So kann es nicht weitergehen
12. Juli 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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In Sondershausen diskutierte die Prominenz beim Kreiskirchentag über die Zukunft der Kirche.
Die Trinitatiskirche in Sondershausen war am Sonnabend, 2. Juli, vollbesetzt. Man spürte förmlich die freudige Erwartung, die anlässlich des großen Aufgebotes an Prominenz in der Luft lag. Margot Käßmann, Friedrich Schorlemmer, Ilse Junkermann und Thies Gundlach, Vizepräsident der EKD, waren vielversprechende Publikumsmagneten des Kirchentages im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen.
In dem mit Werbebannern plakatierten Altarraum trafen sich die Diskussionsteilnehmer zum freundlich kontroversen Austausch um die Frage der zukünftigen Gestalt unserer Kirche. Die Zuhörer bekamen den Eindruck, dass sich die Gesprächspartner verabredet hatten, in den unruhigen Zeiten des Aufbaus der EKM positive Signale auszusenden. Vor allem Margot Käßmann und Thies Gundlach bemühten sich, Mut zu machen und Verständnis für die Sorgen der Gemeinden zu zeigen. Dagegen legte Schorlemmer den Finger in die Wunde und sprach manchem aus dem Herzen. Einigkeit – bis hin zur Bischöfin – herrschte vor allem darin, dass der gestiegene Verwaltungsaufwand die Pfarrer von Verkündigungsdienst und Seelsorge abhalte. Mit Schorlemmers Worten: »Die Predigten werden nachts geschrieben, und die Pfarrer haben keine Zeit mehr, den Menschen ihre seelische Last abzunehmen und sie zu ermutigen. Sie haben keine Zeit mehr für ihre zentralen Aufgaben.«
Zum drängenden Thema Mitgliederschwund stellte Käßmann unmissverständlich klar: »Hätten wir den Königsweg gegen den Mitgliederrückgang bereits gefunden, dann gingen wir ihn doch längst.« Fünf Millionen Gottesdienstbesucher am Wochenende seien kein Grund, sich kleinzureden. Begleitet von Applaus äußerte sie die Überzeugung, dass es bereits erfüllend sein könne, wenn sich ein paar Gemeindeglieder mit Kerze zu Psalm und Gebet träfen. Auch zwei oder drei müssten keinesfalls freudlos wirken. Wenig beeindruckte sie auch das Fehlen der Generation zwischen 20 und 40 in den Gemeinden. Gute Kinder-, Konfirmanden- und Seniorenarbeit ziehe die vielbeschäftigten Eltern mit.
Während Bischöfin Junkermann diese Aussagen mit den Worten unterstützte: »Jeder Getaufte hat einen Verkündigungsauftrag, es braucht nicht jeden Sonntag den Pfarrer.« Schorlemmer forderte im Gegenzug: »Die Gemeinde will den Pfarrer sehen.« Er müsse wieder in die Gemeinde mit Kindern und Klampfe, konstatierte er volksnah. Anstelle der propagierten Ausdehnung von Gemeinden und Kreisen müssten die Strukturen zukünftig übersichtlicher werden. »Der Pfarrer muss wieder näher an die Menschen«, forderte der Theologe.
Nach der Diskussion hörte man eine nachdenkliche Pfarrerin Eilice Neuland aus Holzthaleben sagen: »Mir ist noch einmal klar geworden, dass wir eine Pfarrerkirche sind, das Bewusstsein, dass es so nicht weitergehen kann, ist da, aber die Umsetzung wird für beide Seiten schwer.« – »Ja«, bestätigte Kirchenältester Bernd Volkmann aus Immenrode, »wir Aktiven warten viel zu oft darauf, dass uns einer sagt, was wir tun sollen.«
Beim Verlassen der Trinitatiskirche steckten viele Kirchenälteste angeregt die Köpfe zusammen. Sie hatten Anerkennung für ihren eigenen Dienst erfahren, aber auch reichlich Diskussionsstoff für die zukünftige Arbeit erhalten.
Regina Englert
Ein Trialog mit Prominenten
11. Juli 2011 von redaktionguh
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Margot Käßmann predigt zum Auftakt der neuen Gottesdienstreihe »Prominenz im Gespräch« anlässlich der sachsen-anhaltischen Landesausstellung in Naumburg. Foto: Constanze Matthes
Naumburger Dom lädt während der Landesausstellung zu besonderer Gottesdienst-Reihe ein. Zum Auftakt kam Margot Käßmann und sprach zum Thema Ökumene.
Mit Regenschirmen und in Scharen kamen sie in den Naumburger Dom und nahmen Platz im Ostchor: Die Gottesdienstbesucher aus der Domstadt und den umliegenden Gemeinden. Der trübe, unsommerliche erste Julisonntag war für die Naumburger Kirchengemeinde ein besonderer. Anlässlich der Landesausstellung wurde zum ersten Mal zur neuen Gottesdienst-Reihe mit dem Titel »Prominenz im Gespräch« eingeladen. Zum Auftakt kam die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland, Margot Käßmann, in die Domstadt.
»Wir wollen einen Trialog führen, in dessen Mittelpunkt prominente Persönlichkeiten, Exponate der Landesausstellung und Kantaten Johann Sebastian Bachs stehen«, betonte Dompfarrer Michael Bartsch. So sprach Margot Käßmann über die Bedeutung Bachs und die Wirkung der Stifterfigur Uta von Ballenstedt, die in den Fokus des ersten Gottesdienstes dieser Reihe gerückt wurde. Großes Thema der 53-Jährigen bildete jedoch die Ökumene, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von katholischer und evangelischer Kirche. »Uns verbindet mehr, als uns voneinander trennt. Ich hoffe, dass die Ökumene keine Illusion ist«, sagte Käßmann.
Die Ökumene sei, so der Naumburger Dompfarrer, eine der aktuellen Fragen, die nun mit der Gottesdienst-Reihe angesprochen und diskutiert werden sollten. »Wir haben uns Themen gezielt ausgesucht, die uns alle beschäftigen, mit denen wir auch selbstkritische Fragen stellen werden«, erklärte der 47-Jährige. So wird sich der Autor des Romans »Schlafes Bruder«, Robert Schneider, im nächsten Gottesdienst am 24. Juli der Werbung und ihren Versprechen widmen. Drei Wochen später spricht Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der EKD, über die Kirche als Moralinstanz. Zu den weiteren Prominenten zählen die Theologieprofessoren Martin Petzoldt und Notger Slenczka, die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann sowie der Journalist Robert Leicht.
Doch nicht nur die Prominenten bilden die Besonderheit. Speziell sei auch die enge Zusammenarbeit mit Domkantor Jan-Martin Drafehn und der Kunsthistorikerin Claudia Kunde. »Die Reihe ist ein gutes Beispiel für Teamarbeit zwischen Theologen, Kunsthistorikern und Musikern, die es so ja nicht immer gibt«, betonte der Domprediger. Der Verlag »Vandenhoeck & Ruprecht« hat sogar angeboten, die Predigten sowie die Erläuterungen zu den Exponaten und den Kantaten samt der Liturgie in einem Band der Reihe »Dienst am Wort« zu veröffentlichen.
Constanze Matthes
Kirchentag zwischen religiösen Zaungästen
6. Juni 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Zehntausende feierten in Dresden ein großes Glaubensfest. Doch Kirchenferne konnten nur wenig begeistert werden.
Überfüllte Bahnen, gesperrte Straßen, singende Gruppe allerorten: Der evangelische Kirchentag hat Dresdens Stadtbild fünf Tage lang bestimmt. Die Besucher des Protestantentreffens drängten sich in überfüllte Hallen, schliefen auf harten Isomatten in Schulen. Trotzdem blieben alle gut drauf. «Beim Kirchentag zeigt sich einfach eine ganz andere Lebenseinstellung», sagt die 16-jährige Mara, die das erste Mal beim Kirchentag dabei war. Am Sonntag, 5. Juni, ging das Laientreffen zu Ende.
Konzerte und Gebete vor barocker Kulissen lockten 118.000 Dauerteilnehmer in die Elbestadt: Es waren so viele Besucher wie seit dem Protestantentreffen 1995 in Hamburg nicht mehr. Der Morgen begann für den Einen um sechs Uhr mit einer Andacht in der Frauenkirche, für den Anderen mit Bibelarbeiten um halb zehn. Für die meisten Gäste endeten die Tage nicht vor Mitternacht.
Auf den Bühnen erlebten die Besucher Prominente aus Politik, Kultur und Kirche: Innenminister Thomas de Maizière (CDU) debattierte mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, über Militäreinsätze. Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprachen über Integration und eine gerechte Wirtschaft. Einer der größten Publikumsmagneten aber war erneut – wie beim ökumenischen Kirchentag in München – die populäre Ex-Bischöfin Margot Käßmann, die Tausende zu ihren Veranstaltungen lockte.
Die Abende gehörten Musik-Stars wie den «Wise Guys», den Prinzen, Nina Hagen und Bodo Wartke sowie Wladimir Kaminers «Russendisko». Aber auch spirituelle Angebote standen auf dem Programm: Taizé-Gebete und der berührende Segen am Eröffnungsabend, bei dem Zigtausende Kerzen das Elbufer erleuchteten.
Die Hauptbotschaft des Kirchentages, der unter der Losung «… da wird auch dein Herz sein» stand, lautete: Nicht materielle Schätze, sondern ideelle Werte bereichern das Herz. Schnell hatte der Kirchentag auch seinen Dresscode gefunden: Der grüne Schal mit dem aufgedruckten Motto wurde zum unverzichtbaren Accessoire. Er wurde auch zum Zeichen der Zusammengehörigkeit in einer Stadt, in der Kirchenmitglieder in der Minderheit sind. Für Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt war dies eine Chance: «Begeisterte Skeptiker» wünschte sie sich, «religiöse Zaungäste» wolle sie anlocken, sagte die Grünen-Politikerin.
Bei Marc indes, der an Christi Himmelfahrt - für ihn Männertag - mit Kumpels und Bierkasten durch Dresden zog, blieben Zweifel. «Ist komisch, wenn mir einer erzählt, ich soll materiellen Gütern entsagen, und dabei ein fettes Goldkreuz um den Hals trägt», sagte der Jugendliche, fügte aber hinzu: «Im Prinzip hat er ja recht.»
Und Kirchentags-Aktivist Florian Mauersbeger ist es nicht gelungen, kirchenferne Dresdner für den Glauben zu begeistern. Der 20-Jährige stellte in der Fußgängerzone Kirchenbänke auf - dort wollte er Passanten Fragen zum Glauben und zur Kirche zu beantworten. Allein es interessierte kaum einen - außer ein paar Flyern konnte Mauersberger sein Wissen nicht loswerden.
Der Musikstudent, der auch im großen Eröffnungskonzert auf den Elbwiesen mitgesungen hat, blieb dennoch optimistisch: Die Kirche habe die Chance bekomme, «sich positiv darzustellen und die Skepsis, die im Osten herrscht, auszuräumen.»
Corinna Buschow (epd)
Wenn Sie mehr über den Kirchentag in Dresden lesen wollen: Unter Telefon 0 36 43/24 61-14 oder E-Mail abo@wartburgverlag.de können Sie ein kostenloses Probeexemplar von Glaube+Heimat anfordern.
Was ist gerecht?
11. März 2011 von redaktionguh
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»Wittenberger Gespräch« suchte nach Antworten.
»Eine absolute Gerechtigkeit wird es nicht geben«, zeigte sich Susanne Schmidt gleich zu Beginn überzeugt. Ihr sei deshalb das Konzept der Fairness lieber, weil es nicht einen solch hohen Anspruch erhebe, erklärte die Finanzexpertin und Sachbuchautorin (»Markt ohne Moral«). Als Beispiele für Ungerechtigkeiten nannte sie die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa oder auch die Finanzkrise, die keine Naturkatastrophe gewesen sei. Eine »mikroskopisch kleine Gruppe« von Menschen habe die Welt an den Abgrund gebracht. Aufgabe der Politik sei es deshalb, Exzesse zu vermeiden und eine neue Krise zu verhindern, betonte die Tochter von Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Die Finanzexpertin gehörte zu den Referenten, die sich am 2. März beim 18. Wittenberger Gespräch auf »Unsere Suche nach Gerechtigkeit« begaben.
Auf Einladung des sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer ging es dabei um die verschiedenen Facetten eines schillernden Begriffes.
»Gerechtigkeit ist ein Thema, bei dem alle zu wissen glauben, worum es geht, aber in Schwierigkeiten kommen, wenn sie es erklären müssten«, sagte der CDU-Politiker zum Auftakt. Es brauche jedoch für ein geordnetes Zusammenleben eine Verständigung darüber, was gerecht ist. Nach jüngsten Umfragen würden 73 Prozent der Deutschen die jetzigen Verhältnisse als ungerecht empfinden, erklärte der Regierungschef weiter.
»Gerechtigkeit ist kein Schicksal, sondern menschengemacht«
Wie verschieden Gerechtigkeit wahrgenommen wird, versuchten die Referenten im Anschluss darzustellen. So ließ die frühere hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann keinen Zweifel aufkommen, dass es in der Welt ungerecht zugeht. Das sei jedoch kein Schicksal, sondern durchaus »menschengemacht«, befand die Theologin, die heute eine Gastprofessur in Bochum innehat. Nach ihrer Beobachtung sind Armut und Unterdrückung vor allem strukturell bedingt. Gerechtigkeit messe sich deshalb auch immer daran, wie es den Ärmsten geht. In der Bibel sei Gerechtigkeit zudem immer auch eine Beziehungskategorie. »Die Sehnsucht nach Gott ist immer auch die Sehnsucht nach Gerechtigkeit im Leben.«
Dass der Unterschied zwischen Ost und West heute mitunter nicht mehr so groß ist, machte Michael Sommer vom Institut für Demoskopie in Allensbach deutlich. So herrsche etwa Konsens darüber, dass es Aufgabe der Politik sei, Gerechtigkeit herzustellen. Zugleich belegten die Zahlen aber auch, dass das Vertrauen in der Bevölkerung mehr und mehr schwinde. Drei Viertel der Befragten seien der Meinung, dass die Politik zur Ungleichheit beiträgt.
Aufhorchen ließ auch Andreas Musil, Professor für öffentliches Recht in Potsdam, der nach der Absage von Paul Kirchhof kurzfristig eingesprungen war und sich mit dem Thema Steuergerechtigkeit befasste. Bei der Gerechtigkeitsfindung werde die Rolle der Juristen überschätzt, gab er zu Protokoll. Sie könnten zwar in konkreten Fällen etwas zur Gerechtigkeit beitragen, »was aber gerecht ist, muss letztlich die Politik entscheiden«.
Martin Hanusch
Abgestürzt
4. März 2011 von redaktionguh
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Sein Fall ist tief: Erst als der neue Star der Politik gefeiert, wurde Karl-Theodor zu Guttenberg zuletzt als »Copy-und-Paste-Sünder« verspottet. Zwei Wochen lang spaltete die Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit das Land. Nun hat der Verteidigungsminister die Notbremse gezogen und seinen Rücktritt von allen Ämtern erklärt. Vermutlich wäre er glimpflicher davongekommen, wenn er sich früher dazu durchgerungen hätte.
Seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe ist sein zögerliches Verhalten immer wieder mit der Entscheidung der früheren EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann verglichen worden, die nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss umgehend zurückgetreten war. Die damalige hannoversche Landesbischöfin wusste genau, dass sie in ihrem Amt von der Glaubwürdigkeit lebt. Schuldig geworden hätte sie sich kaum mehr mit dem nötigen Gewicht äußern können. Ähnliches gilt im Prinzip für Politiker. Schließlich geht es hier auch um eine Vorbildwirkung.
In der Plagiatsaffäre sind zu Guttenberg und die Bundeskanzlerin lange davon ausgegangen, dass sich das Amt des Ministers und die Arbeit des Wissenschaftlers trennen lassen. Die Erfahrung der letzten Tage zeigt, dass diese Rechnung nicht aufgegangen ist. Bei einem Minister werden andere Maßstäbe angelegt. Zudem sind Glaubwürdigkeit und Entschiedenheit bisher die Stärken zu Guttenbergs gewesen. Dass er ausgerechnet im Fall der eigenen Person gezögert hat, ist vermutlich sein größter politischer Fehler gewesen.
Grund zur Schadenfreude besteht gleichwohl nicht. Christen wissen sehr genau um die menschlichen Schwächen. Auch Politiker – und seien sie noch so beliebt – bleiben sündige Menschen. Niemand sollte sich jetzt über zu Guttenberg erheben. Für seine Entscheidung verdient er Respekt. Das haben zuletzt die Kirchen deutlich gemacht, die sich ansonsten in der Affäre bewusst zurückgehalten haben. Klar ist aber auch: Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient – auch Karl-Theodor zu Guttenberg.
Martin Hanusch
»Natürlich möchte ich das ändern«
7. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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»Es braucht Quoten – auch für den Frauenanteil«: Landesbischöfin Ilse Junkermann. Foto: Viktoria Kühne
Interview: Bischöfin Ilse Junkermann über eine mögliche Frauenquote, neue Herausforderungen in der Landeskirche und den anstehenden Papstbesuch
Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gibt es seit zwei Jahren. Zeit, eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen. Über die aktuelle Situation und die neue Kampagne zum Klimawandel sprach Martin Hanusch mit Landesbischöfin Ilse Junkermann.
Frau Landesbischöfin, fühlen Sie sich in Ihrem Amt manchmal ein bisschen allein?
Junkermann: Nein, überhaupt nicht. Ich befinde mich in einer guten Gemeinschaft in der Kirche. Als ich während der Synode krank war, habe ich gedacht, jetzt möchte ich lieber dort sein.
Aber nach den Rücktritten der Bischöfinnen Margot Käßmann (Hannover) und Maria Jepsen (Hamburg) sind Sie die einzige verbliebene Bischöfin in Deutschland. Braucht es eine Frauenquote für kirchliche Leitungsämter?
Junkermann: Ende der 1980er Jahre hat sich die EKD zum Ziel gesetzt, dass in zehn Jahren auf allen Ebenen 40 Prozent Frauen sind. Das war unrealistisch, weil es in manchen Landeskirchen erst seit einer Generation die Frauenordination gibt. Der Anteil der Frauen zum Beispiel in meinem Geburtsjahrgang beträgt in der mitteldeutschen Kirche 20 Prozent. Die Chance, dass Frauen Leitungsämter bekleiden, sind schon deshalb nicht so groß. Aber es wäre gut, wenn die Kirche sich hier wieder ein Ziel setzt. Ich weiß nicht, ob ich mich 2009 zur Wahl gestellt hätte, wenn ich damals die einzige Bischöfin geworden wäre.
Also doch eine Quote?
Junkermann: Es geht nicht nur um eine Frauenquote, sondern darum, wie die Unterschiedlichkeit in allen Leitungsebenen zum Tragen kommt. Es muss insgesamt geklärt werden, wie die verschiedenen Menschen, die zur Kirche gehören, in Leitungsebenen beteiligt werden können. Wir haben das in unserer Verfassung verankert, was die Hauptamtlichkeit und das nichtberufliche Engagement in der Kirche betrifft. Es braucht Quoten in mehreren Bereichen, auch für den Frauenanteil, keine Frage.
Wie fällt Ihre Bilanz des Jahres 2010 aus? Gibt es etwas, was Sie besonders beeindruckt, und etwas, was Sie geärgert hat?
Junkermann: Also besonders beeindruckt bin ich, wie die Gemeinden sich auch zum Teil auf sehr schwierige Situationen einstellen und mit großer geistlicher Kraft Veränderungen wagen. Wenn Menschen in der Gemeindearbeit Neues anstoßen, freut mich das. Dazu gehört für mich die Rahmenordnung für die Konfirmandenarbeit, weil dort deutlicher Veränderungsbedarf besteht.
Hier bin ich bei dem Punkt, der mich am meisten bedrückt: Viele Gemeinden, Älteste und Mitarbeiter tun sich nach wie vor schwer damit, rauszugehen und Menschen anzusprechen, die nicht zum Gemeindekern gehören. Wir müssen schauen, was diejenigen brauchen und was wir ihnen als Kirche und als Christen bieten können. Wenn Kirchenälteste zu mir sagen, wir machen bei der Konfirmandenarbeit in der Region nicht mit, wir wollen, dass die ein oder zwei Konfirmanden bei uns bleiben, ärgert mich das. So kleine Gruppen sind für Jugendliche nicht attraktiv. Wenn es im Kirchenkreis größere Gruppen gibt, dann kommen eher Jugendliche dazu, die noch nicht getauft sind. Ein weiteres Problem ist: Wir haben innerhalb der EKD die höchste Quote von Jugendlichen, die zwar getauft sind, sich aber nicht konfirmieren lassen.
Und das wollen Sie ändern?
Junkermann: Na klar möchte ich das ändern, zusammen mit der Landessynode und den Verantwortlichen. Deshalb haben wir die Rahmenordnung für die Konfirmandenarbeit verabschiedet. Hier müssen wir zu neuen Formen finden.
Die EKM wird jetzt zwei Jahre alt. Glauben Sie, dass die unterschiedlichen Traditionen noch eine Rolle spielen, wenn es in diesem Jahr um das gemeinsame Finanzsystem geht?
Junkermann: Das ist deutlich zu spüren. Aber es gibt auch ganz Überraschendes: So herrscht zum Beispiel ein Selbstbild im Bereich der ehemaligen Kirchenprovinz, wir haben das Basismodell mit großer Selbstbestimmung, und die in Thüringen sind sehr obrigkeitsorientiert. Nun erlebe ich, dass mir bei einer Ältestenrüste in Südthüringen gesagt wird, dass sie mit dem neuen Finanzsystem, das eher nach dem Vorbild der Kirchenprovinz läuft, als Gemeinde entmündigt werden. Es besteht die Sorge, dass die Verantwortung in den Kirchenkreis kommt und die Bevormundung wächst. Hier ist es gut, wenn in der Begegnung miteinander die Bilder aufbrechen. Das halte ich für einen wichtigen Prozess.
Werden die Gemeinden mit den Veränderungen überfordert?
Junkermann: Wenn man von ihnen erwartet, dass sie unter veränderten Bedingungen weitermachen wie bisher, ja. Aber wir müssen die kirchliche Arbeit anders organisieren.
Indem sich die Kirche von Arbeitsbereichen verabschiedet?
Junkermann: Nein, das nicht. Wir müssen uns davon verabschieden, dass jeder alles abdecken kann. Die Gemeinden sollten sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen, sondern mehr Schwerpunkte setzen. Allerdings ist die Bereitschaft dazu nicht besonders ausgeprägt.
»Wenn jemand fehlerfreundlich sein kann, dann ist es die evangelische Kirche«
Zugleich wächst aber auch Unmut über die Entwicklung. Größer werdende Pfarrbereiche und die Vorschriften, die von »oben« kommen, sind nicht dazu angetan, die Zuneigung zur neuen Kirche zu steigern.
Junkermann: Als Kind von zwei Jahren lernt die EKM gerade einmal laufen. Da ist es normal, dass das Kind immer wieder mal hinfällt und aufstehen muss. Das sollten auch die Gemeinden zugestehen.
Ich finde es im Übrigen sehr gut, dass wir gerade im Blick auf das Finanzsystem ein Anhörungsverfahren haben, bei dem sich jede Gemeinde einbringen kann. Wichtig wird hier die Auswertung sein nach den ersten Erfahrungen. Denn wenn jemand fehlerfreundlich sein kann, dann ist es die evangelische Kirche.
Die Lutherdekade läuft seit drei Jahren. Ist es möglich, das öffentliche Interesse über ein so langen Zeitraum wachzuhalten?
Junkermann: Ich denke schon. In diesem Zehnjahreszeitraum geht es ja um eine bewusste und langfristige Vorbereitung und das Herrichten der Gebäude. Wie soll es in Mansfeld aussehen, wo Luthers Familie und er selber groß geworden sind, in Eisenach und Wittenberg? Das braucht einen langen Vorlauf. Und es steht die Frage: Wie wollen wir ein solches Jubiläum feiern? Ist es ein wirkliches Gedenken oder nur ein Jubelfest?
Deshalb sind öffentlichkeitswirksame Aktionen wie mit den Lutherfiguren wichtig, weil sie zum Nachdenken anregen. Es muss in der Dekade deutlich werden, dass es nicht um einen Personenkult geht, sondern dass an der Reformation viele Leute beteiligt waren. Deswegen war das vergangene Jahr mit dem Blick auf Melanchthon sehr wichtig.
»Wir können sicher nicht Werte liefern wie im Supermarkt«
Die EKM ist die Landeskirche mit den meisten Lutherstätten. Welche Akzente will sie setzen?
Junkermann: Zunächst sind wir als Gastgeber für Besucher aus aller Welt gefordert. Zudem wollen wir inhaltliche Schwerpunkte setzen. Was bedeutet die Reformation, die ja auch zur Kirchenspaltung geführt hat, für unsere Kirchengemeinschaft heute? Was heißt es für unser Kirchesein im Kernland der Reformation, wo wir als Christen nur noch eine Minderheit sind? Dann wird ein Schwerpunkt die Reformationsgeschichte der einzelnen Gemeinden sein. Ich hoffe, dass die Gemeinden Lust bekommen und fragen, wie hat sich die Reformation bei uns vollzogen.
Außerdem ist es mir ein großes Anliegen, dass wir uns der Schattenseiten annehmen, also Luther und die Täufer, Luther und der Bauernkrieg. Dazu gehört natürlich auch die Frage nach Luthers Verhältnis zu den Juden mit den Wirkungen bis ins letzte Jahrhundert und heute.
Im September kommt Papst Benedikt XVI. nach Thüringen. Was erwarten Sie sich vom Besuch?
Junkermann: Ich hoffe, dass der Papst sehr freundlich aufgenommen wird. Es wäre gut, wenn es ihm gelingt, die Menschen anzusprechen, die stark vom Atheismus geprägt sind und wenig vom christlichen Glauben wissen. Und ich hoffe natürlich, dass der Besuch einen ökumenischen Impuls auslöst – auch bei ihm selbst.
Wird es ein Treffen der evangelischen Landesbischöfin mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche geben?
Junkermann: Die Besuchspläne werden derzeit in den Diözesen und von der Bischofskonferenz ausgearbeitet zusammen mit der Staatskanzlei und dem Bundespräsidenten. Ich bin selber gespannt, welche Art von Treffen möglich sein wird oder ob die Zeit zu knapp ist.
Als Wertelieferant ist die Kirche in der Gesellschaft nach wie vor gefragt. Reicht das aus?
Junkermann: Wir können sicher nicht Werte liefern wie im Supermarkt. Außerdem denke ich, dass es in jeder Gesellschaft unterschiedliche Quellen für Werte gibt. Die Kirche hat den Auftrag, das Evangelium zu verkünden und ihre Werte aus der Grundbeziehung zu Gott zu ziehen. Hieraus resultiert z. B. die Überzeugung von der Würde eines jeden Menschen und die Teilhabegerechtigkeit. Das muss die Kirche immer wieder einfordern.
Die Landeskirche hat eine Klimakampagne gestartet. Warum engagiert sich die EKM hier so stark?
Junkermann: Schon zu DDR-Zeiten haben sich die Gemeinden für Umweltgruppen geöffnet und sich gegen Schöpfungszerstörung eingesetzt. Heute geht es darum, dass wir hier bei uns die Lebensgrundlagen der Menschen in der Ferne, in Asien und Afrika, bedrohen und die unserer Kinder und Kindeskinder. Die Schöpfung ist uns anvertraut. Deshalb ist es unser Auftrag, sie zu bewahren und dies im Alltagshandeln umzusetzen. Darum geht es bei der Kampagne. Jeder kann hier etwas beitragen. Das ist zwar jeweils nur ein kleiner Beitrag, aber wenn man vieles zusammenlegt, kann es ein großer Beitrag werden.
Kommt das überhaupt bei den Leuten an?
Junkermann: Die dazugehörige Arbeitshilfe musste zumindest schon nachgedruckt werden. Die Kampagne ist ja so angelegt, dass ich mich nicht nur einschränken muss, sondern bewusster lebe. In den 80er Jahren hieß es: Weniger ist mehr. Wenn jemand einmal in der Woche kein Fleisch isst, kann das seiner Gesundheit zugute kommen. Es gilt also zu entdecken, wo ich ein besseres Leben habe, wenn ich mich beschränke. Wir möchten schon Freude am Leben stärken und kein verkniffenes Asketentum.
Maßstäbe
5. März 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Bischöfin Margot Käßmann bei einer Podiumsdiskussion beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2009 in Bremen, Deutschland. Quelle: evangelisch.de
Selten hat ein persönlicher Fehler die Menschen so bewegt wie der Fall von Margot Käßmann. Tagelang bestimmten ihre Alkoholfahrt und die Folgen die Schlagzeilen. Ihr schneller Rücktritt von allen Ämtern – als EKD-Ratsvorsitzende und als hannoversche Landesbischöfin – kam dennoch für viele überraschend. Doch es passt zur bisherigen Bischöfin, dass sie sich ohne Umschweife zu ihrem Fehlverhalten bekannt hat und auch die Konsequenzen trägt. Nicht zuletzt für diese Geradlinigkeit und für ihre offene Art, mit den Brüchen in ihrem Leben umzugehen, ist sie geschätzt worden.
Ihre Glaubwürdigkeit basiert auf einem hohen moralischen Anspruch. Mit ihrem Rücktritt hat sie ein Zeichen gesetzt. In der Kirche kann es einen anderen Umgang mit Schuld und persönlichem Versagen geben als in Politik und Wirtschaft. Zugleich hat sie deutlich gemacht, von wem sie sich dabei getragen weiß. So viel Glaubenszuversicht in schwerer Zeit predigt mehr als manche Grundsatzrede. Die Glaubwürdigkeit der evangelischen Kirche hat durch den Schritt jedenfalls nicht gelitten. Im Gegenteil: Durch die konsequente Haltung der bisherigen Spitzenfrau ist sie in der Achtung eher gewachsen. Zudem geht die Theologin der Kirche ja nicht verloren. Jetzt wird sie an anderer Stelle beweisen, was ihr wichtig ist.
In der EKD hinterlässt der Abgang Margot Käßmanns freilich eine Lücke, die vom designierten Nachfolger, dem rheinischen Präses Nikolaus Schneider, nur schwer auszufüllen sein wird. In einer Mediengesellschaft, die ganz auf Köpfe setzt, war sie das Gesicht der evangelischen Kirche – fröhlich und den Menschen zugewandt. Dass sie auch vor heißen Eisen nicht zurückgeschreckt ist, ob in der Frage des Afghanistan-Krieges oder bei der Trauerfeier nach dem Selbstmord von Torwart Robert Enke, hat ihr zwar nicht nur Beifall eingetragen, aber Diskussionen in Gang gesetzt. Als Ratsvorsitzende mag sie an den hohen Ansprüchen gescheitert sein, durch ihre Art des Umgangs mit Schuld hat sie jedoch überzeugt.
Martin Hanusch
Provokant
28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Foto: Yan Boechat, sxc.hu
Hannovers Bischöfin Margot Käßmann geht es derzeit ein bisschen so wie Goethes Zauberlehrling. Mit ihrer Neujahrspredigt und einigen Interviews hatte die EKD-Ratsvorsitzende eine höchst notwendige und dringend erforderliche Debatte um die Fortsetzung und künftige Gestaltung des deutschen Engagements in Afghanistan ausgelöst. Und ihr Diktum »Nichts ist gut in Afghanistan« hat schon Ende Januar gute Chancen, zu einem der Zitate des Jahres zu werden.
Sicher: Margot Käßmann äußert sich gern plakativ. Ihr ganzes Berufsleben lang hat sich die Theologin mit offenen Worten nicht zurückgehalten, auch wenn das für ihr Gegenüber zuweilen unangenehm war. Zuletzt riskierte sie einen Konflikt mit der katholischen Kirche, als sie auf die Frage, was sie ökumenisch von Papst Benedikt XVI. erwarten könne, schlicht mit »nichts« antwortete. So richtig diese Antwort ist – so sehr stößt sie die Katholiken vor den Kopf. Möglich, dass das der Sprengstoff ist, der den Ökumenischen Kirchentag im Mai vorantreibt: Mit ihrer forschen Art hatte Margot Käßmann bislang Erfolg. Als Frau und Mutter boxte sie sich in der Männergesellschaft Kirche durch. Auch deswegen ist sie so ungeheuer populär.
Doch es gehört zum Charakter einer plakativen Äußerung, dass ihr manchmal die Präzision fehlt. Am 25. Januar veröffentlichte die EKD ein Grundsatzpapier zu Afghanistan. Es ist deutlich ausgewogener als die Neujahrspredigt: Gefordert wird darin ein Vorrang des zivilen Aufbaus. Gespräche mit gemäßigten Taliban werden angemahnt. Doch auch die Rolle der ISAF-Schutztruppe wird anerkannt. Und es gibt den Vorschlag, die zivilen Friedenskräfte ebenfalls mit einem Bundestagsmandat zu versehen. Zurückgerudert sind die Protestanten damit nicht. Im Gegenteil: Sie erläutern ihre Position noch einmal so, dass es der Politik erleichtert wird, im Umfeld der internationalen Afghanistankonferenz darauf einzugehen. Denn eine provokante Position alleine reicht für die Lösung des Konfliktes nicht aus.
Benjamin Lassiwe
Kriegslogik?
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Dr. Margot Käßmann, Vorsitzende des Rates der EKD (Foto Monika Lawrenz/ LVH)
Eigentlich könnte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zufrieden sein. So viel Aufmerksamkeit wie nach der Kritik der Ratsvorsitzenden Margot Käßmann am Bundeswehreinsatz in Afghanistan ist ihr lange nicht zuteil geworden. Endlich wird über den Krieg am Hindukusch und friedensethische Fragen intensiv diskutiert. Nach den ersten massiven Reaktionen auf die Bedenken der Bischöfin hat sich die Aufregung inzwischen wieder etwas gelegt. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und die EKD-Ratsvorsitzende haben sich zu einem klärenden Gespräch getroffen. Soweit scheint es ein völlig normaler Vorgang.
Nicht normal sind dagegen die Unterstellungen, die Ratsvorsitzende könne nicht für die gesamte evangelische Kirche sprechen, übe »populistische Fundamentalkritik« und falle noch dazu mit ihren Äußerungen den Soldaten in den Rücken. Hier gibt es offensichtlich einigen Klärungsbedarf, was Aufgabe der Kirche ist. Die Rechtfertigung eines Krieges kann es jedenfalls nicht sein. Natürlich hat eine EKD-Ratsvorsitzende das Recht und die Pflicht, sich zu einem Bundeswehreinsatz zu äußern, der viel zu lange verharmlost worden ist.
Die Politik hat sich zuletzt um eine Diskussion über Ziele und Länge des Engagements in Afghanistan gedrückt – wohl auch aus Sorge vor der öffentlichen Meinung. Nun wagt es endlich jemand, offen zu sagen, dass die Logik des Krieges durchbrochen werden muss. Vermutlich sind die Reaktionen deshalb so heftig ausgefallen. Zudem herrscht bei manchen Politikern augenscheinlich das fatale Missverständnis vor, die Kirchen seien allein für die inneren Werte zuständig.
Doch der christliche Glaube hat auch ganz praktische Konsequenzen. Vor wenigen Wochen erst ist die mutige Rolle der Kirchen in der DDR gefeiert worden. Damals haben sich die Protestanten deutlich positioniert – auch politisch. Was früher richtig war, kann jedoch nicht plötzlich falsch sein, nur weil es der eigenen Position widerspricht.
Martin Hanusch
Genug gemeinsame Themen
23. Dezember 2009 von redaktionguh
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Friedrich Weber, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, sprach in Halle/S. über Ökumene

Prof. Dr. Friedrich Weber ist seit 2004 Braunschweiger Landesbischof und seit März 2004 ACK-Vorsitzender (Foto: landeskirche-braunschweig.de)
»Wir kümmern uns nicht mehr darum«, sagt der Mann in der ersten Reihe. Was er meint, ist weder resignativ noch ignorant: Er spricht über Glaubensvollzüge in seiner gemischt-konfessionellen Ehe und über die Tatsache, dass es sehr wohl möglich ist, sich den jeweiligen kirchlichen Gepflogenheiten anzupassen. Für Friedrich Weber, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und Bischof der Braunschweiger Landeskirche eine zweigeteilte Botschaft, die sich da an seinen Vortrag im »Montagsgespräch« in der Paulusgemeinde in Halle anschließt. So lobt der Bischof zum einen den unverkrampften Umgang an der Basis und mahnt zum anderen an, dass Ökumene auch die Reflexion und das Wissen um das Trennende und Verbindende braucht.
Weber hatte sich für diesen Abend des 14. Dezember vorgenommen, die Ökumene auf dem Weg der Lutherdekade bis 2017 zu beschreiben. Kenntnisreich und detailliert fasste der ACK-Vorsitzende die Ereignisse, Papiere und Gespräche der vergangenen zehn Jahre zusammen, gab Insiderwissen preis und eigene Erlebnisse zum Besten. Was die Lutherdekade betrifft – da scheint in den verschiedenen Programmen und Schwerpunktjahren kein Platz für die Ökumene. Ohne allzu kritisch mit der eigenen Kirche umzugehen, macht Weber keinen Hehl daraus, dass er hier Chancen verpasst sieht. Er bedient sich einer Äußerung des Magdeburger katholischen Bischofs Gerhard Feige, der bei den Protestanten angefragt habe, ob keiner daran gedacht hätte, dass die Lutherdekade bis 2017 auch etwas mit der katholischen Kirche im Reformationsland zu tun haben könnte. »Ein ernsthaft verärgerter Bischof – zu Recht«, sagt der evangelische Amtsbruder.
Bricht eine neue Eiszeit in der Ökumene an? Die zurückliegenden Jahre zeigen viele Ereignisse und vor allem Papiere, die den Eindruck begründen. Seit 2001 hat die katholische Kirche einige Äußerungen getan, die den gemeinsamen Ökumene-Bemühungen deutlich entgegenstehen. Ein nicht autorisierter Brief aus dem Kirchenamt der EKD in Hannover hat wiederum für Unmut gesorgt. Das Papier wurde zwar zurückgezogen, dann aber anonym in Zeitungen lanciert. Stoff für einen Roman über internationale Verwicklungen. Obendrein gibt es jetzt mit Margot Käßmann eine geschiedene Frau als EKD-Ratsvorsitzende. Äußert da die Russisch-Orthodoxe Kirche laut, was die Katholiken nur denken – dass man mit einer Frau an der protestantischen Spitze nicht reden könne?
Friedrich Weber schlägt bewusst und offenbar in großer Einigkeit mit dem vatikanischen Ökumene-Beauftragen Kardinal Walter Kasper andere Töne an. Da werden gezielt die Erfolge und Gemeinsamkeiten betont. »Wir vergessen, was wir erreicht haben – das ist die eigentliche Gefahr für die Ökumene«, sagt Weber in Halle. Oder auch dies: »Kann man in Deutschland über die eigene Konfession reden in Absehung der anderen Konfession?« Die Annäherung werde nicht über die Frage der Eucharistie gelingen, schätzt Weber nüchtern ein, wohl aber über das Gemeinsame im Glaubensbekenntnis, über die Taufe und die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die katholische und evangelische Kirche 1999 unterzeichnet haben. Weber macht den etwa 50 Zuhörern aus evangelischen und katholischen Gemeinden der Saalestadt den Vorschlag, für die jeweils andere Konfession zu beten: »Wofür ich bete, das ist für mich wichtig.«
Die nahe Zukunft birgt genügend gemeinsame Themen für die Ökumene in Deutschland. Das parallele Schrumpfen, der Traditions- und Wissensverlust in den jüngeren Generationen, Struktur- und Nachwuchsprobleme in den Amtskirchen, gemeinsame Nutzung von Sakralräumen – auch Not macht verbindend erfinderisch. In der Außenwahrnehmung einer säkularen Gesellschaft gewinnt Ökumene noch eine andere Dimension: »Wir leiden an den Schwächen der jeweils anderen und wir müssen lernen, uns an den Stärken der anderen zu freuen.«
Frieder Weigmann









