Fundgrube nicht nur für Historiker

29. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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In Halle wurde das Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen vorgestellt

Präsentierten das Werk: Landesbischöfin Ilse Junkermann, Norbert Lazay, Vorsitzender des Pfarrvereins der Kirchenprovinz, Projektleiterin Veronika  Albrecht-Birkner, Pfarrer Matthias Taatz und Altbischof Axel Noack (v.l.).  Foto: Jan Möbius

Präsentierten das Werk: Landesbischöfin Ilse Junkermann, Norbert Lazay, Vorsitzender des Pfarrvereins der Kirchenprovinz, Projektleiterin Veronika Albrecht-Birkner, Pfarrer Matthias Taatz und Altbischof Axel Noack (v.l.). Foto: Jan Möbius

Auf Tausenden Seiten kann man sie jetzt nachlesen: biographische Angaben zu rund 35.000 Pfarrern des Gebietes der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen seit der Reformation. Wann und wo sie geboren sind, wo sie ausgebildet wurden, wie ihre Eltern heißen, in welcher Kirche sie gepredigt haben, alles dies ist jetzt in zehn Bänden zusammengefasst. Altbischof Axel Noack und Landesbischöfin Ilse Junkermann präsentierten das jetzt komplettierte Werk, an dem seit über 60 Jahren gearbeitet wurde, bei der Jahrestagung des Pfarrvereins der Kirchenprovinz Sachsen in den Franckeschen Stiftungen Halle. »Es wird das Nachschlagewerk für die nächsten hundert Jahre sein«, sagte Noack.

»In Thüringen gehen die Arbeiten am Pfarrerbuch dem Ende zu«

Seit 1943 hatten zunächst Pfarrer in ehrenamtlicher Arbeit begonnen, auf Karteikarten Angaben zu evangelischen Geistlichen der Region zu sammeln. Als in den 90er Jahren der Stillstand an den Arbeiten drohte, engagierte sich der Pfarrverein für eine Fortführung. In den letzten zehn Jahren stellte das Interdisziplinäre Zentrum für Pietismusforschung an der Martin-Luther-Universität das Projekt auf wissenschaftliche Füße. Finanziert wurden das Pfarrerbuch vom Land, der Landeskirche und dem Pfarrverein der Kirchenprovinz. Die Bände sind seit 2003 nach und nach bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erschienen.

»Auch in Thüringen gehen die Arbeiten am Pfarrerbuch dem Ende zu«, sagte Stefan Michel bei der Tagung. Im Auftrag der Gesellschaft für thüringische Kirchengeschichte seien bereits vier Bände erschienen, deren Daten ebenfalls in über 60 Jahren ehrenamtlicher Arbeit zusammengetragen wurden. Anders als das Pfarrerbuch der Kirchenprovinz sind hier die Bände jedoch nicht nach dem Alphabet geordnet, vielmehr ist ein Band pro ehemaligem Fürstentum erschienen. »Der Band zu Schwarzburg-Rudolstadt ist fast fertig«, gab Michel bekannt. Sachsen-Altenburg sei geplant, zum Abschluss fehlten die Bände zu Sachsen-Meiningen und Sachsen-Weimar-Eisenach.

In einem Referat machte Theologie-Student Markus Heydecke aus Halle deutlich, auf welche spannenden Details aus 500 Jahren Kirchengeschichte man in dem Pfarrerbuch stoßen kann. Das Altmark-Dörfchen Schinne bei Stendal hatte während der Nazizeit aufgrund des Kirchenkampfes zeitweise drei Pfarrer parallel. Ab- und Berufungen sorgten für Verwirrung: »Wo Christus ist, ist Kampf und Streit, wo aber Frieden in einer Gemeinde ist, da herrscht der Teufel«, fasste einer von ihnen, Johannes Hoffmann von der Bekennenden Kirche, 1937 bitterböse in einer Predigt zusammen. Mit Fürbitten für verhaftete Pfarrer, Kollekten für die Bekennende Kirche und Kritik am Nationalsozialismus hatte sich Hoffmann Feinde im Gemeindekirchenrat gemacht, der sich komplett zu den Deutschen Christen bekannte. Doch Vakanzvertetungen, Verhaftungen, kommissarische Stellenbesetzungen und die Spaltung der Gemeinde dauerten bis 1943 an, als Walter Menges – gemäßigter Bekenntnis-Pfarrer – eingesetzt wurde. Nicht immer, so das Fazit von Heydecke in seinem Referat, lasse sich Geschichte in Tabellen und Zahlenreihen darstellen. »Geschichte muss erzählt werden. Dazu gibt das Pfarrerbuch vielfältigen Anstoß«, so der angehende Theologe.

Turnusmäßig standen beim Pfarrertag auch Neuwahlen an. Dabei wurde der bisherige Vorstand unter dem Vorsitz von Norbert Lazay aus Gladigau (Kirchenkreis Stendal) bestätigt. Innerhalb der vierjährigen Amtsperiode soll nun ausgelotet werden, wie der Pfarrverein der Kirchenprovinz mit dem thüringischen Pfarrverein fusionieren oder sich gemeinsam neu gründen kann.

Silvia Zöller