Friedensgebete – wir brauchen sie

12. Januar 2018 von redaktionguh  
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Jeden Donnerstag kommen im Magdeburger Dom Menschen zum Friedensgebet zusammen, seit 35 Jahren. Manchmal ist es nur eine Handvoll.

Aber wenn die Welt in Flammen steht, sind es auf einmal Hunderte, Tausende. So war es zur Zeit der Friedensbewegung »Schwerter zu Pflugscharen«, so war es in der friedlichen Revolution des Herbstes 1989, so während der Golf- und Balkankriege, so war es auch am 11. September 2001. Die wenigen Beter zwischen den Schreckensereignissen sind gleichsam die Platzhalter für das Gebet, für einen Ort, der da sein muss, wenn Menschen plötzlich das Gebet suchen.

Die Magdeburger wissen das. Sie wissen, dass das Kerzenkreuz vor dem berühmten Mahnmal des Krieges von Ernst Barlach im Dom auch sonst ihre Gebetsstelle werden kann: Großeltern kommen mit ihren Enkelkindern, um eine Kerze für den Frieden zu entzünden; Liebende stellen für ihre Zukunft ein Herz aus Kerzen; Trauernde entzünden ein Licht für ihre Verstorbenen.

Friedensgebete sind kein Gebet im stillen Kämmerlein. Sie sind öffentliche Zeitansage, Herausforderung gegen Diktaturen und Gewaltvertreter, Protest gegen eine zu angepasste Kirche. Als solche waren die Friedensgebete im Dom vor der Wende die bestbespitzelte Veranstaltung durch die Staatssicherheit. Aber zuallererst waren sie Zufluchtsort der Menschen, denen Mitwirkung und Veränderungen der Verhältnisse versagt blieben. Ausgegrenzte und Entrechtete kamen zum Friedensgebet, jugendliche Punker und Kriegsgegner, Ökologie- und Menschenrechtsgruppen, Oppositionelle und Ausreiseantragsteller. Unter dem Druck der Verhältnisse und persönlichen Schicksale haben sie oft gesagt: »Das Friedensgebet ist ein Ort, an dem wir durchatmen können, singen, im Gebet alles sagen. Das ist eine Befreiung.«

Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat. Und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat, dichtete Jochen Klepper (1903–1942). Foto: pingpao – fotolia.com

Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat. Und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat, dichtete Jochen Klepper (1903–1942). Foto: pingpao – fotolia.com

Im Herbst 1989 sind die Friedensgebete in die Montagsgebete um gesellschaftliche Erneuerung übergegangen. Bis zu 8 000 Menschen waren im Dom, die meisten keine Christen: Und doch gingen sie nicht nur zur politischen Diskussion an die offenen Mikrofone, sondern auch im Gebetsteil. Sie stammelten und stotterten ihre Wünsche und Bitten in der Hoffnung, irgendeiner möge sie hören – weltliches Gebet sozusagen. Niemals waren geistliches und politisches Empfinden so nah zusammen wie in solchen Augenblicken. Über die drohende Staatsmacht, die in den Betern nur »Staatsfeinde« sah und in weit größerer Zahl den Dom umstand, schrieb der damalige Altbischof Werner Krusche: »Der Gebetsteil war von einer starken inneren Sammlung und Konzentration bestimmt. Wer diese gesammelte Stille, diese Intensität des Gebetes miterlebt hat, weiß, dass hier nicht gewissenlose Elemente zusammenwaren. Niemand kann diese Menschen mehr kriminalisieren, ohne sich selbst ins Unrecht zu setzen.«

Als der Golfkrieg auszubrechen drohte, hielten Jugendliche im bitterkalten Winter Tag und Nacht Mahnwachen auf der Hauptstraße vor dem Dom ab. Abends kamen sie zum Friedensgebet in den Dom, auch von ihnen waren die meisten keine Christen. Als der Krieg medial inszeniert vor aller Augen doch ausbrach, fragten die Jugendlichen: »Und was hat unser Gebet nun genützt?«

Verändert das Gebet die Welt? Nein! Es verändert uns. Nur wir können die Welt verändern. Gott tut es nicht für uns und ohne uns.

Braucht Gott unser Gebet? Nein! Wir brauchen es. Gott weiß unsere Bitten schon längst, ehe wir sie ausgesprochen haben. Friedensgebet heißt, die Augen und Herzen offen zu halten, nicht wegzusehen, sich nicht einlullen zu lassen von Medien, Parteien oder Politikern.

Wer um Frieden betet, will nicht nur seine Klagen und Bitten loswerden. Beten ist Sprechen mit Gott. Beim Friedensgebet will auch er zur Sprache kommen. Auf seine Antworten hören wir im Friedensgebet. Wir haben sie schon oft gehört: »die andere Backe auch hinhalten«, »die Feinde lieben und nicht nur zu den Brüdern freundlich sein«, »sich vertragen, solange man noch auf dem Weg ist« (Matthäus 5). Um Frieden beten wir, um uns diese Kraft zu holen. Tun aber wird ihn nicht Gott; tun müssen wir ihn selbst.

Giselher Quast

Der Autor war in Magdeburg Domprediger.

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Das Kind liegt in der Krippe

1. Januar 2018 von redaktionguh  
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Aus aller Welt: Darstellungen im Collegium maius

Krippen stehen in vielen Wohnungen. Künstler verschiedener Generationen und Nationen haben das Weihnachtsgeschehen auch an andere Orte transportiert und facettenreich dargestellt.

Romantische Bergkulisse: Diese Prager Schneekrippe ist eines der Exponate der Erfurter Ausstellung. Foto: Andrea Terstappen

Romantische Bergkulisse: Diese Prager Schneekrippe ist eines der Exponate der Erfurter Ausstellung. Foto: Andrea Terstappen

Davon erzählt eine Ausstellung im Landeskirchenamt in Erfurt. Unter dem Titel »Es begab sich aber …« werden 30 Exponate aus Deutschland, Österreich, Afrika und Südkorea gezeigt. Angefangen von der Tiroler Schneekrippe über die »Heilige Nacht im Plattenbau« bis hin zum Afrikanischen Kreuzigungsberg. Zusammengestellt wurde diese Ausstellung von der Krippenbaumeisterin und Gemeindepädagogin im Kloster Volkenroda, Elke Möller.

Die heutigen Weihnachtskrippen gehen bereits auf das frühe Christentum zurück. Die ersten Darstellungen zeigten jedoch nur das Jesuskind und Ochs und Esel. Maria, Joseph und die Hirten kamen erst später hinzu.

Die Krippe wird zum Weihnachtsfest aufgestellt. Mancherorts beginnt die Aufstellung mit einzelnen Figuren und Szenen bereits zu Beginn der Adventszeit. Zur versammelten heiligen Familie mit den Engeln, Hirten und Tieren kommen am 6. Januar noch die Heiligen drei Könige hinzu. In der evangelischen Kirche endet die weihnachtliche Festzeit drei Wochen vor der Passionszeit mit dem letzten Sonntag nach Epiphanias; dann ist der letzte Termin, die Krippe abzubauen.

(G+H)

Die Ausstellung ist bis zum 15. Januar 2018 von Montag bis Freitag, 8–16 Uhr, geöffnet.


Elf Millionen Hostien

60 Jahre Bäckerei bei Pfeiffers in Magdeburg

Zum Abendmahl in der Kirche bekommen die Gläubigen Brot und Wein gereicht. Anstelle des Brotes gibt es in der Regel eine Hostie. Sie werden in speziellen Bäckereien hergestellt. Eine davon gibt es in Magdeburg in den Pfeifferschen Stiftungen. Vor 60 Jahren begannen die Diakonissen in den Stiftungen mit dieser Arbeit. Seit zehn Jahren werden die Hostien von Menschen gebacken, die aus gesundheitlichen Gründen auf dem ersten Arbeitsmarkt chancenlos sind.

»Das Backen der Hostien in den Pfeifferschen Stiftungen hat eine lange Tradition und ist inzwischen ein gutes Symbol für die Integration von Menschen mit seelischen Erkrankungen in unser Gemeinwesen«, sagt Vorstandsvorsitzender Christoph Radbruch.

Sorgfalt ist gefragt bei der Herstellung der Hostien. Foto: Pfeiffersche Stiftungen

Sorgfalt ist gefragt bei der Herstellung der Hostien. Foto: Pfeiffersche Stiftungen

In großen Eisen wird der Hostienkuchen gebacken, das Rezept ist geheim. Eine dünne Platte mit 48 kreisrunden christlichen Motiven entsteht unter lautem Zischen. Wie eine riesige Backoblate, nur dünner. Aus diesem Hostienkuchen werden die Hostien ausgestanzt. Rund 100 000 der runden Plättchen backen die Mitarbeiter pro Jahr.

»Durch unser Krankheitsbild ist man froh, wenn man ein bisschen Vertrauen geschenkt bekommt und das möchte man natürlich dann auch ganz gern zurückgeben. Das heißt, die Qualität muss stimmen«, sagt Mario Ulbrich. Er ist verantwortlich für die Endkontrolle der kreisrunden Hostien von etwa 3,2 Zentimetern Durchmesser.

Vier Mitarbeiter arbeiten in der Hostienbäckerei. Nach der Kontrolle werden die Hostien zu 500 oder 1 000 Stück verpackt und nach Dänemark, Schweden, Frankreich und natürlich Sachsen-Anhalt geliefert. Bis heute wurden elf Millionen Hostien aus den Pfeifferschen Stiftungen europaweit verschickt.

Das Angebot reicht von glutenfreien Hostien über Doppelhostien, die für die Herrnhuter Brüdergemeinde hergestellt werden, bis hin zu Brothostien. Brothostien werden dicker und dunkler gebacken als die normalen Hostien.

(G+H)

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Auf Wiedersehen!

15. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast; macht seine Steige richtig, lasst alles, was er hasst …« So haben sie es im Gottesdienst am 3. Advent 1968 im Dom zu Magdeburg gesungen.

Noch eine weitere Strophe und dann verklingen die letzten Töne. Bischof Werner Krusche betritt die Kanzel. Die Geschichte von Johannes dem Täufer legt er aus: »An der Gestalt und der Predigt Johannes des Täufers, des prophetischen Zeugen an der Grenze zu der alten und der neuen Zeit, wird eines mit unerhörter Klarheit deutlich: Einer, den Gott beschlagnahmt hat zu seinem prophetischen Prediger, ruft den Leuten nicht etwas hinterher, sondern er ruft ihnen etwas von vorne zu. Wem dieses Wort gegeben ist, der steht nicht im Dienste des Vergangenen, sondern im Dienste des Kommenden, der läuft seiner Zeit nicht hinterher, sondern der ist ihr mit dem ihm aufgetragenen Worte vorweg und ruft ihr zu, welche Stunde es geschlagen hat.«

Wie mag dies in den Ohren der 15 jungen Menschen geklungen haben, die in diesem Gottesdienst im Jahr 1968 ordiniert werden sollten? Was für eine völlig andere Erwartung an ihren Dienst formulierte Werner Krusche hier – verglichen mit dem, was im staatlichen Bereich das Bild von kirchlichen Menschen war! Der Gemeinde etwas von vorne zurufen. Wissen, dass die Geschichte, die wir erleben, auf ein Ziel zuläuft, welches wir als Menschen auch mit dem wissenschaftlichsten aller Modelle nicht beeinflussen können.

»Der Evangelist Lukas zählt mit größter Exaktheit die Namen derer auf, die damals die politische Macht ausübten. Das ist doch wohl nicht nur aus chronologischen Interessen geschehen. Damit will der Evangelist doch sagen: Als diese Männer Geschichte machten, da hat Gott mitten in der politischen Geschichte seine Geschichte angefangen, so dass in der Tat die Weltgeschichte seitdem Geschichte nach Christus ist. Nein: nicht nach Christus, sondern mit Christus; denn der, dessen Kommen Johannes ankündigte, ist ja nicht – wie die Machthaber – gekommen, um wieder zu gehen, sondern er ist gekommen, um wieder zu kommen.
Titel-Artikel-50-2017Die Weltgeschichte schreitet auf eine Zukunft zu, in der endgültig herauskommt, dass in Jesus Gottes Liebe unterwegs gewesen ist in dieser Welt und dass der das Leben gewonnen hat, der sich von Jesus hat lieben und von ihm zur Weitergabe der Liebe hat bewegen lassen.«

Hier spricht der bischöfliche Prediger seine ganze Gemeinde an. Er nimmt die Bewegung der Predigt des Täufers am Jordan auf. So wenig die einzelnen Menschen dieses große Geschehen Gottes beeinflussen können, so sehr sind sie darin eingebunden. In der Geschichte mit Christus zu leben heißt, diesen in das eigene Leben wirken zu lassen. Von Früchten der Buße sprechen an jenem Sonntag in Magdeburg der Täufer Johannes und der Bischof Werner Krusche: »Wenn Jesus kommt, ist es mit ein bisschen Religion nicht getan. Religiöse Handlungen, die isoliert wären von unseren politischen Handlungen, ein Christentum, das nur in der Kirche und zu Hause, nicht aber in der Schule und im Betrieb praktiziert würde, zählte vor dem kommenden Christus absolut nichts. Er sucht Lebensäußerungen, die sichtbar machen, dass in diesem Leben etwas radikal und total neu geworden ist durch ihn.«

Das radikal Neue leben, in einer Welt, die auch heute, im Advent 2017, noch unter der Last des Alten leidet. Das leben, was wir hoffen: Dass alles Leid, alle Ungerechtigkeit einmal ein Ende haben. Gott hat seine Geschichte mit seinen Menschen nicht abgeschlossen: Er führt sie zum Ziel. So werden wir es auch an diesem dritten Adventssonntag wieder singen: »Ein Herz, das richtig ist und folget Gottes Leiten, das kann sich recht bereiten, zu dem kommt Jesus Christ.« (EG 10,3)

Katja Albrecht

Die Autorin ist Pfarrerin in Merseburg. Sie referierte bei der Gedenkfeier zum 100. Geburtstag von Bischof Krusche über die politische Dimension seines Wirkens.


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Mit Gott und Sonnenschein

29. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Siehe, wie fein und lieblich ist’s, dass Schwestern und Brüder einträchtig beieinander wohnen! (Psalm 133) Es war Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig wichtig, dass wir bei der Berichterstattung über das erste gemeinsame Interview der beiden mitteldeutschen evangelischen Bischöfe die herzliche Atmosphäre und das gute Miteinander nicht unerwähnt lassen. Landesbischöfin Ilse Junkermann schob nach, dass das natürlich auch für das Verhältnis mit den katholischen Bischöfen in Erfurt und Magdeburg gelte. Und das nicht erst im Reformationsjahr.

Die gute, fast schon geschwisterliche Zusammenarbeit zwischen Kommune und Kirche wird in Eisenach sowie in Wittenberg von beiden Seiten hervorgehoben. Nicht nur das. Die Oberbürgermeister beider Lutherstädte betonen freudig, dass in diesem Jahr das Interesse an Reformation und Kirche unter den kirchenfernen Teilen der Bevölkerung stark zugenommen habe.

Sicher, nicht alle hochgesteckten Erwartungen erfüllten sich. Aber es ist Neues entstanden und das Reformationsjahr hat Menschen zusammengebracht. Die Marktplätze und Fußgängerzonen wurden zu Begegnungsorten. Landesbischöfin Ilse Junkermann wollte, dass sich die Kirche als »gute Gastgeberin« präsentiert. Das ist an vielen Orten gelungen.

Der positive Eindruck wird nachwirken. Zu danken ist er einmal mehr den vielen engagierten ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden und letztlich dem gütigen Gott, der nicht nur schönes Wetter schenkte, sondern auch, wie es am Ende des Psalms 133 heißt, der verträglichen Gemeinschaft seinen Segen und Leben bis in Ewigkeit verheißt. Das ist ein fester Grund auch für die nächsten 500 Jahre. Reformation geht weiter.

Willi Wild

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Wittenberg: Was bleibt?

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Endspurt: Am 31. Oktober geht in Wittenberg mit einem Fest das Reformationsjahr zu Ende. Der sogenannte Reformationssommer hinterlässt bleibende Spuren in der Lutherstadt.

Die Christen in Wittenberg haben das Reformationsjahr als Ermutigung erlebt«, bilanziert Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel. Volle Kirchen, manchmal sogar zu voll, Gottesdienste, Konzerte, Ausstellungen – all dies habe die Christen gestärkt und jenen 85 Prozent konfessionslosen Wittenbergern ein positives Bild von Kirche vermittelt.

Lange, das verhehlt der Superintendent nicht, haben die Kirchen in der Stadt damit gerungen, welche Aufgabe sie im Jubiläumsjahr eigentlich spielen. Die so einfache wie sinnvolle Antwort: »Wir wollen gute Gastgeber sein«, mit Sonntags- und Themen-Gottesdiensten, mit Andachten und Gebeten. »Es hat der Stadt gut getan, dass an so vielen Orten und zu so vielen Zeiten gebetet wurde«, sagt Christian Beuchel und erinnert, dass in den letzten Wochen der Weltausstellung bis zu 400 Menschen die »Church@Night« der Lichtkirche besuchten. Die Idee möchten die Wittenberger fortsetzen. Jeden zweiten Freitag im Monat, 21.30 Uhr, soll die Stadtkirche in ein besonderes Licht getaucht werden. Als greifbares Erbe der Weltausstellung verbleibt zudem ein Taizékreuz in der Christuskirche, wo es regelmäßig Taizéandachten gibt.

Der Kirchenladen gegenüber dem Asisi-Panorama sei leider nicht so gut besucht worden und auch seien weniger Gemeindegruppen in die Stadt gekommen als erhofft. Beuchel berichtet auch davon, dass es anfangs schwierig gewesen sei, mit in das große Boot der EKD zu steigen. »Immerhin ist nicht nur die Stadt Wittenberg, sondern sind auch die Kirchen der Stadt Gastgeber gewesen.«

Der Verein r2017, der den Reformationssommer auf die Beine stellte, nimmt indes Abschied. Die Weltausstellung ist abgebaut, viele Mitarbeiter sind zurück in Berlin oder auf ihren vorherigen Arbeitsplätzen, ein Großteil der Volunteers hat den Freiwilligendienst beendet und der Ausverkauf von Technik, Büro- und Werbematerial läuft. »Aber: Es bleiben aus fast jedem Torraum Installationen in Wittenberg«, sagt Johanna Matuzak von r2017. Die Spiegel-Stege auf dem Bunkerberg waren von Beginn an als bleibende Installation geplant, und zu weiteren Ausstellungsstücken hat der Stadtrat jüngst einen Beschluss gefasst.

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Demnach gehen das Flüchtlingsboot auf dem Schwanenteich, die Weltkugel auf dem Marktplatz, das House of One im Luthergarten, die Schaukel am Bahnhof und die Europaallee des Stationenwegs in städtisches Eigentum über. Zudem wird geprüft, auf dem Fundament des inzwischen abgebauten Bibelturms eine Radstation zu errichten.

Das Asisi-Panorama bleibt noch vier weitere Jahre geöffnet, danach plant die Stadt, Wohnungen auf dem Grundstück zu errichten. Die Kletterkirche des YoungPointReformation zieht nach Magdeburg um. Die alte Schule, die als r2017-Hauptquartier diente, soll ab dem zweiten Schulhalbjahr 2017/2018 wieder als Gymnasium genutzt werden. »Wir von r2017 werden voraussichtlich Ende November ausziehen, in kleinere Büros in die Fleischerstraße«, sagt Johanna Matuzak. Ende des Jahres hören dann auch die letzten Volunteers auf.

Katja Schmidtke

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Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


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Von dieser Welt: Mit der Frisörin über den Glauben reden

7. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

1. Johannes 5, Vers 4

Nach dem Gottesdienst kommt der pensionierte Superintendent auf mich zu. Heute sieht es nicht so aus, als ob er sich mit mir zum nächsten Spiel der Nationalelf vor seinem Fernseher verabreden möchte. Ich überlege kurz, was ihn gestört haben könnte: Ein Sündenbekenntnis war nicht dabei; das Lied vor der Predigt ohne trinitarischen Schluss; der Predigttext aus der Bibel in gerechter Sprache: »Dies ist schon der Sieg über die Welt: unser Vertrauen.«

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

Doch er spricht etwas anderes an: »Lieber Bruder, Sie predigen ja, als ob die Kirche nicht von dieser Welt sei. Das passt doch gar nicht zu Ihnen.« Mit theologischen Worten versuche ich mich zu rechtfertigen: »Geht hinaus! Sagt der Welt! – das sind biblische Worte. Unterscheiden wir nicht zudem gut lutherisch zwei Bereiche – Glaubenshoffnung und Weltverantwortung?« Er setzt fort: »Als Glaubende leben wir mit dieser Welt und nicht besser als andere. Werten wir die Welt nicht ab, nur weil sie endlich ist und somit nicht perfekt. – Ach, übrigens, die Einladung zum nächsten Spiel steht.«

Seitdem achte ich darauf. Denn wo sich Welt und Glauben scheiden, da werden wir als Kirche wohl auch nicht mehr gehört. Weltliche Leute haben dann keine geistlichen Fragen mehr. Unser Glaube sei, wenn schon ein Sieg, dann ohne Niederlage anderer. Besser aber noch ein Gewinn für die Welt – ohne von ihr abhängig zu sein. Wir gewinnen ein Miteinander, wo wir uns nicht über andere erheben. Wie schwer das auch immer sein mag, wenn man sich über 13 Prozent ärgert. Wir gewinnen Erkennbarkeit, auch ohne Collarhemd, im alltäglichen Gespräch. Als Christ mit der Welt zu leben, ist eine Aufgabe, die gelernt sein will. Meine Frisörin bedauerte beim letzten Haarschnitt, dass sie in ihrer Familie nicht zum Glauben geführt wurde. Der 1. Johannesbrief ermutigt uns: Jesus Christus begleitet den Weg, anderen Liebe und Vertrauen in Gott zu schenken.

Gern denke ich an den Superintendenten zurück – inzwischen hat er die Welt überwunden zum ewigen Leben. Darauf vertraue ich.

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

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Ausgezeichnet: Religion macht Geschichte

2. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Archiv der Landeskirche unterstützte Schüler bei Wettbewerb des Bundespräsidenten

Vier der diesjährigen Landessieger aus Sachsen-Anhalt im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten kommen aus Dessau und wurden vom Archiv der Evangelischen Landeskirche Anhalts unterstützt.

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten stand 2016/17 unter dem Motto »Gott und die Welt. Religion macht Geschichte«. Auf Initiative von Renate Schulze, Geschichtslehrerin im Philanthropinum, beteiligten sich sechs Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 a und 10 c daran.

»Als Frau Dr. Schulze auf uns zukam, zögerten Landeskirchenarchivar Günter Preckel und ich keine Sekunde«, sagt Jan Brademann vom Kirchenarchiv. Gemeinsam habe man ein Thema gesucht, das zum Motto passt, auf neue Erkenntnisse abzielt und dabei für Schüler zu bewältigen ist. Zwischen Oktober 2016 und Februar 2017 haben die Kollegen des kirchlichen Archivs die Schüler intensiv betreut.

Junge Geschichtsforscherin: Paula Eichler vom Gymnasium Philantropinum Dessau wird von Ministerpräsident Reiner Haseloff ausgezeichnet. Foto: Körber-Stiftung

Junge Geschichtsforscherin: Paula Eichler vom Gymnasium Philantropinum Dessau wird von Ministerpräsident Reiner Haseloff ausgezeichnet. Foto: Körber-Stiftung

»Wir lasen uns gemeinsam ein, sichteten Quellen und überlegten eine passende Fragestellung. Regelmäßig kamen die drei Arbeitsgruppen zu uns ins Archiv. Dort arbeiteten sie sich durch Literatur und vor allem Quellen, wie Akten, Kirchenboten, Zeitungsartikel und manches mehr.«

Aus Scheu wird Faszination

Die anfängliche Scheu vor der merkwürdigen Sprache und der noch schwierigeren Schrift sei bald der Faszination gewichen. Religion war sehr präsent im Leben der Menschen, und die Kirche war aufs Engste mit Gesellschaft und Politik verwoben – im 17. wie auch noch im 20. Jahrhundert. Unter verschiedenen Perspektiven beleuchteten die jungen Leute aktuelle Fragen historisch: etwa die nach der Toleranz gegenüber Lutheranern im reformierten Anhalt-Dessau im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert; nach der vermögensrechtlichen Trennung von Staat und Kirche in der Weimarer Republik und nach dem Verhältnis von Religion und Politik in der Dessauer Paulusgemeinde zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Arbeiten von Kim Kamenik und Moritz Gärtner »Vom schwierigen Weg in ein säkulares Deutschland: Der Prozess der Evangelischen Landeskirche Anhalts gegen den Freistaat Anhalt 1924 bis 1930« sowie von Paula Eichler und Jasmin Sahit »Toleranz schafft eine Kirche – die Entstehung der Johanniskirche zu Dessau« wurden Landessieger in Sachsen-Anhalt. Die Preise wurden im September im Kulturhistorischen Museum Magdeburg von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) verliehen.

Gottes Weg durch die Zeit

Aus Sicht eines Historikers sei der Wert dieses Wettbewerbs als sehr hoch einzuschätzen, so Jan Brademann. Der Wettbewerb helfe jungen Menschen, sich zu befähigen, sie umgebende Erinnerungsorte zu erschließen und mit Sinn zu versehen; sie lernen, einen kritischen Blick auf bestehende Geschichtsbilder zu entwickeln und schließlich üben sie, überhaupt Argumente aus Tatsachen zu entwickeln. »Für uns Christen ist die Beschäftigung mit der Kirchengeschichte immer auch eine Möglichkeit, den Weg Gottes durch die Zeit nachzuvollziehen und so für die eigene Glaubenssuche Impulse zu bekommen«, so Brademann weiter.

Der Wettbewerb wird von der Körber-Stiftung ausgeschrieben, die 550 Geldpreise auf Landes- und Bundes­ebene auslobt, und fand zum 25. Mal statt. Bundesweit beteiligten sich dieses Mal 5 064 Kinder und Jugendliche, von Erstklässlern bis zu jungen Studierenden und Berufsschulabsolventen, mit insgesamt 1 639 Beiträgen. Die Vielfalt der Arbeiten und Projekte ist groß. Rund 700 Tutoren begleiteten die jungen Spurensucher bei ihrer Forschungsarbeit.

Die Landessieger haben jetzt noch Chancen auf eine Auszeichnung auf Bundesebene.

(G+H)

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Die Lebensmittelretter

1. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Auf den Teller statt in den Müll: Mit zwei Tonnen Bio-Zucchini kam das Projekt vor drei Jahren richtig in Fahrt. Jetzt haben die Lebensmittelretter aus Magdeburg den zweiten Platz beim Bundeswettbewerb der Nebenan-Stiftung errungen.

Initiator der Lebensmittelrettung, auch als Foodsharing (Lebensmittel teilen) bekannt, ist Ralf Weigt, der bei der Grünen Hochschulgruppe in Magdeburg die ersten Impulse bekam: »Ich finde, in unserem reichen Land, in dem es sehr vielen Menschen gut und sehr gut geht, gibt es einfach zu viele Menschen, denen es schlecht geht. Da möchte ich lokal etwas gestalten, damit von der Überfülle alle etwas haben.« Dass es sich bei der Überfülle hier und dem Mangel dort um ein weltweites Problem handelt und nicht auf Lebensmittel beschränkt ist, weiß er. »Nach Jahrzenten des Wachstums sollten wir Menschen uns auf unsere Wurzeln besinnen – und die liegen nicht in der Stadt.« Mit dem Blick auf den sorglosen Umgang mit den Lebensmitteln, die vom Lande kommen, will Ralf Weigt mit kleinen Schritten einen weniger sorglosen Umgang mit den Ressourcen befördern und zugleich Menschen helfen.

Teilen statt wegwerfen: Ehrenamtliche der Initiative »Lebensmittel retten Magdeburg« holen die Lebensmittel bei den Spendern ab und bringen sie dann zu den Verteiler-Stationen; auch dieser prall gefüllte Kühlschrank wird am Tagesende wieder leer sein. Fotos: Facebook

Teilen statt wegwerfen: Ehrenamtliche der Initiative »Lebensmittel retten Magdeburg« holen die Lebensmittel bei den Spendern ab und bringen sie dann zu den Verteiler-Stationen; auch dieser prall gefüllte Kühlschrank wird am Tagesende wieder leer sein. Foto: Facebook

Die Lebensmittelretter sammeln – vorwiegend mit (Lasten-)Fahrrädern – Lebensmittel in Supermärkten, bei kleineren Händlern und Bauern ein. Jene Zucchini zu Beginn waren ein Angebot des Bauern. Das Sammelgut wird zu Verteiler-Stationen gebracht, wo auch Kühlschränke für verderbliche Produkte stehen. An den Verteilstationen können sich Bedürftige die Lebensmittel abholen. Das wird inzwischen in fast allen Großstädten praktiziert. »Das Besondere bei uns ist, dass unsere Verteilstellen soziale Treffpunkte sind, wo sowieso Menschen zusammenkommen. So haben wir vor Ort Helfer, die die Lebensmittellisten führen und die Kühlschränke sauberhalten. Sie verteilen, sie nutzen aber auch die Spenden, um gemeinsam mit der Nachbarschaft zum Beispiel Marmelade zu kochen«, erläutert Ralf Weigt. Diese Verbindung von Lebensmittelrettung und Sozialarbeit habe die Jury von nebenan.de besonders gewürdigt. Das Preisgeld von 7000 Euro fließt ins Projekt.

Gute Erfahrungen hat die Gruppe mit Partnern wie der Stadtmission, der Bahnhofsmission oder dem von den Pfeifferschen Stiftungen getragenen Quartierscafé gemacht. Die Auslandsgesellschaft mit dem Eine-Welt-Laden gehört neben Studenten zu den Verteilern. Und ein Tattoo-Studio macht auch mit. Etwa 100 Menschen und etliche Institutionen gehören zum Netzwerk der Lebensmittelretter. Obwohl die Zahl derjenigen, die sich als Initiator für nachhaltige Projekte ins Zeug legen, in Magdeburg überschaubar ist, gelang dem Spielwagen-Verein der Aufbau dieser großen Helferschar gut. »Jede neue Verteilstation lockt neue Helfer an«, freut sich Ralf Weigt. In deren Umfeld würden auch Lebensmittel von privat zu privat geteilt.

Demnächst möchte er mit einem Workshop der Grünen Hochschulgruppe in Stendal die Lebensmittelrettung in der Altmark anschieben. »Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Kirchengemeinden in dieser Richtung aktiv werden – in den kleineren Städten und auf dem Land gibt es da noch viel zu tun. Gern gebe ich Ratschläge und helfe mit unserem Netzwerk weiter«, ermuntert Ralf Weigt zum Nachmachen.

Renate Wähnelt

www.spielwagen-magdeburg.de/lebensmittel-retten

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Speise zur rechten Zeit, die nicht abspeist

30. September 2017 von redaktionguh  
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Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.

Psalm 145, Vers 15

Viele Leser hören bei diesem Wochenspruch gleich eine Melodie mit erklingen, wenn sie ihn lesen. Heinrich Schütz: Aller Augen warten auf dich, Herre (Evangelisches Gesangbuch Nr. 461). Zäsur ist angesagt, wenn angestimmt wird. Konvente, Seminare, Klausuren, wenn es Mittag wird – kommt die heilsame Unterbrechung des Alltags. Und etwas zum Essen. Speise. Wenn der Magen knurrt – machen Diskus­sionen auch keinen Spaß.

Der Psalm ist von aktueller Realistik. Nach dem Scheitern politischer Weltreiche und sogenannter neuer Weltordnungen breitet sich der Hunger immer mehr aus. Hungergeschichten durchziehen die gesamte Bibel. Im Erntedankkontext will ich hier die drei Worte »zur rechten Zeit« betonen.

Pfarrer Jörg Uhle-Wettler, Domprediger in Magdeburg

Pfarrer Jörg Uhle-Wettler, Domprediger in Magdeburg

Ein Geschäftsmann, der über siebzig Angestellte verfügte und sich nach einer Herzoperation erholen musste, erzählte mir, er habe Hunderte von Geschäftsessen erlebt. Wunderbare Speisen und edelste Tropfen. In der Rehaklinik erschien eines Tages sein – ihm fremd gewordener – Bruder. »Hier«, sagte er, »ich habe dir zwei Äpfel aus dem Garten mitgebracht und für dich geschnitten. Was soll man denn sonst mitbringen?« Diese beiden Äpfel, Speise zur rechten Zeit, haben ein Umdenken in ihm bewirkt. Er schämte sich seiner Tränen nicht. Seine Augen sahen durch den Schleier klarer. Zwei Äpfel, vom Bruder gesammelt und geschnitten, Speise – Geste – Worte. Mehr bedarf es nicht – im Überfluss, der oft Überdruss erzeugt.

Der Herr sendet auch Boten aus, Speise zu bringen. Menschen und Raben. Und an diesem Wochenende werden es viele Abendmahlshelfer in den Kirchen unseres Landes sein. Dieses Mahl stärkt und macht nicht satt. Der Satte wird faul, der Gestärkte kann den weiten Weg weiter ziehen. Ein Stück Brot, ein Glas Wein, eine liebende Hand werden reichen. Dann könnten auch wir anderen Menschen Äpfel schneiden, Nüsse knacken oder Apfelsinen schälen – und zu Boten werden. Viele Augen warten dankbar auf ihre Speise, die nicht abspeist. Das ist etwas anderes als: Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb.

Pfarrer Jörg Uhle-Wettler, Domprediger in Magdeburg

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