Wo Martin Luther auch war

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Testfahrt: Zerbst gehört von Anfang an zum Lutherweg in Sachsen-Anhalt. Der 2008 eröffnete Pilgerweg ist 2017 um einen Abzweig nach Magdeburg verlängert worden. Zu sehen gibt es einiges. Manchmal muss man raten.

Hier stehe ich und weiß nicht weiter. Nur zu gern würde ich im Dorf Schora in den Weg einbiegen, der mich weiter in Richtung Lübs und Elbe führt. Doch das letzte Lutherweg-Schild, ein altertümliches grünes L auf weißem Grund, habe ich am Stadtrand von Zerbst gesehen. So lege ich in der Ortsmitte eine Pause ein: am 2007 eingeweihten Gedenkort für die 1945 kriegszerstörte Kirche, von der nur eine Glocke übrig blieb. Zweimal schon bin ich, von Zerbst über die Dörfer Töppel und Moritz kommend, in Schora falsch abgebogen. Ein drittes Mal brauche ich das nicht. Aufs Navi habe ich (warum nur?) verzichtet – und das habe ich jetzt davon.

Streifzug durch eine alte Kirchenlandschaft

Bislang bildete Zerbst den Scheitelpunkt der Nordroute des Lutherweges. Seit diesem Frühjahr ließe sich die Stadt, die als erste in Anhalt ab 1522 die Reformation einführte, als Knotenpunkt bezeichnen. Denn der Lutherweg in Sachsen-Anhalt mit den Polen Eisleben im Westen und Wittenberg im Osten ist ab Zerbst in Richtung Magdeburg verlängert auf Wegen, die Martin Luther mit einiger Sicherheit einmal gegangen ist. Bei meiner Testfahrt mit dem Rad lasse ich diesmal einen Besuch der Zerbster Lutherorte aus. Vorbei an der Bartholomäikirche, in der Fürst Wolfgang der Bekenner begraben liegt, fahre ich durch die Stadt und suche meinen Weg über Nebenstraßen, Feldwege und durch Dörfer bis nach Dornburg im Kirchenkreis Elbe-Fläming, das auf der Website des Lutherweges als nächste Station ausgewiesen ist. Gleich hinter Zerbst überquere ich die unsichtbare Kirchengrenze: von der Evangelischen Landeskirche Anhalts in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM). In Schora habe ich endlich einen Mann gefunden, der mir zeigt, wo ich abbiegen muss. Ich radele über einen tückischen Wirtschaftsweg. Mit Betonplatten ist er ausgelegt und mit Löchern durchsetzt, in denen, gut vom Regenwasser getarnt, Ösen aus Metall lauern. Weil ich die Reifen nicht beschädigen will, übe ich mich im Slalom – nur um am Ende an einer Landstraße zu stehen, zu der ich gar nicht wollte. Irgendwo zwischen den Feldern habe ich den direkten Abzweig nach Klein-Lübs verpasst. Lieber Gott, lass es Wegweiser regnen!

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Da schimpfen nichts nützt, radele ich weiter und komme bald in den Genuss des Anblicks der Kirche in Gehrden. Sie ist, wie die Kirche im zu Beginn der Tour durchquerten Dorf Moritz, romanisch, restauriert und gepflegt, aber leider verschlossen. Nur wenige Male im Jahr gibt es in den kleinen Dörfern in diesem Teil des Jerichower Landes Gottesdienste. Dass die Kirchen verschlossen sind, wundert mich nicht. Ich weiß aus Gesprächen, wie schwierig es ist mit dem Kirchenöffnen. Ein Urteil darüber maße ich mir nicht an.

Einige Kilometer weiter stehe ich endlich in Klein-Lübs. Das Kirchlein, lange vom Verfall bedroht, besteht hinter dem Westturm aus Umfassungsmauern ohne Dach, in die sich ein später eingebauter Gemeinderaum kuschelt. Ich spähe durch ein Fenster, um einen Blick auf ein Gemälde von Luther mit einem Schwan zu erhaschen, das sich hier befinden soll. Aber ich sehe nur ein großes dunkles Rechteck an einer Kirchenwand. Das Motiv bleibt mir verborgen.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Weiter geht’s. Im Wald bis Dornburg sehe ich deutlich, wie schlimm der Sturm vom 22. Juni im Jerichower Land gewütet hat; besonders betroffen ist zwar das Dorf Töppel. Aber in den Wäldern um Gommern hat er viele Bäume entwurzelt und andere geknickt, als ob es Bleistifte wären. Zwar sind die Wege frei, aber wie viel Zeit und Geld nötig sind, um alle Schäden zu beseitigen, vermag ich nicht abzuschätzen.

Ein großes »Kirche geöffnet«-Schild heißt die Besucher in Dornburg an der Elbe willkommen. Die schlichte, von 1755 bis 1758 erbaute Barockkirche strahlt innen wie außen weiß. Ich ruhe eine Weile aus und nehme mir fest vor, zu einem der Konzerte, die es hier ab und zu gibt, wiederzukommen. Auch um mehr Zeit für die Landschaft und das Schloss zu haben. Darüber, dass Dornburg einmal anhaltisch war und dass Fürstin Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst hier von 1751 bis 1758 ein wunderschönes Barockschloss erbauen ließ, habe ich mich vor der Fahrt informiert. Die Mutter der Zarin Katharina, die als die Große in die Geschichte eingehen sollte, wollte ihrer Tochter, wenn sie denn einmal zu Besuch käme, ein angemessenes Quartier bieten. Die Tochter kam aber nie. Hinter dem Schloss liegt eine wechselvolle Geschichte und eine offene Zukunft: Seit Längerem wird ein Käufer gesucht.

Romanik pur in Pretzien und Plötzky

Ab Dornburg ist auch die Beschilderung kein Problem. Elberadweg- und Lutherweg-Schilder zeigen zuverlässig, wo es langgeht. Die nächste Station ist Pretzien. Den Schlüssel für die romanische Thomaskirche mit ihren mittelalterlichen Fresken können sich Besucher in der nahe gelegenen Tourist-Information holen, wenn sie nicht gerade sonnabends oder sonntags von 14 bis 16 Uhr ankommen. Die romanische Kirche im Nachbardorf Plötzky kann ab Mai täglich von 9 bis 17 Uhr besichtigt werden.

In Gommern, für das es bisher keinen Hinweis auf einen Aufenthalt Martin Luthers gibt, beende ich meinen Lutherweg-Test. Die nächsten Sehenswürdigkeiten auf dem Weg – die mittelalterliche Klusbrücke bei Wahlitz, die Luther mindestens zwei Mal überquerte, und die sechs Sehenswürdigkeiten in Magdeburg – kenne ich bereits. Mein Fazit: Bisher habe ich diese alte Kulturlandschaft immer mit der Bahn durchfahren oder noch gar nicht gekannt. Durch die Stunden auf dem Rad und zu Fuß habe ich sie erst richtig entdeckt.

Angela Stoye

www.lutherweg.de

Akustische Architektur

17. Juli 2017 von redaktionguh  
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Magdeburg: Klanginstallation verarbeitet 48 Werke Georg Philipp Telemanns

»Telemann-Sphere« ist der Titel einer Klanginstallation des Komponisten Oliver Schneller, die im Kunstmuseum Unser Lieben Frauen in Magdeburg zu erleben ist. Das begehbare Kunstwerk ermöglicht das Wiedererkennen Telemannscher Werke, aber auch ein neuartiges Klangerlebnis.

Klangwolke: In Oliver Schnellers (Foto) Installation erklingen aus 22 Lautsprechern bis zu 12 Kompositionen Telemanns gleichzeitig. – Foto: Kathrin Singer

Klangwolke: In Oliver Schnellers (Foto) Installation erklingen aus 22 Lautsprechern bis zu 12 Kompositionen Telemanns gleichzeitig. – Foto: Kathrin Singer

Der Besucher tritt in eine ihn quasi umkreisende Klangwolke, in der sich gleichzeitig zwölf verschiedene Stücke überlagern. Aus dieser treten nach und nach einzelne Kompositionen als »Stränge« hervor. Wie Details im Zoom einer Kamera werden diese plötzlich klar als Einzelkompositionen Telemanns erkennbar. Achtundvierzig Werke aus den unterschiedlichsten Schaffensperioden des in Magdeburg geborenen Komponisten erscheinen in der Installation des Klangkünstlers in einer ganz neuen Dimension. Dafür hat Carsten Lange (Zentrum für Telemann-Pflege und -Forschung) unterschiedlich besetzte Stücke aus Telemanns über 3 600 Titel umfassendem Gesamtwerk zusammengestellt. Die Auswahl unterstreicht kontrastreich die außergewöhnliche Vielfalt seines musikalischen Schaffens, das über Jahrzehnte dem sich wandelnden Musikgeschmack maßgebliche Impulse verlieh und daher auch stilistisch breit gefächert ist.

Der in Köln geborene Tonschöpfer Oliver Schneller (51) ist künstlerischer Leiter des Magdeburger »Sinuston-Festivals«. Der international gefragte Klangkünstler wirkt seit 2015 als Professor für Komposition an der Eastman School of Music in Rochester. Er hat mit vielen renommierten Ensembles zeitgenössischer Musik zusammengearbeitet und ist auf den großen internationalen Festivals Neuer Musik ein gern gesehener Gast.

Schneller nutzt die 48 Kompositionen, indem er sie auf neue Weise zusammensetzt und miteinander ins Verhältnis bringt. Dafür hat er eine fünfteilige Struktur geschaffen, die sich an miteinander verwandten Tonarten orientiert. Aus insgesamt 22 Lautsprechern erklingen bis zu 12 Kompositionen gleichzeitig und erlauben dem Besucher auf engstem Raum ein Eintauchen in Telemanns musikalischen Kosmos. Für diesen virtuellen Klang­raum hat Schneller eine trapezförmige Anordnung geschaffen, gleichsam eine begehbare akustische Architektur. »Die unfassbare Menge an Kompositionen Telemanns hat mich auf die Idee der Schichtung gebracht«, sagt Schneller. Außerdem müsse der Komponist bei diesem Arbeitspensum an mehreren Kompositionen gleichzeitig gearbeitet haben. Diesem Eindruck solle in der Installation ebenso nachgespürt werden können wie der Ungeduld und Schnelllebigkeit der Gegenwart. »Kaum jemand wird sich hinsetzen und sämtliche Telemann-Kompositionen von Anfang bis Ende durchhören«, sagte Schneller, den die hochexpressive Musik Telemanns sehr beeindruckt hat. Die Klanginstallation solle auch staunen machen, dass die große Bandbreite dessen, was erklingt, tatsächlich alles Telemann ist.

Michael von Hintzenstern

Bis 27. August: Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, Untere Tonne

Glaube ohne Heimat

30. Juni 2017 von redaktionguh  
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Kirche in der Region – ihre Situation ist unterschiedlich, je nachdem, ob die Kirche auf dem Land oder in der Stadt ihre Heimat hat. Zwei Beispiele aus der mitteldeutschen Landeskirche.

Wenn Michael Kleemann, Superintendent im Kirchenkreis Stendal, einer ländlichen Region, die Lage beschreibt, klingt das dramatisch. »In den vergangenen zehn Jahren haben wir im Landkreis Stendal etwa ein Fünftel der Einwohner verloren.« Die Landflucht und der demografische Wandel machen der Region und der Kirche zu schaffen. Was bindet Menschen an einen Ort und was veranlasst sie, wegzugehen?

Mit dieser Frage habe sich auch der Kirchentag auf dem Weg in Weimar und Jena beschäftigt, erzählt Kleemann. »Für Beheimatung ist wichtig, ob es eine lebendige Gemeinschaft gibt.« Das heißt, ob junge Familien an einem Ort auf ebensolche treffen. Wenn es in den Dörfern keine Arbeit gibt, Kindertagesstätten fehlen und Schulen schließen, zieht es die Menschen in die Stadt. »In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren werden hier weniger Menschen leben, und es fehlt ein probates Mittel, um diesen Wandel aufzuhalten«, so die Prognose des Theologen.

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Von dieser schmerzhaften Entwicklung ist in einer Stadt wie Magdeburg nicht so viel zu spüren. Während die Mitgliederzahlen auf dem Land sinken, halten sie sich im Kirchenkreis Magdeburg konstant. »Wir profitieren von dem rückläufigen Trend in ländlichen Regionen«, sagt Pfarrer Ronny Hillebrand, stellvertretender Superintendent im Kirchenkreis Magdeburg.

Denn die Menschen, die aus den Dörfern fliehen, zieht es in die Stadt. Für die stabilen Zahlen in den Kirchengemeinden sorgen zum einen junge Leute, die zum Studium nach Magdeburg kommen. Zum anderen seien es die alten Menschen in den Alten- und Pflegeheimen, die ursprünglich in ländlichen Regionen lebten.

Wenn die Kirchenzugehörigkeit abnimmt, hat das Einfluss auf die Stellenpläne. In der Region zwischen Havelberg und Genthin habe es bis Ende der 1960er-Jahre noch 22 Pfarrstellen gegeben, erklärt Kleemann. Heute seien es nur noch drei. Und deren Bestand sei stark gefährdet.

Das sei für die Kirche eine große Herausforderung. 2019 rechne man mit deutlich weniger Geld. Also sieht der Stellenplan einen weiteren Abbau von Pfarrstellen vor. Kleemann fragt: Was aber heißt das für die Gemeinden? Für die Kirchenmusik? Für die missionarische Ausstrahlung? Für die Kinder- und Jugendarbeit? Wie er sagt, bereiten ihm diese Fragen nachhaltig Sorgen. »Das macht einen atemlos«, so sein Kommentar. Kleemann ist seit 1995 Super­intendent im Kirchenkreis Stendal, der Dienstälteste, wie er sagt. Seit er das Amt innehat, habe ihn vorrangig die Arbeit an Strukturen beschäftigt. Mehr als 20 Jahre struktureller Um- und Rückbau! Ermüdung mache sich bemerkbar.

»Die im Stellenplan 2019 vorgesehene Reduzierung betrifft uns nicht«, sagt hingegen Ronny Hillebrand. Dank der stabilen Zahlen im Kirchenkreis und einer vorausschauenden Planung. Die meisten Pfarrer arbeiten Teilzeit. Vollzeitstellen gäbe es nur wenige. Der Stellenplan schreibe 23 Pfarrstellen vor, von den derzeit etwa 25 besetzten Stellen müssten also zwei gestrichen werden. Doch mit der Teilzeitregelung seien die bereits jetzt schon eingespart, erklärt der Pfarrer.

Auf dem Land sind freilich auch positive Signale zu erkennen: Engagierte Menschen und viele Ideen, berichtet Kleemann. Eine Idee heißt: Baufasten im Kirchenkreis. »In den vergangenen 25 Jahren sind Millionen und Abermillionen ins Bauen investiert worden«, erläutert der Superintendent. »Wir sind flächenmäßig gut bestellt. Wir haben gute Einnahmen aus den Ländereien.«

Allerdings ist er unzufrieden, weil diese Einnahmen in den Baulastfonds fließen. Stattdessen wünscht sich Kleemann, dass die Kirche mit den finanziellen Mitteln kreativ umgeht und nach anderen Regelungen sucht. Dass etwa die Einnahmen aus den Ländereien nicht nur in den Baulastfonds fließen, sondern auch für Personalkosten verwendet werden können. Einen entsprechenden Antrag werde der Kirchenkreis an die Landessynode richten.

Sabine Kuschel

Betriebswirtschaft an den Nagel gehängt

19. Juni 2017 von redaktionguh  
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Porträt: Tamara Jakubietz leitet einen Treffpunkt für Jugendliche

Keine Entscheidung muss von Dauer sein. Man kann immer wieder neue Wege gehen. Diese prägende Erfahrung hat Tamara Jakubietz schon zwei Mal in ihrem Leben gemacht. »Kurz nach der Geburt wurde ich aus Familientradition katholisch getauft. Mit 14 Jahren habe ich aber dann die evangelische Konfirmation mitgemacht, weil meine Familie mittlerweile zu diesem Glauben gewechselt ist«, erzählt die 27-Jährige. Nach dem Abitur an einem Wirtschaftsgymnasium entschied sich die Magdeburgerin zunächst, Betriebswirtschaft zu studieren. »Das habe ich aber dann abgebrochen, weil ich merkte, dass es doch nichts für mich ist«, erinnert sich Tamara Jakubietz. Die Betreuung eines evangelischen Kinderferiencamps dagegen ließ sie förmlich aufblühen. »Da wusste ich, was ich beruflich machen wollte«, erzählt sie. Die Magdeburgerin studierte dann Religionspädagogik in Berlin.

Mit ihrem Abschluss Ende des vorigen Jahres kam auch prompt der erste Job. Seit Dezember ist die Religionspädagogin Mitarbeiterin der Evangelischen Jugend Anhalts und Betreuerin des Jugendkellers im Dessauer Georgenzentrum. Ob das jetzt von Dauer ist? »Das kann man natürlich so noch nicht sagen. Jugendmitarbeiter werden älter, gründen irgendwann auch mal eine Familie und arbeiten dann vielleicht lieber dort, wo sich Beruf und Privates besser vereinbaren lassen«, beginnt sie über die noch ferne Zukunft nachzudenken.

Nach der Betreuung von Kindern in einem Feriencamp wusste Tamara Jakubietz (hier im Dessauer Jugendkeller), was sie beruflich machen wollte. Foto: Danny Gitter

Nach der Betreuung von Kindern in einem Feriencamp wusste Tamara Jakubietz (hier im Dessauer Jugendkeller), was sie beruflich machen wollte. Foto: Danny Gitter

Im Hier und Jetzt ist sie erst einmal angekommen und hat mit dem Jugendkeller noch viel vor. Um in einem märchenhaften Bild zu sprechen, hat die 27-Jährige das Objekt in der untersten Etage des Georgenzentrums in der Dessauer Innenstadt aus einem Dornröschenschlaf geholt. Eineinhalb Jahre, so ist es ihr in Erinnerung, war vor ihrem Amtsantritt im Dezember der Jugendkeller geschlossen und ihre Stelle vakant. »Ich habe quasi bei Null angefangen«, sagt Tamara Jakubietz. Als Berufsanfängerin hatte sie gleich zu Beginn einen schweren Job zu erledigen. Denn mit der langen Schließung blieben die Jugendlichen weg. Sie rührte die Werbetrommel im Internet und besuchte Konfirmandengruppen. Stück für Stück kehrte wieder Leben in den Jugendkeller ein. 17 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren aus ganz Dessau und der näheren Umgebung treffen sich mittlerweile regelmäßig, mindestens einmal wöchentlich, zum Erzählen, Kochen und Kickern. Über Themen, die Jugendliche bewegen, kommt Tamara Jakubietz regelmäßig mit ihnen ins Gespräch. Zum Neustart wurde auch renoviert.

»Mein oberstes Ziel ist es, den Jugendkeller wieder bekannter zu machen und für noch mehr Jugendliche einen Anlaufpunkt außerhalb ihrer Gemeinden zu bieten, vielleicht auch mehrmals pro Woche zu öffnen«, erläutert sie. Wenn die Religionspädagogin nicht im Jugendkeller arbeitet, betreut sie Jugendfahrten oder bereitet zum Teil von ihrem Zuhause in Magdeburg aus Jugendprojekte der anhaltischen Landeskirche vor, unter anderem einen Druckkunst-Workshop zu Luther und den Hochseilgarten in der Dessauer Auferstehungskirche, der dort vom 10. bis zum 30. Mai zu erleben war.

Danny Gitter

Gott im Gehirn

16. Juni 2017 von redaktionguh  
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Glaube, Kunst und Wissenschaft: In Michelangelos Fresken erkannten Forscher Details des Stamm-, Groß- und Kleinhirnes. Wohnt der Herr tatsächlich in unserem Hirn? Ist unser Gehirn ein Meisterwerk Gottes oder Gott ein Meisterwerk des Gehirns?

Jahre – gar jahrhundertlang galten Glauben und Wissenschaft als Antipoden, mussten Wissenschaftler widerrufen oder sterben, wenn sie Naturgesetze entdeckten, die nicht ins kirchliche Weltbild passten, wenn die Wissenschaft sich gegen die göttliche Schöpfung wandte. Inzwischen fragen Mediziner, Neurobiologen und Physiker unbefangen, ob es so etwas wie ein Gottes-Gen in unserer DNA gibt oder ein Gott-Modul in unseren grauen Zellen.

Auch den Magdeburger Hirnforscher Gerald Wolf treiben diese Fragen um. Der emeritierte Professor leitete jahrelang das Institut für medizinische Neurobiologie an der Otto-von-Guericke-Universität. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung hat den Atheisten zum Skeptiker werden lassen. »Ich bin nicht glücklich mit meinem Atheismus«, sagte Wolf am Rande eines Vortrags in Halle. Er wäre lieber einer jener Menschen, die glauben können.

Religiosität hat wissenschaftlich messbare Vorteile. Glauben spendet Schutz und Trost, gibt dem Leben Sinn, macht die Welt plausibel, stärkt die seelische wie die körperliche Gesundheit und ist der Kitt, der Menschen verbindet.

Trotz all dieser Vorteile ist nicht bei allen Menschen die Glaubensbereitschaft gleich ausgeprägt. Wie die Befähigung zum Glauben in uns kommt oder eben nicht, ist eine Frage, die sich die Wissenschaft stellt, die sie aber nicht beantworten kann.

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Die rund anderthalb Kilo schwere Gehirnmasse eines erwachsenen Menschen besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, sie alle sind tausendfach durch Synapsen verbunden und kommunizieren miteinander. So weit die Hirnforschung auch fortgeschritten ist, so weit sind wir davon entfernt, das Gehirn zu verstehen, sagt Professor Wolf. Warum fühlen Amputierte Schmerzen in den abgenommenen Gliedmaßen? Warum wissen blinde Neugeborene, wie man lächelt? Wenn wir sterben, was passiert dann mit dem Geist, den unser Hirn eigentlich unablässig »produziert«? Woher kommt der Glauben?

Ein sogenanntes Gottes-Gen beschrieb 2004 der US-amerikanische Biochemiker und Verhaltensgenetiker Dean Hamer. Hamer ist nicht unumstritten, er hatte in den 1990er-Jahren eine Kontroverse angestoßen mit seiner Theorie von der Existenz eines Genes, das bei Männern Homosexualität vorbestimme.

Beim Gottes-Gen handelt es sich seinen Forschungen zufolge um ein Molekül in den Nervenzellen, das den Transport glücklich machender Hormone wie Dopamin erleichtert. Für Hamer ist das Molekül auch für religiöse Empfindungen verantwortlich, und es kommt bei gläubigen Menschen in anderer Ausprägung vor als bei Atheisten.

Doch die Debatte um dieses Gottes-Gen ist laut Gerald Wolf ebenso verstummt wie jene um das Gott-Modul, das der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran im Zuge von Forschungen zur Schläfenlappen-Epilepsie gefunden haben will. Eine ganz andere Stelle als Ramachandran fand hingegen der Hirnforscher Andrew Newberg, als er Versuche mit betenden Nonnen und meditierenden Mönchen unternahm. Bei der »unio mystica«, dem Verschmelzen in Gott und mit der Welt, wird eine Hirnregion hinter den Ohren auffällig inaktiv. Geht es also um Religiosität, sind viele Bereiche im Gehirn aktiv, laufen unzählbare biochemische Prozesse ab.
Hat nun Gott unser Gehirn so geschaffen, dass er für uns erfahrbar ist? Oder ist die Befähigung unseres Hirns zum Glauben ein Teil unserer Natur und schnöder Vorteil im Evolutionsprozess? Gerald Wolf beantwortet diese Frage nicht. Seine Zuhörer schickt er mit Verunsicherung, Zweifeln, Fragen nach Hause. Und er sagt noch: »Glauben ist nicht Wissen.«

Katja Schmidtke

Beten mit Hashtag

5. Juni 2017 von redaktionguh  
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Twittergottesdienst: »Bitte das Handy nicht ausschalten!«

In diesem Gottesdienst heißt es: »Bitte lassen Sie ihr Handy an!« Wer dann auf sein Smartphone blickt, tippt und schnell mal etwas twittert, ist nicht etwa abwesend und unhöflich, sondern Teil des Geschehens in der Magdeburger Wallonerkirche – und das ist ausdrücklich erwünscht. Anlässlich des Kirchentages auf dem Weg unter dem Motto »Sie haben 1 gute Nachricht« gibt sich die Kirche modern und will mit neuen Formaten andere Zielgruppen erreichen.

Erstmals wird dort am Freitagabend ein Twittergottesdienst gefeiert. Unter dem Hashtag #twigo kann sich die Gemeinde über Twitter, aber auch über andere Social-Media-Kanäle, sofort einbringen. Zahlreiche Neugierige sind gekommen, um sich selbst ein Bild zu machen.

Ralf Peter Reimann, Pfarrer und Internetbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland, hat bereits Erfahrung mit Twittergottesdiensten: »Es ist ein Mitmach-Gottesdienst, bei dem die Gemeinde aktiv dabeisein kann.« Er gestaltet den Gottesdienst in der Wallonerkirche gemeinsam mit Pfarrer Christoph Breit von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Bereich Social Media und Networkmanagement. Breit sagt: »Das Setting bleibt klassisch: Es gibt zwei Pfarrer und es gibt die Gemeinde.« Nur sei man mit allen Inhalten eben noch bei Twitter vertreten. Dazu ist allerdings auch einige Technik und Hilfe nötig und natürlich Internet.

Wer in diesem Gottesdienst Technik benutzte, war nicht etwa abwesend und unhöflich, sondern Teil des Geschehens beim Twittergottesdienst in der Wallonerkirche in Magdeburg. Foto: Viktoria Kühne/epd

Wer in diesem Gottesdienst Technik benutzte, war nicht etwa abwesend und unhöflich, sondern Teil des Geschehens beim Twittergottesdienst in der Wallonerkirche in Magdeburg. Foto: Viktoria Kühne/epd

Eine große Leinwand ist aufgebaut, auf der das Ganze verfolgt werden kann. Zu Beginn twittern die Teilnehmer, woher sie kommen: Schönebeck, Magdeburg, Erfurt, Hamburg, Frankfurt am Main oder »aus der schönen Rhön«. Der Gottesdienst wird auch auf Bibel TV übertragen. Auf der »Social Media Wall« in der Wallonerkirche laufen die Tweets für alle Gottesdienstbesucher sichtbar ein, springen aber auch etwas unruhig von einer Leinwand-Ecke in die nächste. Man braucht schon Konzentration, um gleichzeitig den Gottesdienst zu verfolgen, die Tweets zu lesen und selbst mitzumischen.

»Das, was diese Form des Gottesdienstes stark macht, ist die Beteiligung«, sagt Reimann. So können Fürbitten getwittert werden. »Wir sollten diese Chance nutzen, die die Digitalisierung uns ermöglicht.«

Dabei können sich nicht nur Menschen über Twitter beteiligen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in die Kirche kommen könnten, so Reimann. Sondern es sei auch ein Angebot für Menschen, denen die Kirche fremd sei und natürlich für die jüngeren Generationen. Hier werde ein »niedrigschwelliger Zugang« geboten. Zudem sei die Kommunikation direkter. Normalerweise störten Rückfragen bei der Predigt, seien nicht vorgesehen. Per Twitter seien diese möglich. »Ein Twittergottesdienst wird den Gemeindegottesdienst nicht ersetzen, aber er kann Kirche für andere Zielgruppen erlebbar machen.«

Es gibt aber auch Menschen wie die ältere Frau, die in die Wallonerkirche kommt und sagt: »Ich weiß eigentlich gar nicht, was Twitter ist.« Für sie und andere Besucher werden Karteikarten verteilt, auf denen sie etwas aufschreiben können. Die jungen Helfer, die am Rande mit ihren Laptops sitzen, basteln daraus Tweets. So werden Glaubensbekenntnisse getwittert, gute Geschichten und eben Fürbitten: »Es ist ein großes Glück, glauben zu dürfen.« – »Ich glaube an die Sonne.« – »Jesus lebt. Er zeigt uns den way.« – »Gott ist immer da.« – »Segne alle, die unterwegs sind zu dir.« Und manchmal geht es auch nur um den Akkustand des eigenen Handys.

Romy Richter (epd)

Effektvolle Performance auf der Elbe

5. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

»Am Anfang war das Wort.«: Auf einem stattlichen Elbeschiff, das eine riesige Bibel trug, lief Luthers Bibelübersetzung am Freitagabend in Magdeburg ein. Die Szene war Teil der Performance »Unseres Herrgotts Kanzlei. Magdeburg am Fluss der Reformation« an beiden Ufern der Elbe in Höhe des Petriförders. Die zahlreichen Zuschauer sahen eine Inszenierung mit über 200 Mitwirkenden zur Geschichte Magdeburgs im 16. Jahrhundert, als die Stadt auch einer einjährigen Belagerung trotzte. Das Spektakel mit eindrucksvollen Licht- und Klangeffekten entstand in Zusammenarbeit von Jörg Richter (Regie), Dirk Heidicke (Autor), Toto (Bühnenbild) und Sven Helbig (Musik).

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Das große Christusfest

2. Juni 2017 von redaktionguh  
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Gutes Wetter, gute Atmosphäre, gutes Programm. Leider entsprach die Resonanz nicht den Erwartungen. Das trübt den ansonsten strahlenden Erfolg des Himmelfahrtswochenendes etwas ein. Der Versuch einer Bilanz:

Von unseren Korrespondenten

Weit weniger verkaufte Karten als erhofft, dennoch zufriedene Veranstalter: Der Verein Reformationsjubiläum hat zum Abschluss der sechs Kirchentage auf dem Weg in acht mitteldeutschen Städten eine insgesamt positive Bilanz gezogen. Atmosphärisch seien die Veranstaltungen in Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Halle/Eisleben, Jena/Weimar und Dessau-Roßlau ein voller Erfolg gewesen. Allerdings seien deutlich weniger Karten verkauft worden als erhofft, erklärte der Verein in Wittenberg.

In Leipzig zählte der Verein 15 000 Kartenverkäufe. »Wir haben auf das Dreifache der Zahlen hingearbeitet«, räumte Geschäftsführer Hartwig Bodmann ein. Bei den anderen Kirchentagen auf dem Weg sähen die Zahlen ähnlich aus. Die größte Einzelveranstaltung war mit 6 000 Besuchern die Flussinszenierung »Unseres Herrgotts Kanzlei« mit Schiffsprozession in Magdeburg.

Höhepunkt: 6 500 Bläser begleiteten den Gesang der 120 000 Teilnehmer beim Abschluss der Kirchentage in den Elbauen vor den Toren Wittenbergs. Foto: Carsten Stolze, r2017

Höhepunkt: 6 500 Bläser begleiteten den Gesang der 120 000 Teilnehmer beim Abschluss der Kirchentage in den Elbauen vor den Toren Wittenbergs. Foto: Carsten Stolze, r2017

Als sommerliches Open-Air-Vergnügen in historischer Kulisse erlebten viele Erfurter und Kirchentagsgäste den Kirchentag. Vor allem die Großveranstaltungen auf dem Domplatz zogen die Menschen an. Was bei den kostenfreien Veranstaltungen im Freien funktionierte, ging bei anderen Veranstaltungen nicht auf. Die Bilanz des Kartenverkaufs sähe schlecht aus, hieß es seitens des Veranstalters. Aus Sicht des Kirchenkreises Erfurt haben sich die langjährigen Vorbereitungen auf den Kirchentag trotzdem gelohnt. Man habe als Kirche selbstbewusst und fröhlich unter den Augen der Öffentlichkeit gefeiert, sagte Erfurts Senior Matthias Rein. Das könne als klares Angebot in die Gesellschaft hinein verstanden werden. Zudem blieben auch einige konkrete Projekte erhalten. Dazu zählte für Rein neben der vom Kirchentag in Auftrag gegebenen Komposition »Enchiridion-Echo« die Glocke für den Ortsteil Salomonsborn.

Auch in Magdeburg blieben im Gegensatz zu Dessau die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurück. Trotz interessanter Themen bei Podien und Gesprächsrunden fanden sich manchmal nur eine Handvoll Besucherinnen und Besucher ein. Als Magneten erwiesen sich vor allem die Angebote am Abend, wie die Eröffnungsgottesdienste und -abende, Konzerte oder gemeinsame Mahlzeiten. Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig sieht durch die Kirchentage das Selbstbewusstsein der evangelischen Gemeinden in Ostdeutschland gestärkt. Er dankte allen Helfern und Unterstützern des Kirchentages. »Es war eine wunderbare Atmosphäre und Leichtigkeit. Die sollten wir für die kommende Zeit in unseren Alltag mitnehmen.«

»Der riesige Aufwand hat sich gelohnt«, bilanziert Simone Carstens-Kant, Pfarrerin im Zentrum Taufe Eisleben. Mit Halle und Eisleben fand ein Kirchentag in einer der am stärksten entkirchlichten Regionen Deutschlands statt. Gerade einmal jeder zehnte Einwohner von Halle gehört der evangelischen Kirche an. In Eisleben sind es noch weniger. Eine besondere Gemeinschaft erlebten kirchliche wie nichtkirchliche Teilnehmer beim Willkommensfest »Kultur in den Höfen«. Resonanz erfuhren Konzerte, wie das Kantatenprojekt »Luther«. Weitaus weniger Zuspruch auch hier bei den vielfältigen Angeboten – wie Bibelarbeiten, Vorträgen oder Workshops. Mitwirkende, Helfer und Teilnehmer zeigten sich dennoch zufrieden, lobten das intensive Miteinander und die fami­liäre Atmosphäre. Überhaupt, die Begegnungen unter freiem Himmel waren, dank des sommerlichen Wetters, das Markenzeichen der Kirchentage. Nicht nur bei den »Anna-Amalia-Tischgesellschaften« in der Weimarer Innenstadt wurde dabei die »Gretchenfrage« gestellt. Mit 2 000 Einzelveranstaltungen konnten es die Kirchentage auf dem Weg mit dem Berliner Kirchentag durchaus aufnehmen. Leider nicht mit der Besucherzahl.

(epd, G+H)

Traditionen folgen und Neues wagen

10. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Alle Jahre wieder stellen sich die Verantwortlichen die Frage: Wie soll Konfirmationsunterricht heute aussehen? Muss er sich den Wünschen der Mädchen und Jungen und ihren veränderten (Er-)Lebensgewohnheiten anpassen oder sollte er als »Fels in der Brandung« vor allem traditionelle Glaubensunterweisung bieten? Zwei Stellungnahmen von Pfarrern, die ihre Sichtweise von zeitgemäßer Konfirmandenarbeit darlegen:

Blick-14-2017
Kurz nach der Jahrtausendwende ließen Verantwortliche für die Kinder- und Jugendarbeit aus dem Magdeburger Konsistorium verlauten: Die Auftraggeber für den Konfirmandenunterricht seien die Konfirmanden (also nicht etwa die Kirche oder letztlich Christus), an ihren Bedürfnissen sei die Beschäftigung mit ihnen auszurichten; vor allem dürfe man den Unterricht nicht als Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung betrachten. Ist das eine angemessene Haltung in Sachen Glaubensunterweisung?

Es mag für manche verstaubt und altbacken klingen: In Wasungen findet Woche für Woche der Konfirmandenunterricht für die Siebt – und Achtklässler statt, in dem wir singen, beten, auch spielen, aber vor allem lernen: Glaubensinhalte, Liturgie, biblische Inhalte.

Auch wenn die meisten Jugendlichen den Religionsunterricht besuchen, haben sie doch weiter ein großes Interesse an »harten Fakten«, an Informationen über die Kirche, über innere und äußere Zusammenhänge unseres Glaubens. Sie spüren, dass Lernen, gerade kognitives Lernen, ihnen hilft, Sicherheit zu gewinnen in einer Zeit, in der zu oft »Kompetenzen« wichtiger als Inhalte geworden sind.

Bei aller Kritik, die seit Jahrzehnten berechtigt und unberechtigt am Konfirmandenunterricht geübt wird, so am Alter der Konfirmanden und an der oft gegebenen Verbindung mit der Vorbereitung auf das Abendmahl, erlebe ich die Zeit mit den Konfirmanden als segensreich. Und: In jedem Jahr können wir vor der Konfirmation, in der Osternacht, junge Menschen taufen, die aus eigenem Entschluss zu uns gestoßen und geblieben sind.

Stefan Kunze, Pfarrer in Wasungen

Die Frage, ob 14-Jährige reif für ein Bekenntnis wie die Konfirmation sind, diskutiert die Kirche seit Jahrzehnten. Gegenfrage: Warum lassen sich eigentlich so viele Erwachsene scheiden? Auch 30-Jährige treffen nicht all ihre Entscheidungen nach reiflicher Überlegung, oder kippen später um. Das ist für mich kein Argument. Jesus hat Kinder und Jugendliche sehr ernst genommen, sie Erwachsenen in ihrer Entschiedenheit sogar zum Vorbild gemacht.

Die eigentliche Frage lautet: Können wir jungen Menschen bewusst machen, was die Konfirmation bedeutet? Man mag in diesem Alter vieles infrage stellen, aber es ist auch eine Zeit, in der man sich voller Eifer auf etwas stürzt und mit Leib und Seele dabei ist. Dazu ermutige ich die Konfirmanden, indem ich ihnen etwas zutraue und sie zu Entscheidungen herausfordere.

Ja, die Persönlichkeit des Pfarrers oder Gemeindepädagogen spielt bei der Konfirmandenarbeit eine Rolle. Aber auch Strukturen und die ihnen innewohnende Haltung sind nicht zu vernachlässigen. Wir müssen weg vom Säulendenken, in dem es in der Gemeinde eine Säule für die Konfirmanden, eine für die Kinder und Familien und eine für junge Erwachsene gibt. Es ist anachronistisch, mit der Konfi-Arbeit erst im Konfi-Alter zu beginnen. Wir brauchen Angebote für alle Altersgruppen und wir müssen Brücken bauen zwischen den und innerhalb der Generationen. Vor allem müssen wir junge Menschen einbinden. Gewähren wir ihnen zwei Jahre Gastrecht in der Gemeinde oder trauen wir ihnen zu, Christ zu sein für den Rest ihres Lebens?

Ich habe in der DDR-Zeit zum Glauben gefunden. Glauben hat für mich sehr mit Freiheit zu tun. Ich mag aus diesem Grund auch z. B. die Stempelkarten nicht, mit denen sich Konfirmanden ihre Teilnahme am Gottesdienst bestätigen lassen müssen. Was ist der Subtext solcher Karten? Dass, wenn sie voll ist, genügend Gottesdienste besucht wurden?

Natürlich lernen unsere Konfirmanden das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis, aber weniger auswendig, eher inwendig – durch Gottesdienste und Aktionen, die wir gemeinsam machen. Sind nicht Millionen von Menschen, die all das bimsen mussten, trotzdem aus der Kirche ausgetreten und haben dem Glauben den Rücken gekehrt?

Es geht darum, altersgerecht Glauben und Gottesbeziehung zu leben – praktisch, nicht nur mit dem Kopf. Wir stellen Glaubensinhalte, die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus, in den Mittelpunkt. Musik, gemeinsames Singen, Gebet spielen eine große Rolle. Andererseits machen wir viele herrliche Faxen, spielen und quatschen, trinken Tee, machen Ausflüge. Wer sich dann konfirmieren lassen will, nimmt an einer besonderen Konfi-Freizeit teil. Wir reden über Taufe, Abendmahl, über den Sinn der Konfirmation. Konfis müssen sich einbringen, sie gestalten Gottesdienste und Projekte mit, wir erwarten sie zum Abendmahl an Gründonnerstag. Die Konfirmation ist nicht irgendeine Segenshandlung, sie ist eine Taufbestätigung, sie ist ein »Ja, mit Gottes Hilfe«.

Ernst-U. Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Wege zum Glauben finden

7. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Die Konfirmation bedeutet ein bewusstes Ja zum christ­lichen Glauben und zur Kirche. Können junge Menschen im Alter von 14 Jahren eine solche Entscheidung treffen? Wie kann der Konfirmandenunterricht ihnen dabei helfen?

Es ist fraglich, ob 14 das günstigste Alter für die Konfirmation ist«, meint Stefan Brüne, Referent für schulbezogene Arbeit im Kinder- und Jugendpfarramt Magdeburg. Er beruft sich auf Erkenntnisse der Hirnforschung, die besagen, dass das Gehirn in diesem Alter komplett umgebaut werde. Achtklässler könnten Wissen nicht richtig aufnehmen. Ihre Risikobereitschaft sei enorm, während Kontrollmechanismen nicht funktionierten. »Die Jugendlichen laufen heute als Punk herum, treten morgen dem Verein bei, übermorgen einem anderen.« Sie probieren Neues aus, um herauszufinden, was für sie wichtig ist. Mit der Konfirmation erwarte die Kirche: »Jetzt stell dich zu uns.« Welches Alter für einen solchen Schritt das richtige ist, könne und sollte bedacht werden. Der Sozialpädagoge findet die Diskussion darüber zwar wertvoll, hält sie allerdings für rein theoretisch, denn die Konfirmation mit 14 habe eine lange Tradition, an der die Eltern unbedingt festhalten wollten. Sie wünschten so sehr, dass in diesem Lebensabschnitt eine Feier stattfinde, weil sie darin ein Übergangsritual hin zum Erwachsenwerden sehen.

Es gebe Gründe für und gegen die Konfirmation mit 14. Dafür spreche, so Brüne, dass Jugendliche in diesem Alter Orientierung brauchen. In der Vorbereitung auf die Konfirmation könnten sich die Konifs an Erwachsenen orientieren, die nicht ihre Eltern sind. Das Vertrauen zu einer anderen erwachsenen Person, die Werte vermitteln und religiöses Verständnis wecken wolle, könne in dieser Zeit ein Regulativ sein.

Konfirmation mit 14 – aber zum Christsein bewusst bekannt hat sich »The Voice of Germany«-Finalteilnehmer Jonny vom Dahl (das Foto zeigt ihn beim Auftritt mit Yvonne Catterfeld bei der Präsentation ihres neuen Albums) nach eigenem Bekunden erst Jahre später. Foto: Maik Schuck

Konfirmation mit 14 – aber zum Christsein bewusst bekannt hat sich »The Voice of Germany«-Finalteilnehmer Jonny vom Dahl (das Foto zeigt ihn beim Auftritt mit Yvonne Catterfeld bei der Präsentation ihres neuen Albums) nach eigenem Bekunden erst Jahre später. Foto: Maik Schuck

Ob die Teenagerzeit das richtige Alter für die Konfirmation ist – dieser Streit sei alt, sagt Steffen Weusten, Dozent für die Arbeit mit Konfirmanden am Pädagogisch-Theologischen Institut in Drübeck. »Mit 13- oder 14-Jährigen hat niemand gern zu tun – in der Schule nicht und auch sonst nicht.« Es sei jedoch als positives Zeichen zu werten, dass die Kirche gerade in dieser schwierigen Lebensphase die Beziehung zu den Jugendlichen nicht abbrechen lässt. »Sie bauen die Erlebnisse und Erfahrungen ihrer Kindheit um; das macht den Umgang mit ihnen schwierig, aber auch wichtig.« Die jungen Menschen würden entscheiden, ob Religion etwas für sie ist. »Wenn sie älter sind, kann man leichter mit ihnen arbeiten, aber dann sind alle wichtigen Entscheidungen gefallen«, argumentiert Weusten

Nach Stefan Brünes Erfahrung interessieren sich 14-Jährige mehr für die Veränderungen in ihrem Körper; Freunde und Freundinnen sind wichtiger als Mathematik und alles andere. Wenn dies auch auf den Konfirmanden­unterricht zutrifft – wie soll er gestaltet werden, damit Konfirmanden ein bewusstes Ja zu ihrem christlichen Glauben finden können? Sollen die Verantwortlichen sich an den Bedürfnissen und Interessen der Konfis orientieren? Geht es um Wissensvermittlung? Oder sollte das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund stehen?

Eine gute Gemeinschaft sei auf dem Weg zum Glauben die wichtigste Brücke, betont Weusten. Das bedeute nicht, dass die Vermittlung von Inhalten zu vernachlässigen sei. Die Psalmen, die Zehn Gebote und andere klassische Bibeltexte seien Mittel, um den jungen Leuten die Bedeutung des christlichen Glaubens zu erschließen. Ob Konfirmanden den Psalm 23 lernen, sei zweitrangig, wichtig sei vielmehr, wie sie ihn aufnehmen. Ob der Psalm oder andere Bibelabschnitte für die jungen Leute zu einem relevanten Text werden.

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gebe es eine große Bandbreite an Formen der Konfirmandenarbeit. Kirchengemeinden, Pfarrer und Kirchenvorstände bestimmen selbstständig, worauf sie den Schwerpunkt legen. Die meisten entscheiden sich für kognitive Methoden, vermitteln also Inhalte. »Das kann man machen«, räumt Weusten ein. Ein Kriterium für einen guten Unterricht sei diese Praxis nicht. Entscheidend sei, ob die Konfirmanden ihren Weg im Glauben finden. Grundlage dafür sieht Weusten im Erleben einer guten Gemeinschaft untereinander sowie zwischen Konfirmanden und Verantwortlichen.

Sabine Kuschel

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