»Schön sauber lösen«

13. November 2018 von redaktionguh  
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Streitgespräch: Die Friedensbeauftragte und der Militärpfarrer debattieren über Kriegsführung und die Friedensdekade

Der Krieg spielt in der Friedensdekade 2018 eine wichtige Rolle. Thorsten Keßler sprach über die Digitalisierung des Krieges und die Beteiligung der Bundeswehr an der Friedensdekade mit Eva Hadem, landeskirchliche Beauftragte für Friedensarbeit, und Andreas Kölling, Militärpfarrer in Burg (Kirchenkreis Elbe-Fläming).

»Krieg 3.0« lautet das Motto Friedensdekade. Ungewöhnlich, oder?
Hadem:
Ein umstrittenes Motto. Die Kolleginnen und Kollegen im Magdeburger Arbeitskreis fanden es sehr unglücklich: Da steht Krieg im Mittelpunkt und unser Auftrag ist doch, Frieden stark zu machen. Darum haben die Magdeburger entschieden: Das Motto auf unserem Flyer ist nicht nur Krieg 3.0, sondern auch Frieden 3.0.

Kölling: Ich begrüße das Motto und finde es sehr gut, weil es einen Aspekt in den Mittelpunkt rückt, nämlich Krieg, über den wir gar nicht sprechen wollen. Das Thema fragt nach dem, was Soldaten beschäftigt und was ihren Dienst ausmacht.

Ihre Meinungen gehen schon beim Motto sehr auseinander.
Hadem:
Das liegt an unseren Perspektiven. Herr Kölling guckt auf die Soldaten. Ich gucke vorrangig auf die Friedensaktiven und die zivile Friedensstimme. Unser großes Anliegen ist es, die Stimme der Kirche für den Frieden und die gewaltfreie Konfliktlösung stark zu machen. So formuliert auch die Friedensdenkschrift der EKD den vorrangigen Auftrag: Wer aus dem Frieden Gottes lebt, tritt für den Frieden in der Welt ein.

Kölling: Ich glaube, es steht der Kirche gut an, dass wir nach Dingen fragen, die das Leben gefährden – dazu gehört Krieg. Wir sollten danach fragen, was das mit uns macht und was das für Soldaten bedeutet und wir müssen uns einmischen.

Im Zentrum der Friedensdekade steht die Digitalisierung des Krieges. Welche Gefahren birgt die Digitalisierung?
Hadem:
Die Gefahr eines sauberen Krieges. Wenn ich an Drohnen denke: Man steuert sie aus der Ferne und sieht die Gegner nicht. Das macht es einer alternden Gesellschaft, wie der unseren, einfach. Man muss keine jungen Leute mehr in den Krieg schicken. Wir können das schön sauber lösen, vergessen aber, welche Gefahr das für die Menschen in Ländern bedeutet, die von diesem Drohnen bedroht sind.

Unter der Regenbogenfahne: In ihrem Büro diskutiert Eva Hadem, Leiterin des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums und landeskirchliche Beauftragte für Friedens- arbeit, mit dem Burger Militärseelsorger Andreas Kölling. Foto: Viktoria Kühne

Unter der Regenbogenfahne: In ihrem Büro diskutiert Eva Hadem, Leiterin des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums und landeskirchliche Beauftragte für Friedensarbeit, mit dem Burger Militärseelsorger Andreas Kölling. Foto: Viktoria Kühne

Auch ist möglicherweise nicht genug im Blick – da weiß Herr Kölling sicherlich mehr – dass Soldaten dennoch posttraumatische Störungen bekommen können, weil es auch belasten kann, jemanden aus der Ferne zu töten.

Kölling: Ein Soldat sagte mir: »Die Digitalisierung erschreckt mich! Maschinen und Programme sind nur so gut wie die, die sie programmieren.« Mir ist für die Bundeswehr kein Fall von Traumatisierung durch Drohnenbedienung bekannt. Das muss aber nicht heißen, dass es das nicht gibt. Ein weiteres Problem ist die Frage von Schuld. Kirche hat fast ein Alleinstellungsmerkmal, die Schuldgefühle von Menschen ernst zu nehmen. Das begegnet uns auch in der Militärseelsorge.

Warum ist Bundeswehr bei der Friedensdekade dabei?.
Kölling:
Die Idee entstand nach dem »Magdeburger Manifest« vom Kirchentag auf dem Weg 2017, das von Kirche fordert, den Dialog mit Soldaten einzuschränken. Das hat zu sehr starker Verunsicherung geführt. Soldaten fragten: »Warum ist kein offener Dialog zwischen Kirche und uns möglich?« Für mich ist die Friedensdekade eine Möglichkeit, diesen Dialog wieder aufzugreifen.

Die Teilnahme wurde in Magdeburg sehr diskutiert?
Hadem:
Der Magdeburger Arbeitskreis hat das Angebot der Militärseelsorge und der Bundeswehr intensiv diskutiert. Wir hatten aber das Gefühl, es ist gerade bei dem Thema Krieg 3.0 gut, man führt diesen Dialog. Aber uns waren ein neutraler Ort und andere Beteiligte wichtig, so dass es wirklich ein Dialog wird.

Kölling: So wie ich das verstehe, ist die Friedensdekade beteiligungsoffen. Insofern hätte die Militärseelsorge das sicher auch alleine einbringen können. Es war auch uns wichtig, daraus ein gemeinsames Projekt zu machen.

Brauchen wir die Friedensdekade?
Hadem:
Auf jeden Fall. Ich wünsche mir, dass wir als Kirche mutiger sind, auch unbequeme Fragen zu stellen. Nicht zu sagen: ja, ja, liebe Politik, wir folgen euch in ultima ratio, sondern lange die Frage zu stellen: Geht’s nicht auch anders? Das halte ich für unseren wichtigen Auftrag, und da leide ich an meiner EKD, dass ich sie hier oft als zurückhaltend erlebe.

Kölling: Soldaten, mit denen ich spreche, wünschen sich eine starke Friedensbewegung. Denn es gibt viele Fragen. Etwa, ob es nicht problematisch ist, bei Auslandseinsätzen autoritäre Regime als Partner zu haben, die gar nicht so demokratisch aufgestellt sind wie wir. Und Soldaten reflektieren ihren Dienst. Es ist wichtig, dass sie damit nicht alleine sind.

Die Fragen stellte Thorsten Keßler.

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Engagiert, gelegentlich schockiert

13. November 2018 von redaktionguh  
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EKD-Synodale Colleen Michler will das Bewusstsein für die Herausforderungen kleiner werdender Gemeinden wecken

Soeben kommt die selbständige Architektin von einer Bauberatung. Auf dem Weg fällt ihr ein ratlos über der Straßenkarte sitzendes Ehepaar im Campingmobil auf. Schnell gibt Colleen Michler ihnen ein paar Tipps zur Orientierung. Wenige Schritte weiter ist sie dann als Bürgermeisterin des kleinen Ortes Oettern im Ilmtal bei Weimar gefragt: Kurze Absprachen mit dem Gemeindearbeiter sind nötig.

Noch ein paar Schritte weiter sitzen wir in der Küche ihres Hauses und schalten auf Kirche um. Denn Colleen Michler gehört als Vertreterin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. Darüber hinaus ist sie ebenfalls Mitglied der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), gehört dort sogar zum Präsidium.

Architektin mit vielen Ehrenämtern: Colleen Michler vertritt die EKM in der VELKD- und der EKD-Synode. Foto: Harald Krille

Architektin mit vielen Ehrenämtern: Colleen Michler vertritt die EKM in der VELKD- und der EKD-Synode. Foto: Harald Krille

In keines ihrer vielen Ämter hat sie sich je gedrängt. In Oettern lebt die ursprünglich aus Kiel stammende Frau, seitdem ihr Mann, Klaus Dicke, einen Ruf als Professor nach Jena erhielt. Was Colleen Michler überraschte: Schon kurz nach ihrem Einzug klingelte die Ortspfarrerin bei ihnen, begrüßte die neuen Mitglieder der Kirchengemeinde und lud zum Mittun ein. »Das hatte ich bisher in meiner Kirche so nicht erlebt. Da war eher der Eindruck: Die Claims sind abgesteckt, jeder hat seine Aufgabe, neue Leute werden gar nicht unbedingt gebraucht.«

In Oettern wurde sie schnell gebraucht: Bald kam die Frage, ob sie nicht in der Kreissynode Weimar mitarbeiten wolle. Ihrem »Ja« folgte ein »Integrationsprogramm« in der neuen Heimat, wie sie es rückblickend nennt: Musste sie doch nun den Informationsfluss von der Kreissynode in die fünf Gemeindekirchenräte ihres Gemeindeverbundes sicherstellen und umgekehrt. »Da habe ich schnell die Menschen der Region kennen- und schätzen gelernt.«

Was wohl auch umgekehrt galt: 2010 wählte man sie zu Oetterns Bürgermeisterin. Auch innerkirchlich folgten weitere Aufgaben. Etwa in der Auswahlkommission für die Vikarinnen und Vikare der EKM. »Ich war wohl doch etwas auffällig in den verschiedenen Gremien«, vermutet sie. Denn schon bald erreichte Colleen Michler der nächste Ruf: Ob sie die EKM in der EKD-Synode sowie der VELKD-Generalsynode vertreten würde?

Leicht hat sie sich die Entscheidung nicht gemacht und erst einmal viele Informationen eingeholt. Zumal sie ja auch nicht Mitglied der EKM-Synode war und sich schon genügend beruflichen und nebenberuflichen Herausforderungen gegenüber sah.

Die ersten Tagungen der 12. EKD-Synode im Mai und im November 2015 brachten nicht nur positive Erfahrungen. »Befremdend« sei es gewesen, wie etwa bei den Wahlen zum Rat der EKD vorher getroffene Absprachen nicht eingehalten und Kandidaten fallen gelassen wurden, sich Wahlgänge endlos hinzogen. Geradezu »abstoßend« sei es gewesen, »wie wir hier als Kirche mit Menschen umgegangen sind«. Ein Grund, warum sich Colleen Michler in den vergangen Jahren auch nicht an eine der Synodalen Arbeitsgruppen, die eine Art von Fraktionen im Kirchenparlament darstellen, gebunden hat.

Worin sie ihre Aufgabe in der Synode sieht? Vor allem möchte sie das Bewusstsein für die Herausforderung durch kleiner werdende Kirchengemeinden schärfen. Das Problem sei im Osten Deutschlands besonders akut, wo für hauptamtliche Mitarbeiter »längst die Grenze der Belastung überschritten ist«.

Doch die Kirchen im Westen sieht Colleen Michler über kurz oder lang vor den gleichen Problemen. Ihre Vision: Neue Wege gehen, mehr niedrigschwellige Angebote, wie sie sie etwa bei den »Kirchentagen auf dem Weg« im vergangene Jahr erlebt hat. Und: »Wir dürfen unsere Ideen nicht nur in den eigenen Gebäuden diskutieren, wir müssen mit unseren Angeboten in die Häuser der Menschen, in die Kneipen, in die Krankenhäuser, in die Schulen.« Wichtig ist ihr zudem die Ökumene – denn die lebt Colleen Michler selbst in ihrer Ehe: Sie als überzeugte Lutheranerin, ihr Mann als engagierter katholischer Christ. Auf dem sonntäglichen Frühstückstisch liegen zwei Zeitungen: der katholische »Tag des Herrn« und »Glaube + Heimat«.
Harald Krille

Nordlicht mit ostdeutscher Perspektive

EKD-Synodaler Jan Lemke will juristischen Sachverstand und die spezifischen Erfahrungen aus dem Osten stärker einbringen

Wenn Jan Lemke sich in der Synode der mitteldeutschen Kirche zu Wort meldet, ist ihm die Aufmerksamkeit gewiss. Das liegt keineswegs nur an der Statur des Juristen – »ich bin nicht von Natur aus schlank«, sagt er selbstironisch – sondern mehr noch an seinem trockenen norddeutschen Humor und seinen treffenden Einwürfen. Dass der 51-jährige Richter am Magdeburger Landgericht seit 2016 die mitteldeutsche Kirche auch in der EKD-Synode vertritt, kommt also nicht von ungefähr.

Zum einen gilt Lemke als erfahrener Synodaler, außerdem ist er als Jurist auch in der Kirche ein gefragter Ratgeber. Seine kirchliche Karriere war ihm gleichwohl nicht in die Wiege gelegt. Obwohl er aus Hamburg stammt und in Kiel und Wilhelmshaven groß geworden ist, kommt er nicht aus einem christlichen Elternhaus. Sein Vater fährt zur See, die Mutter ist gelernte Bankerin, kümmert sich aber vorwiegend um die Kinder.

Sein Weg in die Kirche sei damals eine bewusste Entscheidung gewesen, erinnert sich Lemke. Er geht mit anderen Jugendlichen in den Konfirmandenunterricht und findet erst in Kiel, später in Wilhelmshaven-Fedderwarden Pfarrer, die den richtigen Ton treffen.

Bis heute bedeutet für ihn die Kirche ein Stück Heimat. »Egal, wo man hinkommt, unterm Kreuz gibt es einen Ort, wo man seinen Anker werfen kann«, ist er überzeugt. Diese Erfahrung macht er auch, als er nach dem Jurastudium in Trier und Kiel und seinem Referendariat in Oldenburg 1995 in den Osten ans Magdeburger Landgericht wechselt. Hier ist er für Straf- und Zivilsachen zuständig, seit 2005 nur noch für Strafsachen. »Im Landgericht trägt man schon große Verantwortung, da ist es hilfreich, einen Ausgleich zu haben.«

Jurist mit »Ankerplatz unter dem Kreuz«: Jan Lemke vertritt die EKM in der EKD-Synode sowie in der UEK-Vollkonferenz. Foto: Martin Hanusch

Jurist mit »Ankerplatz unter dem Kreuz«: Jan Lemke vertritt die EKM in der EKD-Synode sowie in der UEK-Vollkonferenz. Foto: Martin Hanusch

Heimisch wird er zunächst in der Magdeburger Pauluskirche. »Hier hat man mich schnell als Fremdkörper ausgemacht und dann schnell in den Gemeindekirchenrat geholt«, sagt er mit einem Schmunzeln. Den Ausgleich findet er in der Familie mit seiner Frau, die ihm 1999 nach Magdeburg folgt, und den beiden Töchtern. Und neben seinem Interesse an Geschichte kommen im Laufe der Jahre weitere kirchliche Funktionen dazu – im Kirchenkreis und auf landeskirchlicher Ebene.

Von Anfang an begleitet er den Fusionsprozess zwischen Kirchenprovinz Sachsen und Thüringer Landeskirche und gestaltet ihn in der Verfassungskommission auch direkt mit. »Das waren spannende Geschichten.« Die Aufgabe als EKD-Synodaler ist für ihn gleichwohl jetzt noch einmal »eine ganz andere Nummer«.

Er sei zwar keine genuin ostdeutsche Stimme, aber als ein Sachwalter der ostdeutschen Perspektive verstehe er sich dabei schon. »Wenn ich etwas mache, will ich es auch richtig machen.« So hält er es auch für einen Fehler, »dass im Rat der EKD kein in Ostdeutschland sozialisierter Vertreter der hiesigen Christenheit sitzt«. Nach seiner Beobachtung sind die Probleme der hiesigen Diaspora in der EKD noch nicht wirklich angekommen. Zudem gebe es ostdeutsche Kulturformen, die er auch für einen Vorteil hält – etwas weniger Selbstdarstellung und mehr Bescheidenheit zum Beispiel.

Ein weiterer zentraler Punkt, der ihn umtreibt, ist die Frage des Identitätserhalts bei Strukturveränderungen. Die damit einhergehenden Probleme kennt er aus eigener Anschauung in der EKM nur zu gut. »Hier hätten wir einige Härten durchaus abmildern können«, sagt er im Rückblick.

Diese Erfahrungen sollen ihm nun in der EKD-Synode zugutekommen. Insbesondere will er sich für den Erhalt der Bekenntnisvielfalt einsetzen. »Die unierte Tradition hat ihre Berechtigung, und das reformierte Bekenntnis ist ebenfalls wichtig«, unterstreicht er nachdrücklich. Vermutlich kommt diese Sicht noch aus der Zeit, als er sich u.a. intensiv mit friesischer Philologie und Minderheitenfragen beschäftigt hat. Der Titel seiner Doktorarbeitet lautet denn auch vielsagend »Nationale Minderheiten und Volksgruppen im schleswig-holsteinischen und übrigen deutschen Verfassungsrecht«.
Martin Hanusch

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Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben

12. November 2018 von redaktionguh  
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Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

2. Korinther 6, Vers 2

In einer alten Familienkiste fand ich einen Stapel von Predigten meines Urgroßvaters. So zwischen 1860 und 1890 geschrieben. Darunter ein Text, den er als junger Pfarrer als Antrittsrede für seinen ersten, altmärkischen Pfarrkonvent verfasst hatte. Er wollte eine alte Tradition wieder beleben: die tägliche Hausandacht in den Familien. Es ist ihm wohl nicht gelungen.

Und wenn ich heute junge – durchaus christliche Familien – besuche, wundere ich mich, dass es kein Tischgebet gibt. Das tun wir nicht, erklärt man mir. Brauchen wir nicht? Haben wir Zeit, unseren Glauben irgendwann zu leben? Reicht es am Heiligabend?

Thomas Begrich, Oberkirchenrat i.R., Magdeburg

Thomas Begrich, Oberkirchenrat i.R., Magdeburg

Es sieht so aus, als ob unser Glaube Schritt für Schritt auswandert, kleiner wird. Meine Enkel sind nicht mehr getauft, sagte ein Bekannter resignierend zu mir. Meine Kinder sollen sich später selbst entscheiden, erklärte eins meiner Patenkinder. Und dann?

Jesus erzählte die Geschichte von den klugen und den törichten Jungfrauen, von denen, die kein Öl für ihre Lampen haben und zu spät zur Hochzeit kommen. Man lässt sie nicht ein: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben! Ist das nicht eine unchristliche Geschichte? Warum erzählt Jesus – ausgerechnet er! – so etwas?

Damit wir lernen: Jetzt, jetzt sollen wir tun, was nötig ist. Jetzt leben wir. Und jetzt stehen wir eben auch in der Verantwortung für das, was wir tun, und das, was wir lassen. Lastet das nun als ein großer Druck auf uns? Weil wir nicht alles schaffen? Sind wir unserem begrenzten Vermögen hilflos ausgesetzt? Warum denn ist Jesus Christus zu uns gekommen?

Darum: Um uns Lasten abzunehmen, die wir nicht tragen können. Wir sind eben nicht für alle und alles zuständig. Gott ist uns gnädig, auch in unserem Unvermögen. Paulus hat das verstanden: Leben in Verantwortung vor Gott ist Leben in seiner Gnade, ist Leben in der Gewissheit des Heils. Heute und nicht irgendwann. Darum hat er diese Erkenntnis in diesen wunderbaren Satz fassen können: Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist die Zeit des Heils.

Thomas Begrich, Oberkirchenrat i. R., Magdeburg

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Neues Konzept und eine Fülle hochkarätiger Veranstaltungen

2. November 2018 von redaktionguh  
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Pogromgedenken: Jüdisch-israelische Kulturtage in Sachsen-Anhalt und Thüringen

Zu Tagen der jüdisch-israelischen Kultur wird ab 3. November in Sachsen-Anhalt und Thüringen eingeladen. Der 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel und das Gedenken an die Opfer der NS-Novemberpogrome vor 80 Jahren stehen im Mittelpunkt der 26. Ausgabe des Festivals in Thüringen, das etwa 100 Veranstaltungen in 20 Städten in allen Regionen Thüringens umfasst, teilte der Vorsitzende des Fördervereins, Ricklef Münnich, in Erfurt mit. Fast die Hälfte der Lesungen, Konzerte, Vorträge und sonstigen Veranstaltungen lägen dabei in der Verantwortung lokaler Partner.

Zur offiziellen Eröffnung der Kulturtage werde am 4. November, 16 Uhr, in der Synagoge im südthüringischen Berkach (Gemeinde Grabfeld) auch Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) erwartet.

Der neue Festivalchef Michael Dissmeier hebt als besondere Höhepunkte die szenischen Lesungen aus dem »Roman eines Schicksallosen« von Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész (1929–2016) hervor. Das Werk des Überlebenden der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald werde auch an Orten aufgeführt, die mit dem Holocaust und dem Schrecken der NS-Zeit in Verbindung stehen. Dazu zähle der Erfurter Erinnerungsort »Topf & Söhne. Die Ofenbauer von Auschwitz« ebenso wie das Dokumentationszentrum Jonastal in Arnstadt. Das »Jerusalem-Duo« gastiere in Erfurt (8. 11., 19 Uhr, Lutherkirche) und Eisfeld (9. 11., 19 Uhr, Kirche).
Kultur-vor-Ort-44-2018In Magdeburg werden seit zehn Jahren Tage der jüdischen Kultur und Geschichte begangen. Theater, Konzerte, Ausstellungen, Film, Vorträge und Diskussionen prägen bis 12. November die Angebote. So erwartet die Gäste am 4. November, 19.30 Uhr, im »Forum Gestaltung« ein Leonard-Cohen-Liederabend mit Susan Borofsky und Joseph L. Heid. Am 10. November laden die Domgemeinde und der Förderverein »Neue Synagoge Magdeburg« um 17.30 Uhr zu einem Meditationsweg zu »Christen und Juden in der Geschichte unserer Stadt« ein.

Auch in Aschersleben gibt es bis zum 9. November Jüdische Kulturtage, unter anderem ein Literaturnachmittag zu Weisheiten, Anekdoten und Witzen am 3. November, 15 Uhr, im Gemeindehaus, Markt 28, und am 4. November eine Stolpersteinführung (Treffpunkt 14 Uhr an der ehemaligen Synagoge). Noch bis zum 18. November ist in der Stephanikirche die Ausstellung über jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg zu sehen.

In Halle dauern die Jüdischen Kulturtage bis zum 10. November an. »Durch das jüdische Jahr« heißt ein Konzert am 4. November, 18 Uhr, im Löwengebäude der Martin-Luther-Universität. Mit dem Beitrag jüdischer Intellektueller am geistigen und politischen Leben der Weimarer Republik beschäftigt sich Chaim Noll am 8. November, 19.30 Uhr, im Stadtmuseum.

(G+H)

www.juedische-kulturtage-thueringen.de

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Ein Weg, der sich lohnt

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Pilgerroute auf den Spuren Luthers in Sachsen-Anhalt besteht seit zehn Jahren

Als sich der Landwirt Wolf von Bila aus Wohlsdorf bei Köthen am 25. August 2006 mit einer Idee an die Landeskirche Anhalts wandte, war nicht abzusehen, was daraus werden würde. Sein Vorschlag lautete, die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg durch einen Pilgerweg zu verbinden. Einen Monat später gab es das erste Planungstreffen in seinem Haus. Vertreter von Kirchen, Kommunen und Tourismusverbänden ließen sich von der Idee anstecken. Zwei Jahre später wurde der Lutherweg durch Sachsen-Anhalt eingeweiht. Er war der erste auf den Spuren des Reformators überhaupt. Heute ist er ein Wegenetz, das sich durch sechs Bundesländer zieht.

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Zum zehnjährigen Bestehen des Lutherweges Sachsen-Anhalt würdigte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ihn als touristisches und spirituelles Projekt. »Die Idee, Luthers zahlreiche Wege nachzuzeichnen und Pilger ebenso wie Wanderer zu bedeutenden Orten der Reformation in Sachsen-Anhalt zu führen, ist aufgegangen«, sagte er einem Festakt am 4. Oktober in Kemberg bei Wittenberg. »Ich bin froh, dass der Lutherweg auch nach dem Reformationsjubiläum 2017 weiter besteht und bestehen wird. Vor diesem Hintergrund ist das zehnjährige Jubiläum ein wichtiger Zwischenschritt«, so Haseloff, der auch Schirmherr des Lutherweges in Sachsen-Anhalt ist.

Der Lutherweg Sachsen-Anhalt war am 28. März 2008 in Höhnstedt nahe der Lutherstadt Eisleben von Vertretern aus Kirche, Tourismus, Politik und von Verbänden eingeweiht worden. Er verbindet im Sinne seines Erfinders auf dem Rundkurs die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg. Im Norden verläuft er durch Anhalt, im Süden durch Halle an der Saale. 2017 wurde eine zusätzliche Strecke von Zerbst nach Magdeburg aufgenommen.

Hinter Eisleben führt der Weg, der insgesamt rund 460 Kilometer lang ist, nach Mansfeld-Lutherstadt und weiter in Richtung Thüringen. Nach und nach kamen weitere Lutherwege in Thüringen, Sachsen, Bayern, Hessen und zuletzt in Brandenburg dazu. Als Dachorganisation sichert die Deutsche Lutherweg-Gesellschaft die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Lutherwegen. Zugleich ist sie Trägerin der Koordinationsstelle für den Lutherweg Sachsen-Anhalt, die von Grit Gröbel geleitet wird.

Bei der Jubiläumsfeier erinnerte der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Pfarrer Ekkehard Steinhäuser, an einige Initiatoren des Lutherweges: an den oben genannten, 2012 verstorbenen Wolf von Bila oder den katholischen Pfarrer Willi Kraning. In einem Referat wies Steinhäuser darauf hin, dass Luther das Pilgern mit dem Ziel, dadurch Gottes Gnade zu erreichen, abgelehnt habe. Zugleich gebe es heute aber zahlreiche Gründe für ein »evangelisches Pilgern«, etwa das Erlebnis des gemeinschaftlichen Christseins. »Außerdem kann man beim Pilgern seinen Problemen nicht weglaufen, man ist sich selbst näher und kann auch Gott besser zuhören.«

Steinhäuser würdigte in einem Gespräch mit der Kirchenzeitung auch die Arbeit der ehrenamtlichen Weg-Pfleger, von denen bei der Feier in Kemberg einige ausgezeichnet wurden. Für die Zukunft des Weges wünscht er, dass es immer wieder und immer mehr Menschen gibt, die nach dem Pilgern mit dem Gefühl innerer Zufriedenheit nach Hause zurückkehren und sagen: Ja, das Pilgern tut gut.

(G+H)

www.lutherweg.de

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»Handeln wir nicht unter unserer Würde«

18. September 2018 von redaktionguh  
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Trauer und Sorge: Friedensgebete nach einem tragischen Tod in Köthen

Ein 22-jähriger Köthener ist tot, nach ersten Erkenntnissen gestorben an Herzversagen nach einem Streit mit zwei Afghanen, die nun in Untersuchungshaft sitzen (Stand bei Redaktionsschluss am Dienstag; siehe auch Seite 2). Viele Menschen in der Bach-Stadt sind bestürzt über diesen Tod; Kirchenvertreter und Politiker sprachen der Familie ihr Mitgefühl aus. »Unsere Gebete und Gedanken sind bei ihm und seinen Angehörigen«, sagte der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Vor rund 500 Menschen würdigte Kirchenpräsident Joachim Liebig am Sonntagnachmittag bei einer Trauerandacht in der Jakobskirche auch das Vorgehen von Vertretern des öffentlichen Lebens in Köthen: »Die örtlichen Kirchengemeinden haben auf die schreckliche Nachricht vom Tod eines Mannes nach der Auseinandersetzung gestern in Köthen – gemeinsam mit Vertretern aller Stadtratsfraktionen – sehr schnell reagiert und mit dieser Andacht der Trauer der Stadtgesellschaft auf friedliche Art und Weise Raum gegeben. Dafür bin ich sehr dankbar.« Es werde nötig sein, dass die Köthenerinnen und Köthener in den kommenden Tagen und Wochen zusammenrücken und diese schwierige Situation gemeinsam meistern. »Noch wissen wir nicht genau, was sich bei dem tragischen Vorfall tatsächlich abgespielt hat«, so Liebig. »Wichtig ist aber, dass die Ereignisse von keiner Seite für andere Zwecke missbraucht werden. Ich vertraue auf die Aufklärungsarbeit der Polizei und der Gerichte. Zugleich zeigen uns solch traurige Anlässe, wie dringend notwendig es ist, für die tiefe Spaltung in unserer Gesellschaft eine gemeinsame Lösung zu finden.«

Nach dem Tod des jungen Kötheners, der ihn mit Trauer und Entsetzen erfülle, rief auch der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige zu Besonnenheit auf. »Einen solchen Vorfall aber zum Anlass zu nehmen, um Wut und Hass gegen Ausländer und Andersdenkende zu schüren oder sogar gewalttätig zu werden, ist genauso verwerflich«, so Feige laut Mitteilung des Bistums. Der Rechtsstaat müsse noch intensiver nach Wegen suchen, um Aggressionen zu verhindern oder wenigstens einzudämmen. Und er müsse nach Wegen suchen, die Integration zu fördern und gesellschaftliche Verwerfungen zu befrieden. »Das aber betrifft auch alle Bürger. Auf jeden Fall sind Besonnenheit und Differenzierung vonnöten. Leben und handeln wir nicht unter unserer Würde!«

Kreisoberpfarrer Lothar Scholz hat am Ort des Tatherganges Kontakt zu den Angehörigen des toten 22-Jährigen gesucht und wird ihn weiter aufrechterhalten.

Auch er hofft, wie seine Pfarrkollegen, dass weder Rechte noch Linke die Ängste und Befürchtungen der Köthener für ihre Zwecke ausnutzen. Die seelsorgerliche Begleitung der Familie ist seine Aufgabe in der nächsten Zeit, aber diese ist wie jede andere Seelsorge auch, so der Pfarrer, nichts, was in die Öffentlichkeit gehört. Horst Leischner, der Pfarrer von St. Jakob, lädt nach gemeinsamem Beschluss zusammen mit den anderen Pfarrern in der Stadt an jedem Abend um 17 Uhr zum ökumenischen Friedensgebet in die große Kirche am Markt ein. »Die Pfarrer werden täglich wechselnd die Andacht gestalten«, sagt er, und die Gebete sollen so lange fortgeführt werden, wie es erforderlich sei.

Den Auftakt machte am Montagabend vor zahlreichen Besuchern, unter ihnen auch der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), der Köthener Kreisjugendpfarrer Martin Olejnicki. »Wir beten für den Verstorbenen, für seine Angehörigen und für den Frieden in der Stadt«, sagte er in der Kirche.

Das schreckliche Geschehen in der Stadt wird auch ihn nicht so einfach loslassen. »In den Treffen der Jungen Gemeinde werden wir darüber reden«, so Olejnicki gegenüber der Kirchenzeitung. Er werde dabei auf die Fragen der Jugendlichen hören und auf das, was gegebenenfalls noch in ihnen mitschwingt. Ganz klar hat er ihnen nur eines gesagt: Sie sollten sich nicht zu voreiligen Aktionen hinreißen lassen.

(G+H/epd)

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Respektvolle Partnerschaft

17. September 2018 von redaktionguh  
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Kirchenvertrag vor 25 Jahren unterzeichnet

Am 15. September 1993 wurde in der Lutherstadt Wittenberg der erste Evangelische Kirchenvertrag in den neuen Bundesländern unterzeichnet. Partner waren sechs evangelische Landeskirchen und das Land Sachsen-Anhalt. Der damalige Magdeburger Konsistorialpräsident Hartmut Johnsen war Verhandlungsführer der Kirchen. Seine Nach-Nachfolgerin ist Brigitte Andrae, die Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKM.

Frau Andrae, wo haben die Kirchen die Möglichkeiten und Freiräume genutzt?
Andrae:
Da verweise ich aktuell auf das letzte Gespräch unserer Kirchen mit der Landesregierung, das wir vor wenigen Tagen hatten. Wir haben sehr intensiv über unseren je eigenen Beitrag für ein gelingendes europäisches Miteinander gesprochen. Aktuell stehen wir vor großen Herausforderungen in Europa. Da ist es wichtig, Positionen zu finden, die einerseits klar, andererseits aber auch konsensfähig sind.

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Angesprochen worden ist in diesem Gespräch auch die Entwicklung des Religionsunterrichtes an den Schulen in Sachsen-Anhalt. Insgesamt blicken wir auf eine erfreuliche Entwicklung in den letzten Jahren. Die deutliche Mehrheit der Schülerinnen und Schüler hat inzwischen die Möglichkeit, am Evangelischen Religionsunterricht teilzunehmen. In Fragen des Lehrkräfteangebotes, der Planbarkeit des Unterrichtseinsatzes und zum Teil auch bei der Refinanzierung gibt es aber nach wie vor Handlungsbedarf. Auch darüber wurde gesprochen.

Und wo hat das nicht funktioniert?
Andrae:
Natürlich gibt es immer mal wieder Reibungspunkte. Zu Verbesserungen bei der Finanzierung unserer Schulen zu kommen, war nicht leicht. Trotz der erreichten Fortschritte bleibt hier noch etwas zu tun.

Schwieriger geworden ist die Situation auch dadurch, dass wir in Parlament und Regierung nicht mehr so selbstverständlich auf Menschen treffen, die Kirche aus eigenem Erleben kennen. Da ist an der einen oder anderen Stelle schon Übersetzungsarbeit zu leisten. Im Großen und Ganzen funktioniert die Zusammenarbeit aber gut.

Damals wurde auf die Bezeichnung »Staatskirchenvertrag« verzichtet und »Evangelischer Kirchenvertrag« gewählt. Dennoch sprachen und sprechen Kritiker von zu großer Nähe von Staat und Kirchen und Sonderrechten für letztere. Wie sehen Sie das?
Andrae:
Die Terminologie verdeutlicht sehr schön, dass wir es bei dem Wittenberger Vertrag eben gerade mit einem Vertragswerk zwischen zwei gleichberechtigten und selbstständigen Partnern zu tun haben. Und da gibt es Fragen, die beide Partner betreffen und die verlässlich zu regeln sind. Ein Privileg der Kirchen kann ich darin gerade nicht erkennen. Eher eine Grundhaltung des Respekts vor der Eigenständigkeit des je anderen.

Die Fragen stellte Angela Stoye.

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Er ist wieder da

14. September 2018 von redaktionguh  
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Antisemitismus: Oder war er vielleicht nie wirklich weg? Seit etwa 2 500 Jahren gibt es Judenfeindlichkeit. Schon fast überwunden geglaubt, tritt der Judenhass heute wieder offen zutage.

Vor wenigen Wochen sorgte eine Veranstaltungsrezension in den Thüringer Tageszeitungen für große Aufregung. Offensichtlich ohne Prüfung und Korrektur konnte ein Text erscheinen, in dem die Autorin behauptete, das Festival »Yiddish Summer Weimar« könne froh sein, von Stadt, Land und privaten Förderern am Leben erhalten zu werden. Der künstlerische Leiter würde nur noch in Deutschland, und nicht seiner Heimat USA, tätig sein, weil »alle Welt glaubt, dass wir Deutschen immer noch humanitäre Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten« und »hier das Geld für allseits begründbare Projekte noch sehr locker fließt.« Kunstkritik hin oder her, die Wortwahl der Autorin entspricht eindeutig Formulierungen und Vorstellungen nationalistischer Gruppierungen. Die uralte Annahme, Juden besäßen unverdient mehr als ihnen zustünde, wird hier ganz selbstverständlich in die moderne Zeit, in den kulturellen Kontext übertragen.

Jüdisches Leben: In Magdeburg soll wieder eine Synagoge entstehen. Ein Förderverein engagiert sich für den Neubau. Das Banner steht am zukünftigen Bauplatz. Es wurde mehrfach mutwillig beschädigt. Foto: Angela Stoye

Jüdisches Leben: In Magdeburg soll wieder eine Synagoge entstehen. Ein Förderverein engagiert sich für den Neubau. Das Banner steht am zukünftigen Bauplatz. Es wurde mehrfach mutwillig beschädigt. Foto: Angela Stoye

Antisemitismus ist in Deutschland auch 85 Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wieder ein Thema. Oder immer noch. Wer nicht unmittelbar betroffen ist, nimmt ihn jedoch als gegenwärtiges Problem im Alltag kaum wahr. Ereignisse der jüngeren Vergangenheit wie die Echo-Preisverleihung oder der Angriff auf einen Kippa-Träger in Berlin zeugen jedoch von der Aktualität.

Für den israelischen Schriftsteller Amos Oz ist »die Geschichte von Judas in den Evangelien gleichsam das Tschernobyl des christlichen Antisemitismus.« Juden stünden seitdem synonym für Judas: »Verräter, Gottesmörder, habgierige Betrüger«. Die Ablehnung gegenüber Juden hat in der Vergangenheit immer wieder neue Formen angenommen. Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich in Deutschland und in Europa der Antisemitismus, der während der Zeit des Nationalsozialismus und dem damit verbundenen Genozid an den europäischen Juden seinen Höhepunkt erreichte.

Trotz aller Aufklärungsarbeit nach dem Holocaust werden heute immer noch antijüdische Sprach- und Argumentationsmuster reproduziert – und zwar gesamtgesellschaftlich in allen sozialen Schichten und politischen Gruppierungen der Bevölkerung. Eine aktuelle Studie des Londoner Pears Institute for the Study of Antisemitism vom Juli dieses Jahres untersuchte den Zusammenhang zwischen der Entwicklung aller erfassten antisemitischen Vorfälle und der verstärkten Zuwanderung von Migranten aus Nordafrika und Nahost. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass in keinem der untersuchten Länder, zu denen Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Belgien und die Niederlande gehörten, ein direkter Zusammenhang besteht. Antisemitismus sei ein Problem, das der Mehrheitsbevölkerung entspringe und nicht ausschließlich oder sogar überwiegend von Minderheiten herrühre.

Dass das so ist und warum, darüber muss man reden: sich mit der Problematik beschäftigen und miteinander ins Gespräch kommen. Dabei ist es wichtig zu wissen, worüber gesprochen und auch gestritten wird. Entrüstet in einen Kanon der Mehrheit einzustimmen ist einfach. Der Grundstein für eine differenzierte Betrachtung, für das Wissen um die Juden, das Judentum und ihre Geschichte muss indes frühzeit gelegt werden: in Kindergärten und Schulen. Nur so können Vorurteile gar nicht erst an kommende Generationen ungehindert weitergegeben werden.

Das ist wichtiger denn je, auch angesichts der zunehmenden Zahl von Migrantenkindern. Denn die Londoner Studie zeigte auch, dass die antisemitische Einstellung in allen fünf Ländern bei den Angehörigen muslimischer Minderheiten weiter verbreitet ist als in der Allgemeinbevölkerung. Auch in der Haltung zum Staat Israel würden Jugendliche mit muslimischem Hintergrund ein höheres Maß an israelbezogenem Antisemitismus aufweisen als die deutsche Bevölkerung, hieß es.

Mirjam Petermann

Die Co-Autoren, Axel Große und Jan Grooten, bieten vom 9. bis 11. November den Workshop »Antisemitismus heute« in Eisenach an.

www.ev-akademie-thueringen.de

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Auf dem Trockenen

20. August 2018 von redaktionguh  
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Ein außergewöhnlicher Sommer: Hitze und Dürre seit dem Frühling fordern die Landwirte heraus. Nun ist auch die Kirche gefragt.

Mais, der nur einen halben Meter hoch wächst und Weizen-Ähren, die kleine Körner bilden. Eine Kommune verbietet ihren Bürgern das Gießen mit Trinkwasser und die andere ruft dazu auf, junge Straßenbäume zu wässern. Die Elbe führt Niedrigwasser, in Magdeburg hatte sie in der Vorwoche mit 52 Zentimetern fast ihren historischen Tiefststand von 1934 erreicht. Landwirte rechnen mit hohen Einbußen. Das ist der Sommer 2018.

Nach 1992 und 2003 sei dieses Erntejahr durch eine extreme Dürre gekennzeichnet, meldete der christlich geprägte Deutsche Bauernbund. Sachsen-Anhalts Verbandspräsident Jochen Dettmer sprach von einer Naturkatastrophe. In einigen Regionen Sachsen-Anhalts hat es seit April nicht mehr nennenswert geregnet. Mitte Juli forderten die Landwirte Unterstützung. Der Hilferuf richtete sich nicht nur an die Regierungen, sondern auch an die Kirchen. Sie gehören zu den großen Verpächtern. Die Pachtkosten müssten reduziert werden. Stundungen haben keine stabilisierenden Wirkungen, heißt es aus der Quedlinburger Geschäftsstelle des Bauernbunds.

Einen Pachterlass oder -verzicht wird es jedoch nicht geben, sagte Oberkonsistorialrat Diethard Brandt, Leiter des Grundstücksreferats im Landeskirchenamt Magdeburg. »Das Geld ist ja im Haushalt für unsere Aufgaben eingeplant.« Stattdessen wird die Kirche die Pachtzahlung stunden.

Staubtrockene Erde: Ein Landwirt lässt Ackerboden durch seine Hände rieseln, im Hintergrund steht der Mais auf den Feldern. Foto: epd-bild

Staubtrockene Erde: Ein Landwirt lässt Ackerboden durch seine Hände rieseln, im Hintergrund steht der Mais auf den Feldern. Foto: epd-bild

Üblicherweise endet ein Pachtjahr am 30. September, dann haben die Bauern ihre Ernte verkauft und zahlen die Pacht für die zurückliegenden zwölf Monate. Oberkonsistorialrat Brandt kündigte an, dass die Zahlung erst am Jahresende fällig wird, wenn die Landwirte ihre Subventionen und gegebenenfalls Hilfen erhalten haben. »Wir sehen, dass das Anliegen der Bauern berechtigt ist. Dem wollen wir uns, im Rahmen unserer Möglichkeiten, stellen.« Verpächter haben eine Mitverantwortung, betonte Brandt. Man teile sich Erfolge und Misserfolge. »Und in diesem Jahr sind es schon sehr besondere Umstände.«

Mortimer von Rümker, Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses der EKM-Landessynode und selbst Landwirt bei Gotha, betont, wie wichtig das Differenzieren ist. Die eine Landwirtschaft gibt es nicht. Während einige Ackerbaubetriebe eine gute Ernte gemacht haben, fällt sie bei anderen schlecht aus; besonders hart trifft es die Viehhalter. Weil Mais und Gras während ihrer Wachstumsphase im Frühling das Wasser fehlte, gibt es zu wenig Viehfutter.

Hingegen hat die SaatGut Friedrichswerth – Landwirtschaftsbetrieb von Rümker eine gute Ernte eingefahren. Das Getreide hat schöne, große Körner gebildet. »Schlicht und ergreifend Glück« nennt es Rümker, dass auf den 600 Hektar großen Feldern im Mai zwei Gewitterschauer niedergingen, während es nur wenige Kilometer weiter trocken blieb.

Wie soll man den Kollegen nun also helfen? Einen Pachterlass hält Rümker nicht für geeignet, um Betriebe zu unterstützen. Wohl aber empfiehlt er einen Blick in die Verträge: Der Pachtpreis kann je nach wirtschaftlicher Lage angepasst werden. »Das heißt: auch nach unten.« Auch die Bildung von Rücklagen für schlechtere Jahr wäre eine sinnvolle Maßnahme.
Hitze und Dürre treffen nicht nur die Landwirtschaft. Zwischen Schönebeck und Magdeburg trocknen die Elbauen aus, hat Hans-Joachim Döring, Umweltbeauftragter der EKM, beobachtet. Sinkt der Grundwasserspiegel, schadet das nicht nur Flora und Fauna, sondern auch dem Tourismus an der Elbe und im Wörlitzer Park sowie den auf Lehm gebauten Häusern in den Auen, Setzungsrisse tun sich auf. »Die Angst ist bei den Menschen angekommen«, sagt Döring.

Gleichsam hat er festgestellt, dass vieles, was vor Jahren als ideologieverdächtig gebrandmarkt wurde, heute ernsthafter diskutiert wird. »Wir haben genug erkannt und sollten es ändern«, sagt er und nennt als Beispiele den Ausstieg aus der Kohle, ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen, eine Rückkehr zur Kreislaufwirtschaft nicht nur im Agrarbereich, ein Bodenfonds in öffentlicher Hand, eine neue Förderpraxis für Bauernhöfe oder ein Ende der Illusion, die Elbe sei eine Schifffahrtsstraße für Massengüter. »Aktuell und in unserer Gegend auch relevant: keine Parteien wählen, die den Klimawandel leugnen.«

Als Christ bringe ihn die Dürre in Erklärungsnöte, gesteht Döring. »Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen«, zitiert er Psalm 24 und fügt an: »Gilt das noch? Hat Gott seine Zusage an den Planeten zurückgestellt, hält er uns einen Spiegel vor?« Hans-Joachim Döring hadert.

Katja Schmidtke

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Kirche macht Schule

10. August 2018 von redaktionguh  
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Finnland liegt in Mitteldeutschland – betrachtet man die pädagogische Arbeit und die Evangelischen Schulen in Mitteldeutschland.

Es gibt die Orte, an denen Kirche wächst. Sichtbar ist das im Besonderen bei der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland und der Evangelischen Johannes-Schulstiftung. Zahlen machen das ganz nüchtern deutlich. 5 300 Schülerinnen und Schüler lernen im neuen Schuljahr an den Einrichtungen der Evangelischen Schulstiftung, 1 250 sind es bei der Evangelischen Johannes Schulstiftung.

»Wir wachsen weiter und das passiert vor allem durch neue Klassen«, erklärt Marco Eberl, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Schulstiftung. »Wir haben einige Schulen, die noch größer werden, so zum Beispiel die 2014 gegründete Grundschule in Halle oder auch die Gemeinschaftsschule in Erfurt.« Vor dem quantitativen Wachstum ist Eberl aber vor allem die Qualität der evangelischen Schulen wichtig. In den Einrichtungen der Schulstiftungen in Sachsen-Anhalt und Thüringen setzt man auf eine gute Lernatmosphäre, christliche Werteerziehung, gut ausgebildete Lehrer und eine hochwertige Ausstattung. »Wir wollen zuallererst gute Schule machen«, betont Eberl.

In Vergleichsarbeiten mit staatlichen Schulen auch in anderen Bundesländern schneiden die evangelischen Schulen sehr gut ab. Auch die Ergebnisse bei der PISA-Erhebung, die beispielsweise am evangelischen Gymnasium in Jena gemessen wurden, waren überdurchschnittlich. Die Schule erreichte damals ähnliche Werte wie die, die im Bildungsmusterland Finnland erreicht wurden.

Der Lehrer Deutschlands: Philipp Melanchthon (eigentlich Philipp Schwartzerdt) kam vor 500 Jahren, am 25. August 1518, um 10 Uhr in Wittenberg an. Heute verkörpert Michael Schicketanz bei seinen Stadtführungen in der Lutherstadt den leidenschaftlichen Professor. Mehr dazu auf Seite 13. Foto: Thomas Klitzsch

Der Lehrer Deutschlands: Philipp Melanchthon (eigentlich Philipp Schwartzerdt) kam vor 500 Jahren, am 25. August 1518, um 10 Uhr in Wittenberg an. Heute verkörpert Michael Schicketanz bei seinen Stadtführungen in der Lutherstadt den leidenschaftlichen Professor. Mehr dazu auf Seite 13. Foto: Thomas Klitzsch

Möglich wird das aber nur durch gut ausgebildete und motivierte Lehrkräfte. Dafür ist eine ausgeprägte Personalakquise nötig. Die Personalgewinnung sieht Michael Bartsch, Vorstand der Evangelischen Schulstiftung und der Evangelischen Johannes Schulstiftung, darum als die große Herausforderung im neuen Schuljahr und darüber hinaus. »Die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen locken mit Verbeamtung, darum wird die Personalgewinnung für uns nicht einfacher«, erklärt Bartsch. Deshalb müsse man in Sachen Personal am Ball bleiben und Anreize schaffen.

Im vergangenen Schuljahr ging die Evangelische Schulstiftung mit der Kampagne »Mein Montagsgefühl« an die Öffentlichkeit. Darin beschrieben Lehrer ihren Arbeitsalltag, die Lehr- und Lernatmosphäre, um junge Pädagogen für die Arbeit dort zu begeistern. Kampagnen wie diese, aber auch der Kontakt zu Universitäten und damit zu Lehramtsanwärtern soll laut Marco Eberl weiter ausgebaut werden.

Für das neue Schuljahr haben sich in Sachsen-Anhalt durch das geänderte Schulgesetz die finanziellen Rahmenbedingungen für die Sekundarstufen verbessert. »Bei den Grundschulen ist das leider nicht der Fall«, erklärt Bartsch. Dennoch geht er mit Freude und Dankbarkeit in das neue Schuljahr.

»Am 1. August haben wir die Trägerschaft für die Evangelische Grundschule in Wittenberg und die Evangelische Grundschule in Holzdorf übernommen. Das ist eine große Freude. Vor allem auch, weil wir mit Holzdorf gegen den Trend arbeiten und zeigen können, dass auch eine kleine Schule mit nur 52 Schülern Potential hat und erfolgreich arbeiten kann.« An dieser inklusiven Schule lernen nicht nur Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam. Hier erlernt jeder das Geige- und Cellospielen. Auch die Eltern machen dabei mit.

Bei der Evangelischen Sekundarschule Magdeburg freut sich Bartsch, dass hier die Theaterpädagogik in diesem Schuljahr weiter ausgebaut werden kann und Schauspieler gewonnen werden konnten, die die Schüler unterrichten. In Magdeburg stehen auch bauliche Veränderungen an. So werden Schüler und Lehrer zum Halbjahr ein Übergangsquartier in Magdeburg-Buckau beziehen, während die Bauarbeiten am derzeitigen Gebäude beginnen.

Große Investitionen stehen bei der Evangelischen Schulstiftung ebenfalls an. Sie will mit Fördermitteln von Kirche und Ländern, laut Eberl, an die 20 Millionen Euro investieren und damit beispielsweise den Schulstandort Gotha ausbauen sowie die Grundschule in Hettstedt sanieren. Auch am Gymnasium in Meiningen soll noch einmal gebaut werden. Und natürlich soll es an der Grundschule in Halle weitergehen.

Diana Steinbauer

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