Gelebtes Erbe auf Kartons

9. April 2018 von redaktionguh  
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Deutschlandweit: Eine Marienkirche und eine Nikolaikirche pro Bundesland beteiligen sich an der Ausstellungsreihe »Bei Deinem Namen genannt: Maria und Nikolaus«, die in 32 Orten gezeigt wird.

Nach einer Präsentation im Erfurter Mariendom ist die Wanderausstellung vom 12. April bis 31. Mai in der Kirche St. Nicolai in Schmölln (Kirchenkreis Altenburger Land) zu sehen. Sie wird im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres 2018 gezeigt, das unter dem Titel »Sharing Heritage« (Erbe teilen) die kulturelle Vielfalt des Kontinents deutlich machen will.

Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, betont in diesem Zusammenhang, dass mit den Namen Maria und Nikolaus christliches Gedankengut transportiert werde. Beide Figuren stünden für ethische Prinzipien. Man knüpfe aber auch an die persönliche Identität der Besucher an, die jeweils mit ihrem eigenen Namen verbunden ist.

Unter dem Motto »Nomen est omen« (»Der Name ist ein Zeichen«) werden Sprichwörter zu verschiedensten Vornamen vorgestellt. Darüber hinaus betrachtet die Exposition den Zusammenhang von »Heimat und Person«, »Name und Erbe« sowie von »Kultur und Identität«.

Die beiden Module des in deutscher und englischer Sprache gestalteten Projektes verstehen sich in erster Linie als Impuls: Sie sind leicht überschaubar und ermöglichen eine unmittelbare Aneignung des Stoffes. Damit wollen die Kuratoren Klaus-Martin Bresgott, Johann Hinrich Claussen und Ralf Klöden einen »Anreiz zur Selbst- und Weiterbeschäftigung« schaffen.

Verpackungsmaterial als Informationsträger: Die Maria-Ausstellung war bereits in Erfurt zu sehen. Foto: Andreas Schoelzel

Verpackungsmaterial als Informationsträger: Die Maria-Ausstellung war bereits in Erfurt zu sehen. Foto: Andreas Schoelzel

Maria steht exemplarisch für einen Frauennamen. Aus der Ikonografie heraus sind alle Informationen über sie in der Farbe Blau gehalten.

Nikolaus steht für einen Männernamen, die ikonografische Farbe Rot verweist auf alles Wissenswerte über Nikolaus. Allgemeine Informationen und Einführungen sind in neutralem Weiß gestaltet.

Eine Karte der Bundesrepublik zeigt die jeweils am Projekt beteiligten Gotteshäuser, eine Karte Europas die Verbreitung der Namen und Kirchen zwischen Atlantik und Ural. So ist die Thematik auch geografisch fassbar aufbereitet. Wichtig ist den Ausstellungsmachern darüber hinaus die Verwendung ökologischen Materials – anstelle von Einwegaufstellern aus umweltfeindlichen Kunststoffen kommen 90 × 45 × 45 cm große, wiederverwendbare Mehrwegkartons zum Einsatz.

Gewöhnliches Verpackungsmaterial wird zu einem ungewöhnlichen Informationsträger. Die ästhetisch klare Form des Baukastens der Exposition orientiert sich an architektonischen Prinzipien der Romanik und des Bauhauses. »Die inhaltlichen Impulse zielen auf eine Wahrnehmung von Ort, Geschichte und Namen als Teil der eigenen Identität ab«, erläutern die Kuratoren ihre Zielstellung: »Aus der Abstraktion von Geschichte und Region werden mit der eigenen Person und dem eigenen Namen authentische Orte der eigenen Wirklichkeit, die in einen größeren Kontext eingebettet ist – regional und überregional, deutschlandweit und europäisch.«

Die Namen Maria und Nikolaus, ihre vielfältigen regionalen Formen und deren aktive Weitergabe aus der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft verdeutlichen dies exemplarisch und geben den Anstoß.

Die Ausstellung des Kulturbüros des Rates der EKD richtet sich an Tagesbesucher, Schulklassen und Touristen, eignet sich aber auch hervorragend für die Erwachsenenbildung. An jedem Ort können Geschichten zum je eigenen Namen hinzugefügt werden. Dadurch erweitert sich die Ausstrahlung der in 16 Marien- und 16 Nikolaikirchen gezeigten Ausstellung.

Michael von Hintzenstern

Termine in der EKM: Nikolaus: 30. 8. bis 31. 10., Ballenstedt; Maria: 6. 9. bis 2. 11., Salzwedel

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Den Horizont weiten

30. März 2018 von redaktionguh  
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Ostern verändert den Blick. Gott lässt uns sehen: Unser Leben geht weiter, als wir es im Moment erfassen können. Maria von Magdala hat das als eine der ersten erfahren. Sie will am Ostermorgen dem Gekreuzigten einen letzten Liebesdienst erweisen und ihn salben. Sie will ihm gut tun.

Er hat sie gut angesehen, als normale Frau. Die anderen hatten sie verteufelt. Ja, er hat tiefer gesehen als alle anderen. Sein liebevoller Blick hat sie aufgerichtet. Aber nun ist alles aus. Sie weint. Und noch mehr, als sie das Grab leer findet. Was ist mit ihm geschehen? Können sie ihn nicht wenigstens im Tod zur Ruhe kommen lassen? Ihre Tränen verschleiern ihren Blick.

So erkennt sie den auferstandenen Jesus nicht, als er sie fragt: ›Was weinst Du?‹ Sie hält ihn für den Gärtner, der ihr weiterhelfen kann bei der Suche nach dem Toten. Da spricht Jesus sie mit Namen an und da – erkennt sie ihn! Nun sieht sie auf. Nun sieht sie klar. Alles, was sie mit Jesus erhofft und erlebt hat, ist nicht zu Ende. Gott will das Leben und aufrechte Menschen.

Ostern heißt: Gott steht für das Leben auf. Er durchbricht die Logik des Todes. Er öffnet unseren Horizont auf das Leben hin. Wir sehen weiter. Wir bekommen genügend schlechte Nachrichten jeden Tag frei Haus geliefert – lasst uns weitersehen: Kriege können enden. Gott will das Leben. Frieden ist möglich. Wir erleben schwere Krankheiten – lasst uns weitersehen, und forschen: Gott will das Leben. Heilung ist möglich.Wir erleben, wie Menschen anderen unversöhnlich gegenüberstehen, beispielsweise wenn einer einen anderen Pass hat. Lasst uns weitersehen: Man kann sich kennenlernen. Gott will das Leben. Zusammenleben ist möglich.

Frohe Ostertage mit weitem Horizont, das wünscht Ihnen

Ihre Landesbischöfin Ilse Junkermann

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Osterwort

15. April 2017 von redaktionguh  
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Aus dem Dunkel kommen sie, Maria von Magdala und die andere Maria. Wie ein Leichentuch liegt dieses Dunkel über ihnen, seit Jesus gekreuzigt wurde und gestorben ist. Erstarrt in Schreck und Trauer sind sie. Sie können nicht fassen, dass alles zu Ende sein soll, sein Leben und ihr Leben mit ihm.

Zwei von ihnen machen sich auf den Weg. Sie waren mit den anderen Jüngerinnen in Jesu Nähe geblieben – auch als er gekreuzigt wurde, auch als er starb, auch als er begraben wurde. Die Jünger flohen, einzig die Frauen waren geblieben. Während die Männer noch im Dunkel ihres Versagens, ihrer Scham und ihrer Angst verharren, machen die Frauen sich schon auf den Weg. Die Liebe zu ihm setzt sie in Bewegung. Noch einmal wollen sie ihn berühren. Den Geruch des Todes wollen sie von ihm nehmen mit wohlriechenden Ölen.

Als sie zum Grab kommen, gerät die Welt aus ihren Fugen. Die Erde bebt. Ein Engel erscheint. Die Wächter erstarren vor Angst und Furcht. Und die Frauen? Der Engel schickt sie auf den Weg, die frohe Botschaft zu verkündigen: Der Gekreuzigte ist auferstanden! Ostern setzt in Bewegung und lässt herauskommen aus dem Dunkel von Leid und Not, Versagen und Schuld.

Ostern sendet uns auf den Weg des Lebens, hin zu Menschen, denen es übel ergeht: hin zu Kranken, Flüchtlingen, Kindern in Armut, Obdachlosen. Ostern lässt wider alle Vernunft hoffen, dass das Leben stärker ist als der Tod. Frohe, bewegte Ostern wünsche ich Ihnen allen!

Ihre Landesbischöfin
Ilse Junkermann

Männermordende Jungfrau Maria?

21. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Theologie: Maria als Symbol für die Gleichwertigkeit der Geschlechter – ein Plädoyer für die Beibehaltung der Lehre von der Jungfrauengeburt

»Geboren von der Jungfrau Maria« ist wohl der umstrittenste und am meisten lächerlich gemachte Satz des Glaubensbekenntnisses. Ein evangelischer Theologe hält dagegen.

Wie stellen Sie sich Maria vor? Wie kommt Sie Ihnen ins Bild? Vor dem inneren Auge? Auf den allermeisten Bildern wird sie dargestellt als junge, gleichwohl gereifte Frau, die um ihre Verantwortung weiß. Mein Vater sagte immer, wenn er mit Respekt von einer Frauenpersönlichkeit sprach – zum Beispiel von der Mutter eines meiner besten Freunde, die neben diesem Freund noch zehn andere Kinder geboren hatte: »Frau N. N. kann für Mutter Maria Bild stehen!« Das hat meine Vorstellung von Maria geprägt. Aber genau darin haben Vater und Sohn geirrt.

Und wie: Denn wenn man der Weihnachtsgeschichte folgt, dann ist durch die Bezeichnung, die Maria bekommt und die Luther mit der Wendung »mit Maria seinem vertrauten Weibe« (Lukas 2,5) übersetzt, eins klar: »Vertraut« heißt »rechtsverbindlich verlobt«. Aber noch nicht »heimgeholt« ins Haus des Bräutigams. Maria war »verlobt« mit Josef. Das bedeutet: Er lebte mit ihr noch nicht in ehelicher Gemeinschaft von Tisch und Bett. Aber seine Verehelichung stand verbindlich an.

Nun war in der damaligen Zeit das Verlobungsalter, in dem Eltern die jeweilige Verlobung anzettelten und justiziabel machten, zehn bis dreizehn Jahre. Maria also war keine »reife Frau«. Sondern blutjung. Ein just herangewachsener weiblicher Mensch. In der Pubertät. Gerade entwickelt. Dem Alter nach etwas jünger als unsere Mädchen, die zur Konfirmation gehen. Jedenfalls noch am Anfang eines geschlechtsbewussten Lebens. »… und sie war schwanger.« Eine Katastrophe! Das war – so ein syrisches Sprichwort – »wie barfuß über Feuer, Dornen und Steine gehen«.

Und die Weihnachtsgeschichten bei Lukas und Matthäus sind darin geradezu überschwänglich, dass sie Maria als Jungfrau darstellen. Sie war also – sprechen wir es aus – eine sehr junge Frau, die noch nie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatte. Auch nicht mit Josef. Aber: »… sie war schwanger.«

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich:  Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem oben abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich: Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem unten abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Also: Jungfrauengeburt. Und das ist nun ein Glaubenssatz, zu dem in der Theologiegeschichte Reichliches gesagt, gezetert und dogmatisiert worden ist. Darüber liegt ein ganzer Theologenschutt. Lässt sich das »Glaubenssymbol« von der »Jungfrauengeburt« freilegen? Es bringt etwas Elementares zum Ausdruck: Gott selber ist in das Leben Marias eingezogen. Gott hat sie einzigartig einbezogen in die Geschichte seiner Zuwendung zur Welt und seiner Liebe zu den Menschen.

Der ewige Gott höchstselbst wird im Leib der Maria Mensch. Der Ewige zieht ein in Marias Körper, um geboren zu werden als Mensch in der Zeit. Als jemand von uns. Als Mitmensch. Und wie am Anfang aller Zeit, wie in der Schöpfung, geschieht hier die Erschaffung des Menschensohns ganz von Gott aus: »… geboren von der Jungfrau Maria.«

Und nun gibt es brisante Schlussfolgerungen aus der Lehre, dass in der Weihnacht, bei dieser Geburt am Anfang eines menschlichen Lebens, nicht der Mensch steht, sondern der ewige Gott: Hier, bei Maria, der Jungfrau, stehen nicht Klugheit, Frömmigkeit, schneidige Tüchtigkeit oder unwiderstehliches Begehren eines Mannes als auslösende Faktoren. Nicht der Mann ist die »Krone der Schöpfung«. Der verführerische Mann – hier spielt er nicht wie sonst bei so vielen gewollten und ungewollten Zeugungen die erste Geige. Er ist ausgeschaltet.
Das eher konservative Wochenmagazin »Focus« bringt es auf den Punkt, wenn es vor einiger Zeit eine Titelgeschichte über Maria so beschließt: »Maria mit dem Ei des Erlösers, das nach christlichem Glauben vom Heiligen Geist befruchtet wurde, birgt eine geradezu männermordende Botschaft: Man braucht die Kerle gar nicht. Das ganze Machogehabe ist aufgeplusterte Wichtigtuerei. Die Menschheit braucht die Männer nicht, um erlöst zu werden. Theologisch gesprochen: Die Kirche braucht nur Gott – und nichts dazwischen. Eine gefährliche These für den Bestand der Machos und ihres Klerus.« Im Ernst: Das Dogma von der Jungfrauengeburt ist wohl nicht gerade »männermordend«. Es ist aber Demütigung: die Demütigung des Mannes und all seiner Mächtigkeiten.

Und es ist Antwort auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter: Am Anfang (nach der alten biblischen Schöpfungsgeschichte) war der Mann das erste Werk des Schöpfers vor der Frau. Nun hat hier in der Zeitenwende, bei der Erschaffung des einen neuen Adam, zur Erlösung der Welt, die Frau das Primat: Vorrang und Vorrecht vor dem Mann. Hier steht sie im Vordergrund. In der Gestalt einer blutjungen Frau, in Maria, der Jungfrau. Also in einer Gestalt, die nicht wenige Männer so aufreizend finden, dass sie Frauen und dabei sich selber in ihrer Würde verletzen, schwer verletzen.

Maria jedoch steht dafür als Zeichen, dass es in der Schöpfung Gottes keine unterjochenden, demütigenden und verletzenden Begehrlichkeiten des Mannes geben darf. In diesem jungen Mädchen würde sich der Mann ja an Gott selber vergreifen. Sie steht aber auch dafür, dass es keine Unterwerfung und Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann geben darf, sondern nur – wirklich: nur! – Partnerschaft!

Der christliche Glaube geht nicht auf in Tatsachenspekulationen. Das Dogma von der jungfräulichen Zeugung ist ein wirkmächtiges Glaubenssymbol. Es hat in erster Linie und vor allem den Sinn, den souveränen Entschluss Gottes und das Einverständnis der einen Jungfrau zu bezeugen.Gott kommt nicht ohne uns zum Heil. In der Menschwerdung seines Sohnes rettet er die Welt und die Menschen aus ihrem Sumpf. Aber er sucht auch die Antwort, das verantwortliche Ja des Menschen, das Einverständnis, für das Maria als Vorbild gelten darf.

Wer sich nunmehr in dieser Sache in biologische Spekulationen über die Beschaffenheit des Unterleibs der Maria verliert, wer eine mögliche Vergewaltigung der Maria konstruiert oder sich in Annahmen hinsichtlich der Zeugungsfähigkeit des heiligen Josef ergeht, ist ein theologischer Einfaltspinsel.Was musste sich der arme Josef in der christlichen Bildergeschichte gefallen lassen! Wurde er doch oft als Greis gepinselt, damit auch niemand auf falsche Gedanken kommt.

Ich plädiere für die Beibehaltung und Ehre des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Im Nizänischen Glaubensbekenntnis – formuliert 325 nach Christi Geburt beim Konzil von Nizäa –
heißt es feierlich: »Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er« – nämlich der wahre Gott in seinem Sohn Jesus Christus – »vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Es ist dies die Substanz des hohen Symbols, des Dogmas von der Dreifaltigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, von der Menschwerdung Gottes durch die Kraft des Geistes im Kind von Bethlehem. Weihnachten ist auch die Feier des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Es ruft uns, Männern wie Frauen, mit Tiefsinn und Feierlichkeit zu: Wegen dieses einen Menschen bist du Gottes geliebtes Kind; eben um des Kindes willen, das die Jungfrau Maria zu Bethlehem in der Kraft des Geistes geboren hat – »wohl zu der halben Nacht«.

Rolf Wischnath

Prof. Dr. Rolf Wischnath (67) war Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt an der Universität Bielefeld Dogmatik.

Aus Erde geformt

15. Dezember 2013 von redaktionguh  
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In der Töpferstube von Anett Lück in Hohenleipisch bei Elsterwerda hat der Endspurt auf das Weihnachtsfest schon vor Wochen begonnen.

Etwa eine Woche Handarbeit in mehreren Etappen steckt in dieser Heiligen Familie, bestehend aus Maria mit dem Kind und Josef. Eine Kundin aus dem Schradenland (Kirchenkreis Bad Liebenwerda) hatte sie bereits im Sommer in Auftrag gegeben. Vor dem Weihnachtsfest muss sie fertig werden. Weil die Herstellung des Unikats sehr aufwendig ist, hat sich Töpfermeisterin Anett Lück (47) aus Hohenleipisch den Auftrag für den etwas ruhigeren Spätherbst aufgehoben.

Aufgrund der filigranen Arbeit fertigt sie aus Erfahrung jede Figur doppelt, damit eine Reserve bleibt, sollte eines der Kunstwerke den Brennvorgang nicht überstehen. Die vier Figuren der Heiligen Familie sind eine seltene Sonderanfertigung. »Wir haben uns das Thema nicht leicht gemacht«, meint Anett Lück. Gemeinsam mit ihrer Schwester Antje Bräuer, der Diplomdesignerin für Schmuck, hat sie sich auf die anspruchsvollen Einzelanfertigungen vorbereitet. Dabei sollte sowohl der ursprüngliche christliche Gedanke der Heiligen Familie als auch die Stellung der Familie in der heutigen Zeit dargestellt werden. Ziel sei es gewesen, ein Kunstwerk zu schaffen, das sowohl Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Themas Familie aufzeigt. »Weihnachten verbinde ich sehr stark mit dem Familiengedanken«, sagt die Künstlerin, die selbst keine Christin ist. Umso intensiver hat sie sich mit Maria, Josef und dem Kind auseinandergesetzt und ihren eigenen Ausdruck gefunden.

Die Heilige Familie ist eine Sonderanfertigung in der Werkstatt von Anett Lück. Foto: Veit Rösler

Die Heilige Familie ist eine Sonderanfertigung in der Werkstatt von Anett Lück. Foto: Veit Rösler

Vor allem ihre Schwester habe als Designerin Impulse gesetzt. Antje Bräuer sagt dazu: »Hände und Gesicht der Figuren sind wie Boten ihrer Gedanken. Maria umschließt mit Händen und ihrem liebevollen Blick das Neugeborene. Auch der Umhang schmiegt sich um Maria mit dem Kind und bildet einen schützenden Raum um beide.« Josef sei wohl etwas nachdenklicher, fragender. Sein Blick geht gen Himmel. Der sorgenvolle Augenaufschlag und die unbedingte Liebe und Hingabe gehörten zusammen. »Die Heilige Familie ist ein traditionsreiches Bild und ein Symobl bis in unsere Zeit und widerspiegelt mit seiner Geschichte um die Geburt Christi gleichermaßen eine Familie im Heute. Sie erzählt von jenen seltenen Momenten der inneren Ruhe, die sich jeder in der Weihnachtszeit wünscht«, sagt die Designerin. Das hoffnungsvolle Lächeln um die Lippen solle das ausdrücken.

Töpferin Anett Lück ist derweil schon wieder bei einer anderen Arbeit. Während Tochter Marlene (11) und Partner Uwe (51) das Krippenspiel im Pfarrhaus ihres Heimatortes für Aufritte in den Kirchen in und um Hohenleipisch einstudieren, gestaltet sie Weihnachtsmänner, Teelichter und Räuchermännchen, fast schon in Massenproduktion. Oder doch nicht? »Nicht ganz«, meint sie. Die Produkte werden in Handarbeit gefertigt, und nicht nur das mache sie individuell. Neben verschiedenen Größen hat der Kunde die Wahl zwischen Beigaben wie Lämpchen, Weihnachtsmannsäcken oder bedrohlichen Ruten.

Weihnachtskeramik ist ein zeitloses Produkt. Vor etwa 100 Jahren mussten die Töpfer wegen der beginnenden Massenproduktion von Küchen- und Vorratsgeschirr, das bis dahin aus gebranntem Ton gefertigt wurde, auf kunsthandwerkliche Erzeugnisse umschwenken. Das gelang nicht allen.

Hohenleipisch ist zweifellos eine alte Töpferhochburg. In dem Ort wurde vor 210 Jahren eine eigene Töpferinnung gegründet. Neben 24 Töpfereien gab es 16 Ziegeleien, von denen Kunden in ganz Deutschland beliefert wurden. Der Grund dürften die reichen Tonvorkommen in der Gegend sein, nach denen sogar – noch heute sichtbar – mitten im Ort gegraben wurde. Mit der Töpferei Biebach, 1903 als Familienbetrieb gegründet, sowie der Werkstatt der Lücks sind heute noch zwei aktiv arbeitende Töpfereien im Ort tätig.

Veit Rösler