, ist mit der Luther-Thematik bestens vertraut. Zunächst war er am Landestheater Eisenach als Schauspieler engagiert, dann rief er mit Oliver Nedelmann das »freie eisenacher burgtheater« ins Leben. Für die Eigenproduktion des Kurtheaters dramatisierte er jetzt nicht nur den bekannten Stoff, sondern verantwortet auch die Regie und übernahm die Hauptrolle, Martin Luther also.

Dem wiederfährt auf der Theaterbühne so einiges, das nicht in den Geschichtsbüchern nachzulesen ist.

Histörchen mit schwer zu bestimmendem Wahrheitsgehalt wurden aufgenommen, vor allem aber eine frei erfundene Liebelei. Diese hat Luther mit einer gewissen Katharina, aber nicht jener von Bora, die er heiraten wird, sondern einer gleichnamigen entfernten Cousine aus Möhra. Die spendet dem Reformator zärtlich Trost, der auf der Wartburg von hartem Stuhlgang und Einsamkeit gleichermaßen gequält wird.

Friederike Ziegler hat die Partie der Cousine Katharina übernommen, der dritte Hauptdarsteller ist Lutz Schwarze. Er ist als Luthers Vater und in weiteren Rollen zu sehen. Mit den drei Profis stehen noch 38 weitere Akteure auf der Bühne – der Kinderchor aus Barchfeld, etliche Statisten und viele spielfreudige Bürger aus Bad Liebenstein und Bad Salzungen, aus Möhra, Steinbach und anderen nahen Orten.

Es ist eine aufwendige Schauspiel-Produktion. Das Bühnenbild haben sie schlicht gehalten, die Kostüme – teils vom Theater Eisenach geliehen – dafür prächtig gewählt. Und es gibt viel zu lachen, sagt Intendant Christian Storch.

Susann Winkel

17./18. November, 19.30 Uhr, Kurtheater Bad Liebenstein. Karten: Bad Liebenstein Information, Telefon (03 69 61) 6 93 20, oder online: www.luthers-entführung.de

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Denkwege zu Luther

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Jugendbildungsprojekt der Reformationsdekade beendet


Sie sollten eine Verbindung schaffen zwischen den Problemstellungen der Reformationszeit und dem, was junge Menschen heute umtreibt. Die »Denkwege zu Luther« waren das einzige Jugendbildungsprojekt der Lutherdekade in ganz Deutschland. Am vergangenen Freitag fand die letzte Präsentation in der Eisenacher Nikolaikirche statt.

Dafür kamen Gymnasiasten aus Bayern und Thüringen in den Tagen zuvor in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg zusammen, um sich gemeinsam dem Motto »Entscheide dich! Die Qual der Wahl – Schwierigkeiten mit der Freiheit« zu stellen. Ihnen wurde Zeit und Raum gegeben um über ihre Lebenserfahrungen zu reden, die der anderen zu verstehen und eigene Texte zu verfassen.

Philosophische Fragerunde: Ehrliche Antworten von Unterstützern ihres Projektes erhielten die Schüler aus Gotha und Coburg. Foto: Mirjam Petermann

Philosophische Fragerunde: Ehrliche Antworten von Unterstützern ihres Projektes erhielten die Schüler aus Gotha und Coburg. Foto: Mirjam Petermann

Die Resultate ihrer Gedankengänge präsentierten die Schülerinnen und Schüler vor einem kleinem Publikum – ihren Mitschülern und ausgewählten Gästen, die allesamt Unterstützer und Verbündete des Projekts waren. »Wer bin ich?«, »Wer will ich sein?«, »Bin ich frei?«; das waren Einstiegsfragen einer Gruppe von Elf- und Zwölf-Klässlern, die sie zu Martin Luthers Zitat »Nur wer sich entscheidet, existiert« führte. Weiter gingen ihre philosophischen Betrachtungen mit der Frage, was unsere Entscheidungen prägt, wie es um Luthers Entscheidungen stand und wie sie persönlich überhaupt sinnvoll Entscheidungen treffen können – beispielsweise die Berufswahl – ohne überhaupt alle Folgen erahnen zu können. Die Quintessenz ihres gedanklichen Diskurses lautete schließlich: »Wir sind frei in Entscheidungen, aber gezwungen sie zu treffen.«

Bereits seit drei Jahren kooperieren das Ernestinum Gotha und das Casimirianum Coburg im Rahmen der Denkwege als »Ost-West-Tandem-Projekt«, um gemeinsam voneinander zu lernen. Dreimal trafen sich dabei, zumeist wechselnde, Schülerinnen und Schüler zu einer Projektwoche. Das bundesweite Jugendbildungsprojekt »Denkwege zu Luther« wurde von den Evangelischen Akademien Sachsen-Anhalt und Thüringen zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums in der Lutherdekade 2009 gestartet. In philosophischen und theologischen Gesprächen, durch kulturell-künstlerische Themenzugänge, beim thematischen Geocaching oder in Musik- und Schreibwerkstätten erschlossen sich Jugendliche Grundfragen der religiösen Dimension menschlichen Daseins und erarbeiten sich ein Grundverständnis für den bis heute wirkungsvollen historischen Aufbruch der Reformationszeit. Seit dem Projektbeginn wurden 430 Seminartage mit insgesamt 3 400 Jugendlichen und 2 100 Multi­plikatoren realisiert. Ab 2011 konnte das Projekt in größeren Dimensionen umgesetzt werden, da es seitdem von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wurde.

»Es war ein Leuchtturmprojekt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), mit dem wir uns oft geschmückt haben«, sagte die Projektleiterin der Lutherdekade Christiane Schulz nach den Projektvorstellungen der Schüler am Freitag in Eisenach. Da die Förderung im Dezember 2017 endet, wird das Projekt seine Arbeit einstellen. Ähnliche Jugendbildungsprojekte soll es dennoch auch in Zukunft in der EKM geben.

Mirjam Petermann

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Ideen aus den Kirchenkreisen

22. Mai 2017 von redaktionguh  
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Bugenhagenhaus: EKM auf der »Weltausstellung Reformation«

Mit Ausstellungen, Vorträgen und Filmvorführungen ist auch die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands auf der »Weltausstellung Reformation« präsent. Vom
20. Mai bis 10. September sind Kirchenkreise und Werke der EKM Teil des Reformationssommers, sagte Adelheid Ebel vom EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum in Wittenberg. Im Bugenhagenhaus neben der Stadtkirche stellt sich die Landeskirche vor.

»Die Idee eines Ausstellungsorts für die EKM geht auf Propst Siegfried Kasparick zurück«, erinnert Adelheid Ebel an den im vergangenen Jahr verstorbenen Ökumene- und Reformationsbeauftragten der mitteldeutschen Landeskirche. Gemeinsam mit Christiane Schulz, Leiterin der landeskirchlichen Geschäftsstelle für die Lutherdekade, hat Adelheid Ebel diese Idee umgesetzt. Das Programm ist angelehnt an die 16 Themenwochen der »Weltausstellung Reformation«, die mittwochs beginnen und bis Montag dauern; dienstags ist die Weltausstellung geschlossen.

Adelheid Ebel, EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum im Bugenhagenhaus. Foto: Thomas Klitzsch

Adelheid Ebel, EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum im Bugenhagenhaus. Foto: Thomas Klitzsch

Den Auftakt in der Festwoche vom 20. bis 29. Mai macht die von Landesbischöfin Ilse Junkermann zum Reformationsjubiläum angestoßene Initiative »Offene Kirche« sowie das Querdenker-Projekt von Kirche und Internationaler Bauausstellung in Thüringen. In der sich anschließenden Europa-Woche rücken die Beziehungen der EKM zu ihren europäischen Partnern in den Fokus. In der Ökumene-Woche ab 7. Juni präsentiert sich das Lothar-Kreyssig-Ökumene-Zen­trum, und der Kirchenkreis Bad Liebenwerda wird schildern, wie Ökumene im Elbe-Elster-Land gelebt wird. Mitte August heißt die Themenwoche »Bibel und Bild«: Dann werden im Bugenhagenhaus der Kirchenkreis Weimar mit seiner Kinderbibel, die Kunstgutbeauftragte der EKM und die Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut in der Kirchenprovinz Sachsen das Programm gestalten. In den Blick genommen werden dabei Kinderbilder des Reformationszeitalters.

Auch die Evangelischen Frauen, die Evangelische Erwachsenenbildung, die Schulstiftung, viele Kirchenkreise aus Nord und Süd sowie die Erprobungsräume stellen sich im Verlauf der Weltausstellung im Bugenhagenhaus vor. »Die vielen Ideen zeugen von der Fülle unserer Landeskirche«, freut sich Adelheid Ebel über die Vielfalt der kommenden Wochen.

Katja Schmidtke

Überzeugungsarbeit notwendig

23. Januar 2017 von redaktionguh  
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Mitteldeutsche Landeskirche stellt Schwerpunkte
der Arbeit im Reformationsjahr vor

Zum traditionellen Kamin-Gespräch hatten die Landesbischöfin sowie die Präsidentin und die Dezernenten des Landeskirchenamtes Vertreter der Medien in Sachsen-Anhalt nach Magdeburg und einen Tag später thüringer Journalisten nach Erfurt eingeladen. Dass die Besucher ohne knisterndes Kaminfeuer auskommen mussten, lag daran, dass in Magdeburg wegen des großen Interesses das Gespräch in einen größeren Raum verlegt werden musste. In Erfurt gibt es gar keinen Kamin.

Rund 14 Millionen Euro für Lutherdekade
Die Vorbereitungen auf das 500. Reformationsjubiläum in diesem Jahr bildeten den Schwerpunkt der Abende. Rund 14 Millionen Euro gibt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für die sogenannte Lutherdekade aus. Davon fließen acht Millionen Euro in Investitionen – wie Bau- und Restaurierungsvorhaben in den Lutherstädten Eisleben und Wittenberg sowie in Mansfeld oder Weimar. Bis Ende November 2016 wurden bereits 6,66 Millionen Euro vergeben. Durch Eigenmittel der Kirchenkreise und -gemeinden sowie Drittmittel – beispielsweise von Bund, Ländern oder Stiftungen – wird hier ein Gesamtprojektvolumen von knapp 57,8 Millionen Euro erreicht.

Gut gerüstet geht die EKM ins Reformationsjahr. Die Kirchenleitung schaut aber bereits auf die Zeit nach 2017: (von links) Landesbischöfin Ilse Junkermann, Oberkirchenrätin Martina Klein, Oberkirchenrat Michael Lehmann, Präsidentin Brigitte Andrae, Oberkirchenrat Stefan Große und Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel im Landeskirchenamt in Erfurt. – Foto: Adrienne Uebbing

Gut gerüstet geht die EKM ins Reformationsjahr. Die Kirchenleitung schaut aber bereits auf die Zeit nach 2017: (von links) Landesbischöfin Ilse Junkermann, Oberkirchenrätin Martina Klein, Oberkirchenrat Michael Lehmann, Präsidentin Brigitte Andrae, Oberkirchenrat Stefan Große und Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel im Landeskirchenamt in Erfurt. – Foto: Adrienne Uebbing

Nachhaltige Investitionen für Kirchengemeinden
In Projektförderungen fließen knapp 1,4 Millionen Euro. Ein Beispiel hierfür ist die Ausbildung von Gästebegleitern zur Lutherdekade mit dem Titel »Lutherfinder«. Im Vorfeld der Dekade hatte die EKM eine interne Projektliste mit 55 kirchlichen Vorhaben erstellt. Kriterien waren nicht nur die reformationsgeschichtliche Bedeutung, sondern auch Standortkonzepte, Fördermöglichkeiten, Eigeninitiativen oder Folgekosten. Für die »Kirchentage auf dem Weg« in Erfurt, Halle und Eisleben, Jena und Weimar sowie Magdeburg und weitere Beiträge zum Reformationsjubiläum sind rund 3,4 Millionen Euro veranschlagt, für das EKM-Projektbüro »Reformationsjubiläum« knapp 1,3 Millionen. Landesbischöfin Ilse Junkermann sagte, dass durch die restaurierten Gebäude und Kunstwerke etwas Bleibendes in den Gemeinden entstanden sei.

Von dem im Herbst 2015 anvisierten Ziel, 2017 fast alle Kirchen und Kapellen in der EKM zu öffnen, müsse sie abrücken. »Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig«, so die Landesbischöfin. Die Entscheidung, wie lange eine Kirche geöffnet werde, fälle der jeweilige Gemeindekirchenrat. Aber das »fällt zum Teil sehr, sehr schwer«.

Ernüchterndes Ergebnis vorgestellt
Der Stand 2015: Nur etwa drei Prozent der 4030 Kirchen und Kapellen waren »verlässlich geöffnet«; weitere zwölf Prozent wurden auf Verlangen auf- und wieder zugeschlossen. Angst vor Vandalismus und Diebstahl spiele eine große Rolle. Die Rückmeldungen einer Umfrage vom Oktober 2016 (mit nur acht Prozent Beteiligung) ergaben unter anderem, dass 34 Prozent der Kirchen geöffnet sind, die Hälfte jedoch nur im Sommer. Für die Landesbischöfin ein ernüchterndes Ergebnis. Ilse Junkermann will aber weiter für die Kirchenöffnung werben und hofft hier auf eine Art »Welleneffekt«, basierend auf Überzeugungsarbeit, Beratungsangeboten und guten Erfahrungen.

Angela Stoye

Weltbürgerin Reformation

2. November 2015 von redaktionguh  
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Am Reforma­tionstag eröffnen wir das letzte Themenjahr der Lutherdekade in Straßburg, in der elsässischen Partnerkirche, am Sitz des Europaparlamentes. Das passt gut, denn sein Leitwort lautet »Reformation und die Eine Welt«. Dabei wird deutlich werden: Auch wenn Luthers Weltbild »von den neuen Welten seltsam unberührt« blieb, wie sein Biograf Heinz Schilling schreibt, so sind doch seine Ideen in aller Welt aufgenommen worden.

Deshalb ist der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Vorbereitung des Reformationsjubi­läums 2017 besonders wichtig, dass es sich nicht um ein deutsches Luthergedenken handelt. Nein, Reformation sehen wir heute als breiten Prozess, der schon mit John Wyclif in England und Jan Hus in Böhmen begann, der auch geprägt wurde von Johannes Calvin und Ulrich Zwingli. Gemeinsam mit den Partnerkirchen wollen wir bedenken, was damals seinen Anfang nahm; fragen, was das heute bedeutet, und feiern, dass wir uns ökumenisch über konfes­sionelle und nationale Grenzen verbunden wissen.

Auf zweierlei Weise wird das sichtbar werden. Zum einen durch einen »Europäischen Stationenweg«, der am 31. Oktober 2016 beginnt und in 67 Städten in Europa fragt: Was ist heute bei euch reformatorisch in Kirche und Staat, wo brauchen wir Reformen für die Zukunft? Zum anderen durch eine »Weltausstellung Reformation«, die von Mai bis September 2017 in Wittenberg zeigen wird, wie Reformation heute in aller Welt gelebt wird. Kirchen aus aller Welt werden sich daran beteiligen und zeigen: Die Reformation ist Weltbürgerin geworden!

Margot Käßmann

Die Autorin ist Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum.

Weimar und Luther

6. April 2015 von redaktionguh  
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Noch ist das kleine Büro am Weimarer Herderplatz recht übersichtlich, in den Regalen reichlich Platz. Denn die Stelle eines Beauftragten für die Reformationsdekade im Kirchenkreis Weimar ist erst seit dem 1. März besetzt. Aus einer großen Zahl von Bewerbern hat der Kirchenkreis André Poppowitsch ausgewählt. Der 1979 in Saalfeld geborene Poppowitsch lebt in Jena, ist dort in der Kirchengemeinde aktiv – im Gemeindekirchenrat und qualifizierten Lektorendienst. Hier hatte er auch studiert – Politikwissenschaft, Soziologie und Neuere Geschichte.

André Poppowitsch Foto: Dietlind Steinhöfel

André Poppowitsch. Foto: Dietlind Steinhöfel

»Ich finde es spannend, Jena und Weimar sozusagen als Doppelstadt auf den Kirchentag 2017 vorzubereiten. Meine Vision ist es, diesen ›Kirchentag auf dem Weg‹ hier zu einem Glaubensfest werden zu lassen, das Menschen zur Begegnung mit dem christlichen Glauben einlädt«, sagt er. Vom Glauben erzählen ist dem Referenten wichtig, ist er doch selbst in einem nichtchristlichen Umfeld aufgewachsen und hatte sich erst mit 18 Jahren in Saalfeld taufen lassen.

Bereits seit zweieinhalb Jahren arbeitet Poppo­witsch für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Im Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der EKM war er unter anderem an den Vorbereitungen der Kampagne »Sie haben die Wahl« und der Gemeindekirchenratswahlen 2013 beteiligt. Zudem wirkte er im Vorfeld des Mitteldeutschen Kirchentages in Jena im September vor drei Jahren im Kirchentagsbüro mit.

Weimar sieht der Beauftragte als einen geschichtsträchtigen Ort im Kernland der Reformation, der mehr zu bieten hat als Goethe und Schiller. »Luther predigte mehrfach in Weimar, beide Cranachs wirkten in der Stadt. Ich möchte den Menschen die Reformationsgeschichte und ihre Zeugnisse in Weimar nahebringen und erfahrbar machen.« Neben der Mitwirkung an der Vorbereitung des »Kirchentages auf dem Weg« wird André Poppowitsch Veranstaltungen im Rahmen der Lutherdekade organisieren und begleiten, Projekte von Kirchengemeinden in diesem Zusammenhang unterstützen, Kontakte zu Partnern wie Stadt und Kirchenkreis knüpfen, in Netzwerken mitarbeiten.

Dietlind Steinhöfel

E-Mail <andre.poppowitsch@kirchenkreis-weimar.de>

Keine leuchtenden Vorbilder

28. Januar 2013 von redaktionguh  
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Lutherdekade: Am 18. Januar wurde das Themenjahr »Reformation und Toleranz« in Waltershausen eröffnet

Im Zuge der Reformation gab es furchtbare Irrwege, wie bei der Eröffnung des Themenjahres in Thüringen deutlich wurde.

Sechs Kerzen flackern am 18. Januar im Altarraum der Waltershäuser Stadtkirche, daneben sechs rote Rosen. Sie erinnern an sechs Opfer religiöser Intoleranz. Einer Intoleranz, ausgerechnet von den Vertretern der jungen neuen Glaubenslehre der Reformation, die für sich die Freiheit des Gewissens in Anspruch nahmen. Eine Freiheit, die sie anderen durchaus nicht gewährten. Am 18. Januar 1530 wurden im nahen Reinhardsbrunn zwei Männer und vier Frauen hingerichtet, weil sie sich zur Erwachsenentaufe bekannten: der Auftakt zu einer heftigen Verfolgung der sogenannten Wiedertäufer, die noch manches Todesopfer forderte. »Da haben wir uns was eingebrockt«, sagte der Thüringer Kultusminister und bekennende Protestant Christoph Matschie. Und meinte voller Doppeldeutigkeit sowohl die Geschichte als auch das aktuelle Themenjahr »Reformation und Toleranz« im Rahmen der Reformationsdekade. Dieses wurde am vergangenen Freitag mit einem Gottesdienst vom Land Thüringen gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in Waltershausen eröffnet.

Mahnung zur Toleranz: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Thüringens Kultusminister Christoph Matschie enthüllen vor dem Zentrum für spirituellen Tourismus eine Stele für die sechs im Jahre 1530 hingerichteten Täufer aus Zella-Mehlis. Foto: Harald Krille

Mahnung zur Toleranz: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Thüringens Kultusminister Christoph Matschie enthüllen vor dem Zentrum für spirituellen Tourismus eine Stele für die sechs im Jahre 1530 hingerichteten Täufer aus Zella-Mehlis. Foto: Harald Krille

Nein, die Reformatoren waren gewiss keine leuchtenden Vorbilder der Toleranz. Auch wenn, wie Matschie betonte, in der Folge ihres Auftretens ein Prozess in Gang kam, der letztlich auch zur Pluralität der religiösen Bekenntnisse führte. Da war beispielsweise der unter anderem in Gotha wirkende lutherische Theologe und Reformator Friedrich Myconius. Er führte die Verhöre der sechs aus Zella-Mehlis stammenden Wiedertäufer. Weil ihm ob der von der weltlichen Obrigkeit verhängten Todesstrafe Zweifel kamen, wandte er sich nach Wittenberg an Philipp Melanchthon. Doch dieser beruhigte Myconius und rechtfertigte im Namen der Reformation den Tod für »Ketzer«.

»Ein furchtbarer Irrweg mit verheerenden Folgen«, nannte Landesbischöfin Ilse Junkermann die »im Kampf um die Wahrheit« zutage getretene Unduldsamkeit gegen Täufer, andere Abweichler und Juden. Die Antwort der Kirche heute könne deshalb nur ein Schuldbekenntnis sein. Und die Verpflichtung zur Toleranz. Die aber bedeute nicht, keine eigenen Überzeugungen zu haben, wohl aber der Überzeugung anderer »mit wohlwollendem Respekt« zu begegnen.

Nach dem Gottesdienst wurde im Beisein mennonitischer Christen, die sich als Nachfolger der Täuferbewegung sehen, in Reinhardsbrunn eine Gedenkstele enthüllt. Wolfgang Kraus von der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland nannte dabei die Opfer der damaligen Verfolgung wahrhafte »ökumenische Heilige«. Er beklagte zugleich die bis heute anhaltende Marginalisierung dieser von ihm als »Ecclesiozid« bezeichneten Vernichtung der Täuferbewegung. Sie spiele weder im Geschichts- noch im Religionsunterricht an den Schulen eine Rolle.

In einer Frage waren sich alle Beteiligten einig. Keine Toleranz könne es gegenüber Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus geben. Doch in diesem Zusammenhang öffnet sich bereits die nächste schmerzende Wunde der jüngeren Kirchengeschichte: Ab 25. Januar ist im Landtag in Erfurt die Ausstellung »Gratwanderung« zu sehen. Sie widmet sich der Geschichte des 1939 in Eise­nach gegründeten kirchlichen »Ent­judungsinstituts«. Dessen akademischer Leiter, der Jenaer »Professor für Neues Testament und Völkische Theologie« Walter Grundmann, konn­te nach dem Krieg seine Tätigkeit als theologischer Lehrer in der thüringischen Kirche fast nahtlos fortsetzen.

Harald Krille

Buntes Fest an der Wiege Anhalts

30. Mai 2012 von redaktionguh  
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Kirchentag: Die Besucher in der Harzstadt Ballenstedt erwartet ein vielfältiges Programm

Einer der Höhepunkte des Jubiläumsjahres »Anhalt 800« rückt näher. Am 9. und 10. Juni ist Ballenstedt Gastgeberin für den neunten anhaltischen Landeskirchentag.

Rund 2500 Besucher werden zu dem Fest rund um das Schloss erwartet. Es steht unter dem Motto »Ein’ feste Burg«. Das ist durchaus doppeldeutig gemeint. Denn im Themenjahr der Lutherdekade »Reformation und Musik« spielt es erstens auf einen Psalm und den berühmten Lutherchoral »Ein’ feste Burg ist unser Gott« an. Zweitens erinnert es an die mittelalterliche Burgruine Anhalt hoch über dem Selketal, welche dem Land den Namen gab.

Pfarrer Theodor Hering (Ballenstedt), Pfarrerin Anke Dittrich (Harzgerode), Kirchenpräsident Joachim Liebig, Bettina Fügemann, Leiterin des Ballenstedter Bürgeramtes, und Kirchenmusiker Eckart Rittweger (Gernrode) laden stellvertretend für alle Mitwirkenden zum Landeskirchentag ein.  Foto: Jürgen Meusel

Pfarrer Theodor Hering (Ballenstedt), Pfarrerin Anke Dittrich (Harzgerode), Kirchenpräsident Joachim Liebig, Bettina Fügemann, Leiterin des Ballenstedter Bürgeramtes, und Kirchenmusiker Eckart Rittweger (Gernrode) laden stellvertretend für alle Mitwirkenden zum Landeskirchentag ein. Foto: Jürgen Meusel

»Es lag nahe, an die Wiege Anhalts zurückzugehen«, sagt Kirchenpräsident Joachim Liebig am 16. Mai in Ballenstedt bei der Vorstellung des Programms. Er freut sich, dass zum Kirchentag nicht nur Besucher aus Partnerkirchen kommen sondern in ökumenischer Offenheit auch aus anderen Konfessionen. Prominente Gäste sind unter anderem der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), die Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige, der Braunschweiger Bischof Friedrich Weber und Bischof Trevor Williams von der Church of Ireland.

»Der anhaltische Kirchentag ist auch für unsere Stadt ein wichtiger Höhepunkt im Jubiläumsjahr ›Anhalt 800‹«, auf den man stolz sei, sagt Bettina Fügemann. Die Leiterin des Bürgeramtes der Stadt lobt die außergewöhnlich gute Zusammenarbeit. Sie betont: »Wir wollen mit dem Fest neben den Christen auch Menschen ansprechen, die der Kirche weniger verbunden sind.«

Der amtierende Kreisoberpfarrer Theodor Hering hofft auf einen »Kirchentag in gelassener Fröhlichkeit«, der »Orientierung des Glaubens in einer mobilen Welt geben soll«. Pfarrerin Anke Dittrich aus Harzgerode, die für den Markt der Möglichkeiten zuständig ist, ist schon jetzt überrascht. Mit 30 bis 40 Stände-Anmeldungen hatte sie gerechnet, jetzt sind es »74 Stände und 318 laufende Meter«. Zudem gib es auf der kleinen Marktbühne ein wechselndes Programm, und auf der großen Wiese am Modell der Burg Anhalt Angebote der »Familienkirche« für die jüngsten Besucher. »Ich hoffe, dass sich der Markt zu einem Ort entwickelt, wo man über Gott und die Welt reden kann.«

Schon am 9. Juni steht Ballenstedt-Besuchern mit der Aufführung von Händels Oratorium »Der Messias« im Schlosshof ein erster Höhepunkt bevor (17 Uhr). Seit Wochen probt der Gernröder Kirchenmusiker Eckart Rittweger mit rund 200 Sängerinnen und Sängern, die sich zu einem Mitmach-Chor vereinigen und von einem Orchester begleitet werden. Zudem gibt es am Sonnabend unter dem Motto »Wie groß soll eine Kirche sein?« eine Tagung, bei der über Kirchen und ihre Organisationsformen diskutiert werden soll.

Angela Stoye

Vollständiges Programm im Internet:
www.anhaltischer-kirchentag.de

Informationen und Anmeldung zur Tagung bei Kornelia Pietsch im Landeskirchenamt, Telefon (0340)2526210 oder E-Mail <kornelia.pietsch@kircheanhalt.de>

Stärker auf Schüler einstellen

14. Mai 2012 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Interview: Kultusminister Stephan Dorgerloh über die Vorzüge der Gemeinschaftsschule und neue Ansätze in der Lutherdekade

Bis zu seinem Wechsel in die Politik vor einem Jahr war Stephan Dorgerloh Lutherbeauftragter des Rates der EKD. Jetzt äußert sich Sachsen-Anhalts Kultusminister zu den Herausforderungen in der Bildungspolitik und im Blick auf das Reformationsjubiläum:

Das Reformationsjubiläum fest im Blick: Stephan Dorgerloh Foto: epd-bild

Das Reformationsjubiläum fest im Blick: Stephan Dorgerloh Foto: epd-bild

Herr Minister, nach der jüngsten Bertelsmann-Studie zur Chancengerechtigkeit in der Schule hat keines der Bundesländer durchweg gut abgeschnitten. Stößt der Föderalismus hier an seine Grenzen?
Dorgerloh:
Deutschland hat insgesamt beim Thema »Bildungsgerechtigkeit« großen Nachholbedarf. Das betrifft z. B. das ganze Thema »Inklusion«. Wie können Kinder mit Förderbedarf und Behinderung und Kinder ohne Förderbedarf gemeinsam lernen? Und dazu kommt die Grundsatzfrage: Wie gehen wir mit den unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen der Kinder um, sind aber trotzdem gemeinsam in der Schule unterwegs? Das sind große Herausforderungen. Von daher stehen die verschiedenen Bildungsansätze der Bundesländer auch im Wettbewerb um beste Lösungen. Darüber hinaus gilt: Was in Bayern mit seiner hohen Migrantenquote erfolgreich läuft, muss in Sachsen-Anhalt noch lange nicht funktionieren.

Was können andere Länder von Sachsen-Anhalt lernen?
Dorgerloh:
Bei uns ist der Bereich des produktiven Lernens vielfach ein Aushängeschild. Dabei fangen wir durch praktische Arbeit Schüler auf, die die Schule ansonsten ohne Abschluss verlassen würden. Auch die flexible Schuleingangsphase in der Grundschule, wo Schüler unterschiedlich schnell die nötigen Kompetenzen erlernen, läuft immer besser. Und natürlich gehört perspektivisch die Gemeinschaftsschule dazu, die ein längeres gemeinsames Lernen ermöglichen soll.

Ist das wirklich ein geeignetes Instrument, um Ungerechtigkeiten in der Bildung zu vermeiden?
Dorgerloh:
Wir haben heute eine große Leistungsspreizung in allen Schulformen. Diese Verschiedenartigkeit der Kinder dürfen wir aber nicht als Bedrohung empfinden, sondern müssen unterschiedliche Lernformen und -anforderungen als Bereicherung für die Schule begreifen. Das heißt aber auch, sich neue Gedanken über Schule und Unterricht zu machen. Der entscheidende Punkt ist, dass wir zu einer stärkeren Schülerorientierung kommen. Also die Frage lautet nicht: Ist dieser Schüler der richtige für meine Schulform, sondern wie kann sich die Schule auf den Schüler einstellen? Das ist der große Mentalitätswechsel, an dem wir gegenwärtig arbeiten. Das Kind, so wie es zu uns kommt, gilt es anzunehmen.

Stichwort Wertebildung. In der ganzen Bildungsdiskussion geht es fast ausschließlich um die Kernfächer. Greift das nicht ein bisschen kurz?
Dorgerloh:
Ja, das ist zu kurz gegriffen, da gehört deutlich mehr dazu. Die Wertefragen lassen sich zu Recht nicht nur auf den Unterricht  beschränken. Da spielen viele außerschulische Faktoren mit hinein, aber zum Beispiel auch die Frage des Schulklimas. Wie gehen die Schüler miteinander um, wie wird Toleranz an der Schule gelebt, ist die Schule ein gewaltfreier Lebensort etc.? Für den Themenkreis »Orientierung und Maßstäbe des Lebens« ist nicht nur ein Schulfach zuständig.

Welche Rolle kann dabei der Religionsunterricht spielen?
Dorgerloh:
Der Religions- und der Ethikunterricht sind Kristallisationspunkte und Impulsgeber, aber auch Katalysatoren. Zunächst ist der Religionsunterricht ein besonders profilierter Raum, um über die Fragen des Himmels und der Erde aus religiöser Perspektive zu reden, aber auch seine eigene Position dazu einzubringen. Darüber hinaus darf in einer postmodernen Welt das Thema Religion nicht aus der Schule herausgehalten werden. Wenn wir uns die globalen Entwicklungen ansehen, ist die Welt heute ohne ein vertieftes Verständnis darüber, was Religion ist und bewirkt, gar nicht mehr verstehbar, geschweige denn verständlich.

Und wie sieht es konkret bei der Versorgung mit Religionsunterricht in Sachsen-Anhalt aus?
Dorgerloh:
Nach einem aktuellen Bericht wird derzeit an 74 Prozent der allgemeinbildenden und 40,7 Prozent der Berufsschulen evangelischer Religionsunterricht erteilt. Wenn wir zehn Jahre zurückblicken, ist das schon eine Erfolgsgeschichte. Auch bei den Schülerzahlen verzeichnen wir einen Zuwachs. So nehmen gegenwärtig 18,2 Prozent der Schüler am evangelischen Religionsunterricht teil. Richtig ist aber auch, dass wir an den berufsbildenden Schulen Nachholbedarf haben. Da bin ich noch nicht zufrieden.

Was muss passieren, damit es weiter vorangeht?
Dorgerloh:
Hier brauchen wir zusätzliche Lehrerstellen und müssen das entsprechend eintakten. Aber wir benötigen auch Unterstützung vor Ort, damit die Nachfrage wächst. Es ist immer schwierig, so ein Fach von oben zu verordnen.

»Denkwege zu Luther« heißt ein Gemeinschaftsprojekt mit Thüringen. Ist das eine Form, junge Leute an das Thema heranzuführen?
Dorgerloh:
Mir ist es wichtig, dass wir auch junge Leute für das Reformationsjubiläum interessieren. Es braucht dazu eine größere Offenheit und andere Zugänge. Es geht ja nicht nur um die Person Luthers, sondern in der Reformation spiegelt sich eine Zeitenwende, die unser Miteinander von Staat und Kirche, Bildung und Freiheit, Fragen von Religion und Toleranz bis heute bestimmen. Um das in einer Region zu klären, wo die Kirchenferne der Normalfall ist, brauchen wir neue Ansätze. Jetzt müssen wir daran arbeiten, dass wir solche Projekte, in denen Jugendliche sich mehrere Tage mit Luther und der Reformation auseinandersetzen, nicht nur für die gymnasiale Oberstufe anbieten, sondern möglichst auch für Sekundar- und Berufsschulen.

Bisher dominiert in der öffentlichen Wahrnehmung der Lutherdekade vor allem die touristische Erschließung. Kommt die inhaltliche Auseinandersetzung da nicht zu kurz?
Dorgerloh:
Das glaube ich nicht, denn hinter jedem Bauprojekt steht ein inhaltliches Konzept. So wollen wir das Augusteum in Wittenberg umgestalten, weil wir neben der Dauerausstellung im Lutherhaus Platz schaffen wollen für neue spannende Auseinandersetzungen mit der Reformation in ihrer ganzen Breite. In Mansfeld wiederum werden wir entdecken, aus welcher Region und welchem Milieu der Reformator stammt und wie Menschen im 16. Jahrhundert gelebt haben. Bauen heißt inhaltlichen Schwerpunkten Raum geben.
Außerdem möchten wir für die Luthertouristen aus aller Welt gute Gastgeber sein. Dazu gehören attraktive Orte. Dass dadurch die regionale Wirtschaft gestärkt wird, ist für ein Land wie Sachsen-Anhalt auch wichtig. Da denken wir zu Recht kulturtouristisch.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Kirchen?
Dorgerloh:
Mit der mitteldeutschen Kirche gibt es eine lange erprobte, gute Zusammenarbeit – nicht nur im Blick auf die Lutherstätten und das Jubiläum. Auch mit der EKD haben wir eine ganze Reihe an Vorhaben, wo wir eng zusammenarbeiten.
Nun muss es darum gehen, an dem Prozess bis 2017 möglichst viele zu beteiligen, die Kommunen und Länder, die Landeskirchen und die Zivilgesellschaft. Dabei kann aber nicht einer die Linie vorgeben und alle anderen laufen hinterher. Wir müssen gemeinsam überlegen, wie wir mit Bezug auf die Besonderheiten der jeweiligen Region die Schwerpunkte setzen. Die Reformation im Rheinland ist doch völlig anders verlaufen als in Anhalt. Deshalb glaube ich, dass wir den Reichtum der Kirchen und der verschiedenen Ansätze wie auch die Ideen der unterschiedlichen Akteure brauchen. Schließlich ist das protestantische Prinzip ja ein basisdemokratisches und kein zentralistisches.

Halbzeit

4. Mai 2012 von redaktionguh  
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Es ist fast Halbzeit bei der Lutherdekade. Seit 2008 laufen die Vorbereitungen im Blick auf das große Reformationsjubiläum. Mit der Einführung von Margot Käßmann als Lutherbotschafterin hat die EKD jetzt erneut ein Signal gesetzt, dass sie intensiv für das Jubiläum werben und den Inhalt transportieren will. Deren wichtigste Aufgabe dürfte es nun sein, die ­Botschaft der Reformatoren in die Gegenwart zu übersetzen. Was ­bedeutet Freiheit unter heutigen Bedingungen, was heißt Toleranz und was hat uns die Rechtfertigungslehre noch zu sagen? Ist das alles Schnee von gestern oder weiter ­aktuell? Denn zuallererst muss es darum gehen, ein Bewusstsein ­dafür zu wecken, dass dieses welthistorische Ereignis bis in unsere Tage nachwirkt.

Margot Käßmann – Foto: wikimedia.org

Margot Käßmann – Foto: wikimedia.org

Dass die frühere Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende das kann, hat sie schon mehrfach bewiesen. Bei ihrer Einführung etwa rief sie die Christen ganz im reformatorischen Sinn dazu auf, »selbst zu denken« und sich gegen jedwede Ausprägung des Fundamentalismus zu stellen. Angesichts der gegenwärtigen Tendenz, dass Religion immer stärker mit Intoleranz und auch Gewalt in Verbindung gebracht wird, ist das eine höchst aktuelle Botschaft. Einen ökumenischen Akzent hat sie zudem bei der Einweihung des Taufzentrums in Eisleben gesetzt. Schließlich würden Christen nur einmal in die eine Kirche Jesu Christi hineingetauft.

Ein Anfang ist also gemacht. Doch bis zum eigentlichen Reformationsjubiläum im Jahr 2017 bleibt noch viel zu tun. Jetzt muss Margot Käßmann beweisen, dass sie nicht nur punktuell die Massen begeistert, sondern dass es ihr ­gelingt, über fünf Jahre den Spannungsbogen hochzuhalten. Allein wird sie das kaum meistern können. Sie braucht deshalb Unterstützung auch von anderer Seite. Damit das Reformationsjubiläum mehr wird als eine Geschichtsstunde, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Eine Halbzeit, selbst wenn sie fünf Jahre dauert, ist dafür nicht viel Zeit.

Martin Hanusch

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