Aus besonderem Holz geschnitzt

19. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Lutherbuche: Steinbacher Kirchengemeinde ist stolz auf hölzerne Sitzgelegenheit

Dass die Steinbacher überzeugte Lutheraner waren, beweist die Geschichte. Nach einem verheerenden Brand im Jahre 1533, der fast alle Häuser und die Kirche vernichtete, war es das Gotteshaus, das die Bewohner als erstes wieder errichteten und schon 1536 einweihen konnten. Michael Leyh wurde als Maler erkoren, der die außergewöhnliche Wand- und Deckenmalerei entwarf und die Engel mit frohen Gesichtern und den Leidensweg Christi anders darstellte als in den meisten Kirchen üblich.

Außergewöhnlich wie die Kirche, das sind auch die Steinbacher. Einer davon ist Franz Malsch, der als »Mann für alle Fälle« auch über den Ruhestand hinaus von Ideen und geschichtlichem Wissen nur so sprudelt. Er ist es auch, der allen Zweiflern entgegentritt, die über den tatsächlichen Ort der Gefangennahme Luthers immer wieder neue Thesen entwerfen.

Die Buche nämlich, an der Martin Luther im Auftrag von Friedrich des Weisen zum Schein gefangen und dem Schlosshauptmann der Wartburg übergeben wurde, stand genau dort, wo wir Thüringer sie immer vermuteten. An dem Ort, an dem 1983 eine Nachfolgerin gepflanzt wurde und gedeiht. Der für Luther verhängnisvolle Baum fiel am 18. Juli 1841 einem orkanartigen Sturm zum Opfer, der mit einer Sonnenfinsternis einherging. Aus dem Holz entstanden Gebrauchsgegenstände, und dank des damaligen Pfarrers Johannes Ortmann stehen heute noch unterhalb der Burg in Bad Liebenstein lauter kleine Lutherbuchen. Er hatte nämlich vorausschauend Samen gesammelt und daraus Setzlinge wachsen lassen, die er dort pflanzte.

Franz Malsch zeigt die Orginialbelege zum Verbleib des Holzes der Luther­buche, dahinter zu sehen die Stühle für die Konfirmanden, die aus der Lutherbuche gefertigt worden waren. Foto: Susanne Reinhardt

Franz Malsch zeigt die Orginialbelege zum Verbleib des Holzes der Luther­buche, dahinter zu sehen die Stühle für die Konfirmanden, die aus der Lutherbuche gefertigt worden waren. Foto: Susanne Reinhardt

Andreas Malsch, genannt »Spitzersch Ress«, ein Steinbacher Naturbursche und Schreiner, hatte die Buche bereits 1760 gekauft, um sie vor der Verarbeitung zu Brennholz zu retten. Seine Erben galten als Retter der Lutherbuche. Es war ein Fest, als sie das nun getrocknete Holz unter großen Brimborium nach Steinbach brachten, wo es im Sägewerk zu langen Bohlen verarbeitet wurde. Anschließend kamen diese zum Trocknen auf den Schulboden und ein Teil auf den Kirchboden. Fünf Klafter Holz und dreißig Wellen Reisig blieben von dem einst riesigen Baum übrig. Aus den Bohlen wurden 1842 von einheimischen Handwerkern für die damals sieben Konfirmanden Stühle gemacht, die bis heute in der Sakristei der Kirche stehen.

Den Nachweis für die Echtheit, dass die Stühle wirklich aus der Lutherbuche entstanden sind, findet man an den Unterseiten der Sitze. Dort erkennt man deutlich den entsprechenden Vermerk und das Steinbacher Kirchensiegel aus der Zeit von 1842. Die Konfirmanden fertigten Lutherbilder an, die an den Rücklehnen aufgedruckt und nach wie vor gut erhalten sind. Auch Becher, Butterformen, Leuchter, Schneiderellen, Nadelbüchsen und Salzstreuer wurden aus der Lutherbuche gefertigt. Der damalige Pfarrer Ortmann hatte alles bis aufs Kleinste schriftlich festgehalten. Franz Malsch ist es nun zu verdanken, dass diese Briefe, Rechnungen und Listen nicht in Vergessenheit geraten. Mit Unterstützung der 93-jährigen Lydia Herrmann aus Schweina wurden die in Sütterlin geschriebenen Aufzeichnungen säuberlich übersetzt und gemeinsam mit allen Dokumenten in einer kleinen Ausstellung zum Nachlesen und Anschauen untergebracht.

Susanne Reinhardt

Jetzt wird’s schmalkaldisch!

25. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Reformations-Ausstellung zeigt aktuelle Arbeiten Thüringer Künstler in der FBF-Galerie

Zu Beginn ein kleines Gedanken­experiment, eine Reise zurück in das Jahr 1537. Jene Familie, die in besagtem Jahr in der Gillersgasse 2 in Schmalkalden, gleich hinter der Stadtkirche St. Georg, gelebt hat, dürfte durch die Fenster des urigen Fachwerkhauses des Öfteren Martin Luther gesehen haben. Durch einen Seiteneingang gelangte der Reformator in die Paramenten-Kammer über der Sakristei, wo er sich in den kalten Februartagen während der Morgengottesdienste aufwärmen konnte.

Die Lutherstube gibt es immer noch im 480. Jahr nach der größten Tagung des Schmalkaldischen Bundes, als Luther sein geistliches Testament in Artikelform vorstellte. Ebenso blieb das rote Fachwerkhaus erhalten. Dort ist seit August 2010 die FBF-Galerie untergebracht, deren besonderes Augenmerk den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Kunst gilt. Wer heute den großen Lichthof im Obergeschoss des Mittelalterbaus betritt, der richtet seinen Blick abermals auf den Reformator.

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Die neue Sonderausstellung heißt im Kurzen »Schmalkaldisch. Protestantisch« – und im umso längeren Untertitel »Zeitgeschichtliche Reflexionen zu Martin Luther 2017. Malereien, Grafiken, Collagen, Reliefs und Skulpturen«. Aber es kommt ohnehin mehr auf den Kurztitel an. Der soll lautmalerisch auf die Schmalkaldischen Artikel verweisen. Theologisch ein echtes Pfund, mit dem sich im Jubiläumsjahr 2017 wuchern lassen sollte. Touristisch allerdings eher Randnotiz. Weshalb es klug ist, die Schau der Flut an Jubiläumsbeiträgen voranzustellen. Noch ist die Aufmerksamkeit größer.

Die von Norbert Krah und dem Verein der Forschungs- und Bildungs-Fördergesellschaft (FBF) ist nicht kunsthistorisch konzipiert, sondern fußt auf einem weit zu fassenden Thema. Diesmal waren Thüringer Künstler aufgefordert, sich im lutherischen Geist mit aktuellen Problemen zu befassen. Ein Bezug zu Luthers Artikeln? Ist eher nicht auszumachen.

Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit
Der Auftrag brachte Arbeiten hervor, die sich um Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit drehen. Etwa das Grafikblatt »Moschee am Lutherweg« von Edmond Garn aus Floh-Seligenthal oder die drei Digital-Collagen des Meiningers Dietrich Ziebart, die an die Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik erinnern: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

So weit, so schlüssig: Mithilfe der Werke, die sich unten im Vortragsraum und oben auf der Galerieebene verteilen, wird eine ästhetisch anregende Atmosphäre geschaffen, die nutzbar ist für Vorträge, Gespräche, Debatten. Ein Reigen an Begleitveranstaltungen ist geplant.

Hier nun löst sich die Ausgangsidee in Beliebigkeit auf. Neben den Werken, die nach der Themenvorgabe für diese Ausstellung entstanden sind, ist allerhand zu sehen, was irgendwie mit Luther zu tun hat. Zum Beispiel eine ganze Reihe Flugschriften aus dem 16. Jahrhundert, Nachdrucke von Werken der beiden Cranachs oder von Hans Holbein dem Jüngeren, die polemisch mal für, mal wider den Reformator Partei ergreifen. Dazu Grafiken aus einer Mappe von 14 DDR-Künstlern, die 1983 anlässlich des 500. Geburtstags von Luther herausgegeben wurde. Zudem einige Kaltnadelradierungen zur Reformation vom Maler und Grafiker Harald R. Gratz (Schmalkalden), datiert auf das Jahr 2008.

Wer nun als Besucher beim Betrachten dieser Fülle ein Déjà-vu-Erlebnis hat (frz.: »schon gesehen«), der irrt nicht: Zahlreiche Exponate entstammen der 2012 gezeigten FBF-Ausstellung »Ich bin so frei«. Damals wurde an die Verkündung der Schmalkaldischen Artikel vor 475 Jahren erinnert und von einem guten Dutzend hiesiger Künstler die Verbreitung von Luthers Glaubenslehre in 50 Variationen dargestellt. Nun sind weitere dazugekommen.

Norbert Krah und die Mitstreiter der FBF-Galerie bieten Künstlern der Region eine Plattform zur Präsentation ihrer Arbeiten, geben selber Werke in Auftrag, kaufen kontinuierlich für ihre Sammlung an. So wird viel Schönes möglich, aufwendige Kunstbücher ebenso wie die Fertigung von Glasfenstern für die Galerie von Wolfgang Nickel, die dort verbleiben können.

Susann Winkel

»Schmalkaldisch. Protestantisch« ist bis Ende Juni in der FBF-Galerie Schmalkalden zu sehen, Führungen auf Anfrage, E-Mail <prof.dr.n.krah@gmx.de>