Traditionen folgen und Neues wagen

10. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Alle Jahre wieder stellen sich die Verantwortlichen die Frage: Wie soll Konfirmationsunterricht heute aussehen? Muss er sich den Wünschen der Mädchen und Jungen und ihren veränderten (Er-)Lebensgewohnheiten anpassen oder sollte er als »Fels in der Brandung« vor allem traditionelle Glaubensunterweisung bieten? Zwei Stellungnahmen von Pfarrern, die ihre Sichtweise von zeitgemäßer Konfirmandenarbeit darlegen:

Blick-14-2017
Kurz nach der Jahrtausendwende ließen Verantwortliche für die Kinder- und Jugendarbeit aus dem Magdeburger Konsistorium verlauten: Die Auftraggeber für den Konfirmandenunterricht seien die Konfirmanden (also nicht etwa die Kirche oder letztlich Christus), an ihren Bedürfnissen sei die Beschäftigung mit ihnen auszurichten; vor allem dürfe man den Unterricht nicht als Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung betrachten. Ist das eine angemessene Haltung in Sachen Glaubensunterweisung?

Es mag für manche verstaubt und altbacken klingen: In Wasungen findet Woche für Woche der Konfirmandenunterricht für die Siebt – und Achtklässler statt, in dem wir singen, beten, auch spielen, aber vor allem lernen: Glaubensinhalte, Liturgie, biblische Inhalte.

Auch wenn die meisten Jugendlichen den Religionsunterricht besuchen, haben sie doch weiter ein großes Interesse an »harten Fakten«, an Informationen über die Kirche, über innere und äußere Zusammenhänge unseres Glaubens. Sie spüren, dass Lernen, gerade kognitives Lernen, ihnen hilft, Sicherheit zu gewinnen in einer Zeit, in der zu oft »Kompetenzen« wichtiger als Inhalte geworden sind.

Bei aller Kritik, die seit Jahrzehnten berechtigt und unberechtigt am Konfirmandenunterricht geübt wird, so am Alter der Konfirmanden und an der oft gegebenen Verbindung mit der Vorbereitung auf das Abendmahl, erlebe ich die Zeit mit den Konfirmanden als segensreich. Und: In jedem Jahr können wir vor der Konfirmation, in der Osternacht, junge Menschen taufen, die aus eigenem Entschluss zu uns gestoßen und geblieben sind.

Stefan Kunze, Pfarrer in Wasungen

Die Frage, ob 14-Jährige reif für ein Bekenntnis wie die Konfirmation sind, diskutiert die Kirche seit Jahrzehnten. Gegenfrage: Warum lassen sich eigentlich so viele Erwachsene scheiden? Auch 30-Jährige treffen nicht all ihre Entscheidungen nach reiflicher Überlegung, oder kippen später um. Das ist für mich kein Argument. Jesus hat Kinder und Jugendliche sehr ernst genommen, sie Erwachsenen in ihrer Entschiedenheit sogar zum Vorbild gemacht.

Die eigentliche Frage lautet: Können wir jungen Menschen bewusst machen, was die Konfirmation bedeutet? Man mag in diesem Alter vieles infrage stellen, aber es ist auch eine Zeit, in der man sich voller Eifer auf etwas stürzt und mit Leib und Seele dabei ist. Dazu ermutige ich die Konfirmanden, indem ich ihnen etwas zutraue und sie zu Entscheidungen herausfordere.

Ja, die Persönlichkeit des Pfarrers oder Gemeindepädagogen spielt bei der Konfirmandenarbeit eine Rolle. Aber auch Strukturen und die ihnen innewohnende Haltung sind nicht zu vernachlässigen. Wir müssen weg vom Säulendenken, in dem es in der Gemeinde eine Säule für die Konfirmanden, eine für die Kinder und Familien und eine für junge Erwachsene gibt. Es ist anachronistisch, mit der Konfi-Arbeit erst im Konfi-Alter zu beginnen. Wir brauchen Angebote für alle Altersgruppen und wir müssen Brücken bauen zwischen den und innerhalb der Generationen. Vor allem müssen wir junge Menschen einbinden. Gewähren wir ihnen zwei Jahre Gastrecht in der Gemeinde oder trauen wir ihnen zu, Christ zu sein für den Rest ihres Lebens?

Ich habe in der DDR-Zeit zum Glauben gefunden. Glauben hat für mich sehr mit Freiheit zu tun. Ich mag aus diesem Grund auch z. B. die Stempelkarten nicht, mit denen sich Konfirmanden ihre Teilnahme am Gottesdienst bestätigen lassen müssen. Was ist der Subtext solcher Karten? Dass, wenn sie voll ist, genügend Gottesdienste besucht wurden?

Natürlich lernen unsere Konfirmanden das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis, aber weniger auswendig, eher inwendig – durch Gottesdienste und Aktionen, die wir gemeinsam machen. Sind nicht Millionen von Menschen, die all das bimsen mussten, trotzdem aus der Kirche ausgetreten und haben dem Glauben den Rücken gekehrt?

Es geht darum, altersgerecht Glauben und Gottesbeziehung zu leben – praktisch, nicht nur mit dem Kopf. Wir stellen Glaubensinhalte, die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus, in den Mittelpunkt. Musik, gemeinsames Singen, Gebet spielen eine große Rolle. Andererseits machen wir viele herrliche Faxen, spielen und quatschen, trinken Tee, machen Ausflüge. Wer sich dann konfirmieren lassen will, nimmt an einer besonderen Konfi-Freizeit teil. Wir reden über Taufe, Abendmahl, über den Sinn der Konfirmation. Konfis müssen sich einbringen, sie gestalten Gottesdienste und Projekte mit, wir erwarten sie zum Abendmahl an Gründonnerstag. Die Konfirmation ist nicht irgendeine Segenshandlung, sie ist eine Taufbestätigung, sie ist ein »Ja, mit Gottes Hilfe«.

Ernst-U. Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Wege zum Glauben finden

7. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Die Konfirmation bedeutet ein bewusstes Ja zum christ­lichen Glauben und zur Kirche. Können junge Menschen im Alter von 14 Jahren eine solche Entscheidung treffen? Wie kann der Konfirmandenunterricht ihnen dabei helfen?

Es ist fraglich, ob 14 das günstigste Alter für die Konfirmation ist«, meint Stefan Brüne, Referent für schulbezogene Arbeit im Kinder- und Jugendpfarramt Magdeburg. Er beruft sich auf Erkenntnisse der Hirnforschung, die besagen, dass das Gehirn in diesem Alter komplett umgebaut werde. Achtklässler könnten Wissen nicht richtig aufnehmen. Ihre Risikobereitschaft sei enorm, während Kontrollmechanismen nicht funktionierten. »Die Jugendlichen laufen heute als Punk herum, treten morgen dem Verein bei, übermorgen einem anderen.« Sie probieren Neues aus, um herauszufinden, was für sie wichtig ist. Mit der Konfirmation erwarte die Kirche: »Jetzt stell dich zu uns.« Welches Alter für einen solchen Schritt das richtige ist, könne und sollte bedacht werden. Der Sozialpädagoge findet die Diskussion darüber zwar wertvoll, hält sie allerdings für rein theoretisch, denn die Konfirmation mit 14 habe eine lange Tradition, an der die Eltern unbedingt festhalten wollten. Sie wünschten so sehr, dass in diesem Lebensabschnitt eine Feier stattfinde, weil sie darin ein Übergangsritual hin zum Erwachsenwerden sehen.

Es gebe Gründe für und gegen die Konfirmation mit 14. Dafür spreche, so Brüne, dass Jugendliche in diesem Alter Orientierung brauchen. In der Vorbereitung auf die Konfirmation könnten sich die Konifs an Erwachsenen orientieren, die nicht ihre Eltern sind. Das Vertrauen zu einer anderen erwachsenen Person, die Werte vermitteln und religiöses Verständnis wecken wolle, könne in dieser Zeit ein Regulativ sein.

Konfirmation mit 14 – aber zum Christsein bewusst bekannt hat sich »The Voice of Germany«-Finalteilnehmer Jonny vom Dahl (das Foto zeigt ihn beim Auftritt mit Yvonne Catterfeld bei der Präsentation ihres neuen Albums) nach eigenem Bekunden erst Jahre später. Foto: Maik Schuck

Konfirmation mit 14 – aber zum Christsein bewusst bekannt hat sich »The Voice of Germany«-Finalteilnehmer Jonny vom Dahl (das Foto zeigt ihn beim Auftritt mit Yvonne Catterfeld bei der Präsentation ihres neuen Albums) nach eigenem Bekunden erst Jahre später. Foto: Maik Schuck

Ob die Teenagerzeit das richtige Alter für die Konfirmation ist – dieser Streit sei alt, sagt Steffen Weusten, Dozent für die Arbeit mit Konfirmanden am Pädagogisch-Theologischen Institut in Drübeck. »Mit 13- oder 14-Jährigen hat niemand gern zu tun – in der Schule nicht und auch sonst nicht.« Es sei jedoch als positives Zeichen zu werten, dass die Kirche gerade in dieser schwierigen Lebensphase die Beziehung zu den Jugendlichen nicht abbrechen lässt. »Sie bauen die Erlebnisse und Erfahrungen ihrer Kindheit um; das macht den Umgang mit ihnen schwierig, aber auch wichtig.« Die jungen Menschen würden entscheiden, ob Religion etwas für sie ist. »Wenn sie älter sind, kann man leichter mit ihnen arbeiten, aber dann sind alle wichtigen Entscheidungen gefallen«, argumentiert Weusten

Nach Stefan Brünes Erfahrung interessieren sich 14-Jährige mehr für die Veränderungen in ihrem Körper; Freunde und Freundinnen sind wichtiger als Mathematik und alles andere. Wenn dies auch auf den Konfirmanden­unterricht zutrifft – wie soll er gestaltet werden, damit Konfirmanden ein bewusstes Ja zu ihrem christlichen Glauben finden können? Sollen die Verantwortlichen sich an den Bedürfnissen und Interessen der Konfis orientieren? Geht es um Wissensvermittlung? Oder sollte das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund stehen?

Eine gute Gemeinschaft sei auf dem Weg zum Glauben die wichtigste Brücke, betont Weusten. Das bedeute nicht, dass die Vermittlung von Inhalten zu vernachlässigen sei. Die Psalmen, die Zehn Gebote und andere klassische Bibeltexte seien Mittel, um den jungen Leuten die Bedeutung des christlichen Glaubens zu erschließen. Ob Konfirmanden den Psalm 23 lernen, sei zweitrangig, wichtig sei vielmehr, wie sie ihn aufnehmen. Ob der Psalm oder andere Bibelabschnitte für die jungen Leute zu einem relevanten Text werden.

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gebe es eine große Bandbreite an Formen der Konfirmandenarbeit. Kirchengemeinden, Pfarrer und Kirchenvorstände bestimmen selbstständig, worauf sie den Schwerpunkt legen. Die meisten entscheiden sich für kognitive Methoden, vermitteln also Inhalte. »Das kann man machen«, räumt Weusten ein. Ein Kriterium für einen guten Unterricht sei diese Praxis nicht. Entscheidend sei, ob die Konfirmanden ihren Weg im Glauben finden. Grundlage dafür sieht Weusten im Erleben einer guten Gemeinschaft untereinander sowie zwischen Konfirmanden und Verantwortlichen.

Sabine Kuschel

Hilfe aller Art: Bahnhofsmission wird 25

2. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Die Magdeburger Bahnhofsmission wurde 1992 gegründet. Ab dem 5. April, wenn mit einem ökumenischen Gottesdienst auf dem Bahnhofsvorplatz das Jubiläum begangen wird, ist das neue Domizil am Bahnsteig 5 empfangsbereit. Mit der stellvertretenden Leiterin, Gabriele Bolzek, sprach Renate Wähnelt.

Was ändert sich mit den neuen Räumen?
Bolzek:
Sie sind bequemer, da vom Bahnsteig aus ebenerdig zu erreichen. Wir haben direkten Blickkontakt zu den Gästen, aber etwas weniger Fläche.

Wer sind Ihre Gäste?
Bolzek:
Hilfesuchende im weitesten Sinn. Im vorigen Jahr hatten wir mit mehr als 18 000 Menschen Kontakt. Gut ein Drittel waren Reisende. Viele der anderen kommen zu uns, weil sie sonst niemanden haben. Sie sind obdachlos, krank, ihr Leben ist aus den Fugen geraten. Seit fast sieben Jahren bin ich hier und habe erlebt, dass unsere Besucher vor allem ernst genommen werden wollen. Sie werden hier auch ernst genommen. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.

Auf dem Bahnsteig: Carmen Luther und Roland Weber arbeiten ehrenamtlich für die Bahnhofsmission. Foto: Viktoria Kühne

Auf dem Bahnsteig: Carmen Luther und Roland Weber arbeiten ehrenamtlich für die Bahnhofsmission. Foto: Viktoria Kühne

Können Sie und die anderen Mitarbeiter ihnen dabei helfen?
Bolzek:
Obdachlose können uns als Postadresse angeben und müssen dann zum Postabholen kommen. Strukturen geben Halt. Wir sind gut vernetzt und können Hilfe vermitteln. Wer bei uns einen Imbiss, Tee oder Kaffee bekommt, gibt uns dafür einige Cent als Spende. Und natürlich sind wir einfach da, helfen mit guten Worten, setzen Ziele, aber auch Grenzen.

Wie haben sich die Besucher im Laufe der Jahre verändert?
Bolzek:
Unter den Bedürftigen hat die Zahl der seelisch Kranken zugenommen. Es erfüllt mich mit Sorge, dass sich so viele über das Materielle ihr Selbstwertgefühl holen, irgendwann überfordert sind, sich nicht mehr gebraucht fühlen. Viele sind suchtkrank. Schlimm finde ich, dass es junge Leute gibt, die keine Träume mehr haben, weil sie erwarten, dass sowieso nichts etwas wird.

Gibt es für Sie denn Erfolge?
Bolzek:
Der schönste Erfolg ist, wenn jemand nicht mehr kommen muss. Ich freue mich auch, wenn jemand lächelnd geht. Oder danke sagt, auch wenn dahinter Verzweiflung spürbar ist.

Die Bahnhofsmission, getragen von evangelischer Stadtmission und katholischer Caritas, war in den 25 Jahren selbst oft genug bedürftig.
Bolzek:
Die Stadt finanziert einen Teil der Personalkosten. Und es haben sich immer neue Türen aufgetan. Wir freuen uns über Spenden: Lebensmittel und Geld finden immer Verwendung. Es gibt bereits Spender, die regelmäßig Kaffee bringen oder auch die Stolle, die von Weihnachten übrig ist oder die Marmelade. Für die bedürftigen Besucher und Reisende mit »Notfällen« wie geplatzter Hose oder verschmutzter Kleidung benötigen wir der Jahreszeit entsprechende Bekleidung, vor allem für Herren, Unterwäsche, Strümpfe, Rucksäcke, Schlafsäcke, Decken, Isomatten, kleine Zelte. Besonders sind uns ehrenamtliche Mitarbeiter willkommen, die unsere Arbeit hier vor Ort unterstützen wollen, egal für wie wenige Stunden. Wer nur auf dem Bahnsteig sein möchte, vielleicht auch nur für zwei Stunden pro Woche, ist ebenso gern als Helfer gesehen wie Menschen mit größerem Zeitbudget.

Das Programm der Festwoche
3. April, 20 Uhr: Kabarettabend mit Lars Johansen, Bahnhofsmission
4. April, 14 bis 18 Uhr: Kuchenbasar auf Bahnsteig 5
5. April, 15.30 Uhr: ökumenischer Gottesdienst mit Bischof Gerhard Feige und Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, Bahnhofsvorplatz
6. April, 18 Uhr: Versteigerung SCM-Trikot, Vorhalle
7. April, 18 Uhr: Vernissage »Kreuzwege«, Bahnhofsmission

Magdeburg feiert Telemann

7. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Telemania: Am 4. März bricht sie in Magdeburg aus. Die Stadt erinnert mit einem umfangreichen Programm an einen Künstler, der zeitweilig fast vergessen war. Eine Spurensuche aus Anlass seines 250. Todestages.

Der Name Georg Philipp Telemann (1681–1767) taucht im Magdeburger Stadtbild öfter auf. Die Konzerthalle im Kunstmuseum Unser Lieben Frauen trägt ihn ebenso wie das Konservatorium der Stadt. Auch eine Straße ist nach ihm benannt. Das Zentrum für Telemann-Pflege und -Forschung setzt sich wissenschaftlich mit seinem Leben und Werk auseinander.

Die Telemannglocke der Walloner­kirche. Foto: Angela Stoye

Die Telemannglocke der Walloner­kirche. Foto: Angela Stoye

Wer aber in Magdeburg originale Zeugnisse aus dem Leben des Barockkomponisten sucht, hat es schwer. Fast alles, was an seine Kindheit und Jugend in der Stadt erinnern könnte, ist zerstört: das Geburtshaus, die Taufkirche, die Schulen. »Das hohe geistige und mitmenschliche Klima in seiner Familie und die Bildung, die er in den Schulen der Stadt empfing, haben ihm viel für seinen Lebensweg gegeben«, sagt Carsten Lange, promovierter Musikwissenschaftler und Leiter des Zen­trums für Telemann-Pflege und -Forschung Magdeburg. »Jahre nach seinem Weggang aus Magdeburg hat Telemann in Briefen und seinen drei gedruckten Autobiografien darauf hingewiesen.«

Georg Philipp Telemann stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus. Sein Vater Heinrich hatte die zweite Pfarrstelle an der Heilig-Geist-Kirche inne. Seine Mutter Johanna Maria, die gerne und sehr gut sang, kam ebenfalls aus einer Pfarrfamilie. Die Telemanns lebten von 1679 bis 1690 wohl in einem Haus in der Judengasse. Getauft wurden die Kinder in der Heilig-Geist-Kirche. Beide Gebäude stehen nicht mehr. Georg Philipp besuchte die Schule am Magdeburger Dom, die sich im Südteil des Kreuzganges befand, und die Altstädtische Schule, ein Gymnasium mit reicher Musiktradition. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurden dessen Reste später abgetragen. Die 1685 verwitwete Mutter Telemanns kaufte 1690 nahe der Wallonerkirche ein Haus, das ebenfalls nicht mehr steht.

In der Kirche aber wird der Suchende auf Telemanns Spuren fündig. Im Kirchenschiff steht eine Glocke, die Jakob Wentzel (gest. 1693), Bürger, Brauer und Glockengießer in Magdeburg, 1683 goss. Sie ist 595 Kilogramm schwer, misst 99 Zentimeter im Durchmesser und ist, so Carsten Lange, in mehrfacher Hinsicht bedeutend. Erstens steht sie für den Wiederaufbau und das langsame Erstarken der 1631 im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Stadt Magdeburg. Zweitens zeugt die kunstvolle Arbeit vom hohen Stand des Glockengießerhandwerks in Magdeburg und drittens verweist sie direkt auf die Familie Telemann.

Denn zur reichen Glockenzier gehören neben einer Taube als Symbol für den Heiligen Geist auch Namen: Diaconus Henricus Telemann, der Vater des Komponisten; das Mitglied des Kirchenkollegiums Daniel Sebastian Lange als sein Patenonkel und der Kirchenälteste H. C. Dietrich Nolte, Ehemann der Taufpatin Georg Philipp Telemanns.

Die Glocke der 1945 zerbombten, später wieder aufgebauten und 1959 abgetragenen Heilig-Geist-Kirche überstand den Zweiten Weltkrieg nur durch Zufall auf dem Glockenfriedhof in Hamburg, wohin sie zum Einschmelzen gebracht worden war. Die Telemann-Glocke wurde, weil sie gesprungen war, 1951 zur Glockengießerei nach Apolda überführt. Erst 1983 kehrte sie nach Magdeburg zurück. Sie ist Eigentum der Altstadtgemeinde und steht im Schiff der Wallonerkirche. Der Sprung wurde zwar in Apolda geschweißt, aber ihr Klang ist dahin.

Magdeburg besitzt noch ein weiteres Zeugnis, das in direktem Zusammenhang mit Georg Philipp Telemann und seiner Familie steht. Es ist der Grabstein des Domherren Georg Philipp von Veltheim (1644–1683), ein weiterer Taufpate des Komponisten, der sich in der Nordwestecke des Dom-Kreuzgangs befindet und nach dem der später berühmte Komponist seine Vornamen erhielt. »Durch den Krieg ist in Magdeburg sehr vieles unwiederbringlich verloren«, bedauert Carsten Lange. Umso wertvoller seien die Glocke und der Stein.

Angela Stoye

www.telemann.org

Die Motette – neue Reihe in Magdeburg

Eine neue Konzertreihe wird in Magdeburg aus Anlass des 250. Todestages von Georg Philipp Telemann etabliert. Sie heißt »Die Motette«.

Einmal im Monat laden hauptsächlich Magdeburger Chöre dazu in den Hohen Chor der Wallonerkirche ein. »Die Motette« bedeutet 45 Minuten geistliche Chormusik und verbindende meditative Texte. Zum Auftakt am 11. März (16 Uhr) interpretieren Solisten, die Biederitzer Kantorei und das Musiksommerfestspielorchester unter der Leitung von Michel Scholl das »Deus judicium tuum regi da« (Psalm 71) von Georg Philipp Telemann und die Augustinus-Motette von Martin Wagner.

Am 29. April (15.30 Uhr) wird zur großen Motette »Sakrale Klangsphären« eingeladen. Es ist zugleich das Eröffnungskonzert des 19. Deutschen Chorfestivals »Welt in Atem« des Verbandes Deutscher Konzertchöre. Zahlreiche Chöre gestalten das dreistündige Programm mit hauptsächlich geistlicher Musik.

Weitere Motetten-Termine: 27. Mai, 1. Juli, 5. August, 2. September, 21. Oktober, 4. November und 2. Dezember (jeweils 16 Uhr).


Das Programm steht

13. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Planungen der Kirchentage in Erfurt und Weimar/Jena sind auf einem guten Weg

Wer eine große Veranstaltung plant, muss vieles im Blick haben: die Zahl der Gäste, ausreichend Sitzgelegenheiten und Essen, Unterhaltungsprogramm und vieles mehr. Bei der Vorbereitung der Kirchentage auf dem Weg ist das nicht anders – nur alles eine Spur größer.

Darum trafen sich in der vergangenen Woche nicht nur der Reformationsbeauftragte Jürgen Reifarth und der Leiter des Kirchentages auf dem Weg in Erfurt, Reiner Degenhardt, auf dem Erfurter Domplatz, sondern auch Vertreter der Kulturdirektion, der Feuerwehr und Polizei, der Marktmeister und viele mehr. »Wir haben auf dem januarkalten, nassen Boden des Domplatzes eine Decke hingelegt, unsere Pläne ausgebreitet und alle technischen Details für die Nutzung des Domplatzes geklärt«, so Reifarth. Denn der Domplatz ist die größte zu bespielende Fläche in Erfurt während des Kirchentages auf dem Weg. Dort sind unter anderem ein Himmelfahrt-Familienkaffee mit musikalischer Begleitung, ein öffentlicher Schauguss einer Glocke und natürlich zwei große Gottesdienste geplant.

Vor dem Luther-Denkmal am Anger: der Reformationsbeauftragte für Erfurt, Jürgen Reifarth. Er sieht den Kirchentag als große Chance. Fotos: Diana Steinbauer

Vor dem Luther-Denkmal am Anger: der Reformationsbeauftragte für Erfurt, Jürgen Reifarth. Er sieht den Kirchentag als große Chance. Fotos: Diana Steinbauer

Das Programm steht. Die Absprachen mit der Stadt sind getroffen, nun geht es an die Details. »In diesen Tagen gehen unsere Höhepunkt-Flyer in die Post, die helfen sollen, den Erfurter Kirchentag im Propstsprengel Eisenach-Erfurt noch bekannter zu machen«, so Reifarth. Auch durch Banner und Werbeplakate soll das gelingen.

»Ich erhoffe mir, dass die Gemeinden den Kirchentag auf dem Weg als Chance begreifen, uns als Kirche öffentlich zu präsentieren, sichtbar zu machen, was wir leben und was uns wichtig ist«, erklärt Reifarth. Darum gehe man mit den Veranstaltungen bewusst nach draußen, um gemeinsam zu feiern, zu essen und sich kennenzulernen.

Doch Kirchentage kosten Geld: den Veranstalter, aber auch die Gäste. Ein Drittel der Kalkulation müssen durch Teilnehmerbeiträge gedeckt werden. Das soll aber niemanden abschrecken. »Alles, was im öffentlichen Raum stattfindet, wird keinen Eintritt kosten«, versichert Jürgen Reifarth. Bei Veranstaltungen wie Podiumsdiskus­sionen, Vorträgen oder Konzerten werde aber nach der Tages- oder Dauerkarte gefragt werden.

Andre Poppowitsch (re.) und Johannes Schleußner mit dem Programm für Weimar/Jena

Andre Poppowitsch (re.) und Johannes Schleußner mit dem Programm für Weimar/Jena

Auch in Jena und Weimar geht es jetzt an die Feinplanung. »Unsere Veranstaltungs-App ist seit heute online«, freut sich Andre Poppowitsch, Referent für die Lutherdekade im Kirchenkreis Weimar. »Wir haben für den Doppelstandort Jena-Weimar bis zu 300 Veranstaltungen geplant und sind stolz, den Gästen eine große thematische Bandbreite anbieten zu können.«

Der Blick werde im Reformationsjubiläumsjahr auch bewusst nicht nur in die Vergangenheit gelenkt, sondern ziehe – frei nach dem Faust-Motto »Sag, wie hast du’s mit der Religion?« – auch moderne Gretchenfragen in den Fokus, betont Johannes Schleußner, der Koordinator des Kirchentages in Jena. Auf aktuelle Themen wie Rüstungsindustrie, Rechtsextremismus oder eine alternde Gesellschaft, darauf setzt man in Jena und Weimar.

»Seit einigen Jahren arbeiten Stadt und Kirche, Klassikstiftung und auch die Universitäten intensiv zusammen und haben in der Region bereits ein Bewusstsein für das Reformationsjubiläum schaffen können«, erklärt Poppowitsch. Er glaubt, dass das Programm Menschen unterschiedlichster Zielgruppen anziehen und in seiner Vielfalt nachhaltig sein wird. Und das über 2017 hinaus.

Diana Steinbauer

Mehr als »1 gute Nachricht«

Elbe, Frieden und Medien sind Schwerpunkte beim Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg

Der Magdeburger Superintendent Stephan Hoenen verschickt dieser Tage besonders viel Post. Denn die Gemeinden im Propstsprengel Stendal-Magdeburg bekommen von ihm das Werbematerial für den Kirchentag auf dem Weg vom 25. bis 27. Mai Magdeburg zum Abdruck in ihren Februar-März-Ausgaben der Gemeindebriefe. Wie viele Besucher zu dem Treffen unter dem Motto »Sie haben 1 gute Nachricht« in die Elbestadt kommen werden, kann zum jetzigen Zeitpunkt keiner sagen.

Auf jeden Fall haben Hoenen und der Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper Ende Januar die Privatquartierwerbung gestartet. Gästen ein Bett oder eine Couch zur Verfügung zu stellen, sei gute Tradition bei den Kirchentagen, so Hoenen. Die Privatquartiersuche steht unter dem Motto »Ich habe 1 guten Schlafplatz«.

Die Planung und Vorbereitung des Treffens läuft seit Jahren. »Die Zusammenarbeit ist beeindruckend«, sagt Anette Berger, Vorsitzende des 2013 gegründeten Programmausschusses für den Kirchentag auf dem Weg. In ihm sind die Stadt Magdeburg, die den Kirchentag zudem mit 300 000 Euro unterstützt, Kulturschaffende und der Kirchenkreis Magdeburg vertreten – rund 100 Ehrenamtliche, die in zahlreichen Untergruppen arbeiten. Über 400 Veranstaltungen sind geplant. Die Inhalte knüpfen an die Geschichte Magdeburgs an und verknüpfen sie mit der Gegenwart. Im Medienzen­trum in der Festung Mark wird daran erinnert, dass Magdeburg die erste protestantische Großstadt und als »unsers Herrgotts Kanzlei« Medienzentrum der Reformation war. Zudem gibt es Workshops, Podien und Impulse zur Rolle der Medien heute und einen Twittergottesdienst am 26. Mai aus der Wallonerkirche. Diese Kirche und die katholische Petrikirche nebenan bilden zum Kirchentag das Zentrum »Web und Spiritualität«. Im Dom und rund um den Dom ist das Thema »Frieden« angesiedelt – DAS Thema in einer Stadt, die 1631 und 1945 stark zerstört wurde, und das aktueller denn je ist. Hier wird auch Reformationsbotschafterin Margot Käßmann am 26. Mai einen Vortrag halten über das Thema »Nichts ist gut in Afghanistan«.
Kirche-vor-Ort-Logo-06-2017Um die Elbe geht es am 26. Mai beim Thementag »Dialog am Strom«, der an die bisherigen Diskussionen zur Zukunft anknüpft. Abends ist ein Elbefest geplant unter dem Motto »Magdeburg am Fluss der Reformation« – eine Welturaufführung zu eigens komponierter Musik mit spektakulären Licht- und Soundeffekten, Chören und einer Schiffsprozession an und auf der Elbe.

Im Rotehornpark ist das Zentrum Kinder, Familien, Jugend und Sport angesiedelt. Und was wäre ein Kirchentag ohne Musik? Kinderchöre aus dem Kirchenkreis Halberstadt etwa führen das Musical »Martin Luther« auf, der Magdeburger Kantatenchor plant das Mitsingoratorium »Die Schöpfung« und das Musicalprojekt Altmark »Eleazar – der 4. König«. Beethovens 9. Sinfonie erklingt auf der Theaterbühne auf dem Domplatz. Am Sonnabend heißt es ab 17 Uhr im Klosterbergegarten »Kirchentag trifft Ekmagadi«, die Magdeburger Kultursommernacht. Mit dem Reisesegen für ihre Fahrt zum Abschlussgottesdienst am Sonntag in Wittenberg werden die Besucher am Sonnabend entlassen.

Angela Stoye/epd


Es bleibt ein Experiment

12. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Gibt es in Deutschland genug engagierte Protestanten, um neben dem Berliner Kirchentag auch die sechs mitteldeutschen Kirchentage auf dem Weg zu einem Erfolg werden zu lassen? Mit den Posaunenchören in Leipzig, den Friedensthemen in Magdeburg oder den Umweltthemen in Dessau könnte das klappen.

Freilich – der Begriff »Erfolg« ist wie bei vielen anderen Themen auch an dieser Stelle relativ. Wer die Kirchentage auf dem Weg mit den Kirchentagen der DDR vergleicht, wird ebenso scheitern müssen wie bei einem Vergleich mit dem großen Deutschen Evangelischen Kirchentag. Die Kirchentage auf dem Weg werden anders sein. Sie werden eine neue Veranstaltungsform sein, die es so im deutschen Protestantismus noch nicht gab.

Es werden Treffen sein für Engagierte, für Spezialisten, die sich abseits des großen Trubels in Berlin einem bestimmten Thema widmen wollen. Für Menschen, die vor dem großen Festgottesdienst in Wittenberg nicht die Menschenmassen der Großstadt, sondern die historischen Wirkungsstätten Luthers besuchen wollen. Für Christen aus Mitteldeutschland, die einen Kirchentag vor der Haustüre erleben.

Aber lohnt sich für so etwas der große Aufwand, wenn doch nur 5 000 Menschen nach Halle oder Dessau kommen werden? Auch das hängt davon ab, wo man den Maßstab setzt.

Wenn die 5 000 hinterher sagen, dass sie eine schöne Zeit in Halle und Eisleben hatten, und sich an diese Reise im Jahr 2017 ganz besonders gern zurückerinnern, wäre das jedenfalls ein besseres Ergebnis, als wenn 20 000 kommen, die am Ende typisch protestantisch, also grummeld unzufrieden sind. Und ansonsten dürfte es so sein wie bei allen Experimenten: Mehr wird man erst an deren Ende wissen.

Benjamin Lassiwe

Selbstvertrauen ist gut – Gottvertrauen ist besser

11. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

Daniel 9, Vers 18

Der Weihnachtsfestkreis mit der Epiphaniaszeit liegt hinter uns. Was bleibt? »Alles hat seine Zeit« (Prediger 3,1), auch die Feste und das Feiern. Der Alltag des Kirchenjahres hat uns wieder. Und Alltag heißt Arbeit, Engagement, Tätigsein. So sehr wir die Feierzeit und freie Zeit auch genießen, gibt uns der Alltag doch unsere eigentliche Bestätigung: das Gebrauchtsein, die Anerkennung, die Selbstverwirklichung, den Erfolg. Aber das Weihnachtsfest wie das ganze Kirchenjahr erinnert uns daran, dass unser Leben, unser Erlöstsein, unsere Zukunft nicht in unseren eigenen Kräften liegt, nicht alltäglich, nicht Ergebnis unserer Bemühungen ist, sondern reines Geschenk, Gnade, Barmherzigkeit! Unsere Weihnachtsgeschenke waren ein kleiner Widerschein dieser großen Gnade: alles umsonst, aus lauter Liebe, unverdient!

Wohin wir mit unseren eigenen Kräften kommen, zeigt die gesellschaftliche, politische und globale Gegenwart deutlich genug. Und im Privaten sieht es oft nicht viel verheißungsvoller aus. Deswegen liegen wir »vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit«. Selbstvertrauen ist gut – Gottvertrauen ist besser.

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Die gegenwärtige Entwicklung hin zum Selbstvertrauen der Protestbürger, die zwar wenig politische Kultur und Einsicht haben, dafür aber die Macht der Masse erkennen, das Selbstbewusstsein von Politikern, die jetzt Drohung, Egoismus und Geschäft an die Stelle des Wohles aller setzen, spricht Bände über den Verfall des Gottvertrauens. »Wir aber vertrauen auf deine große Barmherzigkeit.«

Wir, das sind Menschen, die keineswegs sich selber nichts zutrauen, aber deren Motivation nicht aus der Machbarkeit der Dinge kommt, sondern aus der Kraft, die Gott gibt – unverdient, umsonst, aus lauter Liebe. An der Gerechtigkeit scheitern wir mit schöner Regelmäßigkeit. An der Barmherzigkeit können wir nur wachsen – hin zu Kräften, die nicht resignieren, und zu einer Dankbarkeit, die alles gibt.

Giselher Quast Pfarrer i.R., Magdeburg

Unterwegs nach Wittenberg

10. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

In Mitteldeutschland gibt es zeitgleich mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag die Kirchentage auf dem Weg.

Die Bläser treffen sich in Leipzig. Wer gerne Schiff fährt, kommt nach Magdeburg. Und für Gospelfans sind Halle und Eisleben eine gute Wahl. Bis zu 100000 Menschen werden erwartet, wenn parallel zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg vom 25. bis 28. Mai in den acht Städten Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Jena und Weimar, Dessau-Roßlau sowie Halle und Eisleben insgesamt sechs Kirchentage auf dem Weg stattfinden sollen. In der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt in Berlin wurde jüngst das rund 2000 Veranstaltungen umfassende Programm dieser Treffen vorgestellt.

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

»Kirchentage auf dem Weg gibt es nur im Jahr des Reformationsjubiläums«, sagte der Abteilungsleiter Marketing des Vereins Reformationsjubiläum 2017, Christof Vetter. Im Unterschied zu dem zeitgleich stattfindenden Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Potsdam böten sie etwas intimere Veranstaltungen, »wer nicht zum großen Kirchentag nach Berlin fährt, weil ihm das zu groß ist, fährt vielleicht nach Mitteldeutschland«.

Dabei werden die Kirchentage auf dem Weg schon von der Teilnehmerzahl her höchst unterschiedlich aussehen: In Halle und Dessau werden von den Veranstaltern jeweils nur 5000 Menschen erwartet. Leipzig dagegen, wo im vergangenen Jahr der Katholikentag stattfand, wird mit 50000 erwarteten Besuchern in die Nähe eines klassischen Kirchentags kommen. Denn dort treffen sich schwerpunktmäßig die Posaunenchöre, proben für den großen Festgottesdienst in Wittenberg und veranstalten am Tag zuvor ein großes Festkonzert auf dem Marktplatz.

In Magdeburg wird das Zentrum Frieden angesiedelt sein, in Jena und Weimar finden sich Samba-, Capoeira- und Folk-Bands aus allen Teilen Deutschlands ein, darunter auch Musiker von Rio Reisers Protestband »Ton, Steine, Scherben«.

Und in Dessau steht wegen des dort ansässigen Umweltbundesamtes die Bewahrung der Schöpfung ganz oben auf dem Kirchentagsprogramm. »Wir streiten und fragen, feiern und singen, beten und schweigen nicht allein in Berlin beim 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag«, sagt Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au.

Man veranstalte Kirchentage auch dort, »wo die reformatorischen Ideen groß wurden, von wo aus sie verbreitet und weitergedacht wurden«. Dabei wolle man auch nicht verkennen, in welchem Umfeld die Veranstaltungen stattfänden: »Nichts, was mit Religion und Glauben zu tun hat, ist in Berlin und Mitteldeutschland selbstverständlich.«

Selbstverständlich bei einem Kirchentag ist dagegen der Auftritt der EKD-Lutherbotschafterin Margot Käßmann. Während sie am Donnerstag auf dem Berliner Kirchentag zu Gast ist, wird sie am Freitag und Samstag der Kirchentagswoche vor allem bei den »Kirchentagen auf dem Weg« präsent sein. »Die Kirchentage auf dem Weg nehmen auf, dass die Region Mitteldeutschland für die Reformationszeit prägend war«, sagt Käßmann. »Sie laden ein, Orte der Reformation kennenzulernen und den Menschen in diesen Orten zu begegnen.« Weil die Veranstaltungen kleiner sind als die des großen Kirchentags in Berlin, sind auch die Eintrittskarten etwas günstiger: Die Dauerkarte in Dessau oder Leipzig kostet 59 Euro, während sie in Berlin mit 99 Euro zu Buche schlägt. Für das gesamte Projekt der Kirchentage auf dem Weg, das wie der Berliner Kirchentag auch in den großen Festgottesdienst in Wittenberg mündet, haben die Veranstalter Kosten von 12,5 Millionen Euro kalkuliert: Zwei Millionen Euro werden dabei von den gastgebenden Kommunen aufgebracht – entweder als Bargeld oder als geldwerter Vorteil. »Die Stadt Dessau hat uns beispielsweise angeboten, dass ihr Bauamt unsere Bühne gleich selbst konstruiert«, sagt der Geschäftsführer des Reformationsjubiläums, Hartwig Bodmann. »So brauchen wir keinen Architekten mehr, und die Bühne ist auch gleich genehmigt.«

Und die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen unterstützen die Veranstaltungsreihe mit 4,8 Millionen Euro. Den Rest will der Kirchentag über Teilnehmerbeiträge, Spenden, Sponsoring und die Unterstützung der beteiligten Landeskirchen selbst aufbringen.

Benjamin Lassiwe

Ein kleines Licht überstrahlt die Mächtigen

4. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Jesaja 60,2

Geht es nicht auch ein bisschen niedriger? Oben das Licht, fern in Himmelshöhen, und hier unten das Chaos, das uns in den letzten Jahren mehr und mehr umtreibt? Wo ist das Licht unter uns, die Herrlichkeit Gottes erlebbar auf Erden?

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Über uns sind schon so viele Sonnen aufgegangen – sie haben immer mehr versprochen, als sie gehalten haben: der Strahlenkranz der FDJ zu DDR-Zeiten, Hammer und Sichel auf der Sowjetflagge im Licht der aufgehenden Sonne, die Sonnen-Rune des Dritten Reiches und der Neonazis; selbst im letzten Actionfilm Hollywoods triumphiert der einsame Held noch im Licht eines neuen Morgens. Und doch scheint es immer dunkler zu werden, treiben uns die politischen Ereignisse immer mehr um, hat sich der ersehnte Frieden nach dem Ende der Weltenteilung, nach dem Ende des Eisernen Vorhangs niemals eingestellt.

Hat auch der dritte Jesaja, der Heilsprophet, am Ende so eine Siegergeste verkündet? Er hat das Ende des großen babylonischen Exils erlebt, den Wiederaufbau Jerusalems und die Tempelweihe – große Hoffnungen, eine leuchtende Zukunft. Aber den Mühen der Berge folgten die Mühen der Ebenen, den politischen Höhenflügen immer die Ernüchterung!

Die Epiphaniaszeit mit ihrer Lichtthematik geht jetzt zu Ende. Noch drei Wochen Übergang, dann beginnt die Passionszeit, die Zeit des Gottes, der nicht als Siegergestalt gekommen ist. Vom Kind in der Krippe, verfolgt von den Mächtigen, über den einfachen Handwerker in Nazareth bis zum Märtyrer am Kreuz zeigt er uns ein anderes Gottesbild: ein Gottesbild, das Donald Trump ebenso wenig gefallen kann wie Wladimir Putin oder den Deutschen, die ihren Wohlstand abschotten wollen und nach einem starken Staat rufen.

Das Licht ist anders über uns aufgegangen, als viele es erhofft haben. Und es gibt nur eine Möglichkeit, die Herrlichkeit aus der Höhe auf das Dunkel Erde zu holen: indem wir Spiegel sind und das Licht einfangen, das Licht des anderen Gottes, in unzähligen kleinen Lichtern der Welt.

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Gesungene Reformation

13. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Die Palette der kirchen-musikalischen Höhepunkte im Reformationsjahr 2017 reicht von Luthers eigenem Liedschaffen über große Oratorien bis hin zu Musicals.

Die Reformation war von Anfang an eine Singbewegung, vor allem Luthers Lieder wurden zum Markenzeichen der evangelischen Kirche. Für ihn war die Musik »eine der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes«. 1524 schuf er zusammen mit dem »Ur-Kantor« der evangelischen Kirchenmusik, dem in Kahla geborenen und in Torgau wirkenden Johann Walter, ein vierstimmiges Chorgesangbuch, dem bald eine Ausgabe für die Gemeinden folgte. Von den 40 Liedern, die Luther verfasste, stehen heute noch 31 im Evangelischen Gesangbuch. Sie sind von zahlreichen Komponisten immer wieder neu bearbeitet worden. Dies nahmen die Kantoren des Kirchenkreises Eisenberg zum Anlass, eine Konzertreihe zu konzipieren, in der – passend zum kirchlichen Festkalender – »sein gesamtes Liedschaffen an zwölf Konzertorten gewürdigt wird«, ist von Kantor Philipp Popp zu erfahren. Luthers nachweihnachtliche Lieder eröffnen den Reigen in Hermsdorf (22. Januar).

Posaunenklänge, das Pop-Oratorium »Luther« oder Chormusik: Kirchenmusikalische Höhepunkte im Reformationsjahr in Mitteldeutschland. Grafik: G+H; Fotos: Harald Krille, Creative Kirche Witten, Ute Nicklisch

Posaunenklänge, das Pop-Oratorium »Luther« oder Chormusik: Kirchenmusikalische Höhepunkte im Reformationsjahr in Mitteldeutschland. Grafik: G+H; Fotos: Harald Krille, Creative Kirche Witten, Ute Nicklisch

In der Georgenkirche in Eisenach kreuzten sich die Lebenswege von Martin Luther und Johann Sebastian Bach, die hier im Abstand von 200 Jahren in der Kurrende gesungen haben. In der Taufkirche des Komponisten wird es über einhundert musikalische Angebote geben. Zu den Höhepunkten gehören die Auftritte von drei bedeutenden Knabenchören: der Tölzer Knabenchor gastiert mit Bachs »Matthäus-Passion« (14. April, 15 Uhr), die Kruzianer aus Dresden auf einem »Musikfest für Martin Luther« (28. April, 19.30 Uhr) und die Thomaner aus Leipzig zu den »Telemann-Tagen« (20. Juni, 19.30 Uhr).

In Magdeburg wird dazu eingeladen, innerhalb des »Kirchentages auf dem Weg« am 26. Mai an den Proben in der Johanniskirche teilzunehmen (ab 9.30 Uhr) und bei der Aufführung von Joseph Haydns »Schöpfung« bei der Aufführung des Oratoriums (16 Uhr) mitzusingen. Das gleiche Werk studiert ein Projektchor zur Thüringer Landesgartenschau in Apolda ein (24. Juni, 17 Uhr, Lutherkirche).

Auffallend ist, dass neben den alljährlichen »Highlights« gleich mehrere der großen Oratorien von Felix Mendelssohn Bartholdy aufgeführt werden: »Lobgesang« in Aschersleben (24. September, 17 Uhr, St.-Stephani-Kirche) und Saalfeld (1. Oktober, 17 Uhr, Johanneskirche), »Elias« in Rudolstadt (13. Mai, 19 Uhr, Stadtkirche) sowie »Paulus« in Merseburg (17. September, 18 Uhr, Dom) und Dessau (31. Oktober, 17 Uhr, Johanniskirche).

Groß ist die Zahl an Wiederentdeckungen. Dazu gehört das Oratorium »Abbadona« von August Mühling (1786 bis 1847), der ab 1843 Domorganist in Magdeburg war, das die Hochschule für Kirchenmusik in Halle präsentiert (29. Mai, 19.30 Uhr, Pauluskirche). Das Oratorium »König David« von Carl Gottlieb Reißiger (1798–1859), der als Nachfolger Carl Maria von Webers als Hofkapellmeister in Dresden wirkte, wird in der St. Jacobikirche Köthen vom dortigen Bachchor dargeboten (5. Juni, 17 Uhr). Das Oratorium »Luther in Worms« von Ludwig Meinardus (1827–1896), für dessen Aufführung sich Franz Liszt einsetzte und das 1883 dem Komponisten zu internationaler Berühmtheit verhalf, wird in Weimar der Vergessenheit entrissen (11. November, 19.30 Uhr, Stadtkirche).

Die Gattung »Musical« erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Dabei gibt es für die eigenen Bedürfnisse selbst geschaffene Stücke ebenso wie überregional vertriebene Kompositionen. Zu einem Zentrum entwickelt sich dabei Rudolstadt, wo gerade das Musical »Fröbel und Luther« von Katja Bettenhausen erarbeitet wird (18. Juni, 14 Uhr, Stadtkirche). »Jona – erst verschluckt, dann ausgespuckt« von Michael Pen­kuhn-Wasserthal wird von der Paulus-Singschule Magdeburg einstudiert (8. Mai, 17 Uhr, Pauluskirche). Das Leben des Reformators steht im Mittelpunkt eines Musicals von Gerd-Peter Münden, das in Weimar (27. Mai, 16.30 Uhr, Stadtkirche), Apolda (9. September, 16 Uhr, Lutherkirche) und Meiningen (17. September, 17 Uhr, Stadtkirche) zu erleben ist.

Michael von Hintzenstern

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